Das wandelnde Schloss (2004)

Regie: Hayao Miyazaki
Original-Titel: Hauro no Ugoku Shiro
Erscheinungsjahr: 2004
Genre: Animation, Fantasy
IMDB-Link: Hauro no Ugoku Shiro


Kaum zu glauben, aber ich musste 36 Jahre und ein paar zerquetschte Monate alt werden, um meinen ersten Animationsfilm von Hayao Miyazaki zu sehen. Die Wahl fiel auf „Das wandelnde Schloss“, und ohne jetzt eine Einordnung vornehmen zu können, wie sich die Qualität dieses Films im Vergleich zu den anderen Miyazaki-Klassikern verhält, kann ich sagen: Es hat sich definitiv gelohnt. Kaum ein anderes Fantasy-Werk, das ich bislang gesehen habe, weist eine solche Liebe zum Detail auf, so eine überbordende Fantasie und visuelle Überzeugungskraft. Jedes Bild ist ein Meisterwerk für sich, und beim Anblick des mechanisch durch die eindrucksvolle Bergkulisse stampfenden Schlosses schlägt jedes Steampunk-Herz höher. Apropos Herz: Das ist nicht nur hinter den Kulissen der treibende Motor für diesen Film, sondern auch für die Handlung selbst. Denn Sophie, eine junge Hutmacherin, hat eben dieses an den Zauberer Hauro verloren. Die böse Hexe aus dem Niemandsland, die selbst an Hauro interessiert ist, belegt Sophie aus Eifersucht mit einem Fluch: Fortan muss sie im Körper einer alten Frau ihr Dasein fristen. Durch Zufall gelangt sie in die Dienste des angebeteten Hauro. Und schon nimmt eine fantastische, durchaus komplexe und nicht immer ganz schlüssige (aber geschenkt!) Geschichte ihren Lauf, während im Hintergrund ein schrecklicher Krieg ausbricht, der von den Protagonisten bald verlangt, Flagge zu zeigen. Wie gesagt, die Stärke des Films liegt ganz eindeutig in der fantasievollen Umsetzung. Man kommt aus dem Staunen gar nicht heraus. Die Welt, die Miyazaki hier aufbaut, ist gleichermaßen fremd wie auch vertraut. Und man möchte, wenn man sich einmal eingefunden hat, in ihr verbleiben, auch wenn man nicht alles versteht. Die kleine Schwäche des Films: Nicht immer kann man die Handlungen zu 100% nachvollziehen, vor allem die Einbettung des Krieges ist voller Andeutungen und – für mich jedenfalls – schwer in allen Details zu entschlüsseln. Auch ist das Ende selbst ein bisschen zu zuckersüß ausgefallen. Aber sei’s drum – mein erster Miyazaki hat richtig viel Freude bereitet.

(Dieser Film ist als Reiseetappe # 30 Teil meiner Filmreisechallenge 2018. Mehr darüber hier.)


7,5
von 10 Kürbissen

Die Sammler und die Sammlerin (2000)

Regie: Agnès Varda
Original-Titel: Les Glaneurs et la Glaneuse
Erscheinungsjahr: 2000
Genre: Dokumentation
IMDB-Link: Les Glaneurs et la Glaneuse


Kritiker lieben Agnès Vardas selbstreflexive Dokumentation über Sammler. Ausgehend von jenen Sammlern, die in Frankreich legal nach der Ernte durch die Felder gehen und nicht abgeerntete Früchte auflesen dürfen, beleuchtet sie in ihrem Film schon bald verschiedene Aspekte des Sammelns: Sammeln als Lebensgrundlage, wenn man sonst nichts hat, Sammeln als Wertschätzung für alte Dinge, Sammeln als Wiederverwertung, Sammeln als Akt des Widerstands (so wie die Episode des Studenten, der von weggeworfenen, aber noch genießbaren Lebensmitteln lebt, um ein Zeichen gegen Verschwendung zu setzen) und schließlich – auf einer Meta-Ebene – das Sammeln von Erfahrungen. Dafür bringt Varda sich selbst ins Spiel mit einer kindlichen Freude an der kleinen Kompaktkamera, die sie erstmalig für einen Film verwendet. Immer wieder hält sie mit naiver Unschuld drauf, mit dem gleichen neugierigen Blick, der auch beispielsweise in ihrem späteren Werk Augenblicke: Gesichter einer Reise zu bemerken ist. Sie ist ganz nah dran – bei jenen, die sie filmt, und bei sich selbst. Immer dokumentiert sie auch, was das Dokumentierte mit ihr macht. Wenn man so will, kann man Varda als humanistische Filmemacherin bezeichnen – es wäre nicht falsch. Und das macht auch „Die Sammler und die Sammlerin“ zu einem interessanten und sehenswerten Film. Ich kann verstehen, warum sich die Kritiker dafür dermaßen begeistern. In einer Umfrage des Filmmagazins „Sight and Sound“ im Jahre 2014 wurde „Die Sammler und die Sammlerin“ als achtbeste Dokumentation der Geschichte ausgezeichnet, und auch die BBC setzte den Film 2016 auf die Liste der besten 100 Filme des 21. Jahrhunderts. So weit würde ich selbst nun nicht gehen. Denn für meinen persönlichen Geschmack mäanderte der Film dann doch ein bisschen zu sehr vor sich hin, und so sympathisch er auch jeden Moment lang anzusehen ist, am Ende fehlte mir ein wenig die Relevanz. Man kann natürlich nun argumentieren, dass sich diese Relevanz aus der Wertschätzung für das wenig Beachtete und Weggeworfene ergibt und der Film somit durchaus als Kommentar auf die heutige Lebensweise zu verstehen ist, aber sehr bewegt hat mich „Die Sammler und die Sammlerin“, anders als „Augenblicke: Gesichter einer Reise“, nicht.


6,5
von 10 Kürbissen

Ringo (1939)

Regie: John Ford
Original-Titel: Stagecoach
Erscheinungsjahr: 1939
Genre: Western
IMDB-Link: Stagecoach


Fahren ein Outlaw, ein Sheriff, eine anständige Dame, eine Hure, ein Glücksspieler, ein Handelsvertreter für Whiskey, ein Banker und ein permanent besoffener Arzt in einer Postkutsche. Was wie ein Witz beginnt, ist eigentlich einer der großen Western-Klassiker der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts mit einem gut gelaunten John Wayne in der Hauptrolle. Die Story ist so simpel, das sie selbst fast als Witz durchgeht: Diese bunt zusammengewürfelte Reisetruppe möchte von A nach B, hat aber das Problem, das die Apachen unter ihrem legendären Häuptling Geronimo gerade auf Kriegspfad sind, weshalb sie weiter müssen nach C und D, ehe es dann doch zum finalen Showdown mit den grimmigen Ureinwohnern kommt. Die Gründe für die Reise sind unterschiedlich, aber alle zwingender Natur, weshalb ein Aussteigen unterdessen nicht in Frage kommt. Und am Ende, wenn die Apachen wild heulend ihre Pfeile in die Postkutsche nageln, zeigt sich, wer im Angesicht der Gefahr seine Murmeln beisammen hält und wer sich als Aufschneider entpuppt, der in einer solchen Situation nicht zu gebrauchen ist. (Überraschungsfreier) Spoiler: John Wayne als Outlaw Ringo mit großem Herz und noch größeren Eiern ist natürlich am Ende der Held des Tages. Man kann an „Ringo“ so einiges kritisieren aus heutiger Perspektive: Die eindimensionale Darstellung der Apachen, die nur als gesichtslose Antagonisten herhalten müssen. Die dünne Story. Das Happy End. Aber geschenkt. „Ringo“ ist trotz seiner mittlerweile fast 80 Lenze auf dem Buckel immer noch ein erstaunliches Stück Kinogeschichte, mitreißend erzählt und gefilmt mit zum Teil abenteuerlichen Stunts. Der Überfall der Apachen auf die Postkutsche weiß auch im Jahre 2018 noch zu überzeugen. Im Höllenritt reiten die Angreifer neben der Kutsche her, werden von den Pferden geschossen, fallen spektakulär in den Staub und zwischen die Pferdebeine – das bekommt man heute auch nicht viel sehenswerter hin. Schön ist auch, dass sich der Film Zeit nimmt für seine Charaktere und die auch interessant und vielschichtig ausgestaltet. Eigentlich ist „Ringo“ ein Kammerspiel mit Pferden mit einem fulminanten Showdown. Und zu Recht ein Meilenstein der Filmgeschichte.

(Dieser Film ist als Reiseetappe # 43 Teil meiner Filmreisechallenge 2018. Mehr darüber hier.)


8,0
von 10 Kürbissen

May und die Liebe (2013)

Regie: Cherien Dabis
Original-Titel: May in the Summer
Erscheinungsjahr: 2013
Genre: Liebesfilm, Rom-Com
IMDB-Link: May in the Summer


Cherien Dabis hat eine durchaus interessante Biographie. Die palästinisch-amerikanische Regisseurin lebt im konservativen Omaha, Nebraska, ist offen bisexuell und dreht Filme, die im Nahen Osten spielen und sich auf humorvolle Weise mit Fragen der Identität und Religion auseinandersetzen. Ein kleiner Geist wie jener von Trump beispielsweise würde angesichts dieses Lebens vor lauter Widersprüchen vermutlich so schnell rotieren, dass man mit der dabei ausgestoßenen Reibungsenergie sämtliche Swimmingpools Nebraskas beheizen könnte. In „May in the Summer“ (ich halte mich dabei lieber an den charmanteren Originaltitel als an den dümmlich-einfallslosen deutschen Verleihtitel) geht es um die von Dabris selbst gespielte Schriftstellerin May, die von New York in ihre alte Heimat nach Jordanien kommt, um dort gemeinsam mit ihren beiden Schwestern die Hochzeit mit ihrem Verlobten Ziad zu organisieren. Und wie so oft in romantischen Komödien entwachsen die größten Probleme aus dem Kreis der eigenen Familie. Ihre nach wie vor in Jordanien lebende Mutter ist nämlich streng christlich und will daher die Hochzeit mit dem Moslem Ziad daher nicht gut heißen. Das geht so weit, dass sie der Hochzeit fernbleiben möchte. Dem Vater (Bill Pullman) geht es indessen nicht so gut. Er erholt sich gerade in den Händen seiner zweiten Frau, der blutjungen Anu aus Indien, von den Strapazen eines Herzinfarktes und möchte wieder Kontakt zu seinen Töchtern aufnehmen, die jedoch verständlicherweise nicht allzu gut auf ihn zu sprechen sind. Mays Schwestern schließlich haben selbst ihre eigenen Identitätskrisen zu bewältigen. Und in all das Chaos schleicht sich noch auf leisen Sohlen der charmante Touristenführer Karim, der Mays angespanntes Nervenkostüm mit unerwarteten weiteren Fragen, die sie sich nun stellen muss, strapaziert. Was nach einer leichten, luftigen und relativ belanglosen Feelgood-Komödie klingt, wird in den Händen von Cherien Dabis, die auch das Drehbuch geschrieben hat, zu einer zwar einfach zu konsumierenden, aber doch hintergründigen Angelegenheit, die nicht zwanghaft auf ein Happy End zusteuert, sondern mehr an der Entwicklung der Figuren selbst interessiert ist. Auch der Humor wird nicht mit dem Holzhammer eingeprügelt. Dieser Film will nicht dick auftragen, und das ist gut. Zwar ist das Ergebnis nicht bahnbrechend originell und immer noch eine Rom-Com, in der viele Dinge und Konflikte genregetreu stark vereinfacht ablaufen, aber der Film kann gut auf einem soliden Niveau unterhalten.


6,0
von 10 Kürbissen

Le Mans (1971)

Regie: Lee H. Katzin
Original-Titel: Le Mans
Erscheinungsjahr: 1971
Genre: Sportfilm
IMDB-Link: Le Mans


Steve McQueen – der alte Bleifuß. Eigentlich wollte er nur ein paar Runden in Le Mans beim legendären 24-Stunden-Rennen drehen und seine bübische Freude dokumentarisch festhalten. Weil das aber dann doch etwas schwer zu vermarkten war, bastelte er einfach eine rudimentäre Geschichte drumherum um einen Rennfahrer, der nach einem schlimmen Unfall zurückkehrt auf die Rennstrecke, und die Witwe eines Freundes, der bei einem weiteren Rennunfall ums Leben gekommen ist. „Racing is life. Everything in between is just waiting“, heißt einer der wenigen Sätze, die in diesem Film gesprochen werden. Und genau das ist Programm hier. Das erste Wort eines Schauspielers wird nach 38 Minuten gestoppt. Ansonsten hört man nur das Publikum, die Kommentatoren aus Fernsehen und Radio – und natürlich die Motoren der Rennwagen. Diese sind hier die Hauptprotagonisten. Porsche gegen Ferrari, das ist Brutalität! Der Mensch hinter dem Steuer: eine Nebenfigur. Der Film interessiert sich genau Nüsse für die Rennfahrer. Steve McQueen fasst diese Grundeinstellung ja eh im oben zitierten Satz zusammen. Am Ende ist es sogar egal, ob man gewinnt oder verliert. Hauptsache, man hat seine Runden gedreht und den Tod, der ständig auf der Schulter mitfährt, ein weiteres Mal bezwungen. Denn natürlich waren die Rennfahrer in den 70er-Jahren wilde Hunde, die genau wussten, dass nicht alle von ihnen das Karriereende erleben. Das spiegelt sich in ihren stoischen Bewegungen, den kargen Worten, den ausdruckslosen Blicken. Jeder kleinste Fehler kann tödlich sein. Dies vermittelt „Le Mans“ in seinem dokumentarischen Stil durchaus gekonnt. Auch die Rennszenen sehen extrem realistisch aus und sind auch nach heutigem Maßstab atemberaubend spannend inszeniert. Das Problem, das der Film hat, ist ein hausgemachtes: Dadurch, dass er eben den Aufbau einer Bindung mit den Protagonisten konsequent verweigert, ist das Ergebnis dann eigentlich auch egal. Und wenn sich nicht gerade packende Rad-an-Rad-Duelle auf der Rennstrecke ereignen, läuft er oftmals einfach ins Leere und ist schlicht fad. Wie gesagt: „Racing is life. Everything in between is just waiting.“ Das haben Lee H. Katzian und Steve McQueen ein bisschen zu wörtlich genommen.

(Dieser Film ist als Reiseetappe # 31 Teil meiner Filmreisechallenge 2018. Mehr darüber hier.)


6,0
von 10 Kürbissen

Die Geierwally (1956)

Regie: Franz Cap
Original-Titel: Die Geierwally
Erscheinungsjahr: 1956
Genre: Heimatfilm, Drama, Liebesfilm
IMDB-Link: Die Geierwally


Mir war von Anfang an klar, dass die Kategorie 17, ein deutscher Heimatfilm der 50er Jahre, zu meinen mühsamsten Aufgaben der diesjährigen Filmreisechallenge zählen würde. Und die Befürchtung sollte sich bestätigen. Meine Wahl fiel auf „Die Geierwally“ von Franz Cap aus dem Jahr 1956 – weil dieser Heimatfilm zumindest noch einige dramatische Ereignisse zu verarbeiten versprach und damit angeblich aus der Riege der Heimatschnulzen positiv hervorsticht. Nach Sichtung des Films muss ich sagen: Ich habe große Angst vor allen weiteren Heimatfilmen. Lieber hocke ich mich in ein Triple Feature der grauslichsten Horrorfilme oder lasse die chinesische Tröpfchenfolter über mich ergehen, als dass ich da tiefer in die Abgründe der Heimatfilme eintauchen würde. Die Geschichte und die handelnden Charaktere sind dermaßen strunzdumm, dass man sich permanent auf den Kopf greift. Bemerkt ihr die seltsame Rötung auf meiner Stirn? Ja, die kommt daher. Nur der Geier „Hansi“ macht etwas richtig in diesem Film – er ergreift am Ende die Flucht. I feel you, Bro‘! Der Zuseher, der bis zum bitteren Ende durchhält, muss eineinhalb Stunden lang ertragen, wie sich Leute, die man offenbar willkürlich auf der Straße eingesammelt hat und die von der Schauspielerei so viel Ahnung haben wie ein Pferd vom Schach, unglaublich dümmliche Sätze an den Kopf werfen, für die sich der Drehbuchautor eigentlich wegen Erregung öffentlichen Ärgernisses vor Gericht verantworten sollte. Lediglich für Trinkspiele eignet sich „Die Geierwally“ hervorragend. Man könnte beispielsweise jedes Mal einen Kurzen hinunterstülpen, wenn irgendjemand in diesem Film „Vergelt’s Gott“ sagt. Andererseits verpasst man auf diese Weise garantiert den Freiflug des Geiers am Ende und damit den einzigen Moment der Erlösung. Auch wieder blöd. Soll ich eigentlich noch was zum Inhalt schreiben? Ach, wurscht. Wer sich den Schmarren antun möchte, kann auf Wikipedia nachlesen, worum es geht. Und wer sich das dann tatsächlich noch ansieht, dem ist eh nicht mehr zu helfen. Vergelt’s Gott.

(Dieser Film ist als Reiseetappe # 17 Teil meiner Filmreisechallenge 2018. Mehr darüber hier.)


1,5
von 10 Kürbissen

Phantastische Tierwesen: Grindelwalds Verbrechen (2018)

Regie: David Yates
Original-Titel: Fantastic Beasts: The Crimes of Grindelwald
Erscheinungsjahr: 2018
Genre: Action, Fantasy, Abenteuerfilm
IMDB-Link: Fantastic Beasts: The Crimes of Grindelwald


Kaum ein anderer Film wurde dieses Jahr so sehnsüchtig erwartet wie der zweite Teil der Fantastic Beasts-Filmreihe. Auch von mir, da ich den ersten Teil wirklich sehr mochte, was man hier nachlesen kann. Die Erwartungshaltung an den neuen Film war dementsprechend hoch. Auch war ich gespannt darauf, wie sich Jude Law als junger Albus Dumbledore schlagen würde, eine ikonische Figur, die untrennbar mit weißem Rauschebart und gütiger Gelassenheit verbunden wird. Gleich mal vorweg: Jude Law funktioniert als Albus Dumbledore. Er ist charismatisch genug und legt ihn auch mit vielen Facetten an, die der Figur des Oberzauberers eine neue Tiefe verleiht. Da macht „Fantastic Beasts: The Crimes of Grindelwald“ alles richtig. Und auch der Gegenspieler, der von Johnny Depp verkörperte Grindelwald, weiß zu überzeugen. Vorbei ist es mit der Hampelei, für die Depp die letzten Jahre bekannt war. Sein Grindelwald ist eine finstere und hochseriöse Angelegenheit, und man weiß nach diesem zweiten Film, dass sich der Bursche nicht so schnell in die Knie zwingen lässt. Wer Rowlings konsequenten Zugang zum Geschichtenerzählen kennt, weiß, dass dafür in späteren Filmen Opfer nötig sein werden. All das macht aus dem zweiten Teil der Saga schon mal einen gelungenen, spannenden und unterhaltsamen Film. Dazu kommen die bewährten Kräfte aus Teil eins, die auch hier wieder durch die Geschichte führen. Eddie Redmaynes Newt Scamander ist nach wie vor herrlich verpeilt, Katherine Waterstons Tina Goldstein wundervoll neurotisch – die beiden geben das wohl komplizierteste Paar der jüngeren Leinwandgeschichte ab. Auch Dan Fogler darf wieder aufspielen, wenngleich er im Vergleich zu Teil 1 eher zurückbleibt. Etwas mehr Screentime bekommt Alison Sudol als Queenie, für die der Film die eine oder andere Überraschung bereithält. Dennoch bleibt der zweite Teil als Ganzes für mich recht klar hinter dem grandiosen ersten Teil zurück. Denn was ich am ersten Teil so mochte, dass eine wundervolle, kleine Geschichte mit großen Implikationen erzählt wurde, und das mit Herz und Liebe zum Detail, wuchert im zweiten Teil nun zur großen epischen Geschichte mit heftigem (und leider übermäßigem) CGI-Gewitter aus. Das war zwar im Grunde zu erwarten, aber irgendwie passen die vier Haupthelden nicht so recht in dieses Larger-Than-Life-Setting CGI-Gewitter. So also heißt es für den dritten Teil: Albus Dumbledore, das ist etwas für Sie!


7,0
von 10 Kürbissen

Suspiria (2018)

Regie: Luca Guadagnino
Original-Titel: Suspiria
Erscheinungsjahr: 2018
Genre: Horror
IMDB-Link: Suspiria


Dario Argento und Luca Guadagnino haben eines gemeinsam: Das Land, in dem sie geboren wurden. Was sie allerdings nicht unbedingt eint, ist ihr Zugang zu Filmen und die Verarbeitung der Stoffe. Während es Dario Argento so richtig krachen lassen wollte, setzt Guadagnino in der Regel auf leisere Töne. Allein daher konnte man schon sehr gespannt sein auf das Ergebnis von Guadagninos Neuinterpretation von Argentos „Suspiria„. Ein klassisches Remake ist der Film jedenfalls nicht, sondern ein gänzlich eigenständiges Werk – wie es auch zu erwarten war. Da man davon ausging, dass ein Großteil der Kinobesucher das Original von Argento bereits kennt, spart man sich also gleich mal den Aufbau des großen Mysteriums, sondern sagt gleich zu Beginn, was Sache ist. Sofort hat das Unheil ein Gesicht, während Argento seine Zuseher bis zum Finale im Dunkeln ließ. Allerdings ist gerade diese Offenlegung zu Beginn ein schlauer Schachzug, denn dadurch wird einem bewusst, dass man sich nicht in der Sicherheit des Originals wiegen darf. Denn dessen Story wird im Grunde gleich mal mit einem groben Wisch zur Seite geschoben. Nur das Knochengerüst bleibt, und darauf baut Guadagnino nun seine eigene Version der Hölle auf. Diese ist grauer und trister als das Original und spielt im geteilten Berlin. In den Nachrichten dominiert die RAF, über allem liegt ein Gefühl der Unsicherheit und Zukunftsangst. Die von Dakota Johnson famos gespielte Susie Bannion, die neu in diesen Wahnsinn hineinkommt, findet sich aber überraschend schnell zurecht. Ihr Charakter ist ganz anders als die Suzie, die im Original von Jessica Harper gespielt wurde. Hier tritt eine selbstbewusste junge Frau auf, von der man durchaus vermuten kann, dass sie dem Bösen am Ende noch zeigt, was eine Harke ist. Und schon sind die Erwartungen auf einen fulminanten Showdown geweckt. Dass die Neuinterpretation von Guadagnino für mich dennoch hinter dem Original von Argento zurückbleibt, liegt daran, dass sich vieles wie Stückwerk anfühlt. Eben die Einbindung der politischen Hintergründe, die Figur des Psychiaters Dr. Klemperer (übrigens, wer ohne zu googeln errät, wer den spielt, kriegt einen goldenen Ehrenkürbis von mir verliehen), das alles lässt den Film eher ausfransen, als dass es ihn zusammenhält. Und auch über das Ende lässt sich streiten. Immerhin regt der Film damit zu Diskussionen an, und die meiste Zeit seiner 2,5 Stunden Spielzeit ist er auch spannend anzusehen. Er fühlt sich kürzer an, was meist ein gutes Zeichen ist. Auch fährt Guadagnino mit einigen wirklich drastischen Szenen auf, die den Zuseher so richtig leiden lassen. Darauf muss man sich einstellen – denn anders als im gefeierten „Call Me By Your Name„, in dem Guadagnino sein Publikum in einen Traum aus seidigem Pastell gewickelt hat, kommt er hier nun mit der Knochensäge und einem finsteren Blick ums Eck.


6,5
von 10 Kürbissen

(Foto: Polyfilm Verleih)

Suspiria (1977)

Regie: Dario Argento
Original-Titel: Suspiria
Erscheinungsjahr: 1977
Genre: Horror
IMDB-Link: Suspiria


Für viele Filmfans gilt Dario Argentos „Suspiria“ als einer der besten Horrorfilme aller Zeiten. Da mein Verhältnis zu Horrorfilmen bestenfalls als kollegial distanziert zu bezeichnen ist, lief ich diesem Klassiker bislang nicht über den Weg. Nun aber ergab sich im Zuge des Remakes von Luca Guadagnino die Möglichkeit, diese Sichtung im Rahmen eines Double Features im Filmcasino nachzuholen. Und eines gleich vorweg: Gefürchtet hat sich der Kürbis eures Vertrauens nicht so sehr, aber er ist prächtig unterhalten worden. Denn Argentos Film ist ein Fiebertraum in Rot, Grün und Laut. Der Soundtrack der Progressive-Rock-Band Goblin quietscht und wummert und kreischt zu grell beleuchteten Bildern, auf denen sich ein eineinhalbstündiger Albtraum entfaltet. Die amerikanische Ballett-Tänzerin Suzie Bannion (Jessica Harper mit einer kühlen und doch verletzlichen Ausstrahlung) wird in Freiburg an einer der besten Tanzakademien Europas aufgenommen. Dort geht es nicht mit rechten Dingen zu, wie man recht bald und auch recht drastisch mit viel Kunstblut ausgemalt erfährt. Nachdem auch ihre Freundin und Kollegin Sara unauffindbar verschwindet, beschließt sie, auf eigene Faust im verwinkelten Haus zu ermitteln – und stößt dort auf Dinge, die besser im Verborgenen geblieben wären. Was ich an Suspiria mag, ist die grandios aufgebaute Atmosphäre. Schon von der ersten Szene an, der Ankunft von Suzie am Flughafen, wirken die farblich famos ausgeleuchteten Bilder mit dem passenden Ton dazu bedrohlich und unheimlich. Dabei ist der Film keinesfalls auf die von mir so verhassten Jumpscares aus. Nein, das Böse wird hier mit Fanfaren angekündigt, was seinen Griff aber nicht weniger schmerzlich macht, wenn es dann mal um die Ecke biegt. Was man allerdings bemängeln muss, das ist das Drehbuch selbst, das sich keinen Deut um inhärente Logik und konsistentes Verhalten der Protagonisten schert. „Suspiria“ lebt allein von seiner Atmosphäre, die Story selbst gehört eher in die Kategorie „gut gemeint“ als „gut gemacht“. Allerdings reicht das aus für einen spannenden und wahnsinnig unterhaltsamen (und teils aus heutiger Sicht wundervoll trashigen) Film.


7,5
von 10 Kürbissen

The Ballad of Buster Scruggs (2018)

Regie: Joel und Ethan Coen
Original-Titel: The Ballad of Buster Scruggs
Erscheinungsjahr: 2018
Genre: Western, Episodenfilm, Drama
IMDB-Link: The Ballad of Buster Scruggs


Im Grunde haben die Coen-Brüder ja schon immer Western gedreht. „True Grit“ fällt einem als Paradebeispiel dazu ein. Aber auch „No Country for Old Men“ ist ein moderner Western, „O Brother, Where Art Thou?“ ist ein Mississippi-Western, „Inside Llewelyn Davis“ ein Folk-Western, „Fargo“ ist ein Western im Schnee, selbst den Dude aus „The Big Lebowski“ kann man sich eigentlich ganz gut auf einem Pferd feststellen – er trägt halt nur eine Sonnenbrille, ist mächtig verkatert, hat einen White Russian in der Hand und keinen Tau, wie er auf dieses beschissene Pferd gekommen ist. Sagen wir es so: Die Coen-Brüder sind meisterhaft darin, amerikanische Mythen zu inszenieren – und diese im Anschluss daran zu entzaubern. Und nirgendwo haben sie das bislang konsequenter und radikaler gemacht als in „The Ballad of Buster Scruggs“, eine Western-Anthologie mit sechs archetypischen Kurz-Episoden (der Revolverheld, der Bankraub, das karge Leben, der Goldrausch, der Oregon-Trail, die Kutschenfahrt). Mit jedem einzelnen Szenario assoziieren wir sofort ganz prägnante Bilder und Geschichten, wie wir sie aus Hunderten von Western kennen. Genau das wissen die Coen-Brüder natürlich, und spielen sich in weiterer Folge mit dieser Erwartungshaltung. Immer wird sie im Grunde bestätigt, aber es findet sich trotzdem ein Twist drinnen, der uns die alten Geschichten mit neuen Augen erblicken lassen. Und immer sind sie lakonisch bis melancholisch vorgetragen – gewürzt nur mit einer gelegentlichen Prise schwarzem Humor, wie man ihn von den Coens kennt. Realismus ist nicht die Sache der beiden Brüder in diesem Film, aber gerade durch die sarkastische Überhöhung der Helden und Antihelden und deren Geschichten wird sichtbar, worauf der Film tatsächlich abzielt: Die Demaskierung der Western-Mythen. Es war eine verflucht anstrengende, tödliche und bittere Zeit, die die Menschen im Wilden Westen erlebt haben. Auf gelegentliche Lichtschimmer folgte immer wieder die Dunkelheit. Wenn der Dude das gesehen hätte, er hätte wohl nur kurz den Kopf schief gelegt, sich das ganze Drama mit einem schnellen Blick über den Rand der Sonnenbrille angesehen und wäre dann White Russian schlürfend in die entgegengesetzte Richtung davongeritten, dem Sonnenuntergang entgegen und „Fortunate Son“ von Creedence Clearwater Revival im Ohr.


7,5
von 10 Kürbissen