2018

Dolmetscher (2018)

Regie: Martin Šulík
Original-Titel: The Interpreter
Erscheinungsjahr: 2018
Genre: Drama, Roadmovie
IMDB-Link: The Interpreter


Es gibt wahrlich ungünstigere Voraussetzungen für einen Film als ein Aufeinandertreffen der beiden Altmeister Peter Simonischek und Jiří Menzel in den Hauptrollen in einer ungewöhnlichen Aufarbeitung der NS-Vergangenheit. Simonischek spielt hier den Sohn eines ehemaligen SS-Offiziers, der in der Slowakei Juden ermorden ließ. Menzel spielt Ali Ungár, den Sohn einer ermordeten Familie. Und eigentlich möchte Ungár bei seinem Wien-Besuch den Mörder seiner Familie stellen und ihm dann persönlich den Garaus machen für die Gräueltaten, die er begangen hat. Allerdings stellt er fest, dass er zu spät kommt. Und durch eine ungewöhnliche Bitte Georg Graubners (Simonischek) machen sich die beiden grundverschiedenen Charaktere, deren Väter auf völlig unterschiedlichen Seiten der Geschichtsbücher standen, auf den Weg in die Slowakei und auf eine Spurensuche, die schon bald beider Leben durcheinander rüttelt. An sich wäre das Stoff für ein wirklich exzellentes Drama, vor allem, wenn man auf solche erfahrenen Schauspielgiganten vertrauen kann. Aber darin liegt das Problem in Martin Šulíks „Dolmetscher“: Er vertraut der Geschichte nicht so recht. So müssen Simonischek und Menzel teils arg gestelzte und sehr unnatürlich wirkende Dialogzeilen von sich geben und ihre Figuren auch immer wieder ins Klamaukhafte ziehen, sei es beim Baden, wenn der fröhliche Lebemann Graubner mit Wohlstandswampe zunächst lachend ins Thermalbad hüpft, um sich anschließend von jungen Slowakinnen, die alle Klischees, die man so erwartet, vereinen, massieren zu lassen, während Ungár griesgrämig am Pool sitzt. Ja, wir haben es verstanden: Graubner ist gut drauf, weil er verdrängt, Ungár ist griesgrämig, weil seiner Familie ein unfassbar tragisches Schicksal widerfahren ist. Das alles wird mit Musik untermalt, die zum Einen ständig das gleiche Thema wiederholt (ich denke mal, der Komponist war hier echt günstig) und zum Anderen geklaut wirkt aus hundert deutschen Befindlichkeitsdramen der jüngeren Vergangenheit. Das Ende geht dennoch unter die Haut und lässt einen ansonsten eher nervigen Film länger nachwirken. Ein seltsam uneinheitliches Ding mit großem Potential, das mit Ausnahme der letzten zehn Minuten so gut wie nie ausgeschöpft wird.

 


4,5
von 10 Kürbissen

(Foto: Filmladen)

Ocean’s 8 (2018)

Regie: Gary Ross
Original-Titel: Ocean’s 8
Erscheinungsjahr: 2018
Genre: Krimi
IMDB-Link: Ocean’s 8


Schöne Klunker wecken Begehrlichkeiten in der Damenwelt. Und warum nicht einfach zugreifen, wenn sich die Gelegenheit bietet und man fünf Jahre und acht Monate lang die Zeit hatte, sich auszumalen, wie das vonstatten gehen könnte. So trommelt Debbie Ocean (Sandra Bullock) eine Crew von talentierten Mitstreiterinnen zusammen (allen voran Cate Blanchett, dazu Helena Bonham Carter, Rihanna, Mindy Kaling, Awkwafina und Sarah Paulson), um während eines Gala-Diners im Metropolitan Museum den wohl begehrtesten Klunker von allen (der quasi in 150 Millionen Facetten funkelt) vom Hals der berühmten Schauspielerin Daphne Kruger (Anne Hathaway) zu klauen. Dass die Dinge trotz akribischer Vorbereitung dann doch nicht immer wie geplant laufen und improvisiert werden muss, versteht sich von selbst – zumal Debbie einen weiteren Punkt auf ihrer Agenda stehen hat, nämlich ihrem Ex-Lover, der sie ins Gefängnis gebracht hat (Richard Armitage) bei dieser Gelegenheit eins auszuwischen, was die Sache naturgemäß verkompliziert. Das alles mitanzusehen, macht durchaus Spaß, was auch an der gut aufgelegten Riege der Schauspielerinnen liegt. Allerdings darf man sich keine Sonderpunkte für Originalität erwarten – der Film spult seine Story routiniert, aber überraschungsfrei ab. Auch das sehr offensichtliche Product Placement nervt mit der Zeit, wenn diverse Firmennamen allzu penetrant in den Mittelpunkt des Bildes gerückt werden. Dennoch bietet „Ocean’s 8“ gute, gepflegte Unterhaltung, die man sich gerne ansieht.

 


6,0
von 10 Kürbissen

Jurassic World: Das gefallene Königreich (2018)

Regie: J. A. Bayona
Original-Titel: Jurassic World: Fallen Kingdom
Erscheinungsjahr: 2018
Genre: Abenteuerfilm, Science Fiction, Thriller
IMDB-Link: Jurassic World: Fallen Kingdom


Vor 25 Jahren musste ein nervöser Versicherungsmakler mitten im Unwetter auf einer Freizeitparkinsel dringend aufs Klo. Die Entledigung seines Abendessens war seine letzte Handlung, ehe er selbst als Abendessen im Magen eines Tyrannosaurus Rex landete. The circle of life. Jedenfalls erzitterte in jenem Jahr die Welt zum ersten Mal vor der Urgewalt der Dinosaurier. „Jurassic Park“ war und ist ein Meilenstein der Filmgeschichte, und auch heute noch sehe ich den Film unheimlich gern. Es folgen zwei weitere Jurassic Park-Fortsetzungen, die recht unterhaltsam waren, aber nicht mehr auf dem Niveau des ersten Films. Im zweiten Jahrzehnt des neuen Jahrtausends beschloss Universal etwas Bahnbrechendes und Kreatives und brachte 2015 mit „Jurassic World“ ein Re-Boot heraus. Der Film war im Grunde eine Wiederholung des ersten Jurassic Park-Films, nur mit noch fieseren Dinosauriern, die man nun extra im Labor herangezüchtet hat. Drei Jahre später bekommt die Reihe nun den nächsten Aufguss. Wieder sind Chris Pratt und Bryce Dallas Howard mit dabei, die schon in „Jurassic World“ als Dino-Appetizer durch den Dschungel gerannt sind – mit zum Teil erstaunlichem Schuhwerk. Diesmal haben sie immerhin passende Schuhe an, aber dafür tun sich in „Jurassic World: Fallen Kingdom“ an anderer Stelle Logiklöcher auf, so groß, dass da locker ein Brontosaurus durchstapfen könnte. Insider-Tipp: Auf die Story besser nicht achten. Im Grunde ist die auch rasch erzählt: Dino-Insel droht zu explodieren, Rettungsmission startet, Insel explodiert, ein paar Dinos werden gerettet und toben sich später in ihrem neuen Domizil aus. Und weil das nicht reicht, mischt auch noch eine neue Laborratte mit, die noch fieser und noch tödlicher und noch teurer ist als das Viech, das im ersten Jurassic World-Film die Insel lahmgelegt hat. „Jurassic World: Fallen Kingdom“ ist natürlich Effektkino. Am besten mit Popcorn zu genießen. Und der Film hat seine guten Momente, keine Frage. Die Szene, in der die Dinosaurier panisch vor dem Vulkanausbruch flüchten und trotzdem dem Untergang geweiht sind, ist herzerweichend. Allerdings liegt darin auch das größte Manko des Films: Die Dinosaurier, die in der ursprünglichen Trilogie noch wilde, unberechenbare Reptilien waren, werden hier immer mehr vermenschlicht. Dadurch wird die ohnehin dünne Story-Suppe noch etwas weiter verdünnt, und irgendwie verlieren die mächtigen Urzeit-Tiere dadurch auch ein wenig von ihrer Exotik, die die ersten Filme noch getragen hat. Insgesamt ist „Jurassic World: Fallen Kingdom“ ein unterhaltsamer, spannender Film, hat aber unübersehbare Schwächen, die mir schon das Vergnügen ein bisschen verhagelt haben. Vielleicht sollte man das Mesozoikum auch einfach mal ruhen lassen.


5,0
von 10 Kürbissen

Tully (2018)

Regie: Jason Reitman
Original-Titel: Tully
Erscheinungsjahr: 2018
Genre: Drama, Komödie
IMDB-Link: Tully


Das mit der Familie ist so eine Sache. Das Mutterglück ist das größte Glück auf Erden, sagen viele. Kinder zu kriegen, eine große Familie zu gründen, hach, da zieht es einem doch das selige Lächeln auf. Nun ja, wie so oft gibt es auch hier zwei Seiten, und ein Baby zu haben ist eben nicht nur pures Glück, sondern auch mit Anstrengung verbunden, mit schlaflosen Nächten, Augenringen, dem Aufgehen in Chaos, da darunter naturgemäß auch andere Dinge wie zum Beispiel der Haushalt leiden müssen oder die anderen Kinder oder die Beziehung oder alles zusammen. So geht es Margo (Charlize Theron mit einer brillanten Darstellung), die sich mit zwei Kindern (eines davon ziemlich neurotisch), einem liebevollen, aber nicht besonders hilfreichen Ehemann und nun eben auch einem Neugeborenen abplagen muss. Klar schlägt das irgendwann auch aufs Gemüt. Gut, dass es Tully (Mackenzie Davies) gibt, die als „Night Nanny“ dafür sorgt, dass die Mutter mal wieder ausschlafen kann, während sich die Nanny um ihr Baby kümmert. Und Tully kann noch viel mehr als das: Morgens ist die Wohnung blitzblank, es stehen frisch gebackene Cupcakes auf dem Tisch und überhaut wird die junge, lebenslustige Frau zur Freundin und Therapeutin der Mutter, die allmählich zu sich selbst und ihrem Leben zurückfindet. Eine Verbindung entsteht, die enger und vertrauter ist als zwischen Nanny und Dienstgeberin für gewöhnlich so ist – und das hat natürlich auch Folgen. „Tully“ ist eine gute Mischung aus Komödie und Drama, denn das Mutterglück und -leid sorgt zwar erst einmal für den einen oder anderen verständisvollen Lacher, aber niemals auf Kosten der Figuren oder der Geschichte. „Tully“ ist eine ernsthafte Angelegenheit. Das Drehbuch von Diablo Cody (schon oscar-prämiert für „Juno“) ist ausgewogen und seriös und sorgt dafür, dass man gedankenverloren aus dem Kino geht mit dem Gefühl, zwar unterhalten worden zu sein, aber auch etwas verstanden zu haben. Nämlich wie viel Arbeit es auch bedeutet, eine Familie zu haben, dass nichts selbstverständlich ist und man sich stets bemühen muss. Und auch wenn mir das Thema persönlich jetzt nicht allzu nah ist, so kann ich dennoch viel anfangen mit diesem Film und seiner Herangehensweise an sein Thema.


7,5
von 10 Kürbissen

(Foto: Thimfilm)

Solo: A Star Wars Story (2018)

Regie: Ron Howard
Original-Titel: Solo: A Star Wars Story
Erscheinungsjahr: 2018
Genre: Science Fiction, Abenteuerfilm
IMDB-Link: Solo: A Star Wars Story


Es gibt eigentlich ein paar ikonische Rollen, die untrennbar mit ihrem jeweiligen Schauspieler verbunden sind, dass jede andere Besetzung einem Sakrileg gleich kommen würde. So zum Beispiel Indiana Jones, der immer mit Harrison Ford verbunden sein wird. Oder der Blade Runner Rick Deckard, der von Harrison Ford genial verkörpert wurde. Oder Dr. Richard Kimble, der von Tommy Lee Jones gejagte Arzt in „Auf der Flucht“, der von Harrison Ford gespielt wurde. Und natürlich: Harrison Ford als Han Solo. Kann ein Jungspund wie Alden Ehrenreich in diese großen Fußstapfen treten? Ich hatte so meine Zweifel. Die sind nun nach der Sichtung von „Solo: A Star Wars Story“ vielleicht nicht gänzlich gewichen und in gegenteilige Begeisterung verkehrt, aber zumindest weitestgehend ausgeräumt. Denn Ehrenreich macht die Sache im Rahmen seiner Möglichkeiten gut. Er stellt einen jugendlich rebellischen, unangepassten Han Solo dar, der erst einmal zum gelassenen Sarkasmus der späteren Jahre („Lieber kleine Freunde als keine Freunde“) finden muss, aber das verschmitzte Grinsen schon wie eine Waffe trägt. Verliebt ist er halt, und ein Schiff hat er noch nicht – die Geschichte, wie er Lando Calrissian (Donald Glover) den Falcon abluchst, wird ebenso erzählt, wie es zur Bekanntschaft und Freundschaft mit Chewbacca kam. Erst einmal muss er aber im Dienste des Söldners Tobias Beckett (nicht zu verwechseln mit Samuel Beckett und dessen Godot), routiniert gespielt von Woody Harrelson, für dessen Auftraggeber eine große Menge des Super-Kraftstoffs Coaxium klauen. Und natürlich ist das noch schwieriger, als es ohnehin schon klingt. Nach einem gescheiterten Versuch wird der Söldnertruppe vom Schurken Dryden Vos (Paul Bettany) Hans alte Flamme Qi’ra (weil man nicht einfach Kira schreiben kann) an die Seite gestellt, die dank der unergründlichen Wege des Schicksals in Drydens Dienste geraten ist. Kira auf Außerirdisch ist adrett und hübsch anzusehen, wird sie doch von Emilia Clarke gespielt, die zarte, kleine Schöne, die auch mal kräftig austeilen kann, wenn nötig. Klar, dass die Hormone des Jung-Hans verrückt spielen – würden meine auch, wenn mich Emilia Clarke so schmachtend ansehen würde. Und so nimmt die Geschichte ihren Lauf. Immerhin wartet „Solo: A Star Wars Story“ – trotz üblicher Vorhersehbarkeit – im letzten Drittel mit einem lässigen Twist auf. Im Grunde ist aber der Film nicht mehr, aber auch nicht weniger ein gut gemachtes und überraschungsfrei erzähltes Weltraumabenteuer, das sich am besten mit Cola/Bier und Popcorn genießen lässt. Ob es der Anspruch der Star Wars-Saga ist, künftig „nur“ noch gute Unterhaltung zu bieten, sei mal dahingestellt, aber zumindest das liefert das neueste Spin-Off so zuverlässig, wie man es von einem Projekt dieser Größe erwarten kann.


7,0
von 10 Kürbissen

Deadpool 2 (2018)

Regie: David Leitch
Original-Titel: Deadpool 2
Erscheinungsjahr: 2018
Genre: Action, Fantasy, Komödie, Satire
IMDB-Link: Deadpool 2


Deadpool ist wieder da. Ganz klar: Wenn der mal stirbt, muss man das Mundwerk extra erschlagen. Nur ist das mit dem Sterben nicht so einfach. Nicht, dass er es nicht versuchen würde, aber irgendetwas hält ihn bzw. die nach Explosionen herumfliegenden Teile von ihm am Leben. Vielleicht hat das Schandmaul ohne Skrupel, das auf Verbrecherjagd geht, weil es cool ist, die Schurken zur Strecke zu bringen, ja doch noch eine höhere Aufgabe zu bewältigen. Gegenspieler Cable (der omnipräsente Josh Brolin) jedenfalls erweist sich als harte Nuss, und die Mission, einen 14jährigen Jungen vor diesem schwer bewaffneten Zeitreisenden aus der Zukunft zu beschützen, kostet Blut, Schweiß, Tränen und Gliedmaßen. Das alles ist aber nicht umsonst vergossen, denn wie der geschwätzige Rächer aus der Nachbarschaft schon im Prolog angekündigt hat, ist „Deadpool 2“ ein Familienfilm, und so lernt der Held eben auch, was eine Familie ausmacht. Kino mit pädagogischem Wert also. Die Methoden, dieses Wissen zu vermitteln, mögen vielleicht etwas ungewöhnlich erscheinen, denn es wird gemetzelt, was die Schaschlik-Spieße, die der großmäulige Superheld dekorativ am Rücken trägt, hergeben, aber ungewöhnliche Schüler erfordern eben auch ungewöhnliche Erziehungsmaßnahmen. Kurz gesagt lebt der Film von zwei elementaren Dingen: Vom subversiven und anarchischen Humor seines Titelhelden (brillant verkörpert von Ryan Reynolds, der sich diese Rolle dermaßen angeeignet hat, dass er wohl nie wieder etwas Anderes spielen kann) sowie von der brutalen, schnell geschnittenen Action, die keine Rücksicht nimmt auf Befindlichkeiten oder schwache Mägen. So gesehen führt „Deadpool 2“ den Weg des Vorgängers nahtlos fort. Da der Humor noch absurder ist und noch viel mehr Anspielungen zu entdecken sind, die der Held, der sich bewusst ist, nur eine Filmfigur zu sein, immer wieder einstreut, funktioniert der Film für mich noch besser als der erste Teil. Als Komödie ist „Deadpool 2“ eine echte Perle. Die Story selbst ist ein bisschen dünn und vorhersehbar („That’s just lazy writing“, wie Deadpool alias Ryan Reynolds, der auch am Drehbuch mitgearbeitet hat, mal selbst zugibt), aber Spaß macht das Ding von der ersten bis zur letzten Minute.


7,5
von 10 Kürbissen

Avengers: Infinity War (2018)

Regie: Anthony und Joe Russo
Original-Titel: Avengers: Infinity War
Erscheinungsjahr: 2018
Genre: Action, Fantasy, Science Fiction
IMDB-Link: Avengers: Infinity War


Thanos, grimmiger Oberschurke mit dem Fünffachkinn, hat nicht alle Murmeln beisammen. Konkret: Es fehlen ihm noch vier Infinity-Steine, dann kann er tun, was ein Thanos tun muss: Mit der Macht der Steine das halbe Universum auslöschen und über den traurigen Rest regieren. Das ist natürlich nicht ganz im Sinne der Avengers und ihrer mittlerweile über viele Galaxien verstreute Freunde, die fortan versuchen, den Genozid-Fan von seinem Vorhaben abzubringen. Überreden lässt sich der Mann ja nur sehr schwer, also gibt es schlagkräftige Überzeugungsarbeit zu leisten auf diversen Planeten und in diversen Konstellationen, bis es schließlich auf der Erde zum großen Showdown kommt. Und der hat es in sich. „Avengers: Infinity War“ muss eine nahezu unmögliche Aufgabe bewältigen: Ein ganzes Klassentreffen von Superhelden, die noch dazu in kleinen Gruppen im Weltall verstreut sind, publikumswirksam auf den Schurken loslassen, und zwar auf eine Weise, die den Zuseher auch noch folgen lässt und gleichzeitig alle Helden abfeiert und niemanden zum Statisten degradiert. Die Russo-Brüder haben sich dieser Aufgabe gestellt – und sie bravourös gemeistert. Denn auch wenn das Spektakel gelegentlich ein bisschen chaotisch wirkt (was bei der Vielzahl von Schauplätzen und Figuren unvermeidbar ist), so behalten sie dennoch immer den Überblick und die Zügel fest in der Hand. Die über mehrere Filme verstreute Vorgeschichte wird nahtlos fortgesetzt, alle lieb gewonnenen Figuren bekommen ihre Screentime und sind für die Geschichte wichtig, der Schurke ist überraschend charismatisch und interessant, und über die Schauwerte braucht man ohnehin nicht groß sprechen, die sind fantastisch. Was aber trotzdem noch überrascht ist die Konsequenz, die das Drehbuch gerade gegen Ende hin aufweist. Jedes weitere Wort mehr würde an dieser Stelle schon das Risiko eines Spoilers bedeuten, also sage ich lieber nicht mehr dazu, sondern nur das: Die Russo-Brüder denken hier mehr an den Film selbst als an die Zuseher, und das ist gut so. Ich habe selten ein Publikum so heftig diskutierend aus einem Kinosaal kommen gesehen wie nach „Avengers: Infinity War“. Der Film macht zum Ende hin alles richtig. Mir persönlich war es ein bisschen zu sehr Planeten-Hopping, auch die Dynamik der Figuren untereinander blieb bedingt durch die rasante Handlung eher außen vor, und einige genre-üblichen Logiklöcher waren zu beklagen, aber nichtsdestotrotz ist „Avengers: Infinity War“ sehr weit oben unter den Comic-Verfilmungen angesiedelt und macht Lust auf mehr.


8,5
von 10 Kürbissen

Lucica und ihre Kinder (2018)

Regie: Bettina Braun
Original-Titel: Lucica und ihre Kinder
Erscheinungsjahr: 2018
Genre: Dokumentation
IMDB-Link: –


Lucica hat es wirklich nicht leicht. Die 29jährige Rumänin lebt allein mit ihren 6 Kindern in Dortmund. Ihr Mann Daniel ist gerade aus dem Gefängnis raus, wo er wegen Diebstahl eingesessen ist, und direkt nach Rumänien abgeschoben worden. Nun darf er fünf Jahre lang nicht nach Deutschland einreisen. Lucica hat hinten und vorne kein Geld, manchmal gibt es für sie und ihre Kinder nur trockenes Brot zu essen. Der Job als Teilzeitreinigungskraft wirft eben nicht genug ab. Erschwerend kommt dazu, dass die junge Frau nur wenig Englisch und noch weniger Deutsch spricht. Übersetzen muss dann oft Stefan, der zweitälteste Sohn, dessen Deutsch zwar auch holprig ist, aber der zumindest in die Schule geht und dort lernt. Als Daniel aus dem Gefängnis kommt, reist die Familie nach Rumänien, um ihn persönlich in Empfang zu nehmen. Da aber Lucica kein Geld für die Erneuerung des Reisepasses ihrer jüngsten Tochter Marta hat, kommt es auf dem Weg zurück nach Deutschland, wo die Kinder weiterhin zur Schule gehen sollen, zum Drama. Marta muss in Rumänien bei der Großmutter bleiben. Fortan ist die einzige Sorge von Lucica, ihre geliebte Tochter wieder zurück nach Deutschland zu bringen. Und an diesem Punkt wird das Verhältnis zwischen Lucica und Bettina Braun, der Dokumentarfilmerin, zunehmend schwieriger. Man merkt die Erwartungshaltung Lucicas, dass die reiche Deutsche ihre Probleme löst. Schon in den ersten Szenen des Films gibt es Momente, in denen Lucica die Filmemacherin als Schwester oder einmal gar als Mutter bezeichnet. Wie kann man hier noch Distanz zu dem Thema, das man filmt, wahren? Genau das ist einer der spannendsten Aspekte des Films. Wir haben hier eine sichtlich überforderte, unter der Armutsgrenze lebende Migrantin, die zudem kein großes Interesse daran zeigt, in Deutschland mit der hiesigen Bürokratie und den hier geltenden Regeln zurecht zu kommen, und auf der anderen Seite die Filmemacherin, die persönlich involviert wird – die sicherlich etwas ändern könnte an der Situation der Familie, doch wie nachhaltig wären diese Veränderungen, und würden diese Hilfen nicht den Sinn des Dokumentarfilms unterlaufen? „Lucica und ihre Kinder“ ist ein schonungslos ehrlicher Film, der zum Einen die schwierigen Verhältnisse von Migranten aufzeigt und zum Anderen die Grenzen des Dokumentarfilms an sich. Dass der Film dennoch keine rein triste Angelegenheit ist, liegt an den Kindern, die immer wieder mit ihrer Neugierde und Lebensfreude für positive Momente sorgen.

 


7,0
von 10 Kürbissen

(Foto: CROSSING EUROPE Filmfestival Linz)

The Heart (2018)

Regie: Fanni Metelius
Original-Titel: Hjärtat
Erscheinungsjahr: 2018
Genre: Liebesfilm, Drama
IMDB-Link: Hjärtat


Als mit Anfang Zwanzig die erste ernste Beziehung in die Brüche ging, setzte sich Fanni Metelius hin und schrieb ein Gedicht über diese Beziehung. Einige Jahre später entschloss sie sich, dieses Gedicht zu verfilmen. So erzählte es uns die sympathische Regisseurin beim Q&A zu „The Heart“, ihrem Debütfilm. Sie wollte einen ehrlichen Film machen über echte Probleme, die ihre eigenen Erfahrungen geprägt haben – wie zum Beispiel fehlendes sexuelles Interesse eines Partners. Genau mit diesem Problem (und anderen) schlagen sich Mika und Tesfay herum. Eigentlich sind sie sehr verliebt ineinander, und die bislang so sprunghafte Partymaus Mika (Fanni Metelius selbst, die offenbar mit Regie, Drehbuch und Schnitt noch nicht ausgelastet war, ihre Sache aber überragend macht) entschließt sich, mit Tesfay endlich sesshaft zu werden. Als Zuseher ist man ganz nah dran an diesem Paar, die Momente der Intimität, die gezeigt werden, sind völlig unprätentiös und glaubhaft. Die Küsse, die Blicke (in denen sich oft dieses wundervolle Erstaunen darüber zeigt, den anderen Menschen gefunden zu haben), auch das Zusammensitzen auf der Couch – all das wirkt absolut authentisch. Doch gerade die Couch wird zum Beziehungskiller, denn immer mehr Zeit verbringt der charismatische und eigentlich kreative und lebenslustige Tesfay auf dieser, um Computerspiele zu spielen. Und die Zeit, die dafür draufgeht, Knöpfe auf dem Controller zu drücken, fehlt dann für jene Zeit, die er eigentlich Mikas Knöpfe drücken sollte. Die wird verständlicherweise frustriert und unsicher. Wie lange zusammenbleiben und wie sehr sich bemühen, wenn man trotz aller Liebe unter der Beziehung leidet? Und was kann man noch tun? Leider nimmt sich der Film dafür etwas zu sehr Zeit und wird gegen Ende hin auch ein wenig ermüdend. Dazu kommt, dass zwar die beiden Hauptfiguren Mika und Tesfay sehr glaubhaft dargestellt werden als junge Erwachsene, die feststellen, dass das Leben neben Party und Halligalli auch ernsthafte Seiten hat, die Nebenfiguren aber allesamt sehr klischeehaft ausfallen. Auch ist der Fokus mit Blick auf die Zweierbeziehung einerseits und das ungezwungene Partyleben andererseits sehr eng gefasst. Weitere Aspekte des Lebens und des Alltags werden einfach ausgeklammert. Mir selbst war das ein wenig zu eindimensional. Dennoch ist „The Heart“ ein sehenswerter Liebesfilm, in dem sich viele der jüngeren Zuseher wohl auch selbst wiederfinden werden.


6,5
von 10 Kürbissen

(Foto: CROSSING EUROPE Filmfestival Linz)

Cobain (2018)

Regie: Nanouk Leopold
Original-Titel: Cobain
Erscheinungsjahr: 2018
Genre: Drama
IMDB-Link: Cobain


Der fünfzehnjährige Cobain heißt Cobain, weil seine Mutter Mia schon vor der Geburt nicht unbedingt sehr viel an ihr Kind, sondern hauptsächlich an sich selbst gedacht hat. „Warum nennt man sein Kind nach einem, der sich erschossen hat?“, fragt Cobain zu Recht. Immerhin hat er kein Drogenproblem – das erledigt schon seine Mutter für ihn. Die im Übrigen mal wieder schwanger ist, was sie allerdings nicht davon abhält, viel zu viel zu rauchen, zu trinken und sich noch deutlich ungesündere Substanzen zuzuführen. Noch dazu verschwindet Mia gerne mal. Cobain, wenn er nach ihr sucht, findet sie dann meistens auf der Couch irgendwelcher Junkies. So gesehen ist „Cobain“ so etwas wie ein Gegenstück zu „Die beste aller Welten„, in dem es ebenfalls um eine von Drogen kontaminierte Mutter-Sohn-Beziehung geht. Doch während sich in Adrian Goigingers Kindheitsaufarbeitung die Mutter nach Kräften bemüht, ihrem Sohn trotz aller Probleme eine glückliche Kindheit zu schenken, hat Mia in Nanouk Leopolds Film nicht das leiseste Interesse an Berührungspunkten. Gleich zu Beginn stellt sie klar: „Du bist okay, ich bin okay, wir kümmern uns um uns selbst.“ Niemand ist hier aber okay. Weder Mia noch Cobain, der gerne ein intaktes Familienleben hätte. Immer wieder sucht Cobain die Nähe seiner Mutter, versucht, ihr gegen alle Widerstände zu helfen, um vielleicht doch noch die kleine, wenn auch unwahrscheinliche Chance auf einen Funken Normalität zu wahren. Nanouk Leopold erzählt in ruhigem, unaufgeregtem Tempo die Geschichte eines Jungen, der sich nicht von seiner Mutter lösen kann. In wackeligen Bildern der Handkamera, die immer ganz nah dran ist an Cobain, zeigt sie die zerstörerische Kraft der Liebe. Das Ende ist heftig, aber auch konsequent. „Cobain“ ist nicht über die volle Laufzeit stets gleichermaßen interessant und auch nicht immer klischeefrei, hallt aber dennoch nach und gehört schon mal zu meinen ersten Highlights des Crossing Europe Festivals 2018.


7,5
von 10 Kürbissen

(Foto: CROSSING EUROPE Filmfestival Linz)