Maria Stuart, Königin von Schottland (2018)

Regie: Josie Rourke
Original-Titel: Mary Queen of Scots
Erscheinungsjahr: 2018
Genre: Drama, Historienfilm, Biopic
IMDB-Link: Mary Queen of Scots


Schottland und England. Wenn die beiden aneinandergeraten, rollen in der Regel Köpfe. Davon kann William Wallace berichten. Oder Maria Stuart. Und auch im aktuellen Brexit-Theater, in dem Schottland und England ihren jüngsten Beef austragen, ist eine unwahrscheinliche, aber dennoch denkbare Möglichkeit gegeben, dass wieder mal ein Kopf vom Rumpf getrennt wird – wobei diesmal ausnahmsweise Schottland zum Beil greifen könnte, um sich selbst von diesem seltsam unentschlossenen Torso unter sich zu trennen. Wie gesagt, besonders wahrscheinlich erscheint dies nicht, aber ich verstehe den Grant der Schotten auf dieses England, das ein bisschen raus möchte aus der EU (analog zu „ein bisschen schwanger sein“). Aber zurück zu Maria Stuart, die von diesem Wickel rund um den EU-Austritt Großbritanniens nichts ahnen konnte – sonst wäre sie vermutlich gleich in Frankreich geblieben. Ist sie aber nicht, wie die Geschichte lehrt, und so kommt Saoirse Ronan, der Namen ich einfach nicht aussprechen kann, so sehr ich diese versierte und vielseitige Schauspielerin auch schätze, zu einer weiteren Glanzrolle. Sie verkörpert die katholische Königin Schottlands, die aufgrund ihres Machtanspruchs auf den Thron von England und ihrer im protestantischen England ungeliebten Religion ordentlich mit der Amtsinhaberin in London, Queen Elizabeth (Margot Robbie), aneinanderkracht. Aber eigentlich wollen beide der jeweils Anderen nichts Böses. Vor allem Elizabeth scheint kompromissbereit zu sein. Doch ihre Berater sehen die Sache nicht so entspannt und schmieden lieber ihre eigenen Komplotte. Was bleibt, sind zwei starke Frauen, die in einen Konflikt getrieben wären, der zu vermeiden gewesen wäre, wenn die depperten Mannsbilder rund um sie herum nicht solche intriganten und machtgeilen Günstlinge gewesen wären. Liebe Geschlechtsgenossen, da hilft kein Jammern, diesen Schuh müssen wir uns anziehen. Allerdings leidet Josie Rourkes Verfilmung dieses historischen Stoffs trotz authentisch wirkender Kostüme und Settings und zweier grandios aufspielender Hauptdarstellerinnen an einem eher unglücklichen Timing. Die Geschichte wird einfach etwas unrund erzählt, vor allem am Anfang. Auch fehlten mir einige Hintergründe sowie das Verständnis für Maria Stuart. Ja, Susie Ronan spielt sie hinreißend und hat die Sympathien auch auf ihrer Seite, aber es wird nicht so recht klar, warum sich Maria Stuart so sehr darauf verbeißt, den Thron Schottlands zu sichern. Einfach, weil’s geht? Am Ende ist es ja doch nicht gegangen. Hier fehlt mir einfach Kontext zur Königin und ihrer Motivation. Aber apropos Sissi Ronan: Es ist verblüffend, wie weit weg diese Rolle von ihrer oscar-nominierten Rolle in Lady Bird im letzten Jahr ist. Ein Oscar für Sushi Ronan scheint wohl nur noch eine Frage der Zeit zu sein. Und vielleicht kann ich bis dahin dann doch ihren Namen aussprechen. Ich werde jedenfalls brav üben.


5,5
von 10 Kürbissen

35 Rum (2008)

Regie: Claire Denis
Original-Titel: 35 Rhums
Erscheinungsjahr: 2008
Genre: Drama
IMDB-Link: 35 Rhums


Die ersten Minuten von Claire Denis‘ „35 Rum“ bescheren Fans der „Nachtschiene“ einen kollektiven Orgasmus. Denn wie auch in der Sendung des Wiener Fernsehsenders W24 blickt man einfach mal für eine Weile aus dem Führerstand eines Zugs hinaus, der durch das abendliche Paris rollt. Von da an läuft der Film wie auf Schienen. Und wie Schienen halt so sind: Es geht unspektakulär, gemütlich und ohne große Haken und Kapriolen voran. Allein deshalb schon ist diese erste Einstellung, die gleichzeitig den Hauptprotagonisten Lionel (Ales Descas mit unerschütterlichem Stoizismus) vorstellt, klug gewählt. Denn „35 Rum“ ist ein Film, der seine Geschichte im Kleinen erzählt. Viel passiert nicht, außer dass man eine Zeit lang eben jenem alternden Lokführer und Witwer dabei zusehen kann, wie er sich bemüht, zu akzeptieren, dass seine Tochter Joséphine (Mati Diop) erwachsen ist und anfängt, ihre eigenen Wege zu gehen. Eine filmische Reflexion über das Altern und über Familie, über die Vergangenheit, die manchmal schwer loszulassen ist, wie beispielsweise ein pensionierter Ex-Kollege Lionels am eigenen Leib spürt und auch Lionel selbst, der den Tod seiner Frau nicht wirklich überwunden hat, weshalb er auch die Avancen seiner Nachbarin zurückweist, über das zarte Knüpfen neuer Bande und eben auch das Weitermachen. Abschluss und Neubeginn und der Umgang damit sind die zentralen Themen des Films. Und was ich Claire Denis hoch anrechne ist, dass sie von diesen bedeutungsschweren Themen, die man sehr melodramatisch inszenieren könnte, fast beiläufig und nuanciert erzählt. Das führt zwar zu der einen oder anderen Länge beim Sichten, wirkt aber länger nach als eine tränenreiche, von Geigenmusik begleitete Klimax. Denn es ist schon so: Viele Veränderungen im Leben passieren schleichend, ohne großes Tamtam und auch unterhalb unserer Wahrnehmungsschwelle. Und irgendwann in einem ruhigen Moment blicken wir kurz zurück und stellen verwundert und mit dem Anflug eines Lächeln fest, dass sich etwas geändert hat.


7,0
von 10 Kürbissen

Robin Hood (2018)

Regie: Otto Bathurst
Original-Titel: Robin Hood
Erscheinungsjahr: 2018
Genre: Action, Abenteuerfilm
IMDB-Link: Robin Hood


Otto Bathurst: Das ist ein Name, den man sich merken muss. Um ihm nämlich künftig weiträumig aus dem Weg zu gehen. Wenn eine weitere Verfilmung des Robin Hood-Themas schon etwas ist, was die Welt nicht braucht, so ist der Film dieses bis dato unbekannten Regisseurs als Verbrechen an den arglosen Kinobesuchern zu betrachten, die in Erwartung eines modern inszenierten Actionkrachers Geld ausgegeben haben. Bei diesem Totalschaden von Film „findet nicht zusammen, was nicht zusammen gehört“, um den grandiosen Restaurantkritiker Severin Corti zu zitieren, der einmal im Auftrag des investigativen Extremjournalismus vom Standard in die „Gräfin vom Naschmarkt“ geschickt wurde und wohl nur knapp mit dem Leben davonkam, wie man der Rezension, die von diesem Abenteuer berichtet, entnehmen kann. Jedenfalls weiß ich nun wirklich nicht, was ich weniger empfehlen kann: Ein Abendessen in der „Gräfin“ oder den Kinobesuch von Robin Hood. Für beides braucht man einen ausgesprochenen Saumagen. Beginnen wir bei der Besetzung: Taron Egerton ist zwar ganz sympathisch, aber von einem Robin Hood so weit weg wie ein McDonald’s-Laden von der Gourmetküche. Eve Hewson hat immerhin unwahrscheinlich blaue Augen (und so unwahrscheinlich, wie sie wirken, dürften sie auch sein dank guter Kontaktlinsen), ist aber sonst von Maid Marian so weit weg wie Taron Egerton von Robin Hood – und das kann man im vorigen Satz nachlesen (als Tipp für alle Goldfische mit ultrakurzem Kurzzeitgedächtnis, die meinem Blog folgen). Ben Mendelssohn ist mal wieder der arme Hund, der nur finster schauen und sich in etwas, was an eine SS-Uniform erinnert, schmeißen darf. Und Jamie Foxx wird bitte gebeten, seinen Oscar zurückzugeben. Die Story ist völlig konfus und voller Logiklöcher, die Action lahm inszeniert, die Effekte sehen so aus, als wäre der Produktion mittendrin das Geld ausgegangen, und das Schlimmste habe ich dabei noch gar nicht erwähnt: Der Versuch, dem Stoff einen modernen Anstrich zu verpassen, ist so etwas von kläglich gescheitert, dass man fast Mitleid mit den Machern haben muss. Alte Helden in neue Kleider zu stecken und die Kulissen in einem pseudo-modernen Historizismus zu verkleiden, kann sich vielleicht ein Guy Ritchie erlauben (und selbst der wird dafür abgestraft), aber kein Otto Bathurst. Ein Film zum Vergessen. Und zwar möglichst schnell, ehe dauerhafte Schäden zurückbleiben.


2,0
von 10 Kürbissen

Liebe hat zwei Gesichter (1996)

Regie: Barbra Streisand
Original-Titel: The Mirror Has Two Faces
Erscheinungsjahr: 1996
Genre: Komödie, Liebesfilm, Rom-Com
IMDB-Link: The Mirror Has Two Faces


Im Grunde meines Herzens bin ich ein Romantiker. Auch bei Pornos warte ich immer darauf, dass die beiden heiraten und miteinander glücklich werden. Scheint daher einfach nicht mein Genre zu sein. Hin und wieder darf es also auch eine Herz erwärmende Rom-Com sein, und wenn die mit so intelligenten Dialogen und charmant aufspielenden Darsteller/innen wie „Liebe hat zwei Gesichtern“ gespickt ist, dann garantiert mir das schon mal einen vergnüglichen Filmabend. Mit Barbra Streisand am Ruder kann man eigentlich nicht viel falsch machen. Die Dame hat einfach Niveau. Dazu kommen ein hintersinniger Wortwitz und ein Gespür für Timing. All das spielt sie in „Liebe hat zwei Gesichter“ aus. Da geht es um die intelligente, humorvolle Literaturdozentin Rose, die sich fast schon damit abgefunden hat, unverheiratet zu bleiben. Doch dann trifft sie auf ihren Universitätskollegen Gregory, gespielt von Jeff Bridges. Gregory ist Professor für Mathematik und schwer gezeichnet von seinen  früheren Beziehungen. Er entschließt sich dazu, seinem (Liebes-)Leben eine drastische Wendung zu geben: Eine Beziehung sollte nicht durch Sex oder körperliche Anziehung gestört werden. Nein, Intellekt und gemeinsame Interessen sind das Ideal, auf dem sich etwas Langfristiges aufbauen lässt. Da kommt ihm das optische Mauerblümchen Rose gerade recht. Und als er ihr, ohne sie vorher jemals auch nur geküsst zu haben, einen Antrag macht, ist sie zwar nicht begeistert – aber besser, als allein übrig zu bleiben, ist das allemal. Also wird geheiratet. Und erwartungsgemäß fangen damit die Probleme erst an. Denn die Libido lässt sich nicht einfach abschalten wie ein schlechter Porno. Das alles ist dermaßen charmant und mit solch erfrischenden Dialogen vorgetragen, dass nur arge Misanthropen mit dem Film so rein gar nichts anfangen können.


7,5
von 10 Kürbissen

Kung Fury (2015)

Regie: David Sandberg
Original-Titel: Kung Fury
Erscheinungsjahr: 2015
Genre: Kurzfilm, Action, Fantasy, Komödie
IMDB-Link: Kung Fury


Ich bin der festen Überzeugung, dass es genau zwei Arten von Reaktionen auf die Sichtung von „Kung Fury“ gibt: Begeisterung, begleitet von hysterischem Lachen, oder völlige Ratlosigkeit. Ich oute mich als Zugehöriger zur ersten Gruppe. Schon als damals der Teaser-Trailer herauskam, mit dem David Sandberg via Kickstarter um die Finanzierung seines feucht gewordenen Bubentraums warb, war es um mich geschehen. 2015 konnte dann dank 600.000 US-Dollar Kickstarter-Spenden der ganze Film vorgestellt werden. Mit einer halben Stunde Laufzeit fiel das Werk dann doch etwas kürzer aus als ein normaler Spielfilm, aber andererseits: Wer in 30 Minuten so viel Irrsinn (und David Hasselhoff) hineinpacken kann, der braucht auch nicht mehr Zeit. Und das ist „Kung Fury“: Eine halbe Stunde völliger Wahnsinn. Sowohl Hommage als gleichzeitig Persiflage auf das Trash-Kino der 80er inklusive Störungen im Bild und einer Handlung, die diesen Namen nicht verdient. Aber das ist egal. Wenn ein von einer Kobra gebissener und vom Blitz getroffener Kung Fu-Supercop, nachdem er einen Amok laufenden Spielautomaten in seine Einzelteile zerlegt hat, in die Vergangenheit reist, um Adolf Hitler, den „Kung Führer“, zu töten, aber dabei versehentlich in die Zeit der Wikinger katapultiert wird, wo er zunächst von Laser-Raptoren beschossen wird, ehe ihn eine Walküre mit einer gezielten Salve aus ihrem Maschinengewehr rettet, und es dann doch zum Showdown in Nazi-Deutschland kommt, wo er Unterstützung von Thor, seinem Partner Triceracop, der Maschinengewehr-Wikingerbraut und einem sprechenden T-Rex bekommt, braucht man sich über kongruente Handlung wirklich keine Gedanken mehr machen. Aber damit ist auch alles über den Film gesagt, den man kostenlos auf Youtube bestaunen kann. Ein Trash-Fest, das absolut nichts ernst nimmt und eigentlich nur ein einziges Ziel hat: Immer dann, wenn der Zuseher glaubt, es geht nicht mehr absurder, noch mal einen Gang höher zu schalten.


8,0
von 10 Kürbissen

Colette (2018)

Regie: Wash Westmoreland
Original-Titel: Colette
Erscheinungsjahr: 2018
Genre: Biopic, Historienfilm
IMDB-Link: Colette


Eines ist klar: Wenn man mit dem imposanten Namen Wash Westmoreland gesegnet ist, muss man einfach Historienfilme drehen. Und das stellt sich hier als großes Glück für das Publikum heraus, denn Westmorelands Biopic „Colette“ über die berühmte französische Schriftstellerin ist wundervollste Unterhaltung mit einem grandios aufgelegten Cast, üppiger Ausstattung, einem Thema von aktueller Relevanz und einer temporeichen Inszenierung, die einfach Spaß macht. Vordergründig erzählt der Film die prägenden Ehejahre der jungen Gabrielle Claudine Colette (Keira Knightley) nach, die als Ghostwriterin für ihren Ehemann Willy (Dominic West) arbeitete, bis sie endlich aus seinem Schatten treten konnte – und später zur der gefeierten Literatin Frankreichs und Nobelpreiskandidatin wurde. Hintergründig geht es aber um viel mehr: um die Freiheit der Frauen und den von Widerständen geprägten Weg, den sie dabei zurücklegen mussten (und noch immer müssen), um die Frage nach Selbstbestimmung und dem Suchen nach Glück auch gegen alle Konventionen. Das Schöne an „Colette“ ist, dass die Hauptfigur nicht mal zu Beginn ein armes Hascherl ist, das erst sich selbst finden muss – im Gegenteil: Von Anfang an ist Colette eine starke Persönlichkeit, die sich, obwohl vom Land kommend, auch gleich mal im Haifischbecken der Pariser Gesellschaft behauptet und dort allesamt in die Tasche steckt. Der weitere Weg, den sie bestreitet, ist nur konsequent. Hier wird das Porträt einer starken Frau gezeichnet. Was „Colette“ aber über das Niveau ähnlicher Biopics hinaushebt, ist neben dem eindrucksvollen Spiel von Knightley und West die intelligente und flotte Erzählung. Kostümfilme haben oft das Problem, dass die Inszenierung dem Pomp der Ausstattung folgen möchte und damit das Tempo verschleppt wird. Das ist bei „Colette“ definitiv nicht der Fall. Die Dialoge sind messerscharfe Schlagabtausche, und auch Musik, Kamera und Schnitt haben den Schalk im Nacken, der gleiche Schalk, der auch Knightleys Colette immer wieder aus den Augen blitzt. Und so vergehen auch zwei Stunden rasant. „Colette“ ist ein selbstbewusster Film über eine selbstbewusste Frau.


8,0
von 10 Kürbissen

(Foto: Filmladen)

Ich seh, ich seh (2014)

Regie: Veronika Franz und Severin Fiala
Original-Titel: Ich seh, ich seh
Erscheinungsjahr: 2014
Genre: Horror, Thriller
IMDB-Link: Ich seh, ich seh


Was dem österreichischen Film immer wieder gut gelingt, ist es, den Horror im Alltäglichen einzufangen. Michael Haneke hat dafür gute Beispiele gebracht. Hier hüpfen keine blutrünstigen Dämonen oder Vampirnonnen oder weiß der Kuckuck was aus finsteren Ecken – bei uns reicht es, wenn freundliche Nachbarn an der Tür läuten oder die Mama aus dem Krankenhaus nach Hause kommt. Das sagt vielleicht einiges über die österreichische Seele aus, wenn das unsere schlimmsten Albträume sind, aber den philosophischen Diskurs darüber spare ich mir. Lieber zurück zum Horrorthriller „Ich seh, ich seh“ von Veronika Franz und Severin Fiala. Ein einsames Haus im Waldviertel (und gibt es etwas Furchteinflößenderes als das Waldviertel?), ein Zwillingsbrüderpaar, die Mutter nach einem Unfall mit bandagiertem Gesicht und einer seltsamen Wesensänderung. Wo ist sie nur, die liebe, nette Mama, die den Kindern immer Lieder vorgesungen hat? Die neue Mama jedenfalls liegt am liebsten im Dunkeln zuhause bei heruntergelassenen Rollos, sie ist mürrisch und hat neue Regeln mitgebracht, die den beiden Brüdern Elias und Lukas nicht schmecken. Schon bald regen sich erste Zweifel: Ist das wirklich die Mama unter diesem undurchdringlichen Kopfverband? „Ich seh, ich seh“ spielt auf der Klaviatur der Psyche. Der Horror nährt sich hier aus den Zweifeln, die plötzlich an der engst möglichen Bindung überhaupt bestehe – der zwischen Mutter und Kindern. So wie das Vertrauen von Elias und Lukas unterlaufen wird, unterläuft der Film in weiterer Folge auch die Erwartungshaltung der Zuseher. Ich möchte nicht zu viel verraten – nur so viel: auch wenn sich ab einem bestimmten Punkt das Ende abzeichnet, trifft es einen dann doch in die Magengrube. „Ich seh, ich seh“ ist ein wirklich sehr solider Beitrag zum Horrorkino. Vielleicht ist der Film an der einen oder anderen Stelle etwas langatmig erzählt, aber insgesamt eine recht erfrischende Erfahrung.


7,0
von 10 Kürbissen

Girl (2018)

Regie: Lukas Dhont
Original-Titel: Girl
Erscheinungsjahr: 2018
Genre: Drama
IMDB-Link: Girl


Da wirst zum Schwammerl: Da haut si da Kirbis mitm Schluaf vom leiwandn Le Füm-Blog in den Kinosoi, und wos passiert: Da Schluaf mocht auf amoi an auf seriös und Hochdeitsch, und da Kirbis fongt o, so an deppatn Pseudo-Dialekt außezhaun. Ols ob a nur a anziga Wappla so noch da Goschn redn tatat. A vakeade Wöd. Wos fir a Schmarrn. Und warum mocht da Kirbis den Bledsinn? Weil a amoi des schene Wort Zumpfal im Blog untabringa woit. A gscheida Depp.

(Bist du gelähmt, das ist anstrengend – ich ziehe meinen Hut vorm Schluaf und Wauzi, die das all die Jahre durchgezogen haben.) Jedenfalls spielt das besagte Zumpfal in Lukas Dhonts Film „Girl“ eine wichtige Rolle. Das hängt nämlich an der hübschen 16-jährigen Lara. Und die hat früher einmal Victor geheißen. Transgender ist man/frau, wenn die eigene Geschlechtsidentität von dem abweicht, was man an Merkmalen von Mutter Natur mitbekommen hat. Und ich kann mir gar nicht vorstellen, was für ein unglaublicher Druck das für Betroffene sein muss. Glücklicherweise leben wir in einer modernen, aufgeklärten Zeit. Okay, nach einem kurzen Blick auf die derzeitige Regierung in Österreich muss ich das wieder zurücknehmen. Jedenfalls leben wir in einer Zeit, in der eine Anpassung der Geschlechtsmerkmale an die geschlechtliche Identität möglich ist – auch wenn die Behandlung mit Hormonen und einer anschließenden Operation zeitintensiv und riskant ist. Aber Lara beschreitet diesen Weg, unterstützt von ihrem allein erziehenden Vater, ihren Lehrern an der neuen Tanzschule, zum größten Teil auch ihren Mitschülerinnen und natürlich von den Ärzten und Psychologen. Dieser Schritt, den sie setzt, ist ein gewaltiger, der von Zweifeln begleitet wird. Nicht an der Frage, ob sie tatsächlich eine Frau ist und die Merkmale einer Frau haben möchte, sondern am Gelingen. Es kann ihr nicht schnell genug gehen. Überhaupt wirkt sie verbissen. Auch Ballerina möchte sie werden. Das Problem: Ohne eine entsprechende Ausbildung seit der Kindheit droht auch das große Talent, das sie mitbringt, nicht zu reichen. Das gibt dann blutige Füße, wie wir sie schon in „Black Swan“ gesehen haben. Ballett ist Selbstkasteiung für Fortgeschrittene. Die Tatsache, dass die Fortschritte, die sie erzielt – ob beim Ballett oder ihrer Geschlechtsanpassung – in ihren Augen nicht ausreichen, lässt die Jugendliche gefährlich nah am Abgrund balancieren.

Lukas Dhont macht mit seinem Film „Girl“ sehr viel richtig. Zum Einen ist die Besetzung ein echter Coup. Denn der Schauspieler Victor Polster (definitiv nicht verwandt mit Toni Polster) haut eine Leistung heraus, die eigentlich mit sämtlichen Preisen und Ehrungen überschüttet werden müsste. Er spielt in diesem Film nicht das Mädchen, er ist das Mädchen. Gestik, Mimik, Körperhaltung – hier stimmt einfach alles zusammen. Mit einer körperlichen Wucht nimmt er den Zuseher gefangen, und selbst das Tanzen bekommt er auf einem Niveau hin, dass man nur staunen kann. Auch stellt sich etwas, was mich anfangs irritiert hat, im Nachhinein als kluge Entscheidung Dhonts heraus: Der (weitgehende) Verzicht auf soziale Ausgrenzung Laras. Im Gegenteil: So ziemlich jeder geht mit ihr um, als wäre ihr Weg das Normalste der Welt. Nur in einer Szene bröckelt diese Fassade plötzlich – was Lara wie den Zuseher gleichermaßen unerwartet in die Magengrube trifft. Aber durch den Wegfall einer Mitleid erregenden Ausgrenzung fokussiert der Film voll und ganz auf die Probleme, die Lara mit sich selbst hat. Allerdings hätte der Film letztendlich etwas weniger Tanzszenen vertragen und noch etwas mehr Interaktion Laras mit ihrer Umwelt. Da bleibt dann doch ein bisschen Potential liegen.

 


7,5
von 10 Kürbissen

Radiance (2017)

Regie: Naomi Kawase
Original-Titel: Hikari
Erscheinungsjahr: 2017
Genre: Drama, Liebesfilm
IMDB-Link: Hikari


Misako (Ayame Misaki) hat einen interessanten Job. Sie erstellt die Texte für Tonspuren von Filmen für Sehbehinderte. Was genau sie dazu befähigt, wird allerdings nicht klar – denn ihre Versionen treffen kaum den Geschmack ihres Testpublikums. Vor allem Herr Nakamori (Masatoshi Nagase) hat ständig was zu meckern – aber zugegeben, wäre ich ein berühmter Fotograf, der kurz davor steht, vollständig zu erblinden, wäre ich auch schlecht drauf. Jedenfalls eckt Misako trotz oder vielleicht gerade wegen ihrer Beharrlichkeit, ständig neue Versionen vorzulegen, vor allem bei diesem mürrischen Herrn ordentlich an. So sehr sie sich auch bemüht, aber weder findet sie den richtigen Tonfall noch die richtigen Worte. Solche Misserfolge frustrieren natürlich. Dennoch bleibt sie zuversichtlich, das Werk irgendwann zur Zufriedenheit auch der kritischsten Stimme fertigstellen zu können. Mit einem Lächeln wischt sie alle Bedenken und Einwände fort. Überhaupt lächelt sie viel. Wenn sie nicht gerade traurig schaut. Und auch wenn ich mich während der Sichtung des Films ein bisschen in Ayame Misakis Lächeln wie in ihre traurigen Augen gleichermaßen verguckt habe, so eindimensional und wenig greifbar wirkt die Figur auch auf mich. Womit wir beim Kern des Problems wären, das ich mit dem Film hatte: Die Geschichte mit ihren Protagonisten, sei es die junge Misako, sei es der grantige Fotograf, war stets auf Distanz zu mir. Die Annäherungsversuche der beiden aneinander schienen mir somit nicht glaubhaft zu sein. Für ein Liebesdrama eine unglückliche Ausgangsposition. So erfreute ich mich zwar an den schönen Bildern und an Ayame Misakis Augen, aber beides wird, fürchte ich, irgendwann – wie Herrn Nakamoris Welt – in Dunkelheit verschwinden.


5,0
von 10 Kürbissen

Reise in Italien (1954)

Regie: Roberto Rossellini
Original-Titel: Viaggio in Italia
Erscheinungsjahr: 1954
Genre: Drama, Liebesfilm
IMDB-Link: Viaggio in Italia


Wenn einer eine Reise tut, kann er was erleben. So ergeht es dem seit acht Jahren verheirateten Paar Katherine und Alex Joyce (Ingrid Bergman und George Sanders) in Roberto Rossellinis Film „Reise in Italien“. (Der alternative deutsche Titel heißt „Liebe ist stärker“, aber nachdem mich dieser Titel eher an eine Rosamunde-Pilcher-Verfilmung denken lässt, bleibe ich lieber bei jenem Verleihtitel, der dem Originaltitel folgt.) Die beiden reisen nach Neapel, um das Haus des verstorbenen Onkels, ein Kunst-Mäzen und Lebemann, der im stolzen Alter von 90 die Schlapfen gestreckt hat, zu besichtigen, um es anschließend zu verscherbeln. Alex ist Anwalt und das, was man gemeinhin als Workaholic bezeichnet. Katherine hat mehr Sinn für Kunst und Lebensfreude, fühlt sich aber in der Ehe ein wenig unterjocht. Schnell wird klar, dass sich zwei sehr gegensätzliche Charaktere einander das Ja-Wort gegeben haben, und nun wissen sie nicht so recht, was aus diesem Ja geworden ist. Man lebt ja so nebenher. Und weil auf so einer Urlaubsreise, die wenig Ablenkung durch Alltag bietet, die Gefahr groß ist, sich gegenseitig auf die Nerven zu gehen, löst man das Problem auf pragmatische Weise: Man geht getrennte Wege. Alex nutzt gleich mal die Gelegenheit, um kräftig mit den schönen Damen der Gesellschaft zu flirten, denn so Neapolitanerinnen haben schon Feuer unter dem Hintern, selbst wenn sie sich das Bein gebrochen haben. Und Katherine versucht das Beste aus der Situation zu machen, in dem sie Museen und Ausstellungen besucht. Immerhin ist man sich einig: Wir passen nicht zueinander, wir kennen uns eigentlich gar nicht. Das knallt man sich in spitzzüngigen Dialogen auch gerne mal direkt an den Kopf. Das große Drama bleibt allerdings aus. Zu resigniert wirken beide Seiten, als dass sie kampfeslustig noch mal die Rüstungen anlegen würden. Lieber blockt man die verbalen Schläge des Gegenübers mit einem müden Schulterzucken ab. „Reise nach Italien“ ist ein sehr dialoglastiger Film, der vor allem Freunden des geschliffenen Wortes Freude bereiten wird. Allerdings war er mir phasenweise nicht zwingend genug, und auch das Ende konnte mich nicht überzeugen. Dennoch ist es ein guter Zeitvertreib, Bergman und Sanders dabei zuzusehen, wie sie sich Gemeinheiten in die Seelen rammen. Man lernt dabei einiges über die Bedeutung des Schiller-Zitats „Drum prüfe, wer sich ewig bindet, ob das Herz zum Herzen findet.“


6,5
von 10 Kürbissen