2019

Once Upon a Time … in Hollywood (2019)

Regie: Quentin Tarantino
Original-Titel: Once Upon a Time … in Hollywood
Erscheinungsjahr: 2019
Genre: Drama, Komödie
IMDB-Link: Once Upon a Time … in Hollywood


Bei Durchsicht meiner Bewertungen aller Quentin Tarantino-Filme habe ich festgestellt, dass mit Ausnahme von „Four Rooms“, zu dem Tarantino selbst aber nur eine Episode von vier beigesteuert hat, kein einziger Film weniger als 8 Punkte von mir bekommen hat. Quentin und ich – das geht klar. Und kein Wunder, ist Tarantino vielleicht der größte Filmnerd unter den Filmemachern überhaupt. Was liegt also näher als ein Tarantino-Film über Hollywood? Dabei wirft er zwei absolute Schauspielkapazunder in den Ring: Leonardo DiCaprio spielt den Western-Star Rick Dalton, dessen Karriere allmählich in Richtung B-Movies rutscht, und Brad Pitt gibt seinen wortkargen Stuntman und Kumpel Cliff Booth. Und allein schon das Spiel dieser beiden, vor allem von Brad Pitt, ist das Eintrittsgeld wert. Auch in den Nebenrollen ist der Film exquisit besetzt, aber das kennt man ja von Tarantino. Jedenfalls tummeln sich auch noch Margot Robbie, Al Pacino und Emile Hirsch auf der Leinwand, und gelegentlich laufen Bruce Dern, Kurt Russell, Dakota Fanning, Luke Perry, Timothy Olyphant, Michael Madsen und viele mehr durchs Bild. Wenn Tarantino ruft, kommen sie alle. Aber wie ist nun der Abgesang auf eine goldene Hollywood-Ära, die mit der Ermordung von Sharon Tate und weiteren Opfern durch Mitglieder der Manson Familie eine blutige Zäsur hinnehmen musste? Die Stimmen sind ja durchaus geteilt. Ich halte aber „Once Upon a Time … in Hollywood“ für ein weiteres Meisterwerk. Vor allem der Schluss ist vielleicht das Beste, was ich jemals von Tarantino gesehen habe – und die Zahl legendärer Szenen aus seinen Filmen ist Legion. Zwischendurch braucht man, was für Tarantino tatsächlich eher unüblich ist, auch mal Sitzfleisch und muss akzeptieren, dass die Handlung selbst schon arg dünn ist. Aber Tarantino steht auch weniger für ausgefeiltes Storytelling, sondern mehr für das Einfangen von Stimmungen und ein Feuerwerk von Zitaten und Querverweisen, an denen Filmhistoriker noch jahrelang beschäftigt sein werden. Und genau das liefert er mit „Once Upon a Time … in Hollywood“ einmal mehr ab. Fazit: Großartig.


8,5
von 10 Kürbissen

Adoration (2019)

Regie: Fabrice du Welz
Original-Titel: Adoration
Erscheinungsjahr: 2019
Genre: Drama, Thriller
IMDB-Link: Adoration


Paul (Benoît Poelvoorde) ist etwa fünfzehn Jahre alt und ein Außenseiter. Sein einziger Freund ist ein Buchfink, den er verletzt aufgefunden hat und den er nun in einem Schuhkarton pflegt. Pauls alleinerziehende Mutter arbeitet in einer psychiatrischen Anstalt. Dort trifft Paul auf die expressive Gloria (Fantine Harduin). Diese gibt sich als reiche Erbin zu erkennen, die von ihrem Onkel in diese Anstalt gesteckt wurde, damit sie hier zugrunde geht und er an ihr Erbe herankommt. Zwischen Paul und Gloria besteht sofort Sympathie. Und so hilft er dem Mädchen, aus der Anstalt zu entkommen und verspricht ihr, sie in die Bretagne zu ihrem Großvater zu bringen, der einzige Mensch, dem sie vertraut. Dass Gloria die Anstaltsleiterin, die den Fluchtversuch vereiteln möchte, mehrere Stockwerke in die Tiefe stürzt, ist ein bedauerlicher Unfall in der Hektik des Geschehens. Oder doch nicht? Auf der Flucht durch den Wald zeigt Gloria gelegentlich seltsame Verhaltensweisen und äußert Gedanken, die Paul nicht nachvollziehen kann. Wird sie wirklich von allen verfolgt? Und das holländische Urlaubspaar auf dem Hausboot ist doch nett, oder nicht? In Paul entstehen Zweifel. Doch hat er Gloria seine Loyalität und dann auch seine Liebe ausgesprochen. Er geht mit ihr durch Dick und Dünn, komme, was wolle. Was Fabrice du Welz in seinem Film „Adoration“ zeigt, ist bedingungslose Hingabe – und die Gefahren, die damit einhergehen. Gespielt ist das ambitioniert, gefilmt zum Teil wunderschön. Die Waldlandschaft wird selbst zum Protagonisten. Allerdings ist die Story leicht durchschaubar, der Wille, aufzurütteln, zu offensichtlich – was eine echte psychologische Entwicklung der Figuren verhindert. Zu gewollt erscheinen die Handlung und vor allem das Ende. Und so ist „Adoration“ zwar spannend und kurzweilig anzusehen, aber auch ein Film, der wohl nicht allzu lange im Gedächtnis bleiben wird.

 


6,0
von 10 Kürbissen

Mariam (2019)

Regie: Shapira Urazbayeva
Original-Titel: Mariam
Erscheinungsjahr: 2019
Genre: Drama
IMDB-Link: –


Zu Beginn von Sharipa Urazbayevas Debütfilm sieht man die Titelheldin durch die karge kasachische Schneelandschaft stapfen und nach ihrem Mann rufen. Doch der taucht nicht auf. Nun hat Mariam (Meruert Sabbisunova) ein Problem. Wie soll sie allein im Nirgendwo ihre drei Kinder durchbringen? Der Staat, verkörpert durch die lokale Polizei, ist zwar nicht ohne Verständnis, aber die Mühlen der Bürokratie mahlen langsam. Das ist in Wien genauso wie in Almaty. Um ihren Mann für tot zu erklären, muss er erst einmal drei Jahre lang als vermisst gelten. Dann erst hat Mariam Anspruch auf finanzielle Zuwendung seitens des Staates. Glücklicherweise trifft Mariam auf einen ehemaligen Bekannten aus dem Dorf, der nun selbst Polizist ist. Und der hilft ihr dabei, dass sich die Rädchen ein wenig schneller drehen. Wenn man jemanden kennt, geht vieles leichter. Auch das ist in Wien genauso wie in Almaty. Mariam bekommt also schon nach etwa einem halben Jahr die finanzielle Unterstützung zugesagt. Allerdings ist das mit einem gewissen Risiko verbunden: Falls nämlich der Gatte doch wieder auftauchen sollte, ist all das Geld zurückzuzahlen. Doch dieses Risiko muss Mariam eingehen, zumal sie davon ausgehen kann, dass der Mann das Zeitliche gesegnet hat – ist doch von seinem Ausritt nur das Pferd zurückgekehrt, und das durchnässt und leicht lädiert. Urazbayeva erzählt vom Schicksal ihrer Heldin unaufgeregt und zurückhaltend. Die Dramaturgie ist karg gehalten wie die kasachische Landschaft. Der Fokus liegt auf alltäglichen Situationen und der Bewältigung derer. Der älteste Sohn, obwohl selbst erst zehn Lenze jung, wird für das Funktionieren des Haushalts mehr gebraucht, ansonsten kämpft sich aber Mariam mit stoischer Ruhe durch die Tage. Sie jammert nicht, sie klagt nicht an – man könnte sie fast als schicksalsergeben bezeichnen, wäre da nicht der Kampfeswille, der immer wieder aus ihren Augen hervorscheint. Dass die Darstellung so geglückt ist, liegt vor allem an einer Besonderheit des Films: Laiendarstellerin Meruert Sabbinusova erzählt mehr oder weniger ihre eigene Geschichte. Der einzige relevante Unterschied zur Fiktion ist, dass sie im wirklichen Leben nach fast drei Jahren noch keine staatliche Unterstützung erhalten hat. Eine arge Geschichte, die von Shapira Urazbayeva sensibel mit einfachen filmischen Mitteln umgesetzt wurde.


7,0
von 10 Kürbissen

Felix in Wonderland (2019)

Regie: Marie Losier
Original-Titel: Felix in Wonderland
Erscheinungsjahr: 2019
Genre: Dokumentation, Musikfilm
IMDB-Link: Felix in Wonderland


Wenn Marie Losier dokumentarische Porträts dreht, dann ist sie weniger an biographischen Inhalten interessiert, sondern mehr in der von den gefilmten Personen selbst gewollten Inszenierung. So schon gesehen bei Cassandro the Exotico! und nun auch in „Felix in Wonderland“. In ihrem Film zeigt sie, wie Felix Kubin, ein deutscher Avantgardemusiker, die Welt sieht. Für ihn ist alles Musik, alles Rhythmus, und am liebsten sind ihm Dissonanzen, Interferenzen, die „Zwischenräume“, wie er sie beschreibt. Dass er dabei immer wieder wie ein Alien wirkt, dass nach einem Besäufnis auf der Erde notlanden musste und nun verkatert herauszufinden versucht, wie man sich auf diesem seltsamen Planeten verständlich macht, kann man durchaus als beabsichtigt voraussetzen. Denn Felix Kubin inszeniert sich selbst als Kunstfigur, und Marie Losier ist dabei Erfüllungsgehilfin. Die Stärken dieses unkonventionellen Films, der auch immer wieder avantgardistische Einschübe aufweist, sind Stellen anarchischen Humors, wenn zum Beispiel Felix Kubin eine Reihe von Experimenten durchführt, wie man Mikrofonen Schaden zufügen kann. Die witzigste dabei ist gleich zu Beginn zu sehen, wenn er das Mikrofon in ein Brötchen steckt, um einen Hund darauf herumkauen zu lassen. Allerdings muss man auch hinnehmen, dass all das, was Felix Kubin von sich präsentiert, verständlich allein für jemanden in der Welt Felix Kubins ist, im Zweifelsfall ausschließlich für Felix Kubin selbst. Kunst muss sich nicht erklären. Das ist schon okay so. Aber dann kann man als Zuseher auch für sich vermerken, dass die Angelegenheit zwar stellenweise spaßig anzusehen ist, aber darüber hinaus keinen Mehrwert bringt. Der Versuch, die Welt aus der Sicht von Felix Kubin zu zeigen, erklärt diese eben nicht.


5,0
von 10 Kürbissen

Lonely Rivers (2019)

Regie: Mauro Herce
Original-Titel: Lonely Rivers
Erscheinungsjahr: 2019
Genre: Kurzfilm
IMDB-Link: Lonely Rivers


„Lonely Rivers“ heißt ein Song von Elvis Presley. Dieser ist bei Karaoke eine sichere Bank. Doch auch andere Hadern lassen sich super singen. Tom Jones zum Beispiel kommt auch immer gut. Und so sieht man in Mauro Herces Kurzfilm „Lonely Rivers“ mal mehr, mal weniger begabte Herren unterschiedlicher Herkunft (die meisten aus dem asiatischen Raum) in einem anonym gehaltenen Aufenthaltsraum diese grandiosen Schnulzen inbrünstig singen. Und das ist im Grunde auch schon der ganze Film. Karaokesequenz folgt auf Karaokesequenz. Und je später die Stunde, desto trübsinniger und melancholischer die Lieder. Was das alles soll? Das wird in einer kurzen Zwischensequenz, als aus dem Radio „Stille Nacht“ ertönt und der finalen Schlussszene ersichtlich. Und mit einem Male hört man mehr in diesen Songs. Man hört Sehnsüchte und Wünsche und Träume und den Kampf gegen die Einsamkeit heraus. Die Gesichter der Männer, wenn sie ihre Lieder von Liebe und Geborgenheit singen, sprechen für sich. Und so kann die Idee von „Lonely Rivers“ durchaus als interessant bezeichnet werden, auch die Umsetzung ist gut. Allerdings ist der Film per se halt nicht mehr als eine halbe Stunde lang Männern beim Karaokesingen zuzusehen. Als Narrativ ist dies etwas dürftig, da muss man sich erst mal durchkämpfen.


5,5
von 10 Kürbissen

Diego Maradona (2019)

Regie: Asif Kapadia
Original-Titel: Diego Maradona
Erscheinungsjahr: 2019
Genre: Dokumentation, Sportfilm
IMDB-Link: Diego Maradona


Sitzt du in einer Runde von Fußballfans und möchtest dich mal für ein, zwei Stunden aus der Diskussion zurückziehen oder aber auch einfach ein bisschen Spaß haben, stelle ganz unschuldig die Frage: „Und wer war jetzt eigentlich besser? Maradona oder Pelé?“ Die Fußballfans werden dann mal eine ganze Weile lang beschäftigt sein, sich Argumente und Gegenargumente an den Kopf zu werfen, und wenn du das in Südamerika machst, artet das vielleicht noch in eine handfeste Schlägerei aus. Unbestritten ist aber, dass Diego Maradona ein fußballerisches Genie war und eine äußerst ambivalente Persönlichkeit ist. Der bereits mit einem Oscar für „Amy“ ausgezeichnete Regisseur Asif Kapadia wühlte sich durch mehr als 500 Stunden Archivmaterial zum Leben von Maradona und konnte neben fünf persönlichen Interviewterminen mit dem Star auf eine sehr außergewöhnliche Quelle zugreifen: Maradona beschäftigte nämlich während seiner aktiven Zeit zwei Kameramänner, die ihn Schritt für Schritt begleiteten. Das allein sagt schon einiges über die Persönlichkeitsstruktur des zunächst als Halbgott (bis Gott) verehrten Fußballers, der dann so tief fiel. Jedenfalls konnte Kapadia somit auf sehr intime, unglaublich nahe Aufnahmen zugreifen, die unter Anderem auch das Privatleben von Maradona beleuchten. Aus dem Off kommen dazu die Stimmen von Weggefährten und Angehörigen – seiner Schwester, seiner Frau, seinem Fitnesstrainer, Journalisten und ehemalige Mitspieler. Bei einem solchen Vorhaben besteht natürlich die Gefahr, sich zu verzetteln, alles zu wollen und damit nichts zu erreichen. Kapadia umschifft diese Klippe routiniert, indem er sich einzig auf die prägenden Jahre zwischen 1984 und 1990, seiner erfolgreichen Zeit bei Napoli konzentriert. Diese eher mittelmäßige Mannschaft führte er quasi im Alleingang zu zwei italienischen Meistertiteln, und auch mit der argentinischen Nationalmannschaft bestritt er zwei WM-Endspiele, wovon er eines gewann. In diese sportlich so erfolgreiche Phase liegt aber auch die Wurzel für den Untergang. Sein Kokainkonsum liegt darin begründet, die Beziehungen zur Camorra, in die er blauäugig geschlittert ist, sind auch damit in Zusammenhang zu bringen. Das alles erzählt Kapadia anhand der Archivaufnahmen, ohne anzuklagen. Vielmehr ist er daran interessiert, zu zeigen, wie Erfolg und falsche Freunde, die man mit diesem Erfolg unweigerlich anzieht, die Persönlichkeit verändern können. Nach einem solch rasanten Aufstieg bis zur Vergötterung scheint der Fall fast unausweichlich zu sein, wenn man nicht mit einer sehr starken Persönlichkeit und einer Menge Selbstdisziplin gesegnet ist. Das legt Kapadia mit seinem Film offen, der weit über sein fußballerisches Topos hinausreicht und universell umlegbar ist. Ein guter, kluger Beitrag im diesjährigen Wettbewerb von Locarno.


8,0
von 10 Kürbissen

Cat in the Wall (2019)

Regie: Mina Mileva und Vesela Kazakova
Original-Titel: Cat in the Wall
Erscheinungsjahr: 2019
Genre: Drama, Komödie
IMDB-Link: Cat in the Wall


Okay, Hand aufs Herz: Wer ist bei diesem Titel nicht sofort angefixt? Vor allem, wenn der, wie man der Synopsis des Films entnehmen kann, durchaus wörtlich gemeint ist und auf wahren Begebenheiten beruhen soll. Ich konnte jedenfalls nicht widerstehen. Was ich dann gesehen habe, war zwar weniger Cat Content als erwartet, aber einen interessanten Film, der nicht frei von Schwächen ist, über den sich aber vortrefflich ausführlich diskutieren lässt. Hauptfigur der Tragikomödie (vorweg: mehr Tragik als Komödie) ist Irina (Irina Atanasova, ein Name, den ich mir merken werde), eine alleinerziehende bulgarische Mutter und studierte Architektin, die zusammen mit ihrem Sohn und ihrem Bruder in einem nicht mehr ganz taufrischen Apartment in London wohnt und abends als Barkeeperin jobbt, um die Familie über Wasser zu halten. Eine entzückende rothaarige Katze, die im Stiegenhaus umherstreunt, und ein Brief von der Hausverwaltung setzen dann aber Ereignisse in Gang, die dazu führen, dass sich die prekäre Lage der kleinen Familie weiter zuspitzen. Bei der Katze, die von der Familie liebevoll aufgenommen wird, handelt es sich nämlich um das Haustier von Nachbarn, die, als sie erfahren, wo die vermisste Katze steckt, nicht besonders freundlich reagieren. Und der Brief kündigt eine Haussanierung an, bei der sich jeder Eigentümer mit etwa 26.000 Pfund beteiligen muss. Prekär an der Geschichte ist, dass Sozialhilfeempfänger davon ausgeschlossen sind. Und ausgerechnet die bulgarische Einwandererfamilie am Rande des Existenzminimums, die versucht, aus eigener Kraft etwas aufzubauen, droht damit finanziell unterzugehen. Nein, lustig ist das alles nicht, auch wenn gelegentliche Situationskomik für Auflockerung sorgt. Das Thema des Films ist aber klar: Es geht um die schwierige Situation von Einwanderern, denen oft trotz aller Bemühungen, ein menschenwürdiges Leben aufzubauen und einen Beitrag zu leisten, Steine in den Weg gelegt werden. Gefilmt in einem semidokumentarischen Ansatz zeigen die beiden bulgarischen Regisseurinnen Mina Mileva und Vesela Kazakova, die selbst in London leben und damit aus persönlichen Erfahrungen schöpfen können, das Miteinander und Durcheinander zwischen Gentrifizierung, Brexit und Einwanderung. Das alles ist sehr interessant, allerdings hätte ich mir mehr Stringenz gewünscht. Viele Themen werden aufgeworfen, da natürlich alles auch zusammenhängt, aber aus meiner Sicht wäre es besser gewesen, einen engeren Fokus zu finden. So mäandert der Film ein wenig herum. Und dass die Katze dann mal in der Wand verschwindet, ist am Ende nicht mehr als eine Randnotiz.


6,0
von 10 Kürbissen

Height of the Wave (2019)

Regie: Park Jung-bum
Original-Titel: Pa-go
Erscheinungsjahr: 2019
Genre: Krimi, Drama
IMDB-Link: Pa-go


Eine geschiedene Polizistin tritt ihre neue Stelle auf einer armen Insel an, die fast ausschließlich von Männern, Fischern und in der Fischindustrie Arbeitenden, bewohnt wird. Der Vorstand der Insel hat große Pläne – er möchte aus der Insel eine offiziell anerkannte Urlaubsdestination machen, was einen Geldregen vom Hauptland bedeutet. Dass die neue Polizistin schon bald gegen die einzige junge Frau der Insel, die 20jährige Yea-eun, wegen Prostitution ermittelt, ist da natürlich ein Dorn im Auge. Bevor die Polizistin die junge Frau ans Festland schicken kann für weitere Ermittlungen, muss die also fortgebracht werden von der Insel. Ein Problem ist allerdings, dass Yea-eun traumatisiert ist vom Tod ihrer Eltern, die, als sie ein Kind war, vor ihren Augen ertrunken sind. So wagt sich Yea-eun nicht aufs Meer. Stattdessen büxt sie aus, zusammen mit der Tochter der Polizistin, die ihrerseits mit einigen Entscheidungen ihrer Mutter unzufrieden ist. Und während die Suche nach den beiden Mädchen im Gange ist, wird allmählich eine tragische Geschichte an die Oberfläche gespült. Park Jung-bum betrachtet in seinem Film auf subtile Weise Abhängigkeiten, kollektive Schuld und Zivilcourage beziehungsweise das Fehlen derer. Zwar zeichnet sich schon bald ab, in welche Richtung es geht, das macht aber die Auflösung nicht weniger bitter. Auch wenn nicht jede Handlung der Figuren aus europäischer Sicht immer vollends nachvollziehbar ist (ein wenig Überdramatisierung gehört zum südkoreanischen Kino einfach dazu), so dient vor allem die von Lee Seung-yeon gespielte Polizistin Nam als Identifikationsfigur und Anker, deren Probleme und Ängste und auch Reaktionen in sich schlüssig sind. Vielleicht hätte man noch ein wenig tiefer in die Hintergründe dieser Figur eintauchen können, doch funktioniert der Film auch so sehr gut. Hervorzuheben ist außerdem noch die wilde Landschaft dieser kleinen Insel, von Kameramann Park Jong-cheol hervorragend eingefangen. Insgesamt also eine lohnende Erfahrung.


7,0
von 10 Kürbissen

South Terminal (2019)

Regie: Rabah Ameur-Zaïmeche
Original-Titel: Terminal Sud
Erscheinungsjahr: 2019
Genre: Drama, Politfilm
IMDB-Link: Terminal Sud


Irgendein Land am Mittelmeer in den 90ern. Es könnte Algerien sein, es könnte Frankreich sein oder ein anderes Land. Es ist kein Land, und es sind damit alle Länder. Gewalt und Terror halten die Bevölkerung im Griff. Auch dem Staat, vertreten durch Militär und Polizei, ist nicht zu trauen. Mittendrin in dem Chaos ein idealistischer Arzt(Ramzy Bedia). Als sein Schwager, ein Journalist, der über die Übergriffe und Raubüberfälle berichtet, auf der Straße erschossen wird, wird der Arzt hineingezogen in die Gewalt und sieht sich bald selbst mit Todesdrohungen konfrontiert. Auch der Frage, wieweit der hippokratische Eid geht und welche Konsequenzen er zeitigt in einem Umfeld, in dem jeder verdächtig ist, selbst ein Arzt, geht der Film von Rabah Ameur-Zaïmeche nach. „Terminal Sud“ erforscht auf nüchterne Weise, was es mit einem Menschen macht, wenn Humanismus und Frieden durch Terror und Einschüchterung bedroht sind und das eigene Leben in Gefahr ist. Der Arzt versucht dem Chaos auf seine Weise zu begegnen: Mit Alkohol und dem Festhalten an Routinen und seiner Tätigkeit als Arzt, der er sich verpflichtet fühlt. Doch auch Routinen schützen nicht, wenn das Chaos übernommen hat. Die Eskalation gegen Ende trifft den Zuseher überraschend und in die Magengrube. Zwischendurch blitzen immer wieder Momente der Mitmenschlichkeit auf, die Hoffnung geben. Tatsächlich zielt aber Regisseur Ameur-Zaïmeche auf etwas Anderes ab – etwas, das einem fast entgehen könnte, das aber umso wichtiger ist und den Film zusätzlich aufwertet. Dass nämlich Land und Terror darin so gesichts- und namenlos sind, lässt sie als Stellvertreter fungieren. So ist der Film mehr eine Allegorie, die sich auf heutige Zeiten problemlos umlegen lässt, als die Erzählung eines persönlichen Schicksals. Ramzy Bedias namenlose Arztfigur ist jeder Mensch, ob Frau, ob Mann, ob Kind, die dem Terror ausgesetzt waren und sind. Das vor Augen ist „Terminal Sud“ ein wirklich ausgezeichneter Film.


8,0
von 10 Kürbissen

Days of the Bagnold Summer (2019)

Regie: Simon Bird
Original-Titel: Days of the Bagnold Summer
Erscheinungsjahr: 2019
Genre: Komödie
IMDB-Link: Days of the Bagnold Summer


Man weiß nicht so recht, was schwieriger ist: Teenager zu sein oder die Mutter eines Teenagers zu sein. Wenn beide dann für sechs Wochen aufeinander picken, weil der Exmann in Florida kurzfristig den geplanten sommerlichen Besuch des Sohnemanns abgesagt hat, entfalten sich die Schwierigkeiten auf einem noch viel höheren Niveau. Hier treffen zwei Aliens aufeinander. Sohn Daniel (Earl Cave, der Sohn von Nick Cave) und Mutter Sue (Monica Dolan mit einer herrlich überspannten Darstellung) müssen aber nun das Beste aus der Situation machen. Und beide haben Probleme, die man üblicherweise so hat. Daniel, ein Metal-Head, hat Stress mit seinem besten Kumpel und träumt davon, eine Band zu gründen, Sue, unscheinbare Bibliothekarin, sieht sich plötzlich mit männlichem Interesse konfrontiert. Die größte Herausforderung ist allerdings, diesen verdammten Sommer irgendwie zu überstehen, ohne sich gegenseitig an die Gurgel zu gehen. Man merkt: Auf beiden Seiten ist viel guter Wille dabei, das Beste aus der Situation zu machen. Aber guter Wille allein reicht manchmal halt nicht ganz aus. Simon Bird ist mit seinem Debütfilm, der auf einer Graphic Novel beruht, eine zutiefst britische Feelgood-Komödie gelungen. „Days of the Bagnold Summer“ ist ein Film, in den man sich einfach hineinfallen kann, der gut und gewitzt unterhält und dabei nie eine seiner Figuren vorführt, sondern allen mit Respekt begegnet. Definitiv ein kleines Highlight des diesjährigen Filmfestivals Locarno. Vielleicht kein Film für die Ewigkeit, aber mindestens für einen Sommer.


7,5
von 10 Kürbissen