Drama

99 Homes – Stadt ohne Gewissen (2014)

Regie: Ramin Bahrani
Original-Titel: 99 Homes
Erscheinungsjahr: 2014
Genre: Drama
IMDB-Link: 99 Homes


Dieses US-amerikanische Independent-Drama zeigt so ziemlich die Quintessenz des amerikanischen (bzw. westlichen) Kapitalismus auf. Ein junger Mann der Hard Working Class (Andrew Garfield), gerade arbeitslos geworden, wird zusammen mit seinem kleinen Sohn und seiner Mutter aus seinem Haus geworfen, da er sein Darlehen nicht zurückzahlen konnte und von der Bank enteignet wurde. Der Mann, in dessen Auftrag das Haus zwangsgeräumt wird (Michael Shannon, eine schauspielerische Urgewalt), ist Immobilienbroker und verdient sich eine goldene Nase mit Zwangsräumungen. Wie es das Schicksal so will, kommen die beiden zusammen, als der Makler dem Jungen die Chance gibt, für ihn zu arbeiten. Es entspinnt sich eine Art „Wall Street“ (der 80er-Film mit Michael Douglas und Charley Sheen) im Immobilienmarkt. Allmählich verschwimmen die Grenzen der Legalität und das Big Money nimmt Konturen an. Es kommt, wie es kommen muss: Der Junge verstrickt sich immer mehr in den windigen Geschäften des Maklers und wird vor ein moralisches Dilemma gestellt: Geld einstreifen und eventuell doch das Haus für seinen Sohn und seine Mutter retten, oder aussteigen aus dem unmenschlichen Geschäft, in dem alte, verwirrte, einsame Männer kaltblütig aus ihrem Haus geschmissen und auf die Straße gesetzt werden, wenn sie mit ihrem Darlehen in Verzug sind. „99 Homes“ ist ein guter und wichtiger Film, der von zwei richtig tollen Hauptdarstellern getragen wird und in vielen Szenen ordentlich an die Nieren geht. Das Ende ist dann ein bisschen zu Hollywood-like und kommt auch wenig überraschend. Dennoch ein insgesamt sehr sehenswerter Film, wenngleich er einer von jenen ist, die man kein zweites Mal sehen möchte.


7,0
von 10 Kürbissen

The Diary of a Teenage Girl (2015)

Regie: Marielle Heller
Original-Titel: The Diary of a Teenage Girl
Erscheinungsjahr: 2015
Genre: Drama, Komödie
IMDB-Link: The Diary of a Teenage Girl


Es sind die 70er. Die koksende, ständig Party machende Hippie-Mutter (Kristen Wiig) hat einen etwas jüngeren Lover in seinen Dreißigern (Alexander Skarsgaard), die 15jährige Tochter Minnie (herausragend und mit vollem Einsatz gespielt von Bel Powley) zeichnet Comics, versucht, die Welt zu verstehen und noch mehr das postpubertäre Gefühlschaos in ihr selbst. Der Lover der Mutter sieht ja eigentlich recht schnuckelig aus und plötzlich hat sie bei einem gemeinsamen Barbesuch seinen Finger im Mund und feuert laszive Blicke auf ihn ab, was ihn (und andere Teile seines Körpers) sichtlich … aufschreckt. Und da der junge Mann selbst irgendwie verloren wirkt, als wäre er noch ein Teenager, dem einfach zu schnell der Bart gewachsen ist, landen die beiden in der Kiste. Minnie erlebt ihr erstes Mal also mit dem Freund ihrer Mutter. Und ihr zweites Mal. Und drittes Mal. Und so weiter. Mit dem sexuellen Erwachen folgen interessante Experimente in den interdisziplinär verschränkten Fächern „Party machen“ und „Drogen konsumieren“, aber allmählich kippt das alles. Der Teenager ist mit der Situation zusehends überfordert (der Lover ist es schon längst), und dass es nicht ganz risikofrei ist, mit dem Freund der Mutter zu schlafen, sollte eigentlich auch klar sein. Die leichte Independent-Komödie kippt allmählich ins Dramatische, zwinkert aber auch da immer noch fröhlich mit den Augen – man ist ja schließlich in den 70ern, und da waren die Menschen lebenslustiger, gell? Und das ist auch mein Hauptkritikpunkt am Film. Zwar transportiert der Film ein bestimmtes Lebensgefühl sehr überzeugend und wirkt (dank großartiger Kameraarbeit, tollen Kostümen und einer bis ins kleinste Detail durchdachten Deko) tatsächlich aus der Zeit gefallen, aber die 70er werden mir dennoch zu stark auf Sex, Party und Drogen reduziert. Ich glaube, der einzige Protagonist, der kein mittelschweres Drogenproblem hatte, war die Katze. Und selbst die war wahrscheinlich massiv auf Katzenminze. Auch das Thema selbst, das hemmungslose Verhältnis einer 15jährigen mit einem 35jährigen, war für mich teils zu fröhlich dargestellt. Eigentlich hätte ich erwartet, dass die Protagonistin von der ganzen Geschichte einen massiven Knacks bekommt. Großartig hingegen das Spiel und die für Hollywood rotzfreche Umsetzung mit viel nackter Haut. Ja, es geht um Sex, also wird auch Sex gezeigt. Und da sind die Menschen nun mal nicht stets züchtig in weiße Bettlaken eingewickelt. Ich hätte dem Film gern eine höhere Wertung gegeben, aber unterm Strich blieb er für mich – trotz großartiger Umsetzung – zu leichtgewichtig, zu naiv. Aber gut, im Vergleich zu den Menschen in den 70ern sind wir heute wahrscheinlich ziemliche Spießer. Und als solcher Spießer bewerte ich eben auch den Film.


6,5
von 10 Kürbissen

Persona (1966)

Regie: Ingmar Bergman
Original-Titel: Persona
Erscheinungsjahr: 1966
Genre: Drama
IMDB-Link: Persona


Weird. „Persona“ von Ingmar Bergman ist definitiv keine einfache Kost. Bergman baut Elemente des Experimentalfilms in seine Geschichte rund um eine Schauspielerin, die während einer Theateraufführung verstummt, und ihrer jungen Krankenpflegerin. Immer wieder wird die vierte Wand durchbrochen, die Chronologie der gezeigten Ereignisse ist nicht immer klar, und die Anfangssequenz ist überhaupt nur eine Montage verschiedener Bilder, die nichts mit der späteren Handlung zu tun haben. Ein sperriges Stück, und von den bisher gesehenen Bergmans ist „Persona“ auch der Film, der mich am unschlüssigsten zurücklässt. An sich ist „Persona“ ein Spiel mit Rollen, mit Identität, mit Masken und Projektionsflächen (so gibt die offenherzige Krankenschwester immer intimere Details aus ihrem Leben preis, einfach, weil sie Zustimmung und Mitgefühl bei der schweigenden Schauspielerin zu erkennen glaubt, das ist es jedenfalls, was sie da hineinprojiziert), und der Grundaufbau erinnert mich ein wenig an die Romane rund um das Thema Identität von Max Frisch: „Stiller“ und „Mein Name sei Gantenbein“ vor allen Dingen. Jedenfalls bleibt es dem Zuseher überlassen, sich die Fragen, die der Film aufwirft, für sich selbst herauszusuchen und weiterzuverarbeiten. Ein rätselhaftes Werk, nicht uninteressant, aber manchmal auch ein wenig mühsam.


6,0
von 10 Kürbissen

Die Verführten (2017)

Regie: Sofia Coppola
Original-Titel: The Beguiled
Erscheinungsjahr: 2017
Genre: Drama, Thriller
IMDB-Link: The Beguiled


Virginia. Der amerikanische Bürgerkrieg. Schwüle und Nebel legen sich abwechselnd um das imposante Herrenhaus, das aufgrund des Krieges und der damit verbundenen Beschäftigung der Herren, sich gegenseitig abzuschlachten, zum Damenhaus geworden ist. Mrs. Martha (Nicole Kidman) kümmert sich zusammen mit der Lehrerin Edwinna (Kirsten Dunst) um fünf junge Schülerinnen. Man arbeitet im Garten, spielt Musik, betet, hat Unterrichtsstunden und bemüht sich um die Aufrechthaltung eines zivilisierten, südstaatlichen Lebensstils. Bis die junge Jane vom Pilze pflücken im Wald nicht nur mit schmackhaften Schwammerln, sondern auch mit einem verwundeten Yankee-Soldaten (Colin Farrell) zurückkommt. Schnell wird der höfliche Mann, der einfach nur froh ist, am Leben zu sein und sich von daher gerne in Feindeshand begibt, zu einer Attraktion unter den unbemannten Damen. Ein sehr subtiles Spiel der Verführung beginnt – wobei nicht klar ist, wer wen verführt. Ein nächtlicher Zwischenfall lässt dieses Spiel jedoch eskalieren.

Zu allererst muss man sagen, dass „The Beguiled“ von Sofia Coppola herausragend gefilmt ist. Immer wieder zeigt die Kamera die imposanten Säulen des Hauses und den verwilderten Garten davor, und jede Einstellung lässt Haus und Garten ein wenig anders wirken – mal einsam, mal bedrohlich, mal friedlich, mal häuslich. Am Haus vorbeiziehende Soldaten verschwinden im Nebel, die Schwüle der Südstaaten wird optisch greifbar. Ganz große Kamerakunst! Was das Timing betrifft, so hat der Film jedoch seine Schwächen. Während die ersten zwei Drittel sehr langsam und mit äußerst subtilen Andeutungen aufgebaut werden, wirkt der Film ab der Eskalation plötzlich gehetzt, als wäre er ab diesem Moment draufgekommen, eigentlich ein Thriller sein zu wollen und müsse die Versäumnisse der ersten Stunde nachholen, nur um wieder gemächlich auszuklingen – nach einem fiesen Showdown zwar, aber auch der ist wieder so ruhig und mit gewollten Understatement inszeniert wie die erste Stunde des Films. Eine interessante Botschaft, über die es sich länger nachzudenken lohnt, wird nicht vermittelt. Ich ging etwas unschlüssig aus dem Film. Ja, eh ganz gut, aber irgendwie auch ein bisserl obsolet. Eine große Geschichte hat der Film nicht zu bieten, aber dafür packt er das Wenige, was er hat, in beeindruckende Bilder.


6,0
von 10 Kürbissen

Aquarius (2016)

Regie: Kleber Mendonça Filho
Original-Titel: Aquarius
Erscheinungsjahr: 2016
Genre: Drama
IMDB-Link: Aquarius


„Aquarius“ erzählt auf leichtfüßige Weise die Geschichte einer erfolgreichen Schriftstellerin und Musikkritikerin Clara (überragend gespielt von Sonia Braga), die letzte Bewohnerin des Wohnhauses „Aquarius“, das abgerissen werden und einem neuen, modernen Apartmenthaus Platz machen soll. Clara, die Eigentümerin einer der Wohnungen, wehrt sich gegen den Verkauf. Ihr Leben hat sich in diesem Haus abgespielt, ihre Erinnerungen hängen daran – die guten wie auch die schlechten. Als Story klingt das reichlich unspektakulär, aber darum geht es „Aquarius“ auch gar nicht so sehr. Viel mehr entfaltet sich nach und nach in den zwischenmenschlichen Beziehungen ein Panorama des Zustands der heutigen brasilianischen Mittelschicht. Gleichzeitig gibt der Film einen Kommentar zum Kapitalismus ab, wenn er in einer zynischen Schlussszene die Methoden aufdeckt, mit denen man versucht, die widerspenstige Clara aus dem Haus zu entfernen. Die ganz große Stärke des Films ist aber das präzise, menschlich unheimlich differenzierte Abbild der sozialen Beziehungen zwischen Familie, Freunde, lockeren Bekanntschaften. Clara ist nicht mehr jung und sie hat es auch nicht ganz einfach mit ihren erwachsenen Kindern, denn auch wenn sie vital und immer noch am Puls der Zeit ist, so zeigt sich dennoch ein kleiner Graben, der sich aus der Familiengeschichte heraus durch die Generationen zieht. Mehr Zugang findet sie zu ihrem Neffen, und hier verbinden sich die Jahrzehnte einfacher und natürlicher miteinander. Der Film idealisiert hierbei zu keinem Moment, sondern zeigt das Leben einfach so, wie es ist – mit den kleinen, schmutzigen Freuden, mit den Narben, den Enttäuschungen und ungeschickten Küssen. Mit fast 2,5 Stunden Laufzeit verlangt er auch ein wenig Sitzfleisch von seinem Publikum, und in nicht jeder Szene ist eine wirklich dringliche Relevanz zu spüren, aber dennoch gehört „Aquarius“ durch seinen ehrlichen Blick auf die Menschen und eine großartige Sonia Braga zu meinen Filmhighlights der letzten Wochen. Empfehlenswert!


7,5
von 10 Kürbissen

Carlos – Der Schakal (2010)

Regie: Olivier Assayas
Original-Titel: Carlos / Le Prix du Chacal
Erscheinungsjahr: 2010
Genre: Biopic, Drama, Thriller
IMDB-Link: Carlos / Le Prix du Chacal


Vorab die Info: Diese Rezension bezieht sich auf die Kurzfassung von Olivier Assayas‘ „Carlos – Der Schakal“, mit nur 3 Stunden quasi der Appetizer für die 5-Stunden-Langfassung.

In den 70ern und 80ern verbreitet der Terrorist Carlos Angst und Schrecken auf der Welt. Höhepunkt ist die Geiselnahme der an einer OPEC-Konferenz in Wien teilnehmenden Minister. Doch während Carlos zunächst noch für die palästinische Sache kämpft, verwirrt er sich in den folgenden Jahren und Jahrzehnten allmählich im Geflecht der internationalen diplomatischen Beziehungen, und aus den Freiheitskämpfern werden Attentäter ohne Ziel. Olivier Assayas erzählt das Leben des berühmt-berüchtigten Terroristen auf eine sehr nüchterne und zurückhaltende Weise. Carlos, eindrucksvoll gespielt von Edgar Ramirez, ist unglaublich charismatisch, wird dabei aber nie glorifiziert. Assayas lässt die Taten sprechen und zeigt so schonungslos auf, wie der einstige Idealist mit moralisch verachtenswerten Methoden in eine Spirale der Gewalt gerät, die fortan sein Leben bestimmen soll und aus der er nie wieder hinausfinden wird.

Die erste Hälfte des Films mit den Höhepunkten des Verrats eines Vertrauten und der OPEC-Geiselnahme (beides ist extrem spannend und dramaturgisch perfekt inszeniert, ohne vom dokumentarischen Stil abzuweichen) ist herausragend. Die zweite Hälfte, die sich mit dem allmählichen Niedergang Carlos‘ beschäftigt, wirkt trotz der langen Spielzeit etwas gehetzt. Ich könnte mir vorstellen, dass hier die Langfassung eine bessere Figur abgeben würde, denn in der dreistündigen Fassung springt der Film gegen Ende ziemlich schnell zwischen den Handlungsorten umher und muss sich damit den Vorwurf gefallen lassen, beliebig zu werden. Dennoch funktioniert der Film auch in der Kurzfassung sehr gut und ist durchaus einen Blick wert.


7,0
von 10 Kürbissen

(Foto: Polyfilm)

Jules und Jim (1962)

Regie: François Truffaut
Original-Titel: Jules et Jim
Erscheinungsjahr: 1962
Genre: Drama, Liebesfilm
IMDB-Link: Jules et Jim


1912 lernen sich in Paris der Franzose Jim (Henri Serre) und der Deutsche Jules (Oskar Werner) kennen. Kurz darauf begegnen die beiden nun Unzertrennlichen der impulsiven Catherine (Jeanne Moreau). Beide sind interessiert an ihr, Jules macht schließlich das Rennen. Er heiratet Catherine, und im Laufe der Zeit, die durchbrochen wird vom Ersten Weltkrieg, als die beiden Freunde auf unterschiedlichen Seiten der Geschichtsbücher stehen, stellt sich heraus, dass es zwar recht einfach war, Catherine zu gewinnen, doch sie zu halten, ist eine gänzlich andere Geschichte. Sein Freund Jim, der ihm immer wieder mit Rat und Tat zur Seite steht, hat auch keine Patentlösung dabei, und blöd ist auch, dass er noch immer ein bisschen in Catherine verliebt ist, die es mit der Treue nicht so genau nimmt. Auf den ersten Blick ist „Jules und Jim“ von Truffaut ein sehr leichtfüßiges Drama mit humorvoll-ironischen Einschüben über die Liebe, über Treue, Freundschaft und das Dreieck zwischen diesen Themen. Der zweite Blick offenbart eine gewisse Trostlosigkeit, die von der erzählerischen Leichtfüßigkeit überspielt wird und sich erst im unerwarteten, zynischen Ende offenbart. Auf der Plusseite des Films steht zudem die Schauspielkunst der drei Hauptdarsteller, wobei mich vor allem Oskar Werner als naiver, von der Liebe gebeutelter Jules überzeugt hat. Allerdings macht es der Film dem Zuseher auch schwer. Er ist … geschwätzig. Aus dem Off ertönt immer wieder die Stimme des Erzählers, der darüber berichtet, was auf den Bildern zu sehen ist. Zwar bringt die Erzählstimme auch eine ironische Distanz hinein, allerdings wäre hier weniger eindeutig mehr, denn ein Film sollte kein Hörbuch sein. Ich habe nichts gegen einen externen Erzähler in Filmen, wenn denn dieser geschickt eingebaut ist (wie man es macht, hat einige Jahrzehnte später „Little Children“ gezeigt mit einem wunderbar sarkastischen Erzähler), aber hier ist er eben nur aufdringlich und trägt wenig bis gar nichts zur Plotentwicklung bei. Zudem ist mir auch das Trauma des Ersten Weltkrieges zu leichtfüßig nebenbei abgehandelt. Von seelischen Verwundungen keine Spur. Da war halt Krieg. Und jetzt weiter. All das macht „Jules und Jim“ am Ende für mich zu einer etwas zwiespältig aufgenommenen Kost. Die Geschichte ist interessant, die Figuren sind es auch, die Dialoge sind auch sehr gut geschrieben und überzeugend vorgebracht, aber der Film hat unübersehbare Redundanzen, die dem Publikum von einem geschwätzigen Erzähler noch mal so richtig deutlich unter die Nase gerieben werden. So kann ich dem Film leider weniger abgewinnen als ich es eigentlich möchte.


6,0
von 10 Kürbissen

Sie küssten und sie schlugen ihn (1959)

Regie: François Truffaut
Original-Titel: Les Quatre Cents Coups
Erscheinungsjahr: 1959
Genre: Drama
IMDB-Link: Les Quatre Cents Coups


Es ist nicht ganz einfach, Filme, die ganze Strömungen oder Genres (mit)begründet haben, viele Jahrzehnte nach ihrem Erscheinen einer Bewertung zu unterziehen. Vieles von dem, was damals bahnbrechend und neu war, wurde zum Standard und später von anderen Filmen vielleicht sogar besser umgesetzt. Und so ist „Sie küssten und sie schlugen ihn“, jener Film, der nicht nur Truffauts Karriere begründete, sondern gleich die gesamte Strömung der französischen Nouvelle Vague, filmhistorisch höchst interessant, aber aus heutiger Sicht eben manchmal auch etwas sperrig. Der Film folgt dem 14jährigen Antoine Doinel, der zwischen innerfamiliären Spannungen (eine kaltherzige, abweisende Mutter, ein überforderter, in der Erziehung richtungsloser Vater), schulischem Leistungsdruck und dem Gefühl, an einem Scheidepunkt seines Lebens zu stehen und aus gewohnten Bahnen ausbrechen zu müssen, aufgerieben wird. Truffaut zeigt auf, welche Faktoren aus dem unmittelbaren Umfeld dazu führen (können), dass man als junger Mensch die Richtung verliert und eventuell in Bahnen gerät, die sich später als falsch herausstellen. „Sie küssten und sie schlugen ihn“ ist ein Coming-of-Age-Film, allerdings ein nicht unbedingt optimistischer. Der Versuch der Selbstbefreiung zeigt immer wieder ungewünschte Konsequenzen, und ob der junge Antoine den Sprung in ein freies, glückliches Erwachsenenleben schafft, wird sich erst nach dem Abspann weisen. Auf diese Weise ist der Film sehr ehrlich und authentisch. Gleichzeitig ist er nicht frei von Schwächen. Er hat seine langweiligen Momente und seine Redundanzen, für die man ein bisschen Sitzfleisch benötigt. Das eindringliche Ende entschädigt aber dafür.


7,0
von 10 Kürbissen

Die Taschendiebin (2016)

Regie: Park Chan-wook
Original-Titel: Ah-ga-ssi
Erscheinungsjahr: 2016
Genre: Drama, Erotik, Krimi, Liebesfilm
IMDB-Link: Ah-ga-ssi


Der südkoreanische Regisseur Park Chan-wook zählt spätestens seit seiner „Vengeance-Trilogie“ mit „Oldboy“ als zentralem Kernstück zu den interessantesten Regisseuren der Gegenwart. Nach seinem letzten Film „Stoker“, ein Ausflug ins englischsprachige Kino, kehrt Park mit „Die Taschendiebin“ wieder nach Asien zurück. Er erzählt die Geschichte eines Dienstmädchens im von Japan besetzten Südkorea und von ihrer neuen Aufgabe im Haus der jungen japanischen Erbin, die wohl schon bald ihren Onkel ehelichen muss, wäre da nicht der junge, dominante Zeichenlehrer. So weit, so gewöhnlich. Aber: Schon früh wird klar, dass ganz andere Ziele verfolgt werden, der Reichtum der Erbin nämlich, um deren Gewinn ein ausgeklügeltes Komplott gesponnen wird. Was dann allerdings die schönen Pläne zu durchkreuzen droht (oder ist es etwa auch Teil des Plans?): Die Liebe. Und zwar aufkeimende Zuneigung zwischen Dienstherrin und Dienstmädchen. Aber was ist davon echt, was gespielt? Wer verführt wen? Wer verfolgt dabei noch ganz andere Absichten? „Die Taschendiebin“ ist ein erotisches, opulentes, dekadentes, kaleidoskopartiges Krimi- und Liebesspiel. Je nach Perspektive, die der Zuseher einnimmt, verändert sich die ganze Handlung des Films. Dabei ist der Film in seiner Grundtonalität stets sehr sinnlich. Die Sexszenen sind sehr explizit inszeniert – ein Kritikpunkt, der in weniger wohlwollenden Kritiken immer wieder genannt wird. Nun kann man aber (muss man aber nicht) die ganze Geschichte auch als weibliche Befreiung von einer männlich dominierten, patriarchalischen Sexualität sehen – die weiblichen Geschlechtsakte stehen in ihrer sinnlichen Wollüstigkeit dieser harten, männlichen Sexualität entgegen. Durchaus ein starkes Zeichen und klares Statement. Wer sich an ausgedehnten erotischen Spielereien stört, für den ist „Die Taschendiebin“ vielleicht nicht der ideale Film. Wer sich den Film gerade wegen dieser Spielereien ansehen möchte, sollte vielleicht auch lieber die Finger davon lassen, denn „Die Taschendiebin“ bleibt in erster Linie eine Befreiungsgeschichte mit Krimihandlung und ist definitiv kein Softporno. Wer sich aber für einen Film begeistern kann, der die Sinne und den Verstand gleichermaßen anspricht, sollte hier durchaus den einen oder anderen Blick riskieren, denn sowohl von den Bildern, der Musik und der Ausstattung her als auch, was die Handlung und wie diese erzählt wird betrifft, ist „Die Taschendiebin“ ein weiteres Meisterwerk in Park Chan-wooks Filmografie.


8,0
von 10 Kürbissen

(Foto: Koch Media)

Nouvelle Vague (1990)

Regie: Jean-Luc Godard
Original-Titel: Nouvelle Vague
Erscheinungsjahr: 1990
Genre: Drama
IMDB-Link: Nouvelle Vague


Wie es halt so ist: Man trifft auf einen anderen Menschen, findet diesen interessant und anziehend, und man probiert es miteinander, und auch wenn die Dates eher mühsam ablaufen und man keine gemeinsamen Themen findet, so findet man sich dann doch irgendwann in einer Beziehung wieder, ohne dass  ein tiefes Verständnis füreinander da wäre, man findet nicht wirklich zueinander, man bemüht sich, ja, aber irgendwann sitzt man am Küchentisch oder in einem Kaffeehaus und sieht sich in die Augen und sagt: „Sorry, aber das mit uns beiden, das wird einfach nichts.“ Und der Andere nickt, zieht an seiner Zigarette und meint: „Ich verstehe. Mir geht’s ja genauso.“ So ist das mit Godard und mir. Wir haben es versucht. „Adieu au langage“ (der mir mit seinen verschobenen, asynchronen 3D-Bildern Kopfschmerzen verursacht hat), „Die Verachtung“ (die mich kalt gelassen hat) und nun „Nouvelle Vague“. Ich erkenne an, dass das, was Godard in seinen Filmen gemacht hat, Kunst ist. Nur bleibt sie mir unverständlich, ich finde keinen Zugang. Ich bin der Monet-Liebhaber vor dem Jackson Pollock-Gemälde. Ich versuche verzweifelt, die Seerosen zu finden, sehe aber nur Kleckserei. Für alle, die mit Jackson Pollock (und Jean-Luc Godard) mehr anfangen können und die wissen wollen, worum es geht: „Nouvelle Vague“ ist eine sehr geschwätzige, fast ausschließlich aus Zitaten bestehende Liebesgeschichte zwischen zwei Nichtschwimmern. Alain Delon schaut in der ersten Hälfte des Films verwirrt und in der zweiten Hälfte streng drein, Domiziana Giordano ist nett anzusehen, wie überhaupt der Film mit sehr schönen Bildern und Menschen aufwarten kann, aber irgendwie macht die Geschichte, die in der Klasse der reichen Wirtschaftsbonzen spielt, keinen Sinn. Jedenfalls nicht für mich. „Es tut mir leid, Jean-Luc. Wir können ja Freunde bleiben.“ – „Nein. Ich möchte mit einer solchen Banause wie dir nichts mehr zu tun haben.“ – „Du bist hartherzig.“ – „Ich bin der moderne Film.“ – „Na dann. So long!“


4,5
von 10 Kürbissen