In einer besseren Welt (2010)

Regie: Susanne Bier
Original-Titel: Hævnen
Erscheinungsjahr: 2010
Genre: Drama
IMDB-Link: Hævnen


Bei der Oscarverleihung 2011 konnte sich der dänische Film „In einer besseren Welt“ von Susanne Bier gegen namhafte Konkurrenz durchsetzen wie zB Alejandro González Iñárritus „Biutiful“ oder Giorgios Lanthimos‘ Meisterwerk „Dogtooth“ und gewann den Oscar für den besten fremdsprachigen Film. Dementsprechend hoch war die Erwartungshaltung, als ich die DVD in den Player schob. Und dementsprechend tief war dann auch der Fall derselben. Denn Susanne Biers Film erzählt zwar eine durchaus interessante und packende Geschichte, der Subtext ist klar (eine Abhandlung über Gewalt und Verantwortung), aber die Dialoge sind zu einem unerquicklichen Maße platt und voller Stehsätze und die Figuren klischeehaft – und das liegt mit Sicherheit nicht allein an der deutschen Synchronisation. Von der Kritik wurde der Film fast einhellig gelobt, und ja, ich hätte ihn wirklich auch gern gemocht. Die Geschichte zweier Außenseiter-Jungs, die sich miteinander anfreunden, und ihre eigenen, persönlichen inneren Konflikte mit fatalen Folgen nach außen tragen, sowie des Vaters von einem der Burschen, der hin- und hergerissen ist zwischen seinem Leben als Arzt in der afrikanischen Steppe und dem bröckelnden Familienleben in Dänemark, würde durchaus viel hergeben. Aber gerade die hochgelobte Inszenierung stellte mich wirklich vor Probleme. Zu aufgesetzt, zu platt, zu durchsichtig erschien mir das alles. Das mag nun Jammern auf hohem Niveau sein, und Viele von euch, die sich selbst ein Bild von dem Film machen, werden das mit Sicherheit anders sehen, aber mir hat’s das Vergnügen der Sichtung leider etwas verhagelt durch eindimensionale Figuren wie den Automechaniker Lars, der nur zuschlagen kann, und eben sehr klischeehaft vorgetragenen Dialogzeilen. Einzig die Figur des Anton (Mikael Persbrandt) bringt etwas mehr Vielschichtigkeit in das Drama. Das allein reicht mir allerdings nicht aus für eine bessere Bewertung.


5,5
von 10 Kürbissen

The Big Lebowski (1998)

Regie: Joel und Ethan Coen
Original-Titel: The Big Lebowski
Erscheinungsjahr: 1998
Genre: Komödie
IMDB-Link: The Big Lebowski


Der Dude hat einen Teppich, der das Zimmer erst so richtig gemütlich macht. Und selbst so ein gechillter Mann wie der Dude, der am liebsten White Russian trinkt, CCR hört und in den Tag hinein träumt, kann es nicht einfach hinnehmen, wenn ihm zwei Typen, die ihn offenbar mit einem anderen Lebowski verwechselt haben, auf den Teppich pinkeln. Beim Versuch, Kompensation für das schöne Stück zu erhalten, stolpert der Dude in eine Geschichte hinein, die so irrwitzig und sinnlos und abgefahren ist, dass man den Film dreimal sehen muss, um ihn wirklich einmal zu behirnen. Zwischen Bowling-Turnieren mit seinen besten Kumpels Walter und Donny, deutschen Nihilisten, abgeschnittenen Zehen, feministischen Begattungsritualen, versehentlich zerstörten Autos, Entführungsgeschichten, Pornofilmen und Drogenräuschen kann man es eigentlich nur dem Dude nachmachen: Man lehnt sich entspannt zurück, mixt sich einen White Russian und genießt die Show. Am Ende wird das alles schon irgendwie funktionieren – Hauptsache, erst mal gechillt bleiben. Mit „The Big Lebowski“ ist den Coen-Brüdern, die ich sehr verehre, ein absurdes Meisterwerk gelungen. Jeff Bridges‘ Dude ist wohl eine der legendärsten Filmfiguren aller Zeiten. Man muss ihn einfach mögen, diesen Slacker mit der Jesus-Frisur und einer Vorliebe für gemütliche Teppiche, eine ruhige (Bowling-)Kugel und entspannende Joints. John Goodman als Vietnam-traumatisierter Walter Sobchak, der die Probleme gern mal mit etwas … sagen wir mal … Vehemenz angeht, und Steve Buscemi als von den beiden unterbutterter Donny sind großartige Side-Kicks. Aber selbst die kleinsten Nebenrollen sind perfekt besetzt – und man merkt jedem Einzelnen die Freude an diesem abgedrehten Wahnsinn an. „The Big Lebowski“ gehört zu den wenigen Filmen, an denen man selbst nach der zehnten Durchsicht noch neue Details entdecken kann. Und die abenteuerlichen Situationen, in denen sich der Dude und Walter ungewollt hineinmanövrieren, lösen bei wirklich jeder Sichtung ein glucksendes Kichern bei mir aus. Der Humor ist nie überdreht, sondern ganz fein gesponnen mit einem Gespür für die Figuren. Das Geheimnis ist vielleicht, dass all diese Figuren im Grunde genommen ziemlich lächerlich sind, die Coens sie aber trotzdem ernst nehmen. Und das funktioniert. Der für mich beste Film der beiden genialen Filmemacher und ein absoluter Lieblingsfilm.


10
von 10 Kürbissen

Das unbekannte Mädchen (2016)

Regie: Jean-Pierre und Luc Dardenne
Original-Titel: La Fille Inconnue
Erscheinungsjahr: 2016
Genre: Drama
IMDB-Link: La Fille Inconnue


Der aktuellste Film der Brüder Dardenne, deren Filme regelmäßig auf der Viennale gezeigt werden, handelt von einer jungen Ärztin (grandios gespielt von Adèle Haenel), die vor dem nächsten Karriereschritt steht, als eine Stunde nach Praxisschluss jemand an ihrer Tür läutet. Ihr Praktikant möchte schon öffnen, aber sie heischt ihn an, das Läuten zu ignorieren, denn immerhin hat die Praxis schon lange geschlossen und wenn man so spät noch Patienten aufnimmt, läuft man Gefahr, aufgrund der eigenen Müdigkeit falsche Diagnosen zu stellen. Am nächsten Tag wird der Leichnam einer jungen Frau unweit der Praxis gefunden, und die Bilder einer Überwachungskamera zeigen, dass es jene junge Frau war, die voller Angst an der Tür der Ärztin geläutet hat, ehe sie weiter und damit in den Tod gelaufen ist. Vom Schuldgefühl geschüttelt beginnt die Ärztin, selbst Nachforschungen zu der jungen Frau anzustellen, um ihr ein anständiges Begräbnis zukommen lassen zu können. „La Fille Inconnue“ (auf der Viennale 2016 gezeigt in Anwesenheit von Luc Dardenne, der im Anschluss an die Vorführung auch viel Interessantes zum Film zu sagen hatte) ist ein ruhiger, nachdenklicher Film, der sich mit Moral und Ethik und der Frage des Schuldgefühls nach unterlassener Hilfeleistung beschäftigt. Unweigerlich wird man an die Schutzsuchenden erinnert, die vor dem Krieg nach Europa flüchten, an jene, die im Mittelmeer ertrinken und jene, die es schaffen, aber dann vor den kalten Mauern unserer Herzen stehen. Die Kunst der Dardenne-Brüder in diesem Film ist es, diese Fragen im Hintergrund mitschwingen zu lassen, ohne sie aber plakativ aufzurollen. Es geht um die Schuld des Einzelnen, auch um Sühne, um die Verschiebung von Prioritäten und um Courage. Getragen wird „La Fille Inconnue“ zudem von einer wirklich großartigen Hauptdarstellerin. Abzüge gibt es dafür, dass das Privatleben der Ärztin komplett außen vorgelassen wird (auch wenn Luc Dardenne die Gründe für diese Entscheidung erklärt hat), und dass die Menschen in diesem Film oft sehr übereifrig damit sind, ihr Gewissen zu erleichtern.


7,5
von 10 Kürbissen

Die roten Schuhe (1948)

Regie: Michael Powell und Emeric Pressburger
Original-Titel: The Red Shoes
Erscheinungsjahr: 1948
Genre: Drama, Musikfilm
IMDB-Link: The Red Shoes


Rote Schuhe haben in der Filmgeschichte gerne mal besondere Eigenschaften – siehe zum Beispiel „Der Zauberer von Oz„. Warum rote Schuhe im Gegensatz zu grünen Schuhen oder gelben Schuhen so besonders sein sollen, erschließt sich mir nicht ganz, aber vielleicht ist ja Hans Christian Andersen daran schuld, der im 19. Jahrhundert das Märchen von den roten Schuhen geschrieben hat. Eben jenes Märchen möchte nun der große Ballettmanager Boris Lermontov (der österreichische Schauspieler Adolf Wohlbrück, der im englischen Exil als Anton Walbrook arbeitete) auf die Ballettbühne bringen, und zwar mit der jungen, aufstrebenden Tänzerin Victoria Page (Moira Shearer) in der Hauptrolle. Zwar ist Lermontov ein ziemliches Arschloch, doch genießt er in Kunst- und Societykreisen den besten Ruf und verspricht Victoria, aus ihr die größte Tänzerin aller Zeiten zu machen. Gleichzeitig sichert sich Lermontov die Dienste des talentierten Komponisten Julian Craster (Marius Goring), der die Partituren veredeln soll. Die Aufführung der „Roten Schuhe“ wird ein grandioser Erfolg, und die Entourage bereits die wichtigsten Städte Europas, um dort für Furore zu sorgen. Allerdings verkompliziert sich alles, wenn die Liebe ins Spiel kommt. Und so entspinnt sich eine Geschichte rund um Besessenheit, Ruhm und den Preis, den man für diesen zahlen muss. In vielerlei Hinsicht ist „Die roten Schuhe“ eine Art Blaupause für den späteren Darren Aronofsky-Film „Black Swan“. Die Themen sind ähnlich gelagert, und hier wie dort wird die Besessenheit gegen Ende hin mit den Mitteln der Fantastik verdeutlicht. Erstaunlich ist dabei das grandiose Handwerk des 1948 in Technicolor produzierten Films. Vor allem die Ballettszene, in der die „Roten Schuhe“ aufgeführt werden, ist meisterhaft inszeniert. Da verwundert es nicht, dass es Oscars für das beste Szenenbild und die beste Filmmusik gab sowie weitere Nominierungen für den besten Schnitt, das beste Drehbuch und den besten Film. Zwar hat der Film durchaus seine Längen, und die Geschichte selbst ist – trotz ihres allegorischen Wertes – nicht allzu vielschichtig, aber dennoch funktioniert der Film auch heute noch tadellos.

(Dieser Film ist als Reiseetappe # 47 Teil meiner Filmreisechallenge 2018. Mehr darüber hier.)


7,5
von 10 Kürbissen

Ant-Man and the Wasp (2018)

Regie: Peyton Reed
Original-Titel: Ant-Man and the Wasp
Erscheinungsjahr: 2018
Genre: Science Fiction, Action, Komödie, Fantasy
IMDB-Link: Ant-Man and the Wasp


Ant-Man (Paul Rudd) backt kleinere Brötchen. Nicht nur wortwörtlich, sondern auch im übertragenen Sinne, da er mit Fußfessel und Ausgehverbot nun erst einmal alle Zeit der Welt hat, sich seiner Tochter zu widmen. So weit, so gut. Lange hat er ja nicht mehr hin bis zum Ablauf seines Hausarrests – die letzten Tage wird er schon noch irgendwie hinbekommen. Wäre da nicht dieser seltsame, sich durchaus real anfühlende Traum von der Ehegattin seines Mentors aus dem ersten Film, Hank Pym (Michael Douglas), die vor Jahrzehnten im subatomaren Raum verschollen ist. (Klein zu sein und überall rein zu kommen hat eben nicht ausschließlich Vorteile.) Auftritt Dr. Pym samt Tochter (Evangeline Lilly), die nicht nur über eine Wespentaille verfügt, sondern auch als solche Schurken in die Knie zwingt – denn die beiden vermuten eine Verbindung von Scott zur Mini-Mum (Michelle Pfeiffer), und mit der neuesten Erfindung des genialen Dr. Pym sollte man die vielleicht wieder befreien können aus ihrer misslichen Lage. Dieses Gerät weckt aber die Begierde unterschiedlicher weiterer Figuren, darunter einer sehr gespensterhaft umherzuckenden jungen Frau sowie eines leicht debilen und sich grenzenlos selbst überschätzenden Waffendealers. Es kommt, was kommen muss: Ein Actionfeuerwerk, getragen von amüsanten Kontrasten zwischen Groß und Klein. Überhaupt ist Ant-Man ein Held, den man (glücklicherweise) nicht ganz ernst nehmen muss. Lieber mal ein lockerer Spruch als eine konkrete Problemlösung, Hauptsache, man hat die Lacher auf seiner Seite. Alle Beteiligten haben sichtlich Freude an dem Werkl, und das überträgt sich auch aufs Publikum. Nach dem zweiten Deadpool-Film ist „Ant-Man and the Wasp“ nun der zweite Marvel-Film im heurigen Jahr, der nicht mehr sein möchte, als er ist: Nämlich einfach eine Gaudi. Während Deadpool mit seinem derben, nicht jugendfreien Humor die Erwachsenenvariante ist, bietet Ant-Man nun Unterhaltung für die ganze Familie. Fazit: Kann man sich jedenfalls anschauen – zwei Stunden Unterhaltungskino, das wirklich Spaß macht. Logiklöcher und eine konfuse Story verzeiht man da gerne mal.


7,0
von 10 Kürbissen

Die Nacht der 1000 Stunden (2016)

Regie: Virgil Widrich
Original-Titel: Die Nacht der 1000 Stunden
Erscheinungsjahr: 2016
Genre: Drama, Fantasy, Satire
IMDB-Link: Die Nacht der 1000 Stunden


Man hat es oft nicht leicht mit der lieben Familie. Vor allem, wenn man als reicher Sack das Familienunternehmen führen soll, aber die Vorfahren eines Nachts allesamt mit lauter guten Ratschlägen, bösen Intrigen und manchmal auch recht planlos im herrschaftlichen Palais aufkreuzen, obwohl sie seit ein paar Jährchen schon mit den Engeln singen sollten. Aber gut, wenn man schon mal da ist, kann man ja auch gleich mal die ganze Familiengeschichte aufrollen. Das alles wäre ja noch einigermaßen stressfrei zu handhaben, wenn da nicht die schöne Großmutter wäre, die bereits in jungen Jahren eher unsanft entschlummert ist und sich nun als Geist als wirklich heißer Feger herausstellt. Wenn also dunkle Epochen der Familie und wie sie zu ihrem Besitz kam, nekrophiler Inzest und Sorge um das Erbe zusammentreffen, kann so eine gespenstische Nacht verflucht lang werden. Regisseur Virgil Widrich zelebriert die Absurdität seiner Filmprämisse genüsslich. Da behacken sich Familienmitglieder über Generationen hinweg und entlarven damit die feinen Mechanismen der Macht und ihrer Fäden, die solche Imperien zusammenhalten. Das Ganze wird tableauartig präsentiert – die Kulisse ist als solche erkennbar, und das Haus verändert sich auch mit seinen geisterhaften Bewohnern. Man kann sich diesen Film durchaus auf einer Theaterbühne vorstellen – auch dort würde er gut funktionieren. Allerdings ist der Film nicht frei von Schwächen – sei es manchmal das Spiel einiger Darsteller, die zum Outrieren neigen, sei es manche Länge, die durch Absurditäten verursacht wird, die nicht aufgelöst werden, sei es das manchmal doch sehr künstlich Überhöhte in der Umsetzung, die danach schreit: „Ich bin Kunst!“ Trotzdem ist der Film unorthodox und interessant und in seinen besten Momenten schön österreichisch hinterfotzig.


6,5
von 10 Kürbissen

Peter Handke – Bin im Wald. Kann sein, dass ich mich verspäte … (2016)

Regie: Corinna Belz
Original-Titel: Peter Handke – Bin im Wald. Kann sein, dass ich mich verspäte …
Erscheinungsjahr: 2016
Genre: Dokumentation
IMDB-Link: Peter Handke – Bin im Wald. Kann sein, dass ich mich verspäte …


Zugegeben, ich bin kein Handke-Kenner. Einige Bücher aus seinem umfangreichen Werk habe ich zwar gelesen (zuletzt „Die Obstdiebin“), aber das qualifiziert mich noch nicht zum Experten, und mit Handke als Person habe ich mich bislang nur am Rande beschäftigt. Aber auch gerade deshalb, weil ich bisher so wenig über ihn wusste mit Ausnahme der Schlagzeilen zu den großen Kontroversen, hat mich diese Doku über den Schriftsteller interessiert. Corinna Belz ist es dabei gelungen, eine intime Atmosphäre in Handkes Haus in Frankreich aufzubauen, in der sich eine vertrauliche und von Offenheit zeugende Gesprächskultur entwickelte. Unterbrochen sind Handkes Reflexionen zu Sprache, Fiktion, Erzählung, Lebensweise und -lust immer wieder durch alte Polaroids und Archivaufnahmen von Interviews. Schade ist allerdings, dass zum einen der Familienmensch Handke trotz aller Versuche, sich ihm zu nähern, kaum greifbar wird, und zum anderen auch nicht die Gelegenheit genutzt wird, Handke mehr über sein langes und ereignisreiches Leben reflektieren zu lassen. Nicht, dass ich es auf eine Art Lebensfazit abgesehen hätte (das Handke selbst mit Sicherheit verweigert hätte), aber so bleiben die Betrachtungen zu vage in meinen Augen, intime Momentaufnahmen, die aber zu selten auf ein großes Ganzes verweisen. Trotz aller Intimität bleibt mir Handke als Mensch dennoch fremd. Doch vielleicht war ja auch genau das seine Absicht, als er sich auf die Dokumentation eingelassen hat.

 


5,5
von 10 Kürbissen

(Foto: Stadtkino Filmverleih)

Das fünfte Element (1997)

Regie: Luc Besson
Original-Titel: The Fifth Element
Erscheinungsjahr: 1997
Genre: Science Fiction, Abenteuerfilm
IMDB-Link: The Fifth Element


Wenn Luc Besson im Regiestuhl sitzt, darf man gespannt sein. Die Bandbreite des Outputs geht dann von genial (zB „Léon – Der Profi“) über sehr sehenswert (zB „Nikita“) bis hin zu sehr mäßig (zB „Lucy“ oder „Valerian – Die Stadt der tausend Planeten„). Beim seinem Sci-Fi-Spektakel „Das fünfte Element“ aus dem Jahr 1997 handelt es sich glücklicherweise um einen Vertreter der ersten Kategorie. Besetzt mit einer ganzen Star-Riege (Bruce Willis, Milla Jovovich, Gary Oldman, Chris Tucker, Ian Holm, Luke Perry) ist der Film einer der kommerziell erfolgreichsten europäischen Filme aller Zeiten. Das muss ja nicht zwangsweise einhergehen mit hoher Qualität, aber „Das fünfte Element“ macht nahezu alles richtig. Erzählt wird eine epische futuristische Weltrettung mit Ingredienzen, die allesamt etwas over the top sind: Humor, Kostüme, Kulissen – hier ist einfach alles bunt und abgedreht. Selbst Gary Oldman als Superschurke Jean-Baptiste Emanuel Zorg hat die Lacher auf seiner Seite. Der Film macht einfach Spaß – von Anfang bis Ende. Die Story ist fast nebensächlich. Es geht darum, dass alle 5.000 Jahre das Böse aus dem All auftaucht und alles Leben (vorzugsweise auf der Erde) verschlingen möchte. Doch das Gute hat eine Superwaffe, nämlich das fünfte Element (eine Milla Jovovich mit knallrot gefärbten Haaren), das zusammen mit den anderen vier Elementsteinen (Wasser, Feuer, Erde, Luft) das Böse besiegen kann. Blöd nur, wenn das fünfte Element beim Versuch, der Polizei zu entkommen, einem grantigen Taxifahrer (Bruce Willis), der auf der Suche nach der perfekten Frau ist, durch das Dach ins Taxi fällt. Und noch blöder, wenn oben genannter Superschurke auf der Seite des ultimativ Bösen steht und die Elementsteine in seinen Besitz bringen möchte. Dann wird das alles plötzlich ein großes Durcheinander. Irgendwie macht das nicht wirklich viel Sinn, aber eben jede Menge Spaß. Schweinsgesichtige Söldner, Kostüme von Jean Paul Gaultier, dämliche Admirale, abenteuerlustige Priester, Oper und Industrial – hier findet zusammen, was nicht zusammen gehört. Und so funktioniert der Film auch über 20 Jahre nach seiner Entstehung ausgezeichnet. Ein Kultfilm.

PS: Ihr Hollywood-Leute, eines sei euch gesagt: Wenn ihr diesen Film in einem Remake verhunzt, dann gibt’s was auf die Mütze!


9,0
von 10 Kürbissen

Weiner (2016)

Regie: Josh Kriegman und Elyse Steinberg
Original-Titel: Weiner
Erscheinungsjahr: 2016
Genre: Dokumentation
IMDB-Link: Weiner


Anthony Weiner war ein aufstrebender und streitbarer Kongressabgeordneter der Demokratischen Partei. Seine Karriere geriet ins Stocken, als herauskam, dass er ein Foto seines … Wieners … an eine junge Dame verschickt hatte, die nicht identisch war mit seiner Frau. Er tritt zurück. Gut, jeder macht mal einen Fehler, seine Frau hat ihm vergeben, die Öffentlichkeit kann es auch, also startet er zwei Jahre später überraschend erfolgreich eine Kampagne, um Bürgermeister von New York zu werden. Die Umfragen sehen ihn zeitweise sogar auf Platz 1. Doch dann … na ja, der Mann kann es einfach nicht lassen. Klingt wie eine bissige Politiksatire, ist aber, und jetzt kommt’s, eine wunderbare Dokumentation realer Ereignisse. Gleich zu Beginn des schreiend komischen Films sieht man Anthony Weiner, wie er kopfschüttelnd und mehr zu sich selbst als in die Kamera sagt: „Das ist der Tiefpunkt. Ich mache eine verdammte Dokumentation über meinen Sexskandal.“ Zwei Dinge machen diese Doku zu etwas ganz besonderem: Zum einen die Intimität der Aufnahmen, die selbst das Familienleben mit seiner Frau Huma, engste Beraterin von Hillary Clinton, und seinem Sohn zeigen, und die Person Anthony Weiner selbst. Ein charismatischer und authentischer Politiker, der eben nicht mit allen Wassern gewaschen ist, im Grunde eigentlich sympathisch, voller Elan und toller Pläne, witzig, selbstironisch, aber mit dem Problem, dass er weder den Mund noch den Hosenstall zumachen kann, wenn es angebracht erscheint. Zum Zeitpunkt des Erscheinens der Dokumentation im Rahmen der Viennale 2016 hätte ich mir durchaus vorstellen können, dass ich ihn trotz allem hätte wählen können, wäre ich denn wahlberechtigt gewesen. Aber nun der tragische Appendix der ganzen Geschichte: Ende 2017 wurde er wegen Sexting mit einer Minderjährigen zu fast zwei Jahren Gefängnis verdonnert. Die Abgründe sind oft noch tiefer, als sie auf den ersten Blick erscheinen. Dennoch: „Weiner“ ist eine wirklich großartige Dokumentation (vielleicht eine der besten der letzten Jahre) über menschliche Schwächen und die Rolle der Medien, wenn es die Schwächen von Prominenten betrifft, die zu Tage gefördert werden.


8,0
von 10 Kürbissen

Ein Sommernachtstraum (1999)

Regie: Michael Hoffman
Original-Titel: A Midsummer Night’s Dream
Erscheinungsjahr: 1999
Genre: Fantasy, Komödie
IMDB-Link: A Midsummer Night’s Dream


Wenn Kevin Kline, Michelle Pfeiffer, Rupert Everett, Christian Bale, Calista Flockhart, Sophie Marceau, Dominic West, Stanley Tucci, David Strathairn, Sam Rockwell und Anna Friel gemeinsam in einem Film mitwirken, dann muss das Drehbuch schon was hergeben. Dazu braucht es schon ein Kaliber wie William Shakespeare. Die Verfilmung von „Ein Sommernachtstraum“ aus dem Jahr 1999 wirkt zunächst wie beste 90er-Jahre-Fernseh-Unterhaltung. Fast meint man, Prinzessin Fantaghirò käme demnächst ums Eck. Die Kulissen sind billig, die Masken und Special Effects auch, aber irgendwie ist das bunte Treiben unglaublich charmant. Die Verwirrung um zwei Noch-Nicht-Liebespaare, nämlich Lysander und Hermia, die sich zwar lieben, aber nicht lieben dürfen, weil Hermia Demetrius versprochen ist, der sich in sie verliebt hat und wiederum selbst unerwidert von Helena geliebt wird, reichte Shakespeare noch nicht aus. Um alle beteiligten Charaktere vollends ins Tohuwabohu zu stürzen, brauchte es auch noch einen Zauberwald mit dem König der Elfen und der Königin der Elfen und eine geheimnisvolle Blume, deren magische Kraft darin liegt, dass man, nachdem man an ihr gerochen hat, sich in die erste Person verliebt, die man nach dem Aufwachen erblickt. Und wenn das zufälligerweise ein Möchtegern-Schauspieler ist, der im Wald mit seinen Kollegen ein Stück zur Hochzeit des Fürsten einproben möchte, der zufälligerweise von einem schalkhaften Kobold (der großartige Stanley Tucci) auch noch in einen Mensch-Esel-Hybrid verwandelt wurde, dann dauert es natürlich eine Weile, bis sich alles wieder in bestem Wohlgefallen aufgelöst, die Liebenden zueinander gefunden und die Schauspieler ihr Stück auf die Bühne gebracht haben. Diese Längen kann man dem Film durchaus ankreiden, aber gut, diesbezügliche Beschwerden wären wohl an den Verfasser der Zeilen zu richten, und den wird es 400 Jahre nach seinem Ableben kaum mehr jucken.

(Dieser Film ist als Reiseetappe # 61 Teil meiner Filmreisechallenge 2018. Mehr darüber hier.)


6,0
von 10 Kürbissen