Destroyer (2018)

Regie: Karyn Kusama
Original-Titel: Destroyer
Erscheinungsjahr: 2018
Genre: Drama, Krimi, Thriller
IMDB-Link: Destroyer


Es gab eine Zeit, in der Nicole Kidman botoxbedingt die Mimik eines Kühlschranks aufbrachte. Diese Zeit ist zum Glück vorbei. Älter werden ist gar nicht so schlimm, ein paar Fältchen können ja auch sehr sympathisch wirken, vor allem wenn sie sich als Lachfalten um die Mundwinkel ziehen. Doch viel zu lachen hat Nicole Kidman in Karyn Kusamas Film „Destroyer“ nicht. Und mit den Falten hat sie es auch ein wenig übertrieben. Ihre Detective Erin Bell wird zu Beginn jedenfalls als wandelnde Depression auf zwei Beinen vorgestellt. Diese Frau geht zum Lachen nicht einmal in den Keller, die quittiert einen guten Witz höchstens mit einem Fußtritt in das Allerheiligste. Dass so etwas nicht von ungefähr kommt, ist klar. Und so rollt sich allmählich anhand des Falls, in dem sie ermittelt, ihre eigene Vergangenheit auf, in der sie als junge Undercover-Polizistin mit ihrem Kollegen Chris (Sebastian Stan) eine auf Bankraube spezialisierte Vereinigung unter dem Boss Silas (Toby Kebbell) infiltriert hat. Und dabei ist nicht alles so rund gelaufen, wie man sich das im Vorfeld ausgedacht hat. 17 Jahre später plagt sie sich mit den Geistern der Vergangenheit herum und verfolgt eine sehr persönliche Agenda. Kleinere familiäre Probleme mit dem Nachwuchs erleichtern das Unterfangen nicht unbedingt. „Destroyer“ ist ein sehr entschleunigter Krimi, der einem gängigen Muster folgt: Kaputte Polizistin wird mit Fehlern der Vergangenheit konfrontiert. Allzu viele Kreativitätspunkte kann ich dafür nicht vergeben. Bleibt das Spiel von Nicole Kidman, die für ihre Rolle viel Lob einheimsen konnte. Doch obwohl ich Kidman mag, kann ich mich dem allgemeinen Jubelreigen nicht anschließen, da sie ihre Erin Bell für mich etwas zu grimmig anlegt und damit fast zur Karikatur werden lässt. Hier wollte sie meiner Meinung nach zu viel. Ein etwas subtileres Spiel hätte nicht geschadet. So ist „Destroyer“ ein seriöser Film, dem man seine Ambitionen anmerkt, aber die Rädchen greifen nicht ineinander und stellenweise breitet sich Fadesse aus. Das Ende weist mit einem schönen Twist auf, aber das hebt den Film für mich auch nicht mehr über den Durchschnitt hinaus. Einen halben Punkt dazu gibt es für die Verwendung des Songs „Gardenia“ von Kyuss im Soundtrack.


5,5
von 10 Kürbissen

(Foto: Filmladen)

Free Solo (2018)

Regie: Elizabeth Chai Vasarhelyi und Jimmy Chin
Original-Titel: Free Solo
Erscheinungsjahr: 2018
Genre: Dokumentation
IMDB-Link: Free Solo


Es ist nicht bekannt, ob Alex Honnold die Musik von Tom Petty mag, aber ich bezweifle, dass sich dessen Song „Free Fallin“ auf der Playlist des Extrem-Bergsteigers befindet. Alex Honnold ist aus der Sicht eines leicht übergewichtigen, recht unsportlichen und faulen Bürohengstes (sämtliche Ähnlichkeiten mit real lebenden Personen oder Kürbissen sind rein zufällig) mit Verlaub völlig irre. Denn seine Leidenschaft gilt dem Free Solo, das heißt: ohne Seil die ärgsten Felswände hochkraxeln. Jeder kleinste Fehler führt dazu, dass es rasant nach unten geht, bis man auf dem Boden der Tatsachen landet. Und in dem Fall (diese Doppeldeutigkeit ist durchaus beabsichtigt) heißt das, dass man sich künftig die Radieschen (und Berge) von unten ansehen wird. Oder wie es in der Dokumentation über die Besteigung der imposanten Felswand El Capitan im Yosemite-Nationalpark mal sinngemäß heißt: Diese Wand Free Solo zu besteigen, ist ungefähr gleichzusetzen wie der Gewinn einer olympischen Goldmedaille in einer Sportart, in der alle ab dem zweiten Platz sterben. Man muss sich also schon sicher sein, diese verdammte Goldmedaille zu gewinnen, wenn man sich an dieses Abenteuer wagt. Elizabeth Chai Vasarhelyi und Jimmy Chin, selbst passionierte Bergsteiger, die mich schon mit ihrem Film Meru überzeugen konnten, folgen in einem recht klassischen dokumentarischen Ansatz den Vorbereitungen von Alex Honnold auf dieses Wagnis. Doch schon bald entspinnen sich daraus recht spannende zweite Ebenen: Zum Einen kommt die Filmcrew bald an den Punkt, wo sie sich die Frage stellen müssen, ob das Risiko eines Absturzes durch ihre Anwesenheit nicht maßgeblich vergrößert wird – und das nicht nur wegen etwaiger störende Kameradrohnen und vom Filmteam gelösten Steinchen, sondern auch, da die bloße Tatsache, dass der Aufstieg gefilmt wird, bei Honnold dazu führen könnte, mehr Risiko zu nehmen als er allein ohne Kamerabegleitung nehmen würde. Zum Anderen entfaltet sich das Porträt eines Mannes, der Schwierigkeiten mit emotionalen Bindungen und Reaktionen hat, aber eine Beziehung eingeht, die durch diese fehlende Empathie und durch das enorme Risiko eines verfrühten Ablebens auf eine harte Probe gestellt wird. Der heimliche Star des Films ist Alex‘ Freundin Sanni, die jede Minute mit dem Schlimmsten rechnen muss, aber keine Forderungen stellt in dem Wissen, dass man einem Menschen nicht das, was er am meisten liebt (sogar mehr noch als die Partnerin) wegnehmen kann, ohne die Beziehung zu zerstören. Genau diese Zwischentöne machen „Free Solo“ neben den zu erwartenden spektakulären Kletter-Bildern zu einem sehenswerten Film, über den man gerne noch länger nachdenkt und der in meinen Augen auch verdient mit einem Oscar für den besten Dokumentarfilm gewürdigt wurde.


7,5
von 10 Kürbissen

(Foto: Polyfilm)

Elle (2016)

Regie: Paul Verhoeven
Original-Titel: Elle
Erscheinungsjahr: 2016
Genre: Krimi, Thriller, Drama, Erotik
IMDB-Link: Elle


Die grandiose Isabelle Huppert spielt in Paul Verhoevens Film eine Frau, die scheinbar nichts aus der Fassung bringt. Sie ist erfolgreiche Managerin einer Entwicklungsfirma für Computerspiele, sarkastische Tochter, geduldige Mutter, souveräne Ex-Partnerin … und fast gleichgültiges Vergewaltigungsopfer. Soweit die Ausgangsbasis für einen Thriller, der zunächst mit einer unglaublich starken Frauenrolle aufwartet, dann aber mehr und mehr in konventionelle Muster verfällt und aus diesen dann nicht anders auszubrechen weiß als auf Verhoeven-Art: Provokant, möglichst verstörend und schockierend. Gähn. Immer wieder fühlt man sich an Basic Instinct erinnert, und Paul Verhoeven opfert die Glaubwürdigkeit und Authentizität seiner Figuren auf dem Altar des Schock-Moments. Das ist jammerschade, denn die erste Hälfte des Films ist wohl das Beste, was er jemals gedreht hat. Isabelle Huppert ist, wie gesagt, überragend, sie wurde für ihre grandiose Leistung auch mit einer Oscar-Nominierung gewürdigt, aber auch ihre Figur leidet am Ende unter dem Verhoeven’schen Ziel, das Publikum möglichst durchzurütteln. Ja eh. Kennen wir schon. Ein wenig mehr Altersmilde und Subtilität würde Verhoevens Werk wirklich gut tun, aber in diesem Film bringt er das (noch) nicht. Ein Film mit durchaus vielen guten Ansätzen und auch in den schwächeren Momenten durchaus sehenswert, aber zu deutlich sehe ich das Potential, das Verhoeven hier liegen gelassen hat.

 


7,0
von 10 Kürbissen

(Foto: Filmladen)

Thank You for Bombing (2015)

Regie: Barbara Eder
Original-Titel: Thank You for Bombing
Erscheinungsjahr: 2015
Genre: Episodenfilm, Drama, Kriegsfilm
IMDB-Link: Thank You for Bombing


Mit Episodenfilmen ist es oft so eine Sache. Vielfach mag man bei solchen Filmen einzelne Geschichten, während andere so gar nicht zünden. Bei „Thank You for Bombing“ von der österreichischen Filmemacherin Barbara Eder sind zumindest alle drei Episoden des Films auf einem gleichbleibenden Level. Unterschiedlich sind nur die Charaktere und die Sprachen. In der ersten Episode wird ein alternder Journalist, verkörpert von Erwin Steinhauer, dessen grundsätzlich traurige Miene gut zur Figur passt, von seinem Chef nach Kabul geschickt, denn dort spielt es sich ab. Allerdings kommt er nicht über den Flughafen Wien-Schwechat hinaus, denn der traumatisierte Reporter vermeint einen Kriegsverbrecher aus dem Jugoslawien-Krieg wiederzuerkennen. Statt nach Kabul zu fliegen, lauert er diesem Burschen auf und versucht, ihn dingfest zu machen. In der zweiten Episode versucht die amerikanische Reporterin Lana in Kabul (Manon Kahle), als Kriegsreporterin ernst genommen zu werden. Da sie hübsch und blond ist, wird sie weder von den Kollegen noch von den von ihr Interviewten sonderlich respektiert. Um zu zeigen, wie tough sie ist, geht sie, als sie die Chance einer Investigativ-Story erhält, immer größere Risiken ein. Die dritte Episode schließlich zeigt den zynischen Reporter Cal (Raphael von Bargen), der sich in Afghanistan fürchterlich langweilt. Als auch noch seine Freundin via Skype Schluss mit ihm macht, brennen ein paar Sicherungen durch. „Thank You for Bombing“ zeigt das Geschäft mit den Nachrichten auf eine ungeschönte Weise. Das Problem bei der ganzen Sache ist nur dieses, dass der Film selbst ein wenig der Sensationsgier verfällt, was der eigentlichen Botschaft diametral entgegen steht. Und wenn ich zu Beginn geschrieben habe, dass alle drei Episoden qualitativ auf einem gleichbleibenden Level sind, so sagt das per se noch nicht viel über die Gesamtqualität aus. Denn alle drei Episoden sind gleichermaßen monoton inszeniert. So erinnert „Thank You for Bombing“ trotz des brisanten Themas eher an einen Fernsehfilm. Gut gemeint und phasenweise thematisch interessant, aber nichts, was einen wirklich aufrüttelt.


5,0
von 10 Kürbissen

(Foto: Filmladen)

Can You Ever Forgive Me? (2018)

Regie: Marielle Heller
Original-Titel: Can You Ever Forgive Me?
Erscheinungsjahr: 2018
Genre: Biopic, Krimi, Komödie
IMDB-Link: Can You Ever Forgive Me?


An Melissa McCarthy scheiden sich die Geister, und das nicht nur seit ihrem Mitwirken in „Ghostbusters“. Dass sie aber wirklich verdammt gut schauspielern kann, wenn man sie nicht in nervigen Komödien als naives Pummelchen besetzt, beweist sie in Marielle Hellers „Can You Ever Forgive Me?“ In diesem komödiantisch angehauchten Biopic spielt sie die Schriftstellerin und Biographin Lee Israel, die von notorischer Erfolglosigkeit und einer gewissen misanthropischen Grundeinstellung geplagt wird. Durch Zufall entdeckt sie ein neues Geschäftsmodell für sich: Briefe berühmter Schriftsteller faken und für teures Geld an Antiquariate verkaufen. Ihr Partner in crime ist der exzentrische Bohemian Jack Hock (Richard E. Grant, neben Melissa McCarthy ebenfalls für einen Oscar nominiert). Gemeinsam mischen sie die Sammlerszene auf, und weil sie eben keine Profis sind, sondern mehr oder weniger naiv da hineinstolpern, stapelt sich schon bald nicht nur das ungewaschene Küchengeschirr neben Lees Spüle, sondern auch eine Menge Probleme. Marielle Heller erzählt die Geschichte mit einem Augenzwinkern und unprätentiös und verlässt sich dabei ganz auf die Kunst der groß aufspielenden McCarthy und Grant. Das allein reicht schon aus, um für einen unterhaltsamen Kinoabend zu garantieren. Das allein reicht aber nicht aus, um den Film zu einem denkwürdigen Meisterwerk werden zu lassen. Zu unspektakulär und beiläufig plätschert die Geschichte dahin, und dass Lee Israel hauptsächlich recht unsympathisch wirkt, lässt die Zuseher dann vielleicht doch nicht so ganz mitfiebern mit ihrem Charakter. Es fehlt einfach ein innerer Spannungsbogen. Hier lässt Marielle Heller die Zügel vielleicht ein wenig zu sehr schleifen. Dennoch ist der Film zumindest geeignet, bisherige Zweifler an McCarthys Schauspielkunst zum Verstummen zu bringen. Die ist schon gut, wenn man sie nur lässt.


6,5
von 10 Kürbissen

Asche ist reines Weiß (2018)

Regie: Jia Zhangke
Original-Titel: Jiang Hu Er Nü
Erscheinungsjahr: 2018
Genre: Drama, Liebesfilm
IMDB-Link: Jiang Hu Er Nü


Jia Zhangke gehört zu den am meisten gefeierten chinesischen Regisseuren der Gegenwart. Mit „Asche ist reines Weiß“ erzählt der vielfach prämierte Filmmacher in drei Akten von einer Liebesgeschichte, die von der Jahrtausendwende bis in die Gegenwart reicht und fast beiläufig die gesellschaftliche Entwicklung Chinas innerhalb dieser Zeit sichtbar macht. Bin (Liao Fan) ist ein lokaler Gangster, der über die Bruderschaft, eine Art mafiöser Verbindung, herrscht und den lokalen Unternehmen und Mafiabossen gerne mal bei kleineren Geschäften zur Hand geht. Seine Freundin Qiao (Zha Tao) unterstützt ihn nach Kräften. Doch schon bald erfährt ihre Beziehung eine Zäsur, als Qiao von Jugendlichen fast totgeschlagen wird und Qiao, eine toughe und eigensinnige Frau, rettend eingreift, indem sie mit Bins illegal erworbener Pistole die Angreifer in Schach hält. Das Problem: Sie geht dafür für fünf Jahre ins Gefängnis. Und während sie ihre Zeit absitzt, besucht sie Bin, der nur ein Jahr ausgefasst hat, kein einziges Mal. Aus dem Gefängnis entlassen führt sie ihr erster Weg zum Drei-Schluchten-Damm, an dem Bin nun als Geschäftsmann für ein Kraftwerk tätig sein soll. Denn sie hat mit der Vergangenheit und der Liebe nicht abgeschlossen. „Asche ist reines Weiß“ ist vor allem in diesem Mittelteil, der Reise zu den drei Schluchten, sehenswert. Qiao, die im Mittelpunkt der Erzählung steht, wird hier als starke Frau gezeigt, die weiß, was sie will – und was sie nicht will. Gleichzeitig werden die gesellschaftlichen Chinas sichtbar. Die Mächtigen von früher verstecken sich vor ihrer Vergangenheit, und die kleinen Ganoven sind aufgestiegen. Warum „Asche ist reines Weiß“ bei mir dennoch nicht gezündet hat, liegt an zwei Dingen: Zum Einen der leider fürchterlichen Synchronisation, aufgrund derer viele Dialoge klingen, als wären sie schlechten Seifenopern entnommen. Gut, dafür kann der Film selbst nicht, wenngleich schon auch die Qualität vieler Dialogzeilen oberflächlich angelegt ist. Das größere Problem ist allerdings, dass der Film mit seiner stattlichen Laufzeit von 2,5 Stunden viele Leerstellen aufweist, die an die Substanz gehen. Vor allem der dritte Akt zieht sich wie ein Kaugummi. Hätte Jia den Film bei den drei Schluchten enden lassen, wäre der Film für mich stimmiger und interessanter gewesen. Aber gerade der dritte Akt, der die Themen Buße und Versöhnung behandelt, wird zur Geduldsprobe. Daher schlurfte ich am Ende ziemlich müde aus dem Kino, froh darüber, dass der Film dann doch irgendwann ein Ende gefunden hat. Jia Zhangke hat sich damit noch nicht in die Riege meiner Lieblingsregisseure geschoben, aber interessant genug ist der Film, dass ich durchaus weitere Filme des Regisseurs sehen möchte, um das Bild zu schärfen.


5,5
von 10 Kürbissen

Der fantastische Mr. Fox (2009)

Regie: Wes Anderson
Original-Titel: Fantastic Mr. Fox
Erscheinungsjahr: 2009
Genre: Animation
IMDB-Link: Fantastic Mr. Fox


Ich habe größten Respekt vor Stop Motion-Filmen. Diese Fitzelarbeit ist etwas für Fanatiker und Perfektionisten. Glücklicherweise zählt Wes Anderson in genau diese Kategorie. Weshalb er sich der Verfilmung des Buchs von Roald Dahl auf genau diese Weise angenommen hat. Und eines gleich vorweg: Die Qualitäten von Wes Anderson, diese symmetrisch durchkomponierte Bildsprache (die man im Übrigen aktuell noch im Kunsthistorischen Museum Wien bewundern kann, wo er zusammen mit seiner Lebenspartnerin Juman Malouf eine Ausstellung mit dem wunderschönen Titel „Spitzmaus Mummy in a Coffin and Other Treasures“ kuratiert hat), der Stoizismus seiner Charaktere, die pointierten, existentialistisch angehauchten Dialoge – all das geht überraschend gut zusammen mit dem Hühnerdieb Mr. Fox, der in Anbetracht der Schwangerschaft seiner Frau auf ein bürgerliches Leben umsattelt. Allerdings lässt sich die Natur nun mal nicht auf Dauer verleugnen, und die neuerlichen Beutezüge bringen nicht nur Mr. Fox, sondern auch seine ganze Familie und Freunde in Bedrängnis. Da ist Teamarbeit gefragt, um aus dem Schlamassel wieder rauszukommen. „Der fantastische Mr. Fox“ ist detailverliebt und liebevoll inszeniertes Animationsvergnügen für Erwachsene. Auch Kinder könnten ihre Freude damit haben, da die Tiere einfach sehr putzig animiert sind, aber die Geschichte selbst zündet eher beim ausgewachsenen Publikum, das sich mit Sicherheit an der einen oder anderen Stelle wiedererkennt. Wo sind sie geblieben, die Träume der Jugend, wo haben wir sie begraben, die wilde Seite, die Abenteurer und Pionierin werden wollte? „Der fantastische Mr. Fox“ spricht diese Themen fast nebenbei in herrlicher Lakonie an und bietet darüber hinaus eine rührige Familiengeschichte für Groß und Klein. Auch George Clooney als Synchronstimme für den listigen Fuchs muss man hervorheben – er versteht es, die Wes Anderson’sche Bildsprache im Dialog stimmlich zu unterstützen. So ist „Der fantastische Mr. Fox“ eine kleine Perle, die man immer wieder ansehen kann.


8,0
von 10 Kürbissen

Captain Marvel (2019)

Regie: Anna Boden und Ryan Fleck
Original-Titel: Captain Marvel
Erscheinungsjahr: 2019
Genre: Action, Fantasy, Science Fiction
IMDB-Link: Captain Marvel


Was gibt es Passenderes, als am Weltfrauentag einer starken Frau wie Brie Larsen dabei zuzusehen, wie sie mit Hilfe von Superkräften böse Jungs aufmischt? Und man weiß ja seit der End Credits-Szene von Avengers: Infinity War, dass im zweiten Teil „Avengers: Endgame“ höchstwahrscheinlich die junge Dame den Karren aus dem Dreck ziehen muss, wenn die alte Macho-Garde, bestehend aus Iron Man, Captain America, Hulk & Co. es versemmelt hat, den Oberbösewicht Thanos von seinem Schmuck zu befreien. Dabei ist aber Captain Marvel zu Beginn noch gar nicht so übermächtig. Der Zuseher wird gleich mitten hineingeworfen in den Film, und die Konfusion, die auch die junge Vers, eben später Captain Marvel, in Anbetracht seltsamer Träume verspürt, überträgt sich auch auf das Publikum. Was ist da los, was wird da gespielt? Auch Jude Laws Grinsen trägt nicht zur Erhellung bei. Dass die beiden Regieführenden Anna Boden und Ryan Fleck („Captain Marvel“ ist im Übrigen der erste MCU-Film, bei dem eine Frau beteiligt ist an der Regie) die Zügel dennoch fest in der Hand haben, zeigt sich mit Fortdauer des Films. Denn die Konfusion weicht schon bald dem Sehvergnügen. Man darf sich von „Captain Marvel“ keine Revolution des Superhelden-Genres erwarten – im Gegenteil: Der Film arbeitet recht brav die stereotypischen Handlungsverläufe ab. Aber das gelingt ihm dafür sehr gut, kurzweilig und mit dem für Marvel üblichen Augenzwinkern zwischendurch. Man merkt, dass Brie Larsen selbst Spaß an der Sache hatte. Und da sie eine Batzen Schauspielerin ist, hält sie auch das Publikum bei Laune. Sie passt einfach für diese Rolle, auch wenn ihr dabei nicht ihr ganzes Können abverlangt wird. Samuel L. Motherfucking Jackson ist mal wieder die coole Sau, die er immer ist, allerdings diesmal mit Haaren und einem CGI-Peeling und einem Herz für Katzen, das sein Macho-Image ein bisschen auflockert. Es steckt dann doch in jedem von uns ein Freund der Fellnasen. Jedenfalls unterhält „Captain Marvel“ zwei Stunden lang sehr gut, bietet starke Frauenrollen und saubere Action, und wenn am Ende die Superheldin mal wirklich zeigt, was in ihr steckt, bekommt man fast ein bisschen Mitleid mit Thanos, der noch nicht weiß, was ihm blüht. Oh Captain, my Captain …


7,5
von 10 Kürbissen

Beach Rats (2017)

Regie: Eliza Hittman
Original-Titel: Beach Rats
Erscheinungsjahr: 2017
Genre: Drama
IMDB-Link: Beach Rats


Als Heranwachsender hat man es nicht einfach. Das war schon immer so, das ist überall so. Wenn allerdings auf dem Weg ins Erwachsenenleben weitere Stolpersteine auftauchen wie ein schwer kranker und dahinsiechender Vater, eine prekäre finanzielle Haushaltssituation und das Entdecken der eigenen homosexuellen Neigungen, während im Freundeskreis selbst eine latente Homophobie vorherrscht, wird die Sache so richtig kompliziert. Diese Erfahrung muss Frankie (wunderbar zurückhaltend gespielt von Harris Dickinson) machen. Und dann wirft auch noch die hübsche Simone (Madeline Weinstein) ein Auge auf den Feschak. Weil eben eine gewisse Erwartungshaltung seitens des Freundeskreises und der Mutter zu spüren ist, lässt sich Frankie auf eine Beziehung ein. Doch auch wenn er Simone mag, er mag eben den Videochat mit älteren schwulen Männern mehr. Dass das zu Komplikationen führt, oft auch in Verbindung mit exzessivem Drogenkonsum, ist dann keine sonderliche Überraschung. Was allerdings schon eine positive Überraschung ist: Dass der Film trotz der Schwere des Themas und der schwierigen Verhältnisse des sozialen Milieus, die er zeigt, nie zu einer Nabelschau wird. Vielmehr erzählt Eliza Hittman in ihrem Spielfilmdebüt sehr einfühlsam und trotzdem mit einer gewissen wertfreien Distanz von diesen Schwierigkeiten. Man spürt: Sie nimmt ihre Protagonisten ernst. Und sie verzichtet auf den erhobenen moralischen Zeigefinger. In „Beach Rats“ versucht einfach nur ein 17jähriger, mit den Anforderungen, die das Leben an ihn stellt, zurecht zu kommen. Das gelingt ihm mal mehr, mal weniger. Eine Entwicklung ist aber zu spüren. Und das macht „Beach Rats“ zu einem wirklich sehenswerten Film, den man aktuell auf Netflix sichten kann.


7,5
von 10 Kürbissen

Buffalo ’66 (1998)

Regie: Vincent Gallo
Original-Titel: Buffalo ’66
Erscheinungsjahr: 1998
Genre: Liebesfilm, Krimi, Roadmovie, Drama
IMDB-Link: Buffalo ’66


Einer der 1001 Filme, die man gesehen haben muss, ehe das Leben vorbei ist, ist „Buffalo ’66“ von Vincent Gallo. Das ist der Typ, der Chloë Sevignys Karriere in Bedrängnis brachte, weil er mit ihr zusammen in „The Brown Bunny“ allzu offenherzig die Freuden des Oralsex vor der Kamera zeigte, dem ein medienwirksamer Beef mit Kritikerpapst Roger Ebert folgte, aber das ist eine andere Geschichte. In seinem Regiedebüt „Buffalo ’66“ geht es gemäßigter zu. Billy Brown (Vincent Gallo) kommt gerade aus dem Knast und muss erst mal pissen. Man kennt das ja. Und natürlich: Keine Toilette weit und breit in Sicht. Dafür aber die junge Layla (Christina Ricci), die der Häfnbruder mit der vollen Blase kurzerhand entführt. Und das, weil er seinen Eltern (Anjelica Huston und Ben Gazzara) vorgegaukelt hat, er wäre ein erfolgreicher Staatsbediensteter und glücklich verheiratet. Ersteres ist angesichts seiner Jahre in Staatsgewahrsam vielleicht noch Interpretationssache, Zweiteres lässt sich aber ohne passender Frau an seiner Seite nicht so einfach hinbiegen. Daher die Entführung. Und nach anfänglicher Skepsis spielt das Mädel dann auch brav mit, woraufhin sich allmählich tatsächlich zarte Gefühle einstellen, was Billy Brown zusehends verunsichert. Denn bald zeigt sich: So hart, wie er tut, ist er eigentlich gar nicht. „Buffalo ’66“ könnte ein amüsanter Film für zwischendurch sein, ein leicht schräges Independent-Komödien-Drama mit richtig guter Besetzung und ein paar witzigen Einfällen. Könnte. Ist er aber nicht. Und das liegt vor allem an Vincent Gallo selbst. Meine Kollegin in der Arbeit würde sagen: Eine Fresse wie ein Briefkasten. Links und rechts zum Hineinhauen. Sage ich natürlich nicht, denn das ist ja ein seriöser Blog. Husthust. Aber das Grundproblem von „Buffalo ’66“ ist tatsächlich, dass mir die empathielose, selbstsüchtige und gewaltbereite Hauptfigur von Anfang bis Ende auf die Nerven gegangen ist und ich ihr die Katharsis nicht vergönnt habe. Auch Christina Riccis Charakter stellte mich vor Probleme. Zwar ist ihre Layla gut gespielt (die Ricci kann schon was, keine Frage), aber ich glaubte ihr die aufkeimenden Gefühle einfach nicht. Auf welcher Basis? Liebe macht blind, sagt man. Okay. Aber blind und deppert? So hat mich „Buffalo ’66“ eher ärgerlich gemacht als gut unterhalten. Und was „The Brown Bunny“ betrifft: Die berühmte Szene gibt es kostenlos auf einschlägigen Internetseiten zu bewundern. Den ganzen Film tue ich mir wohl eher nicht an.


3,0
von 10 Kürbissen