Drama

Die Fremde (2010)

Regie: Feo Aladag
Original-Titel: Die Fremde
Erscheinungsjahr: 2010
Genre: Drama
IMDB-Link: Die Fremde


Die liebe Familie. Während in unserer Gesellschaft Familie zwar wichtig, aber in der Regel nicht das eigene Leben völlig bestimmend ist, richtet sich in anderen Kulturkreisen noch immer alles am Wunsch und den Zielen der Familie aus. So auch in der türkischen Kultur, wie Feo Aladag in ihrem bedrückenden Drama „Die Fremde“ zeigt. Sibel Kekilli spielt darin die junge Deutsch-Türkin Umay, die mit ihrem Sohn ihren gewalttätigen Mann in der Türkei verlässt und wieder zu ihren Eltern nach Deutschland zieht. Damit beschwört sie eine Familienkrise herauf, die sich gewaschen hat. Denn innerhalb der türkischen Community hat durch Umays Handeln die Familie nun ihr Gesicht verloren und Schande auf sich gebracht. Darunter leidet Umays jüngere Schwester, deren Verlobung zu platzen droht, darunter leiden Umays Brüder, die sich nun in Lokalen blöd anpöbeln lassen müssen, darunter leidet der Vater, der so sehr auf die Familienehre bedacht ist. Und natürlich leidet vor allem Umay darunter, die zerrissen ist zwischen dem Wunsch, es ihrer Familie recht zu machen, und ihrer Angst davor, ihren Sohn an den ungeliebten Ehemann zu verlieren. Also wird sie mehr und mehr zur Außenseiterin, bis die Situation auf drastische Weise eskaliert. Nein, „Die Fremde“ ist definitiv kein Wohlfühlkino, sondern schwere Kost und auch sehr bedrückend. Sibel Kekilli macht einen ausgezeichneten Job, und als Zuseher leidet man mit ihrer Umay, die eine ganze Bandbreite von Emotionen durchläuft. Völlig zurecht wurde Kekilli für ihre Darstellung mit einigen renommierten Preisen überhäuft wie beim Deutschen Filmpreis oder dem Tribeca Film Festival. Allerdings hat der Film auch seine Schwächen – nämlich eine teils sehr zähe Dramaturgie und einige Längen. Auch wünschte man sich, dass einige der interessanten Nebenfiguren wie beispielsweise der potentielle Love Interest eine stärkere Profilierung bekommen hätten. Diese Figuren bleiben blass und nichtssagend – im Gegensatz zu Umay, der Hauptfigur, und ihrem Vater (überzeugend gespielt von Settar Tanrıöğen). Die beiden tragen mit ihrem Konflikt den Film, der dann doch wiederum über die ganze Laufzeit interessant bleibt. Und das Ende hallt ohnehin lange nach.

 


6,5
von 10 Kürbissen

Nico, 1988 (2017)

Regie: Susanna Nicchiarelli
Original-Titel: Nico, 1988
Erscheinungsjahr: 2017
Genre: Biopic, Musikfilm, Drama
IMDB-Link: Nico, 1988


Nico war ein Phänomen. Das erste deutsche Supermodel, Pop-Art-Ikone, Musikerin mit The Velvet Underground – ihr viel zu kurzes Leben hätte wohl mehr Biographien gefüllt als manche mehrere Hundert Jahre zurückgehende Familienchronik. 1988 kam sie bei einem Fahrradunfall auf Ibiza zu Tode. „Nico, 1988“ von Susanna Nicchiarelli steigt genau dort ein: Man sieht die Sängerin (überragend verkörpert von Trine Dyrholm, aber dazu gleich mehr) auf der Finca, sie nimmt das Fahrrad und verabschiedet sich von ihrem Sohn. Cut. Zwei Jahre davor ist Nico mit ihrer internationalen Band auf Europatournee. Diese hat ihr Manager Richard eingefädelt, der ebenfalls mit von der Partie ist und versucht, die exzentrische und schwer drogenabhängige Nico samt ihrer Begleitband bei Laune zu halten, sodass die Auftritte einigermaßen professionell über die Bühne gehen können. Zwar muss man kleinere Brötchen backen als früher (so sind alle in einem VW-Bus zusammengepfercht und mit der Qualität ihrer Tourneemusiker ist Nico nicht so ganz einverstanden), aber der Hauch von Mysterium und Nostalgie umweht die verschlossene Ausnahmekünstlerin Nico. Immer noch fasziniert sie die Menschen, die in ihren Bann geraten. Doch sie hat ein schweres Kreuz zu tragen – ihr Versagen als Mutter bei ihrem Sohn Ari. Und so ist diese Reise durch Europa mehr eine Reise zu sich selbst und der Versuch, inneren Frieden zu finden. „Nico, 1988“ ist ein klassisches Biopic, das aber dank seiner gewaltigen Hauptdarstellerin Trine Dyrholm deutlich über den Durchschnitt hinausragt. Trine Dyrholm spielt Nico nicht, sie wird zu Nico. Das geht so weit, dass sie die Songs selbst singt und man kaum einen Unterschied bemerkt. Auch der Rest des Casts weiß zu überzeugen, kommt aber mit Ausnahme von John Gordon Sinclair, der mit viel Herzenswärme den Manager Richard spielt, nicht wirklich über die Rolle als Stichwortgeber hinaus. Zu sehr ist alles auf Trine Dyrholm und ihre verletzliche und doch so stolze Nico konzentriert. In diesem Fall ist das aber in Ordnung, denn sie macht in ihrer fragilen Darstellung Nico zu einem Menschen, dem wir auf diese Weise tatsächlich näher kommen. Dazu gibt es jede Menge gute Musik und sehr starke Bilder. Vielleicht hätte man den Film noch ein bisschen straffen können, aber sei’s drum. „Nico, 1988“ ist einfach ein richtig guter Film.


7,5
von 10 Kürbissen

(Foto: Filmladen)

Cocote (2017)

Regie: Nelson Carlo de los Santos Arias
Original-Titel: Cocote
Erscheinungsjahr: 2017
Genre: Drama
IMDB-Link: Cocote


Obacht! Heute bin ich auf Krawall gebürstet. Der Grund dafür liegt in der Sichtung von „Cocote“, dem Spielfilmdebüt des aus der Dominikanischen Republik kommenden Regisseurs Nelson Carlo de los Santos Arias, der zumindest einen lässigen Namen hat. „Cocote“ erzählt die Geschichte von Alberto, der aus der Hauptstadt in die Heimat in der Provinz reist, um dem Begräbnis seines verstorbenen Vaters beizuwohnen. Problem 1: Der gute Herr ist schon unter der Erde, und die Familie hat Alberto unter dem Vorwand des Begräbnisses hergelockt, um mit ihm gemeinsam die neuntägige Trauerveranstaltung durchzuführen mit den dazugehörigen Riten, die er als evangelischer Christ natürlich nicht so leiwand findet. Problem 2: Der alte Herr ist ermordet worden, und nun soll Alberto die Sache in die Hand nehmen und den Mörder meucheln, was auch wiederum nicht so ganz mit seinen christlichen Werten vereinbar ist. So weit, so interessant. Was „Cocote“ aber tatsächlich zeigt, sind 1,5 Stunden lang Gesänge und Gebete. Manchmal dreht sich die Kamera um die Achse, gelegentlich sind Füße zu sehen und einmal wird ein Huhn geschlachtet. Frauen schreien sich hysterisch und grundlos an, und als Action-Part kann man es durchaus schon bezeichnen, wenn mal drei Leute um ein Lagerfeuer sitzen. Dazu kann sich der Regisseur (eben jener mit dem schönen Namen) nicht entscheiden, ob er den Film im Format 4:3 oder doch 16:9 haben möchte, ob er Schwarz-Weiß sein soll oder in Farbe, ob er grobkörnig oder scharf sein soll – also macht er einfach alles. Der Eintopf, der auf diese Weise zusammengemixt wird, bedarf schon eines cineastischen Saumagens, damit er verdaut werden kann. Für ein eineinhalbstündiges Nickerchen eignet sich der Film dennoch.


2,0
von 10 Kürbissen

(Foto: Filmgarten)

Persepolis (2007)

Regie: Marjane Satrapi und Vincent Paronnaud
Original-Titel: Persépolis
Erscheinungsjahr: 2007
Genre: Animation, Biopic, Drama, Politfilm
IMDB-Link: Persépolis


Kind zu sein, aufzuwachsen und erwachsen zu werden ist per se schon mal eine unfassbar schwierige Übung. Doch das, was wir wohlstandsverwöhnten Rotzpippn in den Jahren vor, während und nach der Pubertät erleben, ist kein Vergleich zu Marjane Satrapis Aufwachsen. Die iranische Filmregisseurin erlebte als Kind die Islamische Revolution im Iran mit – mit allen negativen Auswüchsen, die die neu ausgerufene Republik in weiterer Folge so zeigte. Ihr Onkel wurde ermordet, viele Freunde verloren Familienmitglieder, die Regeln der patriarchischen Gesellschaft für Frauen wurden strenger und strenger, bis sie in offene Repressalien mündeten. Dem gegenüber steht die Freude am Leben, die sich in illegalen Feiern zeigt oder, wie bei Marjane, in der Liebe zu Hard Rock und Punk. Auch sind weder sie noch ihre Mutter oder Großmutter je um einen Spruch verlegen, wenn sie blöd angemacht werden. Doch die Zeiten sind gefährlich, und so beschließen ihre Eltern, Marjane nach Wien zu schicken, wo sie in Sicherheit aufwachsen soll. Marjane Satrapis Blick zurück ist ausgewogen und reflektiert – sie vergisst weder die guten, unbeschwerten Momente wie jene der völligen Verzweiflung. Dies alles wird mit einer wundervollen Lakonie in einfachen, aber effektiven Schwarz-Weiß-Zeichnungen erzählt. Auch geht Satrapi sehr selbstironisch mit ihrer Entwicklung um, mit den Entscheidungen, die sie gefällt hat, den guten wie den schlechten. Und sie begreift alles, was ihr zugestoßen ist, als Schritte in einem Entwicklungsprozess, der wohl nie abgeschlossen ist – wie es eben so ist im Leben. Das alles macht aus „Persepolis“ einen wirklich wunderbaren Coming of Age-Film mit einer klaren politischen und gesellschaftlichen Dimension, die den Film gerade für uns westliche Zuseher noch einmal zusätzlich hervorhebt über die meisten anderen guten Coming of Age-Filme. Unbedingt empfehlenswert, unabhängig davon, ob man sich für diese Art der Animation begeistern kann.


8,0
von 10 Kürbissen

Fish Tank (2009)

Regie: Andrea Arnold
Original-Titel: Fish Tank
Erscheinungsjahr: 2009
Genre: Drama
IMDB-Link: Fish Tank


Für manche Menschen ist das Leben wie in einem Aquarium. Man dreht immer die selben Kreise und erhascht gelegentlich einen Blick darauf, wie es draußen, außerhalb der Glaswände, sein könnte, ohne aber selbst je die Chance zu haben, an diesem Draußen teilzunehmen. So ergeht es auch der 15jährigen Mia (Laiendarstellerin Katie Jarvis mit einer furiosen Darstellung) Ihre Mutter (Kierston Wareing) ist alkoholkrank, die jüngere Schwester nervig, sie selbst hat die Schule geschmissen und strawanzt in der abgefuckten Gegend herum, in der sie lebt, sucht Streit, trinkt und versucht, Ablenkung im Hip Hop-Tanz zu finden, den sie allein in einer nicht fertig gestellten Wohnung über den Dächern von Essex übt. Doch dann tritt Connor (Michael Fassbender), der neue Freund ihrer Mutter, in ihr Leben und schenkt ihr Aufmerksamkeit. Gegen anfänglichen inneren Widerstand baut Mia allmählich Vertrauen zu dem Mann auf. Plötzlich scheint so etwas wie Geborgenheit und Harmonie in Griffweite für Mia zu sein, und auch sie selbst wird zugänglicher, nimmt soziale Beziehungen auf, die nicht nur darin bestehen, sich gegenseitig Slang-Ausdrücke um die Ohren zu schmeißen und sich aggressiv vor die Brust zu stoßen. Doch dann kommt es eines Nachts zu einem alkoholbedingten Zwischenfall, der diese fragile Harmonie wieder ins Wanken bringt – und die Weichen stellt für die Entscheidung, welcher Mensch Mia einmal sein wird. Der von der Kritik gefeierte Film „Fish Tank“ von Andrea Arnold ist ein Sozialdrama par excellence. Gedreht in dem für Arnold üblichen Format 4:3 wird das Beengende der sozialen Situation Mias auch optisch auf den Punkt gebracht. Das Kernstück des Films ist aber die vielschichtige und ehrliche Leistung von Katie Jarvis, die ihrer Mia ein großes Spektrum an Ausdrucksmöglichkeiten zur Verfügung stellt – über Gestik und Mimik, über Blicke und den gut sitzenden Jugendjargon. Hier wirkt keine einzige Bewegung, kein einziger Satz gekünstelt. Mia ist so wütend und gleichzeitig verletzlich, so altklug wie naiv, wie es nur 15jährige sein können. Zwar entfaltet der Film noch nicht den gleichen Sog wie das spätere Meisterwerk American Honey, aber Andrea Arnolds Sozialstudie weiß dennoch zu fesseln, und man wünscht trotz allem, was am Ende schief rennt, Mia für ihr weiteres Leben nur das Allerbeste und dass sie ausbrechen kann aus ihrem Aquarium.


7,5
von 10 Kürbissen

Böse Zellen (2003)

Regie: Barbara Albert
Original-Titel: Böse Zellen
Erscheinungsjahr: 2003
Genre: Drama, Episodenfilm
IMDB-Link: Böse Zellen


Manu (Kathrin Resetarits) macht in Rio de Janeiro Urlaub, und auf dem Rückflug stürzt das Flugzeug ab. Wie durch ein Wunder überlebt sie. So die Eingangssequenz von Barbara Alberts Episodenfilm „Böse Zellen“. Schnitt. Sechs Jahre später. Manu ist verheiratet mit Andreas (Georg Friedrich), hat eine kleine Tochter und geht noch immer gern mit ihrer besten Freundin Andrea (Ursula Strauss) feiern. An einem Abend kommt es zur Katastrophe, als Manu am Heimweg von einem entgegenkommenden abgeschossen wird und stirbt. Episodenhaft wird im Anschluss aus dem Leben von Menschen erzählt, die mehr oder weniger das soziale Netz von Manu geformt haben. Der trauernde Witwer fängt sich etwas mit Andrea an. Manus Schwester hat ein massives psychisches Problem, vielleicht auch ein Drogenproblem, und lässt sich von einem einbeinigen Lustmolch aushalten. Der Bruder, ein verpeilter Lehrer, verschaut sich ein bisschen in eine Schülerin, die wiederum Probleme mit ihrer Mutter hat, die sie kaum wahrzunehmen scheint, da sie selbst all ihre Aufmerksamkeit auf den Gendarmen Karl legt, in den sie verschossen ist. Ein Mitschüler wiederum, der das entgegenkommende Auto gelenkt hat, fühlt sich schuldig an der Querschnittslähmung seiner Freundin, die damals ebenfalls im Auto gesessen ist. Eine weitere Mitschülerin, die in der Schule gemobbt wird, legt Séancen. Und irgendwie geht das alles nicht wirklich zusammen, die Geschichten bleiben kaleidoskopartig aufgefächerte Bruchstücke. Das verbindende Element aller Figuren und Geschichten ist eine tiefe innere Einsamkeit und die Unfähigkeit, diese zum Ausdruck zu bringen oder etwas dagegen zu tun. Ein Feelgood-Movie ist „Böse Zellen“ definitiv nicht, eher anstrengend. Auch zeigt der Film deutlich auf, wie schwer es ist, gute jugendliche Darsteller/innen zu casten. Das, was die so spielen, wirkt teilweise arg hölzern. Aber: Die Figuren sind allesamt immerhin so lebensnah dargestellt und viele Episoden in sich geschlossen auch interessant, sodass man dann doch einigermaßen neugierig dranbleibt. Insgesamt ein seltsames Werk – nichts, was man sich öfter ansehen muss.


5,5
von 10 Kürbissen

Wendy and Lucy (2008)

Regie: Kelly Reichardt
Original-Titel: Wendy and Lucy
Erscheinungsjahr: 2008
Genre: Drama
IMDB-Link: Wendy and Lucy


Wendy möchte nach Alaska, um dort nach Arbeit zu suchen. Sie hat nicht viel dabei – ein altes Auto, knapp über 500 Dollar und ihren geliebten Hund Lucy. Sie schläft im Auto oder bei jungen Obdachlosen neben den Bahngleisen. Und von Oregon ist der Weg noch weit. Als sich ihr Auto nicht mehr starten lässt und auch noch das Hundefutter ausgeht, trifft sie eine folgenschwere Entscheidung – nämlich ein paar Dosen Hundefutter unbezahlt aus dem örtlichen Supermarkt mitgehen zu lassen, was nicht unentdeckt bleibt. Von da an nimmt eine Kette unglücklicher Ereignisse ihren Lauf, deren primäres Unglück das Verschwinden von Lucy ist. Nur ein alter Wachmann hilft der jungen Frau, die ohne Auto, ohne Telefon, ohne Hund, nahezu pleite und obdachlos in diesem kleinen Kaff gestrandet ist. Aber auch er kann nicht zaubern, und das bisschen Mitgefühl, was er mitbringt, ist eigentlich das, was man als Mindestmaß unter Mitmenschen erwarten darf. Doch so funktioniert die Welt nun einmal nicht. „Wendy und Lucy“ ist ein – ganz im Stile Kelly Reichardts – ein sehr langsam und schonungslos erzähltes Sozialdrama, das allerdings ihre Hauptfigur nicht ausweidet. Die Kamera hält einfach drauf und folgt Wendy, ohne dazu einen Kommentar abgeben zu wollen. Dieser bleibt den Zusehern vorbehalten. Warum kam Wendy in diese prekäre Lage? Was ist mir ihrer Familie? (Aus einem kurzen Telefonat geht hervor, dass es zumindest eine Schwester gibt, die auf Wendy aber nicht gut zu sprechen ist bzw. von ihr genervt zu sein scheint.) Die Hintergründe bleiben im Verborgenen. Kelly Reichardt erklärt nichts – sie zeigt nur eine junge Frau, die an den Minimalanforderungen der Zivilisation scheitert. Und das ist schon Aussage genug. Dennoch: Ein bisschen mehr über die Hintergründe zu wissen, wäre vermutlich hilfreich gewesen, noch mehr in den Film und in Wendys Situation hineinzukippen. Aber das ist eben nicht Kelly Reichardts Stil, die sich selbst – so empfinde ich es – als Beobachterin und nicht als Erzählerin sieht.


7,0
von 10 Kürbissen

(Foto: Stadtkino Filmverleih)

Third Star (2010)

Regie: Hattie Dalton
Original-Titel: Third Star
Erscheinungsjahr: 2010
Genre: Drama
IMDB-Link: Third Star


Sherlock stirbt. Also nimmt er Dr. Watson und zwei weitere Freunde mit auf einen Spaziergang durch die Wildnis Englands, um in seiner Lieblingsbucht noch einmal schwimmen zu gehen. Kombiniere, kombiniere: Auf dem langen Hatscher durchs Grün bleibt genug Zeit, um herumzualbern und markige Sprüche loszulassen, um im nächsten Augenblick boshafte Wahrheiten auszuteilen, gemäß dem Motto „wann, wenn nicht jetzt“.  So gesehen ist „Third Star“ der britischen Regisseurin Hattie Dalton ein recht routiniertes Befindlichkeitskino über Freundschaften und unbequeme Wahrheiten, die im Angesicht des Todes ausgesprochen werden. Dass die überraschungsfreie Geschichte dennoch nett anzusehen ist, liegt am gut aufgelegten Darsteller-Quartett (allen voran Benedict Cumberbatch als krebskranker James) und der dabei entstehenden guten Chemie zwischen den Burschen. Auch wird die tragische Geschichte immer wieder mit Prisen von Humor gewürzt, der allerdings nie platt wirkt. Einzig die Machosprüche der Protagonisten, die dahinter ihre eigenen Unsicherheiten verbergen, sind vielleicht an der einen oder anderen Stelle etwas zu plakativ eingesetzt. Allerdings ist „Third Star“ auch nicht die ganz große Indie-Perle, als die er sich gerne positionieren möchte, denn, wie gesagt, die Story selbst gibt im Grunde nicht viel her außer einem langen Spaziergang von Freunden durch die Pampa und einem vorhersehbaren Ende. Eine große philosophische Abhandlung über das Leben kann man da nicht unbedingt herausziehen. Aber die Geschichte ist sensibel und gefühlvoll erzählt und bemüht sich zumindest, nicht allzu sehr auf die Tränendrüse zu drücken. Das hätte angesichts des Themas auch ganz anders sein können.

PS: Ich will einen Film sehen, in dem JJ Feild und Tom Hiddleston Brüder spielen.


6,0
von 10 Kürbissen

Tag und Nacht (2010)

Regie: Sabine Derflinger
Original-Titel: Tag und Nacht
Erscheinungsjahr: 2010
Genre: Drama, Erotik
IMDB-Link: Tag und Nacht


Zwei jungen, privilegierten Kunststudentinnen (Anna Rot und Magdalena Kronschläger) ist fad im Schädel. Für den Extrakick und die nette Kohle, die damit einhergeht, beschließen sie, gemeinsam im ältesten Gewerbe der Welt tätig zu werden und für eine Escort-Agentur zu arbeiten. Dort haben sie viele seltsame Begegnungen, und allmählich verschieben sich die Prioritäten, denn natürlich macht das etwas, wenn man mit Geld zugeschüttet wird für Sex. So leiden beispielsweise zwischenmenschliche Beziehungen wie jene zu Claus (Manuel Rubey, der dank eines Paktes mit dem Teufel in 80% aller österreichischen Filmproduktionen mitspielt), und der Fokus auf das Studium leidet durchaus. Und natürlich gehen auch die Dates nicht spurlos an den beiden Königinnen der Nacht vorbei. Da Sabine Derflinger, für Buch und Regie verantwortlich, sämtliche Freier als perverse Vollidioten darstellt, gibt es auch dort reichlich Konfliktpotential – mal mit besserem, mal mit schlechterem Ausgang für die Escortgirls. Am Ende kommt es natürlich zum großen Knall. Bis dahin ist „Tag und Nacht“ ein unentschlossenes Werk. Wie gesagt, die Freier haben allesamt einen gewaltigen Klopfer, aber davon abgesehen ist der Film durchaus auf Hochglanz poliert und weiß nicht so recht, wie er sich positionieren will. Die Mädchen machen alles freiwillig, sogar ihr Chef (der gerade bei den Salzburger Festspielen gefeierte Philipp Hochmair) ist verhältnismäßig nett, Schattenseiten werden kaum thematisiert – aber andererseits ist durch das Bild, das von den Kunden gezeichnet wird, und das durchaus mitreißende und verstörende Ende auch wiederum der erhobene Zeigefinger zu sehen. Damit reiht sich der Film ein in die Riege jener moralischen Werke, die ein bisschen auf verrucht tun möchten und sich dem Thema der Prostitution annehmen, ohne aber wirklich Überraschendes dazu sagen zu können. Aber das – abgesehen vom Männerbild, das hier gezeigt wird – immerhin subtiler als so manch anderer Film.


5,0
von 10 Kürbissen

(Foto: Stadtkino Filmverleih)

Foxtrot (2017)

Regie: Samuel Maoz
Original-Titel: Foxtrot
Erscheinungsjahr: 2017
Genre: Drama, Anti-Kriegsfilm
IMDB-Link: Foxtrot


Einer Familie wird die traurige Nachricht überbracht, dass deren einziger Sohn, der gerade seinen Militärdienst absolviert, beim Einsatz getötet wurde. Völliger Zusammenbruch von Mutter und Vater. Der Onkel trifft bald ein, um die Familie in ihrer Trauer zu unterstützen. Der Militär-Rabbi kümmert sich um die Formalitäten der Beerdigung. Der Vater, zunächst stoisch in seiner Fassungslosigkeit, kann den Schmerz nur ausdrücken, indem er sich die Hand verbrüht. Doch dann klopfen die Militärs erneut mit gesenkten Häuptern. Es war alles eine riesengroße Verwechslung, ein Irrtum. Ein Anderer ist im Kampf gefallen, dem Sohn geht es wunderbar – er sitzt am Checkpoint im Nirgendwo und ist wohlauf. Jetzt kriegt der Vater einen Auszucker. Das Militär hat dafür zu sorgen, dass nach diesem Schock der Sohn so schnell wie möglich nach Hause kommt. Dieser sitzt in der Zwischenzeit, wie man im zweiten Teil des Films sieht, mit drei Kameraden wirklich am Arsch der Welt in einem im Sumpf versinkenden Container, wo er gelegentliche passierende Autos überprüfen muss und den Schranken für Kamele, die ungerührt auf der Straße spazieren, hebt. Doch eines Abends geht etwas fürchterlich schief bei einer Routineüberprüfung. Und sie bricht herein, die Gewalt, die schon – wie man im dritten Teil erfährt – dem Vater zu schaffen gemacht hat. „Foxtrot“ ist eine sehr intelligente, emotional starke Abhandlung über die Sinnlosigkeit des militärischen Apparates, über die Spirale der Gewalt, über Angst und unterdrückte Schuldgefühle. Exzellent gespielt, im zweiten Teil mit absurd-lakonischem Humor gewürzt, und formal spannend. Vieles wird angedeutet, aber nicht explizit erzählt, und der Film macht den Tanz, von dem er seinen Titel entleiht, zum Thema: Ein Schritt vor, ein Schritt zur Seite, ein Schritt zurück, wieder ein Schritt zur Seite – am Ende landet man beim Foxtrot immer bei der Ausgangssituation. Dieser Film ist wirklich ein Ereignis – das lediglich am Ende mit einem etwas anderen Twist noch eindringlicher hätte sein können.


8,0
von 10 Kürbissen

(Foto: Polyfilm)