Für österreichische Film-Aficionados ist der April ganz ordentlich durchgetaktet. Während im Filmmuseum in Wien eine Aki Kaurismäki-Werkschau zu sehen ist, startet diese Woche ebenfalls hier vor Ort das LET’S CEE Film Festival, das den Schwerpunkt auf zentral- und osteuropäisches Kino legt, und gleich im Anschluss daran findet in Linz das Crossing Europe Festival statt, das Filmfestival für junges europäisches Kino. Klar, dass ich auf allen drei Hochzeiten tanzen muss. Das Crossing Europe Festival war so freundlich, mir eine Presseakkreditierung zu gewähren – und ich werde davon Gebrauch machen, in dem ich mich vier Tage lang in den Linzer Kinosälen einbunkere. Für das LET’S CEE-Festival habe ich mir immerhin fünf Tickets gesichert, und Kaurismäki wird dazwischen eingestreut, wann immer es geht. Wer also in den nächsten drei Wochen etwas von mir braucht: Sucht in den Kinosälen. Dort ist die Wahrscheinlichkeit, mich anzutreffen, am größten.
Leningrad Cowboys Go America (1989)
Regie: Aki Kaurismäki
Original-Titel: Leningrad Cowboys Go America
Erscheinungsjahr: 1989
Genre: Komödie, Roadmovie, Musikfilm, Satire
IMDB-Link: Leningrad Cowboys Go America
Diesen Film muss man erst einmal sacken lassen. Der braucht eine Weile, um kognitiv verarbeitet zu werden. Aber weil es eh irgendwie wurscht ist, kann man eine Filmkritik auch nach Art der Leningrad Cowboys schreiben, nach dem Motto „Scheiß drauf, wir machen das jetzt einfach“. Denn so funktioniert der Film, so funktionieren die Leningrad Cowboys. Gerade noch in der finnischen Tundra von einem Plattenchef abgelehnt worden mit dem Hinweis, „Geht nach Amerika, die kaufen dort jeden Scheiß“, sitzen sie mit ihren imposanten Haartollen schon im Flugzeug, den beim Üben im Freien erfrorenen Bassisten im Gepäck, und machen das Land der unbegrenzten Möglichkeiten unsicher. Und weil das Land eben unbegrenzte Möglichkeiten bietet, spielt man von Rock’n’Roll über Country alles, was gerade verlangt wird. So richtig zündet die Mischung aus stoischer Coolness, Haargel und Posaunen nicht beim Publikum, aber man schlägt sich durch, bis man schließlich in Mexiko groß aufspielt. Und das, obwohl es manchmal vom diktatorischen Manager (Matti Pellonpää) nur rohe Zwiebeln zum Essen gibt, während er sich saftige Filetsteaks hineinzieht. Man kommt nie aus dem Takt. Ein bisschen ist „Leningrad Cowboys Go America“ die satirische und durch und durch finnische Antwort auf die Blues Brothers, die wiederum selbst ein satirischer Kommentar auf die Musikszene in den USA sind. Die Blues Brothers sind schon irre, aber gegen die Leningrad Cowboys erscheinen sie zahm wie die Wiener Sängerknaben. Nicht jeder Witz dieses episodenhaft angelegten Klamauk zündet, aber irgendwie ist das egal, denn allein schon die Frisuren sorgen dafür, dass man die ganze Zeit über Spaß hat. Und weil das mit den Frisuren so gut funktioniert hat, wurde aus der von Kaurismäki erdachten fiktiven Band tatsächlich eine echte mit breiter Fanbasis über den ganzen Planeten. Life imitates art.
(Dieser Film ist als Reiseetappe # 48 Teil meiner Filmreisechallenge 2018. Mehr darüber hier.)
7,0
von 10 Kürbissen
Im Zweifel glücklich (2017)
Regie: Mike White
Original-Titel: Brad’s Status
Erscheinungsjahr: 2017
Genre: Drama, Komödie
IMDB-Link: Brad’s Status
Brad Sloan (Ben Stiller) hat eigentlich alles, was man sich nur wünschen kann: Eine liebevolle Frau, einen intelligenten und wohlgeratenen Sohn, der demnächst aufs College wechseln wird, ein schönes Haus, einen interessanten Job in seinem eigenen kleinen Non-Profit-Unternehmen, einen phlegmatischen Hund, der süße Grunzlaute ausstößt, wenn man ihm unterm Kinn krault. Brad Sloan hat aber ein Problem: Es lautet Brad Sloan. Denn aus irgendwelchen seltsamen, nicht nachvollziehbaren Gründen fühlt er sich vom Leben betrogen. Er ist nicht im Fernsehen, er hat keinen eigenen Privatjet, er vögelt nicht mit jungen Collegehaserln am Strand, und jetzt geht der Nachwuchs vielleicht sogar noch auf eine bessere Universität als er selbst. Das ist doch mal echt ein Grund, 101 Minuten lang eine Leichenbittermiene aufzusetzen und seine Gedanken in einer endlosen Achterbahn um die unfaire Welt kreisen zu lassen. Beim Zuseher baut sich derweilen auch eine Emotion auf: Ärger. Selten war der Wunsch größer, die vierte Wand rückwärts zu durchbrechen, also a la Last Action Hero in den Film einzusteigen und der Hauptfigur links und rechts eine zu betonieren. Oder zwei, wenn sie noch lange herumsudert. Oder drei. Sicher ist sicher. Natürlich versucht Mike White in seinem seltsam misanthropischen Feelgood-Movie, am Ende die Kurve zu kriegen und seinem Brad Sloan statt einer ordentlichen Gnackwatschn eine Erkenntnis zu bescheren, aber da ist es schon zu spät, da lässt sich nichts mehr retten. Wenn man irgendeinen netten, sympathischen Zug an Brad Sloan entdecken kann (im Sinne von „Na ja, ein Arschloch ist er, aber er hat immerhin saubere Hemden an“), könnte der Film vielleicht sogar funktionieren, wie einige gute Kritiken dazu vermuten lassen. Aber sorry, dafür müsste ich mehr Augen inklusive aller Hühneraugen zudrücken als Ben Stiller Filme gedreht hat mit einem der Wilson-Brüder (hier mal wieder Luke Wilson). Fazit: Wer Ben Stiller auf Sinnsuche erleben möchte, sollte lieber zu Das erstaunliche Leben des Walter Mitty greifen.
3,5
von 10 Kürbissen
Schatten im Paradies (1986)
Regie: Aki Kaurismäki
Original-Titel: Varjoja Paratiisissa
Erscheinungsjahr: 1986
Genre: Komödie, Liebesfilm
IMDB-Link: Varjoja Paratiisissa
„Schatten im Paradies“ ist ein Film wie Janne Ahonen. Für all jene, die nicht so wintersportbewandert sind: Janne Ahonen ist für mich der finnischste Finne aller Zeiten. Quod erat demonstrandum. Es geht um den Müllwagenfahrer Nikander (Matti Pellonpää), der einen neuen Freund und Kollegen findet (Sakari Kuosmanen) und sich in die Supermarktkassiererin Ilona (Kati Outinen) verschaut. Diese hat ein kleines Problem: Als sie gefeuert wird, stiehlt sie aus Frust und Rachegelüsten die unbewachte Kasse. Gemeinsam mit Nikander, mit dem sie einmal ein schief gelaufenes Date hatte, aber der halt nun eben da ist, macht sie sich auf den Weg, und tatsächlich kann ihr Nikander aus der Patsche helfen. Auftakt zu einer fragilen Beziehung, denn der stoische Schüchterne ist nicht unbedingt 1A-Beziehungsmaterial. Der Humor des Films liegt in seiner unglaublichen Lakonie. Der Witz ist subtil und staubtrocken. Beispielhaft dieser Dialog, als ein Kollege von Nikander, der sich mit einem eigenen Mülldienst selbstständig machen möchte, diesem den Werbeslogan vorstellt (man beachte das Erscheinungsjahr des Films): „Verlässliche Müllbeseitigung seit 1986!“ – „Aber das ist jetzt.“ – „Genau. Es erregt Aufmerksamkeit.“ – „Das ist sehr schlau.“ Entweder man kringelt sich da kichernd in den Kinosessel ein, oder man stellt in Momenten wie diesen fest, dass Kaurismäki nichts für einen ist. Ich gehöre zur ersten Gruppe. Was ich an diesem Film so wunderbar fand, ist der liebevolle Blick von Kaurismäki auf seine Figuren. Sie sind Außenseiter, sie haben Marotten, bei denen man sich durchaus auch einmal fremdschämt, sie wissen nicht so recht, wie sie umgehen sollen mit ihren Gefühlen und Bedürfnissen, die sich oft als blankes Entsetzen in ihren Blicken spiegeln, aber Kaurismäki nutzt sie nicht aus, er gibt sie nie der Lächerlichkeit preis. Im Gegenteil, er solidarisiert sich mit ihnen, setzt ihnen ein Denkmal. Am Ende sind diese alltäglichen, überforderten Figuren auf ihre Weise Helden, und man möchte aufspringen, um ihnen zu applaudieren. „Aber wie können wir allein von deinem Einkommen leben?“ (Ohne die Miene zu verziehen:) „Small Potatoes.“ Mehr braucht es nicht.
8,5
von 10 Kürbissen
Results (2015)
Regie: Andrew Bujalski
Original-Titel: Results
Erscheinungsjahr: 2015
Genre: Komödie, Rom-Com
IMDB-Link: Results
Wenn ein Film 105 Minuten dauert und sich nach 150 Minuten anfühlt, ist das in den meisten Fällen nicht so gut. So ist es auch bei „Results“. Was fehlt nun dieser romantischen Independent-Komödie mit Guy Pearce, Coby Smulders und Kevin Corrigan in den Hauptrollen? Nun, ganz einfach gesagt, sind es zwei Dinge: Die Romantik und die Komödie. Der Film plätschert relativ unaufgeregt vor sich hin und erzählt von zwei Fitness-Trainern (Pearce und Smulders), die auf einen depressiven, frisch geschiedenen Neureichen (Corrigan) treffen. Einige lustige Szenen folgen. Ein tiefenentspannter Hund und eine schöne Katze sind zu sehen. Man unterhält sich, streitet sich, und all das ist auch ganz gut gespielt, Cobie Smulders bietet wie immer was fürs Auge, Guy Pearce ist sympathisch überfordert und Kevin Corrigan stiehlt allen die Show, aber am Ende war’s mir selten so egal, ob sich die beiden Love Interests nun finden oder nicht. (Spoiler: Sie finden sich. Wurscht.) Und dazwischen viel Fitness. Guy Pearce ist erstaunlich fit. Coby Smulders hat einen schönen Hintern. Okay. Nächster Film, bitte.
4,0
von 10 Kürbissen
The Lobster (2015)
Regie: Giorgos Lanthimos
Original-Titel: The Lobster
Erscheinungsjahr: 2015
Genre: Drama, Fantasy, Satire
IMDB-Link: The Lobster
Vorweg: Der griechische Regisseur Giorgios Lanthimos hat einen an der Waffel. Definitiv. Oder gute Drogen. Oder beides. Aber das ist gut so. Denn nur deshalb kommen wohl solch außergewöhnlichen Filme wie „Dogtooth“ oder eben „The Lobster“ zustande, die verstören, aufwühlen und lange nachhallen. Worum geht es in „The Lobster“? In einer dystopischen Nah-Zukunfts-Welt oder einer alternativen Gegenwart (so ganz klar wird das nicht) müssen alleinstehende Erwachsene für 45 Tage in ein Hotel mit Rundum-Betreuung ziehen und innerhalb dieser 45 Tage einen Partner bzw. eine Partnerin finden. Gelingt ihnen das nicht, werden sie nach Ablauf der Frist in ein Tier ihrer Wahl transformiert und im Wald ausgesetzt. Sie können die Aufenthaltsdauer im Hotel verlängern, indem sie „Loners“ betäuben und einfangen – Menschen, die sich gegen ein Leben in Partnerschaft entschieden haben und in Grüppchen als Outsider durch die Wälder streifen. Und als wäre das alles nicht schon bizarr genug, finden sich die Paare über gemeinsame Merkmale wie ein hinkendes Bein oder Nasenbluten. Daraus resultiert dann ein lakonisches Kunstwerk, das zwischen bitter-zynischer Komödie, verstörender Dystopie und schwarzhumoriger Parabel über Beziehungssuche und das menschliche Bedürfnis nach Bindung changiert. Colin Farrell in der Hauptrolle spielt so gut wie noch nie zuvor, aber auch der Rest des Casts kann mit zurückhaltendem, nuanciertem Spiel überzeugen. Einige Szenen gehen massiv an die Nieren, und das Lachen bleibt dem Zuseher des Öfteren auch im Hals stecken. Ein Meisterwerk.
9,0
von 10 Kürbissen
Das bessere Leben (2011)
Regie: Małgorzata Szumowska
Original-Titel: Elles
Erscheinungsjahr: 2011
Genre: Drama, Erotik
IMDB-Link: Elles
Es gibt drei Gründe, „Das bessere Leben“ anzusehen: Juliette Binoche sowie Joanna Kuligs linke Brust und Joanna Kuligs rechte Brust. Ist man eine heterosexuelle Frau oder ein homosexueller Mann, reduziert sich das auf Juliette Binoche. Diese spielt eine Reporterin, die für das Magazin Elle zwei junge Callgirls interviewt. Die beiden jungen Damen leben nach außen hin ein bürgerliches, studentisches Leben und haben es folglich nicht immer leicht, Privates und Beruf voneinander zu trennen. Im Laufe des Interviews kommt Anne, die Reporterin, den Mädchen emotional näher, sie freunden sich gewissermaßen an. Gleichzeitig wirkt Anne in ihrem Familienalltag ein wenig unentspannt, sie kann nicht loslassen. Wer sich jetzt die Frage stellt „So what?“, hat des Pudels Kern ganz gut erfasst. So what? Irgendwie führt der Film zu nichts. Will er ein Statement gegen Prostitution abgeben? Nein. Dazu ist das alles (mit einer Ausnahme) zu harmlos und zu lieblich in Hochglanzbildern dargestellt. Ist es ein Plädoyer für die sexuelle Selbstbestimmung der Frau? Auch nicht wirklich. Denn so richtig selbstbestimmt wirkt niemand in diesem Film. Es fehlt das Ziel. Worauf will der Film hinaus? Welche Geschichte will er erzählen? Über die Verruchtheit, die in den Alltag einbricht? Dafür ist das Erzählte viel zu glatt und oberflächlich. Und so sitzt „Das bessere Leben“ irgendwie zwischen den Stühlen und kann sich nicht entscheiden, was es sein möchte. Nur Juliette Binoche ist gut wie fast immer. Sie spielt ihre Anne mit einer Mischung aus Neugier und Verletzlichkeit. Einzig diese Figur zeigt ein wenig Tiefe, aber auch da weiß man am Ende nicht, wohin die Geschichte diese Figur führen möchte. Am Ende bleibt der Eindruck, dass man hier mal was ganz Verruchtes machen wollte, über Prostitution und so, ganz heißes Thema, damit können wir die Klassikradio hörenden Spießbürgerlichen aufrütteln, da machen sie Augen ob der Abgründe, die sich aus ihren Begehrlichkeiten auftun. Ja eh. Gähn. Das Ergebnis ist so glattgebügelt und nichtssagend wie das Hochglanzmagazin, für das im Film die Reportage geschrieben werden soll.
5,0
von 10 Kürbissen
Auslöschung (2018)
Regie: Alex Garland
Original-Titel: Annihilation
Erscheinungsjahr: 2018
Genre: Science Fiction, Horror
IMDB-Link: Annihilation
Oft tritt Überraschendes zutage beim Sichten von Filmen. So zum Beispiel, dass Thomas Bernhard ein echt leiwander Science Fiction-Autor war. Alex Garland hat seinen Roman „Auslöschung“ zwar ein bisschen gar frei interpretiert, aber hey – das ist das Recht eines jeden Künstlers. So wird aus dem fünfzigjährigen Professor Franz-Josef Murau die junge Biologin und Ex-Soldatin Lena (Natalie Portman). Diese plagt sich damit herum, dass ihr Angetrauter Kane (Oscar Isaac), ein Soldat, seit einem Jahr verschollen ist. Nun steht er plötzlich wieder vor der Tür, ein bisschen schweigsam vielleicht, aber doch in einem Stück. Blöd nur, dass er gleich darauf beginnt, Blut zu spucken, und auf dem Weg ins Krankenhaus wird man gleich mal eingesackelt und unter Quarantäne gestellt. Dabei stellt sich heraus, dass Kane in einer geheimen Mission unterwegs war, die eine seltsame Anomalie, einen „Schimmer“, im Sumpfgebiet von WeißderGeierwoesisthaltwieüblichirgendwoinAmerika, untersuchen sollte. Bislang ist er das einzige Lebewesen, das lebend aus diesem Gebiet zurückgekehrt ist. Und weil’s dem Holden gesundheitlich ja eh nicht so gut geht, dass man groß Hoffnung hegen könnte, und weil Lena gerade ein bisschen fad ist, schließt sie sich kurzerhand der nächsten Mission an, die aus vier Frauen besteht, weil den Männern kann man ja nicht mehr trauen, die kommen nicht zurück und wenn schon, spucken sie Blut und sehen nicht so aus, als würden sie es noch lange machen. Was dann in diesem Sumpfgebiet innerhalb des Schimmers passiert, kann man nicht erzählen, ohne massiv zu spoilern. Nur so viel: Oft fühlt man sich an Tarkowskis „Stalker“ erinnert, manchmal auch an „Jurassic Park“, stimmungsmäßig werden gelegentlich Erinnerungen an „Under the Skin“ wach, und wenn man sich in cineastischer Euphorie etwas zu sehr mitreißen lässt, könnte man auch noch Kubricks „2001 – Odyssee im Weltraum“ referenzieren, aber das wäre wohl zu viel des Guten. Was „Auslöschung“ aber definitiv bietet, ist gute und spannende Unterhaltung, die sich intellektuell nicht nur auf Höhe der Grasnarbe aufhält, aber letztlich vielleicht einen kleinen Tick zu viel verspricht als der Film letztlich halten kann.
7,0
von 10 Kürbissen
Nordrand (1999)
Regie: Barbara Albert
Original-Titel: Nordrand
Erscheinungsjahr: 1999
Genre: Drama
IMDB-Link: Nordrand
Das ist er also, der Wendepunkt des österreichischen Films. „Nordrand“ von Barbara Albert, 1999 angelaufen, entwickelte sich zu einem Festivalhit und war der erste österreichische Film seit Jahrzehnten, der in Venedig für den Goldenen Löwen nominiert wurde. Nina Proll konnte sogar den Preis für die beste Nachwuchsschauspielerin mit nach Hause nehmen. Plötzlich wurde der österreichische Film international wieder beachtet, und seitdem heimsen österreichische Filmschaffende bedeutende Filmpreise ein, Haneke und Ruzowitzky sind sogar Oscar-prämiert. Aber wie sieht es nun mit „Nordrand“ selbst aus, der Film, der quasi das Starterkabel für den stotternden österreichischen Filmmotor bereitstellte? Nun, es geht um alles, und es geht um nichts. Es geht primär einmal um die junge Erwachsene Jasmin (Nina Proll), die in einer dysfunktionalen Familie aufwächst (teilnahmslose Mutter, goscherte Kinder, gewalttätiger und sexuell missbrauchender Vater) und von ihrem Chef schwanger wird. Dass ihr so eine Schwangerschaft einmal passiert, überrascht niemanden, denn sie ist als promiskuitiv verschrien. Als sie die Schwangerschaft abbricht, trifft sie auf ihre ehemalige Schulkameradin Tamara (Edita Malovčić), gebürtige Serbin, die von ihrem Freund ebenfalls ungewollt schwanger geworden ist. So ein Erlebnis verbindet, und die alte Freundschaft flammt wieder auf. Weitere Handlungsstränge beschäftigen sich mit dem bosnischen Soldaten Senad (Astrit Alihajdaraj), ein Deserteur, der illegal über die Grenze nach Österreich eingewandert ist, und dem Rumänen Valentin (Michael Tanczos), der von Amerika träumt. Die Wege dieser vier jungen Menschen kreuzen sich, und für einen Moment sieht es so aus, als wäre ein glückliches Leben möglich. Doch was das Leben tatsächlich bringt, bleibt offen. Barbara Albert selbst erklärte, sie wollte einen Film über Nähe und Distanz machen, und diese Intention kommt klar durch. Allerdings mäandert der Film manchmal ein wenig zu sehr herum. Ich mag es prinzipiell, wenn Vieles in der Schwebe bleibt, wenn der Zuseher am Ende des Films die Geschichte weiterdenken kann, aber ein wenig mehr Struktur hätte Barbara Albert dem Zuseher schon an die Hand geben können. So ist „Nordrand“ mehr ein Gesellschafts- und Zeitporträt als eine interessante Geschichte. Auf jeden Fall kann man den Film wunderbar dazu verwenden, den jüngeren Österreicherinnen und Österreichern das Wien der 90er zu erklären: Den Soundtrack liefern die Kelly Family und Ace of Base, Jasmin arbeitet bei der Aida (dass es dieses rosafarbene Konditorei-Franchise auch heute noch gibt, gehört zu den großen Anachronismen des Universums), am Nationalfeiertag fahren vor begeisterten, Fähnchen schwingenden Vorstadthelden („Yeah, unser Heer! Wir brauchen des!“) die Panzer auf, während am Himmel die Draken vorbeistottern, zu Silvester wird vor dem Stephansdom der Donauwalzer getanzt, und ein junger Georg Friedrich raunzt sich durchs Drehbuch. Mehr Wien, mehr 90er geht nicht.
6,0
von 10 Kürbissen
Das Piano (1993)
Regie: Jane Campion
Original-Titel: The Piano
Erscheinungsjahr: 1993
Genre: Drama, Liebesfilm
IMDB-Link: The Piano
Sam Neill im Dschungel. Warum muss ich da immer an Jurassic Park denken? Sei’s drum – in Jane Campions dreifachem Oscar-Gewinner „Das Piano“ wird er nicht von hungrigen Dinosauriern attackiert, sondern als Alistair Stewart von den Wirrnissen der Liebe. Soeben hat es seine neue Angetraute, die stumme Witwe Ada (Holly Hunter, Oscar), samt deren Tochter Flora (Anna Paquin, ebenfalls Oscar) an den neuseeländischen Strand gespült, doch die Gewöhnung aneinander läuft nicht ganz so reibungslos ab, wie man sich das im Vorfeld ausmalt. Ein bisschen spröde ist die Neue, und dass sie nichts redet, macht es auch nicht einfacher, sich anzunähern. Schwerer taktischer Fehler gleich zu Beginn: Das heiß geliebte Piano, für Ada mehr als nur ein Musikinstrument, sondern ihre Weise, sich der Welt gegenüber auszudrücken, bleibt aufgrund der Sperrigkeit und des Gewichts am Strand zurück. Klar hat sich da Alistair gleich mal selbst ein Ei gelegt, denn so gewinnt man keine Zuneigung, sondern nur Probleme. Man kann nicht wirklich sagen, dass sich Ada in die starken Arme von George Baines (Harvey Keitel) flüchtet, ein eher schweigsamer Geselle mit interessanten Tattoos, der sich mit den Maori gut gestellt hat. Es ist vielmehr so, dass er die Gunst der Stunde (und Alistairs Dummheit) nutzt, seinem Bekannten das am Strand verwaiste Piano abluchst und in Folge dessen Ada um, sagen wir mal, kleine Gefälligkeiten bittet, wenn sie es wiederhaben möchte. Auftakt zu einer mit viel melancholischer Musik unterlegter Ménage à trois. Und weil’s ständig schifft wie aus Eimern und die Pianomusik gar so traurig klingt, lässt sich schon bald erahnen: Das geht nicht lange gut. Allerdings bleibt der Film über seine gesamte Spieldauer interessant und sehenswert. Zum Einen liegt das an der poetischen, aber selten kitschigen Inszenierung von Jane Campion, zum Anderen an den tollen Leistungen aller Beteiligten – wobei Holly Hunter als stumme Ada, hin- und hergerissen zwischen Abscheu und Verlangen, noch einmal deutlich herausragt. Auch das neuseeländische Setting und die Einbettung der Maori in den Alltag ist durchaus gelungen. Das Ende ist schön und stimmig. Wer den Film noch nicht kennt, kann hier jedenfalls mal einen Blick riskieren, ungeachtet spezieller cineastischer Präferenzen.
(Dieser Film ist als Reiseetappe # 1 Teil meiner Filmreisechallenge 2018. Mehr darüber hier.)
7,0
von 10 Kürbissen