2017

Scary Mother (2017)

Regie: Ana Urushadze
Original-Titel: Sashishi Deda
Erscheinungsjahr: 2017
Genre: Thriller, Drama
IMDB-Link: Sashishi Deda


Im Nachhinein ist man immer schlauer: Wäre ich doch mal lieber im Q&A zu „Lucica und ihre Kinder“ sitzengeblieben, anstatt in den Nebensaal zu „Scary Mother“ zu hetzen. Selbst wenn Regisseurin Bettina Braun in diesem Q&A nur ihre besten Backrezepte verraten hätte, wäre das mit Sicherheit noch spannender gewesen als der Film der georgischen Regisseurin Ana Urushadze. Dabei hätte die Synopsis geradezu danach geschrieen, mich ins Kino zu locken. Es geht um die Schriftstellerin und liebevolle dreifache Mutter Manana, die kurz vor der Vollendung ihres neuen Romans steht. Der Ladenbesitzer gegenüber, ein Hobby-Literaturkritiker, den sie das ansonsten streng geheime Werk probelesen ließ, ist von dem Werk begeistert und hält es für ein Meisterwerk. Die Familie – bei der ersten gemeinsamen Lesung – ist weniger angetan davon, denn schon nach wenigen Zeilen wird klar, dass Manana hier ihre eigene Familiengeschichte erzählt, allerdings pervertiert und mit unglaublich viel Hass und Verachtung zwischen den Zeilen. Hier strampelt sich jemand ganz klar heraus aus einer vordefinierten Rolle der Hausfrau und Mutter. Klar, dass vor allem der Ehemann und Vater, der ja sowieso immer alles besser weiß, vor allem in Bezug auf die Frage, was Manana tun oder lassen soll, recht unfreundlich reagiert. Der Ladenbesitzer, der einen kleinen Crush auf Manana zu haben scheint, hat diese Situation vorausgesehen und in seinem Laden ein Zimmer für sie eingerichtet, in dem sie den Roman fertig schreiben kann, während er sich auf die Suche nach einem Verleger macht. So weit, so gut. Der Rest des Films besteht allerdings darin, dass Manana mit irrem Blick durch die Gegend schleicht, mal hinter dem Ladenbesitzer her, mal durch die Stadt, mal durch die Wohnung ihres Vaters. Falls noch jemand einen deutschen Verleihtitel für den Film suchen sollte: „Schleichende Mutter“. Bitte, gern geschehen. Das Ende ist dann wieder ganz okay, aber der (schleichend langsame) Weg dahin eine ziemlich mühsame Angelegenheit.


3,5
von 10 Kürbissen

(Foto: CROSSING EUROPE Filmfestival Linz)

The Cured – Infiziert. Geheilt. Verstoßen. (2017)

Regie: David Freyne
Original-Titel: The Cured
Erscheinungsjahr: 2017
Genre: Horror
IMDB-Link: The Cured


So eine Zombie-Karriere taugt auf die Dauer nichts. Es ist halt ein bisschen eintönig: Herumschlurfen, gelegentlich auszucken, wenn Menschenfleisch in Sicht kommt, und wenn sich die Gfraster wehren, wird einem oft der Schädel eingeschlagen. Daher denkt sich die Regierung nach dem Ausbruch einer Zombie-Epidemie in Irland: So ein Gegenmittel wäre schon leiwand. Und dank heller Köpfe gelingt es auch, 75% der Zombies wieder zurückzuverwandeln in friedfertige Bürger. Doch wie geht man damit um, wenn man weiß, dass man gegen seinen Willen seine Verwandtschaft verspeist hat? Mit dieser Frage plagt sich der geheilte Ex-Zombie Senan (Sam Keeley) herum. Seine Schwägerin (Ellen Page), die nach der Epidemie ohne Ehemann, aber mit Sohn auskommen muss, nimmt ihn dankenswerterweise auf. Ist ja technisch gesehen immer noch sein Haus. Blöd sind zwei Dinge: Die Erinnerung daran, was man getan hat, die sich immer wieder in Albträumen manifestiert, und die Tatsache, dass die Bevölkerung einen regelrechten Hass auf die Geheilten entwickelt hat. Klar, wenn dein Nachbar nicht nur deinen Hund, sondern auch noch deine ganze Familie gegessen hat, kann man gewisse Animositäten nicht verhindern. Dass sich zudem 25% der Infizierten durch das Gegenmittel nicht heilen lassen und in Armeelagern gefangen gehalten werden, löst die Spannungen in der Bevölkerung auch nicht gerade. „The Cured“ hat eine wirklich geniale Ausgangsbasis. Die Frage der Schuld, der Vergebung, der Wiedereingliederung jener, die willenlos Abscheuliches getan haben – all das würde einen solchen Film mit Leichtigkeit tragen. Leider geht „The Cured“ diesen Weg nicht konsequent zu Ende. Stattdessen biegt er in der zweiten Hälfte in Richtung eines recht klassischen Zombie-Horrors ab, der in einem chaotischen und irgendwie unlogischen Showdown mündet. Immer öfter drängt sich die Frage nach der Motivation für viele Handlungen auf – und nicht selten lautet die unbefriedigende Antwort: Weil’s die Dramaturgie so will. So ist „The Cured“ ein Film der vergebenen Chancen. Unterhaltsam und genregerecht spannend, aber der große Twist im Zombie-Genre bleibt damit aus.

 


5,5
von 10 Kürbissen

(Foto: CROSSING EUROPE Filmfestival Linz)

Double Date (2017)

Regie: Benjamin Barfoot
Original-Titel: Double Date
Erscheinungsjahr: 2017
Genre: Horror, Komödie, Satire, Thriller
IMDB-Link: Double Date


Noch vor Beginn des Films wurden gleich mal die Weichen für die kommenden 1,5 Stunden gestellt, als der Moderator launig ins Publikum fragte, wer denn schon einmal bei einem Double Date gewesen sei, also zusammen mit einem Freund / einer Freundin und den jeweiligen Love Interests unterwegs. Ein paar zaghafte Hände gingen in die Höhe. Auf die Rückfrage des Moderators, wie denn das so gewesen sei, kam aus von einem Zuseher die Antwort: „Tatsächlich sind wir gerade auf einem Double Date.“ Der Moderator daraufhin: „Dann bin ich mal gespannt, ob ich euch morgen wiedersehe, denn wie wir gleich erfahren werden, sind Double Dates manchmal tödlich.“ Und damit ist gleich mal zusammengefasst, worum es in Benjamin Barfoots Film geht. Dieser ist reine Publikumsbespaßung. Mit großem Vergnügen zelebriert Barfoot jegliches Klischee, die man rund um die Dating-Situationen junger Erwachsener finden kann, und stellt dann den Fuß bis zum Anschlag aufs Gaspedal. Die Story: Der schüchterne Jim steht vor seinem dreißigsten Geburtstag und hatte noch nie etwas mit einer Frau. Sein großmäuliger Freund Alex verspricht ihm daher, dass er noch vor seinem Geburtstag flachgelegt werden würde. Auftritt zweier übertrieben hübscher Grazien in der Bar, die an den beiden Kumpanen trotz holpriger Anmache überraschend Gefallen finden. Was der Maulheld und sein komplexbeladener Kompagnon nicht ahnen: Die beiden Mädels haben sinistere Pläne, die Chloroform, ein Messer und mehrere Stunden Putzen danach inkludieren. Ahnungslos tappen die beiden libidinösen Helden in die Venusfalle. Dass sie zudem nicht die hellsten Sterne am Firmament sind, lässt den geneigten Zuseher umso mehr um ihr armseliges Leben bangen. „Double Date“ ist ein Film nach dem Motto „Hirn aus, Popcorn rein“. Der Spaßfaktor ist enorm, und vor allem, wenn man mit dem leicht verdrehten und schwarzen britischen Humor etwas anfangen kann, macht man hier nichts falsch. „Double Date“ hat ein einfaches Rezept, das aber gut funktioniert: Über jeden Schrecken lässt sich auch lachen.


7,5
von 10 Kürbissen

(Foto: CROSSING EUROPE Filmfestival Linz)

Dreaming Under Capitalism (2017)

Regie: Sophie Bruneau
Original-Titel: Rêver sous le Capitalisme
Erscheinungsjahr: 2017
Genre: Dokumentation
IMDB-Link: –


Die Idee ist simpel, hat aber etwas für sich: Warum nicht einen Film über die Auswirkungen des kapitalistischen Systems auf das alltägliche Leben drehen, indem man die Menschen von ihren Albträumen erzählen lässt, die mit der Arbeit zu tun haben? Genau das macht Sophie Bruneau mit ihrem Dokumentarfilm „Dreaming Under Capitalism“, meinem ersten Crossing Europe-Film. Es ist Freitagnachmittag, die Sonne scheint aus einem nahezu wolkenlosen Himmel, es ist sommerlich warm, ich bin gerade in Linz angekommen – und mein erster Weg führt mich in den dunklen Kinosaal, um mir einen Film anzusehen, in dem Menschen vor filmischen Stillleben von Arbeitswelten von ihren nächtlichen Träumen erzählen (meistens aus dem Off). Im Laufe des Films, der mit einer Stunde Laufzeit ökonomisch angelegt ist, besinnen sich offensichtlich auch einige weitere Kinobesucher, dass da draußen ein wunderschöner Frühlingstag ist und ratzfatz ist der halbe Saal leer gespielt. Ich, müde vom Vorabend und der Zugfahrt am Vormittag, bleibe sitzen, was auch daran liegt, dass mir immer wieder die Augen zufallen. Kurz gesagt: „Dreaming Under Capitalism“ ist nicht unbedingt das, was man als Reißer bezeichnen würde. Manche Träume sind zwar durchaus interessant (wie etwa jener der älteren Consulting-Dame, die davon träumt, dass ihr Schädel aufknackt und kleine Männchen mit Riesenlöffeln im Kreis um ihr Hirn sitzen und dieses genüsslich auslöffeln), aber meistens sind es nichtssagende, larmoyante Sudereien über die alltägliche Arbeitsbelastung, die vor nahezu unbewegten Bildern von beispielsweise Bürogebäuden oder Baustellen erzählt werden. Wäre das mein heutiger Spätabendfilm gewesen, wäre ich wohl erst morgen in der Früh wieder im Kinosaal aufgewacht. So bleibt als Fazit: Eine nette Idee, aber langweilig umgesetzt – und einen ganzen Film trägt diese nicht.


3,0
von 10 Kürbissen

(Foto: CROSSING EUROPE Filmfestival Linz)

Lady Bird (2017)

Regie: Greta Gerwig
Original-Titel: Lady Bird
Erscheinungsjahr: 2017
Genre: Komödie, Drama
IMDB-Link: Lady Bird


Hin und wieder kommt ein Film daher, der einfach alles richtig macht. Und ganz gleich, ob man die Geschichten und Figuren viel mit der eigenen Lebensrealität gemeinsam haben oder nicht – man ist von ihnen gefangen und für die Dauer des Films lebt man diese erzählte Leben. So ging es mir mit „Lady Bird“, dem Regiedebüt von Greta Gerwig. Meine Identifikationsmöglichkeiten mit Highschool-Mädchen aus Sacramento, Kalifornien, sind eher beschränkt, wie ich beim Blick in den Spiegel feststellen muss, aber dennoch sind mir alle Figuren dieses Films so wahnsinnig vertraut und nah. Und das liegt am grandiosen Storytelling. Denn auch wenn die Geschichte von der 17jährigen Christine, die sich selbst Lady Bird nennt (Saoirse Ronan mit einer unfassbar ehrlichen und authentischen Leistung), auf den ersten Blick recht unspektakulär dahindriftet (es geht um Schulschwärmereien, die Wahl des Colleges, Theaterproben, das Überstehen des letzten Schuljahres, Probleme mit den Eltern), so steckt, wenn man genauer hinsieht, so viel mehr drinnen. Freundschaft. Loyalität. Familie. Die Suche nach Status, wenn man nicht zu den Wohlhabenden in seinem Umfeld gehört, und – wichtiger – nach Anerkennung und einem eigenen Platz in der Welt. Dabei werden die Protagonisten (allesamt grandios gespielt) und die Beziehungen untereinander so unaufgeregt und gleichzeitig so wahrhaftig dargestellt, wie es Filmen nur selten gelingt. Greta Gerwig kommt ohne großes Drama und ohne Schubladen aus. Die Mutter ist liebevoll und verständnislos zugleich. Der Vater depressiv, aber freundlich. Lady Bird selbst eigensinnig, aber gutherzig. Es sind Menschen mit Stärken und Schwächen und viel Liebe füreinander, auch wenn es sie es manchmal nicht einfach miteinander haben. Die Konflikte werden unaufgeregt, aber ohne Weichzeichner gezeigt. Am Ende bekommt man eine Ahnung davon, wer diese „Lady Bird“ einmal als Erwachsene sein wird, und man denkt sich: Ja, ich glaube, wir würden uns gut verstehen.

 


8,5
von 10 Kürbissen

Something Useful (2017)

Regie: Pelin Esmer
Original-Titel: İşe Yarar Bir Şey
Erscheinungsjahr: 2017
Genre: Drama, Roadmovie
IMDB-Link: İşe Yarar Bir Şey


Regisseurin Pelin Esmer meinte einmal über ihre Filme, sie würde diese nicht in Prosa drehen, sondern in Poesie. Nachdem ich „Something Useful“ gesehen habe, glaube ich zu wissen, was sie damit meint. Denn vorrangig ist „Something Useful“ ein ästhetischer, aber dennoch konzentrierter Film. Die gleichen Merkmale weist auch ein gutes Gedicht aus: Ästhetik und Fokus. Erzählt wird die Geschichte einer Zufallsbekanntschaft während einer langen Bahnfahrt. Die Dichterin Leyla ist auf dem Weg zu einem Klassentreffen, dem ersten, an dem sie überhaupt teilnimmt. Im Zug lernt sie die junge Krankenschwester Canan kennen, die davon träumt, Schauspielerin zu werden. Zunächst muss sie aber einen pikanten Auftrag erfüllen, denn ein Bekannter hat sie gebeten, Sterbehilfe bei seinem besten Freund zu leisten, nachdem er selbst an dieser Aufgabe gescheitert ist. Und so soll Canan dem vom Hals abwärts gelähmten Yavuz die tödliche Spritze setzen. Das junge Mädchen, das zwischen Pflichtgefühl, Mitleid und Angst hin- und hergerissen ist, vertraut sich Leyla an, und die entschließt sich, Canan zu begleiten. Die Begegnung der beiden Frauen mit dem gelähmten Sterbenswilligen bietet einige der besten Dialogmomente auf, die ich in diesem Jahr bislang genießen durfte. Auch das Davor, die Reise der beiden Frauen, ist größtenteils interessant und immer wieder von Metaphern begleitet – seien es Spiegelungen, wenn Leyla aus dem Zugfenster nach draußen blickt und dabei sich selbst sieht, oder Graffitis von Raben, den Todesvögeln, die scheinbar in jedem Bahnhof auftauchen. Zwar braucht die Geschichte ein wenig Zeit, um in Fahrt zu kommen, aber allein schon das wundervolle Ende entschädigt für die gelegentlichen Längen davor. Auch schauspielerisch gibt es nichts zu bemäkeln. „Something Useful“, mein vierter und letzter Film des diesjährigen LET’S CEE Film Festivals, ist ein langsamer, und ja: poetischer Film, für den man ein wenig Geduld mitbringen sollte, die hier aber gut investiert ist.


7,5
von 10 Kürbissen

(Foto: LET‘S CEE Film Festival)

November (2017)

Regie: Rainer Sarnet
Original-Titel: November
Erscheinungsjahr: 2017
Genre: Drama, Komödie, Liebesfilm, Fantasy
IMDB-Link: November


Der estnische Film „November“ eröffnete das LET’S CEE Film Festival 2018. Und so vielfältig wie die zentral- und osteuropäischen Filme eben so sind, die im Rahmen des Festivals gezeigt werden, so viele Ebenen und Schichten hat auch „November“ selbst, der sich einer klaren Genre-Zuordnung verweigert. Am ehesten könnte man den Film als groteskes Märchen bezeichnen. Hier geben sich fröhlich Hexen, Geister, Formwandler,  die personifizierte Pest, mythische estnische Wesen, die aus Haushaltsgegenständen gebaut werden (sogenannte Kratts) sowie Luzifer persönlich ein Stelldichein. Vorrangig geht es in dieser Geschichte um die junge Liina, die in Hans verliebt ist, der allerdings diese Liebe nicht erwidert, da er sich in die schöne Gräfin verschaut hat, die wiederum im Stand meilenweit über dem Rest der Dorfbewohner steht (und manchmal auch im wortwörtlichen Sinne über ihnen, da sie die Angewohnheit hat, auf dem Dach des Gutshofes schlafzuwandeln). Soweit, so klassisch. Allerdings folgt der Film nur selten konventionellen Märchenpfaden. Immer wieder driften die Situationen ins Absurde ab, selten macht etwas wirklich Sinn, und eine klassische Storyentwicklung sucht man die meiste Zeit über auch vergeblich. Das alles klingt jetzt erst einmal nicht so erbaulich. Jetzt kommt mein großes „Aber“. Aber: Der Film ist trotz aller Rätselhaftigkeit (oder vielleicht auch gerade deswegen) unglaublich interessant und spektakulär anzusehen. Die in Schwarz-Weiß gehaltenen Bilder – die Schattenspiele im Wald, der Nebel, der den verlassen wirkenden Gutshof umhüllt – sind atemberaubend schön. Und der Inhalt selbst, diese Verbindung von estnischer Folklore und Märchen, verschließt sich vielleicht gängigen Interpretationsmustern, wirkt aber nie inkohärent oder chaotisch. Im Gegenteil: Man folgt einer Geschichte, die nach einem ganz klar umrissenen Plan abläuft, den man nicht versteht. Dennoch fühlt man sich als Zuseher gut durch die Geschichte geleitet. Man möchte nicht allein sein im finsteren Wald, wenn Luzifer herbeigerufen wird, aber in den Händen des Regisseurs geht man auch dieses Abenteuer gerne mit. Heißt es nicht am Ende immer: „Und sie lebten glücklich bis ans Ende ihrer Tage …“? Wie so ziemlich alles in diesem Film kommt man mit gängiger Logik allerdings nicht allzu weit. Das muss man natürlich erst einmal mögen – aber falls man sich auf solche cineastischen Wagnisse einlassen und alle Erwartungshaltungen und Schablonen mal beiseite lassen kann und den Film stattdessen als sinnliches Erlebnis wahrnimmt, bietet „November“ eine Erfahrung, die man nicht missen möchte.

(Dieser Film ist als Reiseetappe # 10 Teil meiner Filmreisechallenge 2018. Mehr darüber hier.)


9,0
von 10 Kürbissen

(Foto: LET’S CEE Film Festival)

Miracle (2017)

Regie: Egle Vertelyte
Original-Titel: Stebuklas
Erscheinungsjahr: 2017
Genre: Drama, Komödie
IMDB-Link: Stebuklas


Dieser Tage läuft in Wien das LET’S CEE Film Festival, das seinen Schwerpunkt auf zentral- und osteuropäische Filme legt. Gemeinsam mit fünf weiteren Cineasten fand ich mich also am Sonntagnachmittag im Kino meines Vertrauens ein, um den litauischen Film „Stebuklas“ zu sehen. Dieser erzählt die Geschichte von Irena, Besitzerin einer Schweinefarm, die 1992, kurz nach dem Ende des Kommunismus, vor dem Bankrott steht. Da kommt der aus den USA nach Hause zurückgekehrte Bernardas mit seinen Dollars gerade recht. Der kauft Irena und ihren Teilhabern/Mitarbeitern kurzerhand die Farm ab. Der Grund, den er anführt: Auf dem Grundstück, wo sich nun die Farm befindet, war früher das Haus seiner Eltern, und er wolle den Betrieb in Gedenken an seine verstorbenen Eltern weiterführen. Doch natürlich ist nichts so, wie es scheint – der Mann hat ganz Anderes im Sinn, wie Irena, die sich ihm auch auf zwischenmenschlicher Ebene allmählich ein wenig annähert, schon bald feststellen muss. Beim Ansehen von „Stebuklas“ fielen mir zwei andere Filme ein, die in Teilaspekten deutliche Parallelen zu Egle Vertelytes Film aufweisen: „Satanstango“ von Bela Tarr und „The Treasure“ von Corneliu Porumboiu. In Ersterem ist die Parallele, das ein armes Landvolk sich von der Aussicht auf Erlösung in Form eines Fremden, der ins Dorf kommt, blenden lässt und diesem allzu bereitwillig folgt. Zweiterer ist inhaltlich nah dran an „Stebulkas“. Alle drei Filme, so unterschiedlich sie auch sind, vereint, dass sie die Nöte von Osteuropäern in prekären wirtschaftlichen Lagen sichtbar machen und auf ihre Weise einen Kommentar zu den Verheißungen des Kapitalismus abgeben, die sich letztlich für diese Menschen nicht erfüllt haben. In „Stebulkas“ erfolgt dies zuweilen mit den Mitteln der Komödie. Auch wenn ich den Film nicht als rasend komisch beschreiben würde, so finden sich zwischendurch doch immer wieder Szenen, die zum Schmunzeln anregen. Diese stehen allerdings neben sehr zynischen Szenen, die die Stimmung doch eher gedämpft halten. An sich wäre der Film eine solide Sache, in den Charakterzeichnungen vielleicht ein wenig arg übertrieben (und für eine Satire doch wieder nicht genug), aber trotzdem recht sehenswert, wäre da nicht das Ende. Ich weiß, dass in Litauen die Religion eine große Rolle spielt, und das Wunder kommt schließlich auch im Titel vor, aber, ganz ehrlich, am Ende torpediert der Film seine eigene sozialkritische Position und fährt die Geschichte mit einem fürchterlichen Erlösungs-Twist an die Wand. Nicht nur, dass in meinen Augen dieses Ende völlig unnötig ist – es wertet auch noch die bis dahin starke Hauptprotagonistin ab. Dafür gibt es Abzüge in der B-Note. Dass der Film trotzdem nicht mehr Zuseher gefunden hat und von sechs Zusehern am Ende zum Q&A mit einem der Darsteller nur noch zwei da waren (eine Litauerin mit Heimweh und der Kürbis eures Vertrauens), hat er dennoch nicht verdient. Also, Leute, rafft euch auf und seht euch die Filme des LET’S CEE-Festivals an!


4,5
von 10 Kürbissen

(Foto: LET‘S CEE Film Festival)

Im Zweifel glücklich (2017)

Regie: Mike White
Original-Titel: Brad’s Status
Erscheinungsjahr: 2017
Genre: Drama, Komödie
IMDB-Link: Brad’s Status


Brad Sloan (Ben Stiller) hat eigentlich alles, was man sich nur wünschen kann: Eine liebevolle Frau, einen intelligenten und wohlgeratenen Sohn, der demnächst aufs College wechseln wird, ein schönes Haus, einen interessanten Job in seinem eigenen kleinen Non-Profit-Unternehmen, einen phlegmatischen Hund, der süße Grunzlaute ausstößt, wenn man ihm unterm Kinn krault. Brad Sloan hat aber ein Problem: Es lautet Brad Sloan. Denn aus irgendwelchen seltsamen, nicht nachvollziehbaren Gründen fühlt er sich vom Leben betrogen. Er ist nicht im Fernsehen, er hat keinen eigenen Privatjet, er vögelt nicht mit jungen Collegehaserln am Strand, und jetzt geht der Nachwuchs vielleicht sogar noch auf eine bessere Universität als er selbst. Das ist doch mal echt ein Grund, 101 Minuten lang eine Leichenbittermiene aufzusetzen und seine Gedanken in einer endlosen Achterbahn um die unfaire Welt kreisen zu lassen. Beim Zuseher baut sich derweilen auch eine Emotion auf: Ärger. Selten war der Wunsch größer, die vierte Wand rückwärts zu durchbrechen, also a la Last Action Hero in den Film einzusteigen und der Hauptfigur links und rechts eine zu betonieren. Oder zwei, wenn sie noch lange herumsudert. Oder drei. Sicher ist sicher. Natürlich versucht Mike White in seinem seltsam misanthropischen Feelgood-Movie, am Ende die Kurve zu kriegen und seinem Brad Sloan statt einer ordentlichen Gnackwatschn eine Erkenntnis zu bescheren, aber da ist es schon zu spät, da lässt sich nichts mehr retten. Wenn man irgendeinen netten, sympathischen Zug an Brad Sloan entdecken kann (im Sinne von „Na ja, ein Arschloch ist er, aber er hat immerhin saubere Hemden an“), könnte der Film vielleicht sogar funktionieren, wie einige gute Kritiken dazu vermuten lassen. Aber sorry, dafür müsste ich mehr Augen inklusive aller Hühneraugen zudrücken als Ben Stiller Filme gedreht hat mit einem der Wilson-Brüder (hier mal wieder Luke Wilson). Fazit: Wer Ben Stiller auf Sinnsuche erleben möchte, sollte lieber zu Das erstaunliche Leben des Walter Mitty greifen.


3,5
von 10 Kürbissen

Gwendolyn (2017)

Regie: Ruth Kaaserer
Original-Titel: Gwendolyn
Erscheinungsjahr: 2017
Genre: Dokumentation
IMDB-Link: Gwendolyn


Gwendolyn ist Mitte 60, von eher schmächtiger Statur, hat Krebs, der zu einer halbseitigen Gesichtslähmung geführt hat, und ist in ihrer Altersklasse dreifache Welt- und fünffache Europameisterin im Gewichtheben. Wenn die gebürtige Steirerin, die seit den 70ern in London lebt, nicht gerade im Fitnessstudio unter Anleitung ihres langjährigen Trainers Pat die Hanteln stemmt, geht sie mit ihrem ivorischen Freund Essen, mit ihrem Enkelsohn in den Tiergarten oder denkt darüber nach, welches Buch sie als nächstes schreiben möchte. Ihre Dissertation hat sie über alte babylonische Flüche geschrieben. Schnell wird klar: Gwendolyn, Gwen, wie sie von ihren Freunden genannt wird, ist eine wahrlich außergewöhnliche Frau. Hinter ihrer stoischen Art verbirgt sich, wenn man genauer hinsieht, eine scharfsinnige, willensstarke Persönlichkeit mit staubtrockenem Humor. Gwendolyn lässt sich nicht unterkriegen vom Leben, sie bleibt neugierig und abenteuerlustig. Eine Europameisterschaft in Aserbaidschan? Warum nicht. Mit eisernem Willen trainiert sie auf diesen Event hin, auch wenn sie ihre Arme kaum heben kann und alles schmerzt. „Wenn du Schmerzen hast, suche dir einen neuen Schmerz, der lenkt vom alten ab“, rät ihr Trainer Pat, und dieser Ratschlag unterstreicht, wie Gwendolyn tickt. Schmerzen gehören zu ihrem Leben. Aber diese sind kein Grund für sie, nicht auch Freude zu empfinden und Leistung zu bringen. Ruth Kaaserer setzt dieser inspirierenden Frau ein filmisches Denkmal. Schön ist, dass sich der Film ganz auf Gwendolyn konzentriert, ganz bei ihr ist, im Privaten wie im Öffentlichen, nicht bewertet, nicht hinterfragt, sondern sie einfach nur zeigt, wie sie ist. Gleichzeitig entsteht daraus auch die einzige nennenswerte Schwäche, die Ruth Kaaserers Porträt aufweist: Diese spannende Frau wird ganz im Hier und Jetzt gezeigt, die Hintergründe aber, wie sie zu dieser Frau geworden ist, bleiben verborgen und werden auch nicht hinterfragt. Man hat ein wenig das Gefühl, dass sie noch so viel mehr zu erzählen hätte, doch der Film stellt keine Fragen, er beobachtet nur, und wenn man Gwen nicht fragt, dann sagt sie eben auch nichts. Sie ist ganz bei sich – was Andere über sie denken, scheint zweitrangig für sie zu sein. Und so bleibt man auch als Zuseher ein wenig außen vor.


6,5
von 10 Kürbissen

(Foto: Stadtkino Filmverleih)