Drama

3 Tage in Quiberon (2018)

Regie: Emily Atef
Original-Titel: 3 Tage in Quiberon
Erscheinungsjahr: 2018
Genre: Drama, Biopic
IMDB-Link: 3 Tage in Quiberon


Romy Schneider (Marie Bäumer), 42 Jahre alt, alkoholkrank und depressiv, macht eine Kur in einem französischen Hotel. Ihre Freundin Hilde Fritsch (Birgit Minichmayr, wie immer großartig) besucht sie. Und zwei Journalisten vom Stern, der Fotograf Robert Lebeck (Charly Hübner), mit dem sie eine langjährige Freundschaft verbindet, und der schmierige Reporter Michael Jürgs (Robert Gwisdek). Romy Schneider hat eingewilligt, während der drei Tage ihres Aufenthalts ein exklusives Interview zu geben. In dieser Viererkonstellation bauen sich in weiterer Folge allerlei Spannungen auf, denn Hilde durchschaut den manipulativen Jürgs recht schnell, während sich Lebeck darum bemüht, Romy, für die er offensichtlich mehr als nur Freundschaft verspürt, ein wenig Halt zu geben. Denn die ist mit der Situation des Interviews völlig überfordert. Alte Wunden werden wieder aufgerissen, und verletzlich und unbedacht stülpt sie vor laufendem Aufnahmegerät ihr Innerstes nach außen – sehr zur Freude von Jürgs, der die Gelegenheit seines Lebens wittert und Romy weiter zusetzt. „3 Tage in Quiberon“ ist bemüht, eine private Romy Schneider zu zeigen, eine Frau mit Verletzungen und Ängsten und schweren Depressionen. Romy Schneider macht sich hier vor allem Gedanken um ihre Mutterrolle, die sie nie so richtig ausfüllen konnte. Gleichzeitig ist sie diese öffentliche Person und sich ihrer Rolle auch sehr bewusst, sie spielt auch damit. Gefilmt in eleganten Schwarz-Weiß-Bildern, die die Exklusivität des Kurhotels noch einmal unterstreichen, während sie gleichzeitig kollektive Bilder von Romy Schneider heraufbeschwören, ist „3 Tage in Quiberon“ durchaus sehenswert. Die Dialoge sind gut und scharfsinnig, und auch die Schauspieler/innen machen durch die Bank einen guten Job. Jetzt kommt das Aber. Aber man hat dennoch nicht das Gefühl, der Person Romy Schneider, trotz aller Bemühungen von Marie Bäumer, sie lebensecht darzustellen, nach dem Film ein wenig nähergekommen zu sein. Es werden Romy Schneider-Klischees bestätigt, die Theatralik in den Dialogen, in den Szenen, ist zwar dramaturgisch interessant, aber unterstreicht nur das Bild, das man in der Regel von Romy Schneider schon hat. Und das ist schade. Ich hatte das Gefühl, dass hier eine große Chance liegengelassen wurde, nämlich die Erdung der Filmgöttin, die auch mal Mensch sein darf. „3 Tage in Quiberon“ versucht zwar genau das, scheitert aber (auf hohem Niveau) daran. Romy Schneider bleibt mystisch verklärt.

(Dieser Film ist als Reiseetappe # 57 Teil meiner Filmreisechallenge 2018. Mehr darüber hier.)


6,0
von 10 Kürbissen

(Foto: (c) 2018 PROKINO Filmverleih GmbH)

 

The Bed (2018)

Regie: Mónica Lairana
Original-Titel: La Cama
Erscheinungsjahr: 2018
Genre: Drama
IMDB-Link: La Cama


Ein älterer Mann, eine ältere Frau. Nackt im Bett. Er bemüht sich verzweifelt um eine Erektion, doch es geht nicht. Sie versucht ebenso verzweifelt, ihm einen zu blasen, er wehrt ab, woraufhin sie hysterisch zusammenbricht. In „La Cama“ von Mónica Lairana ist nicht nur die Haut nackt, sondern auch die Seele. Bald wird klar, dass der letzte gemeinsame Tag anbricht, ehe der Umzugswagen kommt und das Leben als Paar endet. In all den Jahren hat man vergessen, wie man miteinander kommuniziert. So liegt ein bedeutsames Schweigen über dem Film. Gelegentlich flüchtet man sich in hilflose Floskeln, um zumindest Worten nachlauschen zu können, auch wenn diese bedeutungslos sind. Die gemeinsame Vergangenheit wird nur dann heraufbeschworen, wenn man über die Frage, wem nun die Socken gehören, zu diskutieren beginnt. Da zeigen sich die letzten Spuren des gemeinsamen Lebens, das Verschmelzen zweier Existenzen zu einem Paar. Umso klarer und schmerzvoller ist es, wenn man sich nun eingestehen muss, dass man zuletzt wieder auseinandergedriftet und sich fremd geworden ist. „La Cama“ ist sehr langsam erzählt. Oft gehen Einstellungen über mehrere Minuten, ohne dass ein Wort gesprochen wird. Die Kamera hält schonungslos drauf, wenn sich in die Gesichter die Fassungslosigkeit der Trennung legt, aber sie bleibt auch mit einem liebevollen Blick drauf, wenn überraschend – meistens nonverbal – ein Zeichen der Zuneigung und Vertrautheit gefunden wird. Zu spät, aber immerhin: man geht nicht im Zorn auseinander. „La Cama“ zeigt die Geschichte einer Entfremdung, und ist damit (und aufgrund seiner extrem langsamen Erzählweise) ein Film, der sicherlich keinen Spaß macht. Manchmal ist er auch schlicht langweilig, aber gut, auch Beziehungen sind manchmal langweilig. So gesehen spiegelt das Kino das Leben. Insgesamt ein anstrengender Film, der aber, wenn man in der richtigen Stimmung dafür ist, durchaus seine guten Momente hat.

(Dieser Film ist als Reiseetappe # 2 Teil meiner Filmreisechallenge 2018. Mehr darüber hier.)


5,0
von 10 Kürbissen

Die defekte Katze (2018)

Regie: Susan Gordanshekan
Original-Titel: Die defekte Katze
Erscheinungsjahr: 2018
Genre: Drama, Liebesfilm
IMDB-Link: Die defekte Katze


Der Assistenzarzt Kian (Hadi Khanjanpour), iranischstämmiger Deutscher, hat nicht viel Glück mit den Dates. Irgendwie ist nie die Richtige dabei. Und Mina (Pegah Ferydoni), noch im Iran, ist mit Anfang 30 fast schon ein bisschen zu alt, um zu heiraten. So beschließen die beiden, den traditionellen Weg zu gehen und sich verheiraten zu lassen. Die Eltern regeln das, und so zieht Mina vom Iran nach Deutschland zu Kian. Sie sind sich fremd, und der Gedanke, dass sie nun ein Eheleben zu führen haben, ist noch mehr als gewöhnungsbedürftig. Auch der Grad der Freiheit, den Mina in Deutschland genießt, ist zu Beginn erst einmal einschüchternd. Im Bikini ins gemischte Schwimmbad zu gehen ist eine völlig neue Erfahrung für sie. Ein wenig Halt und Zuspruch findet sie bei der „defekten Katze“, die sie eines Tages sehr zum Missfallen Kians kauft. Denn das Tier hat nicht nur einen Gendefekt, sondern einige unangenehme Macken. Die Katze wird zum Symbol für die (defekte) Beziehung, die sich Kian und Mina erst nach und nach erarbeiten müssen. Die Fehler, die sie dabei machen, führen sie jedoch nur weiter voneinander fort anstatt aufeinander zu. Nach Figlia Mia war „Die defekte Katze“ der zweite Film in Folge, den ich auf der Berlinale zum Thema Familie gesehen habe. Während aber in Laura Bispuris die Karten der Familienzugehörigkeit neu gemischt werden, müssen sie in „Die defekte Katze“ erst einmal ausgeteilt werden, und die ersten Regeln müssen definiert werden. Auch hier ist Beziehung harte Arbeit, die von folgenschweren Patzern durchzogen ist. Was ist die Basis für Anziehung? Für einen liebevollen Umgang miteinander? Wie erarbeitet man sich Verständnis füreinander? Und baut Nähe und Vertrautheit auf? Susan Gordanshekan ist ein sehr intimer Film gelungen, der von den beiden Hauptdarstellern gut getragen wird. Vielleicht ist die eine oder andere Entwicklung etwas zu schnell abgearbeitet, und an manchen Stellen bleibt der Film an der Oberfläche, anstatt tiefer im Gefühlschaos zu schürfen, aber dennoch ist „Die defekte Katze“ ein schöner Beitrag zu der Frage: Was ist Liebe? Und wie entsteht sie?

 


7,5
von 10 Kürbissen

(Foto: (c) Glory Film / Julian Krubasik)

Meine Tochter (2018)

Regie: Laura Bispuri
Original-Titel: Figlia Mia
Erscheinungsjahr: 2018
Genre: Drama
IMDB-Link: Figlia Mia


Die zehnjährige rothaarige Vittoria sieht ihrer dunkelhaarigen Mutter Tina (Valeria Golino, die man wohl noch aus „Hot Shots“ in guter Erinnerung hat, die aber so viel mehr kann) so gar nicht ähnlich. Dennoch sind die beiden ein unzertrennliches, liebevolles Gespann. Die fürsorgliche Tina ist auch so anders als die leichtsinnige, alkoholkranke Angelica (Alba Rohrwacher), die kurz vor der Delogierung steht, da sie hochverschuldet ist. Nur ist Angelica Vittorias leibliche Mutter, was diese selbst nicht weiß. Und bevor sie geht, möchte sie einmal Vittoria kennenlernen. Tina lässt sich darauf ein, doch sie unterschätzt einerseits die Beharrlichkeit, mit der Angelica diese Bekanntschaft zu vertiefen versucht, und andererseits die Sturheit ihrer Tochter, die wiederum von der energiegeladenen Angelica fasziniert ist. Und während sich die leibliche Mutter und ihre Tochter allmählich näherkommen, fürchtet Tina um ihr Familienglück. Laura Bispuri verhandelt in „Figlia Mia“ die Themenkomplexe Familie, Zugehörigkeit und Verantwortung. Gedreht mit einer sehr wackeligen und körnigen Handkamera transportiert der Film die Unmittelbarkeit der Figuren – die Kamera ist immer nah dran, umkreist die Figuren, die wiederum um sich selbst kreisen und neu ausverhandeln, was eine Familie ausmacht. Das macht „Figlia Mia“ zu einer recht schwer verdaulichen Kost, vor allem, wenn Angelica wieder einen ihrer Abstürze hat und dem Zuseher klar wird, dass diese Frau nie dazu geeignet sein wird, eine Mutterrolle anzunehmen, da sie ihre Tochter immer enttäuschen wird. Gleichzeitig ist so viel Wärme und Herzlichkeit in vielen Situationen zu spüren, dass man fast wieder versöhnt wird mit dieser im Leben gescheiterten Frau. Und dann ist da Tina, die Frau, die alles zurückstellt für ihr Familienglück, die sich selbst vor einen Bus werfen würde, wenn sie damit Vittoria retten könnte. Aber reicht diese Liebe aus, um weiterhin von Vittoria als Mutter angenommen zu werden? Der Film verweigert sich klarer Aussagen und einer Moral. Alle Figuren sind in ihren Handlungen nachvollziehbar, keine ist mehr im Recht als eine andere, und daraus bezieht „Figlia Mia“ schließlich seine Stärke. Was man dem Film allerdings ein wenig ankreiden kann, ist, dass er recht lange braucht, um in die Gänge zu kommen, und dass er gelegentlich ruhigere Bilder hätte finden können, um seine Geschichte zu erzählen. Es muss nicht immer die wackelige Handkamera sein, wenn man das Gefühl von Realismus vermitteln möchte.

(Dieser Film ist als Reiseetappe # 9 Teil meiner Filmreisechallenge 2018. Mehr darüber hier.)


7,0
von 10 Kürbissen

(Foto: (c) Vivo film / Colorado Film / Match Factory Productions / Bord Cadre Films)

Isle of Dogs – Ataris Reise (2018)

Regie: Wes Anderson
Original-Titel: Isle of Dogs
Erscheinungsjahr: 2018
Genre: Animation, Drama, Komödie
IMDB-Link: Isle of Dogs


Mit Wes Anderson ist es so eine Sache. Entweder man liebt seine Filme, oder man kann mit seiner Überstilisierung und seiner Lakonie gar nichts anfangen. Ich gehöre definitiv zur ersten Gruppe. Und so gibt es kaum einen Film, auf den ich mich in der letzten Zeit mehr gefreut habe als auf „Isle of Dogs“, den neuen Stop Motion-Animationsfilm von Wes Anderson, der in diesem Genre schon mit „Der fantastische Mr. Fox“ zu begeistern wusste. „Isle of Dogs“ erzählt die sehr japanische Geschichte der Verbannung aller Hunde auf eine Müllinsel, da der diktatorisch agierende Bürgermeister Kobayashi Hunde hasst. Auch der Hund seines Mündels Atari wird deportiert. Das lässt nun eben jener 12jähriger Atari nicht auf sich sitzen, also kapert er kurzerhand ein Flugzeug, um auf die Müllinsel zu fliegen und nach seinem Hund zu suchen. Dort macht er schnell die Bekanntschaft eines Rudels, vom Streuner Chief angeführt, das ihm fortan bei der Suche zur Seite steht. „Isle of Dogs“ ist ein warmherziges Plädoyer für Außenseiter und Ausgestoßene. Es geht um Treue, um Loyalität, um Freundschaft. Es ist einfach, Parallelen zu heutigen Problemen und politischen Entwicklungen zu ziehen, und doch funktioniert der Film gleichermaßen für sich selbst, auch wenn man die politische Agenda ausblendet. Auch das Handwerkliche ist wieder mal auf eine für Wes Anderson typische Weise brillant – diese unglaubliche Liebe zum Detail, die Figurenzeichnung, die Musik von Alexandre Desplat, das alles trägt dazu bei, dass „Isle of Dogs“ fantastisch aussieht. Selten hat Andersons geometrisch durchkomponierter Stil so gut gepasst wie bei diesem Film. Ein weiteres Meisterwerk von Wes Anderson, das bei mir sofortige Liebesgefühle erweckt hat, und die Erstbewertung von 9,5 könnte nach mehrmaliger Sichtung auch noch zur 10 werden und „Isle of Dogs“ damit in die Riege der absoluten Lieblingsfilme aufsteigen.


9,5
von 10 Kürbissen

(Foto: (c) 2017 Twentieth Century Fox)

Girls Always Happy (2018)

Regie: Yang Mingming
Original-Titel: Rou Qing Shi
Erscheinungsjahr: 2018
Genre: Drama
IMDB-Link: Rou Qing Shi


Chinesischer Alltag in der Stadt ist kein Zuckerschlecken, vor allem, wenn man intellektuell, unverheiratet und in einer Zweckgemeinschaft mit der eigenen Mutter lebt. So geht es der Hauptprotagonistin Wu (Yang Mingming, auch Autorin und Regisseurin des Films). Und so isst man zusammen, streitet sich, versöhnt sich wieder, um sich im nächsten Moment doch wieder anzubrüllen, und irgendwie macht das meiste davon einfach keinen Sinn. Dann fährt Wu mal wieder minutenlang auf ihrem Roller durch die Gegend, macht mit ihrem Freund Schluss, lässt ihn dann doch wieder Geschenke bringen, um ihn erneut abzuweisen – Mädel, was willst du? Das hätte ich gern auch Yang Mingming selbst gefragt, denn irgendwo zwischen den endlos verschmatzten Mahlzeiten und konfusen Streitereien könnte in diesem geschwätzigen Film auch ein Sinn verborgen liegen, nur ist mir dieser leider entgangen. Was der Film laut Regisseurin Yang will: Das moderne Leben in Peking darstellen anhand einer Mutter-Tochter-Beziehung. Okay. Aber was genau ist daran interessant? So, wie das Leben gezeigt wird, mag es zwar authentisch sein, aber eine Geschichte ergibt das nicht. Und gehen wir nicht ins Kino, um Geschichten erzählt zu bekommen? Vielleicht war meine Erwartungshaltung diesbezüglich zu hoch, aber als ziemlich gesichert gilt, dass so gut wie nichts passiert in „Girls Always Happy“, und eine Entwicklung der Figuren ist auch nicht spürbar. So wird die Spieldauer von ziemlich genau zwei Stunden zu einer ähnlichen Qual wie die chinesische Tröpfchenfolter. Ein irrelevanter Streit nach dem anderen tropft auf die Häupter des Publikums herab – man weiß: der nächste wird bald folgen, und man kann nichts dagegen tun. Außer vielleicht, das Kino zu verlassen. Aber dafür bin ich wohl zu masochistisch veranlagt.

(Dieser Film ist als Reiseetappe # 3 Teil meiner Filmreisechallenge 2018. Mehr darüber hier.)


2,5
von 10 Kürbissen

 

Der Buchladen der Florence Green (2017)

Regie: Isabel Coixet
Original-Titel: The Bookshop
Erscheinungsjahr: 2017
Genre: Drama
IMDB-Link: The Bookshop


Hardborough, eine kleine Hafenstadt nordöstlich von London, 1959. Die junge Witwe Florence Green (die wunderbar verletzliche Emily Mortimer) erfüllt sich einen lang gehegten Traum vom eigenen Buchladen. Sie kauft das alte Haus, das nur noch von Tauben und Ratten bewohnt wird, und gegen den Widerstand einiger Dorfbewohner, die andere Pläne für das Haus gehabt hätten, errichtet sie dort mit viel Liebe und Geschmack einen Traum für Bibliophile wie mich, den Rezensenten. Ihr treuester Kunde ist der zurückgezogen lebende Edmund Brundish (ein wunderbar sanft und zurückhaltend spielender Bill Nighy), ein begeisterter Leser, der allerdings weniger begeistert von sozialer Interaktion ist. Mit ihren Buchempfehlungen (Ray Bradbury! Wie sehr verstehe ich den Mann, der beim Lesen von „Fahrenheit 451“ fast so etwas wie eine Epiphanie hat!) dringt sie allmählich durch die harte Schale durch, und eine zarte, vorsichtige Annäherung bahnt sich an. Florence Green wird Freunde brauchen, denn im Dorf agiert die rücksichtslose und einflussreiche Violet Gamart (Patricia Clarkson) hinterrücks gegen Florence und ihren Buchladen. Violet möchte im alten Haus ein Kulturzentrum errichten, und dass ihr Verhalten Florences Existenz bedroht, ist ihr nicht weiter wichtig. „The Bookshop“ ist in so ziemlich allen Aspekten ein wundervoll altmodischer Film. Die Kostüme, die Settings, das aus der Zeit gefallene Spiel der Schauspieler/innen, selbst die karge Küstenlandschaft passt sich ihrer Rolle in dieser 50er-Jahre-Geschichte an. An sich erzählt „The Bookshop“ weder eine besonders originelle noch übermäßig spannende Geschichte. Aber allein Emily Mortimer dabei zuzusehen, wie ihre Hände über die Bücher streifen, das Leuchten in ihren Augen zu sehen, wenn sie eine neue Ladung Bücher auspackt, ihren konzentrierten Gesichtsausdruck, wenn sie die ganze Nacht lang „Lolita“ liest – ja, ich kenne das, ich kann mit ihrer Figur sehr intensiv mitfühlen. Und wie sich manch gutes Buch wie ein alter Freund anfühlt, so gelingt das auch Isabel Coixets Film. Man fühlt sich einfach wohl mit diesen Figuren in dieser Stadt und Zeit.


7,5
von 10 Kürbissen

(Foto: (c) the producers / Lisbeth Salas)

Maki’la (2018)

Regie: Machérie Ekwa Bahango
Original-Titel: Maki’la
Erscheinungsjahr: 2018
Genre: Drama
IMDB-Link: –


Die 19jährige Maki’la, genannt „Maki“, lebt auf den Straßen Kinshasas. Sie hält sich mit Diebstählen und Prostitution über Wasser und unterhält eine Beziehung mit dem ebenfalls obdachlosen Mbingazor. Da tritt eines Tages die noch jüngere Acha in ihr Leben, und Maki beginnt, sich verantwortlich zu fühlen für das junge Mädchen, das auf der Suche nach ihrem Bruder ist und noch nicht so abgehärtet wurde vom Leben wie sie selbst. „Maki’la“ erzählt eine wohl leider alltägliche afrikanische Geschichte sehr beiläufig und unsentimental. Freud‘ und Leid liegen hier eng beisammen. Maki ist eine starke Frau, die sich nicht unterkriegen lässt, doch wenn das Leben seine Zähne zeigt, zuckt auch sie zurück, und am Ende fügt sich alles so, als wäre es vorherbestimmt – was den Zuseher nachdenklich zurücklässt. Afrika ist nicht exotisch, Afrika ist nicht sexy, das Leben dort ist ein harter Kampf, den man jeden Tag aufs Neue ausfechten muss – im Schlamm, im Schmutz, im Blut. Leider aber plätschert die Geschichte selbst ziemlich ereignisarm vor sich hin, und es gelingt der Regisseurin Machérie Ekwa Bahango kaum, ihr Publikum eine echte Bindung zu Maki aufbauen zu lassen. Zu spröde ist das alles gefilmt, oft auch zu uninteressant. Es fehlt der rote Faden, an dem sich der Zuseher orientieren kann. Und so ist „Maki’la“ allein schon durch sein Setting und seine Figuren zwar anders als das, was man sonst in unseren Breitengraden üblicherweise zu sehen bekommt, aber ich jedenfalls wurde nicht mitgenommen auf diese tragische Reise. Trotz einer ökonomischen Laufzeit von 78 Minuten fühlt sich der Film lang an. Schade drum.

(Dieser Film ist als Reiseetappe # 6 Teil meiner Filmreisechallenge 2018. Mehr darüber hier.)


4,5
von 10 Kürbissen

Black 47 (2018)

Regie: Lance Daly
Original-Titel: Black 47
Erscheinungsjahr: 2018
Genre: Drama, Thriller, Western
IMDB-Link: Black 47


Irland 1847. Die Kartoffelfäule und die Kolonialmacht Großbritannien saugen das Land fürchterlich aus. Über eine Million Menschen sind bereits an Hunger gestorben – wer kann, wandert aus. Einer wandert ein: Martin Feeney (James Frecheville), der in Afghanistan gekämpft hat, kehrt als Deserteur nach Hause zurück. Dort muss er feststellen, dass seine Familie nicht mehr am Leben ist. Der unbarmherzige Landbesitzer Lord Kilmichael (Jim Broadbent) hat diese delougiert, um Steuern zu sparen, was bei klirrender Kälte und grassierender Hungersnot ein sicheres Todesurteil ist. Der als Soldat bestens ausgebildete Feeney startet einen Rachefeldzug, den ausgerechnet sein mittlerweile in Ungnade gefallener Kriegskamerad Hannah (Hugo Weaving) stoppen soll. Für diesen ist die Ergreifung Feeneys der einzige Ausweg aus einer misslichen Lage – hat er doch als Inspektor einen Verdächtigen, der nicht reden wollte, zu Tode gewürgt. Die Aussichten sind klar: Feeney oder er – am Ende baumelt einer. Und so zieht Hannah widerwillig los in Begleitung eines dienstbeflissenen Leutnants, eines Grünschnabels und des Einheimischen Conneely (Stephen Rea). Schon bald kommt es zu einer ersten Konfrontation. „Black 47“ spielt während eines der finstersten Kapitel der europäischen Geschichte – der irischen Hungersnot Mitte des 19. Jahrhunderts. Filme wie „Gangs of New York“ von Martin Scorsese berichten von den Auswirkungen dieser Not, doch kaum ein Film hat bislang auf so drastische und intensive Weise von der Episode selbst erzählt. Das Land ist karg und unwirtlich, und wer kein Dach über dem Kopf hat, stirbt. Doch als wäre eine Geißel nicht genug, zieht auch noch England das letzte bisschen an Ernte aus dem Land heraus. Und in diesem politischen, sozialen Kälteklima ist der Film von Lance Daly angesiedelt. Westernmotive werden ausgiebig bedient, und selten haben diese außerhalb des Wilden Westens selbst so gut gepasst wie hier. „Black 47“ erzählt von Outlaws, deren einziger Überlebenswille sich aus dem Hass auf jene zieht, die ihnen alles genommen haben. Die Wut wird in der zerklüfteten Landschaft genauso spür- und erfahrbar wie der Hunger. So gesehen ist „Black 47“ ein zutiefst pessimistischer Film, der sich auch einer versöhnlichen Schlussbotschaft verschließt, aber gleichzeitig menschelt es hier gewaltig. Vielleicht hat er ein paar Längen und ist an manchen Stellen etwas unrhythmisch erzählt, und auch nicht immer sind alle Handlungen nachvollziehbar, aber dennoch ein Film, den man sich durchaus mal ansehen kann, auch wenn man danach nicht unbedingt gut gelaunt aus dem Kino kommt.


7,0
von 10 Kürbissen

Der seidene Faden (2017)

Regie: Paul Thomas Anderson
Original-Titel: Phantom Thread
Erscheinungsjahr: 2017
Genre: Drama, Liebesfilm
IMDB-Link: Phantom Thread


Der distinguierte, leicht pedantische Reynolds Woodcock (Daniel Day-Lewis) ist der beste Schneider Londons. Sogar Prinzessinnen lassen sich von ihm zu ihrer Hochzeit einkleiden. Alma Elson (Vicky Krieps) ist eine Kellnerin, die dank ihrer perfekten Maße zu Woodcocks Muse und Geliebten wird. Das ist „Phantom Thread“ – und was jetzt erst einmal nach einer eh-schon-tausend-Mal-gesehenen Geschichte über die fragile Liebesbeziehung zwischen einem reichen, alten Sack und einem betörend agilen Mädchen klingt, entpuppt sich in weiterer Folge als subtiles, schwarzhumoriges Meisterwerk über Macht und Abhängigkeit. Denn der Stoff (Achtung: Doppeldeutigkeit!) ist bei Paul Thomas Anderson in den allerbesten Händen. Allein schon, wenn man das Handwerkliche betrachtet, kommt man aus dem Zungeschnalzen nicht mehr heraus. Die Kamera schafft mit gedämpften Bildern eine sehr intime Atmosphäre. Die Ausstattung ist exquisit und edel und unterstreicht den Reichtum sowie auch die Entrückung Woodcocks von der „realen Welt“. Die ganz große Stärke des Films liegt aber in der Akustik. Woodcock liebt Stille, er braucht sie, um sich zu konzentrieren und sein Genie zur Entfaltung zu bringen. Konsequenterweise nimmt er Geräusche überhöht wahr – und mit ihm auch das Publikum. Hier knistert der Stoff, wenn die Schere am Werk ist. Hier scharren Absätze auf dem Parkett, blubbert das Teewasser beim Aufguss besonders laut. Begleitet wird die Geräuschkulisse, die – ähnlich wie die Kamera – auch noch mal einen größeren Eindruck von Intimität entstehen lässt, durch den genialen Soundtrack von Jonny Greenwood, der sich einmal mehr enorm wandlungsfähig zeigt. Kein Vergleich zu dem düsteren, bedrohlichen Soundtrack von „There Will Be Blood“, der ebenfalls aus seiner Feder stammt. Der Soundtrack in „Phantom Thread“ ist sanft, den Zuhörer wie in Seide einbettend, weist aber dennoch immer wieder auf die Spannungsverhältnisse innerhalb der Beziehung von Reynolds und Alma hin. Bleibt zuletzt nur noch etwas über die schauspielerische Leistung zu sagen. Daniel Day-Lewis. Sein letzter Film. Was für eine Lücke wird er hinterlassen! Wie in allen seinen Filmen spielt er die Rolle nicht, er lebt sie. Er tritt völlig hinter der Rolle zurück. Sein Reynolds Woodcock ist mit keiner seiner vorigen Rollen vergleichbar, und gleichzeitig fühlt er sich wieder authentisch an, als wäre das die einzige Rolle gewesen, die er jemals gespielt hat. Ein absolutes Ausnahmetalent. Er und Meryl Streep – das sind die beiden Giganten unserer Zeit. Aber auch die luxemburgische Newcomerin Vicky Krieps ist zu erwähnen. Furchtlos stellt sie sich in ihrer Rolle als Alma und als Schauspielerin der Naturgewalt von Daniel Day-Lewis. Ihre Rolle ist fordernd – denn sie muss gleichzeitig verletzlich und willensstark wirken, und das gelingt ihr außerordentlich gut. „Phantom Thread“ gehört definitiv jetzt schon zu den Highlights des Jahres und wird sich wohl auch in meiner Best of 2018-Liste wiederfinden.


8,5
von 10 Kürbissen