Ich wurde von Ma-Go Filmtipps eingeladen zu einer Weltreise. Einer cineastischen Weltreise. Und natürlich nehme ich die Einladung gerne an. 70 Stationen gilt es zu bereisen im Jahr 2018. Mehr darüber erfahrt ihr hier. Und natürlich seid auch ihr eingeladen, euch dieser Reise anzuschließen – und wenn es nur für die eine oder andere Etappe ist.
Meine schöne innere Sonne (2017)
Regie: Claire Denis
Original-Titel: Un Beau Soleil Intérieur
Erscheinungsjahr: 2017
Genre: Satire, Liebesfilm
IMDB-Link: Un Beau Soleil Intérieur
Die FAZ zeigte sich begeistert, und Moviepilot prognostizierte mir eine Bewertung von 3,5. Auf Claire Denis‘ Film „Meine schöne innere Sonne“ mit Juliette Binoche war ich nun sehr gespannt. Und wie so oft liegt die Wahrheit in der Mitte – jedenfalls für mich. Denn „Meine schöne innere Sonne“ hat mich zwar nicht umgehauen, aber schlecht fand ich diesen Film beileibe auch nicht. Juliette Binoche spielt mit großem Mut und noch größerer Verletzlichkeit Isabelle, die Anfang 50 und die meiste Zeit über eine irrationale Träumerin ist und die Liebe sucht. Was sie findet sind Affären, die sich prickelnd anfühlen, jedenfalls zu Beginn, sie jedoch leer und ausgelaugt zurücklassen. Im Grunde ist „Meine schöne innere Sonne“ in weiten Teilen eine Variation der alten französischen Film-Prämisse „schöne Menschen zerreden Beziehungen“. Claire Denis, die Regisseurin, setzt dieses Thema allerdings auf eine sehr andere, subjektive Weise um. Die Handlungen der Beteiligten, die Dialoge, sind so erratisch wie ich es selten zuvor in einem Film gesehen habe. Die kleineren und größeren Verletzungen bahnen sich ihren Weg nach draußen, am deutlichsten in der Szene, als Isabelle bei einem Waldspaziergang ihre männlichen Begleiter, die von der Natürlichkeit der Natur schwärmen, out of the blue anzuschreien beginnt, dass sie es satt habe, dass sie es wisse, dass ihnen, den Männern, alles gehöre, auch die Landschaft. Ein starkes Zeichen. Allerdings geht diese Verfremdung und Überzeichnung in den Dialogen nicht immer gleichermaßen auf. Und manchmal kratzt man sich einfach am Kopf und fragt sich, ob das, was auf der Leinwand gezeigt wird, tatsächlich noch als zwischenmenschliche Interaktion durchgeht oder nicht. Dass Claire Denis auf Roland Barthes „Fragmente einer Sprache der Liebe“ Bezug nehmen wollte, ist somit einerseits filmisch interessant, andererseits auch stellenweise sehr anstrengend. Allerdings ist es immer ein Genuss, Juliette Binoche zuzusehen.
5,5
von 10 Kürbissen
Meine Filme des Jahres 2017
Jahresrückblicke. Charts. Best Ofs. Die gehören zu dieser Jahreszeit wie die 3D-Brille zum Marvel-Film. Wie Alexander Horwath zur Oscar-Nacht. Wie die Nacktszene zu einem Monica Bellucci-Film. Wie die Augenringe zur zweiten Viennale-Woche. Und natürlich seid ihr auch hier vor solchen Listen nicht sicher, zumal ich dank Moviepilot einen sehr konkreten Überblick darüber habe, was ich 2017 gesehen (und gemocht) habe. Doch bevor es ans Eingemachte geht, noch ein bisserl Statistik. (Ich mag Zahlen. Wer Zahlen nicht mag, kann den folgenden Teil gerne überspringen bis zur Liste der Top30-Kinofilme des Jahres 2017).
Im Jahr 2017 habe ich insgesamt 181 Filme neu gesehen, darunter mit Disaster Movie meinen absoluten Nullpunkt (es würde mich wundern, wenn noch irgendein Film in Zukunft diesen unterbieten könnte). Insgesamt war ich aber gnädig (bzw. hatte einfach ein gutes Händchen), denn mit einer Durchschnittsbewertung aller neu gesehenen Filme von 6,5 kann man durchaus zufrieden sein.
Was die Medien betrifft, so ist das Kino bei mir nach wie vor der Ort, an dem ich Filme sehen möchte. 106 Filme habe ich im Kino auf der großen Leinwand genossen (davon zwei, nämlich Baby Driver und Araby, gemeinsam mit 15.000 cineastischen Gelsen im Sommerkino). Dazu kommen noch zwei oder drei Kino-Sichtungen von Filmen, die ich schon kannte, zuletzt Der Zauberer von Oz im wunderbaren Filmmuseum. Meine Kinobesuche hatte ich in Wien, in Graz (wo ich zum ersten Mal die Diagonale besucht habe), Ludwigsburg, Rio de Janeiro und Budapest.
Nur drei unter insgesamt 181 neu gesehenen Filmen habe ich im Fernsehen genossen. Und alle drei haben eher durchschnittliche bis unterdurchschnittliche Wertungen erhalten. Für mich spielt dieses Medium also so gut wie keine Rolle mehr.
Anders sieht es bei den DVDs aus, wo ich nach wie vor ein Regal ungesehener Filme abarbeiten darf. 60 Silberscheiben habe ich 2017 in den DVD-Spieler geschoben für eine Erstsichtung, darunter meinen persönlichen Film des Jahres, Satanstango. (Dieser ist zur Nachahmung allerdings nur bedingt zu empfehlen, wie man meiner Rezension entnehmen kann.)
Andere Medien wie Streaming-Dienste spielten 2017 noch keine allzu große Rolle bei mir – 12 Filme habe ich auf diese Weise neu entdeckt. Das wird sich aber 2018 mit Sicherheit ändern, denn seit kurz vor Weihnachten bin ich im Besitz eines Netflix-Accounts.
Insgesamt 32 Filme (unabhängig vom Medium) kamen in den Genuss einer Bewertung von 8,0 Punkten oder mehr. Umgekehrt haben nur 16 Filme eine Bewertung von 4,0 oder schlechter erhalten – und nur 2 sind mit 2,0 oder schlechter abgestraft worden, das schon angesprochene „Disaster Movie“ und Ostinato Destino (trotz Monica Bellucci und den unvermeidlichen Nacktszenen). Ich sagte ja: Ich war gnädig.
Für meine Bewertung der Filme des Jahres konzentriere ich mich nun – wie jedes Jahr – ausschließlich auf Kinofilme. Sprich: Ich muss den Film 2017 zum ersten Mal in einem Kino gesehen haben (auch Freilichtkino zählt). Dabei spielt es nun keine Rolle, ob es sich um einen neuen Film handelt oder einen, der im Rahmen einer Retrospektive oder einer Sondervorführung auf der großen Leinwand gezeigt wurde, wichtig ist das Medium Kino. Der Grund für diese Eingrenzung: Ich mag eben Kinos und unterstütze diese auch gerne. Das heißt auch, dass zB „Satanstango“ hier keine Erwähnung mehr findet.
Und das sind nun meine Top30-Kinofilme des Jahres (die Top10 werden zudem noch etwas ausführlicher vorgestellt):
- Ich, Daniel Blake (von Ken Loach)Der allererste Film, den ich 2017 gesehen habe, ist gleichzeitig mein Film des Jahres. Kein anderer Film hat mich 2017 so sehr berührt und mitgenommen wie Ken Loachs Geschichte eines Zimmermanns, der nach einem Herzinfarkt in die mitleidslosen Mühlen der Bürokratie gerät und in einem heroischen Kampf versucht, sich seine Menschenwürde zu bewahren. Erschütternd und aufwühlend und dennoch voller liebevoller zwischenmenschlicher Momente und gelegentlichem Humor.
- The Florida Project (von Sean Baker)Ein warmherziger, farbenfroher und irrsinnig witziger Film, unter dessen Oberfläche sich das Drama der amerikanischen Unterschicht entfaltet. Sean Baker folgt der jungen Moonee, die in der Motelanlage, in der sie mit ihrer mittellosen, überforderten Mutter lebt, den Sommer verbringt und dabei mit ihren Freunden im Grunde nur Quatsch macht und den Hausmeister (Willem Dafoe in einer seiner allerbesten Rollen) an den Rand der Verzweiflung bringt.
- Blade Runner 2049 (von Denis Villeneuve)“Blade Runner“ von Ridley Scott ist mein absoluter Lieblingsfilm, und von daher war ich skeptisch, ob die Fortsetzung von Denis Villeneuve dem Original gerecht werden kann. Doch meine Befürchtungen waren unbegründet. „Blade Runner 2049“ ist ein faszinierendes, opulentes und – wie auch das Original – philosophisch anregendes Science Fiction-Drama, das mit schier unglaublichen Bildern und einem tollen Cast überzeugen kann.
- Die Beste aller Welten (von Adrian Goiginger)Der beste österreichische Film seit langem. Adrian Goiginger erzählt die Geschichte seiner Kindheit, sein Aufwachsen in einer kleinen Wohnung in Salzburg zusammen mit seiner drogenabhängigen Mutter und ihren Freunden, die ebenfalls samt und sonders an der Nadel hängen. Goiginger erzählt diese Geschichte aber nicht als sentimentales Rührstück, sondern aus der Perspektive unschuldiger Kinderaugen – und gerade dadurch wirkt der Film so stark auf sein Publikum. Ein großartiges Debut.
- Dunkirk (von Christopher Nolan)Ein Film, der sich schon recht früh im Jahr in eine gute Position für die Oscars geschoben hat – und das völlig zurecht. Christopher Nolans Kriegsdrama überzeugt durch eine außergewöhnliche, elliptische Erzählweise, einen herausragenden Sound und einer für einen Kriegsfilm erstaunlichen Nüchternheit. Ein sehr untypischer Genre-Beitrag und gerade dadurch auch wieder typisch Nolan. Der Mann macht einfach extrem gute Filme.
- Detroit (von Kathryn Bigelow)Auch wenn das Drama rund um die Rassenunruhen des Jahres 1967 in Detroit im letzten Drittel etwas abfällt, ein völlig verdienter und klarer Top10-Film für mich. Wuchtig und für den Zuseher fast physisch schmerzhaft wird hier in einem dokumentarisch anmutenden Stil die Unterdrückung der schwarzen Bevölkerung durch Polizeigewalt geschildert. Ein eher sperriger Film, aber wenn man sich von ihm mitreißen lässt, hallt er sehr lange nach.
- Coco – Lebendiger als das Leben! (von Lee Unkrich)Der neueste Streich von Pixar ist wieder ein kleines Meisterwerk. Die Benchmark wird für mich weiterhin „Inside Out“ bleiben, aber „Coco“ steht dem Film kaum nach. „Coco“ ist nicht nur visuell toll gemacht, sondern auch mit viel Humor und Herz ausgestattet, ohne dabei sentimental aufgesetzt zu wirken. Und „Coco“ ist eine wunderbare Hommage an Mexiko und dessen Familienbewusstsein.
- Jahrhundertfrauen (von Mike Mills)“20th Century Women“ von Mike Mills ist ein sehr eigensinniger Film, der einen ganz eigenen Rhythmus hat. Es geht um Generationenkonflikte, familiäre Konflikte und die Frage, was überhaupt Familie ausmacht, es geht um die Emanzipation der Frau und die Neuverhandlung gesellschaftlicher Normen. Getragen wird der Film von einer wie immer überragenden Annette Bening, aber auch der Rest des Casts weiß zu überzeugen. Einfach ein kluger und gleichzeitig charmanter Film, der mit Leichtigkeit die großen gesellschaftlichen Fragen behandelt.
- Logan – The Wolverine (von James Mangold)Ein eher überraschender Top10-Entry, denn mit dem ersten Wolverine-Solofilm konnte ich so gut wie gar nichts anfangen. „Logan“ aber ragt auch aus den vielen guten Marvel-Verfilmungen noch deutlich heraus. Ein zutiefst melancholischer und gleichzeitig blutiger und harter Action-Film, der gleichzeitig als Abgesang auf die X-Men gesehen werden kann.
- Western (von Valeska Grisebach)2017 bin ich zum Valeska Grisebach-Fan geworden – mit nur zwei Filmen. „Western“, ein Zufallsfund an einem einsamen, langweiligen Abend in Ludwigsburg, und „Mein Stern“, ihrem Debütfilm, der im Rahmen der Viennale gezeigt wurde. „Western“ ist lakonisch und zugleich zutiefst menschlich. Es geht um die Suche nach Zugehörigkeit – und die Schwierigkeit, wenn diese Suche durch die Beschränkungen der Kommunikation unterlaufen werden. Geschickt spielt Grisebach mit Western-Klischees und überträgt diese auf das Milieu von ostdeutschen Bauarbeitern in Bulgarien.
- Eine fantastische Frau (von Sebastián Lelio)
- Manchester by the Sea (von Kenneth Lonergan)
- Star Wars: Die letzten Jedi (von Rian Johnson)
- Die Taschendiebin (von Park Chan-wook)
- Mein Leben als Zucchini (von Claude Barras)
- Lucky (von John Carroll Lynch)
- Guardians of the Galaxy Vol. 2 (von James Gunn)
- Licht (von Barbara Albert)
- The Salesman (von Asghar Farhadi)
- T2 Trainspotting (von Danny Boyle)
- Planet der Affen: Survival (von Matt Reeves)
- Lion – Der lange Weg nach Hause (von Garth Davis)
- Sieben Minuten nach Mitternacht (von Juan Antonio Bayona)
- Loveless (von Andrei Swjaginzew)
- Es (von Andrés Muschietti)
- Aquarius (von Kleber Mendonça Filho)
- Downsizing (von Alexander Payne)
- Mr. Long (von SABU)
- Die rote Schildkröte (von Michael Dudok de Wit)
- Get Out (von Jordan Peele)
That’s it. Nicht mit dabei bzw. knapp an den Top30 vorbeigeschrammt sind u.a. die trotzdem sehr gern gesehenen und phasenweise in diesem Filmjahr heiß diskutierten Moonlight, Wilde Maus, Spider-Man: Homecoming, Happy End, mother!, Kingsman 2: The Golden Circle, Baby Driver, Wonder Woman oder Aus dem Nichts. Das allein zeigt schon, wie gut das Filmjahr 2017 zu mir war.
Und wie sieht es mit euren Filmen des Jahres aus?
Neujahrsvorsatz 2018: Projekt 50/50
Ich habe diesen Text vor einigen Tagen schon in meinem privaten Facebook-Profil gepostet – nun auch hier. Und zwar geht es um meinen Neujahrsvorsatz für 2018: Das Projekt 50/50.
Darum geht’s:
Weibliche Regisseurinnen sind leider in der Filmindustrie deutlich unterrepräsentiert. An der Qualität kann es nicht liegen, wenn ich mir einige der sensationellen Filme der letzten Jahre vor Augen halte: Vor der Morgenröte von Maria Schrader zum Beispiel. Oder Western von Valeska Grisebach. Licht von Barbara Albert. Oder das neueste Werk von Kathryn Bigelow, Detroit. Alles Filme, die auf meine persönlichen Jahresbestenlisten gehören.
Ein paar Zahlen unterstreichen aber, wie schwer es für Frauen ist, am Regiestuhl Platz zu nehmen und sich dort dauerhaft zu etablieren. Eine Studie des deutschen Bundesverbands Regie, durchgeführt in den Jahren 2010-2013, ermittelte, dass nur 11% der in der Primetime im Fernsehen ausgestrahlten Filme von Frauen stammen. Bei Kinospielfilmen sieht es auf den ersten Blick mit einer Quote von 22% etwas besser aus, allerdings zeigt sich, wenn man genauer hinsieht, dass bei höherbudgetierten Filmen der Anteil auch wieder auf 11% sinkt. Und das obwohl 42% der Absolventen für das Fach Regie an deutschen Filmhochschulen weiblich sind. In Hollywood sieht es noch düsterer aus. Der Standard berichtete Anfang 2017, dass der Frauen-Anteil unter den Regisseuren/innen für die 250 erfolgreichsten Filme 2016 lediglich 7% betrug. Und hier beim Filmkürbis sieht es nicht wirklich anders aus: Selbst wenn ich die Filme mit weiblicher Co-Regie gänzlich den Frauen zuordne, beträgt der Anteil unter den hier besprochenen Filmen lediglich 10,2% (20 von 195 per Stand 28.12.). Es ist nicht so, dass ich keine von Frauen gedrehten Filmen anschauen möchte, sondern das ist ganz einfach ein weiterer Querschnitt des vorhandenen Angebots.
Ich möchte nun im nächsten Jahr Frauen im Regiestuhl sichtbarer machen. Daher nun das Projekt 50/50 für 2018: Mindestens 50% der Filme, die ich mir 2017 ansehe, sollen von Frauen gedreht worden sein. Eine Steigerung von 10% auf 50% – das ist doch mal ein Schritt nach vorne. Natürlich werde ich die gesichteten Filme (nicht alle, aber viele bis die meisten) auf meinem Blog besprechen – und so werden diese Filme hoffentlich auch ein bisschen weiterverbreitet. Es ändert nichts an der Situation an sich, doch es ist ein kleines Zeichen, das ich hiermit setzen möchte. Und es macht mir Spaß, auf diese Weise Filme zu entdecken, die mir sonst vielleicht entgangen wären.
Aber nun wünsche ich euch allen einen guten Rutsch und einen sensationellen Start ins Jahr 2018!
Aus dem Nichts (2017)
Regie: Fatih Akin
Original-Titel: Aus dem Nichts
Erscheinungsjahr: 2017
Genre: Drama, Krimi
IMDB-Link: Aus dem Nichts
„Aus dem Nichts“ von Fatih Akin erzählt drei Geschichten, die in sich geschlossen eine einzige ergeben: Teil 1, „Die Familie“, ist eine Geschichte von Verlust und Trauer. Katja (Diane Kruger, wohl in der Rolle ihres Lebens) muss erfahren, dass bei einem Bombenattentat ihr türkischstämmiger Mann und ihr Sohn getötet wurden. Die Polizei ermittelt. Und nicht nur, dass sie diesen tragischen Verlust erst einmal verkraften muss, sie sieht sich zusätzlich Ressentiments gegenüber, wenn der sture Hauptkommissar partout einen Drogenfall daraus schnitzen möchte. Selbst die eigene Familie ist in dieser Situation keine Hilfe, im Gegenteil. Alte Gräben tun sich von Neuem auf. Teil 2, „Die Gerechtigkeit“, erzählt von der Gerichtsverhandlung gegen die Täter, die nun tatsächlich aufgegriffen wurden, ein Neonazi-Paar. Doch wie sieht es aus mit der Gerechtigkeit? Alle Fakten liegen auf dem Tisch – doch reicht das für eine Verurteilung, zumal sich der Strafverteidiger (Johannes Krisch als unglaublich unsympathischer Kotzbrocken) als gewieft und mit allen Wassern gewaschen herausstellt? In Teil 3, „Das Meer“, schließlich geht es um den Abschluss des Ganzen, um die Frage nach Selbstjustiz, Moral, Gewalt und Gegengewalt. Die Spirale hat sich zu drehen begonnen, doch kann sie auch aufgehalten werden? Fatih Akin erzählt diese drei Geschichten, die eine ergeben, sehr unaufgeregt und stilistisch zurückhaltend. Der Film lebt im Grunde allein von Diane Kruger, die die gewaltige Last, die glückliche Mutter genauso wie die emotional gebrochene Hinterbliebene und die wütende Witwe in einem Film meistern zu müssen, mit einer Bravour trägt, die ich ihr, ehrlich gestanden, nicht zugetraut hätte. Aber völlig verdient hat sie für diese Rolle in Cannes dafür den Preis als beste Schauspielerin bekommen. Und ich sehe sie durchaus als Dark Horse für die kommenden Oscar-Nominierungen. Dass sich meine Moviepilot-Prognose von 8,5 dann doch nicht ganz bewahrheitet hat, liegt vor allem daran, dass der Film in manchen Momenten einen etwas unentschlossenen Eindruck macht und die letzte Konsequenz scheut. So bleibt er lieber auf genrevertrauten Pfaden. Auch nehmen die Nebenfiguren, inklusive der beiden Attentäter, mit Ausnahme des Freunds und Rechtsanwalts Danilo (Denis Moschitto) keinen Raum ein – sie bleiben als Stichwortgeber blass und eindimensional. So bleibt erst einmal „Gegen die Wand“ Fatih Akins Meisterwerk. An die Qualität dieses Films kommt „Aus dem Nichts“ dann doch nicht ganz heran.
7,0
von 10 Kürbissen
Helle Nächte (2017)
Regie: Thomas Arslan
Original-Titel: Helle Nächte
Erscheinungsjahr: 2017
Genre: Drama, Roadmovie
IMDB-Link: Helle Nächte
Wenn einer eine Reise tut, dann kann er was erleben. Muss er aber nicht, wie Thomas Arslan in „Helle Nächte“ zeigt. Der Film, für den Georg Friedrich den Silbernen Bären für den besten Darsteller in Berlin abgreifen konnte, erzählt von einer Vater-Sohn-Annäherung. Der Großvater ist gestorben und wird in Norwegen, wo er lange gelebt hat, beerdigt. Der Vater nutzt die Gelegenheit, seinen Sohn aus einer früheren Beziehung auf eine Reise durch Norwegen mitzunehmen, wenn man schon mal da oben sitzt, um da vielleicht doch mal wieder so etwas wie eine Beziehung aufzubauen. Blöd ist nur, dass zum Einen die Nächte so weit nördlich nie ganz dunkel werden, was sich allmählich negativ auf den Energiehaushalt des sonst so stoischen Vaters auswirkt, was dessen Zündschnur in weiterer Folge verkürzt. Und blöd ist auch, dass der Sohn nach dem Vater kommt, auch wenn er etwas besser schlafen kann – aber auch er schwankt zwischen Stoizismus und gelegentlichen Ausbrüchen. Und wirklich blöd für die Zuseher ist, dass mit Ausnahme von Georg Friedrich (den ich allerdings auch nicht so überragend gesehen hätte wie die Berliner Jury) keine Socke in dem Film schauspielern kann. Und noch blöder ist, dass nichts, wirklich gar nichts passiert. Das Drama spielt sich im Verborgenen ab. Die Annäherung erfolgt in mikroskopisch kleinen Schritten. Ja, das kann ja ganz nett gemeint sein, und ich bin auch bei solchen Filmen sehr für Subtilität, aber es fehlt trotzdem der Bogen, der mich an der Stange hält. Ich sehe, in welche Richtung der Regisseur arbeiten wollte, nur erreicht er sein Ziel bei diesem Tempo geschätzt in Stunde 39 des Films, aber da die Studios halt nur 1,5 Stunden finanziert haben, muss er seine zwei schweigsamen Wandersleut‘ halt doch wieder in den Flieger zurück setzen, und man kann sich im Publikum nun beim Weiterspinnen der Geschichte vorstellen, wie die beiden irgendwann im Jahre 2047 zu Papas 70. Geburtstag die lang ersehnte Aussprache haben, deren Samenkorn 2017 in Norwegen gesät wurde. Nur ist es da für mich schon zu spät. Bis dahin habe ich 5.000 andere Filme gesehen und kann mich an „Helle Nächte“ nicht mehr erinnern. So bleiben vom Film nur einige sehr schöne Aufnahmen von Norwegen, der kurz aufblitzende Gedanke, mal wandern gehen zu wollen (und schon wieder verworfen) sowie ein solider Georg Friedrich, für den es mich freut, dass er in Berlin so geehrt wurde – aber ich sehe ihn hier auch nicht besser als in anderen seiner Filme.
4,5
von 10 Kürbissen
(Foto: Stadtkino Filmverleih)
Frankenstein (1931)
Regie: James Whale
Original-Titel: Frankenstein
Erscheinungsjahr: 1931
Genre: Horror
IMDB-Link: Frankenstein
Boris Karloff als Monster. Eine Ikone der Filmgeschichte. James Whale schuf mit „Frankenstein“ mehr oder weniger die Blaupause für alle nachfolgenden Monsterhorrorfilme. Und gleich zu Beginn des Films wird von einem besorgten Moderator gewarnt: Ansehen nur auf eigene Gefahr! Dass Horror heutzutage anders funktioniert als vor 85 Jahren, dafür kann der Film nichts. Damals fuhren die auf der Leinwand gezeigten Schrecken (die ohne musikalischer Untermalung zur Zuspitzung der Situation auskommen) den arglosen Besuchern tatsächlich in die Glieder. Heute sind Karloffs schwankender Gang und sein starrer Blick zwar immer noch sehenswert, verbreiten aber keine Angst, sondern eher ein wohliges Gefühl der Nostalgie. Nein, „Frankenstein“ treibt heutzutage den Puls nicht mehr in die Höhe. Dennoch ist der Film definitiv eine Sichtung wert. Wenn man sich nämlich von der Prämisse löst, von einer Angststarre einen halben Meter tief in die Couch genagelt werden zu müssen, um den Film als Horrorfilm genießen zu können, entdeckt man sehr viel Schönes und dauerhaft Bewährtes. Wie etwa die wunderbare Atmosphäre, die sich in den mit Liebe zum Detail schaurig gestalteten Kulissen manifestiert. Oder eben das sehr physische, präsente Spiel von Boris Karloff. Und eben die von Mary Shelleys Romanvorlage übernommene prinzipielle Unschuld des Monsters, der erst durch den Umgang der Umwelt mit ihm dem Bösen in die Arme getrieben wird. Wunderbar die Szene, als das Monster am See mit einem kleinen Mädchen spielt – und wie emotional der Moment, als er es versehentlich tötet und vor Schrecken über seine eigene, aus Naivität geborener Tat in den Wald flüchtet. Das sind ganz starke Momente. Was mir allerdings nicht gefallen hat, war der allzu lockere Umgang mit der literarischen Vorlage. So heißt Viktor Frankenstein im Film plötzlich Henry Frankenstein, während Victor zwar vorkommt, aber als andere Figur, als guter Freund des Hauses nämlich (der für die Geschichte an sich ziemlich für die Fisch‘ ist) – im Grunde basiert der Film nur sehr lose auf Shelleys grandiosem Roman. Das zeigt sich auch an den Dialogen, bei denen es sich leider oft nicht mehr als um eine lieblose Aneinanderreihung von Plattitüden und Banalitäten handelt, die die Handlung vorantreiben sollen – nur leider: das geschulte Ohr hört mit, und manchmal wäre Schweigen wirklich Gold (vor allem, wenn das Gerede nur beschreibt, was ohnehin auf dem Bildschirm zu sehen ist). Dafür gibt’s Abzüge. Trotzdem kann James Whales „Frankenstein“ auch heute noch mit Genuss gesehen werden. Filmhistorisch ist dieses Werk ohnehin über jeden Zweifel erhaben.
6,5
von 10 Kürbissen
Baarìa (2009)
Regie: Giuseppe Tornatore
Original-Titel: Baarìa
Erscheinungsjahr: 2009
Genre: Drama, Komödie
IMDB-Link: Baarìa
Ach, Giuseppe Tornatore, du Chronist sentimentaler Bubenträume. Bei „Cinema Paradiso“ hast du mich am Schluss zum Schluchzen gebracht. „Der Zauber von Maléna“ ist der Grund, warum ich auch heute noch nervös werde, wenn ich den Namen Monica Bellucci höre. Und nun „Baarìa“, das groß angelegte sizilianische Familienepos, das den Bogen von den 1920ern bis in die Jetztzeit spannt. Doch wir müssen reden, Giuseppe. Nämlich darüber, warum du all dein handwerkliches Können, das dir unter Anderem für „Cinema Paradiso“ den Oscar einbrachte, für diesen Film vergessen hast. Ja, ich erkenne die Intention hinter deinem Vorhaben, die Geschichte vom armen Kommunisten Peppino in Schlaglichtern zu erzählen – es soll ein groß angelegtes Panorama werden und alle Aspekte des italienischen Lebens, ob Politik, Kirche, Familie, Besatzungszeit, wirtschaftlicher Aufschwung, alte und neue Ideale, Emanzipation und Freiheit etc. in sich vereinen. Aber ganz ehrlich: So ganz kannst du doch bitte dein Gespür für Rhythmus, für den jedem Film innewohnenden Takt doch nicht verloren haben! Hörst du nicht Ennio Morricones sanfte Musik? Warum unterläufst du sie, durchbrichst sie, karikierst sie, indem du wahllose komödiantische Szenen an traurige Szenen hängst, die gerade noch von Morricones Streichern ausgeklungen werden? Oh, Giuseppe, überhaupt – wo ist dein roter Faden, was hält deinen Film zusammen? Die herzzerreißende Schlusssequenz nach bitter langen 140 Minuten allein ist zu wenig, so leid es mir auch tut. Hier zeigst du zwar noch einmal, was du wirklich kannst, aber es ist zu spät, fast 2,5 Stunden zu spät. Hach, ich hätte mich so gern wieder verzaubern lassen, doch nein, Giuseppe, dein „Baarìa“ funktioniert nicht, es wirkt hilflos zusammengestückelt, als wäre es dir über den Kopf gewachsen so wie am Ende die Stadt selbst dem kleinen Peppino. Und das tut mir leid.
3,5
von 10 Kürbissen
Der Zauberer von Oz (1939)
Regie: Victor Fleming
Original-Titel: The Wizard of Oz
Erscheinungsjahr: 1939
Genre: Fantasy, Musical
IMDB-Link: The Wizard of Oz
„Transported to a surreal landscape, a young girl kills the first person she meets and then teams up with three strangers to kill again.“ Diese ironische Kurzbeschreibung von „Der Zauberer von Oz“ aus dem Jahr 1998 ging vor einigen Jahren viral. Und ja, wenn man allzu genau auf den Inhalt oder das Storytelling oder die völlig flachen Figuren schaut, dann kann man diesem Klassiker von Victor Fleming nach dem Kinderbuch von L. Frank Baum nicht attestieren, gut gealtert zu sein. An dieser Stelle kommt nun das Aber. Aber das alles ist irrelevant, wenn sich die bezaubernde Judy Garland bei „Somewhere Over the Rainbow“ in ein fernes Land träumt, wenn die Vogelscheuche ihre wilden Sprünge macht, der ängstliche Löwe angesichts des Zauberers in Ohnmacht sinkt oder die Munchkins begeistert „Ding Dong, the Witch is Dead“ singen. Denn auch heute noch hat dieser Film seinen eigenen Zauber. Ist es der Kontrast zwischen der kargen, in Sepia gehaltenen Kulisse der realen Welt und der quietschbunten Zauberwelt von Oz? Sind es die eingängigen, fröhlichen Songs? Die Liebe zum Detail und der Versuch, mit den geringen technischen Mitteln der 30er Jahre eine magische Welt aufzubauen, in der es fliegende Affen und sich in Explosionen auflösende Hexen gibt? Denn auch wenn die Special Effects aus heutiger Sicht lächerlich und unbeholfen wirken, so verfehlen sie dennoch nie ihr eigentliches Ziel: Die Erzeugung einer Illusion, die den Zuseher gefangen nimmt. Und da spielt es plötzlich keine Rolle, ob man die Seile, an denen die Hexe geknüpft ist, um sie fliegen zu lassen, sehen kann – denn man ist in diesem Moment so gefangen von der liebevollen, detailreichen Illusion, dass der Film dennoch funktioniert. „Der Zauberer von Oz“ ist ein wunderbares, bonbonbuntes Stück Eskapismus in Reinkultur mit einer netten Botschaft am Ende, und er wird auch in den nächsten 100 Jahren nichts an Charme und Bedeutung verlieren.
8,5
von 10 Kürbissen
Star Wars: Die letzten Jedi (2017)
Regie: Rian Johnson
Original-Titel: Star Wars: The Last Jedi
Erscheinungsjahr: 2017
Genre: Abenteuer, Action, Science Fiction
IMDB-Link: Star Wars: The Last Jedi
Dass der achte Film der Star Wars-Saga (wenn man von dem Intermezzo „Rogue One“ absieht) neue Wege zu gehen versucht, zeigt sich bereits am Titel. Offiziell wird nämlich auf die übliche Nummerierung verzichtet, auch wenn der Film unter Fans natürlich als „Episode VIII“ bekannt ist. Man ist sich allgemein nicht ganz einig, was man von Rian Johnsons Einstieg in die Welt von Star Wars halten soll. Und es überwiegen tatsächlich die eher kritischen Stimmen, denen das typische „Star Wars-Feeling“ abgeht und in dem neuen Film einen beliebigen Weltraum-Kracher mit aufgesetzten, unpassenden Humoreinlagen sehen. Allerdings wird hier meiner Meinung nach eines gern übersehen: Die ersten Star Wars-Filme, beginnend mit Episode IV im Jahr 1978, sind der Inbegriff und Ursprung aller Weltraum-Kracher. „Krieg der Sterne“ hat damals das Science Fiction-Genre neu gedacht und den Standard gesetzt, der jetzt an „Star Wars: Die letzten Jedi“ angelegt wird. Und wenn man sich damit abfindet, dass die Kostüme fast 40 Jahre später eben nicht mehr wie Pyjamas aussehen, also der ganze „Retro-Charme“ durch eine zeitgemäße Optik ersetzt wurde, kann man sich – finde ich – auch mit dem neuen Beitrag zu Star Wars-Universum sehr gut anfreunden. Denn Rian Johnson macht sehr viel richtig. Die Figur des Kylo Ren, der im Vorgängerfilm noch wie ein verunsichertes Kind gewirkt hat, macht eine extrem spannende Entwicklung durch. Kylo Ren wirkt immer noch unsicher (und natürlich, er ist noch immer blutjung), aber ist getragen von einer finsteren Ambivalenz und Unberechenbarkeit. Für diese Figur ist alles offen – er kann zum Superschurken a la Darth Vader reifen, er kann aber auch einen gänzlich eigenen Weg einschlagen. Adam Driver, ohnehin einer meiner Lieblingsdarsteller, legt diese Figur so vielschichtig und interessant an wie kaum eine zweite Figur im ganzen Star Wars-Universum. Aber auch der große Held in „Die letzten Jedi“, Luke Skywalker, ist interessant wie noch nie und bis zum Ende kaum einzuschätzen. In diesen Belangen hebt Rian Johnson den neuen Star Wars-Film über die meisten seiner Vorgänger hinaus. Denn eines muss man schon sagen: So genial und unterhaltsam und wunderbar die alten Star Wars-Filme waren: die Einteilung in Gut und Böse war – vielleicht mit Ausnahme von Lando Calrissian – immer sehr schnell getroffen und klar durchgezogen. Hier die Helden, dort die Schurken. Dem fügt „Die letzten Jedi“ eine neue Dimension hinzu. Und auch die Action ist ausgezeichnet gemacht, der Film ist zudem sehr spannend erzählt. Carrie Fisher, unsere Prinzessin, hat noch einmal richtig viel Screentime. Klar, manche Kritikpunkte wie zum Beispiel, dass sie in einer Szene durchs All fliegen kann, als wäre sie Supermans Kusine, oder dass die Hintergründe vieler Figuren im Unklaren bleiben (Snoke, ein dadurch etwas unmotivierter Bösewicht) oder auch die Kritik am teilweise etwas unvermittelt platzierten Humor kann ich durchaus nachvollziehen und auch teilen, aber für mich sind das kleine Nebensächlichkeiten, die mir nicht gleich den ganzen Film vermiesen. So ist für mich „Die letzten Jedi“ ein gelungener Beitrag zum Star Wars-Universum – kein perfekter Film, das nicht, aber unterhaltsam, spannend und vielschichtig.
8,0
von 10 Kürbissen