10 Cloverfield Lane (2016)

Regie: Dan Trachtenberg
Original-Titel: 10 Cloverfield Lane
Erscheinungsjahr: 2016
Genre: Thriller, Horror, Science Fiction
IMDB-Link: 10 Cloverfield Lane


Eine junge Frau (Mary Elizabeth Winstead). Ein junger Mann (John Gallagher Jr.). Ein Gastgeber (John Goodman). Eine nette, gemütliche Wohnung mit einer Jukebox, jede Menge Gesellschaftsspiele, Puzzles – so kann man die Zeit verbringen. Muss man auch, denn nach Ansicht von Howard (Goodman) ist die Erde aktuell nach einer Attacke nicht bewohnbar. Die Wohnung befindet sich daher in einem Bunker unter der Erde. Und während Emmett (Gallagher Jr.) freiwillig die Gastfreundschaft von Howard angenommen hat, ist Michelle (Winstead) nicht aus freien Stücken hier. Und sie zweifelt an Howards Aussagen über die Luftqualität da draußen. „10 Cloverfield Lane“ baut sehr lose auf dem Horror-Sci Fi-Film „Cloverfield“ von Matt Reeves auf, geht aber komplett eigene Wege, indem er als Kammerspiel-Thriller inszeniert ist. Die Besetzung besteht so gut wie ausschließlich aus den drei genannten Darstellern, und 90 Prozent des Films spielen in der Bunkerwohnung. Als Zuseher darf man mit Michelle fröhlich mitraten, ob sie nun in die Fänge eines Psychopathen geraten ist oder Howard tatsächlich Recht hat und da draußen seltsame Dinge vor sich gehen. Lange lässt der Film diese Frage unbeantwortet. Daraus bezieht er seine Spannung. Wie befriedigend man nun das tatsächliche Ende empfindet, bleibt den persönlichen Präferenzen überlassen – ich selbst fand es gut und stimmig. Aber das ist wohl jener Aspekt des Films, an dem sich die Geister am meisten scheiden. Am besten macht man sich selbst ein Bild und bildet sich sein Urteil.


7,0
von 10 Kürbissen

(Bildzitat: Quelle imdb.com)

Liebe braucht keine Ferien (2006)

Regie: Nancy Meyers
Original-Titel: The Holiday
Erscheinungsjahr: 2006
Genre: Rom-Com, Weihnachtsfilm
IMDB-Link: The Holiday


Wir müssen über Jack Black reden. Ich mag ihn. Er ist witzig, selbstironisch, ein großartiger Musiker, war toll in „School of Rock“, passte überraschend gut in Peter Jacksons „King Kong“, und das Re-Boot von „Jumanji“ wäre ohne ihn auch nur halb so lustig. Aber was zum Geier dachten sich die Casting-Agenten von „Liebe braucht keine Ferien“, als sie ihn als Love Interest von Kate Winslet besetzten? Mir tut der Mann ehrlich leid. Er bemüht sich nach Kräften, aber er ist eben der lustige Kumpel-Typ, und nicht jener, der von den heißesten Frauen des Universums angeschmachtet werden. Dazu wird er von der unfassbar talentierten Kate Winslet gnadenlos an die Wand gespielt. Und genau deshalb funktioniert „Liebe braucht keine Ferien“ von Nancy Meyers nur bedingt. Rundum gut sind sie Szenen mit Cameron Diaz und Jude Law, die wirklich eine gute Chemie miteinander haben. Die amerikanische Schnepfe, die im britischen Landhaus den charismatischen Dandy verfällt, der sich in weiterer Folge als überraschend facettenreich herausstellt, wird von Diaz gut verkörpert, das ist stimmig. Über Kate Winslet, die Britin, die mit der Amerikanerin über die Weihnachtsferien Häuser getauscht hat und nun in L.A. zwischen Musikproduzenten und gefeierten Drehbuchautoren ein bisschen quirky britishness einbringt, muss man ohnehin nicht viele Worte verlieren. Ich halte sie für eine der talentiertesten Schauspielerinnen überhaupt – sie kann einfach nicht schlecht spielen. Bleibt also Jack Black. Und da donnert’s die Bewertung für den an sich sympathischen, witzigen und größtenteils gelungenen Film um mindestens einen ganzen Kürbis, wenn nicht mehr, nach unten. Jack Blacks Auftritt hat seiner Karriere zum Glück nicht groß geschadet. Dem Film aber schon.


6,0
von 10 Kürbissen

(Bildzitat: Quelle imdb.com)

Tatsächlich … Liebe (2003)

Regie: Richard Curtis
Original-Titel: Love, Actually
Erscheinungsjahr: 2003
Genre: Episodenfilm, Komödie, Liebesfilm, Weihnachtsfilm
IMDB-Link: Love, Actually


Da kommt er wieder durch, der Romantiker in mir. Der zweitschönste Weihnachtsfilm nach Stirb Langsam ist ein warmherziger und humorvoller Episodenfilm mit einer legendären Besetzung (Emma Thompson! Liam Neeson! Hugh Grant! Bill Nighy! Keira Knightley! Colin Firth! Alan Rickman! Laura Linney! Martine McCutcheon! Martin Freeman!) – da bleiben selbst Granden und Promis wie Billy Bob Thornton, Rowan Atkinson, Elisha Cuthbert, Claudia Schiffer, Denise Richards, Shannon Elizabeth und Chiwetel Ejiofor nur kleinste Nebenrollen und Cameo-Auftritte. Kurz gesagt: Alles, was kurz nach der Jahrtausendwende talentiert und angesagt war, wurde in diesen Film gepackt. Und die Rechnung geht auf. Zwar sind nicht alle Episoden zwingend oder wirklich überzeugend (den Handlungsstrang mit dem Vollidioten, der sein Glück in den USA versuchen möchte, fand ich immer doof, und was Alan Rickmans Charakter an Heike Makatsch fand, erschloss sich mir auch nie), aber in den besten Momenten ist „Tatsächlich … Liebe“ schlicht das Referenzwerk für romantische Komödien. Da steckt so viel Herzblut und Charme und Witz drinnen, und alle Darstellerinnen und Darsteller hatten sichtlich Spaß mit ihren Rollen. Ganz groß ist die Geschichte rund um den gehörnten Schriftsteller Jamie (Colin Firth), der in Frankreich sämtliche Sprachbarrieren überwindet. Und mein persönliches Traumpaar ist Hugh Grant als britischer Premierminister (den er so anlegt, wie er jede Figur anlegt: verpeilt, charmant und ein bisschen neben der Spur, aber genau so funktioniert die Figur auch wunderbar) und Martine McCutcheon als dessen unglaublich süße Assistentin, die kein Blatt vor den Mund nimmt. Die Chemie zwischen den beiden ist überragend. Schade, dass es für McCutcheon mit der Rolle nicht zum großen Karrieresprung gereicht hat, aber dafür war sie vielleicht auch ein Stück zu speziell, zu britisch. Überhaupt ist „Tatsächlich … Liebe“ nach Monty Python vielleicht das Britischste seit der Erfindung von Baked Beans. Und seit über 15 Jahren gehört er zu Weihnachten wie ein schwitzender, blutender Bruce Willis im Aufzugschacht. Was soll ich sagen? Traditionen und Kulturgüter muss man pflegen.


8,5
von 10 Kürbissen

(Bildzitat: Quelle imdb.com)

The Purple Rose of Cairo (1985)

Regie: Woody Allen
Original-Titel: The Purple Rose of Cairo
Erscheinungsjahr: 1985
Genre: Komödie, Fantasy, Liebesfilm
IMDB-Link: The Purple Rose of Cairo


Wenn das Leben nicht so glatt läuft, flüchtet man gerne in die Welt der Filme und des Kinos. Aber was, wenn das Kino in die Realität flüchtet? Was John McTiernan in Last Action Hero als Actionkino genussvoll zelebriert hat, lotete Woody Allen auf seine unnachahmlich spleenige Weise schon acht Jahre zuvor in „The Purple Rose of Cairo“ aus. Hier flüchtet zunächst die ungeliebte Ehefrau und Kellnerin Cecilia (Mia Farrow) ins Kino, ehe die Nebenfigur, der Abenteurer Tom Baxter (ein junger Jeff Daniels), genug davon hat, immer die gleichen Zeilen aufzusagen und sich einfach von der Leinwand davonstiehlt ins reale Leben – sehr zur Überraschung seiner Mitfiguren (u.a. Edward Herrmann), die ohne ihn nicht weiterkommen im Plot. Und während Kinobesucher wie Leinwandfiguren fadisiert darauf warten, wie es nun endlich weitergeht, fangen Tom Baxter und Cecilia eine zarte und filmreife Romanze an. Blöd nur, dass das weder im Sinne der Studiobosse ist, die unrühmliche Klagen befürchten, noch in jenem von Tom Baxter-Darsteller Gil Shepherd (natürlich ebenfalls Jeff Daniels). Im darauf folgenden Tohuwabohu verschwimmen Fiktion und Realität – ein Thema, das Woody Allen immer wieder in seinen Filmen beschäftigt. „The Purple Rose of Cairo“ gehört definitiv zu den gelungenen Woody Allen-Filmen und macht trotz der tragischen Situation der Hauptfigur unheimlich viel Spaß. Zwar sieht man dem Film sein Alter mittlerweile an, aber ein guter Plot ist ein guter Plot, daran ist nicht zu rütteln. Und auch wenn der Film – wie für Woody Allen – von einer entspannten Leichtigkeit getragen wird, so geht er nie den einfachsten Weg, sondern hat immer auch ein Auge auf die Nöte der Realität, deren Wege in der Regel leider anders verlaufen als im Film.


7,5
von 10 Kürbissen

(Filmzitat: Quelle imdb.com)

Interview mit einem Vampir (1994)

Regie: Neil Jordan
Original-Titel: Interview with the Vampire: The Vampire Chronicles
Erscheinungsjahr: 1994
Genre: Horror, Drama
IMDB-Link: Interview with the Vampire: The Vampire Chronicles


Zwei Emos mit wallender Mähne frönen dem Hedonismus und dem Saft des Lebens, lachen sich eine 11jährige an und werden älter, als ihnen gut tut. Das ist „Interview mit einem Vampir“, das Referenzwerk für emotional gestörte Vampire, ehe diese zu glitzern lernten. Doch anders als in der Twilight-Serie geht es hier tatsächlich auch mal zur Sache. Diese Vampire beißen zu. Tom Cruise und Brad Pitt geben dabei ein kongeniales Duo ab, das die Mädchenherzen der in den frühen 80ern Geborenen höherschlagen lässt, während die 11jährige Kirsten Dunst eine erste grandiose Talentprobe aufs Parkett legt. Antonio Banderas und Stephen Rea dürfen auch die spitzen Beißerchen zeigen, und Christian Slater ist der arme Tropf, der sich die ganze Story anhören darf. Und die ist lang, denn immerhin beginnt sie im späten 18. Jahrhundert und zieht sich bis in die Jetztzeit. Und die Geschichte fühlt sich auch so lang an. Kaum zu glauben, dass der Film gerade mal zwei Stunden dauert. Aber das langsame Erzähltempo, die vielen vielsagenden Blicke bei Kerzenschein, diese viktorianische Opulenz, die sich durch den Film zieht, erfordern durchaus etwas Sitzfleisch vom geneigten Publikum. Dieses bringt man allerdings gerne auf, denn der Film ist auch heute noch, 25 Jahre nach seinem Entstehen, wunderschön anzusehen. Vielleicht haben die damals schockierenden Horrorszenen heute nicht mehr die gleiche Wucht, vielleicht sind die gut geföhnten Mähnen heute nicht mehr zeitgemäß, und Brad Pitt mag heute ein interessanterer und besserer Schauspieler sein als damals, aber der Film funktioniert dennoch. Vampire glitzern halt einfach nicht. Schreibt euch das hinter die Ohren.


7,0
von 10 Kürbissen

(Bildzitat: Photo by Warner Bros./Getty Images – © 2012 Getty Images, Quelle imdb.com)

Plan 9 aus dem Weltall (1959)

Regie: Ed Wood
Original-Titel: Plan 9 from Outer Space
Erscheinungsjahr: 1959
Genre: Science Fiction, Horror
IMDB-Link: Plan 9 from Outer Space


Orson Welles. Ingmar Bergman. Federico Fellini. Stanley Kubrick. Steven Spielberg. Fritz Lang. John Hughes. Akira Kurosawa. Martin Scorsese. John Ford. Keine Frage – all diese Regisseure haben ihre Fußstapfen in der Filmgeschichte hinterlassen, doch keiner dieser Gräben war so tief wie jener von Ed Wood. Der Mann hatte Visionen, wie sie die stärksten Drogen für gewöhnlich nicht hervorbringen können. Zur großen Freude aller Film-Aficionados fand er tatsächlich Wege, diese auf die Leinwand zu bringen. Unter einem verantwortungsvollen Produzenten hätte dies ja gar nicht passieren dürfen, aber Ed Wood war ein Wunderwuzzi, der nicht nur seine eigenen Filme schrieb und drehte, sondern eben auch finanzierte und produzierte. So fand er beispielsweise Geldgeber in einer Baptistengemeinde, denen er als Folgeprojekt einen religiösen Film versprach, weshalb sich alle Crewmitglieder kurzfristig taufen lassen mussten, um die Geldgeber zufrieden zu stellen. Nur deshalb kann man heute das Meisterwerk „Plan 9 from Outer Space“ bewundern. Und was wäre die Filmgeschichte ohne dieses konfuse, irre, völlig planlose und miserabel gedrehte Stück Kino? Der absolute Tiefpunkt in Bela Lugosis Filmkarriere, in dem sich Tag und Nacht abwechseln wie Geschlechtskrankheiten bei einem Gangbang, trägt völlig zurecht den Titel als schlechtester Film aller Zeiten (um den er im Übrigen mit „The Room“ von Tommy Wiseau rittert – ein ewiger Streitpunkt unter Cinephilen, der in diesem Jahrhundert wohl nicht mehr beigelegt werden kann). Wirklich alles an diesem Film ist komplett missglückt. Die Dialoge machen keinen Sinn, die Handlung ist völlig durch den Wind, die Darsteller sind so schlecht, dass es fast schon wieder gut ist, und jeder einzelne technische Aspekt des Films ist so amateurhaft umgesetzt, dass man schon Absicht dahinter vermuten muss. Das Irre daran: Ed Wood war von seinem Werk überzeugt und sah sich auf einer Stufe mit Orson Welles. Einzug in die Filmgeschichte hat er jedenfalls gehalten, also Hut ab vor diesem Mann und seinen Ambitionen. Ein Kürbis für den Film, zwei zusätzlich für die unfreiwillige, trashige Komik. Ein Werk, das man als Filmliebhaber mal gesehen haben sollte. So sehr konnte ich einen 3-Kürbisse-Film noch nie zuvor empfehlen.


3,0
von 10 Kürbissen

(Bildzitat: Quelle imdb.com)

Casablanca (1942)

Regie: Michael Curtiz
Original-Titel: Casablanca
Erscheinungsjahr: 1942
Genre: Drama, Liebesfilm, Thriller
IMDB-Link: Casablanca


„Here’s looking at you, kid!“ Eines der berühmtesten Filmzitate aller Zeiten. Bogey sieht der Bergman tief in die Augen, sie schmilzt sichtlich dahin, dann kommt staubtrocken dieser Spruch und Millionen Herzen entschweben auf rosaroten Wölkchen. Dabei war Humphrey Bogart gar nicht mal so ein fescher Kampel. Er war eher der Typ Buchhalter/Alltagstrinker. Aber hey, wenn man solche Sprüche aufsagen kann, ohne mit den Mundwinkeln zu zucken, hat das unbestritten Qualität. Und so verwundert es dann doch wieder nicht, dass Humphrey Bogart einer der größten Filmstars seiner Zeit war und dass „Casablanca“ von Michael Curtiz als einer der relevantesten Filmklassiker aller Zeiten gilt. Und ganz ehrlich: Der Film ist perfekt. Der Plot ist im  Grunde recht simpel, aber überzeugend konstruiert. Als McGuffin dienen zwei Ausreisepapiere, die der windige Ugarte (Peter Lorre) vor seiner Verhaftung in der Bar des neutralen (bis opportunistischen) Rick (Humphrey Bogart) versteckt. Mit diesen Papieren kommt man aus Casablanca heraus, um über Lissabon vor den Wirren des Weltkrieges in die Staaten zu flüchten. Der aus dem KZ geflohene Widerstandskämpfer Victor László (Paul Henreid) und dessen Gattin Ilsa (Ingrid Bergman), die eine Vergangenheit mit Rick in Paris teilt, haben naturgemäß Interesse daran, an die Papiere zu kommen, um vor den Deutschen (verkörpert durch den von Conrad Veidt gespielten Major Strasser) und dessen französischem Erfüllungsgehilfen Capitaine Renault (Claude Rains) zu flüchten. Kein einfaches Unterfangen, denn im Schmelztiegel von Casablanca und vor allem in Ricks Bar verschieben sich Allianzen und Machtverhältnisse nahezu stündlich. Und Rick muss sich entscheiden, auf welche Seite er sich schlägt.

„Casablanca“ ist zeitlos. Der Film ist dermaßen gut geschrieben, dass gleich sechs Zitate den Einzug in die Liste der 100 berühmtesten Filmzitate aller Zeiten geschafft haben. Dazu kommen geniale Kameraeinstellungen, die kammerspielartige Ausstattung (der Großteil der Handlung spielt in Ricks Bar), der großartige Claude Rains als zynischer Capitaine Renault, die Chemie zwischen Bogart und Bergman, die bis in die kleinsten Nebenrollen großartig besetzten Schauspieler, die witzigen Dialoge (beispielhaft das ältere deutsche Paar, das in die USA ausreisen möchte und daher nur noch Englisch spricht: „Liebchen … äh … Darling, what watch?“ – „Ten watch!“ – „Ah, such watch!“), das alles ist zum Niederknien. Ein Film für die Ewigkeit. Wer ihn noch nicht kennt: Unbedingt nachholen. Weil: „I think this is the beginning of a beautiful friendship.“


9,5
von 10 Kürbissen

(Bildzitat: Photo by Michael Ochs Archives, Quelle: imdb.com)

 

Meine Filme des Jahres 2019

Und schon wieder ist ein Jahr vorbei. Ich hoffe, ihr seid alle gut ins Jahr 2020 gekommen. Bevor es im neuen Jahr aber weitergeht mit vitaminreichen Kürbis-Kritiken, ist es an der Zeit für den alljährlichen Jahresrückblick. 219 Filme habe ich 2019 gesichtet, davon 204 neue und 15, die ich schon gekannt habe. Damit bin ich doch ein gutes Stück hinter 2018 zurück, aber das hatte auch sehr erfreuliche Gründe. Bei den Kinobesuchen (inkl. Festivals) hingegen konnte ich an 2018 nahezu anschließen (137 Kinobesuche vs. 143 Kinobesuche). Für die Auswahl meiner Top30 Filme des Jahres habe ich mich wieder auf jene beschränkt, die ich 2019 im Kino (ob regulär oder auf einem Festival) gesehen habe, ergänzt dieses Jahr um Produktionen aus den Jahren 2018 und 2019, die auf Streaminganbietern (v.a. Netflix) herausgekommen sind und die ich 2019 gesehen habe. Streaming wird eine immer größere Sache, und mittlerweile gibt es sehr viele hochwertige Filme, die nahezu ausschließlich auf Netflix & Co. verfügbar sind – „The Irishman“ von Martin Scorsese ist so ein Fall. Die möchte ich nicht ausschließen aus meinem Jahres-Best of.

Und das sind sie nun, meine Top30 Filme des Jahres 2019:

    1. Mid90s (von Jonah Hill) – 9,0 Kürbisse
      Wohl eine kleine Überraschung auf dem ersten Platz. Aber Jonah Hills Coming of Age-Geschichte rund um einen Skateboard fahrenden Teenager hat mich so berührt wie kaum ein anderer Film in diesem Jahr. Der Film ist perfekt in seiner Darstellung der 90er, die Schauspieler sind hochgradig sympathisch, der Soundtrack authentisch und passend. Für mich eine der positivsten Überraschungen der letzten Kinojahre.
    2. Joker (von Todd Phillips) – 9,0 Kürbisse
      Im Gegensatz zu „Mid90s“ konnte man mit diesem Film so weit vorne rechnen. Einer der eindrucksvollsten Filme des Jahres, der zurecht auf vielen Jahres-Bestenlisten ganz vorne liegt. Joaquin Phoenix wird sich für diese fulminante Leistung hoffentlich den längst überfälligen Oscar abholen. Aber der Film besteht nicht nur aus Phoenix allein, sondern ist insgesamt klug geschrieben und grandios inszeniert. Ein absolutes Highlight.
    3. Roma (von Alfonso Cuaròn) – 8,5 Kürbisse
      Zwar lief der Film bereits Ende 2018 auf Netflix an, aber da ich ihn erst im Jänner gesehen habe, schummele ich ihn gerne hier rein. Mein persönlicher Oscar-Film des Jahres. Dass Green Book den Preis für den besten Film erhalten hat, ist einer der größeren Fauxpas der jüngeren Oscar-Geschichte. „Roma“ ist sensibel erzählt, überragend gefilmt und authentisch gespielt. Besser können Filme kaum sein.
    4. The Last Black Man in San Francisco (von Joe Talbot) – 8,5 Kürbisse
      Fast hätte ich den Film in Locarno verpasst, den ich hatte den ursprünglich gar nicht auf meiner Liste. Doch dann hatte ich ein Zeitfenster und nichts Anderes zu tun, also setzte ich mich in Joe Talbots Regiedebüt. Eine sehr gute Entscheidung. „The Last Black Man in San Francisco“ ist klug erzähltes und im besten Sinne sentimentales Autorenkino mit Relevanz. Gerne mehr davon!
    5. The Favourite – Intrigen und Irrsinn (von Giorgos Lanthimos) – 8,5 Kürbisse
      Ein weiterer Film, der den Goldjungen für den besten Film deutlich mehr verdient hätte als das nette, aber belanglose Feelgood-Filmchen „Green Book“. Wenigstens durfte sich Olivia Colman verdientermaßen über die Auszeichnung als beste Schauspielerin freuen, aber der Film selbst hätte noch mehr Auszeichnungen verdient. Ein herrlich sarkastisches, genial inszeniertes Stück Intrigenkino, das von der ersten bis zur letzten Minute Spaß macht.
    6. Avengers: Endgame (von Anthony und Joe Russo) – 8,5 Kürbisse
      Ja, ich mag diese Strumpfhosenfilme. Vor allem, wenn sie so ausladend und spannend inszeniert sind wie die Avengers-Filme. Es ist nicht leicht, so einen Allstar-Cast mit einem ganzen Sack voll Handlungsstränge zu führen, aber Anthony und Joe Russo haben diese Aufgabe in „Endgame“ großartig gemeistert. Für mich der beste Action-/Fantasy-Film der letzten Jahre, ein Referenzwerk, was episches Popcornkino betrifft.
    7. Der Leuchtturm (von Robert Eggers) – 8,5 Kürbisse
      Feinster Arthouse-Psychohorror mit zwei grandiosen Darstellern. Robert Pattinson zeigt hier, was in ihm steckt, und hält locker mit Willem Dafoe mit. Man braucht manchmal nicht mehr als einen Leuchtturm am Arsch der Welt, zwei gut aufgelegte Darsteller, ein solides Grundwissen in Mythologie und einen Kameramann, der sein Handwerk versteht. Einer der interessantesten Filme der letzten Jahre. Sperrig, unbequem, rau und auf eine archaische Weise wunderschön.
    8. Once Upon a Time … in Hollywood (von Quentin Tarantino) – 8,5 Kürbisse
      Der neue Film von Quentin Tarantino spaltete die Gemüter. Wahrscheinlich kommt der Film nicht ganz an seine besten Werke heran, aber ich habe mich dennoch großartig unterhalten gefühlt. Leonardo DiCaprio und Brad Pitt sind genial besetzt und spielen um ihr Leben, und das wilde Ende ist ohnehin ein Fest und eine Herkulesaufgabe für das Zwerchfell. Ich bin gespannt, wie sich dieser Film bei der kommenden Oscarverleihung schlagen wird.
    9. Booksmart (von Olivia Wilde) – 8,5 Kürbisse
      Noch eine Überraschung in den Top10, auch für mich. Ich hatte keine allzu großen Erwartungen an Olivia Wildes Regiedebüt, aber die lockere, frische und warmherzige Inszenierung hat mich restlos überzeugt. Vielleicht erfindet „Booksmart“ kein Genre neu, aber der Film hat Witz, Herz und Seele.
    10. Zombieland: Doppelt hält besser (von Ruben Fleischer) – 8,5 Kürbisse
      Hirn ausschalten und Spaß haben. Das ist das Motto von „Zombieland: Doppelt hält besser“, und das Konzept geht auf. Für mich der vielleicht lustigste Film des Jahres, weil er sich einfach gar nichts scheißt, aber vielleicht bin ich auch einfach sehr leicht zu unterhalten.
    11. Leid und Herrlichkeit (von Pedro Almodóvar) – 8,0 Kürbisse
    12. Marriage Story (von Noah Baumbach) – 8,0 Kürbisse
    13. Shoplifters – Familienbande (von Hirokazu Koreeda) – 8,0 Kürbisse
    14. Laika (von Aurel Klimt) – 8,0 Kürbisse
    15. Bait (von Mark Jenkin) – 8,0 Kürbisse
    16. Star Wars: Der Aufstieg Skywalkers (von J.J. Abrams) – 8,0 Kürbisse
    17. Die Kinder der Toten (von Kelly Copper und Pavol Liska) – 8,0 Kürbisse
    18. Porträt einer jungen Frau in Flammen (von Céline Sciamma) – 8,0 Kürbisse
    19. South Terminal (von Rabah Ameur-Zaïmeche) – 8,0 Kürbisse
    20. Colette (von Wash Westmoreland) – 8,0 Kürbisse
    21. Ad Astra – Zu den Sternen (von James Gray) – 8,0 Kürbisse
    22. Diego Maradona (von Asif Kapadia) – 8,0 Kürbisse
    23. Daniel (von Marine Atlan) – 8,0 Kürbisse
    24. Free Solo (von Elizabeth Chai Vasarhelyi und Jimmy Chin) – 7,5 Kürbisse
    25. Capernaum – Stadt der Hoffnung (von Nadine Labaki) – 7,5 Kürbisse
    26. Die zwei Päpste (von Fernando Meirelles) – 7,5 Kürbisse
    27. Girl (von Lukas Dhont) – 7,5 Kürbisse
    28. The Irishman (von Martin Scorsese) – 7,5 Kürbisse
    29. Inland (von Ulli Gladik) – 7,5 Kürbisse
    30. Days of the Bagnold Summer (von Simon Bird) – 7,5 Kürbisse

Und hier noch ehrenvolle Erwähnungen von Filmen, die ebenfalls mit 7,5 Kürbissen bewertet wurden, es aber nicht ganz in die Top30 geschafft haben: Captain Marvel (von Anna Boden und Ryan Fleck), Birds of Passage – Das grüne Gold der Wayuu (von Ciro Guerra und Cristina Gallego), One and a Half Prince (von Ana Lungu), High Life (von Claire Denis), Yesterday (von Danny Boyle) und The Fever (von Maya Da-Rin).

 

Porträt einer jungen Frau in Flammen (2019)

Regie: Céline Sciamma
Original-Titel: Portrait de la jeune fille en feu
Erscheinungsjahr: 2019
Genre: Drama, Liebesfilm
IMDB-Link: Portrait de la jeune fille en feu


An Adèle Haenel kommt man derzeit nicht vorbei. Und das mit gutem Grund. Denn die Französin ist eine der talentiertesten und interessantesten Schauspielerinnen Europas. In Céline Sciammas (und der Preis für den besten Filmtitel 2019 geht *trommelwirbel* an …) „Porträt einer jungen Frau in Flammen“ spielt sie die junge Gräfin Héloïse, die Ende des 18. Jahrhunderts von ihrer Mutter (Valeria Golino) nach dem Freitod ihrer Schwester aus dem Kloster zurückgeordert wird, um sich mit einem reichen Mailänder zu vermählen. Bevor der die junge Frau aber ehelicht, möchte er aber ein Bild von ihr sehen (es wäre ja nicht so blöd, zu wissen, wen man heiratet). Zu diesem Zweck schleust die listige Gräfinmutter die Malerin Marianne (Noémi Merlant) in das Landhaus ein – als Gesellschafterin für ihre Tochter. Nur dass Marianne heimlich Héloïses Porträt anfertigen soll. Langsam kommen sich die beiden jungen Frauen, die beide von den Konventionen ihrer Zeit unterdrückt werden, näher. Und aus neugieriger Zuneigung wird langsam mehr. Céline Sciammas Film ist ein Fest für die Sinne. Einer der schönsten Filme des Jahres – jede Kameraeinstellung ist ein Meisterwerk für sich, die Farben, das Spiel mit Licht und Schatten, das weiche Licht, die sorgsam ausgewählte Ausstattung, die sowohl Schönheit als auch Härte der Zeit, in der der Film spielt, zum Ausdruck bringt, alle Rädchen greifen auf wundersame Weise ineinander. Das alles hätte aber nichts gebracht, wenn die beiden Hauptdarstellerinnen nicht miteinander funktioniert hätten. Aber da sind wir wieder beim einleitenden Satz meiner Rezension. Auf Adèle Haenel ist eben Verlass. Und Noémi Merlant muss man sich wohl auch merken. Denn deren Schauspielkunst steht jener von Haenel in keinem Moment nach. Es ist wunderbar, den (mit Ausnahme von zwei Minirollen) ausschließlich weiblichem Cast (zu den beiden Hauptdarstellerinnen und Valeria Golino kommt noch Luàna Bajrami als Hausmädchen Sophie) dabei zuzusehen, wie die Figuren langsam Vertrauen zueinander aufbauen und dann das Begehren kommt. Unbedingt empfehlenswert!


8,0
von 10 Kürbissen

(Foto: Filmladen Filmverleih)

Somewhere (2010)

Regie: Sofia Coppola
Original-Titel: Somewhere
Erscheinungsjahr: 2010
Genre: Drama
IMDB-Link: Somewhere


Filmstars haben es schwer. Sie ersticken in Geld, müssen protzige Autos fahren, über mehrere Wochen in Luxushotels wohnen, sich mit willigen One-Night-Stands abgeben, Poledancern bei ihrer Arbeit zusehen und die Zeit mit Videospielen und Drogen totschlagen. Filmstars haben es schwer. Denn wenn man alles hat und jeder einem zu Füßen liegt und es keine Herausforderungen und kaum echte zwischenmenschliche Beziehungen gibt, geht die Seele kaputt. Stephen Dorff spielt in Sofia Coppolas „Somewhere“ den Hollywood-Star Johnny Marco, der nichts mit sich selbst und seiner Zeit anzufassen weiß. Bedeutung erhält sein Dasein erst, als er sich um seine zwölfjährige Tochter Cleo (Elle Fanning) kümmern muss. Und davon erzählt Coppola unsentimental, aber mit einem genauen Blick, der auch Subtilitäten einfängt und einfließen lässt. Es passiert nicht viel in „Somewhere“, und der hedonistische Schauspieler hat auch keine groß angelegte Epiphanie. Aber etwas ändert sich. Langsam. Beständig. Ein Mensch findet ins Leben zurück. Einfach, weil es da einen Menschen gibt, der ihn mag und der Zeit mit ihm verbringen möchte. Viel mehr braucht es oft nicht. Und viel mehr braucht es auch nicht für einen gelungenen Film. „Somewhere“ hat vielleicht nicht die Dringlichkeit und Prägnanz von Coppolas Meisterwerk „Lost in Translation“, ist aber thematisch nicht weit weg davon. Beide Filme loten die Annäherung zweier Menschen aus. Hier sind es Vater und Tochter. Und das ist überzeugend geschrieben und gespielt.


6,5
von 10 Kürbissen