Oray (2019)

Regie: Mehmet Akif Büyükatalay
Original-Titel: Oray
Erscheinungsjahr: 2019
Genre: Drama
IMDB-Link: Oray


Shit happens. Da kann es schon mal passieren, dass man im Streit mit der geliebten Ehefrau ein falsches Wort sagt. Man kennt das ja. Aber doppelt blöd, wenn man Muslim ist, streng nach den Gesetzen des Islam lebt und dann das Wort „talaq“ ausspricht. Das ist so etwas wie der Joker beim Schluss machen. Denn das heißt: Drei Monate Beziehungspause, du musst von deiner Frau getrennt leben und danach wird entschieden, ob man sich final scheiden lässt. Burcu, Orays Frau, ist modern und weltoffen, hat mit dem Islam jetzt nicht so viel am Hut wie Oray und findet das naturgemäß nicht so witzig, dass ihr Ehemann, so reuig wie er auch ist, nach einem Streit die Koffer packt und von der Kleinstadt Hagen nach Köln zieht. Aber wenn Allah das so will, was soll man da auch groß machen? Oray hat früher öfter schon mal Mist gebaut. Dabei war in der Regel das Eigentum anderer Leute involviert. Im Gefängnis hatte er dann seine Epiphanie. Seitdem ist er streng gläubig und versucht, seine inneren Dämonen mit Hilfe des Islams im Zaum zu halten. Für ihn geht es (scheinbar) um mehr als um seine Ehe: Es geht ihm um den Frieden seiner Seele. Also ab nach Köln. Dort wird erst mal in einer türkisch-deutschen Studenten-WG gepennt, dann findet er mit Hilfe der türkischen Community eine eigene Wohnung. Was diese Gemeinschaft vereint, ist die Hingabe zum Islam. Man trifft sich zum gemeinsamen Beten, Kaffeetrinken und FIFA Soccer-Spielen. Es sind allesamt junge Männer im Alter von 20 bis 30, die sich in dieser Gemeinschaft versammeln. Alle sind ein bisschen orientierungslos, und der Islam hilft ihnen dabei, Halt zu finden und an ihrer eigenen Identität zu basteln. Radikal sind sie nicht, aber als westlicher Zuseher wundert man sich manchmal schon ein wenig über diese Kritiklosigkeit, mit der Regeln wie jene des „talaq“ angenommen und gelebt werden. Und dann denkt man plötzlich an das Läuten von Kirchenglocken am Sonntag um 9 Uhr in der Früh, an die Beichte, nach der alles wieder gut ist, an das Kruzifix, das man noch aus der eigenen Schulklasse kannte – und ja, irgendwie ist das unterm Strich alles immer dasselbe, nur die äußere Form unterscheidet sich. So ist „Oray“ des Deutschtürken Mehmet Akif Büyükatalay ein Film, über den man sehr viel über Religiosität, Spiritualität und die konkreten Auswirkungen dieser Konzepte auf das Leben auf einer sehr allgemeinen Ebene nachsinnen kann. Und nebenbei erfährt man viel über die türkische Gemeinschaft in Deutschland (was sich sicherlich auf Österreich und andere Länder übertragen lässt). Allerdings braucht man für den Film etwas Geduld, denn gelegentlich plätschert die Handlung ein wenig vor sich hin. Und er spart die Sicht der Frau fast komplett aus. Was wirklich schade ist und Abzüge in der B-Note bringt.


6,0
von 10 Kürbissen

(Foto: CROSSING EUROPE Filmfestival)

Laika (2017)

Regie: Aurel Klimt
Original-Titel: Lajka
Erscheinungsjahr: 2017
Genre: Animation, Musical
IMDB-Link: Lajka


Aurel Klimts „Laika“ ist der Film, auf den ich mich im Vorfeld des Crossing Europe Festivals am meisten gefreut habe: Ein Stop-Motion-Musicalfilm über die Hündin Laika, das erste Lebewesen im Weltall. Traurigerweise ist die reale Laika wenige Stunden nach dem Start der Rakete, die sie ins Weltall geschossen hat, verstorben – vermutlich aufgrund des Stresses. Aurel Klimt erzählt die Geschichte ein wenig anders. Denn in seinem Film wird Laika durch ein schwarzes Loch in eine fremde Galaxie gesogen, wo sie auf einem fantastisch anmutenden Planeten neue Freunde trifft – und sich alten Widersachern stellen muss. Aurel Klimt ist mit diesem Film ein kleines Wunderwerk gelungen. Ich habe ja ein Herz für Stop-Motion-Animationsfilme. Die sind so eine gewaltige Fitzelarbeit, und nur wenige Filmemacher tun sich das wirklich an. Im Ergebnis sieht man das Herzblut, das da hineingesteckt wurde, jedoch immer, ob nun in Wes Anderson großartigen Tier-Abenteuern oder bei Charlie Kaufmans „Anomalisa“, um nur zwei Regisseure zu nennen, die auf diesem Gebiet Meisterwerke geschaffen haben. Aurel Klimt muss sich dahinter aber nicht im geringsten verstecken. So bunt, so ideenreich, so herzerfrischend anders und mit so viel lakonischem Humor erzählt ist sein „Laika“, dass jede Minute Freude macht. Ich wünschte nur, ich wäre nicht in der Spätvorstellung um 23 Uhr gesessen, denn ausgeschlafen und fit hätte ich den Film noch mehr genießen können. Aber das wird hoffentlich noch nachgeholt. In der Zwischenzeit singe ich den Titelsong vor mich hin und schunkele dazu mit: „Lai lai lai lai lai Laika, lai lai Laika!“


8,0
von 10 Kürbissen

(Foto: CROSSING EUROPE Filmfestival)

The Days to Come (2019)

Regie: Carlos Marques-Marcet
Original-Titel: Els dies que vindran
Erscheinungsjahr: 2019
Genre: Liebesfilm
IMDB-Link: Els dies que vindran


Dass ein Film davon erzählt, wie sich eine Schwangerschaft auf die Beziehung auswirkt und die werdenden Eltern dazu zwingt, sich damit auseinanderzusetzen, wer sie sind und was sie im Leben wollen, ist nicht unbedingt ein neues Thema. In dieser Konsequenz umgesetzt wie in Carlos Marques-Marcets „The Days to Come“ hat man es aber vielleicht noch nie. Als Kinopublikum ist man bei der Schwangerschaft und gleich bei zwei Geburten wirklich dabei. Hierin besitzt der Film dokumentarische Qualitäten. Carlos Marques-Marcet heuerte für „The Days to Come“ kurzerhand ein befreundetes Pärchen an, das tatsächlich ein Kind erwartete. Wie viel von den realen Konflikten in das Drehbuch schließlich einfloss, bleibt wohl ein Geheimnis, aber eines ist klar: Authentischer kann an einen Spielfilm eigentlich gar nicht drehen. Dass der Film aber dennoch einem klaren roten Faden folgt und dramaturgisch interessant aufgebaut ist, verdankt er wiederum der Strukturierung durch Carlos Marques-Marcet, der dann am Ende doch die Zügel fest in der Hand hielt. Das Resultat ist eine banale Geschichte, wie man sie dutzendfach im eigenen Umfeld erleben kann im Laufe des Lebens, die aber dank der gut aufspielenden Hauptdarsteller und eben des ungeschönten Blicks, den Carlos Marques-Marcet auf die Beziehung wirft, von Anfang bis Ende spannend bleibt. Die Frage ist weniger, ob das Paar die Probleme, die sich auftun, lösen kann, sondern wie, und wie viel davon einfach geschieht, weil sich die Perspektiven im Leben ändern und man durch die Elternschaft gewissermaßen neu adjustiert wird, was den persönlichen Fokus betrifft. In dieser Hinsicht ist „The Days to Come“ absolut gelungen. Dass vielleicht der eine oder andere dramaturgische Höhepunkt fehlt, ist für den Anspruch der Authentizität bewusst in Kauf genommen worden. Aber auch so ist „The Days to Come“ ein sehr sehenswerter Film geworden.


7,0
von 10 Kürbissen

(Foto: CROSSING EUROPE Filmfestival)

Das melancholische Mädchen (2019)

Regie: Susanne Heinrich
Original-Titel: Das melancholische Mädchen
Erscheinungsjahr: 2019
Genre: Experimentalfilm, Komödie, Episodenfilm
IMDB-Link: Das melancholische Mädchen


Es gibt Dinge, die einfach nicht zusammenpassen. Vegetarier und Schlachthäuser zum Beispiel. Oder Marillenlikör und Schweinsbraten. FPÖ-Politiker und die Menschenrechtskonvention. Mario Barth und Humor. Wiener und Tiroler. Und: Der Filmkürbis und nach Brecht’schen Stilmitteln verfremdete Essayfilme. Das musste ich bereits mit den Filmen von Helma Sanders-Brahms feststellen, die im Übrigen in Susanne Heinrichs Spielfilmdebüt „Das melancholische Mädchen“ auch erwähnt wird. Darin stolpert ein junges, melancholisches Mädchen (Marie Rathscheck mit wirklich wunderbar traurigen Augen) durch verschiedene Episoden, die allesamt vereint, dass das Mädchen auf der Suche nach einem Bett für eine Nacht ist und dabei mit ihren männlichen Gesprächs- (und teilweise) Bett-Gefährten kritische Gedanken über Feminismus und Neoliberalismus austauscht. Bekannte Sätze wie „Der Körper einer Frau ist ein Kriegsgebiet“ fallen. Vorgetragen wird alles stark verfremdet, ausdruckslos und abgehakt. Susanne Heinrich war es wichtig, wie sie im anschließenden (sehr interessanten) Q&A beschrieb, dass die Schauspielerinnen und Schauspieler auf alles vergessen sollten, was man üblicherweise an Schauspielschulen so lernt. Sie sollten jede Verbindung zu ihren Figuren kappen und stattdessen die Sätze nach Brecht’schem Vorbild rezitieren. So weit, so gut. Ich mag es ja prinzipiell, wenn man beim Film die klare Sprache und Intention der Regisseurin erkennt. Nur mag ich abstrakte Brecht’sche Deklamation von intellektuellen Problemstellungen, die damit „in your face“ geschmissen werden und sich auf diese Weise dem Publikum gegenüber erhöhen, noch weniger als ich eine klare, identifizierbare Filmsprache mag. Das ist nun blöd für den Film und die Bewertung. Aber ehrlich. Für alle Helma Sanders-Brahms-Fans wird dieser Film ein Genuss sein, da kann ich auf jeden Fall eine Empfehlung aussprechen. Wer aber Wert auf konventionelles Storytelling legt (was Susanne Heinrich für sich und ihre Filme ablehnt – was ja auch wiederum voll okay ist) und wer gelegentlich bei einer Komödie auch mal lachen möchte, sitzt hier im falschen Film.


2,5
von 10 Kürbissen

(Foto: CROSSING EUROPE Filmfestival)

Bait (2019)

Regie: Mark Jenkin
Original-Titel: Bait
Erscheinungsjahr: 2019
Genre: Drama
IMDB-Link: Bait


Man merkt Mark Jenkin an, dass er aus einem Fischerdorf kommt. So rau wie die See ist auch sein Film „Bait“, der auf 16mm in körnigem Schwarz-Weiß gedreht und von Jenkin per Hand entwickelt wurde. Der Ton wurde zur Gänze synchronisiert, was Jenkin erlaubte, ein interessantes Sounddesign zu entwickeln, in dem Stille eine ebenso große Rolle spielt wie der Sound selbst. Auch (repetitive) Close-Ups sind ein Stilmittel, zu dem Jenkin gerne greift. Zugegeben, es dauert eine Weile, bis man sich zurechtfindet in diesem Film. Denn zunächst ist man erst mal von der Machart fasziniert und damit ein wenig abgelenkt vom Inhalt. Die Geschichte selbst nimmt sich auch Zeit. Erzählt wird von Fischer Martin (Edward Rowe) und dessen Bruder Steven (Giles King), die in einem kleinen Dorf an der Küste Cornwalls kommen. Nach dem Tod des Vaters hat Steven den Kutter übernommen und fährt damit nun reiche Touristen die Küste entlang. Martin versucht, sein Leben noch wie früher als Fischer zu leben, nur was ist schon ein Fischer ohne Boot? Dazu kommen Konflikte mit den Dauergästen, die den Sommer in Cornwall verbringen und sich selbst als die eigentliche Community des Dorfes fühlen. Man spürt: Dieser Martin ist eine Figur, die viele Emotionen mit sich herumträgt, diese aber nicht zeigen kann oder will. Wie auch im Meer spielt sich das Relevante unter der Oberfläche ab. Mark Jenkins archaische Art, Filme zu drehen, passt hervorragend zu diesem griesgrämigen Fischer, der irgendwie den Kontakt zu allem verloren hat: zu seiner Familie, seiner Vergangenheit, seinem Lebenssinn, und dennoch stur weitermacht, einfach, weil es keine Alternative dazu gibt. „Bait“ ist damit ein fast schon existentialistisches Drama, das mit Mitteln der Entfremdung den Blick auf das Wesen des Menschen lenkt.


8,0
von 10 Kürbissen

(Foto: CROSSING EUROPE Filmfestival)

Hungary 2018 (2018)

Regie: Eszter Hajdú
Original-Titel: Hungary 2018
Erscheinungsjahr: 2018
Genre: Dokumentation
IMDB-Link: Hungary 2018


„We’re fucked.“ So lautete das Fazit der Interview-Führerin nach dem Q&A mit Eszter Hajdú und Sándor Mester, die 2018 den Wahlkampf des ehemaligen ungarischen Premierministers und nunmehrigen Oppositionsführer Ferenc Gyurcsány begleitet hatten. Das Ergebnis ist bekannt: Die regierende Fidesz-Partei von Viktor Orbán landete einen Erdrutschsieg und zementierte Orbán noch fester im Sessel der Macht. Das „We’re fucked“ bezog sich auf die Einschätzung, die die beiden Filmmacher und Gyurcsány in „Hungary 2018“ treffen: Das war vielleicht die letzte Möglichkeit, Orbán mit demokratischen Mitteln aus dem Sessel zu hieven. Denn was der Film schonungslos und für wirklich jeden verständlich aufzeigt, ist, wie die Regierung über die Kontrolle der Medien und eine ganz klar abgestimmte (Des)Informationsstrategie die Bevölkerung in eine Art Psychose stürzt, in der Angst und Hass die Pfeiler für Wahlergebnisse wie eben jenes von 2018 sind. Wozu braucht man eine Diktatur, wenn man absolute Machtansprüche auch mit den Instrumenten der Demokratie realisieren kann? Für Orbán und seine Fidesz genügt es, der Bevölkerung über die von der Partei kontrollierten Medien (und das sind 90% aller ungarischen Medien) immer wieder mit rhetorisch einfachsten Mitteln die Trinität des Bösen zu präsentieren: Die Einwanderer. George Soros. Die EU. Damit ist in Orbáns Welt alles erklärt, und es wird nichts in Frage gestellt. An einem Punkt meint ein hochrangiger Fidesz-Minister zum Auditorium: „Ich kann mit Ihnen sofort nach Paris fahren und einen ganzen Nachmittag durch die Stadt gehen. Wir werden keinen einzigen Weißen auf der Straße sehen.“ Und die Bevölkerung? Sie glaubt diesen Lügen. Denn wenn alle Medien das Gleiche berichten, dann wird es wohl stimmen, oder? „Hungary 2018“ zeigt auf, wie eine Diktatur funktioniert. Gyurcsánys Kampf um eine Umkehr von diesem Irrsinn ist ehrlich geführt, aber hoffnungslos. Denn wie eine Wahl gewinnen, wenn man von der Bevölkerung nicht wahrgenommen wird außer auf den Plakaten der Gegenseite, wo man zum ultimativ Bösen und Verräter stilisiert wird? „Hungary 2018“ zeigt auch, wie „Austria 2022“ sein kann. Lassen wir das nicht zu. Denn sonst sind wir fucked.

Für den Film, um noch mal eine Bewertung einzubringen, vergebe ich 7 Punkte und keine noch höhere Wertung, da er sich vielleicht ein wenig zu sehr auf Gyurcsány konzentriert und die (mit Sicherheit hochinteressanten) Stimmen des Wahlvolks dabei zwar nicht ausklammert, aber nicht so zur Geltung bringt. Gerade die Stimmen von Fidesz-Wählern hätten mich aber auch sehr interessiert. Wie denken Menschen, die eine solche Gehirnwäsche erfahren haben? Und wo könnte man bei ihnen vielleicht ansetzen? Das sind dringliche Fragen unserer heutigen Zeit, die der Film dann leider nicht wirklich berücksichtigt – bzw. angesichts der schwierigen Verhältnisse bei der Produktion (so wollten einige Crew-Mitglieder namentlich im Abspann nicht genannt werden aus Angst vor Repressalien durch das Orbán-Regime) nicht berücksichtigen kann.


7,0
von 10 Kürbissen

(Foto: CROSSING EUROPE Filmfestival)

Sons of Denmark (2019)

Regie: Ulaa Salim
Original-Titel: Danmarks sønner
Erscheinungsjahr: 2019
Genre: Drama, Krimi, Thriller
IMDB-Link: Danmarks sønner


Der Auftakt zu meinem diesjährigen Crossing Europe Filmfestival-Besuch in Linz beginnt mit einem Knall. Eine Bombe geht hoch. 23 Menschen sterben. Die Täter? Islamisten. Die Lösung: Die Gründung einer neuen rechten Partei, die damit wirbt, alle Ausländer aus dem Land zu werfen. Auch wenn Ulaa Salims Polit-Thriller „Sons of Denmark“ sechs Jahre in der Zukunft angesiedelt ist, ist der Schrecken, der sich auf der Leinwand entfaltet, nur allzu gegenwärtig. Man merkt: Da hat sich einer Gedanken darüber gemacht, wie wenig per Stand heute noch fehlt, um eine Gesellschaft zu radikalisieren. Denn der Terror spielt sich erst einmal im Kleinen ab. Vor den Häusern muslimischer Mitbürger werden blutige Schweinsköpfe abgelegt, und die Wände werden mit ausländerfeindlichen Parolen beschmiert. Im Fernsehen ist es plötzlich in Ordnung, wenn der Spitzenkandidat der rechten Partei davon spricht, bei gewalttätigen Handlungen, die von Ausländern begangen werden, ohne groß zu fackeln Gegengewalt anzuwenden. Und die Polizei, die zuvor noch die Reihen der rechtsradikalen Gruppierung „Söhne Dänemarks“ infiltriert hat, mit der der Spitzenkandidat natürlich nichts zu tun haben möchte (Kommt euch das bekannt vor?), stellt plötzlich die Ermittlungen ein, um sich wieder dem islamischen Terror zuzuwenden. Der laut Insider Malik (Zaki Youssef) nicht mehr existent ist. Denn die Bedrohung kommt vielmehr von militanten, radikalen blonden Dänen, die das neue Klima nutzen, um Jagd auf Immigranten zu machen. Ulaa Salim, der selbst einen irakischen Hintergrund aufweist, erzählt das alles sehr subtil. Zu Beginn vielleicht sogar etwas zu subtil, denn der Fokus der Geschichte bleibt ganz klar auf dem Persönlichen – zunächst auf dem 19jährigen Zakaria (Mohammed Ismael Mohammed), der zu Beginn der Geschichte radikalisiert wird, dann auf Malik. Die Kamera hängt dabei stets über der Schulter, der Blick ist dementsprechend beengt. Die großen gesellschaftlichen Veränderungen werden damit erst nach und nach sichtbar, und auch sie werden nur punktuell im persönlichen Lebensumfeld der Protagonisten gezeigt. Vielleicht hätte man noch etwas mehr aus dem Thema herausholen können, wenn der Fokus etwas weiter gefasst worden wäre. Die Botschaft ist dennoch klar. Das Jahr 2025 ist näher als man denkt.


6,5
von 10 Kürbissen

(Foto: CROSSING EUROPE Filmfestival)

Avengers: Endgame (2019)

Regie: Anthony und Joe Russo
Original-Titel: Avengers: Endgame
Erscheinungsjahr: 2019
Genre: Action, Fantasy, Science Fiction
IMDB-Link: Avengers: Endgame


Thanos hat es nicht leicht. Da arbeitet er sein Leben lang hin auf die Erfüllung seines Lebenssinns, dann kann er sich endlich in die wohlverdiente Pension begeben und  sich an hübschen Pflanzen erfreuen – doch was geschieht? Kaum hat er sich zur Ruhe gesetzt, stehen diese Avengers-Grätzen von der Erde wieder auf der Matte. So wird aus dem Ruhestand ein Unruhestand, und drei Stunden lang dürfen wir nun zusehen, wie sich Gut und Böse oder das, was wir dafür halten, in einem Endspiel um die Goldene Ananas verhauen. Denn dass man mit einem Fingerschnippen einfach die Hälfte aller Lebewesen ausradiert und danach Radieschen züchtet, das kann nicht sein, das darf nicht sein. „Avengers: Endgame“ ist das große, epische Finale von nicht weniger als 22 Filmen des Marvel Cinematic Universe. Dass man einem solch hohen Anspruch, den das sich hysterisch um Kinokarten prügelnde Publikum stellt, gerecht wird, ist schon eine schwierige Aufgabe. Für viele, darunter auch mich, hat diese Reise vor über 10 Jahren begonnen. Und nun geht man den letzten Weg mit den Heldinnen und Helden, die einem im Laufe der Jahre unweigerlich ans Herz gewachsen ist. Es ist so wie damals auf den letzten Metern, ehe ein verdammter Goldring in einen Feuerschlund im Schicksalsberg geworfen wurde. Nur dass man dieses Mal nicht nach drei Filmen an diesen Punkt gekommen ist, sondern nach fast zwei Dutzend. Das Involvement ist also bei dem Einen oder Anderen noch höher. Und wie viel hätte man hier falsch machen können. Wenn sich Filmemacher hinsetzen und am Reißbrett etwas entwerfen, das noch epischer, noch großartiger, noch actionreicher, noch erhabener werden soll als alles bisher Gedrehte, dann kommt dabei oft ein grandioser Murks heraus. Denn größer ist nicht immer besser. Doch genau das muss man nun den Machern der letzten beiden Avengers-Filme anrechnen: Natürlich wussten sie um die übergroße Erwartungshaltung. Und natürlich bedienen sie in ihrem Film die Gelüste des nach einer letzten großen Schlacht gierenden Publikums. Aber sie verlieren dabei nie die Charaktere und die Entwicklung, die diese über die besagten 22 Filme hinweg nehmen, aus den Augen. Und sie entfernen sich manches Mal ein gutes Stück von dem Erwartbaren. Man kann sich nie sicher sein, was in „Avengers: Endgame“ passiert. Und das tut dem Film sehr gut. Diese drei Stunden sind gewinnbringend investiert. Diese große Fantasy-Saga unserer Zeit findet mit diesem Film einen würdigen, kurzweiligen und spannenden Abschluss. Am Ende darf Zeit für Wehmut und die eine oder andere Träne sein. Denn eine lange Reise geht hier wirklich zu Ende.


8,5
von 10 Kürbissen

Ein Gauner & Gentleman (2018)

Regie: David Lowery
Original-Titel: The Old Man & the Gun
Erscheinungsjahr: 2018
Genre: Krimi, Komödie
IMDB-Link: The Old Man & the Gun


Mit der Anhebung des Pensionsantrittsalter ist es so eine Sache. Prinzipiell natürlich richtig, dass wir bei gesteigerter Lebenserwartung auch länger einzahlen. Dass man aber wie der Redford Bertl bis 82 hackeln muss, ist dann jedoch ein ziemlicher Härtefall. Der Bertl hat es aber wie der Gentleman genommen, der er ist, und seine wohl endgültig letzte Kinorolle mit einem charmanten Lächeln auf den Lippen veredelt. Gelernt ist gelernt. Und so darf er in David Lowerys 80er-Hommage noch mal zeigen, weshalb ihm ein halbes Jahrhundert lang die Frauenherzen zugeflogen sind. Ganz ehrlich: Eine bessere Abschluss-Rolle als jene des Gentleman-Gauners, der höflich und gewaltfrei Banken ausraubt, hätte es für ihn nicht geben können. Tatkräftig zur Seite stehen ihm dabei Danny Glover und Tom Waits, die ihrerseits auch schon langsam über den Ruhestand nachdenken dürfen. Sissy Spacek spielt den Love Interest, Casey Affleck den (grundsympathischen) Gegenspieler. In diesem Film ist selbst das Schlechte der Welt (und Banküberfälle zähle ich ehrlicherweise dazu) irgendwie gut. Wohlfühlkino eben. Das Erzähltempo ist extrem reduziert, und es braucht auch eine Weile, um sich darauf einzustellen. Überhaupt ist alles an diesem Film gedrosselt – das Tempo, die Schnittfolge, das Schauspiel selbst, die Dialoge. Was vielleicht nicht jedem gleichermaßen zusagt, folgt aber David Lowerys System. Denn der Film spielt Anfang der 80er. Und David Lowery ist bei der Umsetzung enorm konsequent. Es reicht ihm nicht aus, die Sets mit hübschen Requisiten aus jener Zeit vollzustopfen und den Protagonisten lustige Frisuren und Bärte zu verpassen. Nein, „The Old Man & the Gun“ lebt und atmet das Jahrzehnt, das er verkörpert. Das Bild ist körnig, die Farben weisen gelegentlich einen leichten Rotstich auf, und dazu passt eben auch das langsame Tempo, dazu gehören die unspektakulären, vor sich hinplätschernden Dialoge. Der Film will nicht 80er-Jahre sein, er ist 80er-Jahre. Nach dem grandiosen Mid90s von Jonah Hill der zweite Film, den ich innerhalb kürzester Zeit gesehen habe, der sein Jahrzehnt so völlig absorbiert. Allerdings ist „The Old Man & the Gun“ zwar gut umgesetzt, die Story aber tatsächlich nicht unbedingt mitreißend, sodass die Spuren, die er hinterlässt, wohl nicht allzu tief ausfallen werden. Als Robert Redfords Abschied vom Schauspiel passt er aber perfekt. Mach’s gut in der Pension, Bertl. Und wenn dir fad sein sollte, kannst du gern mal in Wien vorbeischauen, und wir gehen auf eine Melange. In Ordnung?


6,0
von 10 Kürbissen

Mid90s (2018)

Regie: Jonah Hill
Original-Titel: Mid90s
Erscheinungsjahr: 2018
Genre: Drama, Komödie
IMDB-Link: Mid90s


Der Freund, der mit mir im Kino war, drückte es nach dem Abspann wohl am besten aus. Mit einem fassungslosen Grinsen meinte er: „Wie haben wir die 90er bloß überlebt?“ Und ja, wenn man Jonah Hills Regie-Debüt Glauben schenken kann, war das eine echt verrückte Zeit. Die 90er waren ein Jahrzehnt, indem plötzlich alles möglich war – und nichts. Man konnte in Flanellhemden zum Rock-Idol werden. Auf Skateboards die Welt erobern. Sich die Zeit mit Videospielen vertreiben. Gleichzeitig war die Zeit aber auch geprägt von einer Ratlosigkeit, was die Zukunft betraf. Von einer immer weiter auseinanderklaffenden Schere zwischen den Habenden und den Nicht-Habenden. Zwischen den Coolen und Uncoolen. Plötzlich war es wichtig, welche Kleidung man trug, welches Board man fuhr, welche Musik man hörte. Darüber wurde Zugehörigkeit definiert, und Außenstehende gnadenlos abgegrenzt. Jonah Hill hat einen brillanten Film über genau das gedreht: Zugehörigkeit, Anerkennung, Freundschaft, die Suche nach einer Zukunft. „Mid90s“ ist warmherzig, und obwohl er den Zuseher, der in dieser Zeit aufgewachsen ist, in eine nostalgische Stimmung versetzt, beschönigt er nichts. „Mid90s“ könnte auch eine Dokumentation über jugendliche Skater sein. Es passiert nicht viel, aber man spürt, wie hier etwas zusammenwächst und sich etwas entwickelt. Im Mittelpunkt steht der von Sunny Suljic großartig verkörperte Stevie, der sich einer Gruppe von Jugendlichen anschließt. Freundschaften wie Feindschaften entstehen fast beiläufig. Das Aufwachsen ist kein mühsamer Akt, sondern geschieht organisch. Erfahrungen werden gemacht. Man stürzt, steht wieder auf, fährt weiter. Nicht alles ist dabei gut und hilfreich, aber es gehört alles dazu. Selten habe ich einen Film gesehen, der sich so natürlich und ungekünstelt anfühlt, der sich nicht (auch nicht subtil) darum bemüht, eine Botschaft an die Zuseher zu bringen, und gerade dadurch Essentielles vom Leben vermittelt. Dabei ist „Mid90s“ auch auf einem erstaunlich hohen handwerklichen Niveau angesiedelt. Die Art und Weise, wie die Geschichte erzählt wird, mit Aussparungen, mit raffinierten, aber nie aufdringlichen Schnitten, mit dem immer auf den Punkt gebrachten Einbau des Soundtracks, das alles zeugt von großem Können. Überhaupt der Soundtrack: Neben erwartbaren Songs aus den 90ern (die allerdings allesamt aus der Nische kommen, selbst von Nirvana wurde nichts Offensichtliches genommen, sondern ein Song von ihrem Unplugged Live-Album) steuern Trent Reznor (der Nine Inch Nails-Mastermind) und sein kongenialer Partner Atticus Ross den vielleicht besten Original-Soundtrack des Jahres bei, der genau die oben angesprochenen Themen des Films auch akustisch erfahrbar macht. Bei „Mid90s“ wirkt einfach alles wie aus einem Guss. Ich bin schwer verliebt in diesen Film. Die Bewertung könnte sogar noch weiter steigen.


9,0
von 10 Kürbissen