Greatest Showman (2017)

Regie: Michael Gracey
Original-Titel: The Greatest Showman
Erscheinungsjahr: 2017
Genre: Musical, Biopic, Drama
IMDB-Link: The Greatest Showman


Hollywood liebt Geschichten über das Showbusiness. Und wenn diese auch noch in Form eines Musicals erzählt werden, haben Produzenten feuchte Augen vor Freude. „The Greatest Showman“, der lose auf der Biographie von P.T. Barnum, einem Pionier des Zirkus, basiert, war auch ein großer Erfolg. Hugh Jackman darf mal wieder singen (und das tut er ja sehr gerne), Zac Efron darf zeigen, dass er nicht nur gelangweilt aussehen kann, Michelle Williams darf hingegen ausnahmsweise mal gelangweilt sein (und mit Handkuss den wohl beträchtlichen Scheck für ihre Nebenrolle, in der sie hoffnungslos unterfordert ist, einstreifen), und die Sängerin Keala Settle singt mit „This Is Me“ eine der großen Hymnen der vergangenen Filmjahre. Auch ist die Geschichte des Zirkus der Außenseiter unterhaltsam erzählt, und die Showeinlagen wissen durchaus zu überzeugen. So weit, so gut. Allerdings kümmert sich der Film nicht um historische Exaktheit, sondern trampelt sogar mit großen Elefantenfüßen (und das ist wortwörtlich gemeint) auf den historischen Begebenheiten herum. Das ist wahnsinnig schade und unnötig, denn so verkommt der Film zu einer Feelgood-Kitsch-Orgie, das viele ernste und gut gemeinte Themen mit einem Zuckerguss überstreut, der eine eingehendere Beschäftigung fast unmöglich macht. Es fehlen die leisen Zwischentöne. Für einen unterhaltsamen Filmabend reicht es allemal – dafür sorgen allein schon die Schauwerte des Films – aber richtig berühren konnte mich „The Greatest Showman“ nur selten, da er nur zu offensichtlich darauf abzielt, auf die Tränendrüsen zu drücken. Wer dafür empfänglich ist (und das ist völlig wertfrei gemeint), wird seine große Freude an diesem handwerklich gut gemachten und von den Darstellern mit viel Enthusiasmus gespieltem Film haben. Wer es allerdings etwas subtiler mag, wird wohl erschlagen vom Bombast.

(Dieser Film ist als Reiseetappe # 44 Teil meiner Filmreisechallenge 2018. Mehr darüber hier.)

 


5,5
von 10 Kürbissen

Mary Shelley (2017)

Regie: Haifaa Al Mansour
Original-Titel: Mary Shelley
Erscheinungsjahr: 2017
Genre: Biopic, Drama, Liebesfilm, Historienfilm
IMDB-Link: Mary Shelley


Es hat eine Weile gedauert, bis dieser Streifen den Weg in unsere Lichtspielhäuser fand. Im September 2017 feierte „Mary Shelley“ von Haifaa Al Mansour in Toronto seine Premiere, im April 2018 lief der Film in Frankreich an, im Mai in den USA und nun, Ende Dezember, hat auch das deutschsprachige Publikum die Chance, der Entstehung eines Monsters beizuwohnen. Das Monster ist in diesem Fall die Liebesbeziehung zwischen Mary Godwin und Percy Shelley, deren emotionale Achterbahnfahrt schließlich in „Frankenstein oder Der moderne Prometheus“ mündet, vielleicht der beste und humanstischste Schauerroman, der jemals geschrieben wurde. Bis allerdings die Muse die 18jährige Mary (sehr bemüht verkörpert von Elle Fanning) packt, dauert es fast zwei Stunden. Denn im Grunde hat der Film wenig Interesse für den berühmten Roman, sondern fokussiert auf die Geschichte der späteren Mary Shelley, die in wilder Ehe gemeinsam mit ihrer Stiefschwester Claire Clairmont (Bel Powley) mit dem Dichter, Lebemann, Atheisten und rücksichtslosen Arschloch Percy Shelley (Douglas Booth, zu schön, um glaubhaft zu sein) zusammenlebt und versucht, an seiner Seite nicht komplett unterzugehen. In einem verregneten Sommer in Genf bei Lord Byron (Tom Sturridge) gehen schließlich die Wogen hoch, und ein Monster wird geboren. „Mary Shelley“ ist ein sehr bemühter Kostümfilm mit feministischer Agenda. Mary ist eine Suchende, die sich von gesellschaftlichen Konventionen nicht vorschreiben lässt, wie sie zu leben hat. Der Film hat allerdings ein gewaltiges Problem: Die Liebesgeschichte wird auf Rosamunde Pilcher-Niveau erzählt. Die Figuren, ihre Emotionen und Reaktionen, sind hoffnungslos überzeichnet, die Psychologie und damit die Glaubhaftigkeit leidet sehr darunter. Vor allem Douglas Booth ist überfordert, sein Percy Shelley gerät zur Witzfigur. Der Rest des Casts macht seine Sache gut, kann aber gegen diese schmalzige Inszenierung auch nicht viel ausrichten. Insofern: Wenn der Film am 14. Februar noch laufen sollte und ihr euer Valentinstag-Date klar gemacht habt, dann wäre dieser Anflug von Herzschmerz wahrscheinlich gerade passend. Ein guter Film ist „Mary Shelley“ trotz großem Potential allerdings nicht geworden.


4,5
von 10 Kürbissen

(Foto: Polyfilm Verleih)

Womit haben wir das verdient? (2018)

Regie: Eva Spreitzhofer
Original-Titel: Womit haben wir das verdient?
Erscheinungsjahr: 2018
Genre: Komödie
IMDB-Link: Womit haben wir das verdient?


Fatima ist 16 Jahre alt, Muslima und hat gestern noch Nina geheißen, gekifft und die Schule geschwänzt. Jetzt zieht sie sich andere Drogen rein – Religion nämlich, und zwar den Islam. Was ihrer Mutter Wanda (Caroline Peters, die hier alle Register ihres Könnens zeigen darf) erst einmal sauer aufstößt, während der Vater und Ex-Mann (Simon Schwarz) gelassen reagiert. Aber eines lässt sich nicht leugnen: Der Haussegen der links-liberalen und atheistischen Patchwork-Familie hängt erst einmal schief, wenn da überhaupt jemals einer gehangen ist. Auf erstes Unverständnis folgt gut gemeinte, aber schlecht gedachte Toleranz und dann erst die eigentliche Beschäftigung mit dem Thema. Und die zeigt auf, dass Nina/Fatima (Chantal Zitzenbacher) auch noch nicht so richtig herausgefunden hat, worum es geht, was zu echt depperten Lebensentscheidungen führt. Und natürlich zu jeder Menge turbulenter Szenen und politisch inkorrekter, aber treffender Wortwitze. „Womit haben wir das verdient?“ von Eva Spreitzhofer ist eine überraschend gut gelungene Komödie, die die ganze Laufzeit über niveauvoll unterhalten kann und für etliche Lacher gut ist. Vor allem, wenn Simon Schwarz im Bild ist, der als Vater jede Szene stiehlt, in der er mitspielt, was aber Caroline Peters‘ Leistung nicht schmälern soll – sie muss vielschichtiger aufspielen, denn ihre Figur ist das Herzstück des Films. Auch der junge Angelo Konzett ist zu erwähnen – selten wurde ein mürrischer Teenager so authentisch verkörpert wie hier. Allerdings ist auch nicht alles rundum gelungen an diesem Film. Chantal Zitzenbacher wirkt als Nina/Fatima leider sehr aufgesetzt und anstrengend, und manche Dialogszenen sind zwar humorvoll vorgetragen, aber nicht immer stimmig. Auch die Demo am Ende regt zwar zum Schmunzeln an, aber man würde sich doch etwas mehr Biss wünschen. Wenn aber auf Youtube unter dem Trailer plötzlich überall blaune Wutbürger wie die Pilze aus dem Boden schießen und sich darüber echauffieren, dass der Film voller Klischees ist und gegen das arme Bürgertum hetzt, dann muss man doch ein bisschen schmunzeln und Eva Spreitzhofer zu einem gut gemachten und durchaus relevanten Beitrag zur aktuellen Islam-Diskussion gratulieren.


6,5
von 10 Kürbissen

(Foto: Luna Filmverleih)

Madame Beudets sonniges Lächeln (1923)

Regie: Germaine Dulac
Original-Titel: La souriante Madame Beudet
Erscheinungsjahr: 1923
Genre: Drama, Kurzfilm
IMDB-Link: La souriante Madame Beudet


Nach der Sichtung meiner ersten beiden Filme von Germaine Dulac hege ich nun den größten Wunsch, alles von ihr zu sehen – jedenfalls alles, was heute noch erhalten ist. Nach „Die Zigarette“ nun also „Madame Beudets sonniges Lächeln“ (Alternativtitel: „Das Lächeln der Madame Beudet“). Und wenn mich „Die Zigarette“ schon sehr angesprochen hat, so begeistert mich nun die „Madame Beudet“. Schonungsloser und deutlicher ist eine eheliche Depression selten gezeigt worden. „Madame Beudets sonniges Lächeln“ hat gar nicht viel Handlung, sondern konzentriert sich auf die Psychologie der Hauptfigur, ihre Tagträumereien, in denen sie dem ehelichen Gefängnis, verkörpert von ihrem völlig gleichgültigen, empathielosen und gefühllosen Trampel von Ehemann, zu entkommen versucht. Mal träumt sie sich in eine Romanze mit einem athletischen Tennisspieler, mal träumt sie davon, ihren Ehemann zu beseitigen, hat aber Angst vor den Konsequenzen (Zuchthaus, Schande). Dennoch steckt sie eines Tages eine Patrone in die Kammer des Revolvers ihres Mannes – mit dem er sie regelmäßig zu erschrecken versucht, indem er sich die Waffe an die Stirn hält und so tut, als würde er Selbstmord begehen. Doch wird es ihr gelingen, ihrem trostlosen Leben auf diese Weise zu entfliehen, auch wenn das bedeuten würde, ein Gefängnis gegen ein anderes einzutauschen? „Madame Beudets sonniges Lächeln“ ist ein frühes Avantgarde-Kino, das sich sehen lassen kann. Mit Zeitlupeneinstellungen, Überblendungen, Beleuchtungseffekten, Weichzeichnern und vor allem Germaine Dermoz‘ Mimik als depressive Ehefrau wird ein ganzes Seelenleben offen gelegt. Besser kann man dies mit der heutigen Technik auch nicht hinbekommen. Mein Rat (nicht „Mein Rad“): Die 39 Minuten, die der Film dauert, sollte jeder, der sich für Filme und Filmgeschichte interessiert, investieren, es lohnt sich!


9,0
von 10 Kürbissen

Die Frauen von Riasan (1927)

Regie: Olga Preobaschenskaja
Original-Titel: Baby Rjansanskije
Erscheinungsjahr: 1927
Genre: Drama
IMDB-Link: Baby Rjansanskije


Der Kürbis war mal wieder auf Tauchgang und hat in den tiefen Gräben des Filmarchivs einen Schatz gefunden: „Die Frauen von Riasan“ von Olga Preobaschenskaja, ein früher Wegbereiter des naturalistischen und feministischen Kinos. Diese gewaltigen und wichtig klingenden Worte sollen allerdings nicht abschrecken, denn „Die Frauen von Riasan“ ist vor allem eines: Eine verdammt gut erzählte, wundervoll gefilmte Geschichte, die in ihrer Subtilität eine gewaltige Kraft entfaltet. Preobaschenskaja berichtet in ihrem Film von der Rolle der Frau am Wendepunkt des vorigen Jahrhunderts, vom Übergang des russischen Zarenreichs in die Moderne, vom Krieg und der Macht- und Hoffnungslosigkeit, die diesen begleiten, von häuslichen Schrecken und Missbrauch, von Liebe und dem Verlust derselben. Erstaunlich, dass man all dies in einem so frühen Film findet. Noch erstaunlicher, dass die Bilder auch heute noch packen, das Schauspiel noch genauso überzeugt, die Stimmung und Atmosphäre so zeitlos scheinen. Die Hauptfigur ist Anna, deren Mann kurz nach der Heirat eingezogen wird und in den Wirren des Ersten Weltkriegs verschwindet. Die Jahre vergehen, und irgendwann kann sie sich den Zudringlichkeiten des geilen Schwiegervaters nicht mehr erwehren. Ein Kind wird geboren. Anna macht weiter, denn was bleibt ihr auch übrig? Dann steht eines Tages ihr Ehemann vor der Tür. „Die Frauen von Riasan“ ist bedrückend, brisant und hochgradig aktuell. Eine Milieustudie, die problemlos auf andere Zeiten und Lebensrealitäten übertragen werden kann und damit die Zeit überdauert. Auch 90 Jahre nach der Entstehung ist der Film fesselnd und relevant – ein wahres Meisterwerk, das man im Internet kostenlos ansehen kann (was man auch tun sollte).


9,0
von 10 Kürbissen

Yentl (1983)

Regie: Barbra Streisand
Original-Titel: Yentl
Erscheinungsjahr: 1983
Genre: Musical, Liebesfilm, Drama
IMDB-Link: Yentl


„Yentl“ ist die volle Dröhnung Barbra Streisand. Sie hat hier gleich alles gemacht, was man in einem Film so machen kann: Das Drehbuch geschrieben. Regie geführt. Die Hauptrolle übernommen – und zwar gleich die weibliche und männliche zusammen, wenn man so will. Und gesungen hat sie auch. Das sehr schön, aber etwas Anderes wird von Barbra Streisand auch nicht erwartet. Besungen hat sie eine etwas kitschige, aber doch sehr rührige und sensibel erzählte Feminismus-Geschichte. Osteuropa Anfang des 20. Jahrhunderts: Yentl ist eine junge Jüdin, die allein bei ihrem Vater aufwächst, der sie im Talmud und den Wissenschaften unterrichtet – heimlich, da dies Frauen verboten ist. Und als der alte Vater seinen letzten Atemzug getan hat, flüchtet Yentl aus dem Dorf, in dem sie nur Haushaltsarbeit und geschwätzige Weiber erwarten. Sie geht in die Stadt und schleicht sich, als Mann verkleidet unter dem Namen Anshel, in eine Religionsschule ein, wo sie schon bald zu den Besten gehört. Blöd, dass sie sich in ihren Mitstudenten Avigdor verschaut, der wiederum die schöne Hadass heiraten soll, was allerdings abgeblasen wird, als deren Familie vom Selbstmord von Avigdors Bruder erfährt. So einem potentiellen Melancholiker vertraut man den rothaarigen Augapfel der Familie, der noch dazu so gut backen und Tee servieren kann, nicht an. Das wiederum lässt in Avigdor einen verzweifelten Plan reifen, um seiner Hadass doch noch irgendwie nahe zu sein: Anshel soll sich nun um die offene Stelle als Bräutigam bewerben. Und da Anshel/Yentl wiederum selbst so sehr in Avidgor verknallt ist und fürchtet, dass er sich aus dem Staub macht, wenn sie in den aberwitzigen Plan nicht einwilligt, stimmt sie zu. Was macht man nicht alles für die Liebe? Und klar, dass dieses dreifache Versteckspiel nicht lange gut gehen kann. Was nach einer überdrehten Screwball-Komödie klingt, ist, wie schon erwähnt, ein feinfühlig erzähltes Musical-Drama, das seine Figuren ernst nimmt. Auch wenn sie schmachtend singen. (Gut, es singt eh nur die Streisand, das dafür umso öfter und inbrünstiger.) Wer sich am 90bisschen Herzschmerz und vielen schmalzigen Musical-Arien nicht stört, hat an dem Film sicher seine Freude. Unterhaltsam und interessant ist er allemal.

(Dieser Film ist als Reiseetappe # 42 Teil meiner Filmreisechallenge 2018. Mehr darüber hier.)


6,5
von 10 Kürbissen

The Star Prince (1918)

Regie: Madeline Brandeis
Original-Titel: The Star Prince
Erscheinungsjahr: 1918
Genre: Fantasy, Liebesfilm
IMDB-Link: The Star Prince


Mit 21 Lenzen drehte Madeline Brandeis ihren Fantasy-Liebesfilm „The Star Prince“. Und weil Regisseure und Regisseurinnen am Set ja Respektpersonen sein sollten, sorgte sie kurzerhand dafür, dass ihr Cast deutlich jünger war als sie selbst. Heißt: Der Film wurde ausschließlich mit Kinderdarstellern gedreht. Die Story selbst ist recht entzückend: Der Sternenprinz fällt vom Himmel und wird von einer Bauernfamilie aufgenommen. Da er sich selbst für etwas Besseres hält und seine leibhaftige Mutter, eine Bettlerin, als diese eines Tages zufällig auf den Hof kommt, verstößt, wird er von einer Fee kurzerhand entstellt mit einer hässlichen Nase. Entsetzt flieht er und fasst den Vorsatz, seine Mutter, die mittlerweile wieder irgendwo unterwegs ist, zu finden und um Vergebung zu bitten. Einstweilen darbt eine Prinzessin auf ihrem Schloss auf das Erscheinen des ihr prophezeiten Prinzen aus den Sternen, während sie die Avancen eines hinterlistigen Zwergs, der sich mit der bösen Hexe verbündet, abwehren muss. Doch nach einem Deal mit dem König wähnt sich dieser schon am Ziel seiner Träume. Wie gesagt, die Geschichte ist herzig. Und die Umsetzung mit Kinderdarstellern sorgt durchaus für den einen oder anderen gelungenen Moment, weil es einfach süß ist, denen zuzusehen, wie sie mit ernsthaften Mienen das große Drama entfalten. Allerdings ist das auch das einzige Attribut, das mir zu diesem Film einfällt: Süß. Und somit ist das ein kleines Stück Wohlfühlkino aus frühen Kinotagen, aber nichts, was man sich danach unbedingt noch öfter ansehen möchte. Diese 54 Minuten Laufzeit kann man aber für eine Sichtung durchaus mal investieren.


5,5
von 10 Kürbissen

Faust – Eine deutsche Volkssage (1926)

Regie: Friedrich Wilhelm Murnau
Original-Titel: Faust – Eine deutsche Volkssage
Erscheinungsjahr: 1926
Genre: Drama, Fantasy, Horror
IMDB-Link: Faust – Eine deutsche Volkssage


Ich bin der Meinung, dass deutsche Kulturgeschichte auf drei Eckpfeilern beruht: Der Nibelungensage, dem Faust-Stoff und Wolfgang Petrys Freundschaftsbändchen. Das sind Dinge, die man einfach kennen muss, will man einen Blick auf die deutsche Seele erhaschen. Den Faust habe ich vor vielen Jahren mal (freiwillig!) gelesen. Da die Erinnerung daran aber weitestgehend verblasst ist (Patrick Süskind nannte diesen Prozess des Vergessens in einer Kurzgeschichte mal „Amnesia in Litteris“ – ich kann mich noch sehr gut an den Titel erinnern, habe aber leider keinen blassen Schimmer mehr, worum es in der Kurzgeschichte ging – q.e.d.), machte ich mich also mit frischer Neugier an die Verfilmung von Friedrich Wilhelm Murnau aus dem Jahr 1926. Und gleich die Einleitung hat es in sich. Da werden düstere Bilder an die Wand gemalt, dass es geradezu eine Freude ist! Frühes Horrorkino at its best! So richtig beginnt der Spaß aber erst, nachdem Gott und der Teufel ihre Wette (abgeschlossen nach dem Motto „Traust di‘ nie!“) besiegelt und Zweiterer als Mephisto auf die Erde herabgestiegen ist, um dem alten Gelehrten Faust ordentlich einzuheizen und seine Seele mit dem Versprechen der zurückgewonnenen Jugend zu verführen. Und da sich Emil Jannings als Mephisto darum kümmert, ist nicht nur bald des Faustens Seele in großer Not, sondern der Zuseher auch gebannt ob dieses dämonischen Spiels, das so wirkt, als hätte Jannings selbst dem Teufel seine Seele verkauft, um diese Rolle spielen zu können. Eine wortwörtliche Wahnsinnsleistung! Dagegen bleiben Camilla Horn als entzückendes Gretchen und Gösta Ekman als junger Faust eindeutig zurück. Doch so großartig die expressionistisch angehauchten Bilder und Jannings Darstellung auch sind – in der Mitte schleicht sich die eine oder andere Länge ein. Nichtsdestotrotz ist „Faust – Eine deutsche Volkssage“ völlig zurecht einer der großen Klassiker der deutschen Filmgeschichte. Kann man übrigens in voller Länge auf Youtube bewundern.

(Dieser Film ist als Reiseetappe # 66 Teil meiner Filmreisechallenge 2018. Mehr darüber hier.)


7,5
von 10 Kürbissen

Widows – Tödliche Witwen (2018)

Regie: Steve McQueen
Original-Titel: Widows
Erscheinungsjahr: 2018
Genre: Thriller, Krimi, Drama
IMDB-Link: Widows


Der Beginn hat es in sich: Gefühlt fünf Minuten und schon steht der Van, in dem eine Verbrecherbande nach ihrem Coup die Flucht versucht, nach heftigem Polizeibeschuss in Flammen. Zurück bleiben die trauernden Witwen Veronica, Linda und Alice (Viola Davis, Michelle Rodriguez, Elizabeth Debicki), die allesamt je einen Mann weniger und viele Sorgen mehr haben. Denn das von ihren Göttergatten gestohlene Geld gehörte dummerweise Jamal Manning (Brian Tyree Henry), der als Außenseiter für das Amt des Bezirksvorstehers kandidieren möchte gegen den windigen Eliteklasse-Vertreter Jack Mulligan (Colin Farrell). Und Manning ist ein Mann, der endlich das große Stück vom Kuchen will, koste es, was es wolle. Und das lässt er auch Veronica spüren. Er will sein Geld wiederhaben, oder sein Kumpel Jatemme (Daniel Kaluuya) sorgt dafür, dass sie sich nie wieder Sorgen machen muss. Glücklicherweise hat Veronicas verblichener Ex (Liam Neeson) ihr ein Notizbüchlein hinterlassen, in dem akribisch alle Details des nächsten geplanten Coups aufgelistet sind. Und der ist fünf Millionen schwer und würde mit einem Schlag alle Probleme lösen. So finden sich die drei trauernden Witwen zusammen, sichern sich noch die Verstärkung von Lindas Nanny Belle (Cynthia Erivo), und machen sich an die Arbeit. Steve McQueen kann bei seinem Genre-Film auf ein ganzes First-Class-Schauspieler-Arsenal zurückgreifen, das neben den Genannten noch durch Robert Duvall und Jackie Weaver in kleinen Nebenrollen veredelt wird. Und McQueen hält seine Star-Truppe auch gut im Zaum. Schauspielerisch ist das alles sehr fein anzusehen. Allerdings ist es nicht leicht, in den Film hineinzufinden. Denn erst nach etwa der Hälfte der 130 Minuten Spielzeit finden die verschiedenen Handlungsstränge zueinander, und viele Figuren, die lange für sich isoliert waren, werden endlich miteinander verbunden. Auch ist auffallend, dass McQueen die Geschichte sehr distanziert erzählt. Er bleibt oft bewusst weg von seinen Figuren, wenn beispielsweise von einem emotionalen Gespräch zwischen Mulligan und seiner Assistentin (Carrie Coon) nichts zu sehen ist, da die Kamera ausschließlich auf die spiegelnde Frontscheibe des Autos, in dem das Gespräch stattfindet, draufhält. Das ist zwar ein interessanter Regieeinfall, bringt dem Zuseher die Figuren aber nicht näher. Und so wird der Film erst in der zweiten Hälfte interessant, wenn die Fäden verknüpft werden und die Handlung Fahrt aufnimmt. So richtig gezündet hat das Werk bei mir dennoch nicht. Aber immerhin weiß ich nun, dass Elizabeth Debicki 190 cm groß ist – das musste ich nach dem Film ergoogeln, nachdem sie ständig aus so großer Höhe auf ihre Kolleginnen heruntergeschaut hat.


6,0
von 10 Kürbissen

Cold War – Der Breitengrad der Liebe (2018)

Regie: Paweł Pawlikowski
Original-Titel: Zimna Wojna
Erscheinungsjahr: 2018
Genre: Drama, Liebesfilm
IMDB-Link: Zimna Wojna


Paweł Pawlikowski macht schöne Filme. Das hat sein letzter Film „Ida“ bewiesen, der ihm den Oscar für den besten fremdsprachigen Film einbrachte, und das zeigt nun auch wieder „Cold War – Der Breitengrad der Liebe“. Jedes Bild könnte ausgedruckt in einer Foto-Ausstellung in einem bedeutenden Kunstmuseum hängen. Ausstattung, Kontraste, Symmetrien, Schärfen und Unschärfen – mit welch einer Detailbesessenheit Pawlikowski und sein Team, allen voran Kameramann Łukasz Żal, an die Sache herangegangen sind, verdient größte Bewunderung und sorgt für staunende Blicke. Ehrlich, ich möchte eine Wand mit Pawlikowski-Bildern tapezieren. Vielleicht nicht unbedingt das Wohnzimmer, denn dafür gerät die Tapetenwand vielleicht etwas zu düster, aber den Gang, ja, das könnte ich mir schon vorstellen. Vier Meter wundervolle Schwarz-Weiß-Stillleben, die eine tragische Liebesgeschichte erzählen. Nämlich jene, die Pawlikowski in „Cold War – Der Breitengrad der Liebe“ erzählen wollte. Aber leider nicht getan hat. Nicht falsch verstehen – der Film hat schon seine Handlung, und die ist auch furchtbar tragisch, erzählt sie doch von verpassten Chancen und einem Paar, das bereits zueinander gefunden hat, aber dann doch wieder auseinander gegangen ist, ehe es wieder zueinander findet und wieder auseinander geht und so weiter. Man kann sich das Leben auch kompliziert machen, wobei man natürlich zu Gute halten muss: Anfang der Fünfziger ist das Leben in Warschau tatsächlich nicht unkompliziert, und wenn man schon die Chance hat, als Musiker in den Westen, genauer: nach Paris, abzupaschen, dann tut man das auch. Dass dann die jüngere Geliebte und Schülerin im letzten Moment entscheidet, doch nicht mitzukommen, ist halt Pech. Leider erzählt Pawlikowski von dieser traurigen, grau-betonten Liebe völlig emotionsbefreit. Die Distanz zu den Figuren ist von Anfang an eine sehr große, und Pawlikowski kümmert sich nicht darum, diese im Laufe der Erzählung zu verringern. Und so blickt man anfangs vielleicht noch interessiert zu, aber irgendwann, wenn man sich auch mal satt gesehen hat an den schönen Bildern, beginnt man in Gedanken Einkaufslisten für das kommende Weihnachtsfest abzuarbeiten oder Silvesterpläne zu schmieden. Am Ende, wenn sich das schöne Paar mit tieftraurigen Blicken auf den Weg macht, um den letzten Hügel zu erklimmen, denkt man sich nur noch: „Geht mit Gott. Aber geht.“ Und überlegt sich das mit der Tapete vielleicht doch noch mal.


5,0
von 10 Kürbissen

(Foto: Polyfilm)