Kingsman: The Golden Circle (2017)

Regie: Matthew Vaughn
Original-Titel: Kingsman: The Golden Circle
Erscheinungsjahr: 2017
Genre: Action, Komödie
IMDB-Link: Kingsman: The Golden Circle


2014 erschien „Kingsman: The Secret Service“ von Matthew Vaughn gleich einem Feuerwerk (ähnlich dem, das den Film auf so grandios-absurde Weise beenden sollte). Britischer Vorstadt-Prolet trifft auf Gentleman-Agenten und wird selbst ausgebildet zum Gentleman. Manners maketh man. Colin Firth und Taron Egerton waren ein großartiges Team. Und klar, dass schon bald laut nach einer Fortsetzung gerufen wurde. „Kingsman: The Golden Circle“ folgt nun der Geschichte von Eggsy (Egerton), der am Ende von „Kingsman: The Secret Service“ zum Agenten Galahad befördert wurde, in die nächste Runde. Und natürlich wird es zunächst einmal ungemütlich, als die Drogenimperatorin Poppy (Julianne Moore in einer lolly-bunten Popcornwelt mitten im kambodschanischen Dschungel) das Kingsman-Netz hackt und gleich mal die gesamte Infrastruktur samt Kingsman-Agenten kalt stellt. Eggsy und Computer-Wizard Merlin (Mark Strong, dem im Übrigen der emotionalste Moment des Films gehört) sind auf sich allein gestellt. Glücklicherweise tauchen in der dunkelsten Stunde unvermutet Freunde von überm Teich auf. Und wie alles an dieser Filmreihe ist das US-amerikanische Geheimdienst-Pendant zu den britischen Kingsmen gnadenlos und bis zum Höhepunkt der Karikatur überzeichnet, was zu manch herrlichem Clash of Cultures führt. Überhaupt ist die Überzeichnung das gängige Stilmittel, von dem die Kingsman-Filme leben. Ob nun in den Actionszenen, in der Figurenzeichnung, in der Dramaturgie: Die beiden Kingsman-Filme kennen nur eine Devise: Je mehr und je absurder, desto besser! Das kann man nun mögen, muss man aber nicht. Ich gehöre zu jenen, die einfach eine große Freude daran haben, das innere Kind in mir jubelt, wenn elektrische Lassos die Bösewichter in zwei Hälften zersägen oder Bowlingkugeln ganze Betonwände durchschlagen. Hirn ausschalten und Spaß haben – dafür ist „Kingsman: The Golden Circle“ gemacht. Allerdings bleibt zu bekritteln, dass der Film keine Originalitätspreise gewinnen wird. Im Grunde konzentriert er sich auf das Erfolgsrezept von Teil 1 und versucht dieses, zu kopieren und den Wahnsinn noch mal zu steigern. Die eine oder andere Finesse im Drehbuch hätte dem Film gut getan.


7,0
von 10 Kürbissen

(Foto: 20th Century Fox)

Nine (2009)

Regie: Rob Marshall
Original-Titel: Nine
Erscheinungsjahr: 2009
Genre: Liebesfilm, Musical
IMDB-Link: Nine


Daniel Day-Lewis ist die männliche Meryl Streep. Gewaltig, unantastbar, immer grandios und allein die Ankündigung eines neuen Films geht einher mit einer sicheren Oscar-Nominierung. Dass Meryl Streep 2008 plötzlich auch noch damit anfing, in einem Musical („Mamma Mia“) mitzusingen und zu -tanzen, konnte Daniel Day-Lewis nicht auf sich sitzen lassen und ließ sich für die Musical-Verfilmung „Nine“ von Rob Marshall verpflichten. Darin spielt, singt und tanzt er Guido Contini, einen gefeierten Filmregisseur der 60er Jahre, der aber nun zu Beginn der Produktion seines neuesten Films mit dem großspurigen Titel „Italia“ in einer veritablen Schaffens- und Lebenskrise steckt (Assoziationen zu Fellini kommen nicht von Ungefähr). Was er zu viel in seinem Leben hat: Frauen. (Marion Cotillard. Nicole Kidman. Penélope Cruz. Kate Hudson. Fergie. Judi Dench als mütterliche Kostümschneiderin. La Grande Sophia Loren als tote Mutter. Völlig nachvollziehbar, dass es einem das Oberstübchen da ein bisschen durcheinanderwürfelt zwischen Libido und Mutterkomplexen.) Was er zu wenig hat: Inspiration. Auch die Flucht in einen entlegenen Kurort hilft nicht, denn wenn Guido Contini nicht zum Filmdreh kommt, dann kommt der Filmdreh eben zu ihm. Und im Grunde ist das auch schon die ganze Geschichte. Das ist leider ein bisschen gar wenig, was meine Freude am Spektakel schon mal trübt. Dann: Die Musik. Von einem Musical sollte man eigentlich erwarten, dass zumindest der eine oder andere Song des Soundtracks im Ohr hängenbleibt. Fehlanzeige, jedenfalls bei mir (wobei ich zugeben muss, dass ich kein sonderlich Musical-trainiertes Ohr besitze). In „Nine“ klingen für mich alle Nummern gleich. Sie werden nur von unterschiedlichen Frauen vorgetragen, die sich dazu in enge Kostüme zwängen, die ihre prachtvollen Oberweiten dem Zuseher ins Gesicht drücken, während sie sich lasziv auf Bühnen räkeln (dass auch die Dame Judi Dench davon betroffen ist, erhöht den Fremdschämfaktor zusätzlich) – so ist das zwar (aus männlicher Perspektive) zwar recht ästhetisch anzusehen, aber was soll man sagen angesichts dieser Zurschaustellung sekundärer Geschlechtsmerkmale, die nicht unbedingt was zum Inhalt beitragen? Für einen Unterhaltungsfilm ist es zu viel, für einen Porno zu wenig. Es sieht ein wenig so aus, als wollte sich Rob Marshall mit dem Film einen feuchten Traum erfüllen und wäre gerade mal so im letzten Augenblick von seinen Cuttern auf FSK16 hinuntergebremst worden. Daniel Day-Lewis bemüht sich, seinem Contini so etwas wie Tiefe zu geben, und er ist auch wieder gut in dem, was er tut, auch Penélope Cruz und Marion Cotillard kann man keinen Vorwurf machen, aber die guten schauspielerischen Leistungen und mancher Schauwert retten den Film trotzdem nicht davor, phasenweise peinlich und meistens langweilig zu sein.


4,5
von 10 Kürbissen

Western (2017)

Regie: Valeska Grisebach
Original-Titel: Western
Erscheinungsjahr: 2017
Genre: Drama
IMDB-Link: Western


Die Einsamkeit und das Fremde – das sind zwei Leitmotive aller großer Western. Und diese Motive finden sich auch in Valeska Grisebachs Film „Western“ wieder, der das Westernsujet auf kluge Weise einsetzt, um in ruhigen Bildern die Geschichte eines Trupps deutscher Bauarbeiter zu erzählen, die in der Nähe eines bulgarischen Dorfes ein Wasserkraftwerk bauen soll. Mitten darunter der schweigsame Einzelgänger Meinhard (mit einer unfassbaren Präsenz verkörpert vom Laiendarsteller Meinhard Neumann), ein Mann mit eigenem Moralkodex, auch wenn er kaum zum Helden taugt. Aber er ist es, auf den sich der Film fokussiert, und es ist der stoische Meinhard, der den ersten Kontakt zu den Einheimischen im Dorf aufbaut, der Anschluss findet mit wenigen Worten und Gesten. Man beginnt allmählich, sich zu verstehen, und das auf einer tieferen Ebene, als es durch Worte, durch eine gemeinsame Sprache, möglich wäre. In einer sehr eindrucksvollen Szene sitzen Meinhard und Adrian, sein Vertrauter aus dem Dorf, an einem Abend zusammen und Meinhard beginnt, von seinem verstorbenen Bruder zu erzählen, und auch wenn Adrian kein einziges Wort versteht, spürt er dem Klang und dem Gesichtsausdruck Meinhards nach, begreift, worum es geht („Du erzählst gerade etwas sehr Trauriges“), und die beiden Männer finden auf diese Weise zu einem echten Gespräch, das mehr durch Blicke und Gesten geführt wird, aber in dem alles gesagt und alles verstanden wird. „Western“ erzählt also die Geschichte einer Annäherung, die nicht konfliktfrei ist, wo unterschiedliche Interessen und Lebensweisen und Ansichten aufeinandertreffen, wo aber auch am Ende ein Hoffnungsschimmer aufkeimt, dass das Gemeinsame über dem Trennenden steht, dass es so etwas wie Heimat auch in der Fremde geben kann, dass es etwas universell Menschliches gibt, das uns alle verbindet. Dabei umgeht „Western“ klug sämtliche Fallstricke klischeeinduzierter Erwartungshaltungen. Die Konflikte biegen oft in andere Richtungen ab als erwartet, niemand ist fehlerfrei, es gibt keine Helden und keine Antagonisten, nur Menschen mit unterschiedlichen Persönlichkeiten, und sie zeigen sich manchmal von ihrer guten und manchmal von ihrer schlechten Seite. Meinhard ist da keine Ausnahme. Auch wenn wenig passiert und Vieles nur angedeutet, aber nicht auserzählt wird, so ergibt sich am Ende dennoch ein stimmiges Gesamtbild, und wenn am Ende die Musik läuft und die Leinwand dunkel wird, hat man zumindest für einen kurzen Augenblick das Gefühl, etwas mehr über das Menschsein verstanden zu haben.


8,0
von 10 Kürbissen

(Foto: Stadtkino)

Mother! (2017)

Regie: Darren Aronofsky
Original-Titel: Mother!
Erscheinungsjahr: 2017
Genre: Horror, Thriller
IMDB-Link: Mother!


Subtilität ist Darren Aronofskys Sache nicht. Auch sein neuestes Werk, der Horrorthriller „Mother!“, hämmert ordentlich auf sein Publikum ein. Das ist gespalten. In Venedig gab’s Buhrufe, aber auch Begeisterung. „Mother!“ ist ein Film, der seinem Zuseher ins Gesicht schlägt und auf die Reaktion wartet. Über den Inhalt kann man nicht allzu viel verraten, ohne die persönliche Sichtweise des Films einzubringen und gleichzeitig massiv zu spoilern. Die Eckdaten: Ein erfolgreicher Schriftsteller (Javier Bardem) und seine junge Frau (Jennifer Lawrence) leben in einem viel zu großen, sehr einsamen und leicht gespenstisch anmutenden Haus im Nirgendwo. Der Schriftsteller sucht nach Inspiration, seine Frau renoviert einstweilen das Haus. Dabei hat sie immer wieder seltsame Visionen. Eines Tages steht ein Arzt (Ed Harris, wunderbar undurchschaubar), der das Haus offensichtlich mit einem Bed & Breakfast verwechselt hat, vor der Tür, und kurze Zeit später auch seine Frau (Michelle Pfeiffer – zum Fürchten). Der Schriftsteller bietet den beiden über den Kopf seiner Frau hinweg die Gastfreundschaft an, doch die Frau fühlt sich nicht wohl, und alsbald sollten sich ihre Befürchtungen bestätigen – und mehr. Schon bald läuft alles ziemlich aus dem Ruder. „Mother!“ legt viele Fährten und bedient sich dabei bekannter Horrorsujets. Allerdings ist „Mother!“ kein konventioneller Horrorfilm, da er mit den gängigen Klischees spielt, sie teilweise bricht und teilweise überzeichnet und dadurch ad absurdum führt. Und das ist wohl auch ein Grund, warum der Film so stark polarisiert. Denn wie man ihn wahrnimmt, hängt von der eigenen Erwartungshaltung des Zusehers ab. Als Horrorfilm taugt „Mother!“ wohl tatsächlich nur bedingt, als Psychothriller auch, als philosophischer Diskurs schon gar nicht, aber wenn man den Film nicht allzu ernst nimmt und sich auf den grimmigen, schwarzen Humor seiner Überzeichnungen einlässt, wird man richtig gut unterhalten. Dann heißt es: Fasten your seatbelts – it’s gonna be a bumpy ride!


7,0
von 10 Kürbissen

(Foto: Constantin Film)

Killer’s Bodyguard (2017)

Regie: Patrick Hughes
Original-Titel: The Hitman’s Bodyguard
Erscheinungsjahr: 2017
Genre: Action, Komödie, Roadmovie
IMDB-Link: The Hitman’s Bodyguard


Samuel L. „Motherfucker“ Jackson hat mittlerweile ein Level an Coolness erreicht, an dem er nur noch Samuel L. Jackson spielt, weil cooler als das wird es einfach nicht mehr. Coolness wird heutzutage in Samuel L. Jacksons angegeben. Ein halber Samuel L. Jackson ist schon abartig cool, dreiviertel kaum auszuhalten. In „Killer’s Bodyguard“ (sinnigerweise der deutsche Verleihtitel für „The Hitman’s Bodyguard“) spielt sogar ein ganzer Samuel L. Jackson mit. Und zwar ist er der berühmt-berüchtigte Killer Kincaid, der für seine Taten einsitzt und nun in Den Haag eine Zeugenaussage gegen den weißrussischen Diktator Dukhovich (ein diabolischer Gary Oldman) tätigen soll. Problem: Dukhovich ist davon wenig begeistert, da Kincaids Aussage das Einzige ist, was ihn wirklich hinter Gittern bringen kann. Also muss Kincaid aus dem Weg geräumt werden. Auftritt Ryan Reynolds (als Ryan Reynolds) in der Rolle des hochprofessionellen, aber nach eigenen Maßstäben gescheiterten Bodyguards Michael Bryce, der den Killer sicher von England in die Niederlande bringen soll. Problem 1: Die beiden haben eine gemeinsame Vergangenheit, und zwar auf unterschiedlichen Seiten der Gewehrläufe. Problem 2: Eigentlich tut das Bryce nur seiner alten Flamme (Élodie Yung) zuliebe. Problem 3: Kincaid tut garantiert nicht das, was Bryce will. Und so entspinnt sich eine rasante Action-Buddy-Komödie mit flotten Sprüchen, massiven Explosionen, wilden Schießereien durch halb Europa und einem weiteren Versuch Samuel L. Jacksons, einen neuen Rekord für den Gebrauch des Wortes „motherfucker“ aufzustellen. Eigentlich ist „Killer’s Bodyguard“ nichts Anderes als ein feuchter Bubentraum. Hirn ausschalten und wenn möglich einfach alles in die Luft sprengen. Aber ja, das Ding macht Spaß. Es wurde wohl kein einziger origineller Gedanke in diesen Film hineingesteckt und die Handlung kann man auf einer zu einer Origamifigur gefalteten Papierserviette zusammenfassen, aber hey – setzt Samuel L. Jackson, Ryan Reynolds und einen Haufen Knarren in ein Auto, und das Ding läuft. Popcornkino as Popcornkino can.


6,0
von 10 Kürbissen

(Foto: 20th Century Fox)

Richtung Zukunft durch die Nacht (2002)

Regie: Jörg Kalt
Original-Titel: Richtung Zukunft durch die Nacht
Erscheinungsjahr: 2002
Genre: Drama, Liebesfilm, Fantasy
IMDB-Link: Richtung Zukunft durch die Nacht


„People assume that time is a strict progression of cause to effect, but actually from a non-linear, non-subjective viewpoint – it’s more like a big ball of wibbly wobbly … time-y wimey … stuff.“ Soweit Doctor Who zu diesem Thema. Der 2007 viel zu früh verstorbene Filmemacher Jörg Kalt hatte dazu eine ähnliche Meinung. In „Richtung Zukunft durch die Nacht“ (mit einer österreichischen Best-Of-Besetzung: Simon Schwarz und Kathrin Resetarits in den Hauptrollen, dazu Georg Friedrich und Nicholas Ofczarek in kleinen Rollen) erzählt Kalt die recht simple Geschichte eines Kennenlernens in einer Bar und einer Reise durch die Nacht. Der arbeitslose Vorspeisenkoch Nick (Schwarz) trifft auf die asynchrone Filmstudentin Anna (Resetarits). Asynchron, weil manchmal ihre Worte erst zu hören sind, nachdem sie diese gesprochen hat. Nick kocht für sie, sie erleben absurde Abenteuer, sie verlieben sich ineinander. Doch dann, eine Beziehung ist aus dieser Nacht entstanden, wacht Nick eines Tages auf und während seine Zeit normal vorwärts läuft, läuft sie für alle anderen Menschen in seiner Umgebung rückwärts, auch für Anna. Die Beziehung, schon überschattet von Missverständnissen, entwickelt sich also zurück zu ihrem Ursprung. „Wibbly wobbly time-y wimey stuff“ eben. Und eine sehr erfrischende Idee, denn was sind Beziehungen denn tatsächlich? Wiederholungen bekannter Muster, an deren Anfang und an deren Ende die Einsamkeit, das Alleinsein steht. Das erzählt Jörg Kalt sehr unaufgeregt und in nur etwa einer Stunde Laufzeit. Warum mich „Richtung Zukunft durch die Nacht“ dennoch nicht wirklich mitreißen konnte, liegt neben der manchmal arg verkopften Herangehensweise auch an der sehr reduzierten, amateurhaft wirkenden Ausarbeitung in Bild und Ton. Auch das Schauspiel kommt meiner Meinung nach in seiner Vereinfachung und Reduzierung etwas zu kurz. Man kann es mit der Lakonie auch übertreiben. So ist „Richtung Zukunft durch die Nacht“ ein durchaus interessanter Werkbeitrag zum österreichischen Film mit einer spannenden Idee, aber leider einer schwachen Umsetzung, die dafür sorgt, dass ich hier einen Film der verpassten Möglichkeiten sehe – als wäre der Film eine reine Fingerübung eines Filmstudenten. Aber gut, vielleicht war er ja auch genau das.


5,0
von 10 Kürbissen

(Foto: Polyfilm)

Die beste aller Welten (2017)

Regie: Adrian Goiginger
Original-Titel: Die beste aller Welten
Erscheinungsjahr: 2017
Genre: Drama
IMDB-Link: Die beste aller Welten


Adrian Goiginger erzählt die Geschichte seiner Kindheit in Salzburg. Die drogensüchtige Mutter. Die Freunde, allesamt Junkies, die bis spät in die Nacht in der abgedunkelten Wohnung sitzen, der siebenjährige Adrian mitten unter ihnen, und Bier trinken, Zigaretten rauchen, Lines ziehen und sich hin und wieder was spritzen. Die Gewalt, die immer wieder einmal plötzlich ausbricht. Was nun klingt wie das unverdaulichste Sozialdrama aller Zeiten, entpuppt sich überraschend als zarter Liebesfilm. Es geht um die Liebe zwischen Mutter und Sohn. Um den Versuch, dem Sohn ein behütetes Zuhause zu geben trotz aller Schwierigkeiten, trotz des Dämons der Sucht in der Wohnung. Dieser Dämon wird kraftvoll symbolisiert durch eine zweite, surreale Traumebene des jungen Adrian, in der sich ein wagemutiger Abenteurer einem echten Dämon stellen muss, der in einer Höhle eingesperrt ist, doch die Ketten, die ihn festhalten, zu sprengen drohen. „Die beste aller Welten“ ist unsentimental und ehrlich. Adrian Goiginger wirft einen ungeschönten, nicht verklärten Blick auf seine Kindheit. Er betrachtet sich selbst als Siebenjährigen durch seine damaligen Kinderaugen. Auch die Kamera selbst bleibt oft in Bodennähe, betrachtet das Geschehen und die Abgründe, in die sich die Erwachsenen reißen, von unten, was zum Einen die Machtlosigkeit des Kindes verdeutlicht, aber andererseits eben auch eine andere Perspektive auf die Geschichte andeutet – eben jene, dass das, was „da oben“ geschieht, nicht zwangsweise 1:1 umzulegen ist auf das, was „unten“ beim Kind ankommt. „Die beste aller Welten“ ist eine Geschichte voller Hoffnung in einer fast hoffnungslosen Situation. Zudem ist der Film wirklich grandios gespielt, v.a. von Verena Altenberger, die die Mutter darstellt, und dem Kinderdarsteller Jeremy Miliker, der sehr unaufgeregt agiert – eine wirklich reife Leistung für den Burschen. „Die beste aller Welten“ ist definitiv ein Anwärter auf den besten österreichischen Film des Jahres – ein großartiges, ehrliches und mitreißendes Werk, das bleiben wird.


8,5
von 10 Kürbissen

(Foto: Polyfilm)

Begegnung am Vormittag (1973)

Regie: Clint Eastwood
Original-Titel: Breezy
Erscheinungsjahr: 1973
Genre: Liebesfilm
IMDB-Link: Breezy


Nur wenig ist amerikanischer als Clint Eastwood. Der schweigsame, knurrige Action- und Westernheld, überzeugter Republikaner, wandelndes Testimonial für den 2. Zusatzartikel zur Verfassung der Vereinigten Staaten, eine Filmikone, deren schauspielerisches Schaffen sich über sechs Jahrzehnte erstreckt, und möglicherweise ist er auch unsterblich. Umso überraschender und manchmal in erstaunlichem Gegensatz zu seinen politischen Überzeugungen sind viele seiner Regiearbeiten, wie zB „Gran Torino“, dieses Plädoyer für Menschlichkeit und gegen Fremdenhass, oder auch eine seiner ganz frühen Regiearbeiten „Breezy“ (deutscher Verleihtitel: „Begegnung am Vormittag“). Gedreht Anfang der 70er versprüht der Film den Duft von Flower Power und freier Liebe, lässt allerdings diese ungezwungene, jugendliche Leichtigkeit (die hinreißende Kay Lenz als junge Aussteigerin, die alle Liebe dieser Welt in sich vereint) kollidieren mit dem konservativen Establishment, verkörpert von William Holden als Anzug tragendem und stinkreichem Makler. Es entspinnt sich eine recht vorhersehbare, aber doch charmante Liebesbeziehung zwischen dem lebenslustigen und naiven Hippiemädchen und dem alten, vom Leben und der Liebe gebeutelten Zyniker. Gespielt ist das alles sehr gut und mitreißend, auch viele Dialogzeilen sind gut geschrieben und hallen lange nach. Was man dem Film allerdings schon vorwerfen kann, ist seine Überraschungsfreiheit und die Tatsache, dass im Grunde mal wieder der alte, erfahrene Mann den Takt vorgibt, und das junge Mädchen mal wieder jene Figur ist, die diesem Takt scheinbar bedingungslos folgt. Man versteht auch nicht so ganz, worauf sich diese Liebe, die da entflammt, begründet, was sie also an dem Herrn so großartig und anders findet, dass da eben Liebesgefühle aufkeimen können, aber gut, Märchen sind nicht immer nach logischen Kriterien zu beurteilen, und ein Märchen ist „Breezy“. Ein charmanter Film für einen verregneten Sonntagnachmittag, um das Gemüt zu verbessern. Allerdings kein Film, der schon eine Ahnung auf die kommenden Meisterwerke von Clint Eastwood (wie eben „Gran Torino“, „Erbarmungslos“ oder „Million Dollar Baby“) aufkeimen lässt.


6,0
von 10 Kürbissen

Tulpenfieber (2017)

Regie: Justin Chadwick
Original-Titel: Tulip Fever
Erscheinungsjahr: 2017
Genre: Drama, Historienfilm
IMDB-Link: Tulip Fever


Das Goldene Zeitalter. Goldene Nasen, wohin man schaut – jedenfalls, wenn man mit den richtigen Dingen handelt. Zum Beispiel mit Tulpen. Für einzelne Zwiebeln werden Preise gezahlt, für die man sich im beschaulichen (und sehr dreckigen) Amsterdam des 17. Jahrhunderts stattdessen auch ein hübsches Häuschen mit Grachtenblick leisten könnte. An Tulpen ist der reiche Kaufmann Cornelis Sandvoort (Christoph Waltz) allerdings nicht interessiert. Er hat ein anderes Blümchen zuhause, das er zum Erblühen bringen möchte: Seine junge, einst aus dem Waisenhaus herausgekaufte Frau Sophia (Alicia Vikander). So schön sie auch anzusehen ist, aber etwas fehlt – nämlich der heiß ersehnte männliche Nachkomme. Der Jüngste ist Cornelis ja nicht, und mit seiner ersten Frau ging es schon mal schief – Frau und Kind starben im Kindbett. Blöd nur, dass die holde Gattin Nummer 2 nicht schwanger werden will – trotz aller angestrengten Bemühungen. Na ja, lässt man sich in der Zwischenzeit halt auf einem schönen Doppelporträt verewigen. Nur blöd, dass der Künstler, der dieses anfertigen soll, ein junger, gut aussehender Heißsporn ist (Dane DeHaan). Es entspinnt sich eine kleine Intrige, in die auch die Hausmagd (Holliday Grainger) eine (wortwörtlich) tragende Rolle spielt.

„Tulpenfieber“ von Justin Chadwick nach einem Drehbuch von Tom Stoppard („Shakespeare in Love“) ist im Grunde ein klassisches Hollywood-Historien-Drama. Der Film scheut größere Risiken und erzählt stattdessen routiniert, aber durchaus fesselnd, seine Geschichte rund um Liebes- und Tulpenwahn. Die historische Anekdote des ersten massiven Börsencrashs der Neuzeit ist hierbei Hintergrundkulisse für eine recht klassische und weitgehend überraschungsfreie Dreiecks- bzw. Liebesgeschichte. Dass der Film dennoch gut unterhält, liegt am großartigen Schauspieler-Ensemble (wobei mir Alicia Vikander diesmal ein bisschen zu oft mit aufgerissenen Augen herumläuft – ihre Rolle könnte man auch subtiler spielen), das von einer sinnlichen Holliday Grainger, einem überraschend verletzlichen Christoph Waltz und einem charismatischen Dane DeHaan (diesmal – denn bei „Valerian“ hatte ich ja so meine Probleme mit ihm) getragen wird, unterstützt von hochkarätigen Nebendarstellern wie zB Judi Dench oder Zach Galifianakis. Auch die großartige, detailreiche Kulisse ist hervorzuheben. Man riecht förmlich den Gestank der Gassen und des schmutzigen Wassers – bzw. könnte es hierfür ein wenig nach Oscar-Nominierung riechen. In Summe kein Meisterwerk, dafür ist die Geschichte zu eindimensional aufgebaut und manche Dialogzeilen sind doch recht banal, aber, wie gesagt, für Unterhaltung ist dennoch gesorgt.


6,5
von 10 Kürbissen

(Foto: Thimfilm)

Endstation Sehnsucht (1951)

Regie: Elia Kazan
Original-Titel: A Streetcar Named Desire
Erscheinungsjahr: 1951
Genre: Drama
IMDB-Link: A Streetcar Named Desire


Tennessee Williams war schon ein Guter. Nicht weniger als 22 Filme, die auf seinen literarischen Vorlagen beruhen, zählt Wikipedia auf. Einer der bekanntesten darunter ist „Endstation Sehnsucht“ mit Vivien Leigh und einem unglaublich jungen und muskulösen Marlon Brando. Die Geschichte ist rasch erzählt: Die leicht verwirrte und offenbar traumatisierte Lehrerin Blanche fährt nach New Orleans, um ihre Schwester Stella zu besuchen, die sie seit Jahren nicht gesehen hat. Stella hat mittlerweile geheiratet, den ungehobelten Rabauken Stanley Kowalski, und ist von ihm schwanger. Blanche und Stanley sind sich von Beginn an nicht grün, und als Stanley vermutet, dass Blanche durch den Verlust des alten Hauses der Schwestern ihn und Stella über den Tisch ziehen möchte, eskaliert die Geschichte, zumal sich Blanche nicht wirklich in die Karten schauen lässt. Irgendwas stimmt mit der nervösen, anhänglichen und verträumten Frau nicht. Im engen Raum der winzigen Wohnung der Kowalskis entspinnt sich ein Drama rund um unerfüllte Sehnsüchte und Träume und falsche Entscheidungen. Vivien Leigh ist zum Niederknien, doch auch der Rest des Casts muss sich nicht verstecken. „Endstation Sehnsucht“ ist brillant geschrieben und gespielt. Den Niedergang der Protagonisten, ihre Wut und ihre Sehnsüchte und ihre Ängste auf einem Silbertablett im gleißenden Licht präsentiert zu bekommen, ist oft kein einfaches Unterfangen und tut weh, aber gerade das, diese schonungslose Ehrlichkeit mit den Figuren, macht „Endstation Sehnsucht“ zu einem zeitlosen und auch heute noch aufwühlenden Stück Kino. Zurecht ein Klassiker.


8,0
von 10 Kürbissen