Liebesfilm

Reise in Italien (1954)

Regie: Roberto Rossellini
Original-Titel: Viaggio in Italia
Erscheinungsjahr: 1954
Genre: Drama, Liebesfilm
IMDB-Link: Viaggio in Italia


Wenn einer eine Reise tut, kann er was erleben. So ergeht es dem seit acht Jahren verheirateten Paar Katherine und Alex Joyce (Ingrid Bergman und George Sanders) in Roberto Rossellinis Film „Reise in Italien“. (Der alternative deutsche Titel heißt „Liebe ist stärker“, aber nachdem mich dieser Titel eher an eine Rosamunde-Pilcher-Verfilmung denken lässt, bleibe ich lieber bei jenem Verleihtitel, der dem Originaltitel folgt.) Die beiden reisen nach Neapel, um das Haus des verstorbenen Onkels, ein Kunst-Mäzen und Lebemann, der im stolzen Alter von 90 die Schlapfen gestreckt hat, zu besichtigen, um es anschließend zu verscherbeln. Alex ist Anwalt und das, was man gemeinhin als Workaholic bezeichnet. Katherine hat mehr Sinn für Kunst und Lebensfreude, fühlt sich aber in der Ehe ein wenig unterjocht. Schnell wird klar, dass sich zwei sehr gegensätzliche Charaktere einander das Ja-Wort gegeben haben, und nun wissen sie nicht so recht, was aus diesem Ja geworden ist. Man lebt ja so nebenher. Und weil auf so einer Urlaubsreise, die wenig Ablenkung durch Alltag bietet, die Gefahr groß ist, sich gegenseitig auf die Nerven zu gehen, löst man das Problem auf pragmatische Weise: Man geht getrennte Wege. Alex nutzt gleich mal die Gelegenheit, um kräftig mit den schönen Damen der Gesellschaft zu flirten, denn so Neapolitanerinnen haben schon Feuer unter dem Hintern, selbst wenn sie sich das Bein gebrochen haben. Und Katherine versucht das Beste aus der Situation zu machen, in dem sie Museen und Ausstellungen besucht. Immerhin ist man sich einig: Wir passen nicht zueinander, wir kennen uns eigentlich gar nicht. Das knallt man sich in spitzzüngigen Dialogen auch gerne mal direkt an den Kopf. Das große Drama bleibt allerdings aus. Zu resigniert wirken beide Seiten, als dass sie kampfeslustig noch mal die Rüstungen anlegen würden. Lieber blockt man die verbalen Schläge des Gegenübers mit einem müden Schulterzucken ab. „Reise nach Italien“ ist ein sehr dialoglastiger Film, der vor allem Freunden des geschliffenen Wortes Freude bereiten wird. Allerdings war er mir phasenweise nicht zwingend genug, und auch das Ende konnte mich nicht überzeugen. Dennoch ist es ein guter Zeitvertreib, Bergman und Sanders dabei zuzusehen, wie sie sich Gemeinheiten in die Seelen rammen. Man lernt dabei einiges über die Bedeutung des Schiller-Zitats „Drum prüfe, wer sich ewig bindet, ob das Herz zum Herzen findet.“


6,5
von 10 Kürbissen

Nude Area – Sehnsucht & Verführung (2014)

Regie: Urszula Antoniak
Original-Titel: Nude Area
Erscheinungsjahr: 2014
Genre: Drama, Liebesfilm
IMDB-Link: Nude Area


Urszula Antoniak ist mir vor einigen Jahren mit ihrem Debütfilm „Nothing Personal“ positiv aufgefallen, eine melancholische Studie über zwischenmenschliche Annäherung. Dementsprechend gespannt war ich auf „Nude Area“. In diesem Film begehrt ein 16jähriges Mädchen aus gutem Haus eine muslimische Mitschülerin. Einen Sommer lang umschleichen sich die beiden, wortlos, nur ihre Blicke, ihre Mimik und ihre Gesten zeigen das Verlangen. So weit, so schön. Es geht doch nichts über sinnliches Begehren, das sich im Körper ausdrückt. Blöd nur, dass Antoniak bei all den vielsagenden Nahaufnahmen darauf vergessen hat, einen Film zu drehen. Denn das Konzept geht einfach nicht auf. „Nude Area“ ist zweierlei: Langweilig und bieder. Was für einen Film, in dem es um Begierde geht, das Todesurteil bedeutet. Selbst die formale, handwerkliche Umsetzung ist so uninspiriert, dass es fast schon wieder eine Kunst für sich ist. Blaustichige Bilder werden mit dissonantem Klaviergeklimper untermalt, und irgendwann taucht auch mal ein verschlafenes Saxofon auf. Das hat man schon in den 80ern nur noch im spätabendlichen Fernsehfilm gesehen. Auch dass der Film völlig wortlos und ohne eine einzige Dialogzeile auskommt, unterläuft die Dramaturgie eher, als dass es Spannung erzeugt. Denn wenn man alle fünf Minuten denkt: „So redet doch endlich mal miteinander, ihr fetzendepperten Tussis!“, dann wirkt sich das nicht förderlich auf das Qualitätsempfinden des Films aus. Allerdings wäre der Film mit Dialog wohl auch in fünf Minuten durch gewesen. Man kann aber sagen, dass  „Nude Area“ der sauberste Film aller Zeiten ist: Ständig steht wer unter der Dusche. Wer aber glaubt, auf diese Weise den einen oder anderen Blick auf schöne Körper erhaschen zu können, wird ordentlich enttäuscht. Denn das, was man sieht, sind hauptsächlich Rücken. Und Zeitlupen-Aufnahmen von Wassertropfen, die von der Haut abperlen. Nein, nichts an diesem Film ist ein Fest für die Sinne. Und nichts davon macht Sinn. Schade um die Zeit.


2,0
von 10 Kürbissen

Mary Shelley (2017)

Regie: Haifaa Al Mansour
Original-Titel: Mary Shelley
Erscheinungsjahr: 2017
Genre: Biopic, Drama, Liebesfilm, Historienfilm
IMDB-Link: Mary Shelley


Es hat eine Weile gedauert, bis dieser Streifen den Weg in unsere Lichtspielhäuser fand. Im September 2017 feierte „Mary Shelley“ von Haifaa Al Mansour in Toronto seine Premiere, im April 2018 lief der Film in Frankreich an, im Mai in den USA und nun, Ende Dezember, hat auch das deutschsprachige Publikum die Chance, der Entstehung eines Monsters beizuwohnen. Das Monster ist in diesem Fall die Liebesbeziehung zwischen Mary Godwin und Percy Shelley, deren emotionale Achterbahnfahrt schließlich in „Frankenstein oder Der moderne Prometheus“ mündet, vielleicht der beste und humanstischste Schauerroman, der jemals geschrieben wurde. Bis allerdings die Muse die 18jährige Mary (sehr bemüht verkörpert von Elle Fanning) packt, dauert es fast zwei Stunden. Denn im Grunde hat der Film wenig Interesse für den berühmten Roman, sondern fokussiert auf die Geschichte der späteren Mary Shelley, die in wilder Ehe gemeinsam mit ihrer Stiefschwester Claire Clairmont (Bel Powley) mit dem Dichter, Lebemann, Atheisten und rücksichtslosen Arschloch Percy Shelley (Douglas Booth, zu schön, um glaubhaft zu sein) zusammenlebt und versucht, an seiner Seite nicht komplett unterzugehen. In einem verregneten Sommer in Genf bei Lord Byron (Tom Sturridge) gehen schließlich die Wogen hoch, und ein Monster wird geboren. „Mary Shelley“ ist ein sehr bemühter Kostümfilm mit feministischer Agenda. Mary ist eine Suchende, die sich von gesellschaftlichen Konventionen nicht vorschreiben lässt, wie sie zu leben hat. Der Film hat allerdings ein gewaltiges Problem: Die Liebesgeschichte wird auf Rosamunde Pilcher-Niveau erzählt. Die Figuren, ihre Emotionen und Reaktionen, sind hoffnungslos überzeichnet, die Psychologie und damit die Glaubhaftigkeit leidet sehr darunter. Vor allem Douglas Booth ist überfordert, sein Percy Shelley gerät zur Witzfigur. Der Rest des Casts macht seine Sache gut, kann aber gegen diese schmalzige Inszenierung auch nicht viel ausrichten. Insofern: Wenn der Film am 14. Februar noch laufen sollte und ihr euer Valentinstag-Date klar gemacht habt, dann wäre dieser Anflug von Herzschmerz wahrscheinlich gerade passend. Ein guter Film ist „Mary Shelley“ trotz großem Potential allerdings nicht geworden.


4,5
von 10 Kürbissen

(Foto: Polyfilm Verleih)

Yentl (1983)

Regie: Barbra Streisand
Original-Titel: Yentl
Erscheinungsjahr: 1983
Genre: Musical, Liebesfilm, Drama
IMDB-Link: Yentl


„Yentl“ ist die volle Dröhnung Barbra Streisand. Sie hat hier gleich alles gemacht, was man in einem Film so machen kann: Das Drehbuch geschrieben. Regie geführt. Die Hauptrolle übernommen – und zwar gleich die weibliche und männliche zusammen, wenn man so will. Und gesungen hat sie auch. Das sehr schön, aber etwas Anderes wird von Barbra Streisand auch nicht erwartet. Besungen hat sie eine etwas kitschige, aber doch sehr rührige und sensibel erzählte Feminismus-Geschichte. Osteuropa Anfang des 20. Jahrhunderts: Yentl ist eine junge Jüdin, die allein bei ihrem Vater aufwächst, der sie im Talmud und den Wissenschaften unterrichtet – heimlich, da dies Frauen verboten ist. Und als der alte Vater seinen letzten Atemzug getan hat, flüchtet Yentl aus dem Dorf, in dem sie nur Haushaltsarbeit und geschwätzige Weiber erwarten. Sie geht in die Stadt und schleicht sich, als Mann verkleidet unter dem Namen Anshel, in eine Religionsschule ein, wo sie schon bald zu den Besten gehört. Blöd, dass sie sich in ihren Mitstudenten Avigdor verschaut, der wiederum die schöne Hadass heiraten soll, was allerdings abgeblasen wird, als deren Familie vom Selbstmord von Avigdors Bruder erfährt. So einem potentiellen Melancholiker vertraut man den rothaarigen Augapfel der Familie, der noch dazu so gut backen und Tee servieren kann, nicht an. Das wiederum lässt in Avigdor einen verzweifelten Plan reifen, um seiner Hadass doch noch irgendwie nahe zu sein: Anshel soll sich nun um die offene Stelle als Bräutigam bewerben. Und da Anshel/Yentl wiederum selbst so sehr in Avidgor verknallt ist und fürchtet, dass er sich aus dem Staub macht, wenn sie in den aberwitzigen Plan nicht einwilligt, stimmt sie zu. Was macht man nicht alles für die Liebe? Und klar, dass dieses dreifache Versteckspiel nicht lange gut gehen kann. Was nach einer überdrehten Screwball-Komödie klingt, ist, wie schon erwähnt, ein feinfühlig erzähltes Musical-Drama, das seine Figuren ernst nimmt. Auch wenn sie schmachtend singen. (Gut, es singt eh nur die Streisand, das dafür umso öfter und inbrünstiger.) Wer sich am 90bisschen Herzschmerz und vielen schmalzigen Musical-Arien nicht stört, hat an dem Film sicher seine Freude. Unterhaltsam und interessant ist er allemal.

(Dieser Film ist als Reiseetappe # 42 Teil meiner Filmreisechallenge 2018. Mehr darüber hier.)


6,5
von 10 Kürbissen

The Star Prince (1918)

Regie: Madeline Brandeis
Original-Titel: The Star Prince
Erscheinungsjahr: 1918
Genre: Fantasy, Liebesfilm
IMDB-Link: The Star Prince


Mit 21 Lenzen drehte Madeline Brandeis ihren Fantasy-Liebesfilm „The Star Prince“. Und weil Regisseure und Regisseurinnen am Set ja Respektpersonen sein sollten, sorgte sie kurzerhand dafür, dass ihr Cast deutlich jünger war als sie selbst. Heißt: Der Film wurde ausschließlich mit Kinderdarstellern gedreht. Die Story selbst ist recht entzückend: Der Sternenprinz fällt vom Himmel und wird von einer Bauernfamilie aufgenommen. Da er sich selbst für etwas Besseres hält und seine leibhaftige Mutter, eine Bettlerin, als diese eines Tages zufällig auf den Hof kommt, verstößt, wird er von einer Fee kurzerhand entstellt mit einer hässlichen Nase. Entsetzt flieht er und fasst den Vorsatz, seine Mutter, die mittlerweile wieder irgendwo unterwegs ist, zu finden und um Vergebung zu bitten. Einstweilen darbt eine Prinzessin auf ihrem Schloss auf das Erscheinen des ihr prophezeiten Prinzen aus den Sternen, während sie die Avancen eines hinterlistigen Zwergs, der sich mit der bösen Hexe verbündet, abwehren muss. Doch nach einem Deal mit dem König wähnt sich dieser schon am Ziel seiner Träume. Wie gesagt, die Geschichte ist herzig. Und die Umsetzung mit Kinderdarstellern sorgt durchaus für den einen oder anderen gelungenen Moment, weil es einfach süß ist, denen zuzusehen, wie sie mit ernsthaften Mienen das große Drama entfalten. Allerdings ist das auch das einzige Attribut, das mir zu diesem Film einfällt: Süß. Und somit ist das ein kleines Stück Wohlfühlkino aus frühen Kinotagen, aber nichts, was man sich danach unbedingt noch öfter ansehen möchte. Diese 54 Minuten Laufzeit kann man aber für eine Sichtung durchaus mal investieren.


5,5
von 10 Kürbissen

Cold War – Der Breitengrad der Liebe (2018)

Regie: Paweł Pawlikowski
Original-Titel: Zimna Wojna
Erscheinungsjahr: 2018
Genre: Drama, Liebesfilm
IMDB-Link: Zimna Wojna


Paweł Pawlikowski macht schöne Filme. Das hat sein letzter Film „Ida“ bewiesen, der ihm den Oscar für den besten fremdsprachigen Film einbrachte, und das zeigt nun auch wieder „Cold War – Der Breitengrad der Liebe“. Jedes Bild könnte ausgedruckt in einer Foto-Ausstellung in einem bedeutenden Kunstmuseum hängen. Ausstattung, Kontraste, Symmetrien, Schärfen und Unschärfen – mit welch einer Detailbesessenheit Pawlikowski und sein Team, allen voran Kameramann Łukasz Żal, an die Sache herangegangen sind, verdient größte Bewunderung und sorgt für staunende Blicke. Ehrlich, ich möchte eine Wand mit Pawlikowski-Bildern tapezieren. Vielleicht nicht unbedingt das Wohnzimmer, denn dafür gerät die Tapetenwand vielleicht etwas zu düster, aber den Gang, ja, das könnte ich mir schon vorstellen. Vier Meter wundervolle Schwarz-Weiß-Stillleben, die eine tragische Liebesgeschichte erzählen. Nämlich jene, die Pawlikowski in „Cold War – Der Breitengrad der Liebe“ erzählen wollte. Aber leider nicht getan hat. Nicht falsch verstehen – der Film hat schon seine Handlung, und die ist auch furchtbar tragisch, erzählt sie doch von verpassten Chancen und einem Paar, das bereits zueinander gefunden hat, aber dann doch wieder auseinander gegangen ist, ehe es wieder zueinander findet und wieder auseinander geht und so weiter. Man kann sich das Leben auch kompliziert machen, wobei man natürlich zu Gute halten muss: Anfang der Fünfziger ist das Leben in Warschau tatsächlich nicht unkompliziert, und wenn man schon die Chance hat, als Musiker in den Westen, genauer: nach Paris, abzupaschen, dann tut man das auch. Dass dann die jüngere Geliebte und Schülerin im letzten Moment entscheidet, doch nicht mitzukommen, ist halt Pech. Leider erzählt Pawlikowski von dieser traurigen, grau-betonten Liebe völlig emotionsbefreit. Die Distanz zu den Figuren ist von Anfang an eine sehr große, und Pawlikowski kümmert sich nicht darum, diese im Laufe der Erzählung zu verringern. Und so blickt man anfangs vielleicht noch interessiert zu, aber irgendwann, wenn man sich auch mal satt gesehen hat an den schönen Bildern, beginnt man in Gedanken Einkaufslisten für das kommende Weihnachtsfest abzuarbeiten oder Silvesterpläne zu schmieden. Am Ende, wenn sich das schöne Paar mit tieftraurigen Blicken auf den Weg macht, um den letzten Hügel zu erklimmen, denkt man sich nur noch: „Geht mit Gott. Aber geht.“ Und überlegt sich das mit der Tapete vielleicht doch noch mal.


5,0
von 10 Kürbissen

(Foto: Polyfilm)

Briefe aus dem Jenseits (1947)

Regie: Martin Gabel
Original-Titel: The Lost Moment
Erscheinungsjahr: 1947
Genre: Drama, Thriller, Liebesfilm
IMDB-Link: The Lost Moment


Der Verleger Lewis Venable (Robert Cummings) kommt Anfang des 19. Jahrhunderts nach Venedig, um dort nach den Briefen eines berühmten Dichters an seine Geliebte zu suchen, die er dann für gutes Geld veröffentlichen möchte. Dafür quartiert er sich unter dem falschen Namen im Haus der ehemaligen Geliebten an. Diese ist nicht mehr ganz taufrisch, denn die Episode mit dem berühmten Dichter liegt nun schon mehr als ein halbes Jahrhundert zurück. Ihre Nichte Tina (Susan Hayward) ist von dem Besuch weniger begeistert und lässt ihn das auch spüren. Zur Tante selbst entwickelt Lewis allerdings schon bald ein recht gutes Verhältnis, auch wenn die alte Dame, deren faltige Hände sich immer recht unentspannt an die Lehnen ihres Stuhls klammern, ein wenig creepy wirkt. So wie eigentlich auch das ganze Haus, das viel zu groß für die beiden Damen und ihre Haushälterin ist. Und das einige verwinkelte Ecken aufweist, in denen es sich nachts hervorragend herumschleichen lässt. Schon bald ist Lewis auf der Suche nach den verschollenen Briefen tiefer in die persönlichen Angelegenheiten der kleinen Damenrunde verwickelt, als es ihm lieb ist. Vor allem Tina gibt ihm so einiges zu denken auf. „The Lost Moment“ (der deutsche Titel „Briefe aus dem Jenseits“ ist eher irreführend) ist ein klassischer Film Noir. Die Gänge sind dunkel, die Mienen finster, die Schatten lang wie die Nächte, und hinter jeder Ecke lauert ein Geheimnis. Als Vorlage diente Henry James‘ Novelle „The Aspern Papers“, und man merkt dem Film den Geist der Vorlage aus dem 19. Jahrhundert durchaus an. Das erhöht durchaus die Eleganz und damit auch den Reiz des Films. Die Auflösung ist mir persönlich dann etwas zu einfach gestrickt geraten, aber dennoch unterhält der Film auch heute noch sehr gut mit seiner stimmungsvollen Atmosphäre, dem gelungenen Schauspiel und gut inszenierten Spannungsmomenten.

(Dieser Film ist als Reiseetappe # 16 Teil meiner Filmreisechallenge 2018. Mehr darüber hier.)


6,5
von 10 Kürbissen

The Blot (1921)

Regie: Lois Weber
Original-Titel: The Blot
Erscheinungsjahr: 1921
Genre: Liebesfilm, Drama
IMDB-Link: The Blot


Lois Weber ist unzweifelhaft eine der großen Pionierinnen des Films. 1914 drehte sie den ersten Langfilm der Geschichte, bei dem eine Frau Regie führte. Ihre Fähigkeiten waren enorm – und viele Einstellungen oder Schnitte aus „The Blot“, ihrem Film aus dem Jahr 1921, wirken heute noch frisch und originell. In „The Blot“ erzählt sie vom sozialen Gefälle, das sich auch in den Roaring Twenties durch die Gesellschaft zog – ein Thema, das auch heute nichts an Aktualität und Brisanz eingebüßt hat. Der reiche Student Phil West verliebt sich in Amelia, die Tochter seines Professors. Diese erwidert seine Avancen nicht, und bald schon stellt man fest, dass auch ihr Stolz sie zurückhält. Die ganze Familie ist nämlich arm, da die Gehälter für Universitätsprofessoren unter aller Sau sind. Auch nicht besser ergeht es dem zweiten Verehrer Amelias, einem jungen Geistlichen, mit dem sich Phil anfreundet. Auch der hat kein Geld, weshalb er beispielsweise seine Schuhe mit Gänsefett polieren muss – was Amelias Katze mit Wohlwollen zur Kenntnis nimmt. Die Lage der Familie wird immer brisanter, während nebenan die Familie eines Schuhmachers lebt, der mit seinem Handwerk zu Reichtum gekommen ist. Vor allem die Ehefrau des Schuhmachers zeigt eine große Abneigung gegen das Elend auf der anderen Seite des Gartenzauns. Nicht einmal die Abfälle gönnt sie der hungrigen Hauskatze. Eines Tages kommt es zu einem Missverständnis, als Phil West der kranken Amelie ein Huhn zur Stärkung schicken lässt, was sich die Familie sonst nicht leisten könnte, diese aber ihre Mutter dabei beobachtet, wie sie in den Garten der reichen Nachbarn schleicht, wo ein frisch gebratenes Huhn vor dem Fenster steht. Und die dramatischen Verwicklungen nehmen ihren Lauf. Was ich an „The Blot“ besonders mag: Lois Weber führt niemanden vor. Niemand ist frei von Fehlern, von Stolz und Hochmut beispielsweise, von Missgunst und Neid, aber niemand gerät zur Karikatur. Es gibt (Achtung: Wortwitz, höhö) kein Schwarz-Weiß-Denken in diesem Schwarz-Weiß-Film. Und auch das Ende ist nicht ausschließlich happy, auch wenn sich die Geschichte zum Guten wendet. Aber einer bleibt immer auf der Strecke, und der geht dann mit nachdenklichem Blick die dunkle Straße entlang. Ein wunderbar differenziertes Stück Kino, handwerklich großartig gemacht und mit einem starken Thema, das auch heute noch relevant ist.

(Dieser Film ist als Reiseetappe # 11 Teil meiner Filmreisechallenge 2018. Mehr darüber hier.)


8,0
von 10 Kürbissen

Unter dem Pflaster ist der Strand (1975)

Regie: Helma Sanders-Brahms
Original-Titel: Unter dem Pflaster ist der Strand
Erscheinungsjahr: 1975
Genre: Liebesfilm, Drama, Politfilm
IMDB-Link: Unter dem Pflaster ist der Strand


Es dauert eine Weile, bis man hinein findet in Helma Sanders-Brahms Debütfilm „Unter dem Pflaster ist der Strand“ (übrigens ein ziemlich genialer Titel, wie ich finde). Der Beginn wirkt dokumentarisch, Helma Sanders-Brahms erzählt aus dem Off von ihren Figuren, die erst einmal in einen kahlen Raum gestellt werden, wo sie seltsame Theaterperformances zum Besten geben müssen. Sperrig. Doch wenn dann Grischa (Grischa Huber) und Heinrich (Heinrich Giskes) beim Abschminken etwas spät dran sind und versehentlich in der Garderobe eingesperrt werden, sodass sie gemeinsam die Nacht darin verbringen müssen, nimmt der Film Fahrt auf. Nach dieser Nacht verlässt Grischa ihren Mann, und sie und Heinrich werden ein Paar. Sie ziehen zusammen. Helma Sanders-Brahms beleuchtet nun die Beziehung der beiden, die Veränderungen darin, auch vor dem politischen Hintergrund einer enttäuschten 68er-Generation, die vergeblich auf den Big Bang, die große Revolution, gewartet hat. Heinrich ist so ein enttäuschter 68er. Statt auf die Straße zu gehen und zu demonstrieren oder mit Gleichgesinnten zu diskutieren, träumt er davon, ein Kind zu haben, ohne eine konkrete Vorstellung davon zu besitzen. Grischa hingegen führt den Kampf für sich und für die Emanzipation der Frauen weiter. Sie interviewt Arbeiterinnen, die von ihrem harten Leben und der Fremdbestimmung darin erzählen, von männlicher Sexualität, die die weibliche unterdrückt, und von der Schwierigkeit, selbst über die eigene Familienplanung bestimmen zu können. Über die Arbeit entfremden sich Grischa und Heinrich, und die fragile Beziehung bröckelt. Helma Sanders-Brahms hat schon einen ziemlich didaktischen Zugang zum Filmedrehen, wenn man das so sagen kann. Dennoch überzeugt das Ende auf einer emotionalen Ebene. Man muss sich zeitweise ein wenig durchkämpfen, aber der Film wird mit längerer Fortdauer besser und interessanter. Schön jedenfalls, dass ich dank der Filmreisechallenge auf diese Regisseurin gestoßen bin, die ansonsten komplett an mir vorbeigegangen wäre.

(Dieser Film ist als Reiseetappe # 21 Teil meiner Filmreisechallenge 2018. Mehr darüber hier.)


6,0
von 10 Kürbissen

May und die Liebe (2013)

Regie: Cherien Dabis
Original-Titel: May in the Summer
Erscheinungsjahr: 2013
Genre: Liebesfilm, Rom-Com
IMDB-Link: May in the Summer


Cherien Dabis hat eine durchaus interessante Biographie. Die palästinisch-amerikanische Regisseurin lebt im konservativen Omaha, Nebraska, ist offen bisexuell und dreht Filme, die im Nahen Osten spielen und sich auf humorvolle Weise mit Fragen der Identität und Religion auseinandersetzen. Ein kleiner Geist wie jener von Trump beispielsweise würde angesichts dieses Lebens vor lauter Widersprüchen vermutlich so schnell rotieren, dass man mit der dabei ausgestoßenen Reibungsenergie sämtliche Swimmingpools Nebraskas beheizen könnte. In „May in the Summer“ (ich halte mich dabei lieber an den charmanteren Originaltitel als an den dümmlich-einfallslosen deutschen Verleihtitel) geht es um die von Dabris selbst gespielte Schriftstellerin May, die von New York in ihre alte Heimat nach Jordanien kommt, um dort gemeinsam mit ihren beiden Schwestern die Hochzeit mit ihrem Verlobten Ziad zu organisieren. Und wie so oft in romantischen Komödien entwachsen die größten Probleme aus dem Kreis der eigenen Familie. Ihre nach wie vor in Jordanien lebende Mutter ist nämlich streng christlich und will daher die Hochzeit mit dem Moslem Ziad daher nicht gut heißen. Das geht so weit, dass sie der Hochzeit fernbleiben möchte. Dem Vater (Bill Pullman) geht es indessen nicht so gut. Er erholt sich gerade in den Händen seiner zweiten Frau, der blutjungen Anu aus Indien, von den Strapazen eines Herzinfarktes und möchte wieder Kontakt zu seinen Töchtern aufnehmen, die jedoch verständlicherweise nicht allzu gut auf ihn zu sprechen sind. Mays Schwestern schließlich haben selbst ihre eigenen Identitätskrisen zu bewältigen. Und in all das Chaos schleicht sich noch auf leisen Sohlen der charmante Touristenführer Karim, der Mays angespanntes Nervenkostüm mit unerwarteten weiteren Fragen, die sie sich nun stellen muss, strapaziert. Was nach einer leichten, luftigen und relativ belanglosen Feelgood-Komödie klingt, wird in den Händen von Cherien Dabis, die auch das Drehbuch geschrieben hat, zu einer zwar einfach zu konsumierenden, aber doch hintergründigen Angelegenheit, die nicht zwanghaft auf ein Happy End zusteuert, sondern mehr an der Entwicklung der Figuren selbst interessiert ist. Auch der Humor wird nicht mit dem Holzhammer eingeprügelt. Dieser Film will nicht dick auftragen, und das ist gut. Zwar ist das Ergebnis nicht bahnbrechend originell und immer noch eine Rom-Com, in der viele Dinge und Konflikte genregetreu stark vereinfacht ablaufen, aber der Film kann gut auf einem soliden Niveau unterhalten.


6,0
von 10 Kürbissen