Foxtrot (2017)

Regie: Samuel Maoz
Original-Titel: Foxtrot
Erscheinungsjahr: 2017
Genre: Drama, Anti-Kriegsfilm
IMDB-Link: Foxtrot


Einer Familie wird die traurige Nachricht überbracht, dass deren einziger Sohn, der gerade seinen Militärdienst absolviert, beim Einsatz getötet wurde. Völliger Zusammenbruch von Mutter und Vater. Der Onkel trifft bald ein, um die Familie in ihrer Trauer zu unterstützen. Der Militär-Rabbi kümmert sich um die Formalitäten der Beerdigung. Der Vater, zunächst stoisch in seiner Fassungslosigkeit, kann den Schmerz nur ausdrücken, indem er sich die Hand verbrüht. Doch dann klopfen die Militärs erneut mit gesenkten Häuptern. Es war alles eine riesengroße Verwechslung, ein Irrtum. Ein Anderer ist im Kampf gefallen, dem Sohn geht es wunderbar – er sitzt am Checkpoint im Nirgendwo und ist wohlauf. Jetzt kriegt der Vater einen Auszucker. Das Militär hat dafür zu sorgen, dass nach diesem Schock der Sohn so schnell wie möglich nach Hause kommt. Dieser sitzt in der Zwischenzeit, wie man im zweiten Teil des Films sieht, mit drei Kameraden wirklich am Arsch der Welt in einem im Sumpf versinkenden Container, wo er gelegentliche passierende Autos überprüfen muss und den Schranken für Kamele, die ungerührt auf der Straße spazieren, hebt. Doch eines Abends geht etwas fürchterlich schief bei einer Routineüberprüfung. Und sie bricht herein, die Gewalt, die schon – wie man im dritten Teil erfährt – dem Vater zu schaffen gemacht hat. „Foxtrot“ ist eine sehr intelligente, emotional starke Abhandlung über die Sinnlosigkeit des militärischen Apparates, über die Spirale der Gewalt, über Angst und unterdrückte Schuldgefühle. Exzellent gespielt, im zweiten Teil mit absurd-lakonischem Humor gewürzt, und formal spannend. Vieles wird angedeutet, aber nicht explizit erzählt, und der Film macht den Tanz, von dem er seinen Titel entleiht, zum Thema: Ein Schritt vor, ein Schritt zur Seite, ein Schritt zurück, wieder ein Schritt zur Seite – am Ende landet man beim Foxtrot immer bei der Ausgangssituation. Dieser Film ist wirklich ein Ereignis – das lediglich am Ende mit einem etwas anderen Twist noch eindringlicher hätte sein können.


8,0
von 10 Kürbissen

(Foto: Polyfilm)

Auf der Suche nach Ingmar Bergman (2018)

Regie: Margarethe von Trotta
Original-Titel: Auf der Suche nach Ingmar Bergman
Erscheinungsjahr: 2018
Genre: Dokumentation
IMDB-Link: Auf der Suche nach Ingmar Bergman


Unbestritten ist Ingmar Bergman einer der bedeutendsten Filmemacher der Geschichte. Und auch ich finde viele seiner Filme grandios – allen voran „Das siebente Siegel“ und „Wilde Erdbeeren“. Gleichzeitig wusste ich bislang wenig von seinem Leben und seiner Herangehensweise an den Filmdreh. So begab ich mich also gern mit Margarethe von Trotta auf die Suche nach Ingmar Bergman. In Interviews mit Zeitgenossen, Familienmitgliedern oder Menschen, die sich zumindest intensiv mit Bergman auseinandergesetzt haben (darunter u.a. die Filmemacher Olivier Assayas, Ruben Östlund und Mia Hansen-Løve) spürt Margarethe von Trotta dem großen schwedischen Regisseur nach. Dabei werden Einblicke gewährt sowohl in seine Arbeitsweise als auch sein Privatleben. Mir war zum Beispiel nicht bekannt, dass Bergman ein ganzes Rudel von Kindern hatte mit unterschiedlichen Frauen – und dass er alles Andere als ein vorzeigbarer Familienvater war. Allerdings krankt von Trottas Dokumentation an zwei Problemen: Zum einen werden immer nur bestimmte Schlaglichter gesetzt, je nachdem, was der Gesprächspartner oder die Gesprächspartnerin zu erzählen hat, was dazu führt, dass viele Aspekte, die den Menschen und Filmschaffenden Bergman ausmachen, zwar kurz angerissen werden, es aber nie in die Tiefe geht, man daher Bergman nicht wirklich näher kommt. Ein Problem vieler Dokumentar-Porträts. Zum anderen fällt Margarethe von Trotta selbst in den Interviews immer wieder unangenehm auf, wenn sie die Sätze ihre Interviewpartner unterbricht und deren Sätze beendet – oder ihnen sogar widerspricht. Es scheint so, als würde von Trotta der Welt zeigen wollen, dass eigentlich nur sie selbst die Bergman-Kennerin ist und ihn besser versteht als alle anderen. Und natürlich – sie kann gerne ihre subjektive Sicht einbringen, aber wenn sie dann beispielsweise Bergmans eigenen Söhnen auf diese Weise dazwischen fährt, wirkt das nur noch affektiert und peinlich. Hier hätte es deutlich mehr Zurückhaltung gebraucht.


5,0
von 10 Kürbissen

(Foto: Filmladen Filmverleih)

Karate Kid (1984)

Regie: John G. Avildsen
Original-Titel: The Karate Kid
Erscheinungsjahr: 1984
Genre: Action, Sportfilm
IMDB-Link: The Karate Kid


Wenn dich die Jungs an der neuen Schule ärgern, such dir einen väterlichen japanischen Freund, lass dir von ihm bei Hausarbeiten Karate beibringen, und dann vermöbele die bösen Jungs im Wettkampf. Damit sind alle Probleme gelöst. Dir gehört dann der neue Wagen, das hübsche Mädchen, der Respekt der Gegner und ein Bonsai-Baum. So jedenfalls wird es in „Karate Kid“ erzählt, ein Kultfilm der 80er, der – das muss man ihm anrechnen – mit einer recht sympathischen Besetzung (Ralph Macchio als Teenager Daniel, Pat Morita, für diese Rolle mit einer Oscarnominierung geehrt, als Mr. Miyagi) eine simple Geschichte erzählt. Im Gegensatz zu anderen Kampfsportfilmen (mir fallen hierzu spontan „Bloodsport“ oder „Mortal Combat“ ein) geht es nicht um den Kampf ums nackte Überleben und/oder gegen das ultimativ Böse, sondern einfach darum, in einer amerikanischen Highschool einigermaßen über die Runden zu kommen. Im Grunde ist „Karate Kid“ ein typischer Vertreter der Coming of Age-Filme. Familientauglich sind damit auch die Kampfszenen, die nie brutal wirken. Dennoch war ich nicht wirklich zufrieden mit der Umsetzung. Denn so sympathisch vor allem Pat Morita in der Rolle des ausgeglichenen Karatemeisters wirkt, so zweifelhaft ist dennoch die Botschaft, die der Film stellenweise vermittelt. Zwar wird „Gewalt ist vielleicht doch eine Lösung“ immer wieder relativiert, wenn beispielsweise betont wird, dass man Karate lernt, um eben nicht kämpfen zu müssen, aber irgendwie läuft es dann doch darauf hinaus, dass glücklicher ist, wer sich körperlich zur Wehr setzen kann. Und ja, ich weiß, das ist ein Film über Karate, ein Kampfsportfilm, aber ein bisschen mehrdimensionaler hätte man dennoch herangehen können. Zudem ist der Film die meiste Zeit über zwar ganz nett anzusehen, reißt aber kaum mit – und das Ende wirkt dann plötzlich extrem gehetzt. „Karate Kid“ hat ein massives Problem mit dem Timing. Warum sich dieser Film zum Kultfilm entwickelt konnte, erschließt sich mir nicht ganz – aber für einen netten Fernsehabend taugt er trotzdem.

(Dieser Film ist als Reiseetappe # 35 Teil meiner Filmreisechallenge 2018. Mehr darüber hier.)


5,5
von 10 Kürbissen

Alpen (2011)

Regie: Giorgos Lanthimos
Original-Titel: Alpeis
Erscheinungsjahr: 2011
Genre: Drama
IMDB-Link: Alpeis


Giorgos Lanthimos: der vielleicht größte Spinner im aktuellen europäischen Kino. Mit einfachen filmischen Mitteln gelingt es ihm regelmäßig, bekannte Alltagssituationen ins Rätselhafte zu drehen und die Sehnsüchte und Ängste der Menschen auf eine pervertierte Weise sichtbar zu machen – siehe beispielsweise The Lobster. „Alpen“ ist ein früheres Werk und steht zeitlich zwischen „Dogtooth“, mit dem er bekannt geworden ist, und eben „The Lobster“. Qualitativ wirkt dieser Film aber ein wenig wie eine Verschnaufpause zwischen zwei Meisterwerken. Auch hier ist die Prämisse wieder wahnsinnig interessant: Vier namenlose Griechinnen und Griechen (ein Sanitäter, eine Krankenschwester, eine Bodenturnerin und ein Trainer) schließen sich zusammen, um einen speziellen Service anzubieten. Sie nehmen für eine Weile für jeweils zwei, drei Stunden den Platz von Verstorbenen im Leben der Hinterbliebenen ein, um denen bei deren Trauerbewältigung zu helfen. Und natürlich birgt dieses tiefe Einsteigen in andere Leben auch Risiken mit sich. Allerdings ist „Alpen“ in der Ausführung weniger konsequent als es Lanthimos‘ andere Filme sind. „Alpen“ ist trotz des Themas weniger drastisch, weniger aufwühlend, sondern eher subtil und stellenweise sehr steril. Die Sterilität ist zwar ein Stilmittel in eigentlich allen seinen Filmen, sie sorgt für eine Kontrastfläche, auf der die Ungeheuerlichkeit und Absurdität des Inhalts noch besser zur Geltung kommt, aber in „Alpen“ fällt die Absurdität ein bisschen zu gering aus, und so fällt auch der Spannungsbogen rasch ab. Dennoch ein sehenswerter Film, der sich danach für wunderbare Diskussionen im Bekanntenkreis eignet. Das haben eigentlich alle Lanthimos-Filme an sich.


6,0
von 10 Kürbissen

Eins, Zwei, Drei (1961)

Regie: Billy Wilder
Original-Titel: One, Two, Three
Erscheinungsjahr: 1961
Genre: Komödie, Satire
IMDB-Link: One, Two, Three


Was für ein Rundumschlag! In „One, Two, Three“ aus dem Jahr 1961 zog Billy Wilder so ziemlich alles durch den Kakao, was ihm zur Nachkriegszeit eingefallen ist. Vordergründig geht es in dieser Screwball-Komödie um den Geschäftsführer eines Coca Cola-Werks in West-Berlin, der die umtriebige Tochter des ganz hohen Bosses aufgehalst bekommt, die sich prompt in den Osten schleicht und dort einen glühenden Kommunisten heiratet. Als der Chef der Chefs sein Kommen ankündigt, herrscht natürlich erst einmal Panik – die Anlass gibt für rasend komische Verwicklungen und dramaturgische Pirouetten. Was den Film aber so besonders macht, ist eben, dass Billy Wilder in alle Richtungen austeilt. Kapitalisten, Kommunisten, ehemalige Faschisten, die das Hacken zusammenschlagen und blinden Gehorsam noch verdammt drauf haben und nun gewinnbringend einsetzen können, opportunistische Überläufer, eine sarkastische Ehefrau, die ihren untreuen Ehemann mit „mein Führer“ anspricht – nichts ist hier heilig. Keine einzige Figur scheint in diesem Treiben moralisch integer zu sein. Vorgetragen wird das alles in einem rasanten Tempo, das keine leisen Töne erlaubt. Hier wird geschrien und gefuchtelt und gegrölt. So etwas kann natürlich auch fürchterlich nerven, aber weil Billy Wilder alles unter Kontrolle hat und hinter jeder Ecke ein weiterer subversiver Witz lauert (bei den besten bleibt einem das Lachen im Hals stecken), hat man einfach einen Riesenspaß. Ein Film mit dem Energielevel eines hyperaktiven Kaninchens auf Ecstasy, das versehentlich zehn Liter Coca Cola getrunken hat.


8,5
von 10 Kürbissen

Zwischen Welten (2014)

Regie: Feo Aladag
Original-Titel: Zwischen Welten
Erscheinungsjahr: 2014
Genre: Drama, Anti-Kriegsfilm
IMDB-Link: Zwischen Welten


Eine Erfahrung des vergangenen Wochenendes: Wenn man einen sitzen hat, sollte die Komplexität der Handlung des Films, den man sich ansehen möchte, proportional abnehmen mit der Zunahme der Promille. Einfach mal so gesagt. Den meisten Lesern wird das nicht völlig neu sein, denke ich, aber als Spätberufener in Sachen Alkoholkonsum habe ich hier noch eine Lernkurve hinzulegen, und weil ich ja über jeden Scheiß schreibe, teile ich diese Erfahrung nun mit diesem erlauchten Kreis hier. So gesehen war „Zwischen Welten“ der österreichischen Regisseurin Feo Aladag keine schlechte Wahl. Es geht um den deutschen Soldaten Jesper, der sich als Befehlshaber in ein afghanisches Kaff stationieren lässt und dort in Zusammenarbeit mit der örtlichen Miliz für Ruhe sorgen soll. Denn immer wieder wird das Dorf von den Taliban angegriffen. Mit Hilfe des Dolmetschers Tarik versucht Jesper, die strikte Ordnung des deutschen Heeres zusammenzuführen mit den örtlichen Begebenheiten, in denen andere Werte als bloßer Befehlsgehorsam zählen. Tarik selbst hat auch seine Probleme, denn er und seine Schwester werden von den Taliban bedroht. Am Ende läuft die Sache auf eine Gewissensfrage rund um Moral, Gehorsam und die Unerbittlichkeit des militärischen Apparates hinaus. „Zwischen Welten“ ist ein ruhiger und durchaus interessanter Film, der für einen Anti-Kriegsfilm mit überraschend wenigen Kampfszenen auskommt. Der Fokus liegt hierbei eher auf dem Zusammenspiel der Kulturen im Camp, das nicht immer einfach ist. Ein wenig mehr Spannung hätte dem Film dennoch gut getan. Auch die Hintergründe werden nicht immer klar. Warum beispielsweise der Dolmetscher unbedingt für die Deutschen arbeiten möchte, auch wenn sein Leben und das seiner Schwester bedroht wird, und warum die Taliban so einen Pick auf ihn haben, wurde entweder nicht wirklich erklärt oder war mir aufgrund des doch nicht ganz nüchternen Zustands bei der Sichtung und der damit einhergehenden Abnahme der Geistesschärfe ein bisschen zu hoch. Wer weiß.  Was definitiv nicht erklärt und auch nicht angedeutet wurde, ist die Motivation von Jesper, sich dieses gefährliche Kommando anzutun. Dadurch bleiben die Figuren, allen voran eben Jesper, leider etwas oberflächlich. Dennoch ein Film, den man sich durchaus mal ansehen kann – gerne auch nüchtern.


6,0
von 10 Kürbissen

Der Wüstenplanet (1984)

Regie: David Lynch
Original-Titel: Dune
Erscheinungsjahr: 1984
Genre: Science Fiction, Fantasy
IMDB-Link: Dune


Hm … das ist jetzt schwierig. Ich mag David Lynch und seine seltsamen Filme (so weit ich sie bislang kenne). Ich mag visionäre Science Fiction. Und ich mag Sean Young, die Anfang der 80er einfach heiß war. Also beste Voraussetzungen für den Science Fiction-Klassiker „Dune“ von David Lynch. Das Paket hat aber dann doch nicht gezündet. Denn die bizarre Geschichte rund um den Krieg um eine bewusstseinserweiternde Droge und einen Messias, der den Bösen dann ordentlich was auf die Mütze geben kann (dabei hat er natürlich eine persönliche Agenda), ist inhaltlich dann doch etwas einfach gestrickt und visuell ist das 1984 erschienene Werk uneinheitlich. Geniale Sequenzen, die voller Fantasie und Originalität und auch drastischer Gewalt stecken, wechseln sich ab mit wirklich lachhaften Effekten. Wenn ich mir da die visionären Bilder des zwei Jahre älteren „Blade Runner“ ansehe, dann überkommt mich ein leises Bedauern. Gut, dieser Vergleich ist vielleicht ein bisschen unfair, denn „Blade Runner“ war seiner Zeit weit voraus, und doch haben andere Science Fiction-Klassiker wie die Star Wars-Reihe, „Alien“ oder „Die Klapperschlange“ schon durchaus Eindrucksvolleres gezeigt. Apropos eindrucksvoll: Das ist Kyle MacLachlan in der Hauptrolle leider nicht. Es ist durchaus nachvollziehbar, warum er mit dem Film nicht zum Star seiner Generation aufstieg, sondern sich fortan eher mit kleineren Brötchen (Nebenrollen und Fernsehen) begnügen musste – wo er es dann zu einer respektablen Karriere gebracht hat, keine Frage, aber als erste Rolle überhaupt die Hauptrolle in einem David Lynch’schen Sci-Fi-Spektakel abzustauben sollte eigentlich mehr Türen öffnen können. Ein einziger Gesichtsausdruck ist aber halt ein bisschen wenig, um einen ganzen Film zu tragen. Was bleibt also zu sagen als Fazit? „Dune“ ist leider nicht gut gealtert. Stellenweise ist der Film immer noch großartig (Kenneth McMillan als böser Baron spielt sich die Seele aus dem Leib) und visuell drastisch, auch Patrick Stewart wirkt in seinen jüngeren Jahren mit (das heißt, er sieht wie 60 aus), aber die Teile greifen für mich nicht so ganz ineinander, und die Story ist irgendwie belanglos. Ach ja, Sting ist auch dabei – wobei bis zum Schluss nicht klar wird, warum. (Vielleicht wurde er ja durch sein Mitwirken zu seinem späteren Song „Desert Rose“ inspiriert – dann war die Mühe ja nicht ganz umsonst.)

(Dieser Film ist als Reiseetappe # 24 Teil meiner Filmreisechallenge 2018. Mehr darüber hier.)


5,0
von 10 Kürbissen

The Virgin Suicides (1999)

Regie: Sofia Coppola
Original-Titel: The Virgin Suicides
Erscheinungsjahr: 1999
Genre: Drama
IMDB-Link: The Virgin Suicides


Sofia Coppolas Output ist qualitativ durchaus schwankend. „Lost in Translation“ ist ein Meisterwerk und gehört für mich wohl zu den besten 30 Filmen, die ich je gesehen habe. Am anderen Ende des Spektrums stehen solche Sachen wie „The Bling Ring“ – Filme, die ihre Intention allzu plakativ in die Welt schreien und dabei vergessen, interessant zu sein. „The Virgin Suicides“ gehört zu den gelungenen Coppola-Filmen. Anders als „Lost in Translation“ ist auch „The Virgin Suicides“ nicht subtil erzählt, aber hier funktioniert das Arrangement sehr gut. Es geht um fünf Schwestern, die von ihren bürgerlichen Eltern in den 70ern allzu hohe Moralvorstellungen übergestülpt bekommen und daran und an der dadurch verursachten Isolation zugrunde gehen. Beobachtet werden sie von etwa gleichaltrigen Burschen, die Jahre später aus deren (unvollständiger) Perspektive die Geschichte der Schwestern erzählen. Der Fokus liegt hier ganz klar auf der kleinbürgerlichen Scheinmoral und den gefährlichen Resultaten allzu strenger Repressalien. Irgendwann explodiert der Druckkochtopf eben, wenn man nicht aufpasst und der Druck nicht entweichen kann. Interessant ist, dass „The Virgin Suicides“ trotz des doch sehr düsteren Themas leichtfüßig und durchaus mit Humor erzählt wird. Und darin liegt die große Stärke des Films. Er überdramatisiert die ohnehin dramatischen Ereignisse nicht. Gerade dadurch entwickelt der letzte Teil des Films dann eine besondere Wucht. Was man vielleicht kritisieren kann, ist die Tatsache, dass mit Ausnahme von Lux (Kirsten Dunst) keine weitere Figur der Geschichte wirklich viel Profil erhält. Das mag auch damit zusammenhängen, dass Coppola jede Menge Personal über die Leinwand scheuchen musste – die fünf Schwestern, deren Eltern, die fünf Freunde, dazu weitere Nebenfiguren – sodass für eine schärfere Profilierung vieler Charaktere einfach keine Zeit blieb. Aber als Ensemble-Film funktioniert „The Virgin Suicides“ ja trotzdem – also was soll’s?


7,5
von 10 Kürbissen

City of McFarland (2015)

Regie: Niki Caro
Original-Titel: McFarland, USA
Erscheinungsjahr: 2015
Genre: Sportfilm
IMDB-Link: McFarland, USA


Das Narrativ des Sportfilms ist wohl eines der starrsten überhaupt. Außenseiter (meist aus prekären Verhältnissen), ob Einzeln oder als Team, wächst über sich hinaus und straft die Kritiker Lügen. Am Ende steht der Sieg oder zumindest das ehrenvolle Abschneiden im Wettkampf. „City of McFarland“ von Niki Caro reiht sich nahtlos ein in die Geschichte der Sportfilme. Diesmal geht es um den Football-Coach Jim White (Kevin Costner), dem sein Temperament zum Verhängnis wird. Er wird gefeuert und findet nur noch in der kalifornischen Kleinstadt McFarland eine Anstellung an der dortigen High School. Fast alle Bewohner sind mexikanischer Abstammung, und die weiße Muster-Familie von Jim White tut sich erst einmal schwer, hier ihren Platz zu finden. Zu tief sind Vorurteile verankert. Durch Zufall findet White heraus, dass die örtlichen Burschen, gestählt vom Obstpflücken am Feld, vielleicht keine grandiosen Football-Spieler sind, aber laufen können wie die Hasen. Also gründet er kurzerhand McFarlands erstes Crosscountry-Team, das sich fortan mit Eliteschulen aus Palo Alto & Co. misst. Die klassische Außenseitergeschichte eben der Working Class, die in die elitäre Bourgeoisie einbricht und dort erst einmal Ablehnung widerfährt. Doch Jim White und seine Burschen lassen nicht locker, und die Heldengeschichte spitzt sich zu. „City of McFarland“ ist Wohlfühlkino. Das zeigt sich auch daran, dass die örtlichen Probleme wie beispielsweise eine hohe Kriminalitätsrate und Bandenschlägereien zwar nicht verschwiegen werden, aber im Grunde ihres Herzens sind eh alle gut und haben sich lieb, wenn es die Einstellung auf das jubelnde Publikum am Ende verlangt. Da treten auch ökonomische Zwänge und dergleichen mal in den Hintergrund. Und ja, das ist erbaulich, das will man sehen, aber es wird eben doch ein Stück weit von der Realität entfernt sein, in der sich Probleme nicht immer lockig-flockig in Luft auflösen, wenn man ins letzte Drittel einbiegt. Da hätte dem Film etwas mehr Realismus gut getan. Seine frohe Kunde vom Aufstieg der Außenseiter hätte er dennoch vermitteln können. Dennoch ein Film, den man sich gerne mal anschauen kann.

(Dieser Film ist als Reiseetappe # 33 Teil meiner Filmreisechallenge 2018. Mehr darüber hier.)


6,0
von 10 Kürbissen

Macbeth (2015)

Regie: Justin Kurzel
Original-Titel: Macbeth
Erscheinungsjahr: 2015
Genre: Drama
IMDB-Link: Macbeth


Shakespeare war schon kein Übler, das muss man sagen. 400 Jahre nach seinem Wirken beschäftigt man sich immer noch mit seinen Dramen und Komödien, bringt diese in mal gelungenen, mal weniger gelungenen Adaptionen auf die Bühnen und ins Kino. 2015 war Justin Kurzel dran, sich eines klassischen Shakespeare-Stoffes auf seine eigene filmische Erzählweise zu nähern. „Macbeth“ spielt im Schottland des 11. Jahrhunderts und erzählt die Geschichte vom Aufstieg und Fall des ehrgeizigen Macbeth (Michael Fassbender, wie immer grandios) und seiner Lady (Marion Cotillard), der durch Königsmord selbst zum König wird und dann zum Tyrannen. Keine wirkliche Feelgood-Geschichte also, die atmosphärisch von nebelgeschwängerten Highland-Bildern und einem düsteren Soundtrack noch einmal in die schwarzen Abgründe der Seele der Hauptfigur hinuntergezogen wird. Vorgetragen werden lupenreine Shakespeare-Verse – also besser die Untertitel dazuschalten, wenn man Englisch nicht auf dem Niveau eines Native Speakers spricht. „Macbeth“ verfügt also über fast alles: eine zeitlose, packende Geschichte über einen Tyrannen, den wir gerne fallen sehen, grandiose Darsteller, tiefsinnige Dialoge, auf die schönste Weise vorgetragen, atemberaubende Bilder (die Schlusssequenz, wenn Macbeth seinem Widersacher Macduff entgegentritt, ist eine selten gesehene Augenweide) und einen hörenswerten Soundtrack, der die düstere Geschichte gut untermalt. Allerdings reißt der Film dennoch nicht so ganz mit. Das mag natürlich zum einen der Reduktion des üppigen Shakespeare-Stoffs auf das Knochengerüst zu tun haben – für mehr hätte man wohl nicht einen, sondern fünf Filme gebraucht. Das geht natürlich zu Lasten der Tiefe der Charaktere. Zum anderen wirken viele Sequenzen trotz der Dramatik der Geschehnisse in der Tonalität ein wenig hinuntergeschraubt. Understatement ist hier Teil des künstlerischen Ausdrucks, und so ist „Macbeth“ eben ein wunderschöner und sehenswerter Film, aber kein besonders packender.


7,0
von 10 Kürbissen