Drama

The Wolf of Wall Street (2013)

Regie: Martin Scorsese
Original-Titel: The Wolf of Wall Street
Erscheinungsjahr: 2013
Genre: Biopic, Satire, Drama
IMDB-Link: The Wolf of Wall Street


Manche Geschichten sind so irre, dass sie nur vom Leben selbst geschrieben werden können. Die Geschichte von Jordan Belfort, der mit viel Chuzpe, noch mehr Drogen und einer völligen Ignoranz gesellschaftlicher Spielregeln, auch „Gesetze“ genannt, zu unverschämt viel Reichtum gekommen ist. In gewisser Weise ist Jordan Belfort in Leonardo DiCaprios Filmografie die logische Weiterentwicklung des Hochstaplers Frank Abagnale aus Catch Me If You Can. Doch während Abagnale noch ein gewitzter Lausbub mit Gewissen war, ist Jordan Belfort quasi ein Virus unserer Zeit. Geld regiert die Welt, und Geld hat man nie genug. Der FBI-Agent Patrick Denham (Kyle Chandler) als moralischer Gegenentwurf steht da von Anfang an auf verlorenem Posten. Es sind die Schurken, die im Gedächtnis bleiben: Belfort selbst natürlich, aber auch seine Entourage, die von einem entfesselt aufspielenden Jonah Hill als Donnie Azoff angeführt wird. Und ganz ehrlich: Auch wenn DiCaprio eine der besten Leistungen seiner Karriere abliefert, so stiehlt im Matthew McConaughey als Mentor Mark Hanna in nur fünf Minuten die ganze Show. Der ganze Film und all seine Darstellerinnen und Darsteller wirken so, als hätte Scorsese sich selbst und seiner Crew an jedem Drehtag morgens eine ordentliche Dosis Marschierpulver eingeworfen und dann einfach die Kamera eingeschaltet und auf das ganze Chaos draufgehalten, bis die Filmrolle leer ist. Ein Energieanfall des Altmeisters, der berechtigterweise zu den denkwürdigsten Filmen der letzten zehn Jahre zählt. Über Moral und Anstand braucht man da nicht mehr diskutieren. Und genau deshalb ist der Film auch ein so guter Kommentar auf unsere Zeit.


8,0 Kürbisse

(Bildzitat: Mary Cybulski – © 2013 Paramount Pictures, Quelle http://www.imdb.com)

True Heart Susie (1919)

Regie: D. W. Griffith
Original-Titel: True Heart Susie
Erscheinungsjahr: 1919
Genre: Liebesfilm, Drama
IMDB-Link: True Heart Susie


D. W. Griffith ist eine ambivalente Figur, die man in ihre Zeit einordnen muss. Sein Epos „The Birth of a Nation“ gilt einerseits als cineastisches Meisterwerk, andererseits als offen rassistisch und Glorifizierung des Ku Kux Klans – was Spike Lee gut hundert Jahre später in seinem BlacKkKlansman mit einem bitterbösen und saukomischen Rundumschlag verarbeitet hat. „True Heart Susie“ aus dem Jahr 1919 gilt da als deutlich unproblematischer und zeigt auch recht deutlich auf, wie weit Griffith als Filmmacher seiner Zeit voraus war. Darin geht es um Susie, ein junges Mädchen vom Land (Lillian Gish), die hoffnungslos in den Nachbarjungen William (Robert Harron) verschossen ist. Dieser möchte studieren, hat aber nicht das Geld dafür. In einem Akt, der irgendwo zwischen Altruismus und naiver Selbstaufgabe pendelt, verkauft Susie die einzige Kuh der Familie und schiebt ihrem geliebten William das Geld unter dem Deckmantel eines anonymen Spenders zu. William kann also in die Stadt ziehen und dort die ersten Schritte zu seiner Karriere setzen. Doch die Dinge nehmen nach seiner Rückkehr einen anderen Verlauf, als die immer noch schmachtende Susie gehofft hat, als das selbstsüchtige Partygirl Bettina (Clarine Seymour) in ihr Leben tritt. „True Heart Susie“ nimmt sich durchaus Zeit für die psychologische Entwicklung der Figuren und erzählt eine Geschichte, die heute zwar so keine Relevanz mehr hat, aber als Kind ihrer Zeit in sich stimmig und schlüssig und mit auch heute noch funktionierenden dramatischen Mitteln aufgebaut ist. Zentrum des Films ist Lillian Gish, die dank ihres naturalistischen Schauspiels Susie emotional nachvollziehbar und zugänglich macht. Natürlich liegt mittlerweile sehr viel Patina auf diesem Film, aber wenn man sich auf diese angestaubte Art der Erzählung einlassen kann, ist die Handlung auch heute noch mitreißend und unterhaltsam. Um „The Birth of a Nation“ werde ich wohl weiterhin einen Bogen machen, aber mit „True Heart Susie“ hat mich Griffith definitiv schon mal überzeugt.


7,0 Kürbisse

(Bildzitat: Quelle http://www.imdb.com)

Neues aus der Welt (2020)

Regie: Paul Greengrass
Original-Titel: News of the World
Erscheinungsjahr: 2020
Genre: Western, Drama
IMDB-Link: News of the World


Als alter Queen-Fan (die Band, nicht das Königshaus) ist man beim Titel „News of the World“ natürlich erst mal getriggert – heißt doch das grandiose sechste Studioalbum aus dem Jahr 1977 mit Hits wie „We Will Rock You“, „We Are the Champions“ oder „Spread Your Wings“ so. Für mich das große Highlight des Albums war aber immer das melancholisch-rockige „It’s Late“, und hier finden wir nun auch die Brücke zum neuesten Film von Paul Greengrass, nach der du, liebe Leserin, lieber Leser, wohl schon skeptisch gesucht hast. Denn sein karger Western erzählt vom alternden Soldaten Jefferson Kyle Kidd (Tom Hanks), der nun als Vorgänger von Armin Wolf (der, falls er mal wortwörtlich umsatteln möchte, ebenfalls einen herausragenden Western-Helden abgeben würde), nämlich als früher Nachrichtensprecher, seine Brötchen verdient. Gegen Eintrittsgeld liest er aus den Zeitungen vor und untermalt diese dramatisch, sodass daraus fast schon Bühnenstücke werden. Aber: It’s late für den Mann, der so viel gesehen hat und keinerlei Ambitionen mehr hat. Daran scheint zunächst auch nicht einmal die junge Johanna (Helena Zengel, die nach ihrem gloriosen Auftritt in Systemsprenger nun Hollywood erobert) zu ändern – ein verlorenes Mädchen mit deutschen Wurzeln, das aber bei Kiowa aufgewachsen ist und nun – nach ihren deutschen Eltern – auch ihre Kiowa-Eltern verloren hat. Was tun mit einem Kind, das nirgendwo dazugehört? Kidd nimmt eher widerwillig die Aufgabe an, das Kind quer durch den Westen zu Verwandten zu bringen. Auf dem Weg – und das wird jetzt kein großer Spoiler sein – finden die beiden unfreiwillig Aneinandergeketteten dann aber doch einen Zugang zueinander. „News of the World“ ist eher ein stilles Beziehungsdrama, das halt zufälligerweise im Wilden Westen spielt, als ein typischer Western, auch wenn Greengrass das Western-Topos ideal bedient. Genau darin liegt aber die Stärke des Films. Es gibt auch grimmige Burschen, es gibt gefährliche Situationen und Begegnungen, es gibt Staub, Schlamm und Dreck, aber im Zentrum steht immer nur die langsam aufkeimende Beziehung zwischen  zwei verlorenen Seelen. Der Film ist sensibel erzählt und von Hanks und Zengel glaubwürdig gespielt. Und wahrscheinlich hätte Queens „It’s Late“ auch gut zum Abspann gepasst.


7,0 Kürbisse

(Bildzitat: Photo by Bruce Talamon – © 2020 UNIVERSAL STUDIOS, Quelle http://www.imdb.com)

Last Night (2010)

Regie: Massy Tadjedin
Original-Titel: Last Night
Erscheinungsjahr: 2010
Genre: Drama, Liebesfilm
IMDB-Link: Last Night


„Eifersucht ist eine Leidenschaft, die mit Eifer sucht, was Leiden schafft.“ War’s Goethe? War’s Grillparzer? Egal. Das Zitat jedenfalls ist zeitlos. Und das erfährt auch das junge Paar Joanna und Michael Reed (Keira Knightley und Sam Worthington). Denn Michael schaut der hübschen Kollegin Laura (Eva Mendes) recht begehrlich hinterher und Joanna trifft, während ihr Ehemann zusammen mit jener glutäugigen Dame auf Geschäftsreise ist, unverhofft auf ihre alte Flamme Alex (Guillaume Canet) – und schon bald sehen sich beide mit argen moralischen Konflikten konfrontiert. Gemäß Oscar Wilde („Ich kann allem widerstehen, nur der Versuchung nicht“) plantscht der Eine schon bald im Pool mit der Kollegin, während die Andere mit dem Verflossenen an der Hotelbar versumpert. Die Katerstimmung am nächsten Morgen scheint vorprogrammiert zu sein. „Last Night“ von Massy Tadjedin ist ein wortreiches Beziehungsdrama, das nachzeichnet, wie ein Paar mit nur wenigen Worten und Blicken den Boden unter den Füßen zu verlieren droht, und wie Misstrauen und Vermutungen jegliche Sicherheit untergraben. Keira Knightley spielt die zerbrechliche, unsichere Joanna sehr glaubwürdig. Allerdings hat Sam Worthington das Charisma einer Landschildkröte, und so muss es eine sehr sinnliche Eva Mendes richten, dass die Storyline rund um den Geschäftsmann im Hotelpool nicht komplett baden geht. Joanna ist auch der deutlich vielschichtigere Charakter, mit ihr kann man gut mitfiebern. Viel Neues bietet „Last Night“ allerdings nicht, auch wenn der Film gut gemacht ist und auch das richtige Ende findet, das zu lebhaften Diskussionen nach dem Film einlädt. 


6,0 Kürbisse

(Bildzitat: © 2010 – Focus Features, Quelle http://www.imdb.com)

The Big Short (2015)

Regie: Adam McKay
Original-Titel: The Big Short
Erscheinungsjahr: 2015
Genre: Komödie, Drama
IMDB-Link: The Big Short


Gut, ich bin nicht Margot Robbie, die sich nackt in der Badewanne räkelt, während sie dem Publikum die Hochfinanz und deren abgekartete Spielchen erklärt. Aber in aller Kürze – soweit ich das Thema selbst verstanden habe: Von einer „Short-Position“ spricht man an der Börse, wenn man auf fallende Aktienkurse spekuliert. Den großen Reibach macht man hier also mit den Verlusten Anderer. Genau das passierte 2007/2008, als Michael Burry (Christian Bale) und ein paar weitere Insider erkannten, dass der komplette US-Immobilienmarkt auf wackeligen Beinen stand, da die Kredite für die Häuser nicht sauber besichert waren. Vielmehr herrschte unter den Investmentbanken Goldgräberstimmung, quasi jeder Kredit wurde bewilligt – Hauptsache, er brachte Kohle rein. So heizte sich der Markt auf, bis es zum großen Knall kam – der Rest ist nachzulesen in sämtlichen Büchern, die sich mit der jüngeren Finanzgeschichte beschäftigen. Jedenfalls gab es hier ein paar vife Burschen (darunter die von Ryan Gosling, Steve Carell und Brad Pitt gespielten Finanzexperten), die erkannten, dass die Blase bald platzen würden und per Shorts gegen den Immobilienmarkt wetteten. Es kam, wie es kommen musste – die Bombe ging hoch und ein paar Leute wurden verdammt reich, während die große Masse der Hausbesitzer vor geplatzten Krediten und Delogierungen stand. Wie sehr dieses Trauma nachwirkt, zeigt sich daran, dass McKays zynischer, temporeicher und brillant inszenierter Film nicht der einzige ist, der sich mit der Thematik beschäftigt – auch 99 Homes von Ramin Bahrani aus dem Jahr davor haut in die gleiche Kerbe. Und ein paar Jahre später schlägt das Volk zurück. Siehe GameStop-Aktienspekulation via Reddit, als sich ein Haufen Kleinanleger und User zusammenschlossen, um Hedgefonds, die auf einen Short von GameStop spekulieren, durch explosionsartige Kursanstiege in die Knie zu zwingen. Die Manager eben jener Hedgefonds werden wohl insgeheim McKay und seinen Film verfluchen, der es geschafft hat, ein so komplexes wie dröges Thema nicht nur äußerst unterhaltsam, sondern auch in einer Art und Weise aufzuarbeiten, dass es auch für Laien nachvollziehbar wird. Ob „The Big Short“ wirklich einen Einfluss auf die aktuellen Geschehnisse hatte, kann ich zwar nicht sagen. Aber der Gedanke, dass es so sein könnte, ist irgendwie recht befriedigend. 


8,5 Kürbisse

(Bildzitat: Photo by Jaap Buitendijk – © 2015 Paramount Picture, Quelle http://www.imdb.com)

Die Ausgrabung (2021)

Regie: Simon Stone
Original-Titel: The Dig
Erscheinungsjahr: 2021
Genre: Drama, Biopic, Historienfilm
IMDB-Link: The Dig


Man kennt ja den sogenannten Elevator Pitch: Angenommen, du triffst im Aufzug eine bedeutende Filmproduzentin und hast genau die eine Fahrt mit dem Aufzug Zeit, sie von deiner Story zu überzeugen. Und das wäre nun dein Elevator Pitch für „The Dig“: Ein Mann gräbt ein angelsächsisches Schiff aus. Pitch Ende. Die Filmproduzentin dreht sich zu dir, beäugt dich skeptisch über den Rand ihrer Brille, schiebt sich diese dann mit einer energischen Bewegung zurück auf den Nasenrücken und sagt, während sich die Aufzugstür öffnet, noch über die Schulter hinweg: „Kommen Sie wieder, wenn Sie eine Geschichte haben.“ Und schon wäre es vorbei gewesen mit der Idee, aus der Ausgrabung von Sutton Hoo einen Film zu machen. Zum Glück werden über das Schicksal von Filmen nicht ausschließlich anhand von Elevator Pitches entschieden. Und so dürfen Ralph Fiennes als Ausgräber Basil Brown und Carey Mulligan als Landbesitzerin Edith Pretty ihr Schiff ausbuddeln. Und dabei im Angesicht der Erkrankung von Edith und den drohenden Kriegswolken, die sich am Horizont zusammenbrauen, über die Vergänglichkeit kontemplieren. Es geht in „The Dig“ weniger um die Entdeckung des bedeutendsten angelsächsischen Schiffsgrabes und dessen Folgen, sondern vielmehr um die Zeit an sich, um das Bewahren und das Loslassen, darüber, wie unbedeutend das einzelne Leben im Angesicht der Zivilisationsgeschichte erscheint. Ralph Fiennes und Carey Mulligan mit ihren melancholischen Blicken sind Idealbesetzungen in ihren Rollen. Auch der Rest des Casts (u.a. Lily James, Ben Chaplin, Ken Stott und Johnny Flynn) kann überzeugen. Vielleicht ist der Film an einigen Stellen zu verlangsamt, und was es definitiv nicht gebraucht hätte, ist die schludrig hineingeschriebene Liebesgeschichte zwischen der vernachlässigten Archäologin Peggy Piggott und dem Cousin der Landbesitzerin. Dennoch ist „The Dig“ ein stark gemachtes, entschleunigtes Stück Kino, das sich wunderbar auf einer großen Leinwand gemacht hätte – nicht aufgrund der Wucht der Bilder (dafür gibt es andere Filme), sondern vielmehr, weil es dieser fast meditative Film braucht, dass man sich ablenkungsfrei auf ihn konzentriert, denn nur so wird die Zeit, die er behandelt, auch tatsächlich spürbar. 


6,0 Kürbisse

(Bildzitat: Quelle http://www.imdb.com)

Alles eine Frage der Zeit (2013)

Regie: Richard Curtis
Original-Titel: About Time
Erscheinungsjahr: 2013
Genre: Fantasy, Komödie, Drama, Rom-Com
IMDB-Link: About Time


Zeitreisegeschichten. Immer ein gutes Thema. Und von Hollywood schon auf solch vielfältige Weise verarbeitet – als Sci-Fi-Epen, als finsteren Dystopien, als Horrorgeschichten, als absurde Komödien – aber es brauchte jemanden mit Eiern wie Richard Curtis, um eine Zeitreise in einen romantischen Liebesfilm zu packen und daraus eine alltägliche Geschichte über die Liebe, das Familienleben, das Älterwerden und die kleinen Entscheidungen im Leben zu machen. Die Prämisse ist wunderbar einfach und wird auch herrlich unprätentiös ohne großes Brimborium vorgestellt: In Tims Familie können alle Männer in die Vergangenheit reisen. Sie müssen sich dafür nur an einen dunklen Ort begeben, die Hände zu Fäusten ballen und an den Moment denken, zu dem sie zurückkehren möchten. Tim, eher der Typ „einsamer Nerd“, nutzt diese Fähigkeit, um nach der Liebe zu suchen. Und nach anfänglichen Schwierigkeiten findet er sie in der Gestalt von Mary. Es braucht etliche Versuche, um ihr Herz zu gewinnen, aber wenn man theoretisch unendlich viele Möglichkeiten dafür hat, gelingt das auch schüchternen und unsicheren Kerlen wie eben Tim. Der Weg zu seinem Glück ist schon mal entzückend anzusehen – und Domhnall Gleeson und Rachel McAdams haben eine gute Chemie miteinander. Aber damit gibt sich Richard Curtis nicht zufrieden, was den Film in weiterer Folge weit über durchschnittliche Rom-Com-Kost hinaushebt. Denn der Film endet nicht damit, wie die beiden zueinanderfinden. Vielmehr ist das nur eine Zwischenstation auf Tims Weg. In seinem klugen, tiefgründigen Skript, das vielleicht die eine oder andere Länge hat, aber dann doch auch wieder in sich stimmig ist, arbeitet sich Curtis weiter ab an den vielen kleinen Lebensentscheidungen, um der Frage nachzugehen, was am Ende wirklich zählt und was unser Leben kostbar und lebenswert macht. Das Ende ist eines der schönsten, bittersten und wahrhaftigsten Filmenden, die ich seit langem gesehen habe, und – bei allem Respekt vor den vielen weiteren großartigen Momenten, die Richard Curtis in seiner Filmographie geschaffen hat – in meinen Augen sein persönlicher Höhepunkt. Um noch einmal die Zeit ins Spiel zu bringen: Ein Film für die Ewigkeit.


8,0 Kürbisse

(Bildzitat: Photo by Murray Close – © 2013 – Universal Pictures, Quelle http://www.imdb.com)

Drive (2011)

Regie: Nicolas Winding Refn
Original-Titel: Drive
Erscheinungsjahr: 2011
Genre: Thriller, Drama
IMDB-Link: Drive


Wenn man nach modernen Kultfilmen und den besten Filmen des noch relativ jungen 21. Jahrhunderts fragt, wird immer wieder auch dieser Film genannt: „Drive“ von Nicolas Winding Refn. In diesem Fall suchte sich Ryan Gosling, der die Hauptrolle des namenlosen Fahrers spielt, seinen Regisseur aus, der sich wiederum um die restliche Besetzung kümmerte. Wie ein Rädchen, das ins andere greift, ergab sich damit eine optimale Besetzung mit Carey Mulligan, Albert Brooks, Bryan Cranston, Ron Perlman und Oscar Isaac. Doch all die geballte Schauspielkraft ist nicht viel wert, wenn die Story uninteressant oder schlecht erzählt ist. „Drive“ macht aber alles richtig. „Drive“ ist ein B-Movie mit dem künstlerischen Anspruch eines Oscarfilms. Ein Actionfilm mit langsamen, fast stoischen Actionszenen. Ein Liebesfilm, der allein mit scheuen Blicken und Gesten erzählt wird und ohne Streichquartette auskommt. Ein Rachethriller, in dem weniger die Protagonisten als die Summe der Umstände zu der verfahrenen Situation führen, in der sich die Beteiligten wiederfinden. Und „Drive“ ist eine Meisterleistung von Ryan Gosling, der den ganzen Film über fast ohne Dialog und nur mit stoischer Miene auskommt und dabei seinen Protagonisten expressiver und feinfühliger vermitteln kann als das mit diesen Mitteln eigentlich möglich sein sollte. Carey Mulligan steht ihm dabei im Übrigen kaum nach, auch ihre Irene macht sie mit minimalistischen Mitteln greifbar, aber durch die Zentrierung des Films auf den schweigsamen Fahrer fällt die besondere Leistung von Gosling noch mal deutlicher auf. Dazu kommt der atmosphärisch dichte Elektropop-Soundtrack, der die Isolation der Figuren wie auch die Versuche, daraus auszubrechen, ideal untermalt und über den Film hinaus im Ohr hängenbleibt. Kurz: „Drive“ ist ein perfekter Film. Er ist handwerklich außergewöhnlich gemacht, konzentriert erzählt, überragend gespielt und trifft dabei auch noch mitten ins Herz. Einfach mal auf Youtube nach der Szene „Do you wanna see something?“ suchen, und ihr wisst, was ich meine mit dieser Perfektion in allen Details. Ein Lieblingsfilm.


10 Kürbisse

(Bildzitat: Quelle http://www.imdb.com)

Malcolm & Marie (2021)

Regie: Sam Levinson
Original-Titel: Malcolm & Marie
Erscheinungsjahr: 2021
Genre: Drama
IMDB-Link: Malcolm & Marie


Wie dreht man in Zeiten von Corona einen Film? Sam Levinson hat für diese Frage die naheliegende Lösung gefunden. Er hat einfach ein geräumiges und abgelegenes Haus angemietet, Zendaya und John David Washington mit einer kleinen Crew dort hineingesetzt und wahrscheinlich allen am Dreh Beteiligten verboten, nach Tirol skifahren zu gehen. Herausgekommen ist dabei ein Zwei-Personen-Kammerstück, in dem Levinson die Beziehung seiner beiden Protagonisten nicht nur seziert, sondern sie selbst auch noch mit der Axt aufeinander losgehen lässt – natürlich nur sprichwörtlich gemeint, die tatsächliche Axt hat Stanley Kubrick ja schon Jack Nicholson in Shining in die Hand gedrückt, und Kubrick sollte man einfach nicht kopieren. Als gewaltfrei würde ich Beziehungsdrama allerdings nicht bezeichnen, denn auch Worte können ganz schön wehtun. Das Ganze entzündet sich an einer scheinbaren Kleinigkeit: Malcolm und Marie kommen gerade von der (gefeierten) Premiere von Malcolms neuem Film nach Hause, doch Marie wirkt angespannt und sichtlich angepisst: Malcolm hat sie einfach in seiner Dankesrede vergessen. In weiterer Folge baut sich auf diesem Fauxpas eine Reihe von gegenseitiger Vorhaltungen, Anschuldigungen und Beleidigungen auf, die sich merklich angestaut haben in den letzten Wochen, Monaten, Jahren. Zwischendurch finden die beiden in Gesten der Versöhnung auch wieder zueinander, aber die Stimmung bleibt angespannt und ein falsches Wort, ein falscher Blick genügt, um die nächste Runde in diesem brutalen Boxkampf der Worte einzuläuten. Und allmählich schält sich das Bild einer höchst toxischen Beziehung aus den Streitgesprächen. John David Washington und Zendaya spielen das großartig. Beide wirken sympathisch und, wenn sie austeilen, höchst unsympathisch gleichermaßen. Beide schenken sich nichts. Allerdings – und darin liegt die vielleicht größte Stärke wie Schwäche des Films gleichermaßen – findet sich zwischen den Zeilen (und auch in den Zeilen, wenn man gut hinhört) die sehr vertraute Story einer Beziehung, in der der Mann sich als Retter der Frau sieht und die Frau in dieser Beziehung klein hält. Das ist alles sehr subtil eingebaut, und man könnte diesen Punkt auch glatt übersehen. Andererseits: Der Holzhammer hätte dem Film auch nicht gut getan, und so muss Levinson mit dieser Ambivalenz leben. Das Ende ist versöhnlich wie bitter gleichermaßen. So bleibt „Malcolm & Marie“ bis zum Schluss ein Film, der Gegensätze in sich vereint, um von einem bitteren Stück Realität zu erzählen. Warum ich davon ausgerechnet am Valentinstag schreibe? Vielleicht, weil der Film ganz gut aufzeigt, wie es eben nicht sein sollte.


7,0
von 10 Kürbissen

(Bildzitat: Quelle http://www.imdb.com)

An Education (2009)

Regie: Lone Scherfig
Original-Titel: An Education
Erscheinungsjahr: 2009
Genre: Drama, Liebesfilm
IMDB-Link: An Education


Die Geschichte ist nicht unbedingt neu: Minderjährige Schülerin verliebt sich in älteren Mann, der sie in die Geheimnisse des Universums, der Liebe und des Lebensstils der Bohème einführt. Das Setting in Lone Scherfigs „An Education“: Das London der 60er Jahre, kurz vor Rock’n’Roll und freier Liebe. Die Frisuren sind noch kurz und gescheitelt, die familiären und bürgerlichen Verhältnisse folgen straffen Konventionen, und das brave Mädel lernt noch Cellospielen, während die aspirierenden Musiker zehn Jahre später dann schon eher zu Drum Sticks und Stromgitarre gegriffen haben. Dennoch spürt man die gesellschaftlichen Veränderungen der kommenden Jahre in der Luft liegen. Die 16jährige Jenny (Carey Mulligan) genießt schon weitaus mehr Freiheiten, als man erwarten würde – und das trotz konservativer Oberfläche ihrer Eltern (Alfred Molina und Cara Seymour), die aber auch zu begreifen scheinen, dass sie ihre Tochter nicht so erziehen können wie sie selbst erzogen worden sind, auch wenn sie natürlich Träume für ihre Tochter haben. Und so ist es dann auch kein großes Ding, dass Jenny eine Beziehung mit dem deutlich älteren David (Peter Sarsgaard) beginnt, zumal der mit polierten Manieren ins Haus kommt. Aber David gehört zur Oberschicht, er fährt Sportwagen und isst in den besten Restaurants, und Verbindungen nach Oxford, wo Jenny einmal studieren soll, scheint er auch zu haben. Da kann man also durchaus mal das eine oder andere Auge zudrücken, schließlich ändern sich die Zeiten ja. „An Education“ mag ein altes Thema aufgreifen, tappt aber nicht in die übliche Mansplaining-Falle a la „älterer Mann erklärt naivem Mädel die Welt“, sondern gibt David mit der frühreifen Jenny einen ebenbürtigen, vielschichtigen Widerpart zur Seite. Natürlich – manche Fehler macht man trotzdem, wenn man jung, ohne viel Erfahrung und verliebt ist. Aber Jenny lernt daraus, und so bezieht sie die titelgebende „Ausbildung“ am Ende weniger von David als von sich selbst. In diesem Sinne ist „An Education“ ein emanzipierter, aber dennoch leichtfüßiger und unterhaltsamer Film.


7,5
von 10 Kürbissen

(Bildzitat: © Kerry Brown, Quelle http://www.imdb.com)