Liebesfilm

Serena (2014)

Regie: Susanne Bier
Original-Titel: Serena
Erscheinungsjahr: 2014
Genre: Liebesfilm, Drama
IMDB-Link: Serena


„Drum prüfe, wer sich ewig bindet …“ George Pemberton (Bradley Cooper) hätte wohl seinen Schiller lesen sollen, ehe er Serena Shaw (Jennifer Lawrence) beim ersten Kennenlernen einen Heiratsantrag macht. Aber weil sie ja so hübsche Reh-Äuglein hat und auf Holz steht (George hat sein eigenes Holzfäller-Unternehmen), wird ganz einfach geheiratet und gefühlt zwei Minuten, nachdem der Filmtitel über den Bildschirm geflimmert ist, richten sich es die beiden schon als frisch angetrautes Ehepaar im Wald von North Carolina ein. Das dürfte einen Rekord bedeuten. Aber nach und nach stellt man gegenseitig fest, dass unüberlegte Entscheidungen zwar zu ganz witzigen Ergebnissen führen können, aber wenn man sein ganzes Leben danach ausrichtet, wäre ein bisschen Köpfchen davor ratsam gewesen. Vielleicht hätte sich George dann überlegen können, dass er sich besser um seinen unehelichen Sohn kümmern sollte, den er seiner Mitarbeiterin angedreht hat. Und Serena wiederum hätte zunächst einmal in ein paar Psychotherapiestunden den Feuertod ihrer ganzen Familie und den ungesunden Umgang mit Eifersucht aufarbeiten sollen. Und beide gemeinsam hätten erst einmal durchdenken können, ob die Aussicht auf die Abholzung des brasilianischen Regenwalds tatsächlich so verlockend ist, dass man dafür krumme Dinger dreht und es sich mit den besten Mitarbeitern, Freunden und Teilhabern verscherzt. Hätte hätte Fahrradkette. Jedenfalls haben die beiden nun einen ganzen Blumenstrauß von Problemen, mit der sie ihre frische Ehe dekorieren können. Mit ihren Mitarbeitern, mit dem Gesetz und miteinander. Ansonsten wäre es ja auch recht fad in den Smoky Mountains. Wenn man dort nicht gerade zufällig auf eine Klapperschlange latscht, erlebt man keine Abenteuer, die man nicht selbst mitgebracht hat. Leider wird aber die an sich nicht uninteressante Geschichte unterlaufen durch ihre sehr inkohärenten Hauptfiguren, die zudem von Minute zu Minute unsympathischer werden. Cooper und Lawrence bemühen sich nach Kräften, aber manchmal ist das Drehbuch einfach chaotisch und klischeebeladen, und dagegen kommen auch eine Oscar-Preisträgerin und ein mehrfach Oscar-Nominierter nicht an. (Wobei wir, liebe Academy, über die Nominierung Coopers für „American Sniper“ eh noch mal reden müssen.) Die Liebesgeschichte bleibt eine in ästhetische Bilder verpackte Behauptung, die Wendung zum Krimi hin ist nur kurz konsequent, bleibt aber prinzipiell folgenlos, und die Thriller-Elemente sind einfach nur simpel und können nicht mitreißen. Wir brauchen noch einen Bösewicht? Nehmen wir doch einfach den finster blickenden, schweigsamen Holzfäller. Nicht, dass der irgendeine Motivation für sein Handeln hätte, aber sein Bart wirkt so grimmig. Fazit: Ein schön gefilmtes Nichts. Eh irgendwie ganz nett anzusehen, aber fragt mich in ein paar Monaten noch mal, worum es geht in diesem Film. Heißt: Nein, fragt mich lieber nicht.


5,0
von 10 Kürbissen

Schatten im Paradies (1986)

Regie: Aki Kaurismäki
Original-Titel: Varjoja Paratiisissa
Erscheinungsjahr: 1986
Genre: Komödie, Liebesfilm
IMDB-Link: Varjoja Paratiisissa


„Schatten im Paradies“ ist ein Film wie Janne Ahonen. Für all jene, die nicht so wintersportbewandert sind: Janne Ahonen ist für mich der finnischste Finne aller Zeiten. Quod erat demonstrandum. Es geht um den Müllwagenfahrer Nikander (Matti Pellonpää), der einen neuen Freund und Kollegen findet (Sakari Kuosmanen) und sich in die Supermarktkassiererin Ilona (Kati Outinen) verschaut. Diese hat ein kleines Problem: Als sie gefeuert wird, stiehlt sie aus Frust und Rachegelüsten die unbewachte Kasse. Gemeinsam mit Nikander, mit dem sie einmal ein schief gelaufenes Date hatte, aber der halt nun eben da ist, macht sie sich auf den Weg, und tatsächlich kann ihr Nikander aus der Patsche helfen. Auftakt zu einer fragilen Beziehung, denn der stoische Schüchterne ist nicht unbedingt 1A-Beziehungsmaterial. Der Humor des Films liegt in seiner unglaublichen Lakonie. Der Witz ist subtil und staubtrocken. Beispielhaft dieser Dialog, als ein Kollege von Nikander, der sich mit einem eigenen Mülldienst selbstständig machen möchte, diesem den Werbeslogan vorstellt (man beachte das Erscheinungsjahr des Films): „Verlässliche Müllbeseitigung seit 1986!“ – „Aber das ist jetzt.“ – „Genau. Es erregt Aufmerksamkeit.“ – „Das ist sehr schlau.“ Entweder man kringelt sich da kichernd in den Kinosessel ein, oder man stellt in Momenten wie diesen fest, dass Kaurismäki nichts für einen ist. Ich gehöre zur ersten Gruppe. Was ich an diesem Film so wunderbar fand, ist der liebevolle Blick von Kaurismäki auf seine Figuren. Sie sind Außenseiter, sie haben Marotten, bei denen man sich durchaus auch einmal fremdschämt, sie wissen nicht so recht, wie sie umgehen sollen mit ihren Gefühlen und Bedürfnissen, die sich oft als blankes Entsetzen in ihren Blicken spiegeln, aber Kaurismäki nutzt sie nicht aus, er gibt sie nie der Lächerlichkeit preis. Im Gegenteil, er solidarisiert sich mit ihnen, setzt ihnen ein Denkmal. Am Ende sind diese alltäglichen, überforderten Figuren auf ihre Weise Helden, und man möchte aufspringen, um ihnen zu applaudieren. „Aber wie können wir allein von deinem Einkommen leben?“ (Ohne die Miene zu verziehen:) „Small Potatoes.“ Mehr braucht es nicht.

 


8,5
von 10 Kürbissen

Das Piano (1993)

Regie: Jane Campion
Original-Titel: The Piano
Erscheinungsjahr: 1993
Genre: Drama, Liebesfilm
IMDB-Link: The Piano


Sam Neill im Dschungel. Warum muss ich da immer an Jurassic Park denken? Sei’s drum – in Jane Campions dreifachem Oscar-Gewinner „Das Piano“ wird er nicht von hungrigen Dinosauriern attackiert, sondern als Alistair Stewart von den Wirrnissen der Liebe. Soeben hat es seine neue Angetraute, die stumme Witwe Ada (Holly Hunter, Oscar), samt deren Tochter Flora (Anna Paquin, ebenfalls Oscar) an den neuseeländischen Strand gespült, doch die Gewöhnung aneinander läuft nicht ganz so reibungslos ab, wie man sich das im Vorfeld ausmalt. Ein bisschen spröde ist die Neue, und dass sie nichts redet, macht es auch nicht einfacher, sich anzunähern. Schwerer taktischer Fehler gleich zu Beginn: Das heiß geliebte Piano, für Ada mehr als nur ein Musikinstrument, sondern ihre Weise, sich der Welt gegenüber auszudrücken, bleibt aufgrund der Sperrigkeit und des Gewichts am Strand zurück. Klar hat sich da Alistair gleich mal selbst ein Ei gelegt, denn so gewinnt man keine Zuneigung, sondern nur Probleme. Man kann nicht wirklich sagen, dass sich Ada in die starken Arme von George Baines (Harvey Keitel) flüchtet, ein eher schweigsamer Geselle mit interessanten Tattoos, der sich mit den Maori gut gestellt hat. Es ist vielmehr so, dass er die Gunst der Stunde (und Alistairs Dummheit) nutzt, seinem Bekannten das am Strand verwaiste Piano abluchst und in Folge dessen Ada um, sagen wir mal, kleine Gefälligkeiten bittet, wenn sie es wiederhaben möchte. Auftakt zu einer mit viel melancholischer Musik unterlegter Ménage à trois. Und weil’s ständig schifft wie aus Eimern und die Pianomusik gar so traurig klingt, lässt sich schon bald erahnen: Das geht nicht lange gut. Allerdings bleibt der Film über seine gesamte Spieldauer interessant und sehenswert. Zum Einen liegt das an der poetischen, aber selten kitschigen Inszenierung von Jane Campion, zum Anderen an den tollen Leistungen aller Beteiligten – wobei Holly Hunter als stumme Ada, hin- und hergerissen zwischen Abscheu und Verlangen, noch einmal deutlich herausragt. Auch das neuseeländische Setting und die Einbettung der Maori in den Alltag ist durchaus gelungen. Das Ende ist schön und stimmig. Wer den Film noch nicht kennt, kann hier jedenfalls mal einen Blick riskieren, ungeachtet spezieller cineastischer Präferenzen.

(Dieser Film ist als Reiseetappe # 1 Teil meiner Filmreisechallenge 2018. Mehr darüber hier.)


7,0
von 10 Kürbissen

Take This Waltz (2011)

Regie: Sarah Polley
Original-Titel: Take This Waltz
Erscheinungsjahr: 2011
Genre: Drama, Liebesfilm
IMDB-Link: Take This Waltz


Selten war eine Storyline so rasch erzählt wie jene von „Take This Waltz“: Margot (Michelle Williams) ist glücklich verheiratet mit Lou (Seth Rogan). Als sie den charismatischen Daniel (Luke Kirby) aus ihrer Nachbarschaft kennenlernt, beginnt sie, ihre Ehe in Frage zu stellen. Mehr gibt es inhaltlich erst einmal nicht zu sagen über Sarah Polleys Beziehungs- und Sinnfindungsfilm. Aber mehr ist auch gar nicht nötig, denn in diesem (klassischen) Stoff steckt ohnehin genug Material für zwei abendfüllende Stunden. Wortreicher lässt sich allerdings die Umsetzung beschreiben. Dann da gibt es allerhand zu entdecken. Von den warmen, gelb-goldenen Farben der Kamera über die Dramaturgie, die den Zuseher das eine oder andere Mal subtil in eine andere Richtung lenkt, um dann doch wieder zum Ausgangspunkt zurückzukehren, bis zum verletzlichen Spiel einer zuckersüßen Michelle Williams, deren Figur man nach diesem Film vom Fleck weg heiraten würde, auch wenn man weiß, dass man damit sehenden Auges in den Untergang rennen würde. Interessant fand ich, dass in einigen Reviews, die ich zu diesem Film gelesen habe, von der realistischen Darstellung dieser Sinnkrise und von den realitätsnahen und glaubhaften Charakteren geschrieben wurde. Glaubhaft sind die Figuren allemal, aber dennoch erkenne ich in „Take This Waltz“ weniger einen Film mit Anspruch auf Authentizität als vielmehr ein strikt durchkomponiertes Planspiel über Sehnsüchte, bei dem viel auf eine Metaebene gehoben wird. Dass dieser streckenweise artifizielle Aufbau (so interagiert der Daniel, der Love Interest, bis auf wenigen Ausnahmen fast gar nicht mit seiner Umwelt; vielmehr zeigt Sarah Polley Margot und Daniel immer nur in abgeschotteten, zweisamen Situationen, sodass ich mich lange Zeit gefragt habe, ob Daniel nicht nur ein Produkt von Margots Fantasie sein könnte) dennoch so gut auf einer emotionalen Ebene funktioniert, ist Sarah Polleys handwerklichem Können (die angesprochenen warmen Farben, die gute Musikauswahl) sowie der schauspielerischen Exzellenz von Michelle Williams zu verdanken, die ihre Margot auf eine unnachahmlich sensible Weise spielt. Auch Seth Rogen und Sarah Silverman sind hervorzuheben, die ihre Sache außerordentlich gut machen. Allein Luke Kirby hat kaum Gelegenheit, seinem Daniel Konturen zu verleihen, aber genau darin glaube ich auch wieder Polleys Absichten zu erkennen, die eben genau diese Figur wie ein Abziehbild stehen lässt – denn weniger geht es ihr um eine reale Liebesbeziehung als um das Sichtbarmachen geheimer Sehnsüchte und wie diese trotz glücklichem Leben plötzlich groß wie Drachen werden können. Ob jener, auf den diese Sehnsüchte projiziert werden, nun Daniel, John, Hans oder Ahmed heißt, ist dabei zweitrangig.


8,0
von 10 Kürbissen

(Foto: Polyfilm)

Call Me By Your Name (2017)

Regie: Luca Guadagnino
Original-Titel: Call Me By Your Name
Erscheinungsjahr: 2017
Genre: Liebesfilm
IMDB-Link: Call Me By Your Name


Erste Liebe. Gibt es etwas Schöneres? Gibt es etwas Schrecklicheres? Mit einem wohligen Schaudern erinnern wir uns an den ersten Schwarm und an das erste Mal, wenn die Zuneigung erwidert wird. Und an die tränenreiche Zeit danach, wenn man feststellt, dass die Ewigkeit oft nur einen Sommer lang dauert. Genau das ist die Geschichte von Luca Guadagninos „Call Me By Your Name“, die Adaption des gleichnamigen Romans von André Aciman. Der 17jährige Elio (Timothée Chalamet, oscarnominiert für seine nuancierte Darstellung) verbringt den Sommer mit seinen Eltern in Norditalien, das in wirklich sehr schönen, warmen Bildern eingefangen wird. Die Familie ist ein Paradebeispiel für wohlsituierte Akademiker: Der Vater (der wunderbare Michael Stuhlbarg) ist Archäologieprofessor, die Mutter (Amira Casar mit einer Aura, die Geborgenheit ausstrahlt) liebt Literatur, der Sohn ebenfalls – man unterhält sich in einer Mischung aus Englisch, Französisch und Italienisch. Auftritt des Love Interests. Und hier geht „Call Me By Your Name“ einen etwas anderen Weg als konventionellere Liebesfilme, denn eben jener ist 24 Jahre alt, extrem attraktiv und männlich. Der Student Oliver (Armie Hammer mit der wohl besten Leistung seiner bisherigen Karriere) wurde vom Vater eingeladen, den Sommer in dessen Haus zu verbringen. „Call Me By Your Name“ hält seinen wachsamen, wertungsfreien Blick auf die Chemie zwischen den beiden Protagonisten, ihre Annäherungen, die Missverständnisse, die Verwirrungen bis schließlich zum Eingestehen der eigenen Gefühle. Und bei all dem spielt die Tatsache, dass es sich hierbei um eine gleichgeschlechtliche Liebe handelt, keine größere Rolle als jene, dass sie ein kleines, zusätzliches Erschwernis bedeutet, da diese Liebe nicht öffentlich ausgelebt werden kann. Alles Andere – der Weg dahin – ist von einer erfrischenden Natürlichkeit und Zwanglosigkeit, was dem Zuseher eine wichtige Botschaft mitgibt: Liebe ist Liebe. Ganz einfach. Dass der Weg zu dieser Botschaft um mindestens eine halbe Stunde zu lang ausfällt (da sich der Film gerade in der Anbahnung reichlich Zeit lässt und auch gegen Ende hin noch ein paar kleinere Schleifen dreht, ehe er auf den konsequenten Schluss zusteuert), erfordert dann aber dennoch etwas Geduld und Sitzfleisch.


7,0
von 10 Kürbissen

American Honey (2016)

Regie: Andrea Arnold
Original-Titel: American Honey
Erscheinungsjahr: 2016
Genre: Roadmovie, Drama, Liebesfilm
IMDB-Link: American Honey


„American Honey“ ist kompromisslos. Gleich zu Beginn wird das Setting mit wenigen Bildern aufgebaut, wenn die 18jährige Star (Laiendarstellerin Sasha Lane, die ihre Sache großartig macht) aus dem Abfall eines Supermarktes ein halb aufgetautes Tiefkühlhuhn hervorfischt, das sie ihren beiden Halbgeschwistern zum Spielen hinwirft. Dieser Film spielt im finsteren Amerika, Land der begrenzten Möglichkeiten. Eine Chance ergibt sich für Star, als sie im Supermarkt auf den charismatischen Jake (Shia LaBeouf in einer Rolle, in der er mir mal nicht auf die Nerven geht) trifft. Der arbeitet für Krystal (Riley Keough), die aussieht, als würde sie im Trailerpark leben, sich aber als toughe Geschäftsfrau gibt. So hat sie eine Truppe von Jugendlichen zusammengezogen, die als Keiler von Tür zu Tür gehen, um Zeitschriftenabos zu verkaufen. Das eine oder andere Souvenir wird dabei gerne mal mitgenommen. Star schließt sich der Runde an, die ihr eine Alternative zu ihrem Tiefkühlhuhnleben bietet. Und Jake ist ja irgendwie schnuckelig. Andrea Arnold macht es ihrem Publikum mit „American Honey“ nicht leicht. Fast drei Stunden beobachtet sie akribisch und mit vielen Nahaufnahmen das Treiben der Jugendliche, wie sie ihrer Arbeit nachgehen, wie sie am Abend danach feiern, wie sie im Bus durch den Mittleren Westen fahren und dabei Musik hören. Es geschieht nicht viel. Die Dramen spielen sich eher im Kleinen ab, kleinere Eifersüchteleien, der Druck, Geld verdienen zu müssen, die Andeutung einer Entwurzelung, die ein unstetes Leben mit sich bringt. Meistens blödeln die Jugendlichen herum, spielen sich auf, markieren den starken Mann und die harte Frau – es ist trotz aller Kumbaya-Lagerfeuerromantik ein fordernde Welt mit klaren Regeln, und wer sich nicht an die Regeln hält, bekommt Probleme. Besser also, mit Coolness die eigenen Ängste herunterspielen. Dabei dreht Andrea Arnold den Hahn vielleicht das eine oder andere Mal etwas zu weit auf. So authentisch die Jugendlichen (allesamt Laiendarsteller/innen) auch wirken, aber es fehlen die leiseren Zwischentöne. Andererseits wiederum fehlt es diesen jungen Menschen vielleicht auch einfach an den Gelegenheiten, mal die Deckung runterzunehmen. Star ist diesbezüglich eh die Ausnahme. So konzentriert sich die Kamera auch ganz auf sie. Gedreht in teils wackeligen, aber wunderschönen 4:3-Bildern entsteht ein fast intimes Porträt der jungen Frau. So ist der Film trotz seiner langen Laufzeit stets intensiv und interessant, auch wenn die Handlung selbst nur wenige Fortschritte zeigt. Aber auch das ist in sich stimmig, denn für viele Menschen aus prekären Verhältnissen ist das Leben tatsächlich eine immer wieder kehrende Momentaufnahme, eine Abfolge von Wiederholungen, und neue Perspektiven bieten sich nur selten, wenn überhaupt.


8,0
von 10 Kürbissen

Shape of Water – Das Flüstern des Wassers (2017)

Regie: Guillermo del Toro
Original-Titel: The Shape of Water
Erscheinungsjahr: 2017
Genre: Fantasy, Liebesfilm
IMDB-Link: The Shape of Water


„I come from the water / That weren’t no easy thing / It’s more like nature / It’s like my destiny“. Das sangen die Toadies 1994. Das Reptilienwesen aus Guillermo del Toros Oscar-Favoriten „The Shape of Water“ hätte den Song vielleicht auch gemocht. Vielleicht aber auch nicht. Schwer einzuschätzen, wie überhaupt alles, was dieses Wesen betrifft: dessen Herkunft (irgendwo aus dem Amazonas), dessen Fähigkeiten (auch wenn manche davon im Laufe des Films offenbart werden und sich als recht nützlich erweisen), dessen Ziele. Vorerst scheint es glücklich damit zu sein, nicht vom sadistischen Regierungsbeamten Strickland (Michael Shannon) malträtiert zu werden. Die stumme Reinigungskraft Elisa (Sally Hawkins) rennt da mit ihrer zärtlichen Fürsorge offene Türen ein. Sie erkennt eine verwandte Seele in diesem Wesen, und als sie hört, dass Ungemach droht, beschließt sie, mit Hilfe ihres Nachbars Giles (Richard Jenkins), ihrer Kollegin Zelda (Octavia Spencer, beide mit Oscarnominierungen bedacht) und des spionierenden russischen Wissenschaftlers Dr. Hoffstetler (Michael Stuhlbarg) das Schicksal in die Hand bzw. Flosse zu nehmen. „The Shape of Water“ ist ein Film, der offenbar entweder restlos begeistert oder völlig ratlos zurücklässt, wenn man die bisherigen Kritiken dazu liest – wobei die begeisterten Stimmen allerdings ganz klar in der Überzahl sind. Das moderne Märchen, denn das wäre tatsächlich die passendste Genrebeschreibung, ist vor allem handwerklich überaus gelungen. Die Ausstattung, die Musik (die ein wenig an „Die fabelhafte Welt der Amélie“ erinnert), die Kamera und natürlich das herausragende Spiel von Sally Hawkins (völlig zurecht für den Oscar nominiert und wäre da nicht die ebenfalls grandiose Frances McDormand, es wäre wohl ein sicherer Gewinn) sind die ganz großen Pluspunkte des Films in meinen Augen. „The Shape of Water“ ist ein wirklich schöner Film, dem man die Liebe zum Detail anmerkt, die Guillermo del Toro in allen Belangen aufgebracht hat. (Der Oscar-Gewinn für die beste Regie ist wohl nur noch Formsache.) Allerdings hat mich die Geschichte selbst leider nicht berührt. Die Gründe für die Handlungen der Figuren haben sich mir kaum erschlossen, auch die große Liebesromanze ist zwar schön anzusehen, wird aber im Grunde nur behauptet. Was mich allerdings richtig gestört hat: Dass das Böse (in Person von Strickland) völlig eindimensional ist – selbst die eine oder andere Andeutung einer häuslichen Szene bestärkt die Widerlichkeit von Strickland eher noch, als dass sie der Figur neue Facetten hinzufügen könnte. Das führt dazu, dass ich „The Shape of Water“ zwar gern gesehen habe, aber dem großen Lobgesang kann ich mich nur bedingt anschließen. Auf der handwerklichen Ebene: Ja, unbedingt. Die Story allerdings hat mich nicht zur Gänze überzeugt.


7,0
von 10 Kürbissen

Die defekte Katze (2018)

Regie: Susan Gordanshekan
Original-Titel: Die defekte Katze
Erscheinungsjahr: 2018
Genre: Drama, Liebesfilm
IMDB-Link: Die defekte Katze


Der Assistenzarzt Kian (Hadi Khanjanpour), iranischstämmiger Deutscher, hat nicht viel Glück mit den Dates. Irgendwie ist nie die Richtige dabei. Und Mina (Pegah Ferydoni), noch im Iran, ist mit Anfang 30 fast schon ein bisschen zu alt, um zu heiraten. So beschließen die beiden, den traditionellen Weg zu gehen und sich verheiraten zu lassen. Die Eltern regeln das, und so zieht Mina vom Iran nach Deutschland zu Kian. Sie sind sich fremd, und der Gedanke, dass sie nun ein Eheleben zu führen haben, ist noch mehr als gewöhnungsbedürftig. Auch der Grad der Freiheit, den Mina in Deutschland genießt, ist zu Beginn erst einmal einschüchternd. Im Bikini ins gemischte Schwimmbad zu gehen ist eine völlig neue Erfahrung für sie. Ein wenig Halt und Zuspruch findet sie bei der „defekten Katze“, die sie eines Tages sehr zum Missfallen Kians kauft. Denn das Tier hat nicht nur einen Gendefekt, sondern einige unangenehme Macken. Die Katze wird zum Symbol für die (defekte) Beziehung, die sich Kian und Mina erst nach und nach erarbeiten müssen. Die Fehler, die sie dabei machen, führen sie jedoch nur weiter voneinander fort anstatt aufeinander zu. Nach Figlia Mia war „Die defekte Katze“ der zweite Film in Folge, den ich auf der Berlinale zum Thema Familie gesehen habe. Während aber in Laura Bispuris die Karten der Familienzugehörigkeit neu gemischt werden, müssen sie in „Die defekte Katze“ erst einmal ausgeteilt werden, und die ersten Regeln müssen definiert werden. Auch hier ist Beziehung harte Arbeit, die von folgenschweren Patzern durchzogen ist. Was ist die Basis für Anziehung? Für einen liebevollen Umgang miteinander? Wie erarbeitet man sich Verständnis füreinander? Und baut Nähe und Vertrautheit auf? Susan Gordanshekan ist ein sehr intimer Film gelungen, der von den beiden Hauptdarstellern gut getragen wird. Vielleicht ist die eine oder andere Entwicklung etwas zu schnell abgearbeitet, und an manchen Stellen bleibt der Film an der Oberfläche, anstatt tiefer im Gefühlschaos zu schürfen, aber dennoch ist „Die defekte Katze“ ein schöner Beitrag zu der Frage: Was ist Liebe? Und wie entsteht sie?

 


7,5
von 10 Kürbissen

(Foto: (c) Glory Film / Julian Krubasik)

Der seidene Faden (2017)

Regie: Paul Thomas Anderson
Original-Titel: Phantom Thread
Erscheinungsjahr: 2017
Genre: Drama, Liebesfilm
IMDB-Link: Phantom Thread


Der distinguierte, leicht pedantische Reynolds Woodcock (Daniel Day-Lewis) ist der beste Schneider Londons. Sogar Prinzessinnen lassen sich von ihm zu ihrer Hochzeit einkleiden. Alma Elson (Vicky Krieps) ist eine Kellnerin, die dank ihrer perfekten Maße zu Woodcocks Muse und Geliebten wird. Das ist „Phantom Thread“ – und was jetzt erst einmal nach einer eh-schon-tausend-Mal-gesehenen Geschichte über die fragile Liebesbeziehung zwischen einem reichen, alten Sack und einem betörend agilen Mädchen klingt, entpuppt sich in weiterer Folge als subtiles, schwarzhumoriges Meisterwerk über Macht und Abhängigkeit. Denn der Stoff (Achtung: Doppeldeutigkeit!) ist bei Paul Thomas Anderson in den allerbesten Händen. Allein schon, wenn man das Handwerkliche betrachtet, kommt man aus dem Zungeschnalzen nicht mehr heraus. Die Kamera schafft mit gedämpften Bildern eine sehr intime Atmosphäre. Die Ausstattung ist exquisit und edel und unterstreicht den Reichtum sowie auch die Entrückung Woodcocks von der „realen Welt“. Die ganz große Stärke des Films liegt aber in der Akustik. Woodcock liebt Stille, er braucht sie, um sich zu konzentrieren und sein Genie zur Entfaltung zu bringen. Konsequenterweise nimmt er Geräusche überhöht wahr – und mit ihm auch das Publikum. Hier knistert der Stoff, wenn die Schere am Werk ist. Hier scharren Absätze auf dem Parkett, blubbert das Teewasser beim Aufguss besonders laut. Begleitet wird die Geräuschkulisse, die – ähnlich wie die Kamera – auch noch mal einen größeren Eindruck von Intimität entstehen lässt, durch den genialen Soundtrack von Jonny Greenwood, der sich einmal mehr enorm wandlungsfähig zeigt. Kein Vergleich zu dem düsteren, bedrohlichen Soundtrack von „There Will Be Blood“, der ebenfalls aus seiner Feder stammt. Der Soundtrack in „Phantom Thread“ ist sanft, den Zuhörer wie in Seide einbettend, weist aber dennoch immer wieder auf die Spannungsverhältnisse innerhalb der Beziehung von Reynolds und Alma hin. Bleibt zuletzt nur noch etwas über die schauspielerische Leistung zu sagen. Daniel Day-Lewis. Sein letzter Film. Was für eine Lücke wird er hinterlassen! Wie in allen seinen Filmen spielt er die Rolle nicht, er lebt sie. Er tritt völlig hinter der Rolle zurück. Sein Reynolds Woodcock ist mit keiner seiner vorigen Rollen vergleichbar, und gleichzeitig fühlt er sich wieder authentisch an, als wäre das die einzige Rolle gewesen, die er jemals gespielt hat. Ein absolutes Ausnahmetalent. Er und Meryl Streep – das sind die beiden Giganten unserer Zeit. Aber auch die luxemburgische Newcomerin Vicky Krieps ist zu erwähnen. Furchtlos stellt sie sich in ihrer Rolle als Alma und als Schauspielerin der Naturgewalt von Daniel Day-Lewis. Ihre Rolle ist fordernd – denn sie muss gleichzeitig verletzlich und willensstark wirken, und das gelingt ihr außerordentlich gut. „Phantom Thread“ gehört definitiv jetzt schon zu den Highlights des Jahres und wird sich wohl auch in meiner Best of 2018-Liste wiederfinden.


8,5
von 10 Kürbissen

Meine schöne innere Sonne (2017)

Regie: Claire Denis
Original-Titel: Un Beau Soleil Intérieur
Erscheinungsjahr: 2017
Genre: Satire, Liebesfilm
IMDB-Link: Un Beau Soleil Intérieur


Die FAZ zeigte sich begeistert, und Moviepilot prognostizierte mir eine Bewertung von 3,5. Auf Claire Denis‘ Film „Meine schöne innere Sonne“ mit Juliette Binoche war ich nun sehr gespannt. Und wie so oft liegt die Wahrheit in der Mitte – jedenfalls für mich. Denn „Meine schöne innere Sonne“ hat mich zwar nicht umgehauen, aber schlecht fand ich diesen Film beileibe auch nicht. Juliette Binoche spielt mit großem Mut und noch größerer Verletzlichkeit Isabelle, die Anfang 50 und die meiste Zeit über eine irrationale Träumerin ist und die Liebe sucht. Was sie findet sind Affären, die sich prickelnd anfühlen, jedenfalls zu Beginn, sie jedoch leer und ausgelaugt zurücklassen. Im Grunde ist „Meine schöne innere Sonne“ in weiten Teilen eine Variation der alten französischen Film-Prämisse „schöne Menschen zerreden Beziehungen“. Claire Denis, die Regisseurin, setzt dieses Thema allerdings auf eine sehr andere, subjektive Weise um. Die Handlungen der Beteiligten, die Dialoge, sind so erratisch wie ich es selten zuvor in einem Film gesehen habe. Die kleineren und größeren Verletzungen bahnen sich ihren Weg nach draußen, am deutlichsten in der Szene, als Isabelle bei einem Waldspaziergang ihre männlichen Begleiter, die von der Natürlichkeit der Natur schwärmen, out of the blue anzuschreien beginnt, dass sie es satt habe, dass sie es wisse, dass ihnen, den Männern, alles gehöre, auch die Landschaft. Ein starkes Zeichen. Allerdings geht diese Verfremdung und Überzeichnung in den Dialogen nicht immer gleichermaßen auf. Und manchmal kratzt man sich einfach am Kopf und fragt sich, ob das, was auf der Leinwand gezeigt wird, tatsächlich noch als zwischenmenschliche Interaktion durchgeht oder nicht. Dass Claire Denis auf Roland Barthes „Fragmente einer Sprache der Liebe“ Bezug nehmen wollte, ist somit einerseits filmisch interessant, andererseits auch stellenweise sehr anstrengend. Allerdings ist es immer ein Genuss, Juliette Binoche zuzusehen.


5,5
von 10 Kürbissen