Drama

Widows – Tödliche Witwen (2018)

Regie: Steve McQueen
Original-Titel: Widows
Erscheinungsjahr: 2018
Genre: Thriller, Krimi, Drama
IMDB-Link: Widows


Der Beginn hat es in sich: Gefühlt fünf Minuten und schon steht der Van, in dem eine Verbrecherbande nach ihrem Coup die Flucht versucht, nach heftigem Polizeibeschuss in Flammen. Zurück bleiben die trauernden Witwen Veronica, Linda und Alice (Viola Davis, Michelle Rodriguez, Elizabeth Debicki), die allesamt je einen Mann weniger und viele Sorgen mehr haben. Denn das von ihren Göttergatten gestohlene Geld gehörte dummerweise Jamal Manning (Brian Tyree Henry), der als Außenseiter für das Amt des Bezirksvorstehers kandidieren möchte gegen den windigen Eliteklasse-Vertreter Jack Mulligan (Colin Farrell). Und Manning ist ein Mann, der endlich das große Stück vom Kuchen will, koste es, was es wolle. Und das lässt er auch Veronica spüren. Er will sein Geld wiederhaben, oder sein Kumpel Jatemme (Daniel Kaluuya) sorgt dafür, dass sie sich nie wieder Sorgen machen muss. Glücklicherweise hat Veronicas verblichener Ex (Liam Neeson) ihr ein Notizbüchlein hinterlassen, in dem akribisch alle Details des nächsten geplanten Coups aufgelistet sind. Und der ist fünf Millionen schwer und würde mit einem Schlag alle Probleme lösen. So finden sich die drei trauernden Witwen zusammen, sichern sich noch die Verstärkung von Lindas Nanny Belle (Cynthia Erivo), und machen sich an die Arbeit. Steve McQueen kann bei seinem Genre-Film auf ein ganzes First-Class-Schauspieler-Arsenal zurückgreifen, das neben den Genannten noch durch Robert Duvall und Jackie Weaver in kleinen Nebenrollen veredelt wird. Und McQueen hält seine Star-Truppe auch gut im Zaum. Schauspielerisch ist das alles sehr fein anzusehen. Allerdings ist es nicht leicht, in den Film hineinzufinden. Denn erst nach etwa der Hälfte der 130 Minuten Spielzeit finden die verschiedenen Handlungsstränge zueinander, und viele Figuren, die lange für sich isoliert waren, werden endlich miteinander verbunden. Auch ist auffallend, dass McQueen die Geschichte sehr distanziert erzählt. Er bleibt oft bewusst weg von seinen Figuren, wenn beispielsweise von einem emotionalen Gespräch zwischen Mulligan und seiner Assistentin (Carrie Coon) nichts zu sehen ist, da die Kamera ausschließlich auf die spiegelnde Frontscheibe des Autos, in dem das Gespräch stattfindet, draufhält. Das ist zwar ein interessanter Regieeinfall, bringt dem Zuseher die Figuren aber nicht näher. Und so wird der Film erst in der zweiten Hälfte interessant, wenn die Fäden verknüpft werden und die Handlung Fahrt aufnimmt. So richtig gezündet hat das Werk bei mir dennoch nicht. Aber immerhin weiß ich nun, dass Elizabeth Debicki 190 cm groß ist – das musste ich nach dem Film ergoogeln, nachdem sie ständig aus so großer Höhe auf ihre Kolleginnen heruntergeschaut hat.


6,0
von 10 Kürbissen

Cold War – Der Breitengrad der Liebe (2018)

Regie: Paweł Pawlikowski
Original-Titel: Zimna Wojna
Erscheinungsjahr: 2018
Genre: Drama, Liebesfilm
IMDB-Link: Zimna Wojna


Paweł Pawlikowski macht schöne Filme. Das hat sein letzter Film „Ida“ bewiesen, der ihm den Oscar für den besten fremdsprachigen Film einbrachte, und das zeigt nun auch wieder „Cold War – Der Breitengrad der Liebe“. Jedes Bild könnte ausgedruckt in einer Foto-Ausstellung in einem bedeutenden Kunstmuseum hängen. Ausstattung, Kontraste, Symmetrien, Schärfen und Unschärfen – mit welch einer Detailbesessenheit Pawlikowski und sein Team, allen voran Kameramann Łukasz Żal, an die Sache herangegangen sind, verdient größte Bewunderung und sorgt für staunende Blicke. Ehrlich, ich möchte eine Wand mit Pawlikowski-Bildern tapezieren. Vielleicht nicht unbedingt das Wohnzimmer, denn dafür gerät die Tapetenwand vielleicht etwas zu düster, aber den Gang, ja, das könnte ich mir schon vorstellen. Vier Meter wundervolle Schwarz-Weiß-Stillleben, die eine tragische Liebesgeschichte erzählen. Nämlich jene, die Pawlikowski in „Cold War – Der Breitengrad der Liebe“ erzählen wollte. Aber leider nicht getan hat. Nicht falsch verstehen – der Film hat schon seine Handlung, und die ist auch furchtbar tragisch, erzählt sie doch von verpassten Chancen und einem Paar, das bereits zueinander gefunden hat, aber dann doch wieder auseinander gegangen ist, ehe es wieder zueinander findet und wieder auseinander geht und so weiter. Man kann sich das Leben auch kompliziert machen, wobei man natürlich zu Gute halten muss: Anfang der Fünfziger ist das Leben in Warschau tatsächlich nicht unkompliziert, und wenn man schon die Chance hat, als Musiker in den Westen, genauer: nach Paris, abzupaschen, dann tut man das auch. Dass dann die jüngere Geliebte und Schülerin im letzten Moment entscheidet, doch nicht mitzukommen, ist halt Pech. Leider erzählt Pawlikowski von dieser traurigen, grau-betonten Liebe völlig emotionsbefreit. Die Distanz zu den Figuren ist von Anfang an eine sehr große, und Pawlikowski kümmert sich nicht darum, diese im Laufe der Erzählung zu verringern. Und so blickt man anfangs vielleicht noch interessiert zu, aber irgendwann, wenn man sich auch mal satt gesehen hat an den schönen Bildern, beginnt man in Gedanken Einkaufslisten für das kommende Weihnachtsfest abzuarbeiten oder Silvesterpläne zu schmieden. Am Ende, wenn sich das schöne Paar mit tieftraurigen Blicken auf den Weg macht, um den letzten Hügel zu erklimmen, denkt man sich nur noch: „Geht mit Gott. Aber geht.“ Und überlegt sich das mit der Tapete vielleicht doch noch mal.


5,0
von 10 Kürbissen

(Foto: Polyfilm)

Alles ist gut (2018)

Regie: Eva Trobisch
Original-Titel: Alles ist gut
Erscheinungsjahr: 2018
Genre: Drama
IMDB-Link: Alles ist gut


„Echt jetzt?“ Das sind die genervt ausgesprochenen zwei Worte, die Janne (Aenne Schwarz) noch anbringt, ehe ihr Bekannter Martin (Hans Löw) nach einer Party mit etwas zu viel Alkohol in sie eindringt. Das Problem bei der Geschichte ist: Dieser Koitus beruht nicht auf Konsens. Eva Trobisch erzählt in „Alles ist gut“ von den Folgen einer Vergewaltigung. Vom Weitermachen, nachdem für einen kurzen Moment eine ganze Welt zusammengebrochen ist und sich alles ein Stück weit verschoben hat: die Alltagssorgen, die eigene Wahrnehmung, das Selbstvertrauen, die Beziehung. Und das alles beschreibt Trobisch sehr unaufgeregt und nicht einmal mit einem halben Auge auf die #metoo-Debatte schielend – und gerade deshalb vielleicht einer der relevantesten Beiträge dazu überhaupt. Denn hier wird sexuelle Gewalt im Alltäglichen gezeigt. Der Angreifer ist kein gesichtsloses Monster, kein Arschloch. Er ist eigentlich ein netter Typ, der danach selbst mit sich hadert und seine Schuldgefühle mit sich schleppt. Das Problem: Er hätte sich das vorher überlegen müssen. Das Kind ist in den Brunnen gefallen, und verzeihen kann man eine solche Tat nicht. Und Janne muss nun damit leben. Sie verkriecht sich nicht, sie wirkt nicht wie gelähmt – im Gegenteil, sie versucht, diese Nacht in den Untiefen ihres Ichs wegzusperren und weiterzumachen, denn das Leben geht nun mal weiter mit all seinen Herausforderungen und Problemen und Aufgaben. Allerdings ist das, was man so hart zu sich selbst einfach wegsperrt, nie ganz weg. Irgendwann kommt es wieder hoch, und dann beginnen die seelischen Verwundungen zu bluten, lange nachdem sie zugefügt wurden. „Alles ist gut“ zeigt, was diese strukturelle Art der Gewalt auf eine subtile Weise mit den Betroffenen macht. Dass er das kann, liegt vor allem an Aenne Schwarz. Denn diese spielt diese herausfordernde und vielschichtig angelegte Rolle mit all der Überzeugungskraft, die es dafür braucht. Ihre Janne ist verletzlich und stark, sie ist wehrhaft und dann auch wieder wehrlos, und ein einziger Blick von ihr sagt mehr, als ihr der beste Drehbuchautor in diesem Moment in den Mund legen könnte. Ganz ehrlich: Wäre ich ein renommierter Autorenfilmer, ich würde ein Drehbuch für ein 4-stündiges Epos schreiben, das all die widersprüchlichen Untiefen der menschlichen Seele frei legt, und Aenne Schwarz mit der Hauptrolle besetzen. Wahrscheinlich würde es sogar reichen, vier Stunden lang einfach nur die Kamera auf ihr Gesicht zu halten, und damit wäre alles gesagt.


7,5
von 10 Kürbissen

Briefe aus dem Jenseits (1947)

Regie: Martin Gabel
Original-Titel: The Lost Moment
Erscheinungsjahr: 1947
Genre: Drama, Thriller, Liebesfilm
IMDB-Link: The Lost Moment


Der Verleger Lewis Venable (Robert Cummings) kommt Anfang des 19. Jahrhunderts nach Venedig, um dort nach den Briefen eines berühmten Dichters an seine Geliebte zu suchen, die er dann für gutes Geld veröffentlichen möchte. Dafür quartiert er sich unter dem falschen Namen im Haus der ehemaligen Geliebten an. Diese ist nicht mehr ganz taufrisch, denn die Episode mit dem berühmten Dichter liegt nun schon mehr als ein halbes Jahrhundert zurück. Ihre Nichte Tina (Susan Hayward) ist von dem Besuch weniger begeistert und lässt ihn das auch spüren. Zur Tante selbst entwickelt Lewis allerdings schon bald ein recht gutes Verhältnis, auch wenn die alte Dame, deren faltige Hände sich immer recht unentspannt an die Lehnen ihres Stuhls klammern, ein wenig creepy wirkt. So wie eigentlich auch das ganze Haus, das viel zu groß für die beiden Damen und ihre Haushälterin ist. Und das einige verwinkelte Ecken aufweist, in denen es sich nachts hervorragend herumschleichen lässt. Schon bald ist Lewis auf der Suche nach den verschollenen Briefen tiefer in die persönlichen Angelegenheiten der kleinen Damenrunde verwickelt, als es ihm lieb ist. Vor allem Tina gibt ihm so einiges zu denken auf. „The Lost Moment“ (der deutsche Titel „Briefe aus dem Jenseits“ ist eher irreführend) ist ein klassischer Film Noir. Die Gänge sind dunkel, die Mienen finster, die Schatten lang wie die Nächte, und hinter jeder Ecke lauert ein Geheimnis. Als Vorlage diente Henry James‘ Novelle „The Aspern Papers“, und man merkt dem Film den Geist der Vorlage aus dem 19. Jahrhundert durchaus an. Das erhöht durchaus die Eleganz und damit auch den Reiz des Films. Die Auflösung ist mir persönlich dann etwas zu einfach gestrickt geraten, aber dennoch unterhält der Film auch heute noch sehr gut mit seiner stimmungsvollen Atmosphäre, dem gelungenen Schauspiel und gut inszenierten Spannungsmomenten.

(Dieser Film ist als Reiseetappe # 16 Teil meiner Filmreisechallenge 2018. Mehr darüber hier.)


6,5
von 10 Kürbissen

Die Zigarette (1919)

Regie: Germaine Dulac
Original-Titel: La Cigarette
Erscheinungsjahr: 1919
Genre: Drama
IMDB-Link: La Cigarette


Rauchen gefährdet die Gesundheit. Vor allem, wenn in der Zigarettenschachtel eine vergiftet ist wie der Apfel im Märchen von Schneewittchen. Diesen Zustand hat sich der Pariser Museumsdirektor Pierre selbst eingebrockt. Er selbst zählt schon einige Lenze und beschäftigt sich am liebsten mit der Mumie einer ägyptischen Königin, die der Legende zufolge einer blöden Eifersuchtsgeschichte zum Opfer gefallen ist. Womit sich Pierre weniger häufig beschäftigt: Mit seiner jungen und bildhübschen Frau. Die wird natürlich mit der Zeit empfänglich für die Ablenkungen, die die Welt da draußen so bietet. Das wiederum missversteht ein gelackter Dandy, der sich der Dame nun vehement anzunähern versucht. Sie selbst will nicht, denn trotz aller Langeweile liebt sie ihren verstaubten Professorengatten. Als aber eines Tages aufgrund eines Missverständnisses die Eifersucht in diesem entzündet wird, entschließt er sich, zur melodramatischsten aller Liebesbezeugungen zu greifen – dem Suizid. Eine vergiftete Zigarette soll sein Schicksal entscheiden. Nur eine einzige wird von ihm vergiftet und dann untergeschoben in die volle Zigarettenschachtel. Irgendwann, so der Plan, wenn er selbst nicht damit rechnet, soll ihm diese den Garaus machen. Suizid durch russisches Roulette, wenn man so will. Doch die Gattin wittert, dass da etwas faul ist – nicht nur im Staate Dänemark, sondern auch unter den Tabakgenussprodukten. Und so entspinnt sich ein dramatisches Katz-und-Maus-Spiel um das Leben des Professoren, seiner Frau und die Nerven der Zuseher. Und das ist durchaus modern inszeniert. Anders nämlich als viele anderer ihrer Zunft zur damaligen Zeit scheute sich Germaine Dulac, die „Die Zigarette“ inszenierte, vor dramatisch überhöhten Gesten und Mimiken. Ihre Figuren wirken angenehm geerdet und werden von den Schauspielern, allen voran Gabriel Signoret als Pierre, mit einer stoischen Zurückhaltung gespielt, die das ganze Drama noch viel greifbarer macht. Hier wird nicht gehampelt und gehüpft, und auch Augen werden nur in wirklich nachvollziehbaren Fällen aufgerissen. Und damit wird das Spiel naturalistisch und authentisch. Auch die Story selbst weiß mit dem gelungenen Einsatz von Suspense und wirklich tollen Twists zu überzeugen. So ist der Film auch heute noch, 100 Jahren nach seiner Entstehung, ein Meisterwerk, das man sich als Film-Aficionado keinesfalls entgehen lassen sollte. Sofern man nicht einer militanten Nichtraucher-Lobby angehört.


8,5
von 10 Kürbissen

Private Life (2018)

Regie: Tamara Jenkins
Original-Titel: Private Life
Erscheinungsjahr: 2018
Genre: Drama, Komödie
IMDB-Link: Private Life


Eine Familie zu gründen ist manchmal gar nicht so leicht. Bei manchen ist es ja so, dass sie nur an Sex zu denken brauchen, und schon ist fröhlich der Nachwuchs im Anmarsch. Bei Rachel und Richard (Kathryn Hahn und Paul Giamatti in einer 1A-Vorstellung eines intellektuellen Paares) ist das nicht so. Und weil beide schon die 40 überschritten haben und der Kinderwunsch sehr ausgeprägt ist, versuchen sie es nun bereits mit den letzten verbleibenden Mitteln: Einer künstlichen Befruchtung. Doch auch da stellen sich Hürden entgegen, sei es eine Auszeit von Richards Spermien oder die Altersmüdigkeit von Rachels Eiern. Diese beiden Komponenten dazu zu bringen, miteinander neues Leben zu erschaffen, ist in etwa so erfolgsversprechend wie der Versuch, aus Nord- und Südkorea einen gemeinsamen Einheitsstaat zu machen. Um die Chancen zu verbessern, dass doch noch ein kleiner Intellektueller in die Idylle mit Buch und Hund gesetzt wird, soll also nun ein Ei herangezogen werden, das sich quasi auf dem Höhepunkt seiner Vitalität befindet. Jung und knackig. Rachel braucht naturgemäß eine Weile, um sich mit dem Gedanken anzufreunden, aber als ihre Quasi-Nichte Sadie (Kayli Carter), nicht blutsverwandt, als College-Aussteigerin in das Leben des Paares geschneit kommt, tut sich da ein Fenster auf. Denn Sadie, die bislang nicht so wirklich etwas mit ihrem Leben anzufangen wusste, ist nur allzu bereit, ihren beiden Vorbildern den größten Wunsch zu erfüllen. Und das bleibt natürlich nicht komplikationsfrei, vor allem Sadies Mutter ist alles andere als begeistert von der Idee. Der Inhalt von „Private Life“ liest sich ein wenig wie eine Screwball-Komödie. Allerdings ist das Thema sensibel und mit vielen Zwischentönen umgesetzt. Die Komik ist nie aufgesetzt, und immer wieder übernehmen auch dramatische Töne die Regentschaft. Dabei hält der Film eine gute Balance. Auch das Schauspiel weiß durch die Bank zu überzeugen. Bis in die kleinsten Nebenrollen ist der Film gut und glaubwürdig besetzt. Und auch wenn ich selbst mit dem Thema der Familiengründung so gar nichts anfangen kann, hat mich der Film trotz seiner längeren Laufzeit von etwa zwei Stunden gut unterhalten. Dass er ewig in Erinnerung bleiben wird, glaube ich zwar eher nicht, aber empfehlenswert ist die Sichtung dennoch.


7,0
von 10 Kürbissen

The Blot (1921)

Regie: Lois Weber
Original-Titel: The Blot
Erscheinungsjahr: 1921
Genre: Liebesfilm, Drama
IMDB-Link: The Blot


Lois Weber ist unzweifelhaft eine der großen Pionierinnen des Films. 1914 drehte sie den ersten Langfilm der Geschichte, bei dem eine Frau Regie führte. Ihre Fähigkeiten waren enorm – und viele Einstellungen oder Schnitte aus „The Blot“, ihrem Film aus dem Jahr 1921, wirken heute noch frisch und originell. In „The Blot“ erzählt sie vom sozialen Gefälle, das sich auch in den Roaring Twenties durch die Gesellschaft zog – ein Thema, das auch heute nichts an Aktualität und Brisanz eingebüßt hat. Der reiche Student Phil West verliebt sich in Amelia, die Tochter seines Professors. Diese erwidert seine Avancen nicht, und bald schon stellt man fest, dass auch ihr Stolz sie zurückhält. Die ganze Familie ist nämlich arm, da die Gehälter für Universitätsprofessoren unter aller Sau sind. Auch nicht besser ergeht es dem zweiten Verehrer Amelias, einem jungen Geistlichen, mit dem sich Phil anfreundet. Auch der hat kein Geld, weshalb er beispielsweise seine Schuhe mit Gänsefett polieren muss – was Amelias Katze mit Wohlwollen zur Kenntnis nimmt. Die Lage der Familie wird immer brisanter, während nebenan die Familie eines Schuhmachers lebt, der mit seinem Handwerk zu Reichtum gekommen ist. Vor allem die Ehefrau des Schuhmachers zeigt eine große Abneigung gegen das Elend auf der anderen Seite des Gartenzauns. Nicht einmal die Abfälle gönnt sie der hungrigen Hauskatze. Eines Tages kommt es zu einem Missverständnis, als Phil West der kranken Amelie ein Huhn zur Stärkung schicken lässt, was sich die Familie sonst nicht leisten könnte, diese aber ihre Mutter dabei beobachtet, wie sie in den Garten der reichen Nachbarn schleicht, wo ein frisch gebratenes Huhn vor dem Fenster steht. Und die dramatischen Verwicklungen nehmen ihren Lauf. Was ich an „The Blot“ besonders mag: Lois Weber führt niemanden vor. Niemand ist frei von Fehlern, von Stolz und Hochmut beispielsweise, von Missgunst und Neid, aber niemand gerät zur Karikatur. Es gibt (Achtung: Wortwitz, höhö) kein Schwarz-Weiß-Denken in diesem Schwarz-Weiß-Film. Und auch das Ende ist nicht ausschließlich happy, auch wenn sich die Geschichte zum Guten wendet. Aber einer bleibt immer auf der Strecke, und der geht dann mit nachdenklichem Blick die dunkle Straße entlang. Ein wunderbar differenziertes Stück Kino, handwerklich großartig gemacht und mit einem starken Thema, das auch heute noch relevant ist.

(Dieser Film ist als Reiseetappe # 11 Teil meiner Filmreisechallenge 2018. Mehr darüber hier.)


8,0
von 10 Kürbissen

Unter dem Pflaster ist der Strand (1975)

Regie: Helma Sanders-Brahms
Original-Titel: Unter dem Pflaster ist der Strand
Erscheinungsjahr: 1975
Genre: Liebesfilm, Drama, Politfilm
IMDB-Link: Unter dem Pflaster ist der Strand


Es dauert eine Weile, bis man hinein findet in Helma Sanders-Brahms Debütfilm „Unter dem Pflaster ist der Strand“ (übrigens ein ziemlich genialer Titel, wie ich finde). Der Beginn wirkt dokumentarisch, Helma Sanders-Brahms erzählt aus dem Off von ihren Figuren, die erst einmal in einen kahlen Raum gestellt werden, wo sie seltsame Theaterperformances zum Besten geben müssen. Sperrig. Doch wenn dann Grischa (Grischa Huber) und Heinrich (Heinrich Giskes) beim Abschminken etwas spät dran sind und versehentlich in der Garderobe eingesperrt werden, sodass sie gemeinsam die Nacht darin verbringen müssen, nimmt der Film Fahrt auf. Nach dieser Nacht verlässt Grischa ihren Mann, und sie und Heinrich werden ein Paar. Sie ziehen zusammen. Helma Sanders-Brahms beleuchtet nun die Beziehung der beiden, die Veränderungen darin, auch vor dem politischen Hintergrund einer enttäuschten 68er-Generation, die vergeblich auf den Big Bang, die große Revolution, gewartet hat. Heinrich ist so ein enttäuschter 68er. Statt auf die Straße zu gehen und zu demonstrieren oder mit Gleichgesinnten zu diskutieren, träumt er davon, ein Kind zu haben, ohne eine konkrete Vorstellung davon zu besitzen. Grischa hingegen führt den Kampf für sich und für die Emanzipation der Frauen weiter. Sie interviewt Arbeiterinnen, die von ihrem harten Leben und der Fremdbestimmung darin erzählen, von männlicher Sexualität, die die weibliche unterdrückt, und von der Schwierigkeit, selbst über die eigene Familienplanung bestimmen zu können. Über die Arbeit entfremden sich Grischa und Heinrich, und die fragile Beziehung bröckelt. Helma Sanders-Brahms hat schon einen ziemlich didaktischen Zugang zum Filmedrehen, wenn man das so sagen kann. Dennoch überzeugt das Ende auf einer emotionalen Ebene. Man muss sich zeitweise ein wenig durchkämpfen, aber der Film wird mit längerer Fortdauer besser und interessanter. Schön jedenfalls, dass ich dank der Filmreisechallenge auf diese Regisseurin gestoßen bin, die ansonsten komplett an mir vorbeigegangen wäre.

(Dieser Film ist als Reiseetappe # 21 Teil meiner Filmreisechallenge 2018. Mehr darüber hier.)


6,0
von 10 Kürbissen

Die Geierwally (1956)

Regie: Franz Cap
Original-Titel: Die Geierwally
Erscheinungsjahr: 1956
Genre: Heimatfilm, Drama, Liebesfilm
IMDB-Link: Die Geierwally


Mir war von Anfang an klar, dass die Kategorie 17, ein deutscher Heimatfilm der 50er Jahre, zu meinen mühsamsten Aufgaben der diesjährigen Filmreisechallenge zählen würde. Und die Befürchtung sollte sich bestätigen. Meine Wahl fiel auf „Die Geierwally“ von Franz Cap aus dem Jahr 1956 – weil dieser Heimatfilm zumindest noch einige dramatische Ereignisse zu verarbeiten versprach und damit angeblich aus der Riege der Heimatschnulzen positiv hervorsticht. Nach Sichtung des Films muss ich sagen: Ich habe große Angst vor allen weiteren Heimatfilmen. Lieber hocke ich mich in ein Triple Feature der grauslichsten Horrorfilme oder lasse die chinesische Tröpfchenfolter über mich ergehen, als dass ich da tiefer in die Abgründe der Heimatfilme eintauchen würde. Die Geschichte und die handelnden Charaktere sind dermaßen strunzdumm, dass man sich permanent auf den Kopf greift. Bemerkt ihr die seltsame Rötung auf meiner Stirn? Ja, die kommt daher. Nur der Geier „Hansi“ macht etwas richtig in diesem Film – er ergreift am Ende die Flucht. I feel you, Bro‘! Der Zuseher, der bis zum bitteren Ende durchhält, muss eineinhalb Stunden lang ertragen, wie sich Leute, die man offenbar willkürlich auf der Straße eingesammelt hat und die von der Schauspielerei so viel Ahnung haben wie ein Pferd vom Schach, unglaublich dümmliche Sätze an den Kopf werfen, für die sich der Drehbuchautor eigentlich wegen Erregung öffentlichen Ärgernisses vor Gericht verantworten sollte. Lediglich für Trinkspiele eignet sich „Die Geierwally“ hervorragend. Man könnte beispielsweise jedes Mal einen Kurzen hinunterstülpen, wenn irgendjemand in diesem Film „Vergelt’s Gott“ sagt. Andererseits verpasst man auf diese Weise garantiert den Freiflug des Geiers am Ende und damit den einzigen Moment der Erlösung. Auch wieder blöd. Soll ich eigentlich noch was zum Inhalt schreiben? Ach, wurscht. Wer sich den Schmarren antun möchte, kann auf Wikipedia nachlesen, worum es geht. Und wer sich das dann tatsächlich noch ansieht, dem ist eh nicht mehr zu helfen. Vergelt’s Gott.

(Dieser Film ist als Reiseetappe # 17 Teil meiner Filmreisechallenge 2018. Mehr darüber hier.)


1,5
von 10 Kürbissen

The Ballad of Buster Scruggs (2018)

Regie: Joel und Ethan Coen
Original-Titel: The Ballad of Buster Scruggs
Erscheinungsjahr: 2018
Genre: Western, Episodenfilm, Drama
IMDB-Link: The Ballad of Buster Scruggs


Im Grunde haben die Coen-Brüder ja schon immer Western gedreht. „True Grit“ fällt einem als Paradebeispiel dazu ein. Aber auch „No Country for Old Men“ ist ein moderner Western, „O Brother, Where Art Thou?“ ist ein Mississippi-Western, „Inside Llewelyn Davis“ ein Folk-Western, „Fargo“ ist ein Western im Schnee, selbst den Dude aus „The Big Lebowski“ kann man sich eigentlich ganz gut auf einem Pferd feststellen – er trägt halt nur eine Sonnenbrille, ist mächtig verkatert, hat einen White Russian in der Hand und keinen Tau, wie er auf dieses beschissene Pferd gekommen ist. Sagen wir es so: Die Coen-Brüder sind meisterhaft darin, amerikanische Mythen zu inszenieren – und diese im Anschluss daran zu entzaubern. Und nirgendwo haben sie das bislang konsequenter und radikaler gemacht als in „The Ballad of Buster Scruggs“, eine Western-Anthologie mit sechs archetypischen Kurz-Episoden (der Revolverheld, der Bankraub, das karge Leben, der Goldrausch, der Oregon-Trail, die Kutschenfahrt). Mit jedem einzelnen Szenario assoziieren wir sofort ganz prägnante Bilder und Geschichten, wie wir sie aus Hunderten von Western kennen. Genau das wissen die Coen-Brüder natürlich, und spielen sich in weiterer Folge mit dieser Erwartungshaltung. Immer wird sie im Grunde bestätigt, aber es findet sich trotzdem ein Twist drinnen, der uns die alten Geschichten mit neuen Augen erblicken lassen. Und immer sind sie lakonisch bis melancholisch vorgetragen – gewürzt nur mit einer gelegentlichen Prise schwarzem Humor, wie man ihn von den Coens kennt. Realismus ist nicht die Sache der beiden Brüder in diesem Film, aber gerade durch die sarkastische Überhöhung der Helden und Antihelden und deren Geschichten wird sichtbar, worauf der Film tatsächlich abzielt: Die Demaskierung der Western-Mythen. Es war eine verflucht anstrengende, tödliche und bittere Zeit, die die Menschen im Wilden Westen erlebt haben. Auf gelegentliche Lichtschimmer folgte immer wieder die Dunkelheit. Wenn der Dude das gesehen hätte, er hätte wohl nur kurz den Kopf schief gelegt, sich das ganze Drama mit einem schnellen Blick über den Rand der Sonnenbrille angesehen und wäre dann White Russian schlürfend in die entgegengesetzte Richtung davongeritten, dem Sonnenuntergang entgegen und „Fortunate Son“ von Creedence Clearwater Revival im Ohr.


7,5
von 10 Kürbissen