Alita: Battle Angel (2019)

Regie: Robert Rodriguez
Original-Titel: Alita: Battle Angel
Erscheinungsjahr: 2019
Genre: Science Fiction, Action
IMDB-Link: Alita: Battle Angel


Mit Teenagern hat man es schwer. Sie halten sich einfach nicht an die Hausregeln, sind nach Einbruch der Dunkelheit noch unterwegs, verknallen sich in windige Typen und zerlegen gelegentlich mal eine Bar voller grimmiger Kopfgeldjäger. Zumindest, wenn man es sich bei dem Teenager um einen Cyborg mit Gedächtnislücken und einigen spannenden Special Effects in der Programmierung handelt. Dem Schöpfer Dr. Ido (Christoph Waltz), der das intakte Hirn auf einer Müllhalde gefunden hat und ihm einen neuen Körper geschenkt hat, gefällt es natürlich weniger, dass seine Alita (Rosa Salazar + viel CGI) in der Vergangenheit, an die sie sich eben nicht erinnert, offenbar auf den Schlachtfeldern ordentlich aufgeräumt hat. Aber das liegt ja weit zurück, und erst einmal ist sie wirklich entzückend am Flirten mit dem Draufgänger Hugo (Keean Johnson). Die Welt, in der sie leben, ist nicht unbedingt freundlich. Das liegt vor allem daran, dass während des „Großen Falls“ alle Himmelsstädte mit einer Ausnahme abgestürzt sind. Die eine Ausnahme hängt nun über der vermüllten Stahlstadt, in der das Geschehen rund um den Cyborg Alita stattfindet – und ist eine klar verbotene Zone. Während unten die Gesetzlosigkeit regiert, scheinen oben Milch und Honig zu fließen, aber Genaues weiß man nicht. Klar weckt das Begehrlichkeiten auf allen Seiten. Und bald schon ist einiges los, und Alita macht nicht nur große Augen, sondern ist auch mittendrin im Geschehen. Das ist durchaus erbaulich und nett anzusehen. Die Steampunk-Welt ist detailreich gestaltet, wirkt aber manchmal wie ein Best Of der großen Science Fiction-Klassiker. Eine echt dünne Suppe ist die Story selbst, aber gut – wie es aussieht, handelt es sich dabei um den ersten Teil von mehreren. Da kann man also über Storyschwächen und eine gewisse Ratlosigkeit, die sich manchmal breit macht, getrost hinwegsehen mit der Hoffnung, dass diese im folgenden Film aufgelöst und mit Fleisch auf den Knochen versehen werden. Was allerdings echt ärgerlich ist, sind die vielen Klischees, die vor allem in den Dialogen bedient werden. So bleibt selbst ein Christoph Waltz farblos, und das ist schade. Trotzdem: Optik und Action machen diese Schwächen zu einem großen Teil wieder wett. Kann man sich ansehen, ist aber nicht der große Wurf, den ich mir im Vorfeld von einem Regisseur wie Robert Rodriguez erhofft hätte – dafür war der Film teils dann doch zu simpel gestrickt.


6,0
von 10 Kürbissen

Beale Street (2018)

Regie: Barry Jenkins
Original-Titel: If Beale Street Could Talk
Erscheinungsjahr: 2018
Genre: Drama, Liebesfilm
IMDB-Link: If Beale Street Could Talk


Barry Jenkins hat schon mit Moonlight gezeigt, dass er ein gemäßigtes Erzähltempo bevorzugt und den Figuren Raum gibt, sich zu entfalten. Das ist etwas Wunderbares, was ich persönlich auch schätze. Wenn man allerdings um 23 Uhr vor den Oscars in seinem neuesten Werk sitzt, birgt das gemächliche Tempo das Risiko, tief in den Sessel zu versinken und die Geschichte in den eigenen Träumen weiterzuspinnen. Wenn man das nicht will, weil man der eigenen Fantasie misstraut, kann aus der Sichtung des Films dann schon mal ein knallharter Kampf gegen sich selbst werden. „Stirb langsam“ ist ein Kindergeburtstag dagegen. Aber wach zu bleiben, lohnt sich schon, denn die Geschichte rund um das junge Paar Tish (KiKi Layne) und Alonzo (Stephan James), das Opfer einer rassistischen Intrige wird, ist schon sehenswert. Die Bilder sind grandios, der Soundtrack ist eingängig, das Schauspiel überzeugend. Vor allem Regina King, die völlig zurecht den Oscar als beste Nebendarstellerin einheimsen konnte, ist ein Ereignis. Sie spielt Tishs Mutter mit Wärme und Stärke und wird so trotz weniger Szenen zum Herzstück des Films. Auch die Dialoge und Figurenentwicklungen können durch die Bank überzeugen, aber da hatte Barry Jenkins mit dem Roman von James Baldwin auch eine dankbare Vorlage. Dennoch ist „If Beale Street Could Talk“ ein Film, der nicht jeden mitreißen wird. Ich hatte ähnliche Probleme wie mit „Moonlight“: Beide Filme überzeugen mich handwerklich zu 100% und ich erkenne ihre hohe Qualität an, aber sie nehmen mich emotional nicht so wirklich mit. Barry Jenkins ist ein Könner, aber seine Kunst erreicht mich dann am Ende doch nicht so ganz. Trotzdem kann ich nur wärmstens empfehlen: Geht ins Kino, schaut euch diesen Film an. Er ist gut. Und vielleicht erreicht er euch mehr als mich. Aber geht sicherheitshalber nicht in die 23 Uhr-Vorstellung.


6,5
von 10 Kürbissen

(Foto: Filmladen)

The Mule (2018)

Regie: Clint Eastwood
Original-Titel: The Mule
Erscheinungsjahr: 2018
Genre: Krimi, Drama, Thriller
IMDB-Link: The Mule


Das Leben kann so vielfältig sein: Mal züchtet man bunte Blümchen, mal schmuggelt man Drogen im Wert von mehreren Millionen Dollar in seinem Pickup quer durch Amerika. Die Vielfalt macht’s, anders wäre es ja langweilig. Der von Clint Eastwood verkörperte Pensionist Earl Stone hat leider nicht genügend Knödel angespart, um sich auf die faule (und schon ziemlich faltige) Haut legen zu können. Seine Blumenzucht musste er wegen Insolvenz zumachen, seine Tochter spricht nicht mehr mit ihm, und dass er seiner heiß geliebten Enkeltochter, die demnächst heiraten wird, finanziell bei der Hochzeit nicht unter die Arme greifen kann, wurmt ihn schon. Eine Zufallsbekanntschaft bietet ihm aber einen lukrativen Nebenjob. Er soll eben Drogen kutschieren, also ein „Mule“ werden, ein Kurier. Hintergrund: Earl ist ja schon einige Jahre lang auf den Straßen Amerikas unterwegs, und er hat noch nie einen Strafzettel kassiert. Ein gesetzestreuer Bürger also, der zuverlässig bei Rot anhält und penibel das Tempolimit beachtet. Und eilig haben es die neuen mexikanischen Freunde ja nicht – nur sicher soll sie ankommen, die Ware. Während Earl Stone fröhlich singend über die Highways der USA zuckelt, braut sich im Hintergrund allerdings Ungemach zusammen – im Form eines eifrigen Drogenfahnders (Bradley Cooper) und eines Drogenbosses mit ungeregelter Nachfolge (Andy Garcia). „The Mule“, inszeniert von Dirty Harry himself, ist so etwas wie ein gemütliches Alterswerk. Man muss der Welt nichts mehr beweisen, es muss nicht mehr ständig krachen, sondern manchmal ist es ja auch fein, einfach nur im Auto zu sitzen und die Straße zu spüren. Soll doch im Saal nebenan der nächste Bombast-Film toben. Das ist zwar wohltuend anzusehen, reißt aber nicht mit. So tröpfelt der Film unaufgeregt vor sich her, vermeidet fast alles, was den Blutdruck hochschießen lässt (ein Clint Eastwood denkt eben mit und sagt sich: Das Publikum könnte ja mit mir gealtert sein, also muss man es ein wenig rücksichtsvoller angehen) und ist dann am Ende zwar eine runde Sache, aber irgendwie auch wurscht. Die Meisterwerke in Eastwoods Filmographie bleiben andere Filme.


5,5
von 10 Kürbissen

Die Oscars 2019 – eine psychohygienische Nachbetrachtung

Das Leben ist vergänglich. Gerade noch heulte Olivia Colman herzerweichend auf der Bühne, und schon sind die Oscars 2019 wieder Geschichte. Alles war ein bisschen anders dieses Mal: Die Show hatte keinen Moderator, der durch den Abend führte, die Oscars selbst wurden stakkato-artig und uninspiriert nachgeschmissen, die Reden waren brav (Ausnahme: Spike Lee, aber das war zu erwarten), einer der unnötigsten Filme, die als Best Picture nominiert waren, wurde letztlich ausgezeichnet, und ich war bei meiner Oscar-Wette mit 11 von 24 erratenen Kategorien so mies wie noch nie zuvor. So schlurfte ich dann etwas betrübt nach Hause – wie nach einer langen Nacht, für die man sich Glitter und Glanz aufgelegt hat, und in der man Hüften schwingend in die Bars getänzelt ist, nur um am Ende einsam an der Würstlbude zu enden, wo das Fett der Käsekrainer auf das Sakko tröpfelt. Eh okay, so eine Käsekrainer, aber nicht das, was man eigentlich haben wollte. Einen Tag später habe ich das nun einigermaßen verdaut (die Oscars, nicht die Käsekrainer) und kann nun meinen Senf dazu abgeben (zu den Oscars, nicht zur Käsekrainer). Hier mein Fazit in 10 Punkten.

  1. Mehr Oscars für Olivia Colman, bitte. Ihre Dankesrede hat den Abend gerettet.
  2. Wäre ich Christian Bale, wäre ich jetzt definitiv ziemlich angefressen. Und das nicht nur wegen den Kilos, die ich mir als Dick Cheney angefuttert habe, sondern wegen des Oscars für Rami Malek. Der war eh okay als Freddie Mercury, und ich mochte den Film ja auch, aber was Christian Bale hingelegt hat, war einfach eine andere Liga.
  3. „The Favourite“ wurde schändlich übergangen. Nur ein Oscar (eben für Olivia Colman) bei zehn Nominierungen – das war ein schlechter Scherz der Academy. Profitiert hat darunter u.a. „Black Panther“. Und nichts gegen die popkulturelle Bedeutung der schwarzen Miezekatze, aber auch hier: „The Favourite“ spielte einfach in einer anderen Liga.
  4. Erst kurz vor Ende habe ich gecheckt, dass Alfonso Cuarón die wohl einmalige Gelegenheit hatte, persönlich gleich fünf Oscars in einer Nacht für einen Film einzuheimsen: Bester Film, beste Regie, beste Kamera, bestes Drehbuch und bester fremdsprachiger Film. Drei sind es schließlich geworden. Eh super, aber ausgerechnet für den besten Film hat es unverständlicherweise nicht gereicht. Daher gleich zu Punkt 5:
  5. Ein Oscar für „Green Book“ als bester Film? Und das bei der Konkurrenz? Academy, wir haben was zu bereden.
  6. Glenn Close muss wohl erst das Dutzend an Nominierungen vollmachen, ehe sie einen Oscar erhält. Aber immerhin gegen eine würdige Gegnerin verloren, die ausnahmsweise mal nicht Meryl Streep hieß.
  7. Spike Lee, du coole Sau.
  8. Lillian Moschen und Alexander Horwath, die auf ORF durch die Nacht begleitet haben, sind jetzt mein Oscar-Dreamteam. Geballte Kompetenz, und es war einfach unglaublich süß, wie Horwath, das cineastische Schlachtross, eine völlig bedröpptelte Lillian Moschen, die den „Green Book“-Oscar so wenig fassen konnte wie ich, aufmunterte mit Verweis auf sein fortgeschrittenes Alter, in dem man eine gewisse Gelassenheit auch für solche unverständliche Entscheidungen entwickelt.
  9. Bitte fragt mal Tina Fey, Amy Poehler und Maya Rudolph, was sie nächstes Jahr um diese Zeit so vorhaben. Falls sie noch nichts geplant haben sollten: Wie wäre es mit der Oscar-Moderation? Alternativ könnte man auch Awkwafina und John Mulaney fragen. In diesen beiden Fällen zeigte sich jedenfalls, was für ein Gewinn es ist, wenn jemand mit Humor und gekonnter Witzelei durch das Prozedere führt.
  10. Queen mag offenbar jeder.

Bis nächstes Jahr. Auch wenn das dieses Jahr so gar nicht meine Veranstaltung war, werde ich auch 2020 wieder stundenlang im Kino sitzen und Leuten dabei zusehen, wie ihnen nach 90 Sekunden das Mikro abgewürgt wird, während sie hektisch noch ihren Dank abfeuern an MandyTedAngelaFromTheProductionCompanyAllMyFriendsAndOfCourseMomAndDaaaa*stille*

 

Vice – Der zweite Mann (2018)

Regie: Adam McKay
Original-Titel: Vice
Erscheinungsjahr: 2018
Genre: Biopic, Politfilm, Komödie, Drama
IMDB-Link: Vice


Seit „The Big Short“ ist Adam McKay wohl einer der interessantesten Regisseure Hollywoods. Die Fähigkeit, komplexe, trockene Stoffe auf eine schwarzhumorige bis zynische Weise allgemein verständlich und wahnsinnig unterhaltsam zu vermitteln, macht ihm wohl kaum jemand so schnell nach. Mit „Vice“ legt Adam McKay nun nach – und diesmal gilt sein Interesse der als eher farblos geltenden Figur des Dick Cheney, ehemaliger Vizepräsident unter George W. Bush. Hinter der spröden Fassade verbirgt sich allerdings einer der vielleicht am meisten unterschätzten Strippenzieher der jüngeren Politikvergangenheit. Rücksichtslos und nur auf den eigenen Vorteil bedacht weitete Dick Cheney mit jedem Karriereschritt seine Kompetenzen aus, bis er schließlich mit President Bush unter ihm (und genau zu diesem Schluss muss man am Ende des Films kommen) die Welt veränderte. Adam McKay impliziert, dass durch Cheneys Entscheidungen der Irak-Krieg angezettelt wurde, woraufhin der gesamte Nahe Osten destabilisiert und zu dem Fleckerlteppich aus terroristischen Vereinigungen, als den wir ihn heute kennen, wurde. Die Ölfirma, als deren CEO Cheney davor fungierte, profitierte jedenfalls nicht schlecht von dem Chaos, das auf den Krieg folgte. „Vice“ erzählt die Geschichte, wie aus dem Säufer und Taugenichts Dick Cheney der damals wohl mächtigste Mann der Welt werden konnte. Und er tut dies mit den Mitteln, die auch „The Big Short“ schon interessant gemacht haben: Mit überspitzten Szenen, mit dem gelegentlichen Einspielen von Archivmaterial, mit einem sarkastischen Erzähler aus dem Off, mit Verfremdungen (göttlich: die Szene, in der Dick Cheney und seine Frau Lynne abends im Bett in shakespeare’schen Versen zu reden beginnen, um die Dramatik der Entscheidung, die gefällt werden muss, theatralisch zu unterstreichen) und einem genialen Cast. Amy Adams als Lynne Cheney, Steve Carell als Donald Rumsfeld, Sam Rockwell als George W. Bush – sie alle sind großartig. Was aber Christian Bale macht, geht meiner Meinung nach über Schauspiel weit hinaus. Er spielt nicht Dick Cheney, er ist Dick Cheney. Und damit meine ich nicht nur die verblüffende optische Verwandlung. Vielmehr liegt die Faszination im Detail: Im kalten, berechnenden Blick, im Zucken seiner Mundwinkel, durch das sich seine Schachzüge ankündigen, in der leicht gebeugten, so unterwürfig wirkenden Körperhaltung, jede Faser seines Körpers schreit: Dick Cheney! Wenn es dafür keinen Oscar gibt, dann weiß ich auch nicht mehr weiter. Allerdings kommt „Vice“ als Film nicht ganz an das meisterhafte „The Big Short“ heran. Denn „Vice“ hat Längen, und auch das Tempo ist insgesamt eher gedrosselt. Dank der vielen guten Regieeinfälle und dem grandiosen Cast bleibt der Film über seine ganze Laufzeit interessant, aber mitreißen kann er dabei nicht immer.


7,0
von 10 Kürbissen

Die Frau des Nobelpreisträgers (2017)

Regie: Björn Runge
Original-Titel: The Wife
Erscheinungsjahr: 2017
Genre: Drama
IMDB-Link: The Wife


Das ältere Ehepaar Castleman (Glenn Close und Jonathan Pryce) hüpft an einem frühen Morgen auf dem Bett herum. Er singt wie ein kleines Kind: „I WON THE NOBEL PRIZE! I WON THE NOBEL PRIZE!“ Ihr Gesicht strahlt, sie ist stolz auf ihren Mann, der gerade den Anruf aus Schweden erhalten hat. Später in Stockholm im Zuge der Nobelpreisverleihung: Spannungen tun sich auf. Joe Castleman ist nervös und aufgeregt, er sucht nach Anerkennung und badet darin, was zum Einen seinen Sohn David (Max Irons) auf die Palme bringt, und zum Anderen für seine Frau Joan schwer zu schlucken ist. Immer steht sie im Hintergrund. Sie scheint zufrieden damit zu sein, doch irgendwann ist es auch für sie zu viel. Ihr Mann, dem unzählige Affären nachgesagt werden, wird als Genie gefeiert, während sie selbst ihre einst vielversprechende literarische Karriere auf Eis legen musste. Bücher von Frauen würden sich nicht verkaufen, das sagte eine publizierte Schriftstellerin damals zu ihr. Und sie, die Schüchterne, die gerade eine Affäre mit ihrem verheirateten Literaturprofessor begonnen hatte, eben jenem Joe Castleman, stellte jegliche Ambition zurück, um für ihren Lover da zu sein. Lebensentscheidungen, die man später vielleicht bereut oder die zumindest einen Prozess anregen können, der alles auf den Kopf stellt. Davon erzählt Björn Runge in der Verfilmung des Romans von Meg Wolitzer. „Die Frau des Nobelpreisträgers“ ist ein sehr solider, gut gemachter Film, der vielleicht in seinen Figurenkonstellationen und Konflikten etwas zu sehr simplifiziert, auch wenn die einzelnen Dialoge und Szenen dazu per se großartig sind. Das wiederum liegt an den überragenden Darstellungen sowohl von Glenn Close, die damit zurecht als Favoritin in die kommende Oscar-Verleihung geht, als auch Jonathan Pryce. Beide sind das zentrale Herzstück des Films, und ohne deren Leistungen könnte dieser gar nicht funktionieren. Denn beide statten ihre Figuren mit so viel Ambivalenz aus, dass damit auch gröbere Schwächen im Drehbuch ausgebügelt werden. Und auch wenn ich The Favourite und Olivia Colman darin sehr geliebt habe, aber liebe Academy, bitte gebt in der Nacht von Sonntag auf Montag Glenn Close den Goldmann. Das wäre angesichts dieser subtilen, nuancierten Darstellung, die völlig unprätentiös ohne Effekthascherei auskommt, einfach verdient.


6,5
von 10 Kürbissen

Capernaum – Stadt der Hoffnung (2018)

Regie: Nadine Labaki
Original-Titel: Capharnaüm
Erscheinungsjahr: 2018
Genre: Drama
IMDB-Link: Capharnaüm


Der Libanon hat cineastisch einen Lauf. Erst letztes Jahr wurde mit „The Insult“ von Ziad Doueiri der erste libanesische Film für einen Oscar nominiert, und dieses Jahr legt Nadine Labaki mit „Capernaum – Stadt der Hoffnung“ diesbezüglich nach. Auch wenn die Chancen gegen den großen Favoriten Roma von Alfonso Cuarón schlecht stehen, kann sich diese Serie durchaus blicken lassen. Um den ehemaligen Skifahrer Rudi Nierlich zu zitieren: Wonn’s laft, donn laft’s. „Capernaum – Stadt der Hoffnung“ ist ein aufwühlender und richtig guter Film, der sich zurecht in der Reihe der nominierten Filme befindet. Allerdings gehört er auch zu den Filmen, die man kaum mehr als ein einziges Mal sehen möchte. Und man sollte ihn nicht anschauen, wenn man gerade selbst mit Weltschmerz zu kämpfen hat. Die Geschichte ist nämlich harter Stoff. Erzählt wird vom 12jährigen Zain, der im Jugendgefängnis einsitzt, weil er einen Mann niedergestochen hat. Nun verklagt er seine Eltern dafür, dass sie ihn geboren haben. Soweit die Rahmenhandlung. Nadine Labaki rollt dann chronologisch auf, wie es dazu gekommen ist – beginnend bei der vielköpfigen syrischen Flüchtlingsfamilie, die unter ärmlichsten Verhältnissen lebt. Zains Lieblingsschwester Sahar wird nach Eintreten der Regelblutung an den Besitzer der Wohnung verhökert. Zain selbst haut im Streit mit seinen Eltern ab und wird von der äthiopischen Illegalen Rahil aufgenommen. Die hat ein kleines Kind, Yonas. Doch eines Tages wird Rahil festgenommen, und Zain versucht, sich mit Yonas allein durchzuschlagen. Er plant die Flucht nach Schweden, doch als er nach langer Zeit wieder in der Wohnung seiner Eltern vorbeikommt, um seine Papiere zu holen, kommt es zur Katastrophe. „Capernaum – Stadt der Hoffnung“ ist ein Film, der direkt auf die Magengrube zielt, ohne allerdings allzu sehr in den Verdacht zu geraten, aus der Armut der gezeigten Protagonisten Kapital schlagen zu wollen. Zu ehrlich, zu gut recherchiert fühlt sich der Film an. Und auch wenn der Film vor allem im ersten Drittel einige Längen aufweist, zieht einen die Geschichte unweigerlich in ihren Bann. Ich fühlte mich definitiv nicht gut, als ich den Kinosaal nach dem Abspann verließ. Aber ich war trotzdem froh, den Film gesehen zu haben.


7,5
von 10 Kürbissen

Drachenzähmen leicht gemacht 3: Die geheime Welt (2019)

Regie: Dean DeBlois
Original-Titel: How to Train Your Dragon: The Hidden World
Erscheinungsjahr: 2019
Genre: Animation, Fantasy
IMDB-Link: How to Train Your Dragon: The Hidden World


Mit der Liebe ist es so eine Sache. Da glaubt man, der letzte seiner Art zu sein und bis zum Sankt Nimmerleinstag übrig zu bleiben, und plötzlich blickt man tief in die Augen einer holden Schönen und weiß nicht, wie einem geschieht. Kein Wunder, dass man sich da nicht so gut auf andere Dinge konzentrieren kann. Diese allzu menschliche Erfahrung macht im dritten Teil der „Drachenzähmen leicht gemacht“-Reihe der putzige Drache Toothless (dt. Ohnezahn), der immer noch mehr an eine Katze erinnert als an einen Drachen. Er stolpert über ein weißes Weibchen, das deutlich besser in der Luft zurecht kommt als er selbst und sich zudem überaus unbeeindruckt zeigt von seinen patscherten Balzversuchen. Da kann auch Hiccup, sein menschlicher Freund, nur bedingt weiterhelfen. Der hat schließlich auch eigene Sorgen: Mit dem finsteren Drachentöter Grimmel an seinen Fersen stellt sich schon die Frage, ob man nicht die alte Heimat aufgeben sollte, um nach der sagenumwobenen geheimen Welt zu suchen, von der die Drachen stammen. Denn dort könnten Menschen und Drachen in friedlicher Eintracht zusammenleben. Dem Dorf schmeckt das Ansinnen des jungen Häuptlings weniger, aber wenn es denn sein muss, schwingt man sich halt auf den Rücken der Drachen in die Lüfte und zieht los. Doch Grimmel ist ihnen auf den Fersen. „Drachenzähmen leicht gemacht 3: Die geheime Welt“ ist more of the same. Wieder ist Hiccup unentschlossen und zögerlich, wächst aber über sich hinaus. Wieder ist das Wikingerdorf in Gefahr. Wieder sind die liebevoll animierten Drachen die klaren Stars des Ensembles. Aber auch beim dritten Aufguss macht die familientaugliche Geschichte noch viel Spaß, und was die Qualität der Animation betrifft, so ist das neue Abenteuer auf einem noch höheren Level als die beiden Teile davor. So sieht man dann auch gerne über gröbere Storyschwächen und die Tatsache, dass man all das schon mal gesehen hat, hinweg. Immerhin das Ende ist konsequent und kann überzeugen – hier findet die Reihe einen  würdigen Abschluss.


6,5
von 10 Kürbissen

Berlinale 2019 – Ein Fazit

Seit Sonntag sind die 69. Internationalen Filmfestspiele Berlin auch wieder Geschichte. Dieter Kosslick tritt als Direktor ab, mit Spannung darf man die Programme in den nächsten Jahren erwarten. Ich selbst weiß jedenfalls nach meinem zweiten Berlinale-Besuch: Nächstes Jahr muss ich mir mehr Zeit nehmen. Vier Tage, zudem das letzte Wochenende, sind einfach nicht genug. Die Pressevorführungen waren an diesem Wochenende schon größtenteils durch, der Wettbewerb ist gelaufen – nächstes Jahr steige ich definitiv früher in die Action ein. So hat mein Besuch ein bisschen etwas von einer Party gehabt, zu der man erscheint, wenn schon die ersten Gäste gehen. Klar, eine coole Feier kann es ja trotzdem noch sein, und um besoffen zu werden, gibt es noch genügend Alkoholika im Kühlschrank, aber das gute Zeug ist größtenteils schon weg. Dennoch: Ein paar schöne Filme konnte ich noch mitnehmen. Und Charlotte Rampling aus zehn Metern Entfernung bewundern. Allein dafür hat sich der Besuch schon ausgezahlt.

Hier nun die 13 gesichteten Filme in meiner persönlichen Reihung:

Ausgezeichnet:
Die Kinder der Toten
Daniel

Sehenswert:
Der Boden unter den Füßen
Marighella
Der Nachtportier

Ganz gut:
Fukuoka
Leakage
Lampenfieber

Geht so:
Idol
Fern von uns

Nicht so prickelnd:
Das Wunder im Meer von Sargasso
Variety
MS Slavic 7

Berlin, wir sehen uns nächstes Jahr. Bis dahin: So long and thanks for all the films.

Der Boden unter den Füßen (2019)

Regie: Marie Kreutzer
Original-Titel: Der Boden unter den Füßen
Erscheinungsjahr: 2019
Genre: Drama
IMDB-Link: Der Boden unter den Füßen


Caroline, genannt Lola (Valerie Pachner), hat einiges um die Ohren. Der Job als Unternehmensberaterin in der Schlussphase eines wichtigen Projekts in Rostock fordert sie voll. Mit ihrer Chefin (Mavie Hörbiger) bahnt sich etwas an, was über das Berufliche weit hinaus geht, gleichzeitig aber kann sie ihrer Chefin nicht wirklich vertrauen. Und in Wien ist ihre Schwester (Pia Hierzegger) nach einem Suizidversuch in die psychiatrische Klinik eingewiesen worden und ruft nun ständig bei Lola an, um sie um Hilfe zu bitten. Ihr ginge es ganz schlecht, sie werde misshandelt – und Lola soll sie da bitte rausholen. Der Druck auf Lola nimmt zu. Versaut sie das Projekt, verbaut sie sich ihre beruflichen Chancen. Versaut sie es mit ihrer Chefin, dann ist es sowieso mit ihr vorbei. Und versaut sie es bei ihrer älteren Schwester, deren Vormund sie mittlerweile ist, werden die Schuldgefühle sie wohl nie wieder loslassen. Nun muss Lola abwägen, was ihr wirklich wichtig ist. Und dabei stellt sie fest, was für ein Mensch sie ist. Und wir, das Publikum, stellen das ebenfalls fest. Wir alle, Lola und wir im Kinosaal, werden vielleicht nicht mögen, was wir dabei herausfinden. „Der Boden unter den Füßen“ handelt, wie der Titel sagt, von eben jenem Boden, den wir verlieren können, wenn wir uns auf die falschen Dinge konzentrieren. Lolas Leben ist in einer sehr wackeligen Balance – und es genügt ein einziger Vorfall, um dieses Leben ins Kippen zu bringen. Wie eine Lawine prasseln dann die Probleme auf Lola ein, und sie, die immer auf sich allein gestellt war, weiß sich nicht zu helfen. Marie Kreutzer geht mit ihrer Heldin schonungslos um. Sie hat zwar unser Mitleid, aber nicht immer unser Verständnis. Dabei befindet sich der Film selbst in einer guten, stabilen Balance. Neu ist das alles zwar nicht, und vor allem der berufliche Part rutscht gelegentlich nah an die Abgründe der Klischee heran, aber dennoch ist „Der Boden unter den Füßen“ über seine gesamte Laufzeit interessant anzusehen und von Valerie Pachner stark gespielt. Ein erfreulicher Abschluss meines diesjährigen Berlinale-Besuchs.


7,0
von 10 Kürbissen

(Foto: Juhani Zebra / Novotnyfilm)