2019

Jojo Rabbit (2019)

Regie: Taika Waititi
Original-Titel: Jojo Rabbit
Erscheinungsjahr: 2019
Genre: Satire, Komödie, Drama
IMDB-Link: Jojo Rabbit


Der Preis für den größten Scheiß-drauf-Film des Jahrzehnts ist hiermit offiziell bereits vergeben. An Taika Waititis Satire „Jojo Rabbit“ kommt nichts Anderes ran. Allein die Eröffnungssequenz zeigt schon, wohin die Reise geht, wenn Aufnahmen von Naziaufmärschen und Hitler zujubelnden Menschenmengen unterlegt werden mit einer deutschsprachigen Version von „I Want to Hold Your Hand“ der Beatles. Bäm! Ein bisschen zieht’s da schon in der Magengegend, aber der subversive Witz, der da so schamlos vorgetragen wird, setzt sich dann doch über die eigenen Grenzen des guten Geschmacks hinweg, und man beginnt, hemmungslos zu kichern. Und das zieht sich dann die meiste Zeit des Films auch so durch. Warum nicht über Hitler lachen und damit das Gespenst vertreiben, das über dem vergangenen Jahrzehnt hängt und in Zeiten des Rechtspopulismus immer wieder hinter gutbürgerlichen Fassaden hervorschaut? Vielleicht mag der Film seine Geschichte der Annäherung eines fanatischen Nazi-Jungen (Roman Griffin Davis mit einer makellosen Vorstellung) an eine in seiner Wohnung versteckte Jüdin (Thomasin McKenzie, die ich seit ihrer furiosen Darstellung in Leave No Trace auf dem Zettel habe) ein bisschen gar plump erzählen und die Mittel der Satire ein wenig missbrauchen, um es sich an der einen oder anderen Stelle einfach zu machen. Vielleicht wirkt Taika Waititi als imaginärer Freund Adolf an einigen Stellen deplatziert und ist für die Story selbst im Grunde belanglos. Vielleicht ist es gewöhnungsbedürftig, Stars wie Scarlett Johansson, Sam Rockwell oder Rebel Wilson (die allesamt herausragend sind in ihren Rollen, vor allem die völlig zu Recht oscarnominierte Johansson) mit einem übertriebenen deutschen Akzent sprechen zu hören. Und vielleicht werden manche Schrecken ein bisschen zu sehr verniedlicht, während andere einen aus den Schuhen kippen lassen (eine Szene im Speziellen, die so unvermutet daherkommt, dass für eine Weile kein Witz mehr zünden kann). Aber was soll’s. „Jojo Rabbit“ ist kein perfekter Film, aber er ist mit seiner Fuck-it-Attitüde eine grandiose und saukomische und gleichzeitig stellenweise tieftraurige Erfahrung, die man nicht missen sollte.


8,5
von 10 Kürbissen

(Bildzitat: © 2018 – Fox Searchlight, Quelle imdb.com)

Judy (2019)

Regie: Rupert Goold
Original-Titel: Judy
Erscheinungsjahr: 2019
Genre: Biopic, Drama
IMDB-Link: Judy


Judy Garland war Everbody’s Darling. Zu Weltruhm bekommen in ihrer Rolle als Dorothy in Der Zauberer von Oz drehte sie in weiterer Folge etliche Filme für das Filmstudio MGM, zumeist an der Seite von Mickey Rooney. Sie war das Mädchen, das die Träume von Millionen amerikanischer Mädchen verkörperte. Dass solch eine frühe Vergötterung der geistigen Gesundheit eher abträglich ist, erscheint da nicht weiter verwunderlich. 30 Jahre später jedenfalls ist sie so gut wie mittellos, medikamentensüchtig und vierfach geschieden. Während sie ihre Tochter Liza Minelli so gut wie gar nicht sieht, hat sie zumindest noch das Sorgerecht für ihre zwei Kinder mit Sidney Luft. Doch gutes Geld kann sie nur in London bei einer Reihe von Bühnenshows verdienen, während die Kinder in den USA bleiben müssen. Der Kampf gegen die Abhängigkeit, um die Wiederbelebung des Ruhms und um den schnöden Mammon steht im Zentrum von Rupert Goolds Biopic. Die Geschichte folgt dabei ausgetretenen Pfaden und marschiert pflichtbewusst von einem logischen Plot Point zum nächsten. Der Blick in die Vergangenheit ist undifferenziert und allzu sehr um große Dramatik bemüht – zulasten von Authentizität und Glaubwürdigkeit. Es gibt dennoch einen guten Grund, sich den Film anzusehen. Dieser lautet Renée Zellweger, die wohl die beste Leistung ihrer Karriere abliefert. Sie verschwindet völlig in ihrer Rolle – ähnlich wie es Gary Oldman in Die dunkelste Stunde oder Daniel Day-Lewis in „Lincoln“ gelungen ist. Natürlich kann man nun darüber philosophieren, ob reale Persönlichkeiten, von denen so viel Bewegtbildmaterial vorliegt, nicht dankbare Aufgaben für Schauspieler/innen sind, oder ob es nicht die eindrucksvollere Leistung ist, einer fiktiven Figur so viel Leben einzuhauchen, wie es zum Beispiel Scarlett Johansson in Marriage Story gelungen ist, aber angesichts der Qualität von Zellwegers Spiel erübrigt sich diese Frage eigentlich. Sorry, Scarlett, aber auf deinen (verdienten) Oscar musst du wohl noch ein weiteres Jahr warten. Vielleicht gründest du in der Zwischenzeit ja einen Selbsthilfeclub mit Amy Adams und Glenn Close. Oder nimmst einmal eine Rolle an, in der du mit Bären kämpfen und rohes Fleisch essen musst.


5,5
von 10 Kürbissen

(Bildzitat: Quelle imdb.com)

1917 (2019)

Regie: Sam Mendes
Original-Titel: 1917
Erscheinungsjahr: 2019
Genre: Kriegsfilm, Drama
IMDB-Link: 1917


Einer der ganz großen Oscar-Favoriten dieses Jahr ist Sam Mendes‘ Kriegs-Drama „1917“. Bei den Golden Globes zweifach ausgezeichnet als bestes Drama und für die beste Regie darf sich der Film bei den Oscars Chancen in gleich 10 Kategorien ausrechnen. Und es müsste schon mit dem Teufel zugehen, wenn nicht zumindest die Kameraarbeit von Roger Deakins und die Ausstattung ausgezeichnet werden würden. Denn handwerklich ist dieser Film nicht nur der beste des Jahres, sondern gar als visionär zu bezeichnen. Roger Deakins, davor bereits 14 Mal für den Oscar nominiert (bei einer Auszeichnung für Blade Runner 2049) ist auf dem Höhepunkt seines Schaffens. In gefühlter Echtzeit und als One-Shot fürs Auge konzipiert (beides nur eine Illusion, aber eine verdammt gut gemachte) folgt die Kamera zwei Soldaten, die eine prekäre Botschaft zu übermitteln haben. Gelingt es ihnen nicht, durch Feindesland diese Botschaft rechtzeitig zu überbringen, werden 1.600 britische Soldaten in einem Hinterhalt gemetzelt. Sehenswert an dem Film (neben seiner überragenden technischen Umsetzung) ist vor allem seine Konsequenz. Die begleitende Kamera kommentiert nichts, sondern hält einfach nur fest: das Grauen, die Momente der Angst und Anspannung, aber auch die ruhigen Momente, wenn es einfach nur darum geht, von A nach B zu gelangen, und vor allem aber das Glück, das man manchmal auch braucht. Viele Situationen, die ich zunächst als Deus ex Machina im Verdacht hatte, entpuppen sich bei gründlicher Reflexion darüber einfach nur als Masel, das man braucht, um so einen Irrsinn wie einen Krieg überleben zu können. Dabei sind in „1917“ kaum Gefechte zu sehen. Der Tod kann hinter jeder Ecke lauern, dafür braucht es keinen Sturmlauf durch feindliches Kreuzfeuer. Einige Ungereimtheiten in der Handlung bleiben. Warum wird zum Beispiel nur ein einziges Team von zwei jungen Soldaten geschickt, um diese enorm wichtige Botschaft zu übermitteln? Warum sendet man nicht mehrere Teams zu unterschiedlichen Zeiten und auf verschiedenen Routen los? Aber von diesen kleineren Schwächen im Drehbuch abgesehen ist „1917“ eine Erfahrung, die man gemacht haben sollte, aber aufgrund ihrer Eindringlichkeit und Intensität nicht unbedingt wiederholen möchte. Und das ist vielleicht das Beste, was man über einen Kriegsfilm generell sagen kann.


8,0
von 10 Kürbissen

(Bildzitat: Quelle imdb.com)

Queen & Slim (2019)

Regie: Melina Matsoukas
Original-Titel: Queen & Slim
Erscheinungsjahr: 2019
Genre: Thriller, Drama, Roadmovie, Liebesfilm
IMDB-Link: Queen & Slim


Als Mensch mit dunkler Hautfarbe, der in einem Staat, in dem noch die Todesstrafe vollzogen wird, gerade einen Polizisten erschossen hat, kann man sich gleich drei Sekunden nach der Verübung der Tat ausrechnen, welche Chancen man noch hat. Da ist es dann auch egal, dass man den Herrn in Uniform versehentlich und aus Notwehr ins Jenseits befördert hat. Und da ist es dann auch egal, dass das von der Kamera des Polizisten im Auto mitgefilmt wurde. Ab diesem Moment bist du einfach eine arme Sau auf der Flucht. So geht es Ernest (Daniel Kaluuya). Und mit ihm auf der Flucht befindet sich sein Tinder-Date und nunmehrige Komplizin Angela (Jodie Turner-Smith). Ganz grob zusammengefasst ist „Queen & Slim“ von Melina Matsoukas eine Art Mash-Up aus „Thelma & Louise“ und Nächster Halt: Fruitvale Station. Die himmelsschreiende Ungerechtigkeit gegen die schwarze Bevölkerung in den USA wird verpackt in eine Flucht-Roadmovie quer durch die Staaten auf den Weg nach Florida, von wo aus sich das Paar wider Willen Richtung Kuba absetzen möchte. In den besten Momenten ist „Queen & Slim“ tatsächlich aufwühlend und bringt die Hoffnungslosigkeit seiner Figuren glaubhaft rüber. In den weniger guten Momenten – und davon gibt es leider so einige – trägt der Film zu dick auf und hämmert seine Botschaft auf den Zuseher ein, der ein bisschen mehr Subtilität durchaus vertragen würde. In den schlechtesten Momenten rutscht das Geschehen ins moralisch Fragwürdige ab. Definitiv gehört „Queen & Slim“ zu jenen Filmen, die einen Problematiken, die man am eigenen Leib nicht erleben kann (zum Glück), besser nachvollziehen lassen. Aber es wäre schön gewesen, wenn man diese Erfahrung in einen besseren Film verpackt hätte.


5,5
von 10 Kürbissen

(Bildzitat: (c) 2019 Universal Pictures, Quelle imdb.com)

Knives Out – Mord ist Familiensache (2019)

Regie: Rian Johnson
Original-Titel: Knives Out
Erscheinungsjahr: 2019
Genre: Krimi, Komödie
IMDB-Link: Knives Out


Auf den Papst der Filmkritiker, Roger Ebert, geht die Stanton-Walsh-Regel zurück. Diese besagt, dass kein Film, in dem M. Emmet Walsh oder Harry Dean Stanton mitwirken, völlig schlecht sein kann. Nun, Harry Dean Stanton weilt leider nicht mehr unter uns, aber Walsh, der dieses Jahr seinen 85. Geburtstag feiert, ist noch im Geschäft. Zwar muss er sich in Rian Johnsons „Knives Out“ mit einer Minirolle begnügen, aber das reicht aus, um die Gültigkeit von Eberts Regel weiterhin zu untermauern. In diesem Film hat Rian Johnson ein ganzes Star-Ensemble versammelt. Don Johnson. Christopher Plummer. Toni Colette. Jamie Lee Curtis. Chris Evans. Michael Shannon. (An dieser Stelle ein Aufruf an die Academy, der sich jedes Mal, wenn ich den Namen Shannon nenne, automatisch wiederholt: Gebt dem Mann endlich seinen Oscar, verdammt!) Diese bilden eine schrecklich nette (und reiche) Familie. Die leider das unerwartete Ableben des Familienoberhauptes (Plummer) zu betrauern hat. Da dieses Fragen aufwirft und die Suizid-Theorie schon bald ins Wanken gerät, wird Star-Ermittler Benoit Blanc (Daniel Craig als Südstaaten-Poirot für Arme – was hier ausdrücklich als Kompliment zu verstehen ist, da er diese Karikatur von Ermittler zum Schreien komisch anlegt) eingeschaltet. Und der hat schon bald alle im Verdacht – mit Ausnahme der Pflegerin des Patriarchen, die Südamerikanerin Marta (Ana de Armas, die damit endgültig ihren Durchbruch geschafft haben sollte). Diese hat nämlich eine Eigenschaft, die sie über jeden Verdacht erhebt: Wenn sie lügt, muss sie kotzen. Dies nutzt Blanc natürlich für seine Ermittlungen im Haushalt aus. Und die Geschichte, die sich dabei entfaltet, schlägt so wundervolle Kapriolen, wie sie sich Agatha Christie selbst in ihren besten Momenten kaum hätte ausdenken können. Vielleicht ist „Knives Out“ keine komplette Neuerfindung des Whodunit-Genres, aber ein witziger, unterhaltsamer und großartig gespielter Beitrag dazu, der einfach Spaß macht und dem Genre neues Leben einhaucht.


7,5
von 10 Kürbissen

(Bildzitat: Quelle imdb.com)

Parasite (2019)

Regie: Bong Joon-ho
Original-Titel: Gisaengchung
Erscheinungsjahr: 2019
Genre: Drama, Komödie, Thriller
IMDB-Link: Gisaengchung


Der erste südkoreanische Film, der in Cannes die Goldene Palme für den besten Film gewinnen konnte. Begeisterte Kritiken. Golden Globe-Nominierungen. „Parasite“ von Bong Joon-ho, der schon mit früheren Werken wie „Snowpiercer“ und „Okja“ für Furore gesorgt hat, ist ein Film, den man sich nicht entgehen lassen sollte. Gekonnt setzt sich Bong Joon-ho zwischen alle Stühle. Ohne zu viel von der Handlung verraten zu wollen, geht es um eine Familie (Vater, Mutter, Sohn, Tochter, beide schon erwachsen) in ärmlichen Verhältnissen, deren Schicksal sich zu wenden beginnt, als der Sohn eine Stelle als Nachhilfelehrer für ein Mädchen aus einer reichen Familie findet. Beziehungsweise fällt ihm diese Stelle eher in den Schoß. Aber schon bald zeigt sich, dass Chuzpe, ein bisschen Frechheit und Mut die eigenen Karten, die man vom Leben zugeteilt bekommen hat, deutlich verbessern können. Doch dann wendet sich das Blatt erneut – auf eine völlig überraschende Weise, die man so nicht kommen sieht. Bong Joon-ho gelingt mit dem Film Erstaunliches: Er schafft beinahe mühelos den Spagat zwischen Komödie, Sozialdrama und Thriller, ohne dass einer der Aspekte zu kurz kommt oder sich fehl am Platz anfühlt. „Parasite“ ist das pure Leben selbst: Mal witzig, mal tragisch, mal aufregend und immer voller Überraschungen. „Mein Plan ist der Nicht-Plan. Denn das ist der einzige Plan, der immer funktioniert. Bei allen anderen Plänen, die man macht, passieren dann doch unvorhergesehene Dinge, die den Plan vereiteln. Nur wenn man keinen Plan hat, kann man auch nicht überrascht werden“. So sinngemäß aus dem Gedächtnis zitiert eine der Schlüsselstellen des Films. Hier zeigt sich der Fatalismus, der einen befallen kann, wenn man nicht zu den wenigen Privilegierten gehört. Gleichzeitig liegt darin auch die ganze Komik des Films. „Parasite“ ist unterhaltsam, konsequent, voller schwarzem Humor und klug geschrieben. Zurecht einer der am meisten gefeierten Filme des Jahres 2019.


8,0
von 10 Kürbissen

(Foto: Filmladen Filmverleih)

Porträt einer jungen Frau in Flammen (2019)

Regie: Céline Sciamma
Original-Titel: Portrait de la jeune fille en feu
Erscheinungsjahr: 2019
Genre: Drama, Liebesfilm
IMDB-Link: Portrait de la jeune fille en feu


An Adèle Haenel kommt man derzeit nicht vorbei. Und das mit gutem Grund. Denn die Französin ist eine der talentiertesten und interessantesten Schauspielerinnen Europas. In Céline Sciammas (und der Preis für den besten Filmtitel 2019 geht *trommelwirbel* an …) „Porträt einer jungen Frau in Flammen“ spielt sie die junge Gräfin Héloïse, die Ende des 18. Jahrhunderts von ihrer Mutter (Valeria Golino) nach dem Freitod ihrer Schwester aus dem Kloster zurückgeordert wird, um sich mit einem reichen Mailänder zu vermählen. Bevor der die junge Frau aber ehelicht, möchte er aber ein Bild von ihr sehen (es wäre ja nicht so blöd, zu wissen, wen man heiratet). Zu diesem Zweck schleust die listige Gräfinmutter die Malerin Marianne (Noémi Merlant) in das Landhaus ein – als Gesellschafterin für ihre Tochter. Nur dass Marianne heimlich Héloïses Porträt anfertigen soll. Langsam kommen sich die beiden jungen Frauen, die beide von den Konventionen ihrer Zeit unterdrückt werden, näher. Und aus neugieriger Zuneigung wird langsam mehr. Céline Sciammas Film ist ein Fest für die Sinne. Einer der schönsten Filme des Jahres – jede Kameraeinstellung ist ein Meisterwerk für sich, die Farben, das Spiel mit Licht und Schatten, das weiche Licht, die sorgsam ausgewählte Ausstattung, die sowohl Schönheit als auch Härte der Zeit, in der der Film spielt, zum Ausdruck bringt, alle Rädchen greifen auf wundersame Weise ineinander. Das alles hätte aber nichts gebracht, wenn die beiden Hauptdarstellerinnen nicht miteinander funktioniert hätten. Aber da sind wir wieder beim einleitenden Satz meiner Rezension. Auf Adèle Haenel ist eben Verlass. Und Noémi Merlant muss man sich wohl auch merken. Denn deren Schauspielkunst steht jener von Haenel in keinem Moment nach. Es ist wunderbar, den (mit Ausnahme von zwei Minirollen) ausschließlich weiblichem Cast (zu den beiden Hauptdarstellerinnen und Valeria Golino kommt noch Luàna Bajrami als Hausmädchen Sophie) dabei zuzusehen, wie die Figuren langsam Vertrauen zueinander aufbauen und dann das Begehren kommt. Unbedingt empfehlenswert!


8,0
von 10 Kürbissen

(Foto: Filmladen Filmverleih)

Die zwei Päpste (2019)

Regie: Fernando Meirelles
Original-Titel: The Two Popes
Erscheinungsjahr: 2019
Genre: Drama, Biopic
IMDB-Link: The Two Popes


Auch wenn man mit der katholischen Kirche nicht viel oder gar nichts am Hut hat, so kann man sich kaum der Faszination der Papstwahl entziehen. Milliarden von Menschen starren auf einen Kamin, und wenn es weiß heraus raucht, dann fallen sich alle in die Arme. Habemus Papam! Oder: „Wir sind Papst!“, wie ein deutsches Schundblatt 2005 getitelt hat. Gerade jener (ungeliebte) Papa Ratzi, der als Papst Benedikt XVI. eine strikt konservative Linie fuhr und damit Millionen von weiteren Gläubigen vergraulte, sorgte 2013 für eine handfeste Überraschung, als er als erster Papst seit etwa 800 Jahren freiwillig seinen Sede räumte, um fortan in seinem Exil den Tomaten beim Wachsen zuzusehen. Kurz davor kam es aber noch zu einem geheimen Treffen mit dem argentinischen Kardinal Bergoglio, der in der darauf folgenden Konklave zu seinem Nachfolger gewählt wurde und seitdem als Papst Franziskus durch die Weltgeschichte hüpft. Von diesem Treffen handelt Fernando Meirelles‘ Film. Und überraschenderweise erweist es sich als ungemein spannend, belebend und inspirierend, zwei alten Katholiken beim christlichen Disput zuzusehen über den Glauben, über Reformen, über persönliche und spirituelle Erfahrungen. Selbst als vom Glauben abgefallenes Schaf (so bin ich bereits vor fast zwanzig Jahren aus der Kirche ausgetreten) wird man mit diesem Film bestens unterhalten. Was vor allem an den zwei Schauspielgiganten Jonathan Pryce als Kardinal Bergoglio und Anthony Hopkins als Papst Benedikt XVI. liegt. Die beiden sind der schiere Wahnsinn, wobei Pryce sogar noch mal eine Extraschippe drauflegen kann. Das muss Oscar-Nominierungen geben. Alles Andere wäre nur damit zu erklären, dass die Academy ausschließlich aus Satanisten besteht.


7,5
von 10 Kürbissen

Marriage Story (2019)

Regie: Noah Baumbach
Original-Titel: Marriage Story
Erscheinungsjahr: 2018
Genre: Drama, Komödie
IMDB-Link: Marriage Story


Adam Driver hat in der letzten Zeit ein bisschen Pech mit seinen Filmbeziehungen. Für Kylo Ren sieht es in Star Wars: Der Aufstieg Skywalkers nicht so gut aus, und jetzt muss er sich in „Marriage Story“ von Noah Baumbach sogar von Scarlett Johansson scheiden lassen. Armer Teufel. Was die Sache verkompliziert: Nicole und Charlie verbrachten die letzten gemeinsamen Jahre mit ihrem Sohn Henry in New York, wo sie eine Theatergruppe leiteten. Im Zuge der Scheidung zieht Nicole nun mit Henry wieder nach Los Angeles zu ihrer Familie, und aus einer ursprünglich möglichst amikal gehaltenen Scheidung wird – dank gerissener Anwälte (Laura Dern und Ray Liotta) – eine sündteure Schlammschlacht um das Sorgerecht. Und alle Bemühungen des sich trennenden Paares, möglichst würdevoll und im Interesse des gemeinsamen Sohnes auseinanderzugehen, werden durch komplizierte Verwicklungen des Gesetzes unterlaufen. Dabei gelingt es Noah Baumbach immer wieder, trotz der Tragik auch Herz erwärmende Szenen oder gar Schmunzler unterzubringen. „Marriage Story“ kann zwei ganz große Qualitäten abrufen: Ein überragend gut geschriebenes Drehbuch, das nuanciert und subtil zwischenmenschliche Beziehungen auslotet. Und zwei Darsteller in Hochform. Sowohl Scarlett Johansson als auch Adam Driver wurden für ihre Leistungen für viele Preise, darunter den Golden Globe und die SAG-Awards, nominiert, und eine Oscarnominierung scheint der unausweichliche nächste Schritt zu sein. Während sich Adam Driver da wohl übermächtiger Konkurrenz stellen muss, schätze ich Scarlett Johanssons Chancen, den goldigen Glatzkopf mit nach Hause zu nehmen, recht gut ein. Verdient hätten es beide – denn sowohl Johansson als auch Driver spielen ihre Figuren mit Leib und Seele und einem tollen Gespür für die Qualen der zerrissenen Seele, die bei einer solchen Trennung tief drinnen zu spüren sind. Die eine oder andere Nebenfigur gerät zu sehr zur Karikatur – das verhindert eine noch bessere Bewertung des Films – aber insgesamt ist „Marriage Story“ Baumbachs bisheriges Meisterstück und einer der interessantesten und ehrlichsten Filme des Jahres.


8,0
von 10 Kürbissen

The Irishman (2019)

Regie: Martin Scorsese
Original-Titel: The Irishman
Erscheinungsjahr: 2019
Genre: Krimi, Drama, Biopic
IMDB-Link: The Irishman


Unbestritten hat Martin Scorsese einige der besten Mafia-Filme aller Zeiten gedreht. Ob „Goodfellas“, „The Departed“ oder „Casino“ – jeder dieser Filme ist ein Meisterwerk. Umso neugieriger durfte man auf „The Irishman“ sein, ein 3,5-stündiges Epos mit Robert DeNiro, Al Pacino und Joe Pesci in den Hauptrollen, das auf wahren Begebenheiten beruht. Der Film folgt dem Mafia-Killer Frank Sheeran (DeNiro), der in Fachkreisen als „The Irishman“ bekannt ist. Scorsese zeigt den langsamen, aber stetigen Aufstieg Sheerans in der Mafia, protegiert von Mafia-Boss Russell Bufalino (Joe Pesci). Sheeran wird sogar zum engsten Vertrauten von Gewerkschaftsführer Jimmy Hoffa (Al Pacino), der ebenfalls in die Mafia verstrickt ist und für den er die groben Arbeiten erledigt. Allein den drei alten Könnern bei der Arbeit zuzusehen ist das Geld für das Netflix-Abo wert. Dass sie durch geschickten Einsatz von CGI auch noch in ihre jüngere Form gebracht wurden, erlaubt es Scorsese, die Geschichte von Anfang bis Ende über viele Jahrzehnte hinweg aufzudröseln. Für diese erstaunlichen Effekte darf man wohl eine Oscar-Nominierung erwarten – wie auch für das Darsteller-Trio (DeNiro für die Hauptrolle, Pacino und Pesci für die Nebenrollen, wobei vor allem Pesci ein würdiger Oscar-Gewinner wäre). Allerdings hat „The Irishman“ zwei Probleme. Erstens: Scorsese hat eben schon drei legendäre und verdammt gute Mafia-Filme gedreht, sodass vieles in „The Irishman“ zwangsweise vertraut wirken muss oder auch als Zitat auf frühere Mafia-Filme gesehen werden kann. Erfrischend ist vielleicht der verstärkte Fokus auf das Privatleben von Frank Sheeran und die zwischenmenschlichen Beziehungen, aber so richtig viel Neues kann man in „The Irishman“ nicht entdecken. Zweitens: Die Laufzeit von 3,5 Stunden bringt auch die eine oder andere Leerstelle mit sich. Zwar merkt man in jeder Szene und jeder Einstellung die handwerkliche Meisterschaft von Scorsese und seinem Team, aber bei einem dermaßen langen Biopic lassen sich eben redundante Szenen nicht gänzlich vermeiden. Man muss es Scorsese hoch anrechnen, dass sich der Film dennoch kürzer anfühlt, als er ist. Unterm Strich ist „The Irishman“ ein weiterer Beweis für Scorseses Meisterschaft, aber der Film fühlt sich ein bisschen wie ein Best-Of, eine Werkschau, seines Schaffens an und fügt Scorseses Œuvre wenig Neues hinzu.


7,5
von 10 Kürbissen