Girls Always Happy (2018)

Regie: Yang Mingming
Original-Titel: Rou Qing Shi
Erscheinungsjahr: 2018
Genre: Drama
IMDB-Link: Rou Qing Shi


Chinesischer Alltag in der Stadt ist kein Zuckerschlecken, vor allem, wenn man intellektuell, unverheiratet und in einer Zweckgemeinschaft mit der eigenen Mutter lebt. So geht es der Hauptprotagonistin Wu (Yang Mingming, auch Autorin und Regisseurin des Films). Und so isst man zusammen, streitet sich, versöhnt sich wieder, um sich im nächsten Moment doch wieder anzubrüllen, und irgendwie macht das meiste davon einfach keinen Sinn. Dann fährt Wu mal wieder minutenlang auf ihrem Roller durch die Gegend, macht mit ihrem Freund Schluss, lässt ihn dann doch wieder Geschenke bringen, um ihn erneut abzuweisen – Mädel, was willst du? Das hätte ich gern auch Yang Mingming selbst gefragt, denn irgendwo zwischen den endlos verschmatzten Mahlzeiten und konfusen Streitereien könnte in diesem geschwätzigen Film auch ein Sinn verborgen liegen, nur ist mir dieser leider entgangen. Was der Film laut Regisseurin Yang will: Das moderne Leben in Peking darstellen anhand einer Mutter-Tochter-Beziehung. Okay. Aber was genau ist daran interessant? So, wie das Leben gezeigt wird, mag es zwar authentisch sein, aber eine Geschichte ergibt das nicht. Und gehen wir nicht ins Kino, um Geschichten erzählt zu bekommen? Vielleicht war meine Erwartungshaltung diesbezüglich zu hoch, aber als ziemlich gesichert gilt, dass so gut wie nichts passiert in „Girls Always Happy“, und eine Entwicklung der Figuren ist auch nicht spürbar. So wird die Spieldauer von ziemlich genau zwei Stunden zu einer ähnlichen Qual wie die chinesische Tröpfchenfolter. Ein irrelevanter Streit nach dem anderen tropft auf die Häupter des Publikums herab – man weiß: der nächste wird bald folgen, und man kann nichts dagegen tun. Außer vielleicht, das Kino zu verlassen. Aber dafür bin ich wohl zu masochistisch veranlagt.

(Dieser Film ist als Reiseetappe # 3 Teil meiner Filmreisechallenge 2018. Mehr darüber hier.)


2,5
von 10 Kürbissen

 

Der Buchladen der Florence Green (2017)

Regie: Isabel Coixet
Original-Titel: The Bookshop
Erscheinungsjahr: 2017
Genre: Drama
IMDB-Link: The Bookshop


Hardborough, eine kleine Hafenstadt nordöstlich von London, 1959. Die junge Witwe Florence Green (die wunderbar verletzliche Emily Mortimer) erfüllt sich einen lang gehegten Traum vom eigenen Buchladen. Sie kauft das alte Haus, das nur noch von Tauben und Ratten bewohnt wird, und gegen den Widerstand einiger Dorfbewohner, die andere Pläne für das Haus gehabt hätten, errichtet sie dort mit viel Liebe und Geschmack einen Traum für Bibliophile wie mich, den Rezensenten. Ihr treuester Kunde ist der zurückgezogen lebende Edmund Brundish (ein wunderbar sanft und zurückhaltend spielender Bill Nighy), ein begeisterter Leser, der allerdings weniger begeistert von sozialer Interaktion ist. Mit ihren Buchempfehlungen (Ray Bradbury! Wie sehr verstehe ich den Mann, der beim Lesen von „Fahrenheit 451“ fast so etwas wie eine Epiphanie hat!) dringt sie allmählich durch die harte Schale durch, und eine zarte, vorsichtige Annäherung bahnt sich an. Florence Green wird Freunde brauchen, denn im Dorf agiert die rücksichtslose und einflussreiche Violet Gamart (Patricia Clarkson) hinterrücks gegen Florence und ihren Buchladen. Violet möchte im alten Haus ein Kulturzentrum errichten, und dass ihr Verhalten Florences Existenz bedroht, ist ihr nicht weiter wichtig. „The Bookshop“ ist in so ziemlich allen Aspekten ein wundervoll altmodischer Film. Die Kostüme, die Settings, das aus der Zeit gefallene Spiel der Schauspieler/innen, selbst die karge Küstenlandschaft passt sich ihrer Rolle in dieser 50er-Jahre-Geschichte an. An sich erzählt „The Bookshop“ weder eine besonders originelle noch übermäßig spannende Geschichte. Aber allein Emily Mortimer dabei zuzusehen, wie ihre Hände über die Bücher streifen, das Leuchten in ihren Augen zu sehen, wenn sie eine neue Ladung Bücher auspackt, ihren konzentrierten Gesichtsausdruck, wenn sie die ganze Nacht lang „Lolita“ liest – ja, ich kenne das, ich kann mit ihrer Figur sehr intensiv mitfühlen. Und wie sich manch gutes Buch wie ein alter Freund anfühlt, so gelingt das auch Isabel Coixets Film. Man fühlt sich einfach wohl mit diesen Figuren in dieser Stadt und Zeit.


7,5
von 10 Kürbissen

(Foto: (c) the producers / Lisbeth Salas)

Maki’la (2018)

Regie: Machérie Ekwa Bahango
Original-Titel: Maki’la
Erscheinungsjahr: 2018
Genre: Drama
IMDB-Link: –


Die 19jährige Maki’la, genannt „Maki“, lebt auf den Straßen Kinshasas. Sie hält sich mit Diebstählen und Prostitution über Wasser und unterhält eine Beziehung mit dem ebenfalls obdachlosen Mbingazor. Da tritt eines Tages die noch jüngere Acha in ihr Leben, und Maki beginnt, sich verantwortlich zu fühlen für das junge Mädchen, das auf der Suche nach ihrem Bruder ist und noch nicht so abgehärtet wurde vom Leben wie sie selbst. „Maki’la“ erzählt eine wohl leider alltägliche afrikanische Geschichte sehr beiläufig und unsentimental. Freud‘ und Leid liegen hier eng beisammen. Maki ist eine starke Frau, die sich nicht unterkriegen lässt, doch wenn das Leben seine Zähne zeigt, zuckt auch sie zurück, und am Ende fügt sich alles so, als wäre es vorherbestimmt – was den Zuseher nachdenklich zurücklässt. Afrika ist nicht exotisch, Afrika ist nicht sexy, das Leben dort ist ein harter Kampf, den man jeden Tag aufs Neue ausfechten muss – im Schlamm, im Schmutz, im Blut. Leider aber plätschert die Geschichte selbst ziemlich ereignisarm vor sich hin, und es gelingt der Regisseurin Machérie Ekwa Bahango kaum, ihr Publikum eine echte Bindung zu Maki aufbauen zu lassen. Zu spröde ist das alles gefilmt, oft auch zu uninteressant. Es fehlt der rote Faden, an dem sich der Zuseher orientieren kann. Und so ist „Maki’la“ allein schon durch sein Setting und seine Figuren zwar anders als das, was man sonst in unseren Breitengraden üblicherweise zu sehen bekommt, aber ich jedenfalls wurde nicht mitgenommen auf diese tragische Reise. Trotz einer ökonomischen Laufzeit von 78 Minuten fühlt sich der Film lang an. Schade drum.

(Dieser Film ist als Reiseetappe # 6 Teil meiner Filmreisechallenge 2018. Mehr darüber hier.)


4,5
von 10 Kürbissen

Black 47 (2018)

Regie: Lance Daly
Original-Titel: Black 47
Erscheinungsjahr: 2018
Genre: Drama, Thriller, Western
IMDB-Link: Black 47


Irland 1847. Die Kartoffelfäule und die Kolonialmacht Großbritannien saugen das Land fürchterlich aus. Über eine Million Menschen sind bereits an Hunger gestorben – wer kann, wandert aus. Einer wandert ein: Martin Feeney (James Frecheville), der in Afghanistan gekämpft hat, kehrt als Deserteur nach Hause zurück. Dort muss er feststellen, dass seine Familie nicht mehr am Leben ist. Der unbarmherzige Landbesitzer Lord Kilmichael (Jim Broadbent) hat diese delougiert, um Steuern zu sparen, was bei klirrender Kälte und grassierender Hungersnot ein sicheres Todesurteil ist. Der als Soldat bestens ausgebildete Feeney startet einen Rachefeldzug, den ausgerechnet sein mittlerweile in Ungnade gefallener Kriegskamerad Hannah (Hugo Weaving) stoppen soll. Für diesen ist die Ergreifung Feeneys der einzige Ausweg aus einer misslichen Lage – hat er doch als Inspektor einen Verdächtigen, der nicht reden wollte, zu Tode gewürgt. Die Aussichten sind klar: Feeney oder er – am Ende baumelt einer. Und so zieht Hannah widerwillig los in Begleitung eines dienstbeflissenen Leutnants, eines Grünschnabels und des Einheimischen Conneely (Stephen Rea). Schon bald kommt es zu einer ersten Konfrontation. „Black 47“ spielt während eines der finstersten Kapitel der europäischen Geschichte – der irischen Hungersnot Mitte des 19. Jahrhunderts. Filme wie „Gangs of New York“ von Martin Scorsese berichten von den Auswirkungen dieser Not, doch kaum ein Film hat bislang auf so drastische und intensive Weise von der Episode selbst erzählt. Das Land ist karg und unwirtlich, und wer kein Dach über dem Kopf hat, stirbt. Doch als wäre eine Geißel nicht genug, zieht auch noch England das letzte bisschen an Ernte aus dem Land heraus. Und in diesem politischen, sozialen Kälteklima ist der Film von Lance Daly angesiedelt. Westernmotive werden ausgiebig bedient, und selten haben diese außerhalb des Wilden Westens selbst so gut gepasst wie hier. „Black 47“ erzählt von Outlaws, deren einziger Überlebenswille sich aus dem Hass auf jene zieht, die ihnen alles genommen haben. Die Wut wird in der zerklüfteten Landschaft genauso spür- und erfahrbar wie der Hunger. So gesehen ist „Black 47“ ein zutiefst pessimistischer Film, der sich auch einer versöhnlichen Schlussbotschaft verschließt, aber gleichzeitig menschelt es hier gewaltig. Vielleicht hat er ein paar Längen und ist an manchen Stellen etwas unrhythmisch erzählt, und auch nicht immer sind alle Handlungen nachvollziehbar, aber dennoch ein Film, den man sich durchaus mal ansehen kann, auch wenn man danach nicht unbedingt gut gelaunt aus dem Kino kommt.


7,0
von 10 Kürbissen

Berlinale 2018

So, es ist geschafft. Eine Woche lag ich krank, aber rechtzeitig vor dem Abflug morgen nach Berlin habe ich von meiner Ärztin das grüne Licht bekommen. Ich fliege also nach Berlin und werde mich dort, mit einer Presseakkreditierung bewehrt, ins Festivalgetümmel werfen – zum ersten Mal außerhalb der eigenen Landesgrenzen. Ich freue mich auf die riesigen Säle des Zoo Palasts und des Berlinale Palasts, auf ein sehr buntes, vielfältiges Programm, das ich mir zusammengestellt habe, und überhaupt meine ersten Erfahrungen als Vertreter der Presse. Die ersten (regulären) Tickets sind gesichert. Vor allem auf „Isle of Dogs“, den neuen Wes Anderson, bin ich sehr gespannt. Die Pressevorführungen werden wohl noch von dem einen oder anderen Lerneffekt begleitet – denn ich habe nicht die leiseste Ahnung, ab wann man sich für die Tickets für diese Vorstellungen anstellen muss. Gut möglich also, dass mein ambitioniertes Programm von 15 Filmen dann eh noch zusammenschrumpft. Ihr werdet es hier jedenfalls lesen, welche Filme ich letztendlich besucht habe und was ich von ihnen halte.

Die Nibelungen (1924)

Regie: Fritz Lang
Original-Titel: Die Nibelungen: Siegfried / Die Nibelungen: Kriemhilds Rache
Erscheinungsjahr: 1924
Genre: Abenteuerfilm, Fantasy
IMDB-Link: Die Nibelungen: SiegfriedDie Nibelungen: Kriemhilds Rache


Krank zu sein ist ja nicht wirklich lustig. Allein positiv daran: Man hat endlich mal Zeit, sich den 4,5-stündigen Stummfilmklassiker „Die Nibelungen“ von Fritz Lang reinzuziehen. Bislang kannte ich nur die Verfilmung aus dem Jahr 1967 mit Terence Hill (damals noch Mario Girotti) als Giselher. Zeit also, diese Lücke zu schließen. Gleich zu Beginn wird in Frakturschrift über den ganzen Bildschirm verteilt: „Dem deutschen Volke zu eigen“. Das macht Sinn, denn das Nibelungenlied ist schließlich das deutsche Nationalepos schlechthin, und Fritz Lang, gelernter Österreicher und nach seiner Heirat 1922 auch Wahldeutscher, wusste schon, was sich gehört. Im Nachhinein zeigt diese Widmung allerdings eine fast höhnische Spitze gegen das deutsche Volk. Denn im Grunde sind die Nibelungen ja ausschließlich bevölkert von Egomanen, Rachsüchtigen und störrischen Eseln, die lieber zugrunde gehen als einmal vom bisherigen Kurs abzuweichen. Selbst der strahlende Held Siegfried kommt nicht besonders gut weg. Sagen wir mal so: Mit seinem Ego allein hätte man die chinesische Mauer ein zweites Mal bauen können. Dass er noch dazu jeden Schwindel mitmacht, der widerspenstigen Brunhild die Jüngfräulichkeit stiehlt und das alles noch vor seiner trauten Kriemhild ausplaudert, die natürlich von Stolz zerfressen auch wieder nicht ihre Klappe halten kann, lässt den Karren, der ohnehin schon ziemlich verfahren ist, endgültig mit Vollkaracho gegen die Wand knallen, und Hagen von Tronje hat seinen großen Moment. Man kennt die Geschichte: Drachenblut. Lindenblatt. Kriemhild stickt nichtsahnend ein Kreuzerl. Hagen visiert dieses an. Siegfried tot. Kriemhild sauer. Auftritt Etzel. Gemetzel bei Etzel. Am Ende sind alle tot und keiner hat was gelernt. Ausgenommen das Publikum, denn das ist hochgradig erfreut ob des Gesehenen. Denn Fritz Lang hat da vor mittlerweile fast 100 Jahren etwas Bleibendes auf die Leinwand gezaubert. Die Kulissen, die Kostüme, die Spezialeffekte – all das ist atemberaubend, wenn man sie im Kontext der Zeit sieht. Und die Geschichte selbst hat ohnehin universell Bestand. Sie ist kurzweilig erzählt, die 4,5 Stunden vergehen tatsächlich schneller als man glaubt. Zu gebannt ist man von der Schönheit der Bilder, von der Dramatik in den Blicken (man beginnt zu begreifen, warum sich Harry M. Warner, damals Chef der Warner Brothers, zu der Aussage versteigen konnte: „Wer zur Hölle will Schauspieler reden hören?“), der Liebe zum Detail und zur Opulenz. Die Meisterschaft Fritz Langs zeigt sich vor allem darin, dass er kein simples Abenteuerspektakel, das heute vielleicht lächerlich wirken könnte, aus den Nibelungen gemacht hat, sondern ein sehr düsteres, grimmiges Werk, das auch ein Jahrhundert später noch hervorragend funktioniert.


8,0
von 10 Kürbissen

Der seidene Faden (2017)

Regie: Paul Thomas Anderson
Original-Titel: Phantom Thread
Erscheinungsjahr: 2017
Genre: Drama, Liebesfilm
IMDB-Link: Phantom Thread


Der distinguierte, leicht pedantische Reynolds Woodcock (Daniel Day-Lewis) ist der beste Schneider Londons. Sogar Prinzessinnen lassen sich von ihm zu ihrer Hochzeit einkleiden. Alma Elson (Vicky Krieps) ist eine Kellnerin, die dank ihrer perfekten Maße zu Woodcocks Muse und Geliebten wird. Das ist „Phantom Thread“ – und was jetzt erst einmal nach einer eh-schon-tausend-Mal-gesehenen Geschichte über die fragile Liebesbeziehung zwischen einem reichen, alten Sack und einem betörend agilen Mädchen klingt, entpuppt sich in weiterer Folge als subtiles, schwarzhumoriges Meisterwerk über Macht und Abhängigkeit. Denn der Stoff (Achtung: Doppeldeutigkeit!) ist bei Paul Thomas Anderson in den allerbesten Händen. Allein schon, wenn man das Handwerkliche betrachtet, kommt man aus dem Zungeschnalzen nicht mehr heraus. Die Kamera schafft mit gedämpften Bildern eine sehr intime Atmosphäre. Die Ausstattung ist exquisit und edel und unterstreicht den Reichtum sowie auch die Entrückung Woodcocks von der „realen Welt“. Die ganz große Stärke des Films liegt aber in der Akustik. Woodcock liebt Stille, er braucht sie, um sich zu konzentrieren und sein Genie zur Entfaltung zu bringen. Konsequenterweise nimmt er Geräusche überhöht wahr – und mit ihm auch das Publikum. Hier knistert der Stoff, wenn die Schere am Werk ist. Hier scharren Absätze auf dem Parkett, blubbert das Teewasser beim Aufguss besonders laut. Begleitet wird die Geräuschkulisse, die – ähnlich wie die Kamera – auch noch mal einen größeren Eindruck von Intimität entstehen lässt, durch den genialen Soundtrack von Jonny Greenwood, der sich einmal mehr enorm wandlungsfähig zeigt. Kein Vergleich zu dem düsteren, bedrohlichen Soundtrack von „There Will Be Blood“, der ebenfalls aus seiner Feder stammt. Der Soundtrack in „Phantom Thread“ ist sanft, den Zuhörer wie in Seide einbettend, weist aber dennoch immer wieder auf die Spannungsverhältnisse innerhalb der Beziehung von Reynolds und Alma hin. Bleibt zuletzt nur noch etwas über die schauspielerische Leistung zu sagen. Daniel Day-Lewis. Sein letzter Film. Was für eine Lücke wird er hinterlassen! Wie in allen seinen Filmen spielt er die Rolle nicht, er lebt sie. Er tritt völlig hinter der Rolle zurück. Sein Reynolds Woodcock ist mit keiner seiner vorigen Rollen vergleichbar, und gleichzeitig fühlt er sich wieder authentisch an, als wäre das die einzige Rolle gewesen, die er jemals gespielt hat. Ein absolutes Ausnahmetalent. Er und Meryl Streep – das sind die beiden Giganten unserer Zeit. Aber auch die luxemburgische Newcomerin Vicky Krieps ist zu erwähnen. Furchtlos stellt sie sich in ihrer Rolle als Alma und als Schauspielerin der Naturgewalt von Daniel Day-Lewis. Ihre Rolle ist fordernd – denn sie muss gleichzeitig verletzlich und willensstark wirken, und das gelingt ihr außerordentlich gut. „Phantom Thread“ gehört definitiv jetzt schon zu den Highlights des Jahres und wird sich wohl auch in meiner Best of 2018-Liste wiederfinden.


8,5
von 10 Kürbissen

An dieser Stelle mal ein herzliches Dankeschön!

Es ist wieder einmal Zeit, danke zu sagen. Für 288 Besucher und 752 Seitenaufrufe im Jänner 2018. Das ist für den kleinen Filmkürbis, der dank euch immer größer wird, bei beiden Kennzahlen ein neuer Rekord und ein sehr schöner Erfolg.

Gleichzeitig darf ich ankündigen, dass der Filmkürbis im Februar zum ersten Mal auf der Berlinale herumturnen wird. Vom 16. bis 21. Februar, um genau zu sein. Ich werde von den Filmen, die ich mir dort zu Gemüte führe, selbstverständlich wieder in gewohnter Form berichten. Und falls ihr zur gleichen Zeit in Berlin seid und Lust habt, mal ein koffeinhaltiges Heißgetränk oder Ähnliches mit mir zu trinken, schreibt mir. Ich freue mich.

Three Billboards Outside Ebbing, Missouri (2017)

Regie: Martin McDonagh
Original-Titel: Three Billboards Outside Ebbing, Missouri
Erscheinungsjahr: 2017
Genre: Drama, Komödie, Krimi
IMDB-Link: Three Billboards Outside Ebbing, Missouri


Letztes Jahr hatten wir bei den Oscars das große Duell „La La Land“ gegen „Moonlight„. Das fantasievoll inszenierte Musical gegen die niederdrückende Coming of Age-Geschichte. Dieses Jahr lautet der erwartete Zweikampf „The Shape of Water“ gegen „Three Billboards Outside Ebbing, Missouri“. Das laut Kritik dunkle Märchen gegen die bitter-zynische Tragikomödie – erneut sind es zwei sehr gegensätzliche Filme, die um die höchsten Meriten rittern. Als ersten der beiden Filme habe ich nun „Three Billboards“ gesehen. In diesem Film geht es um Mildred Hayes (erneut oscarreif: Frances McDormand), deren Tochter Angela vergewaltigt und getötet wurde. Mildreds Meinung nach ist die örtliche Polizei unter Chief Willoughby (Woody Harrelson, ebenfalls überzeugend) untätig, und die Ermittlungen wurden viel zu früh eingestellt. Also mietet sie drei alte Reklametafeln außerhalb der Stadt an, auf denen sie die Polizei an den Pranger stellt. Das kommt nicht so gut an in der Stadt, die ihren Polizeikommandanten sehr schätzt. Und da in der Polizei auch noch der Heißsporn und Redneck Dixon (Sam Rockwell, überragend!) tätig ist und der Chief selbst mit gesundheitlichen Problemen zu kämpfen hat, eskaliert die ganze Geschichte rasch. Die Nerven der Stadt werden frei gelegt. Eigentlich ist „Three Billboards Outside Ebbing, Missouri“ ein zynisches Rachedrama und der Versuch einer Verlustbewältigung. Zum Heulen traurig und mit keiner einzigen wirklich durchgängig sympathischen Figur. Mildred ist auf dem Kriegspfad und nimmt dabei keine Rücksicht auf Verluste. Chief Willoughby ist nett, aber apathisch, Dixon ein Trottel und Arschloch. Die Geschichte selbst ist deprimierend und erscheint hoffnungslos. Und trotzdem blitzt immer wieder ein sehr schwarzer, sarkastischer Humor durch. Und die Geschichte einer Nebenfigur rückt allmählich überraschend in den Fokus und bietet plötzlich so etwas wie einen Silberstreifen am Horizont an. Am Ende ist es die Geschichte über zwei Menschen, die lernen, richtig und falsch voneinander zu unterscheiden. Und nach zwei Stunden, in denen jeder nach seinem persönlichen (mehr oder weniger vorhandenen) Kompass gehandelt hat, ohne dabei auch nur einen Millimeter von der eigenen Linie abzuweichen, ist das vielleicht die schönste Botschaft, die der Film dem Publikum mitgeben kann. „Three Billboards Outside Ebbing, Missouri“ ist vielleicht kein Film, der alle Zuseher emotional mitreißen wird – dazu ist er zu nüchtern erzählt. Auch ich bin nicht begeistert von meinem Sitz gesprungen, um mir gleich das Ticket für die nächste Vorstellung zu kaufen. Aber „Three Billboards Outside Ebbing, Missouri“ ist ein Film, der bleiben wird – denn er ist universell und menschlich und gnadenlos gut gespielt.


8,0
von 10 Kürbissen

The Portrait of a Lady (1996)

Regie: Jane Campion
Original-Titel: The Portrait of a Lady
Erscheinungsjahr: 1996
Genre: Drama, Historienfilm
IMDB-Link: The Portrait of a Lady


„The Portrait of a Lady“, Jane Campions opulente Verfilmung des Romans von Henry James, erhielt nur gemischte Kritiken. Und ja, es ist immer ein schwieriges Unterfangen, wenn man ein 600 Seiten starkes Buch auf Filmlänge zusammendampfen muss, zumal Henry James für das präzise Herausarbeiten sehr feiner psychologischer Nuancen bekannt war, die sich filmisch halt auch nur schwer darstellen lassen. So schreibt das Lexikon des internationalen Films zum Beispiel: „Gediegene Adaption eines Romans von Henry James, der es jedoch nicht ganz gelingt, die Beweggründe ihrer Protagonisten zu verdeutlichen […].“ Doch gerade darin liegt für mich der ganz große Reiz des Films, der seine Figuren eben nicht erklärt. Sie bleiben rätselhaft und in ihren Handlungen zuweilen auch unverständlich. Aber sind wir Menschen nicht so? Die Figuren in James‘ Roman sind ja auch extrem ambivalent angelegt, und dem wird Jane Campions Umsetzung gerecht. Isabel Archer (eine hinreißende Nicole Kidman) versteht ihre eigenen Entscheidungen oft nicht, sie folgt einem Gefühl, einem Impuls, immer aus ihren eigenen Vorstellungen von Freiheit und Unabhängigkeit heraus. Doch genau diese Vorstellungen und Ideen können sie aber auch in die Irre führen. So schlägt sie die Heiratsanträge der noblen Verehrer Lord Warburton (Richard E. Grant) und Caspar Goodwood (Viggo Mortensen) aus, nur um sich in die Arme des egozentrischen Gilbert Osmond (John Malkovich, undurchschaubar bis dämonisch wie immer) zu werfen, mit dem sie fortan eine unglückselige Ehe führt. Macht das Sinn? Nein. Aber manchmal trifft man eben mit vollem Bewusstsein und aus eigenem Antrieb heraus depperte Entscheidungen. Wenn das noch dazu so herausragend gespielt ist wie in „The Portrait of a Lady“, dann besteht die große Chance, dass man gefesselt am Bildschirm kleben bleibt. Zu nennen sind da neben dem Hauptcast noch die oscarnominierte Barbara Hershey sowie Martin Donovan, die extrem facettenreiche und interessante Nebenfiguren spielen.  Und zu nennen ist natürlich Mr. Henry James himself, der mit seinem Roman die Vorlage für die scharfzüngigen und hintersinnigen Dialoge geschaffen hat, die hier so geschliffen vorgetragen werden. Ein Film, der mehr wie ein Theaterstück wirkt, und genau das muss man eben nicht mögen, aber man kann, wenn man eine Antenne für diese Art von Geschichten hat.


8,0
von 10 Kürbissen