Drama

Jonas (2015)

Regie: Lô Politi
Original-Titel: Jonas
Erscheinungsjahr: 2015
Genre: Drama, Liebesfilm, Krimi
IMDB-Link: Jonas


Das kann ja mal passieren: Da erschießt man versehentlich den Lover der Angebeteten, der zufälligerweise noch der große Drogenboss in da Hood ist, betäubt und entführt daraufhin das Mädel und sperrt es in den Bauch eines großen Wals, der bei der Karnevalsprozession durch die Straßen gezogen werden soll. Business as usual halt. Dementsprechend souverän geht der junge Jonas mit der Situation auch um – inklusive Gaskocher und Installation einer provisorischen Dusche im Walbauch. Und da wir uns in der magischen Welt der Filme befinden, entflammt so einiges hier in diesem brasilianischen Liebesdrama, inklusive des Herzens der Angebeteten, Branca. Um die kleineren und größeren Schwierigkeiten zwischendurch zu meistern, wie etwa die lästige Drogenbande, die auf der Suche nach ihrem Chef ist, oder die Tatsache, dass landesweit nach dem Mädchen gefahndet wird, hat Jonas noch seinen jüngeren Halbbruder, der loyal jeden Scheiß mitmacht. Ich muss zugeben, dass diese Version von Jonas im Bauch des Wals inhaltlich durchaus reizvoll ist, und das Setting mit dem gefesselten Mädchen, das ausgerechnet aus Liebe entführt wurde, ohne es zu wissen, eine sinnliche Komponente hat, die mir gefällt. Auch die Kulisse selbst, das karge Innere des Wal-Modells, vermag zu überzeugen. Allerdings wird bei diesem gut gemeinten, von Machart und Inhalt her typischen Festival-Film, der mittlerweile auf Netflix gelandet ist, auf eines leider vergessen: die Motivation der Figuren. Die Handlungen dieser sind nicht wirklich nachvollziehbar, und mehr als einmal tauchte bei mir als Zuseher ein großes Warum auf der Stirn auf. Auch das Ende ist unbefriedigend – spektakulär zwar, aber irgendwie sinnlos. Da kann dann auch die dramatische Musik nicht darüber hinwegtäuschen, dass „Jonas“ in den besten Momenten zwar auf der Ebene der Sinne einiges zu bieten hat, unterm Strich und vor allem am Schluss aber dann doch nur heiße Luft ist.


5,5
von 10 Kürbissen

Der Brotverdiener (2017)

Regie: Nora Twomey
Original-Titel: The Breadwinner
Erscheinungsjahr: 2017
Genre: Animation, Drama
IMDB-Link: The Breadwinner


Kabul, Afghanistan, zu Beginn des neuen Jahrtausends und kurz vor Nine-Eleven. Das Land ist in den Händen der Taliban, die mit Gesetzeswillkür und religiösem Fanatismus das Leben der Menschen zu einem Minenfeld machen. Eine falsche Aussage, einmal jemanden am falschen Fuß erwischt, und schon sitzt man unschuldig im Gefängnis. So ergeht es dem Vater der jungen Parvana, einem alten Kriegsveteranen, der im Krieg gegen die Sowjetunion ein Bein verloren hat. Übrig bleiben Parvana, ihre ältere Schwester, ihre Mutter und ihr jüngster Bruder, ein Kleinkind. Die Repressalien der Taliban haben dazu geführt, dass Frauen sich nicht allein auf der Straße blicken lassen dürfen und vom Alltag so gut wie ausgeschlossen sind. Was also tun? Der Versuch der Mutter, gemeinsam mit Parvana zum Gefängnis zu gehen um ihren Mann zu sehen, geht fürchterlich schief. Parvana sieht keine andere Möglichkeit, ihre Familie vor dem Verhungern zu retten, und schneidet sich die Haare ab. Als Junge kann sie zumindest zum Markt einkaufen gehen. Dort trifft sie bald auf ihre ehemalige Mitschülerin Shauzia, die ebenfalls als Junge verkleidet ums Überleben kämpft. Gemeinsam schlagen sich die beiden durch, um genug Geld zusammenzubekommen, dass Parvana versuchen kann, die Obrigen im Gefängnis zu bestechen und ihren Vater zu befreien. In diese ohnehin schon sehr eindringliche und aufwühlende Geschichte eingearbeitet ist eine zweite Geschichte, jene vom jungen Helden Sulayman, der das Saatgut zurückbringen möchte, das ein bösartiger Elefantengott aus seinem Dorf gestohlen hat. Mit dieser Geschichte versucht Parvana, ihren verängstigten kleinen Bruder zu trösten – doch es geht hier um viel mehr. Diese fantastische Geschichte ist auch so etwas wie ihr eigenes Mantra – und am Ende, wo sich in dramatischer Weise die Ereignisse überschlagen, finden Realität und Fiktion auf bedrückende Weise zueinander. Der für einen Oscar nominierte Animationsfilm „The Breadwinner“ geht unter die Haut. Allerdings ist der Film trotz allem nicht deprimierend, sondern weiß eine Botschaft der Hoffnung zu vermitteln, auch wenn man als Zuseher die Realität und die Ereignisse nach 2001 kennt. Dennoch zeigt der Film vor allem eines: Das Wichtigste im Leben ist es, sich die Menschlichkeit zu bewahren – und diese findet man überall, auch an den finstersten Orten.


8,0
von 10 Kürbissen

Dolmetscher (2018)

Regie: Martin Šulík
Original-Titel: The Interpreter
Erscheinungsjahr: 2018
Genre: Drama, Roadmovie
IMDB-Link: The Interpreter


Es gibt wahrlich ungünstigere Voraussetzungen für einen Film als ein Aufeinandertreffen der beiden Altmeister Peter Simonischek und Jiří Menzel in den Hauptrollen in einer ungewöhnlichen Aufarbeitung der NS-Vergangenheit. Simonischek spielt hier den Sohn eines ehemaligen SS-Offiziers, der in der Slowakei Juden ermorden ließ. Menzel spielt Ali Ungár, den Sohn einer ermordeten Familie. Und eigentlich möchte Ungár bei seinem Wien-Besuch den Mörder seiner Familie stellen und ihm dann persönlich den Garaus machen für die Gräueltaten, die er begangen hat. Allerdings stellt er fest, dass er zu spät kommt. Und durch eine ungewöhnliche Bitte Georg Graubners (Simonischek) machen sich die beiden grundverschiedenen Charaktere, deren Väter auf völlig unterschiedlichen Seiten der Geschichtsbücher standen, auf den Weg in die Slowakei und auf eine Spurensuche, die schon bald beider Leben durcheinander rüttelt. An sich wäre das Stoff für ein wirklich exzellentes Drama, vor allem, wenn man auf solche erfahrenen Schauspielgiganten vertrauen kann. Aber darin liegt das Problem in Martin Šulíks „Dolmetscher“: Er vertraut der Geschichte nicht so recht. So müssen Simonischek und Menzel teils arg gestelzte und sehr unnatürlich wirkende Dialogzeilen von sich geben und ihre Figuren auch immer wieder ins Klamaukhafte ziehen, sei es beim Baden, wenn der fröhliche Lebemann Graubner mit Wohlstandswampe zunächst lachend ins Thermalbad hüpft, um sich anschließend von jungen Slowakinnen, die alle Klischees, die man so erwartet, vereinen, massieren zu lassen, während Ungár griesgrämig am Pool sitzt. Ja, wir haben es verstanden: Graubner ist gut drauf, weil er verdrängt, Ungár ist griesgrämig, weil seiner Familie ein unfassbar tragisches Schicksal widerfahren ist. Das alles wird mit Musik untermalt, die zum Einen ständig das gleiche Thema wiederholt (ich denke mal, der Komponist war hier echt günstig) und zum Anderen geklaut wirkt aus hundert deutschen Befindlichkeitsdramen der jüngeren Vergangenheit. Das Ende geht dennoch unter die Haut und lässt einen ansonsten eher nervigen Film länger nachwirken. Ein seltsam uneinheitliches Ding mit großem Potential, das mit Ausnahme der letzten zehn Minuten so gut wie nie ausgeschöpft wird.

 


4,5
von 10 Kürbissen

(Foto: Filmladen)

Women Without Men (2009)

Regie: Shirin Neshat
Original-Titel: Zanan Bedun-e Mardan
Erscheinungsjahr: 2009
Genre: Drama
IMDB-Link: Zanan Bedun-e Mardan


Shirin Neshat hat sich mit ihrem ersten Langfilm einiges vorgenommen: Die Aufarbeitung der politischen Ereignisse im Iran von 1953, als durch einen Militärputsch das ganze Land aus den Fugen geriet. Gleichzeitig eine Geschichte über die Selbstbestimmung und Rolle der Frau in diesem gesellschaftlichen Umfeld, und das erzählt anhand von vier Frauenschicksalen, die am Ende zusammenfinden. All das in sehr schön gefilmten Bildern, die eine ruhige und klare Ästhetik aufweisen, gedämpfte Farben, immer wieder tableauartige Anordnungen – ja, handwerklich ist „Women Without Men“ eine sehr sehenswerte Angelegenheit. Leider aber konnte mich die Geschichte nicht wirklich mitreißen, denn zum Einen hatte ich das Gefühl, dass Neshat einfach zu viel wollte, und so mäandert der Fokus ein wenig umher und es fällt schwer, sich auf die immer wieder in verschiedene Richtungen wandernde Geschichte zu konzentrieren. Zum Anderen werden immer wieder fantastisch-magische Elemente eingestreut, die ich zwar an sich gern mag, aber hier vielleicht sogar ein Stück weit zu subtil eingesetzt sind – die Geschichte ist nämlich an sich nicht dem magischen Realismus zuzuordnen, und so werfen diese Einschübe mich als Zuseher immer wieder mal raus. So gesehen ist „Women Without Men“ wohl ein interessanter und sicherlich auch wichtiger Film (vor allem die Darstellung der Frauen und ihrer Nöte, Ängste, Probleme, aber auch Sehnsüchte fand ich wirklich sehenswert), aber als mitreißend würde ich ihn trotz der Opulenz der Bilder nicht bezeichnen.


5,5
von 10 Kürbissen

(Foto: Polyfilm)

Am Strand (2017)

Regie: Dominic Cooke
Original-Titel: On Chesil Beach
Erscheinungsjahr: 2017
Genre: Drama, Liebesfilm
IMDB-Link: On Chesil Beach


England 1962. Das junge Paar Florence (Saoirse Ronan – und zum ersten Mal konnte ich ihren Vornamen richtig schreiben, ohne ihn vorher zu ergoogeln – wird aber auch Zeit, denn sie ist eine der besten Darstellerinnen überhaupt, die es derzeit auf den Leinwänden dieser Welt zu bewundern gibt) und Edward (Billy Howle) ist frisch vermählt und beginnt seine Flitterwochen in einem gediegenen Hotel am Strand. Der Anfang ist holprig, es liegt trotz der gegenseitigen Liebesbeteuerungen eine Spannung in der Luft, und schon bald wird klar, dass die beiden vor ihrer Heirat noch nicht miteinander geschlafen haben und die Sache nun hochgradig nervös angehen. Immer wieder geraten auch ihre Erinnerungen dazwischen, ans Kennenlernen, an die Schritte ihrer Beziehung. Ja, es ist eine sehr romantische Liebe, die hier gezeigt wird, aber auch eine der Gegensätze und Momente der Distanz, und schon bald fragt man sich als Zuseher, ob die beiden vielleicht nicht ein wenig überstürzt den Bund der Ehe eingegangen sind. Deutlich wird diese Frage aufgezeigt in dem Moment, in dem es im Bett zum ersten Mal zur Sache gehen soll, aber nun werden allmählich Wahrheiten angedeutet, die bislang immer verschwiegen wurden. „Am Strand“ ist ein Lehrbeispiel für fehlende oder zumindest fehlgeleitete Kommunikation. Was anfangs noch für fröhliches Glucksen im Saal sorgte, weil sich die beiden Turteltauben allzu patschert anstellen, wechselt immer mehr zu einem fassungslosen Bemitleiden angesichts der hilflosen Blicke und Gesten und des Unvermögens, das für alle Offensichtliche anzusprechen. Ronan und Howle liefern denkwürdige und oft sehr subtile Performances ab. Hier wird mehr über Bewegungen und das Verkrampfen von Körpern erzählt als durch Worte selbst. Ganz große Schauspielkunst und ein herausragendes Drehbuch! Was mir allerdings missfallen hat, ist, dass die Nebenfiguren oft nur zu Karikaturen gereichen und blass bleiben. Was in der Paarbeziehung so subtil erzählt wird, wird bei diesen Nebenfiguren plakativ kurz mit dem Hammer eingebläut. Und das ist schade. Ein wenig mehr Ausgewogenheit hier hätte dazu führen können, dass der Film einer meiner Highlights des Jahres wird. Aber auch so hat sich der Kinobesuch definitiv gelohnt. Das Ende ist bitter, wie nur das Leben selbst sein kann.


7,5
von 10 Kürbissen

(Foto: Thimfilm)

Auf der Suche nach Oum Kulthum (2017)

Regie: Shirin Neshat
Original-Titel: Looking for Oum Kulthum
Erscheinungsjahr: 2017
Genre: Drama, Biopic
IMDB-Link: Looking for Oum Kulthum


Oum Kulthum war die vielleicht berühmteste Sängerin Ägyptens und an ihrem Höhepunkt quasi Ägyptens Nationalheiligtum. Mir war sie, das muss ich ehrlich zugeben, bis zu Shirin Neshats Film kein Begriff. Aber man mag mir diese Bildungslücke nachsehen – denn zum Einen verstarb die große Künstlerin 1975 und zum Anderen trat sie mit einer einzigen Ausnahme niemals in Europa auf. Aber da sieht man wieder: Filmschauen bildet. Dass „Auf der Suche nach Oum Kulthum“ aber kein klassisches Biopic ist, geht bereits aus dem Titel hervor. Vielmehr zeigt der Film die Reise einer iranischen Regisseurin (Ähnlichkeiten mit real lebenden Personen sind hier sicherlich gewollt) zu sich selbst bzw. dem, was wichtig ist für sie. Sie dreht einen Film über Oum Kulthum, und dadurch, dass die Kamera der Kamera über die Schulter schaut und man die Produktion des Films mitverfolgt, bekommt man auch die Geschichte von Oum Kulthum erzählt. Eine raffinierte Struktur, die elegant ein übliches Problem des Biopics umgeht, nämlich der Anspruch auf Wahrhaftigkeit, der oft nicht eingelöst werden kann. Denn die Oum Kulthum in Shirin Neshats Film ist durch dieses Nacherzählen einer Biographie ganz klar als Neshats eigene Vision der Sängerin gekennzeichnet. Die echte Oum Kulthum war vielleicht ganz anders, aber das spielt hier keine Rolle. Auch geht es weniger um die Geschichte der ikonischen Künstlerin, sondern um jene der Regisseurin, die im Exil arbeiten muss und den Kontakt zu ihrem 14jährigen Sohn verloren hat. Im Laufe der Dreharbeiten ist sie gezwungen, ihre Ideen und Prioritäten zu hinterfragen. Das alles und die herausragend gefilmten Bilder machen aus „Auf der Suche nach Oum Kulthum“ einen wirklich interessanten Film. Allerdings zahlt Neshat auch einen Preis für die Verlagerung der Geschichte auf die Regisseurin und das Filmeschaffen selbst: Nämlich Oum Kulthum, diese faszinierende Persönlichkeit, wird dem Zuseher nicht greifbar. Ihre Lebensstationen werden eher rasch abgespult, und das Bild bleibt damit bestenfalls fragmentarisch. Eine kleine Randnotiz am Schluss: Der historische Saal des Wiener Metro Kinos kommt hier zu überraschenden Ehren und dient in einer Sequenz als Konzertsaalkulisse.


6,0
von 10 Kürbissen

(Foto: Filmladen)

Wuthering Heights – Emily Brontës Sturmhöhe (2011)

Regie: Andrea Arnold
Original-Titel: Wuthering Heights
Erscheinungsjahr: 2011
Genre: Drama, Historienfilm, Liebesfilm
IMDB-Link: Wuthering Heights


Emily Brontës Roman „Sturmhöhe“ ist ein Klassiker der britischen Literatur. Wikipedia listet nicht weniger als 19 Verfilmungen des Stoffs auf. Andrea Arnolds Film aus dem Jahr 2011 ist eine der jüngsten Adaptionen. Wieder im 4:3-Bildformat gedreht, bindet sie die berühmte Liebes- und Leidensgeschichte von Heathcliff und Catherine in fast schon stoische Landschaftsaufnahmen ein. Das Moor um Wuthering Heights bildet eine raue Kulisse für diese zarten Gefühle, die man oft nur aus Andeutungen erahnt. Arnolds „Wuthering Heights“ ist ein stiller, meditativer Film, auch das Drama kommt hier auf leisen Sohlen und ohne pompöse Hintergrundmusik daher. Das verlangt den Darstellerinnen und Darstellern (Shannon Beer und Kaya Scodelario als Catherine, Solomon Glave und James Howson als Heathcliff) ein sehr subtiles Spiel ab, das alle vier bravourös meistern. Überhaupt sind die Besetzungen von Heathcliff hervorzuheben. Nicht nur optisch sind sich Glave und Howson sehr ähnlich, sondern auch in Gestik und Mimik, in ihren fragenden Blicken, sodass man tatsächlich vergisst, dass es sich um zwei unterschiedliche Personen handelt, die den jugendlichen und den jungen erwachsenen Heathcliff spielen. Die optische Ähnlichkeit ist bei Beer und Scodelario zwar nicht mehr so gegeben, doch auch die beiden bemühen sich nach Kräften, einen einzigen Charakter aus ihren beiden Persönlichkeiten zu machen. Das einzige Manko, das der Film in meinen Augen hat, ist, dass er zeitweise doch etwas zäh ist, dass die gewollte Subtilität eben auch zu Lasten des Spannungsbogens geht. Um die gesamte Spieldauer von zwei Stunden konzentriert bei der Stange zu bleiben, bedarf es auch der einen oder anderen Willensanstrengung. Trotzdem: Bilder und Darsteller machen aus „Wuthering Heights“ für mich einen sehr sehenswerten Film.

(Dieser Film ist als Reiseetappe # 65 Teil meiner Filmreisechallenge 2018. Mehr darüber hier.)

 


7,5
von 10 Kürbissen

Tully (2018)

Regie: Jason Reitman
Original-Titel: Tully
Erscheinungsjahr: 2018
Genre: Drama, Komödie
IMDB-Link: Tully


Das mit der Familie ist so eine Sache. Das Mutterglück ist das größte Glück auf Erden, sagen viele. Kinder zu kriegen, eine große Familie zu gründen, hach, da zieht es einem doch das selige Lächeln auf. Nun ja, wie so oft gibt es auch hier zwei Seiten, und ein Baby zu haben ist eben nicht nur pures Glück, sondern auch mit Anstrengung verbunden, mit schlaflosen Nächten, Augenringen, dem Aufgehen in Chaos, da darunter naturgemäß auch andere Dinge wie zum Beispiel der Haushalt leiden müssen oder die anderen Kinder oder die Beziehung oder alles zusammen. So geht es Margo (Charlize Theron mit einer brillanten Darstellung), die sich mit zwei Kindern (eines davon ziemlich neurotisch), einem liebevollen, aber nicht besonders hilfreichen Ehemann und nun eben auch einem Neugeborenen abplagen muss. Klar schlägt das irgendwann auch aufs Gemüt. Gut, dass es Tully (Mackenzie Davies) gibt, die als „Night Nanny“ dafür sorgt, dass die Mutter mal wieder ausschlafen kann, während sich die Nanny um ihr Baby kümmert. Und Tully kann noch viel mehr als das: Morgens ist die Wohnung blitzblank, es stehen frisch gebackene Cupcakes auf dem Tisch und überhaut wird die junge, lebenslustige Frau zur Freundin und Therapeutin der Mutter, die allmählich zu sich selbst und ihrem Leben zurückfindet. Eine Verbindung entsteht, die enger und vertrauter ist als zwischen Nanny und Dienstgeberin für gewöhnlich so ist – und das hat natürlich auch Folgen. „Tully“ ist eine gute Mischung aus Komödie und Drama, denn das Mutterglück und -leid sorgt zwar erst einmal für den einen oder anderen verständisvollen Lacher, aber niemals auf Kosten der Figuren oder der Geschichte. „Tully“ ist eine ernsthafte Angelegenheit. Das Drehbuch von Diablo Cody (schon oscar-prämiert für „Juno“) ist ausgewogen und seriös und sorgt dafür, dass man gedankenverloren aus dem Kino geht mit dem Gefühl, zwar unterhalten worden zu sein, aber auch etwas verstanden zu haben. Nämlich wie viel Arbeit es auch bedeutet, eine Familie zu haben, dass nichts selbstverständlich ist und man sich stets bemühen muss. Und auch wenn mir das Thema persönlich jetzt nicht allzu nah ist, so kann ich dennoch viel anfangen mit diesem Film und seiner Herangehensweise an sein Thema.


7,5
von 10 Kürbissen

(Foto: Thimfilm)

Die Eiserne Lady (2011)

Regie: Phyllida Lloyd
Original-Titel: The Iron Lady
Erscheinungsjahr: 2011
Genre: Biopic, Drama, Politfilm, Historienfilm
IMDB-Link: The Iron Lady


Maggie, der britische Eisenschädel. Sie war und ist nicht unumstritten, und bei allen Verdiensten um Großbritannien, als besonders mitfühlend geht sie wohl nicht in die Geschichte ein. Sie fuhr schon einen harten Kurs, den vor allem die Arbeiterschicht am eigenen Leib zu spüren bekam. Thatcherism ist in der historischen Nachbetrachtung nicht unbedingt als besonders positiv eingeordnet. Aber wie sieht es um das Privatleben der Eisernen Lady aus? Phyllida Lloyd ging der Frage in ihrem Biopic aus 2011 nach. Und sie konnte sich dabei auf ihre Hauptdarstellerin verlassen, der unnachahmlichen Meryl Streep, die mal wieder völlig zurücktrat, um in ihrer Rolle als Margaret Thatcher aufzugehen. Verdient gab es dafür erneut einen Oscar für Streep als beste Darstellerin. Doch was bietet „Die Eiserne Lady“ darüber hinaus? Der Bogen ist jedenfalls interessant gespannt. Gleich zu Beginn sieht man Margaret Thatcher als alte Dame. Sie wird in ihrem Haus streng bewacht und führt Gespräche mit ihrem verstorbenen Mann (Jim Broadbent). Wir erleben Thatcher auf dem Boden ihres Lebens als demente Witwe. Und doch geht von ihr bzw. Streeps Darstellung eine große Kraft aus. In Erinnerungen und Flashbacks werden schließlich – schön chronologisch wie in den meisten Biopics – die wesentlichen Stationen ihres Lebens nacherzählt. Durch die Verknüpfung dieser Erinnerungen mit der Erkrankung wird der Film auch zu einem Drama über Altern, Krankheit und Demenz. Doch genau der Fokus auf diesen sehr menschlichen Aspekt in Thatchers Biographie lenkt ein wenig von ihrem Werden und Wirken als Politikerin ab. Immer wieder wird man als Zuseher an Punkte wichtiger Entscheidungen geführt, die sie getroffen hat, doch es bleibt meistens unklar, warum sie diese Entscheidungen so gefällt hat, wie sie es eben getan hat. Die (natürlich in der Politik oft komplexen) Hintergründe bleiben unklar. Und so besteht „Die Eiserne Lady“ primär aus einer Ansammlung von Anekdoten, die bestenfalls lose zusammenhängen. Das große Ganze erschließt sich nicht. Allerdings ist Meryl Streep dermaßen überragend, und gerade eben die Einbettung der Biographie in die Krankheitsgeschichte packt einen emotional dann doch, sodass der Film trotzdem immer interessant bleibt.

 


6,5
von 10 Kürbissen

Wolken ziehen vorüber (1996)

Regie: Aki Kaurismäki
Original-Titel: Kauas Pilvet Karkaavat
Erscheinungsjahr: 1996
Genre: Drama, Komödie
IMDB-Link: Kauas Pilvet Karkaavat


Die Kunst des Aki Kaurismäki besteht darin, dass er völlig banale, alltägliche Geschichten mit völlig banalen, alltäglichen Problemen erzählt, die durch seinen lakonischen Blick plötzlich sichtbar werden – und interessant. Man findet als Zuseher rasch eine Verbindung zu den Problemen, mit denen sich die Protagonisten herumschlagen müssen. In „Wolken ziehen vorüber“ ist es die Arbeitslosigkeit, die am verheirateten Paar Ilona (Kati Outinen) und Lauri (Kari Väänänen) nagt. Ilona war Kellnerin im Dubrovnik, einem altehrwürdigen Nobelrestaurant, das schon etwas in die Jahre gekommen ist und nun schließen musste, und Lauri, den Straßenbahnfahrer, treffen die Sparmaßnahmen der städtischen Verkehrsbetriebe. Die Aussichten sind nicht besonders rosig. Ilona ist mit fast 40 für viele potentielle Arbeitgeber zu alt, um noch im Service zu arbeiten, Lauri, der eigentlich zum Busfahrer umsatteln wollte, wird der Führerschein abgenommen. Es folgt der vorhersehbare, aber dennoch unaufhaltsame Fall. Alkohol. Eheprobleme. Diese Themen schneidet Kaurismäki an, und er beschönigt dabei nichts, wirft aber auch keinen voyeuristischen Blick darauf. Vielmehr sind Kaurismäkis Bilder immer mitfühlend. Und seine Helden wissen sich am Ende dann doch immer zu helfen. Sie nehmen ihr Leben in die Hand, manchmal mit ungeschickten Mitteln, manchmal impulsiv, aber am Ende sind es dann doch zumeist positive Beispiele, die uns Kaurismäki gibt. So auch Ilona und Lauri, die nach ihrer Fahrt durch die Hölle von Depression und Arbeitslosigkeit beschließen, ein eigenes Restaurant zu eröffnen und ihr Glück in die eigene Hand zu nehmen. „Wolken ziehen vorüber“ ist die Geschichte eines Falls und einer Wiederauferstehung. Diese Geschichte ist schmerzhaft und schön, traurig und witzig zugleich. Kaurismäki eben.


8,0
von 10 Kürbissen