2017

Die beste aller Welten (2017)

Regie: Adrian Goiginger
Original-Titel: Die beste aller Welten
Erscheinungsjahr: 2017
Genre: Drama
IMDB-Link: Die beste aller Welten


Adrian Goiginger erzählt die Geschichte seiner Kindheit in Salzburg. Die drogensüchtige Mutter. Die Freunde, allesamt Junkies, die bis spät in die Nacht in der abgedunkelten Wohnung sitzen, der siebenjährige Adrian mitten unter ihnen, und Bier trinken, Zigaretten rauchen, Lines ziehen und sich hin und wieder was spritzen. Die Gewalt, die immer wieder einmal plötzlich ausbricht. Was nun klingt wie das unverdaulichste Sozialdrama aller Zeiten, entpuppt sich überraschend als zarter Liebesfilm. Es geht um die Liebe zwischen Mutter und Sohn. Um den Versuch, dem Sohn ein behütetes Zuhause zu geben trotz aller Schwierigkeiten, trotz des Dämons der Sucht in der Wohnung. Dieser Dämon wird kraftvoll symbolisiert durch eine zweite, surreale Traumebene des jungen Adrian, in der sich ein wagemutiger Abenteurer einem echten Dämon stellen muss, der in einer Höhle eingesperrt ist, doch die Ketten, die ihn festhalten, zu sprengen drohen. „Die beste aller Welten“ ist unsentimental und ehrlich. Adrian Goiginger wirft einen ungeschönten, nicht verklärten Blick auf seine Kindheit. Er betrachtet sich selbst als Siebenjährigen durch seine damaligen Kinderaugen. Auch die Kamera selbst bleibt oft in Bodennähe, betrachtet das Geschehen und die Abgründe, in die sich die Erwachsenen reißen, von unten, was zum Einen die Machtlosigkeit des Kindes verdeutlicht, aber andererseits eben auch eine andere Perspektive auf die Geschichte andeutet – eben jene, dass das, was „da oben“ geschieht, nicht zwangsweise 1:1 umzulegen ist auf das, was „unten“ beim Kind ankommt. „Die beste aller Welten“ ist eine Geschichte voller Hoffnung in einer fast hoffnungslosen Situation. Zudem ist der Film wirklich grandios gespielt, v.a. von Verena Altenberger, die die Mutter darstellt, und dem Kinderdarsteller Jeremy Miliker, der sehr unaufgeregt agiert – eine wirklich reife Leistung für den Burschen. „Die beste aller Welten“ ist definitiv ein Anwärter auf den besten österreichischen Film des Jahres – ein großartiges, ehrliches und mitreißendes Werk, das bleiben wird.


8,5
von 10 Kürbissen

(Foto: Polyfilm)

Tulpenfieber (2017)

Regie: Justin Chadwick
Original-Titel: Tulip Fever
Erscheinungsjahr: 2017
Genre: Drama, Historienfilm
IMDB-Link: Tulip Fever


Das Goldene Zeitalter. Goldene Nasen, wohin man schaut – jedenfalls, wenn man mit den richtigen Dingen handelt. Zum Beispiel mit Tulpen. Für einzelne Zwiebeln werden Preise gezahlt, für die man sich im beschaulichen (und sehr dreckigen) Amsterdam des 17. Jahrhunderts stattdessen auch ein hübsches Häuschen mit Grachtenblick leisten könnte. An Tulpen ist der reiche Kaufmann Cornelis Sandvoort (Christoph Waltz) allerdings nicht interessiert. Er hat ein anderes Blümchen zuhause, das er zum Erblühen bringen möchte: Seine junge, einst aus dem Waisenhaus herausgekaufte Frau Sophia (Alicia Vikander). So schön sie auch anzusehen ist, aber etwas fehlt – nämlich der heiß ersehnte männliche Nachkomme. Der Jüngste ist Cornelis ja nicht, und mit seiner ersten Frau ging es schon mal schief – Frau und Kind starben im Kindbett. Blöd nur, dass die holde Gattin Nummer 2 nicht schwanger werden will – trotz aller angestrengten Bemühungen. Na ja, lässt man sich in der Zwischenzeit halt auf einem schönen Doppelporträt verewigen. Nur blöd, dass der Künstler, der dieses anfertigen soll, ein junger, gut aussehender Heißsporn ist (Dane DeHaan). Es entspinnt sich eine kleine Intrige, in die auch die Hausmagd (Holliday Grainger) eine (wortwörtlich) tragende Rolle spielt.

„Tulpenfieber“ von Justin Chadwick nach einem Drehbuch von Tom Stoppard („Shakespeare in Love“) ist im Grunde ein klassisches Hollywood-Historien-Drama. Der Film scheut größere Risiken und erzählt stattdessen routiniert, aber durchaus fesselnd, seine Geschichte rund um Liebes- und Tulpenwahn. Die historische Anekdote des ersten massiven Börsencrashs der Neuzeit ist hierbei Hintergrundkulisse für eine recht klassische und weitgehend überraschungsfreie Dreiecks- bzw. Liebesgeschichte. Dass der Film dennoch gut unterhält, liegt am großartigen Schauspieler-Ensemble (wobei mir Alicia Vikander diesmal ein bisschen zu oft mit aufgerissenen Augen herumläuft – ihre Rolle könnte man auch subtiler spielen), das von einer sinnlichen Holliday Grainger, einem überraschend verletzlichen Christoph Waltz und einem charismatischen Dane DeHaan (diesmal – denn bei „Valerian“ hatte ich ja so meine Probleme mit ihm) getragen wird, unterstützt von hochkarätigen Nebendarstellern wie zB Judi Dench oder Zach Galifianakis. Auch die großartige, detailreiche Kulisse ist hervorzuheben. Man riecht förmlich den Gestank der Gassen und des schmutzigen Wassers – bzw. könnte es hierfür ein wenig nach Oscar-Nominierung riechen. In Summe kein Meisterwerk, dafür ist die Geschichte zu eindimensional aufgebaut und manche Dialogzeilen sind doch recht banal, aber, wie gesagt, für Unterhaltung ist dennoch gesorgt.


6,5
von 10 Kürbissen

(Foto: Thimfilm)

Araby (2017)

Regie: João Dumans und Affonso Uchoa
Original-Titel: Arábia
Erscheinungsjahr: 2017
Genre: Drama
IMDB-Link: Arábia


Der brasilianische Film „Arábia“ erzählt eine recht universelle Geschichte von Außenseitern, hart arbeitenden Menschen und Lebensentscheidungen. Nach einem Unfall in einer Metallfirma in der Nähe von Ouro Preto findet der jugendliche Andre das Notizbuch des verunglückten Arbeiters Cristiano, in dem dieser seine Lebensgeschichte aufgeschrieben hat – von der Kleinkriminalität zur geregelten Arbeit in der Fabrik mit den vielen kleinen Zwischenschritten, die er dafür gehen musste, mit den Begegnungen der Menschen auf diesem Weg, mit den Orten, an denen er war und die er wieder verlassen hat. Dabei bleibt der Blick seltsam distanziert. Es fällt schwer, eine Bindung zu diesem schweigsamen und undurchdringlichen Cristiano aufzubauen. (Ein Unterfangen, an dem nicht nur die Zuseher, sondern auch die Menschen in seinem Leben nach und nach scheitern.) Dadurch, dass der Film ein sehr gemächliches, man könnte fast sagen: schneckenlangsames Tempo an den Tag legt, wird die Sichtung mit der Zeit zur Herausforderung. Wenn einem das Schicksal des Helden eher wurscht ist und dieses Schicksal dann auch noch mit der Ruhe eines Zen-Meisters erzählt wird, kann es mühsam werden, die Augen offen zu halten. Kein Film, den man an einem späten Abend nach einem langen Arbeitstag zuhause gemütlich auf der Couch lungernd ansehen sollte.

Warum der Film „Arábia“ heißt, weiß übrigens niemand – die beiden Filmmacher, die gleichzeitig für Drehbuch und Regie verantwortlich zeichnen – saßen am Ende wohl ratlos über ihrem Manuskript zusammen, brüteten Ideen aus, warfen diese an eine Pinnwand, strichen sie wieder durch, und am Ende zuckte einfach einer mit den Achseln und meinte: „Na ja, wenn uns schon nichts Gescheites einfällt, dann geben wir dem Ding halt irgendeinen Fernweh-Namen, der gerade politisch gut reinpasst. Syria zum Beispiel oder Arábia“. Und der Andere: „Das ist Mist.“ Der Erste wieder: „Gut, fällt dir was Besseres ein?“ Der Zweite zuckt mit den Schultern. Der Erste wieder: „Okay, dann nehmen wir Arábia. Ist eh wurscht.“


5,5
von 10 Kürbissen

Der Dunkle Turm (2017)

Regie: Nikolaj Arcel
Original-Titel: The Dark Tower
Erscheinungsjahr: 2017
Genre: Action, Fantasy
IMDB-Link: The Dark Tower


Nein! Nein, nein, nein, nein, nein, nein, nein, nein, nein, nein, nein, nein, nein, nein, nein, nein, nein, nein, nein, nein, nein, nein, nein, nein, nein, nein, nein, nein, nein, nein, nein, nein, nein, nein, nein, nein, nein, nein, nein, nein, nein, nein, nein, nein, nein! Aber sowas von Nein!

Ich weißt nicht, was ich da gesehen habe, irgendeinen kruden, leicht dämlichen Fantasy-Action-Film mit wenig Fantasy und wenig Action, aber „Der Dunkle Turm“ war es nicht. Und das, obwohl ich mich im Vorfeld schon von der Erwartungshaltung, dass der Film der epischen Roman-Reihe von Stephen King bzw. zumindest deren Auftakt gerecht werden könnte, verabschiedet habe. Kings dunkler Turm ist für mich nicht weniger als das größte Fantasy-Epos unserer Zeit (sorry, George R. R. Martin, du bist auch ein Wunderwuzzi, keine Frage, aber das Universum von King mit seinen Querverweisen in zwanzig, dreißig weiteren Romanen neben den sieben Hauptromanen steht da noch ein kleines Stück drüber). Aber selbst wenn man akzeptiert, dass „Der Dunkle Turm“ des dänischen Regisseurs Nikolaj Arcel nicht das Geringste mit Kings Geschichte zu tun hat außer ein paar Figuren und dem titelgebendem Turm, so funktioniert er auch als eigenständiger Film nicht. Die Story ist arg verdünnt und bleibt trotzdem konfus (die Motivation der Guten wie der Bösen wird kaum beleuchtet), die Action ist mau und unbefriedigend (vor allem der Showdown ist einfach irgendwas), es entwickelt sich kaum Dynamik zwischen den Figuren, da diese auch kaum Zeit für Entwicklungen haben, da die Story sie recht beliebig durch die Landschaft hetzt. So gut wie nichts wird erklärt, man hat einfach zu akzeptieren, dass es halt da den Turm gibt und dass die Bösen versuchen, ihn einzureißen, um das Universum zu zerstören, und der Gute, na ja, der will eigentlich nur den Bösen killen, weil der seinen Vater gemeuchelt hat, aber das ist es dann auch schon. Dabei hätten die Figuren so viel Potential, wenn man die Vorlage nur ein bisschen genauer gelesen hätte – die dort verankerte Besessenheit von Roland für den Dunklen Turm, die ihn über Leichen gehen lässt (und er macht da keinen Unterschied zwischen Freund oder Feind), die eigentliche Motivation von Jake Chambers, in Rolands Welt zu flüchten, die Figur des Walter O’Dim als treuer Diener des Scharlachroten Königs – was hätte man da noch rausholen können! Geht halt nicht, wenn man die Geschichte als beliebiges Durchschnittsactionhollywooddings konzipiert. Einzig erfreulich waren die Besetzungen von Idris Elba als Roland (ja, der hätte das Zeug zu gehabt, die komplexe Psychologie Rolands darzustellen) und von Matthew McConaughey als Walter, der zwar auch schon bessere Leistungen abgeliefert hat, aber zumindest eine recht unheimliche Präsenz mit sich bringt, die gut zur Figur passt. Der Rest ist Schweigen.

„All things serve the beam.“ Dieser Film leider nicht.


 

3,5
von 10 Kürbissen

Valerian – Die Stadt der tausend Planeten (2017)

Regie: Luc Besson
Original-Titel: Valerian and the City of a Thousand Planets
Erscheinungsjahr: 2017
Genre: Science Fiction, Action
IMDB-Link: Valerian and the City of a Thousand Planets


Avatar: „Wir müssen reden.“
Das fünfte Element: „Ja? Was gibt es denn, Schatz?“
Avatar: „Nun … ja … da ist jetzt nicht so einfach …“
Das fünfte Element: „Nur zu. Du weißt, dass ich dich liebe.“
Avatar: „Ich glaube … ich bin schwanger.“
Das fünfte Element: „Oh!“
Avatar: „Bist du wirklich überrascht?“
Das fünfte Element: „Eigentlich nicht.“
Avatar: „Es wird bestimmt ein schönes Kind werden. Es wird meine Augen haben und deine Coolness.“
Das fünfte Element: „Wie wollen wir es nennen?“
Avatar: „Ich mag den Namen Valerian. ‚Valerian – Die Stadt der tausend Planeten‘. Das hat doch einen guten Klang, nicht wahr?“
Das fünfte Element: „Das klingt scheiße. Viel zu pathetisch. Ich will nicht, dass unser Kind so heißt.“
Avatar: „Gut, gut, das können wir uns ja noch in Ruhe überlegen …“

Luc Besson hat es also getan. Mit „Valerian – Die Stadt der tausend Planeten“ legt er einen kindlich-bunten CGI-Orgasmus und nebenbei die teuerste europäische Filmproduktion der Geschichte vor. Die Story passt auf eine Serviette (eine von den kleinen, die man im Wiener Kaffeehaus zur Melange gereicht bekommt): Die Agenten Valerian (Dane DeHaan) und Laureline (Cara Delevingne) müssen im Auftrag der Regierung einen Gegenstand stehlen, der sich als kleine, putzige Kreatur entpuppt und entscheidend ist für den Fortbestand eines Naturvolkes, das beinahe bei einem versehentlichen Genozid draufgegangen wäre. Der Rest ist Action, Geflirte und eben ein quietschbuntes Durcheinander von Kreaturen, Raumschiffen und Welten. In dieser Hinsicht ist „Valerian“ die konsequente Weiterentwicklung von Bessons „Das fünfte Element“ mit heutiger State-of-the-Art-CGI-Technik. Visuell macht das Spektakel richtig Spaß. Allerdings hat der Film auch zwei große Probleme, die das Vergnügen trüben: Einerseits eben die quasi nicht vorhandene Story mit sehr stereotypen Charakteren (das war zwar auch schon eine Schwachstelle bei „Das fünfte Element“, nur konnte Besson beim „Element“ diese noch durch viel Charme und augenzwinkerndem Humor ausgleichen), und andererseits zwei mir eher unsympathische Hauptfiguren, mit denen ich nur schwer mitfiebern kann. Zudem halte ich Dane DeHaan für eine Fehlbesetzung für den selbstverliebten, draufgängerischen Major. Wenn man allerdings für 2,5 Stunden das Hirn ausschaltet und sich einfach dieser vergnügten Bilderflut hingibt, wird man gut unterhalten.


6,0
von 10 Kürbissen

Planet der Affen: Survival (2017)

Regie: Matt Reeves
Original-Titel: War for the Planet of the Apes
Erscheinungsjahr: 2017
Genre: Science Fiction, Action, Drama
IMDB-Link: War for the Planet of the Apes


Der Krieg zwischen den letzten überlebenden Menschen und den Affen tobt. Caesar, der Anführer der Affen, wollte diesen nicht, aber immer wieder attackieren die Truppen des Colonels (Woody Harrelson, in einer seiner üblichen Nicht-mehr-ganz-frisch-in-der-Marille-Rollen) das Rudel der Affen, und als auch die Frau und der Sohn von Caesar dran glauben müssen, wird es persönlich. Also macht sich Caesar mit ein paar haarigen Freunden auf die Suche nach dem Colonel und seinen Soldaten. Dass während seiner Abwesenheit dann gleich das ganze Rudel einkassiert wird und zu Zwangsarbeit, die an die Zustände eines KZs im Dritten Reich erinnert, verdonnert wird, passt irgendwie ins Bild. Längst sind die Grenzen zwischen Mensch und Tier verschwommen, Grausamkeiten sind der Alltag auf beiden Seiten, Angst und Wut sind die vorherrschenden Gefühle aller Beteiligten. Es gibt nichts Gutes mehr. Auch Caesar wird von Rachegefühlen und Wut geleitet. Die psychologische Entwicklung, die der Oberaffe in diesen insgesamt drei Teilen durchläuft, ist spannend und die ganz große Stärke der Trilogie. Gleichzeitig schafft es die Filmreihe, Werte der Menschlichkeit aus einer völlig anderen Perspektive neu zu verhandeln. „Planet der Affen: Survival“ bildet den mehr als gelungenen Abschluss einer sehr guten Trilogie, die zum Einen als Gesamtwerk mit dank eines gut erzählen Spannungsbogens zu überzeugen weiß, und gleichzeitig als Einzelfilm extrem unangenehme, aber in heutigen Zeiten dringliche Fragen zu stellen weiß. So kann man „Survival“ auch als Kommentar zum in den vergangenen Jahren immer stärker auftretenden Nationalismus verstehen, als eine allegorische Warnung an uns alle, uns nicht von Ängsten, Neid und Wut leiten zu lassen. Neben „Logan“ das zweite überraschend tiefgründige Science-Fiction-Epos in diesem Jahr, das Fragen nach Menschlichkeit und menschlichen Werten in knallharte, spannende Action verpackt und damit über den Schauwert hinaus wirkt.


8,0
von 10 Kürbissen

Dunkirk (2017)

Regie: Christopher Nolan
Original-Titel: Dunkirk
Erscheinungsjahr: 2017
Genre: Drama, Historienfilm, Kriegsfilm
IMDB-Link: Dunkirk


1940. Der Kessel von Dünkirchen. 400.000 britische (fast die gesamte Berufsarmee Großbritanniens) und französische Soldaten sind abgeschnitten von der Heimat und warten am Strand auf Rettung. Mitten drin der einfache Soldat Tommy (Fionn Whitehead), der den Zuseher die nächsten 1,5 Stunden lang durch die spektakulärste militärische Rettungsaktion der Geschichte führt. Es sind einfache Fischer und Segler (darunter der von Mark Rylance gespielte Dawson), die zu Hilfe eilen und über den Ärmelkanal setzen. Über ihnen versuchen britische Kampfflieger wie zB Farrier (Tom Hardy) die Schiffe gegen deutsche Flugzeuge zu beschützen. Es geht hier nicht mehr um den Kampf gegen den Feind, um Heldenmut oder waghalsige Manöver. Es geht um das schiere Überleben. Und das zeigt „Dunkirk“, der neue Film von Christopher Nolan, ohne Kitsch und Pathos (ganz anders als das unsägliche „Hacksaw Ridge“ von Mel Gibson), aber mit nervenzerfetzender Spannung auf. „Dunkirk“ ist ein unkonventioneller Kriegsfilm, da er den Krieg und seine Protagonisten nicht überhöht. Die Luftgefechte zwischen den Kampffliegern sehen unspektakulär aus, ohne dabei an Spannung einzubüßen. Man spürt: Jeder Fehler kann sofort schwerwiegende Konsequenzen haben. Und doch versucht jeder einfach nur, seinen Job zu machen. Die Männer, die hier um ihr Überleben und das der Evakuierten auf den Schiffen kämpfen, sind keine wagemutigen Draufgänger. Sie sind einfach nur Menschen, die schon Vieles erlebt haben und durchleiden mussten, die traumatisiert sind, schweigsam, aber sie tun, was getan werden muss. Was zur Spannung beiträgt, ist der grandiose Soundtrack von Hans Zimmer, in den immer wieder das Ticken einer Uhr eingebaut ist, sowie die nicht chronologische Erzählform. Immer wieder werden Szenen aus verschiedenen Blickwinkeln neu gezeigt – was ich durchaus als Verweis auf die improvisierte und auch chaotische Rettungsaktion verstehe sowie als Metapher für den Verlust des Zeitgefühls der Soldaten, für die sich in ihrer schier aussichtslosen Lage Minuten wie Stunden und Stunden wie Ewigkeiten hinziehen. All das erzählt der Film ziemlich matter of fact. Er überhöht nichts. Gerade deshalb wirkt der Schrecken des Krieges lange nach. Und auch der Film wird lange überdauern und auch künftig in Christopher Nolans ohnehin schon eindrucksvoller Filmografie als eines seiner Meisterwerke herausragen.


8,5
von 10 Kürbissen

Spider-Man: Homecoming (2017)

Regie: Jon Watts
Original-Titel: Spider-Man: Homecoming
Erscheinungsjahr: 2017
Genre: Action, Fantasy, Komödie, Science Fiction
IMDB-Link: Spider-Man: Homecoming


Tobey Maguire war Spider-Man. Andrew Garfield war Spider-Man (und diese Filme habe ich schon gar nicht mehr gesehen, weil mich dieser Aufguss – ob berechtigter- oder unberechtigerweise – nicht interessiert hat. Und nun ist Tom Holland Spider-Man. Schon in „The First Avenger: Civil War“ wurde diese Figur wieder neu ins aktuelle Marvel Cinematic Universe eingeführt, und da dachte ich mir schon: Jep, das könnte tatsächlich funktionieren. Und so gab ich auch dem neuen, neuen Spider-Man eine Chance und wurde nicht enttäuscht. Denn eigentlich ist „Spider-Man: Homecoming“ gar kein Action-Kracher. Vielmehr ist es eine wirklich witzige und von Tom Holland sehr gut getragene Teenager-Komödie, die ihren Schwerpunkt auf das Biotop „High School“ legt. Peter Parker muss sich zunächst einmal den üblichen Kämpfen eines Teenagers stellen. Er ist ein bisschen ein Außenseiter in der Schule, nicht unbeliebt, aber von Manchen doch gemobbt, er hat sich in das hübscheste Mädchen der Schule verknallt und hadert nun mit dem Zwiespalt, ihr imponieren zu wollen und sich gleichzeitig nicht trauen, sie anzusprechen, er hat schulische Verpflichtungen, die ein bisschen gegen seinen eigenen Zeitplan gehen (denn hey, er ist ja Spider-Man und als freundliche Spinne aus der Nachbarschaft wird er eben auch dort gebraucht), und er will endlich etwas bewegen, ernst genommen werden, erwachsen werden. Er will nicht mehr als Kind behandelt werden. Gerade dieser Wunsch bringt ihn auf Konfrontationskurs mit dem Schurken Vulture (Michael Keaton in einer selbstironischen Adaption seiner selbstironischen Rolle in „Birdman“). Was schön ist an dem Film: Bei aller Situationskomik nimmt er seine Figuren ernst. Die Probleme eines Teenagers werden greifbar dargestellt, und der Schurke ist nicht einfach ein Oberbösewicht mit einer oberschurkischen Agenda, sondern einfach ein Mann, der seine Familie ernähren will und dafür recht unkonventionelle Wege findet und natürlich angepisst ist, wenn ihm so eine kleine, rotzfreche Spinne in die Suppe spucken möchte. (Ganz groß ist hierbei die erste End-Credit-Szene – hier sieht man noch einmal sehr deutlich, dass sich die Autoren und Macher sehr wohl intensiv Gedanken über ihre Figuren gemacht haben.) Im Grunde geht es aber nicht um den Kampf Gut gegen Böse, den man so oft schon gesehen hat, sondern eben um die Frage: Wer bin ich, wer kann ich sein, wer will ich sein, und wie erreiche ich, dass mich meine Umwelt auch so wahrnimmt, auch wenn ich das, was ich sein will, aktuell noch nicht nach außen darstellen kann? Dabei werden keine dramatischen Verrenkungen der Figuren in Kauf genommen, es gibt keine Epiphanie, keine große Erleuchtung – alles wirkt sehr organisch und aus den Figuren selbst herauskommend. Hier macht „Spider-Man: Homecoming“ fast alles richtig, ist jedenfalls besser und glaubwürdiger als der erste Spider-Man-Film mit Tobey Maguire. Ein bisschen Probleme hat der Film vielleicht mit der Story selbst, die zuweilen etwas gar beiläufig erzählt wird. Aber das ist okay – der Fokus lag bei diesem Spider-Man eben woanders. Und so sehe ich den Film auch als Coming-of-Age-Komödie, bei dem der Held halt zufälligerweise auch Superkräfte besitzt. Seine Probleme kann er damit aber auch nicht lösen, was „Spider-Man: Homecoming“ sehr sympathisch macht.


7,5
von 10 Kürbissen

Baby Driver (2017)

Regie: Edgar Wright
Original-Titel: Baby Driver
Erscheinungsjahr: 2017
Genre: Action, Thriller
IMDB-Link: Baby Driver


Edgar Wright ist einer meiner cineastischen Helden. Seine Blood-and-Ice-Cream-Trilogie („Shaun of the Dead“, „Hot Fuzz“ und „The World’s End“) sind großartige, augenzwinkernde Genre-Parodien mit trockenem britischem Humor, und auch „Scott Pilgrim vs. the World“ habe ich sehr gefeiert – das ist ein Film, den ich mir jederzeit ansehen kann, danach habe ich einfach gute Laune. „Baby Driver“ ist das neueste … nun ja … Baby von Edgar Wright. Zwei filmische Assoziationen werden beim Ansehen sofort geweckt: „Drive“ von Nicolas Winding Refn (einer meiner Lieblingsfilme der letzten Jahre) und „Kingsman“ von Matthew Vaughn, auch ein toller mit wunderbar selbstironischem Humor. So gesehen waren die Erwartungen, die ich an „Baby Driver“ hatte, sehr hoch. Nur wurden die leider nicht ganz erfüllt. Der Film macht durchaus Spaß, ist unterhaltsam und actionreich und damit auch sehr kurzweilig, und doch entpuppt sich – jedenfalls für mich – gerade die Besonderheit des Films, die ihn hervorheben soll aus der Masse der Standard-08/15-Actionkracher als größte Schwäche: nämlich der Kniff, dass Baby, der jugendliche Fluchtfahrer, aufgrund eines Unfalls in seiner Kindheit an Tinnitus leidet und daher stets Musik hören muss – die Musik ist dann auch der Soundtrack zum Geschehen und zum Teil sehr asynchron zur Handlung. Da fetzt dann durchaus einmal Queens ausgelassener „Brighton Rock“ beim dramatischen Showdown in die Ohren und das nervenzerfetzende nächtliche Treffen mit gefährlichen Schurken in einer Lagerhalle wird fröhlich mit „Tequila“ eingeleitet. Das ist alles ganz witzig, wird aber an manchen Stellen einfach too much. Im Grunde degradiert der permanente Soundtrack „Baby Driver“ zu einem actionreichen, zwei Stunden dauernden Musikvideo. Das ist durchaus sehens- und hörenswert, aber „Baby Driver“ zeigt auch unfreiwillig auf, wie wichtig klug und sparsam eingesetzter Soundtrack für das Gelingen eines Films ist. Permanente Beschallung kratzt einfach am Spannungsbogen.


6,0
von 10 Kürbissen

Die Migrantigen (2017)

Regie: Arman T. Riahi
Original-Titel: Die Migrantigen
Erscheinungsjahr: 2017
Genre: Komödie
IMDB-Link: Die Migrantigen


Benny und Marko sind gute Freunde. Sie leben in einem typisch Wienerischen Grätzl, Benny versucht sich als Schauspieler, Marko betreibt eine kleine Werbeagentur. Beiden geht es finanziell nicht so gut. Benny wird immer nur für sehr stereotype Rollen gecastet, Markos Werbekonzepte werden von den Kunden nicht gut angenommen. Wie gut, dass eine Fernsehredakteurin auf der Suche nach brisantem Stoff über die beiden stolpert, als sie gemütlich auf einer Parkbank chillen. Denn: Die beiden haben Migrationshintergrund und sind daher ja bestens geeignet, die Hauptfiguren einer neuen Dokumentation über den sozialen Brennpunkt des Grätzels zu sein und um zu zeigen, wie es sich als kleinkrimineller Ausländer lebt. Blöd nur, dass die beiden keine Ahnung von diesem Milieu haben und der TV-Redakteurin das alles nur vorspielen. Aber das schnelle Geld lockt. Dass damit die Probleme erst anfangen, ist dem geübten Cineasten aber klar.

„Die Migrantigen“ bezieht seinen Humor aus der Karikierung der Migrationssituation. Benny und Marko sind bestens integriert und so weit entfernt von dem Milieu, das sie fürs Fernsehen repräsentieren sollen, wie ein 40jähriger Bankangestellter mit dem Namen Hubert Maier. Der Film nimmt dabei augenzwinkernd Vorurteile und Klischees aufs Korn, und es ist lustig, dass ausgerechnet die beiden vermeintlichen „Ausländer“ in diese Klischeefallen tappen. Gleichzeitig kann man aber hier auch den größten Kritikpunkt ansetzen: Die tatsächlichen Problemen und Ängste der Menschen mit Migrationshintergrund werden nur am Rande gestreift. Zwar wird versucht, am Ende noch eine Message mitzugeben, dass es eben reale Probleme und Existenzkämpfe gibt, aber das kommt alles viel zu kurz und oberflächlich. So bleibt „Die Migrantigen“ am Ende ein netter, kleiner Film, der niemandem weh tut.


6,0
von 10 Kürbissen

(Foto: Luna Film)