Last Flag Flying (2017)

Regie: Richard Linklater
Original-Titel: Last Flag Flying
Erscheinungsjahr: 2017
Genre: Drama, Roadmovie, Komödie
IMDB-Link: Last Flag Flying


Dezember 2003. Der zurückhaltende „Doc“ Larry Shepherd (Steve Carell) taucht in Sal Nealons (Bryan Cranston) Bar auf. Die beiden kennen sich aus Vietnam, waren dort Freunde und haben gemeinsam gekämpft. Der Grund für dieses Zusammentreffen nach Jahrzehnten ist aber ein trauriger. Nachdem Doc seine Frau an Krebs verloren hat, wurde sein einziger Sohn in Vietnam erschossen. Nun bittet Doc seinen alten Gefährten – und auch einen weiteren Freund von damals, Richard Mueller (Laurence Fishburne), der in der Zwischenzeit zu Gott gefunden hat und Pastor einer kleinen Gemeinde ist – ihn zu begleiten und den Leichnam seines Sohns in Empfang zu nehmen und zu beerdigen. Da Doc allerdings ein ziviles Begräbnis für seinen Sohn wünscht und kein Ehrenbegräbnis am Militär-Friedhof von Arlington, wie es eigentlich vorgesehen wäre, wird die Fahrt bald zu einer Überführung des toten Sohnes in die Heimat – mit diversen Hindernissen. Auf dem Weg kommen sich die alten Gefährten, die sich fremd geworden sind, wieder näher, und gemeinsam reflektieren sie über die Vergangenheit und auch die Frage von Schuld und Unschuld – Themen, die angesichts des toten Jungen wieder präsent werden.

Linklaters „Last Flag Flying“ ist die meiste Zeit über eine stille, pietätvolle Dramödie, wobei Bryan Cranston als trinkfreudiger Lebemann Sal für die humorvollen Momente sorgt, während sich im Gesicht von Steve Carell (unglaublich gut und meiner Meinung nach Oscar-würdig) das Drama abspielt. Laurence Fishburne steht zwischen den beiden Polen. Diesem Trio mit der gemeinsamen Geschichte sieht man sehr gerne zu, und wie eigentlich immer bei Linklater ist der Blick auf die Figuren ein sehr ehrlicher. Allerdings kann man das Grundthema des Films selbst, diesen ganze Ehren- und Patriotismuszeug, nur mit einem anthropologischen Blick betrachten. Zu fremd ist mir dieses „Sterben für das Heimatland“-Thema, als dass ich dazu einen Bezug aufbauen könnte. Dabei bezieht der Film durchaus an der einen oder anderen Stelle eine kritische Position, wenn nach dem Sinn des Vergeudens von Leben gefragt wird und man darauf keine Antwort findet – nur hält der Film diese Haltung leider nicht bis zum Schluss durch. Insofern ist „Last Flag Flying“ ein zutiefst amerikanischer Film, der dort wohl auch besser funktionieren wird als hier bei uns. Erfreuen kann man sich aber an den großartigen Darstellerleistungen.


6,5
von 10 Kürbissen

Mein Stern (2001)

Regie: Valeska Grisebach
Original-Titel: Mein Stern
Erscheinungsjahr: 2001
Genre: Drama, Liebesfilm
IMDB-Link: Mein Stern


Auf Valeska Grisebach bin ich zuletzt aufmerksam geworden dank ihres grandiosen Films „Western„, der bei uns in Wien im November einen Kinostart bekommt. Dass die Viennale im Rahmen einer Werkschau ihre drei Filme zeigt, hat es mir ermöglicht, ihren Debütfilm „Mein Stern“ zu sichten, ihre Abschlussarbeit im Rahmen des Studiums an der Filmakademie in Wien. Und auch wenn man dem Film sein geringes Budget anmerkt und eben auch, dass die Regisseurin erst ganz am Anfang ihrer Karriere stand, so zeigt „Mein Stern“ schon ganz besondere Qualitäten, die ich auch in „Western“ bewundert habe. Die Story ist wirklich simpel und spielt in Berlin. Die 14jährige Nicole verliebt sich in den gleichaltrigen Christopher, genannt „Schöpsi“. Die beiden erleben eine Beziehung mit Höhen und Tiefen – und entwickeln sich damit weiter aus ihrer Kindheit heraus in Richtung Erwachsenenleben. Dabei sind sie zum Teil sehr unbeholfen. Ihre Emotionen finden oft keinen anderen Ausdruck als in ihren Gesichtern, wenn sie sich fragend, hoffend, fassungslos ansehen, unfähig, die Gefühle, die gerade aus ihrem Brustkorb drängen, in Worte zu kleiden. Gleichzeitig brennt bei beiden der Wunsch nach Zusammengehörigkeit, nach Vertrautheit, nach der großen Liebe. Grisebach findet dafür einen sehr authentischen Zugang, und geht als Regisseurin völlig auf in dem Umfeld, das sie zeigt. (Ähnliches ist mir auch bei „Western“ positiv aufgefallen: Grisebach zeigt die einsame Welt der Bauarbeiter auf eine ehrliche und empathische und so real anmutende Weise, dass man als Zuseher vergisst, dass der Film nicht von einem wortkarten, 50jährigen Bauarbeiter gedreht wurde. Auf ihre Weise ist Grisebach damit ein Gegenpol zu den von mir ebenfalls heiß geliebten Coen-Brüdern, deren Filmen man immer eine typische Coen’sche Haltung oder ihren Humor entnehmen kann, die Filme verweisen also auf ihre Macher, während Grisebach selbst völlig zurücktritt und unsichtbar wird.) „Mein Stern“ und „Western“ weisen zudem Parallelen auf in der Art und Weise, wie Kommunikation die Erfüllung des Zugehörigkeitswunsches erschwert. Bei „Western“ sind es Sprachbarrieren, die den Aufbau von Vertrautheit verkomplizieren, bei „Mein Stern“ ist es mangelnde Gesprächserfahrung der jungen Figuren, die auf Phrasen, die sie irgendwo einmal aufgeschnappt haben, zurückgreifen müssen – oder eben gänzlich verstummen. So zeigt sich auch schon beim Debütfilm das Thema, das Grisebach auch 16 Jahre später noch beschäftigen soll. Und die Umsetzung des Themas ist auch schon beim Debütfilm mehr als gelungen. Ab jetzt bin ich endgültig Grisebach-Fan.


7,0
von 10 Kürbissen

Marvin (2017)

Regie: Anne Fontaine
Original-Titel: Marvin
Erscheinungsjahr: 2017
Genre: Drama
IMDB-Link: Marvin


(Disclaimer: Beim Betrachten dieses Films hatte der Rezensent nach einer Nacht (bzw. einem Vormittag) mit nur drei Stunden Schlaf und der Tatsache, dass es sich beim Screening von Anne Fontaines „Marvin“ um den bereits dritten Film des Tages, und das um 21 Uhr abends, handelte, ziemlich mit der Müdigkeit zu kämpfen und hat daher wahrscheinlich trotz durchgängig offener Augen die eine oder andere Untertitel-Zeile schlicht verpasst. Diese Review ist also unter erschwerten Bedingungen zustande gekommen. #DieViennaleFordertIhreOpfer)

Marvin kommt aus einem kleinen französischen Dorf und hat heftig zu kämpfen – mit den homophoben Mitschülern, die ihn als verweichlicht betrachten und ihn daher heftig mobben, mit den Eltern, einfache Menschen, die ebenfalls mit ihren Vorurteilen nicht hinterm Berg halten, mit den Geschwistern, die ihn in den Hintergrund drängen. Im Schauspielkurs seiner Schule findet er eine Insel, auf der er diese ganzen Sorgen ein Stück weit loslassen kann. Später als junger Mann besucht er die Schauspielschule in Paris, freundet sich mit anderen Künstlern an, trifft auf Isabelle Huppert, gewinnt sie dafür, in seinem eigenen Stück, das seine Lebensgeschichte erzählt, die weibliche Hauptrolle zu übernehmen. „Marvin“ ist ein sehr klassisches, langsam und figurenzentriert erzähltes Coming of Age-Drama über einen Außenseiter in einer ihm feindlich gesinnten Gesellschaft. Nach und nach erkämpft er sich Akzeptanz. Das ist schön, solche Filme braucht es. Aber warum müssen dann fast alle Nebenfiguren ans Lächerliche grenzende Stereotypen sein? Der dicke, schnauzbärtige, cholerische und chauvinistische Vater? Die sich unterbuttern lassende, devote Mutter? Das schwule Künstlerpaar, die Marvin als einen der ihren aufnehmen? Dadurch, dass hier wirklich jede Nebenfigur in ihrer Ausgestaltung und ihren Handlungen vorhersehbar ist, nimmt sich der Film viele Möglichkeiten – und wird langweilig. Und diese Langeweile ist nicht ausschließlich der Tatsache geschuldet, dass ich ihn müde gesehen habe, sondern begründet sich eben in dem strukturellen Problem, dass Marvin, die Hauptfigur, zwar recht nachvollziehbar gezeichnet ist (auch wenn Vieles in dessen Entwicklung bloße Behauptung bleibt, die nicht mit den entsprechenden Bildern oder Szenen unterfüttert wird), aber alles rund um ihn herum pures Klischee zu sein scheint. Selbst Isabelle Huppert spielt Isabelle Huppert so, wie man sich das Klischee von Isabelle Huppert vorstellt. Immerhin ist der Film konsequent darin.


5,0
von 10 Kürbissen

Battle of the Sexes – Gegen jede Regel (2017)

Regie: Jonathan Dayton und Valerie Faris
Original-Titel: Battle of the Sexes
Erscheinungsjahr: 2017
Genre: Komödie, Sportfilm, Biopic
IMDB-Link: Battle of the Sexes


Der diesjährige Viennale-Überraschungsfilm war „Battle of the Sexes“, was mich sehr gefreut hat, denn diesen Film wollte ich definitiv sehen. Steve Carell und Emma Stone kommen ja, wie man im Vorfeld vor der Veröffentlichung des Films gehört hat, durchaus wieder für Oscarnominierungen in Frage mit ihren Darstellungen von Billie Jean King und Bobby Riggs, die Anfang der 70er im Tennis-Schaukampf „Battle of the Sexes“ gegeneinander angetreten sind. Mitten hinein also in den Kampf um Gleichberechtigung. Gerade sind die weltbeste Tennisspielerin Billie Jean King und einige ihrer Kolleginnen mehr oder weniger unfreiwillig aus der USLTA, der United States Lawn Tennis Association, ausgetreten und haben die WTA, die Women’s Tennis Association, gegründet, da sie für eine Gleichbezahlung von Männern und Frauen im Tennis eingetreten sind, was ihnen vom Verband schlicht verweigert wurde. Mitten in diesen gesellschaftlichen Wandel hinein platzt Bobby Riggs, ehemaliger Tennisprofi, der Wimbledon und die US Open gewonnen hat, allerdings nun im Alter von 55 Jahren schwer spielsüchtig ist und eine ungewöhnliche Wette vorschlägt: Ein Tennismatch Mann gegen Frau, oder, wie er es bezeichnet, männliches Chauvinisten-Schwein gegen weibliche Emanze. Bobby Riggs ist vor allem eins: Ein Show-Man, der seine Chance auf ein großes Publikum und das ganz große Geld wittert. Zunächst steigt Billie Jean King, die gerade auch persönlich einiges an verwirrender Veränderung durchläuft, als sie die attraktive Friseurin Marilyn kennenlernt, zu der sie sich – Ehemann Larry hin oder her – sehr hingezogen fühlt, auf Bobbys Vorschlag nicht ein. Sie weiß, dass die Öffentlichkeit, wenn sie verliert, ihren Kampf um Gleichberechtigung ins Lächerliche ziehen wird. Ihre Kollegin Margaret Court hingegen, die sie als Nummer 1 der Tenniswelt ablöst, hat hier allerdings keine Berührungsängste und stellt sich Bobby Riggs – mit fatalen Folgen, als er sie vernichtend schlägt. Nun ist doch Billie Jean King wieder gefordert, und sie nimmt den Kampf an.

„Battle of the Sexes“ ist unglaublicherweise heute fast relevanter denn je. Der Kampf um Gleichberechtigung, sei es um die Gleichberechtigung der Geschlechter, der sexuellen Ausrichtung, der ethnischen Herkunft, des Glaubens – all das wird in den Zeiten, in denen Populisten das Steuer übernehmen, neu ausgefochten. Der Film von Jonathan Dayton und Valerie Faris, der in anderen Zeiten vielleicht nicht mehr gewesen wäre als eine nette, harmlose Sportkomödie, die halt auf wahren Begebenheiten beruht, erhält so plötzlich eine große gesellschaftliche Relevanz und ist auch als Kommentar auf die Fehlentwicklungen der letzten Jahre zu sehen. Wenn man allerdings nur den Film für sich betrachtet, dann ist „Battle of the Sexes“ halt eben nur diese routinierte, solide Sportkomödie, gut gemacht und sehenswert, allerdings abgesehen von den darstellerischen Leistungen von Emma Stone und Steve Carell nirgends wirklich überdurchschnittlich. Vielleicht hätte dem wichtigen Thema ein etwas seriöserer Film gut getan – allerdings hat natürlich die Figur des Bobby Riggs, der sich selbst nicht ernst genommen hat, dazu eingeladen, eine leichte Komödie daraus zu basteln.


6,5
von 10 Kürbissen

Daphne (2017)

Regie: Peter Mackie Burns
Original-Titel: Daphne
Erscheinungsjahr: 2017
Genre: Drama, Komödie
IMDB-Link: Daphne


Daphne, großartig gespielt von Emily Beecham, ist eine junge Frau, 31 Jahre alt, in London, wo sie in einer kleinen Wohnung mit ihrer Schlange wohnt, als Köchin arbeitet und niemanden so richtig an sich heranlässt. Sie ist nicht unzugänglich oder verschlossen, nur etwas eigenbrötlerisch und zynisch. Mit ihrer Mutter, die sie im Handy als „Mothership“ eingespeichert hat, hat sie eine fragile und eher distanzierte Beziehung, auch weil sie die Krebserkrankung ihrer Mutter, die damit recht locker umgeht, nicht wirklich verkraftet. Männer spielen in ihrem Leben eigentlich nur als Gebrauchsgegenstand eine Rolle. Sie ist nicht unfreundlich oder gar asozial, sondern eben nur eine junge, toughe Frau, die Emotionen nicht wirklich an sich heranlässt. Da wird sie eines Nachts Zeugin eines Überfalls auf einen kleinen Laden, und im Zuge dessen wird der Besitzer niedergestochen. Daphne hilft ihm, er wird abtransportiert, und das Leben geht für sie normal weiter. Schnell versucht sie, diesen Vorfall abzulegen und sich nicht weiter damit zu beschäftigen. Doch muss sie bald merken, dass manche Ereignisse nicht so leicht abzuschütteln sind, dass sie Spuren hinterlassen und uns verändern. Das ist die Geschichte, die Peter Mackie Burns‘ Film „Daphne“ unaufgeregt und mit viel Sympathie für seine Hauptfigur erzählt. Psychologisch ist das alles auch schlüssig und gut geschrieben. Die Veränderungen zeigen sich im Kleinen, im fast Mikroskopischen, an der Art beispielsweise, wie Daphne blickt, oder wenn sie einen jungen Mann anruft, der ihr seine Nummer aufgedrängt hat, und den sie, obwohl sie ihn anziehend und nett findet, wohl vor dem Ereignis noch links liegen gelassen hätte. Allerdings bleibt „Daphne“ dadurch als Film auch ein wenig unverbindlich. Gut gemacht und gut gespielt, auch sehr sympathisch und damit sehenswert, allerdings nichts, was wohl dauerhaft im Gedächtnis bleibt und den Zuseher noch lange beschäftigt. Dazu ist die Geschichte am Ende dann doch etwas zu alltäglich.


6,5
von 10 Kürbissen

The Florida Project (2017)

Regie: Sean Baker
Original-Titel: The Florida Project
Erscheinungsjahr: 2017
Genre: Drama, Komödie
IMDB-Link: The Florida Project


In Sichtweise zu Disney World in Orlando stehen einige recht billige, in knallbunten Farben angemalte Motels, die als Ausweichstelle für Touristen dienen, wenn die Hotels ausgebucht sind, und in denen aber auch sozial schwache Familien leben, wie die junge, alleinerziehende Mutter Halley mit ihrer sechsjährigen Tochter Moonee. Moonee ist eine Naturgewalt. Mit ihren Freunden Scooty, Dicky und der neu gewonnenen Freundin Jancey verbringt sie die Sommerferien hauptsächlich damit, Unfug anzustellen. Da gibt es schon mal einen Weitspuckwettbewerb von der Brüstung auf die parkenden Autos. Oder man schleicht sich in den Geräteraum und kappt den Strom, was die ganze Anlage in helle Aufregung versetzt und den Manager Bobby (Willem Dafoe mit einer der besten Leistungen seiner Karriere) ins Schwitzen bringt. Überhaupt Bobby: Der grummelige und pflichtbewusste Mann, der hier für Ordnung sorgen soll – was ihm angesichts des Energielevels der Kinder mehr schlecht als recht gelingt – hat sein Herz am rechten Fleck und versucht, den Mietern im Rahmen seiner Möglichkeiten beizustehen. Und da gibt es einiges zu tun, denn wie sich allmählich aus dem Film herausschält, hat Moonees Mutter gröbere Probleme. Sie hat ihren Job verloren, ist auf die Ausspeisung der Kirche angewiesen und chronisch pleite. Dazu ist sie selbst ein halbes Kind – und ihr Ansatz der Kindererziehung besteht darin, jede Kinderei einfach mitzumachen und selbst keine Verantwortung zu übernehmen. Dabei merkt man aber gleichzeitig, wie viel Liebe sie für ihre Tochter empfindet – nur ist sie eben völlig überfordert. Das alles wird aus der Sicht der Kinder erzählt, die trotz allem eine Zeit der Unschuld und des Vergnügens genießen – dank der Illusionen, die sie sich mittels ihrer kindlichen Fantasie bauen können. Wenn sie sich keinen Urlaub leisten können, muss halt der Besuch der Rinderweide als Safari herhalten. „The Florida Project“ ist lebensbejahend und bunt und witzig und unschuldig und voller Optimismus, und dahinter verbirgt sich ein Drama, das zu Herzen geht, dessen Auswirkungen Moonee wohl erst als Jugendliche oder Erwachsene spüren wird. Ganz großes Kino – ein Highlight nicht nur der diesjährigen Viennale, sondern des gesamten Filmjahrs.


9,0
von 10 Kürbissen

(Foto: Thimfilm)

Du bist nicht allein – Die Roy Black Story (1996)

Regie: Peter Keglevic
Original-Titel: Du bist nicht allein – Die Roy Black Story
Erscheinungsjahr: 1996
Genre: Biopic, Drama, Musikfilm
IMDB-Link: Du bist nicht allein – Die Roy Black Story


Roy Black war tatsächlich ein Held meiner Kindheit. „Ein Schloss am Wörthersee“, dieser Straßenfeger, lief auch bei uns im Fernsehen rauf und runter. Meine allererste Schallplatte, die ich mir als Knirps von meinem eigenen Taschengeld gekauft habe, war eine von Roy Black. Das hat sich mittlerweile ausgewachsen, zum Glück, aber ja, das waren meine musikalischen Anfänge. Und Roy Black war gewissermaßen auch Christoph Waltz‘ Anfang, jedenfalls war das eine der ersten Rollen, für die er vielfach beachtet wurde. Und ich muss sagen: Waltz spielt nicht Roy Black, er ist Roy Black. Seine darstellerische Leistung in diesem Biopic von Peter Keglevic ist schlicht herausragend. Die Qualität seiner Arbeit wird nur noch sichtbarer, wenn man den Rest des Casts durch den Film stümpern sieht. Ganz schlimm ist Wolfgang Bathke als Roy Blacks Manager Bertram. Ich weiß ja nicht, was Bathke hauptberuflich so gemacht hat, aber mit Schauspiel hatte das jedenfalls nichts zu tun. Und dieser Dilettantismus, dieses Überdrüber-Pathos im Spiel, im Drehbuch, in der Musik, zieht sich durch den ganzen Film. Er hat auch seine Momente, keine Frage, so bemüht sich der Film, ein ungeschöntes Bild des Schlagerhelden zu zeichnen und gewinnt dabei gegen Ende hin, als es in Richtung Absturz geht, auch eine gewisse Dringlichkeit, aber da ist der Karren schon längst an die Wand gefahren. Wäre da nicht eben der mittlerweile zweifache Oscar-Preisträger Christoph Waltz, der mit seinem Charisma und seinem feinen, nuancierten Spiel so ziemlich jede schlechte Szene rettet und die guten Szenen zur Denkwürdigkeit führt. So gibt’s höchstens (und auch nur dank des recht eindringlichen letzten Drittels) vier Punkte für den Film selbst, aber mindestens einen Waltz-Punkt obendrauf.


5,0
von 10 Kürbissen

A Ghost Story (2017)

Regie: David Lowery
Original-Titel: A Ghost Story
Erscheinungsjahr: 2017
Genre: Drama, Fantasy
IMDB-Link: A Ghost Story


Ein junges Paar (Rooney Mara und Casey Affleck) im Glück. Er stirbt bei einem Unfall, kehrt zurück als Geist und sieht der trauernden Frau dabei zu, wie sie versucht, ihr Leben weiterzuleben. Was zunächst wie eine Arthouse-Version von „Ghost – Nachricht von Sam“ klingt, entpuppt sich als interessante und ungewöhnliche Abhandlung über die Vergänglichkeit. Schon allein die Idee, den Toten als klassisches Kinder-Gespenst in einem Laken spuken zu lassen, ist großartig, denn dadurch bekommt der Geist etwas Naives, Unschuldiges – und dabei gleichzeitig auch etwas Erhabenes und Unpersönliches, wenn er langsam durch die Zimmer schreitet oder einfach nur in einer Ecke steht und aus den tiefen, schwarzen Höhlen seiner ausgeschnittenen Augen dem Alltag zusieht. Diese Entkörperung ist ein zentrales Element des Films, denn losgelöst von Casey Afflecks Figur sehen wir den Geist, wie er nach und nach sich selbst und sein Verständnis von Zeit verliert. Er hat keine Aufgabe mehr, er ist einfach nur da und beobachtet teilnahmslos, während die Zeit vergeht. Und so stellt der Film nach und nach eine zweite Frage neben der, wie wir mit Verlust und Trauer umgehen, nämlich: Was bedeutet es, vergessen zu werden? „A Ghost Story“ dreht nämlich die Frage im Grunde um und nähert sich so einer Antwort, indem die Figur von Casey Affleck im Geist aufgeht, dieser aber selbst beginnt, alles zu vergessen und einfach nur noch zu sein – ohne Bedeutung, ohne Ziel. Eine Existenz in Bedeutungslosigkeit ist eine Nicht-Existenz – womit der Bogen gespannt wäre zum kollektiven Vergessen nach dem Ableben. Toll in diesem Zusammenhang die Szene, als der Geist selbst eine Geistererscheinung hat, im Nebenhaus nämlich ebenfalls ein Lakengespenst sieht, das ihm erklärt, es warte auf jemanden, aber es habe vergessen, auf wen. Dass „A Ghost Story“ dennoch nicht in allen Belangen als Film gut funktioniert, liegt an dem sehr langsamen Erzähltempo und einer vielleicht etwas unnötig komplexen Struktur, die im letzten Drittel einen Dreh hinlegt, der ein bisschen nach gewolltem Mindfuck aussieht. Ich hatte das Gefühl, dass der Film in dem Moment mehr sein möchte als er ist. Dennoch eine lohnenswerte Erfahrung, und selten wurde Trauer so adäquat und herzzerreißend dargestellt wie durch Rooney Mara, die einfach nur einen Kuchen isst.


6,5
von 10 Kürbissen

The Workshop (2017)

Regie: Laurent Cantet
Original-Titel: L’Atelier
Erscheinungsjahr: 2017
Genre: Drama
IMDB-Link: L’Atelier


Eine Schriftstellerin kommt in die Hafenstadt La Ciotat in Südfrankreich, um in einem Sozialprojekt mit den Jugendlichen der Kleinstadt einen Roman, einen Thriller, zu schreiben. Früher war La Ciotat eine wichtige Industriestadt – in der Werft wurden gewaltige Schiffe gebaut. Heute ist die Lage prekärer, auch wenn im Hafen immer noch einige imposante Yachten liegen, nur hat die hiesige Bevölkerung nicht viel davon. Diese Bevölkerung ist durchaus durchmischt, wie sich an der Gruppe der Jugendlichen zeigt. Hier treffen Franzosen mit verschiedenen ethnischen und religiösen Wurzeln aufeinander – und das funktioniert ganz gut, denn einerseits verbindet das gemeinsame Projekt und andererseits sind eben alle Franzosen und definieren sich auch so. Nur Antoine tanzt aus der Reihe. Der schweigsame Junge bleibt lieber allein, geht schwimmen und schaut Youtube-Videos, und er möchte zum Militär. Wenn er mal mit seinem Cousin und dessen Freunden unterwegs ist, tauchen sie ihr Gesicht als Camouflage in Dreck und schießen mit einem Pistole Blechdosen von Zäunen. Und stellen sich dabei vor, die Dosen wären Araber – oder andere Menschen, von denen sie nicht viel halten. Aber sie sind nicht böse. Sie sind einsam und verwirrt und überfordert. „L’Atelier“ zeigt die Welt von Antoine nicht grausam und hasserfüllt, im Gegenteil: In einer wunderbaren Szene nimmt Antoine seinen kleinen Neffen auf den Arm, der sich in eine Party der Jugendlichen eingeschlichen hat, und tanzt mit ihm durch den Raum. Antoine ist ein junger Mann, der mit seinen Emotionen nicht viel anfangen kann, der sie nicht einordnen und kanalisieren kann. Der Film erklärt, ohne dabei den moralischen Zeigefinger zu heben, wie die Lebenswelt der Menschen aussieht, die anfällig sind für die einfachen, marktschreierischen Lösungen der Populisten, jene Menschen, die sich nicht verstanden fühlen, denen man nicht zuhört, und die vielleicht auch überfordert sind, wenn man ihnen mal Gehör schenkt. So kann auch Antoine mit der Aufmerksamkeit der Schriftstellerin nicht viel anfangen, und seine Reaktion darauf ist unangemessen und hilflos gleichermaßen. Aber der Weg zur Erkenntnis ist oft beschwerlich, und hierzu sendet der Film ein positives Signal. Es sind die kleinen Schritte, die zählen. Es sind die Momente, wenn man begreift, dass es andere Lösungen gibt als die, die einem von den populistischen Schreihälsen in den Kopf gehämmert werden. Ein sehr sehenswerter und ausgewogener Film, der ein Problem und einen Ausweg daraus bezeichnet, ohne dabei parteiisch zu sein.


7,5
von 10 Kürbissen

Donkeyote (2017)

Regie: Chico Pereira
Original-Titel: Donkeyote
Erscheinungsjahr: 2017
Genre: Dokumentation
IMDB-Link: Donkeyote


„Donkeyote“ ist in mehrfacher Hinsicht ein ungewöhnlicher Film: Erzählt wird die Geschichte des pensionierten Manolo, der seine Zeit damit verbringt, mit seinen Hunden und seinem Esel Gorrión Wanderungen zu unternehmen. Nun hat er sich in den Kopf gesetzt, die Route der Cherokee-Indianer in den USA nachzugehen, die diese eingeschlagen haben, als sie vertrieben wurden. Das Problem dabei: Manolo lebt in Andalusien, Spanien, also nicht gerade ums Eck. Ebenfalls ungewöhnlich ist, dass es sich hierbei um einen Dokumentarfilm handelt. Und auch bemerkenswert ist die Nähe des Filmers zu Manolo, er ist nämlich dessen Neffen, und zeichnet so das sehr intime Porträt eines Menschen, der seinen eigenen Weg geht. Dabei wird auch angedeutet, dass es in der Familie nicht immer harmonisch zugeht, dass der störrische Manolo da vielleicht auch die eine oder andere Brücke hinter sich abgerissen hat. Der Film lebt aber weniger von den Beziehungen der Menschen untereinander, sondern von der Beziehung zwischen Manolo und seinen Tieren. Er macht sich tatsächlich mit Gorrión und seinem Hund Zafrana auf den Weg nach Sevilla, um dort sich selbst und seine Tiere einzuschiffen. Das Problem bei der Geschichte: Er weiß weder, wie er die teure Überfahrt finanzieren soll, noch, was er alles an Behördenkram zu erledigen hat. Und während der Wanderung nach Sevilla kommen ihm, dem Unbeirrbaren, allmählich Zweifel.

„Donkeyote“ ist ein sehr stiller, bedächtiger Film, in dem nicht viel passiert. Chico Pereira zeigt seinen Onkel und die beiden Tiere auf der Wanderung – mal in der Sonne, mal im Regen. Sie campieren, sie gehen, sie machen flüchtige Bekanntschaften, sie gehen weiter. Währenddessen versucht Manolo, Englisch zu lernen. So gesehen ist der Film inhaltlich ein wenig dürftig, aber was ihn dann doch wieder heraushebt aus der Belanglosigkeit und zu einem Vergnügen macht, ist, dass sowohl Manolo selbst als auch seine tierischen Begleiter, vor allem Gorrión, echte Persönlichkeiten sind, denen man gerne zusieht. Ja, dieser Esel hat Charisma, und die liebevolle Beziehung zwischen den drei Wanderern zeigt ein blindes Verständnis füreinander, das gleichzeitig ein Plädoyer für einen freundlicheren und respektvolleren Umgang mit uns selbst, mit unserem Umfeld und auch mit der Natur und den Geschöpfen darin ist. Ein warmherziger Film über einen modernen Don Quijote und seinen vierbeinigen Sancho Pansa.


6,5
von 10 Kürbissen