Crossing Europe Filmfestival Linz 25.-30. April 2019

Ich liebe den Geruch von Festivals am Morgen. Am 25. April reist der Kürbis eures Vertrauens gen Westen, um in der schönen Hauptstadt Oberösterreichs die dortigen Kinosäle des Crossing Europe Filmfestivals unsicher zu machen. Mit dem Crossing Europe habe ich letztes Jahr schon Bekanntschaft gemacht, und die Erfahrung war rundum positiv, sodass ich dieses Jahr gerne erneut Gast des Festivals bin. Was man dort zu sehen bekommt: Einen Querschnitt durch das europäische (vorzugsweise junge) Filmschaffen in gemütlicher und stressfreier Atmosphäre. Und wenn das Wetter auch wieder so mitspielt wie vergangenes Jahr, kommt tatsächlich Urlaubsfeeling auf. Ich bin gespannt, ob mich das diesjährige Programm wieder begeistern kann. Für Abwechslung scheint jedenfalls gesorgt zu sein: Ganze 19 Filme habe ich mir mal auf die Liste gesetzt. Schlaf und Essen sind überbewertet.

(Werbesujet/Grafik: d.signwerk.com / Foto: Gerhard Wasserbauer)

Shazam! (2019)

Regie: David F. Sandberg
Original-Titel: Shazam!
Erscheinungsjahr: 2019
Genre: Action, Abenteuerfilm, Fantasy, Komödie
IMDB-Link: Shazam!


Wenn man David Sandberg heißt, dreht man offenkundig gerne amüsante Actionfilme. Um Verwechslungen mit dem schwedischen Kollegen, der für den viralen Kickstarter-Hit Kung Fury verantwortlich zeichnete, zu vermeiden, packte sich der Regisseur der DC-Comicverfilmung „Shazam!“ noch die Initiale F. in seinen Namen. Trotzdem ein wenig verwirrend, diese ganze Sandbergerei. Allerdings hat DC gut getan, den bislang hauptsächlich durch Kurzfilme aufgefallenen David F. Sandberg in den Regiestuhl zu hieven. Im ewigen Beef DC gegen Marvel hat ja in den letzten Jahren DC deutlich den Kürzeren gezogen. Vor allem die martialistisch durchstilisierten Filme von Zack Snyder konnten sich gegen das verspielt Lockere von Marvel nicht durchsetzen. Comics leben eben auch vom Humor. (Außer man heißt Christopher Nolan, dann kann man auch die humorlosesten Filme aller Zeiten drehen – und trotzdem Großartiges und Stilbildendes leisten.) Jedenfalls wirft DC nun mit „Shazam!“ einen Kollegen ins Rennen, der ausschließlich mit Humor punktet. Der 14jährige Billy Batson wird zum Superhelden Shazam, wenn er diesen magischen Namen ausspricht. Er ist damit kugelsicher, kann Energieblitze abfeuern, und das mit dem Fliegen kriegt er auch noch hin. Und damit ist alles über den Film gesagt. „Shazam!“ ist quasi „Big“ (man beachte die kleine Verneigung vor dem Tom Hanks-Klassiker in der Szene mit dem Fußpiano) mit Superheldenkräften. Ein Junge im Körper eines Erwachsenen, nur mit ein paar Extra-Features ausgestattet. Und das führt zu saukomischen und herrlich überdrehten Szenen. Auch sind die Sidekicks (in diesem Fall: einige sehr nerdige Kinder, die von Pflegeeltern aufgenommen wurden) wunderbar sympathisch. Die Chemie zwischen den Darstellern stimmt. Einzig Mark Strong als Superbösewicht wirkt im Vergleich zu den anderen Comic-Schurken der letzten Jahre eher blass. Aber das ist fast egal, denn „Shazam!“ braucht keine breit angelegte Story-Line oder das Gefühl einer allumfassenden Weltenbedrohung. „Shazam!“ ist ein einfach konstruierter, aber effektiver Crowdpleaser. Vielleicht bleibt der Film nicht ewig im Gedächtnis haften, und vielleicht ist er auch ein wenig zu sympathisch-jugendlich angelegt (auch bei den Gags), aber für zwei kurzweilige Kinostunden taugt er allemal.


6,5
von 10 Kürbissen

Yourself and Yours (2016)

Regie: Hong Sang-soo
Original-Titel: Dangsinjasinwa dangsinui geot
Erscheinungsjahr: 2016
Genre: Drama
IMDB-Link: Dangsinjasinwa dangsinui geot


Der südkoreanische Film „Dansisitzgmpftz Dingsda …“ (ich glaube, ich halte mich lieber an den englischen Verleihtitel „Yourself and Yours“) behandelt ein junges Paar. Sie trinkt offenbar gerne mal einen über den Durst, er findet das nicht so toll, und als er Gerüchte aufschnappt, dass sie trotz gegenteiligem Versprechen öfter mal ohne ihn einen zwitschert, konfrontiert er sie damit, sie streiten, sie streitet alles ab, schreitet von dannen und fortan bestreitet er seine Tage allein, jammert seine Freunde mit traurigen Liebeskummersonaten voll, und einen verletzten Fuß hat er plötzlich auch noch – vielleicht ist ihm ja der Liebeskummer in den großen Zeh gefahren. Sie wiederum verhält sich seltsam, kennt ihre Bekannten nicht mehr, um dann doch mit ihnen in die Kiste zu springen, die Geschichte plätschert vor sich hin, ohne wirklich Gefahr zu laufen, interessant zu werden, es werden Nudeln geschlürft, manchmal darf man schmunzeln, und südkoreanische Tauben sehen genauso aus wie Wiener Tauben. Eh ganz okay. Warum Hong Sang-soo aber zu den renommiertesten südkoreanischen Regisseuren dieser Tage gezählt wird und regelmäßig Einladungen zu den Wettbewerben der größten Filmfestivals der Welt erhält, erschließt sich mir anhand dieses Films jedenfalls nicht so ganz.

 


5,0
von 10 Kürbissen

Birds of Passage – Das grüne Gold der Wayuu (2018)

Regie: Cristina Gallego und Ciro Guerra
Original-Titel: Pájaros de verano
Erscheinungsjahr: 2018
Genre: Drama, Krimi, Thriller
IMDB-Link: Pájaros de verano


Gewalt erzeugt Gegengewalt. Actio = reactio. Man kennt das. Aber zunächst mal beginnt alles mit der Liebe. Einem Tanz. Dem Werben um die schöne Braut. Rapayet (José Acosta) vom indigenen Volk der Wayuu in Kolumbien bringt die geforderten 30 Ziegen, die Rinder, die Halsketten, und er bekommt dafür die schöne Zaida (Natalia Reyes) zur Frau. Ermöglicht wurde ihm dies durch ein im Jahr 1968 noch neues und sehr erträgliches Geschäft – nämlich jenes mit Marihuana, das gewinnbringend an die Gringos des Nordens verkauft wird. Und dieses Geschäft läuft sehr erfolgreich weiter und wird größer. Erste Komplikationen treten auf, als sich der Freund und Geschäftspartner Moisés (Jhon Narváez) als unberechenbar und gewalttätig herausstellt. Aber Drogenhandel ist schließlich kein Kindergeburtstag. Da wird selbst die Mutter der Braut, Úrsula (Carmina Martínez mit einer wundervoll ambivalenten Darstellung), zur pragmatischen Geschäftsfrau. Es ist allerdings schwer, in einer Welt, die von Kugeln und weniger von Regeln und Moral bestimmt wird, die Tradition des Volkes beizubehalten. Und wie das Geschäft größer wird, vergrößern sich auch die Probleme, bis die Situation schließlich eskaliert. „Birds of Passage – Das grüne Gold der Wayuu“ (den Zusatz hätte es echt nicht gebraucht) beginnt durchaus gemächlich, weiß aber mit jedem neuen Kapitel, das Tempo anzuziehen. Und die Gewaltspirale beginnt sich zu drehen. Begleitet ist diese Fahrt ins dunkle Herz des Drogenhandels von wunderschönen, surrealistisch anmutenden Bildern. Optisch kommt der Film nicht ganz an Ciro Guerras Vorgänger-Film „Der Schamane und die Schlange“ (nominiert für einen Oscar als bester fremdsprachiger Film) heran, bietet aber durchaus genug fürs Auge. Hier wird wortwörtlich in Schönheit gestorben, was die Gewalt nicht weniger drastisch macht. Überhaupt interessant: Die Gewalthandlung selbst wird oft nur indirekt gezeigt, die Auswirkungen der Gewalt hingegen dann jedoch klar und deutlich. In dieser Hinsicht erinnert der Film an Lynne Ramsays großartiges You Were Never Really Here aus dem Vorjahr, auch wenn „Birds of Passage“ weniger konsequent ist. Ein weiterer spannender Aspekt des Films ist, dass er sich weniger auf den Drogenhandel selbst konzentriert (der für Rapayet nur ein Mittel zum Zweck ist), sondern vielmehr auf die Auswirkungen dieser modernen, kriminellen Welt auf das Wertesystem der Wayuu. Und die sehen gar nicht gut aus. Der Film dafür schon. Daher gibt es eine klare Empfehlung von mir – allerdings mit dem Warnhinweis, dass man für die erste halbe Stunde schon Geduld aufbringen muss, da es der Film zu Beginn wirklich sehr gemütlich angeht.


7,5
von 10 Kürbissen

(Foto: Polyfilm Verleih)

Graduation (2016)

Regie: Cristian Mungiu
Original-Titel: Bacalaureat
Erscheinungsjahr: 2016
Genre: Drama, Krimi
IMDB-Link: Bacalaureat


Cristian Mungiu zählt zu den renommiertesten rumänischen Regisseuren derzeit. Überhaupt passiert cineastisch in den letzten Jahren viel Spannendes in jenem Land, das man sonst in der Regel erst mal mit einem bleichen, spitzzahnigen Grafen mit einem eher ungewöhnlichen Appetit verbindet. Abseits von Gothic Horror präsentiert sich das rumänische Kino aber mit sozialrealistischen und viel diskutierten Beiträgen auf den Filmfestivals und in den Kinos dieser Welt. In Cristian Mungius „Bacalaureat“ geht es um eine Familie in Cluj (Siebenbürgen, womit wir wieder beim gut gekleideten Grafen mit dem Blutdurst wären), der Vater ein anerkannter Arzt, die Tochter kurz vor ihren Abschlussprüfungen und mit einem Stipendium für Cambridge in der Tasche, sofern sie diese Prüfungen nicht versaut, die Mutter depressiv. Am Tag vor der ersten Abschlussprüfung wird das Mädchen auf dem Schulweg von einem Unbekannten angegriffen und beinahe vergewaltigt. Als Folge dessen ist sie verständlicherweise neben der Spur und bringt nicht die für das gute Abschlusszeugnis nötige Leistung bei der Prüfung. Der Vater beschließt, einzugreifen. Wir sind ja schließlich in Rumänien, und auch wenn der Vater versucht, ein aufrechtes und ehrbares Leben zu führen (Dass er eine jüngere Geliebte hat? Na ja, man kann ja trotzdem noch anständig sein. Hüstel) und gegen die Korruption anzukämpfen, wenn es um die eigene Tochter geht, muss man sich solche Dinge wie Ehre und Anstand halt noch mal genau durchdenken. Und so entspinnt sich ein Drama rund um moralische Werte und deren, sagen wir mal, „Flexibilität“, und im großen Ganzen dann auch um die um sich greifende Korruption. Wobei: Nein, korrupt ist hier keiner, alle sind nur freundlich zueinander. Der Film wirft viele wichtige Fragen auf, ist gut gespielt und hat auch eine interessante Story. Dennoch ist er nicht frei von Schwachpunkten. Zum Einen mal wieder die Länge. Die Geschichte hätte man durchwegs kompakter erzählen können. Zum Anderen hatte ich mit dem Film das gleiche Problem wie mit allen rumänischen Filmen, die ich bisher gesehen habe: So dramatisch und einschneidend auch die Ereignisse sind, die Geschichte wird immer sehr distanziert und kühl erzählt, ich werde einfach nicht emotional mitgenommen. Es sind gute, wohl auch wichtige Filme, aber sie bleiben dennoch nicht so richtig hängen bei mir.

 


6,5
von 10 Kürbissen

Thithi (2015)

Regie: Raam Reddy
Original-Titel: Thithi
Erscheinungsjahr: 2015
Genre: Drama, Komödie
IMDB-Link: Thithi


Wegen solchen Filmen liebe ich Filmfestivals. Wann hat man sonst schon die Gelegenheit, ein indisches Familiendrama am Land zu sehen außer beispielsweise auf der Viennale? Dass Netflix diesen Film mittlerweile auch ins Programm aufgenommen hat, ist ein seltener Glücksfall, denn damit war wirklich nicht zu rechnen. Aber worum geht es in „Thithi“? Der 101jährige Dorfälteste hatte gerade noch Zeit, eine unflätige Schimpfkanonade auf jeden, der zufällig seinen Weg kreuzt, abzufeuern, ehe er nach langem und erfülltem Leben dann doch das Zeitliche segnet. Dessen Sohn, selbst schon ein alter Mann, nimmt das gelassen. Er will lieber gemütlich am Feld unter Bäumen sitzen, was rauchen und sich gelegentlich einen Schluck aus seinem Flachmann genehmigen. Blöd nur, dass dessen Sohn wiederum, der Enkel des Verblichenen also, gerade Geldsorgen hat, die ein Verkauf des Familiengrundstücks lösen würde. Nur sein Vater, der eigentliche Erbe, will davon nichts wissen, weil ihn solche profanen weltlichen Dinge einfach nicht mehr interessieren. Was tun? Na ja, mit ein bisschen Geld und Beziehungen und Erfindungsreichtum lassen sich auch in Indien gefälschte Dokumente wie zB ein Totenschein des quietschfidelen Vaters ausstellen. So weit, so gut. Nur muss jetzt der Vater verschwinden, um keinen Verdacht zu erwecken, am besten auf eine ausgedehnte Reise. Er wollte ja eh immer das Land sehen. Weit kommt er allerdings nicht, da er sich kurzerhand einer Gruppe von Schäfern anschließt, die unweit des Dorfes campieren. Beim Thithi für den verstorbenen Ahnen (eine Art Gedenkfest) kommt es zum unvermeidlichen Chaos. „Thithi“ hat alles: Eine kluge, interessante Geschichte, tolle Darsteller, einen spannenden Einblick in eine fremde Welt und eine Unzahl an Schafen, Ziegen und Handys. Trotz aller Fremdheit sind die Themen vertraut: Geldsorgen. Sorgen mit der lieben Verwandtschaft. Erste Liebe (den Urenkel des Toten erwischt es). Und der Versuch, in all dem Chaos immer noch einen Überblick zu behalten, die Fäden des eigenen Lebens zu ziehen. Vielleicht ist „Thithi“ einen Tick zu lang, aber eine lohnenswerte Erfahrung ist er allemal.

 


7,5
von 10 Kürbissen

Almost Famous – Fast berühmt (2000)

Regie: Cameron Crowe
Original-Titel: Almost Famous
Erscheinungsjahr: 2000
Genre: Drama, Komödie, Roadmovie, Musikfilm
IMDB-Link: Almost Famous


Zur Erinnerung: 10 Punkte bekommen nur die absoluten Lieblingsfilme von mir, die sich im Laufe der Jahre auch bei Mehrfachsichtungen bewährt (und dabei vielleicht sogar gewonnen) haben. Cameron Crowes autobiographisch geprägter Film „Almost Famous“ gehört zu diesem kleinen Kreis. Und es ist wirklich egal, in welcher Stimmung ich gerade bin – diesen Film kann ich jederzeit erneut sehen. Vielleicht, weil im Grunde jeder so sein möchte wie der 15jährige William Miller (Patrick Fugit), der mit seiner Lieblingsband auf Tour sein darf, um darüber für ein international renommiertes Magazin zu schreiben. Vielleicht, weil Billy Cudrup als Gitarrist so eine coole Socke ist. Vielleicht, weil ich bei jeder Sichtung ein bisschen in Kate Hudsons Penny Lane verschossen bin. Vielleicht, weil ich beim Elton John-Song „Tiny Dancer“ im Bus immer mitsingen möchte. Vielleicht, weil ich beim Intro des eigens für den Film geschriebenen Songs „Fever Dog“ immer Gänsehaut bekomme. Vielleicht, weil ich, wenn ich „I have to go home“ sage, als Antwort im Grunde auch immer „You are home!“ hören möchte. Vielleicht, weil der Film für mich so perfekt wie kein anderer ein bestimmtes Lebensgefühl vermittelt und eine Sehnsucht nach Freiheit, Abenteuer und Zugehörigkeit. (In dieser Hinsicht ist dem Film das ebenfalls grandiose „Stand by Me – Das Geheimnis eines Sommers“ von Rob Reiner zumindest ähnlich.) „Almost Famous“ ist eine große Filmliebe von mir. Ein Film für alle, die das Gefühl haben, im falschen Jahrzehnt geboren zu sein – und für all jene, die im richtigen Jahrzehnt geboren wurden und sich das Gefühl ihrer Jugend wieder zurückholen möchten.


10
von 10 Kürbissen

Der Erlkönig (1930)

Regie: Marie-Louise Iribe
Original-Titel: Le Roi des Aulnes
Erscheinungsjahr: 1930
Genre: Drama, Fantasy
IMDB-Link: Le Roi des Aulnes


Die Erlkönig-Ballade von Johann Wolfgang von Goethe dürfte noch den meisten aus der Schule bekannt sein. Weniger bekannt ist Marie-Louise Iribes Verfilmung aus den 30er Jahren. Diese galt es auf der DVD-Anthologie „Early Women Filmmakers“ zu entdecken – wie auch schon so manch andere Perle, die sich darauf befindet. (Und ja, das ist jetzt schamlose, aber leider unbezahlte Werbung.) Aber zurück zu Goethes Fiebertraum und dessen filmische Umsetzung durch eine der Pionierinnen der Filmgeschichte. Die Handlung überrascht wohl niemanden, der damals im Deutsch-Unterricht nicht weggedämmert ist, als die Ballade durchgenommen wurde: Ein Mann reitet mit seinem kranken Kind durch die Nacht und den Wald („Wer reitet so spät durch Nacht und Wind?“) und wird dabei vom „Erlkönig“ (dem König der Elfen) verfolgt, der seine Hand nach dem Jungen ausstreckt. Der Vater schenkt den Ängsten seines Sohnes, der die Verfolgung spürt, keinen Glauben. Doch am Morgen, als der Mann erschöpft das Dorf erreicht, ist das Kind tot, der Erlkönig hat es sich geholt. Die Stimmung, die Marie-Louise Iribe in ihrem Film anlegt, ist dementsprechend düster und geheimnisvoll mit Anklängen des frühen Horrorfilms. Der Wald wird hier zu einem weiteren Protagonisten der Handlung. Allein die Bilder sorgen schon dafür, dass man den Film gerne und interessiert sieht. Handwerklich ist das mehr als solide gemacht. Ein Problem hat der Film nur dabei, dass er sich etwas zu sklavisch an die literarische Vorlage hält. Und diese erzählt halt eben nur in acht knappen Strophen davon, dass der Kerl mit seinem Sohn durch den Wald reitet und von dem Erlkönig mit seinen Geistern und Dämonen verfolgt wird. Das bedeutet dann in diesem Fall, dass der Film genau das zeigt. Einen Ritt durch den Wald. Und das eine Stunde lang. Entweder eine weitere Ebene (vielleicht in Form von Marie-Louise Iribes eigener Interpretation) oder eine straffe Kürzung zu einem Kurzfilm hätte dem Film wirklich gut getan. So ist „Le Roi des Aulnes“, wie der französische Originaltitel heißt, zwar für Cineasten von Interesse, aber nicht unbedingt der Film, der einem einfällt, wenn man sich im Freundeskreis am Sonntag mal einen lustigen Filmabend machen möchte.


6,0
von 10 Kürbissen

Papillon (1973)

Regie: Franklin J. Schaffner
Original-Titel: Papillon
Erscheinungsjahr: 1973
Genre: Drama, Biopic
IMDB-Link: Papillon


Müsste man „Papillon“, der Verfilmung von Henri Charrières autobiographischem Roman, ein Motto voranstellen, so könnte dieses lauten: Schlimmer geht’s immer. Denn die Versetzung von Henri Charrière (Steve McQueen) und Louis Dega (Dustin Hoffman) auf die Teufelsinsel, einer Strafkolonie vor der Küste von Französisch-Guyana, ist erst der Beginn einer jahrelangen Marter. Hitze, korrupte und sadistische Aufseher, Mangelernährung, Isolationshaft und schließlich Einkerkerung bei Dunkelheit brechen die Häftlinge physisch wie psychisch. Dass der „Papillon“ (deutsch: Schmetterling) genannte Charrière das alles durchhält, ist nur einem eisernen Überlebens- und Freiheitswillen zu verdanken. Steve McQueen spielt diesen Besessenen mit allem, was er hat. Ständig bewegt sich Charrière am Rande des Wahnsinns und manchmal auch einen Schritt darüber hinaus, aber immer wieder findet er zu sich zurück und zur Motivation, weiterzumachen mit der Hoffnung auf Freiheit, irgendwann und irgendwie – sei es auf einem Seesack durchs offene Meer schwimmend. Eine grandiose Leistung von McQueen, deren man sich nicht entziehen kann. Auch Dustin Hoffman als nerdiger Sidekick überzeugt. Die beiden Männer tragen den Film auch über die opulente Spieldauer von fast 2,5 Stunden. Diese scheint allerdings nicht zur Gänze nötig zu sein, denn der Film krankt ein wenig an einem Problem, zu dem viele autobiographische Erzählungen neigen: Redundanzen und Leerstellen. Das echte Leben ist eben (auch) geprägt von Wiederholungen und Momenten, die dramaturgisch einfach in der Luft hängen. Selbst jene, die an Gott und die göttliche Vorhersehung glauben, tun sich etwas schwer damit, sich den Rauschebart dort oben a la Dalton Trumbo, der das Drehbuch für „Papillon“ geschrieben hat, mit Zigarre im Mundwinkel und Schreibmaschine auf einem Brett in einer Wolkenbadewanne vorzustellen, wie er das Leben von uns Erdwürmlingen in die Erstfassung seines Manuskripts tackert. Was ich damit sagen will: Das Leben kann halt manchmal fad sein. Und vor solchen Momenten ist auch „Papillon“ nicht gefeit, auch wenn er zurecht als Film-Klassiker gilt und über den Großteil seiner Laufzeit wirklich grandios ist. Kürzen hätte man ihn dennoch können.

 


7,5
von 10 Kürbissen

Wir (2019)

Regie: Jordan Peele
Original-Titel: Us
Erscheinungsjahr: 2019
Genre: Thriller, Horror
IMDB-Link: Us


Mit seinem Debütfilm Get Out wurde Jordan Peele schon als neuer Wunderwuzzi gefeiert. Endlich mal jemand, der Horror nicht als eine Aneinanderreihung von Jump-Scares versteht. Sogar einen Oscar für das beste Originaldrehbuch gab es. Darauf lässt sich dann schon mal eine Karriere aufbauen. Sein zweiter Film „Us“ wurde daher mit Spannung erwartet. Eines gleich vorweg: „Us“ ist deutlich geradliniger und ambitionsloser als „Get Out“. Und das muss ja nichts Schlechtes sein. „Us“ ist ein Horrorthriller, der nicht mehr sein möchte, als er ist. Er baut dabei auf eine interessante Prämisse und überzeugende Darsteller/innen. Vor allem Oscar-Preisträgerin Lupita Nyong’o in der Hauptrolle bringt eine sehr gute Leistung. Es gelingt ihr binnen weniger Minuten, ihre Adelaide Wilson als Sympathieträgerin mit dunklen Geheimnissen zu verankern. Über den Inhalt sei an dieser Stelle nicht allzu viel verraten. Nur so viel: Eine Familie auf Urlaub wird eines Tages mit eher ungebetenen Gästen konfrontiert. Der Rest ist gut gemachter Thrill, der weniger aufs Erschrecken setzt, sondern mit anderen dramaturgischen Mitteln Spannung aufbaut. Damit kommt mir der Film durchaus entgegen, denn wenn ich eines an Horrorfilmen nicht mag (weshalb ich auch die meisten Horrorfilme nicht mag), dann sind das Jump-Scares. Ich habe es andernorts schon mal geschrieben: Ich bin halt ein Schisser. Die Sichtung von „Us“ war hingegen ein Vergnügen. Auch der locker eingestreute Humor trägt zur Unterhaltung bei. Die Mischung passt hier einfach. Allerdings hat der Film eine große Schwäche: Irgendwann muss die ganze Chose aufgelöst werden bzw. meint Jordan Peele, die Chose auflösen zu müssen. Und bei dieser Auflösung tun sich dann doch größere Logiklöcher auf. Auch ist die Prämisse zwar nicht uninteressant, aber auch nicht das Feuerwerk an Originalität, das man sich angesichts der spannenden Ausgangslage erhofft hätte. Wie Stephen King, der Meister des Horrors, einst sinngemäß geschrieben hat: Horror ist am Besten, solange das Monster hinter der Tür hockt und man nicht weiß, wie es aussieht. Aber irgendwann muss man die Tür eben öffnen, und sobald man es sieht, verliert das Monster seinen Schrecken.


7,0
von 10 Kürbissen