Drama

Moonlight (2016)

Regie: Barry Jenkings
Original-Titel: Moonlight
Erscheinungsjahr: 2016
Genre: Drama
IMDB-Link: Moonlight


„Moonlight“ – Oscar für den besten Film. Was sagen die Leute in der Viktoria-Kantine dazu? Gut? Schlecht? (Kleiner Insider für Aficionados des österreichischen Fußballs.) Dass „Moonlight“ in einem dramatischen Finish nach einem noch nie dagewesenen Oscar-Fauxpas dem großen Favoriten „La La Land“ noch den Preis für den besten Film des Jahres buchstäblich vor der Nase weggeschnappt hat, war die wohl größte Überraschung einer ansonsten überraschungsfreien Oscarnacht. Und ich muss sagen – auch wenn „La La Land“ insgesamt noch mehr mein Film war – unverdient war das nicht. Denn Barry Jenkins erzählt eine ganz eigene, wichtige, kaum erzählte Geschichte von einer Welt, die mir zwar fremd ist, aber die existiert, und die durch diesen Film eine Stimme bekommt. Es geht um das Aufwachsen eines afroamerikanischen Jungen aus prekären Verhältnissen in Miami (die Mutter, grandios gespielt von Naomie Harris, ist cracksüchtig und arm), und als wäre das Leben damit nicht schon schwierig genug für ihn aufgrund der Umstände, die ihn umgeben, kommt als zusätzlicher Stein im Rucksack seine Homosexualität dazu, die in einer Welt, in der die Schwächsten gnadenlos gefressen werden, verborgen bleiben muss und später durch den jungen Erwachsenen durch zur Schau gestellte Härte überdeckt wird. Der Film erzählt von der Suche nach Liebe und Zuneigung in einem Umfeld, in dem genau das als Schwäche gilt. Ausgerechnet durch den Drogenhändler Juan (verdienter Oscar für Mahershala Ali) erfährt der Junge so etwas wie das Gefühl von Familie, von Zugehörigkeit, sodass sein weiterer Weg kein trostloser ist, zwar begleitet von Niederlagen, aber es ist ein Leben, das dabei herauskommt, mit Höhen und Tiefen, aber ein Leben.

„Moonlight“ ist vielschichtig, sensibel erzählt, herausragend gespielt und handwerklich toll gemacht (vom Schnitt über die Musik bis zur Kameraarbeit von James Laxton, der seinem Protagonisten immer folgt, immer nah dran ist, und ihm so eine sehr körperliche Präsenz verleiht) – und damit ein würdiger Gewinner in meinen Augen. Dass er für mich persönlich dennoch ein klein bisschen hinter anderen Filmen zurückblieb, die für den besten Film in Frage kamen (wie eben „La La Land“, „Arrival“ oder auch „Manchester by the Sea“), liegt daran, dass er mich emotional nicht so stark erreichte wie eben manch anderer Film. Ja, das Drama ist wuchtig und ungemein interessant, da man eben die Geschichte, die darin erzählt wird, noch nicht wirklich kennt, und so nimmt einen der Film über die ganze Laufzeit hinweg gefangen, aber der ist eben auch ein Stück weit weg von meiner eigenen Lebensrealität.


7,5
von 10 Kürbissen

(Foto: Thimfilm)

Silence (2016)

Regie: Martin Scorsese
Original-Titel: Silence
Erscheinungsjahr: 2016
Genre: Drama, Historienfilm
IMDB-Link: Silence


Die Anzahl an Meisterwerken, die Martin Scorsese im Laufe seiner langen und erfolgreichen Karriere geschaffen hat, ist eindrucksvoll. So wurde auch sein neuester Streich, „Silence“, mit großer Spannung erwartet. Bei den Oscarnominierungen dann die große Überraschung: Lediglich Kameramann Rodrigo Prieto wurde nominiert (und musste sich dann Linus Sandgren für „La La Land“ geschlagen geben). Nun nach dem Sichten des Films muss ich sagen: Mir leuchtet nun ein, warum es so still war rund um „Silence“. Denn Scorseses Film über die Christenverfolgung im Japan des 17. Jahrhunderts und die Geschichte rund um zwei Jesuiten-Priester (Andrew Garfield und Adam Driver), die ihren alten Mentor (Liam Neeson) suchen, der sich angeblich vom Glauben abgewandt hat, ist ein sperriges und mühsames, sich über mehr als 2,5 Stunden entfaltendes Epos, für das man viel Sitzfleisch braucht. Die Geschichte wird langsam und höhepunktarm erzählt. An sich ist das ja nichts Schlechtes – ich mag Filme, die ihrer Geschichte Zeit lassen, sich zu entfalten. Aber die einzelnen Schritte hin zum Ende sind einfach unglaublich zäh und spannungsfrei erzählt. Die Wandlung von Padre Rodriguez (sehr gut gespielt von Andrew Garfield – dafür hätte er eine Oscar-Nominierung verdient und nicht für „Hacksaw Ridge“), der innere Konflikt, in den er gerät angesichts des Leids, das er durch seinen Glauben über die verfolgten Christen bringt, ist schon interessant anzusehen und auch glaubwürdig, aber man hätte das durchaus straffen können. Szenen wiederholen sich, Konflikte werden immer wieder auf ähnliche Weise dargestellt, alles tröpfelt so ein bisschen vor sich her. So bleibt „Silence“ ein merkwürdig unentschlossener Film mit dokumentarischer Anmutung. Über 2,5 Stunden fordert das halt auch Opfer. Die drei Jungs, die nach ca. 1,5 Stunden den Kinosaal verlassen habe, konnte ich zum Teil wirklich verstehen.


5,5
von 10 Kürbissen

(Foto: Constantin)

Ein Mann namens Ove (2015)

Regie: Hannes Holm
Original-Titel: En man som heter Ove
Erscheinungsjahr: 2015
Genre: Drama
IMDB-Link: En man som heter Ove


Das für den besten fremdsprachigen Film nominierte Drama „Ein Mann namens Ove“ aus Schweden hat so seine Probleme. Es geht um den 59jährigen Ove, einen Pedanten allererster Güte, der in seiner Reihenhaussiedlung für Ordnung sorgt. Seine geliebte Frau Sonja ist bereits verstorben, und als er auch noch gekündigt wird, beschließt er, dass es an der Zeit ist, ihr nachzufolgen. Allerdings klappt das mit dem Abnippeln nicht so ganz nach Wunsch – immer kommt etwas dazwischen, wie zB die neue Nachbarsfamilie, bestehend aus einem leicht trotteligen schwedischen Vater, einer sehr freundlichen Mutter mit Migrationshintergrund und zwei entzückend unkomplizierten Töchtern. Und natürlich stellen die Neuankömmlinge Oves Leben bzw. dessen Rest davon erst einmal ordentlich auf den Kopf. Das alles ist sehr nett und kurzweilig anzusehen, auch wenn der Film seine Längen hat. Aber leider ist das, was rund um Ove und mit Ove geschieht, auch relativ vorhersehbar. „Ein Mann namens Ove“ ist daher ein Film, den man gerne mal an einem Sonntagabend mitnehmen kann, aber ob er lange im Gedächtnis bleiben wird, bezweifle ich stark. Ein wenig verwunderlich ist es schon, dass dieser zwar sympathische, aber eben nicht wirklich nachhallende Film eine Oscarnominierung einheimsen konnte, während zB „Neruda“ oder „Elle“, die wesentlich eigenständiger waren, leer ausgingen. Gut, die Academy mag offenbar Schweden. Ist ja auch ein schönes Land.


6,0
von 10 Kürbissen

(Foto: Filmladen)

Unter dem Sand – Das Versprechen der Freiheit (2015)

Regie: Martin Zandvliet
Original-Titel: Under Sandet
Erscheinungsjahr: 2015
Genre: Drama, Anti-Kriegsfilm
IMDB-Link: Under Sandet


„Unter dem Sand“ von Martin Zandvliet ist Dänemarks diesjähriger Oscar-Beitrag und wurde tatsächlich auch nominiert. Der Film handelt von einer Geschichte, die heutzutage kaum jemand auf dem Schirm hat: Nach Kriegsende und dem Abzug der deutschen Wehrmacht aus dem besetzten Dänemark blieben an der Küste Dänemarks fast zwei Millionen Landminen zurück. Zum Aufspüren und Entschärfen wurden deutsche Kriegsgefangene herangezogen. Die meisten davon stammten aus Hitlers allerletztem Aufgebot und waren daher Jugendliche, fast noch Kinder. Diese mussten nun die Strandabschnitte nach den tödlichen Sprengfallen absuchen. Nur etwa die Hälfte der dabei eingesetzten Gefangenen überlebten diese Arbeit bis zum Ende. „Unter dem Sand“ zeigt die Soldaten der deutschen Wehrmacht als Opfer. Verschreckte Jungen, die eigentlich nur nach Hause zu ihren Eltern möchten und davon träumen, zum ersten Mal mit einem Mädchen zusammen zu sein, müssen nach Kriegsende immer noch ihr Leben aufs Spiel setzen für eine Sache, an der die allermeisten von ihnen gar nicht beteiligt waren. Durch die Perspektive, die der Film einnimmt, gibt er ein sehr starkes Plädoyer gegen die Sinnlosigkeit des Krieges ab – mehr als es zB Mel Gibsons in meinen Augen völlig überschätzte „Hacksaw Ridge“ mit seiner Brutalität und seinen drastischen Bildern tut. Stark ist auch die Wandlung des dänischen Feldmarschalls, dem eine Gruppe von Kriegsgefangenen zugeteilt ist, und der allmählich lernt, seinen Hass abzulegen und die Menschen, die er vor sich hat, als solche wahrzunehmen. Allerdings ist „Unter dem Sand“ kein Film, den man mehr als einmal sehen möchte. Er geht unter die Haut und ist zum Teil nervenzerfetzend, wenn die Jungs, die sich vor Angst ankotzen, im Sand nach Minen stochern. Auch ist manches dramaturgisch nicht ganz schlüssig (warum zB die Kriegsgefangenen laut Befehl des Kommandos keine Nahrung bekommen sollen). Trotzdem ist „Unter dem Sand“ aber ein guter und vor allem wichtiger Film.


7,0
von 10 Kürbissen

(Foto: Koch Media)

Manchester by the Sea (2016)

Regie: Kenneth Lonergan
Original-Titel: Manchester by the Sea
Erscheinungsjahr: 2016
Genre: Drama
IMDB-Link: Manchester by the Sea


Das fürs sechs Oscars (allesamt in Hauptkategorien) nominierte Drama „Manchester by the Sea“ erzählt eine Geschichte von Verlusten, von Depressionen, von den ganz großen Niederlagen im Leben und dem Versuch, trotzdem irgendwie weiterzumachen. Das ist harter Stoff, der es dem Publikum nicht einfach macht. Gut möglich, dass man getriggert wird von Kenneth Lonergans Film, wenn man selbst schon Erfahrungen mit solchen oder ähnlichen Situationen gemacht hat, wie sie im Film gezeigt werden. Aber wenn man sich darauf einlässt, erhält man die vielleicht ehrlichste und schonungsloseste Erzählung über die oben genannten Themen seit langem – sowie eine grandiose Darstellerriege, angeführt vom alles überragenden Casey Affleck. Eigentlich sollte er sich den Oscar nur noch abholen müssen, wären da nicht unschöne Missbrauchsvorwürfe, die in der jüngeren Vergangenheit wieder hochgeploppt sind. Rein von der darstellerischen Leistung her aber ist Caseys Affleck Darstellung des vom Leben gebrochenen Einzelgängers Lee Chandler, der aufgrund des frühen Todes seines Bruders nun plötzlich das Sorgerecht für dessen Sohn Patrick (Lucas Hedges) übertragen bekommt, eine Offenbarung. Eine extrem kontrollierte und nuancierte Darstellung, die durch die kleinen Bewegungen und Gesten spricht und damit den ganzen Schmerz, den Lee Chandler in sich trägt, immer wieder sichtbar macht, ohne aber durch den Holzhammer auf das Publikum einwirken zu müssen. Zudem ist „Manchester by the Sea“ großartig geschrieben mit klugen, lebensnahen Dialogen. Ich rieche zumindest einen Oscar für Kenneth Lonergan für das beste Drehbuch, wenn er schon in den Kategorien für den besten Film und die beste Regie leer ausgehen wird.


8,0
von 10 Kürbissen

Lion (2016)

Regie: Garth Davis
Original-Titel: Lion
Erscheinungsjahr: 2016
Genre: Drama
IMDB-Link: Lion


Ich muss zugeben, vor „Lion“, dem diesjährigen Weinstein’schen Oscar-Vehikel, hatte ich ein wenig Bammel. Große Gefühle, eine Geschichte basierend auf wahren Begebenheiten, ein sentimentales Drama – das waren so die ersten Schlagworte, die ich in Zusammenhang mit dem Spielfilm-Regiedebüt von Garth Davis gelesen habe. Das kann – für mich jedenfalls – auch ordentlich in die Hose gehen. So bin ich dann auch mit einer nicht allzu hohen Erwartungshaltung in den Film gegangen. Ich wurde aber sehr rasch eines Besseren belehrt. Die Geschichte des indischen Kinds Saroo, das mit seiner Mutter, seinem älteren Bruder und seiner kleinen Schwester in ärmsten Verhältnissen aufwächst und durch ein Unglück von seiner Familie getrennt wird, worauf es ihn ins 1.600 Kilometer entfernte Kalkutta und in weiterer Folge zu einer Adoptivfamilie nach Tasmanien verschlägt, ist zwar gefühlvoll inszeniert, behält aber immer einen realistischen, ungeschönten, und genau deswegen herzzerreißenden Blick auf die Lebensrealität in Indien bei. Etwa die erste Hälfte des Films spielt in Indien und erzählt die Geschichte von Saroo, wie er verloren geht und wie er schließlich nach Australien kommt. Viele Szenen sind dabei kaum zu ertragen, ohne dass man das Gefühl hat, dass die Dramaturgie vielleicht etwas verschärft wurde, um die großen Gefühle herauszulocken. Btw., wenn es einen Oscar für die beste Leistung einer Kinderdarstellerin/eines Kinderdarstellers gäbe, dann müsste dieser in diesem Jahr an Sunny Pawar gehen.

Der erwachsene Saroo auf der Suche nach seiner eigenen Identität, die irgendwo zwischen dem Indien, das er vergessen hat, und dem Australien, das ihn aufgenommen hat, liegt, wird herausragend gespielt von Dev Patel, der durch „Slumdog Millionär“ bekannt wurde und nun mit „Lion“ die beste Leistung seiner Karriere hinlegt. Man muss in diesem Zusammenhang aber durchaus Weinsteins gängige Praxis bekritteln, solche großen Rollen wie jene von Dev Patel dann als Nebendarsteller zu deklarieren, um die Chancen auf einen Oscar-Gewinn zu erhöhen. Denn Dev Patel ist definitiv die Hauptfigur des Films, und er hätte auch als bester Hauptdarsteller nominiert werden müssen. Tatsächliche Nebenrollen, und zwar verdammt gut gespielte, sind jene von Nicole Kidman und Rooney Mara. Da kann man wiederum ein bisschen darüber streiten, warum Kidman nominiert wurde und Mara nicht, denn beide sind toll in ihren Rollen. Aber gut, Nicole Kidman hat ihren Oscar ja schon, und Rooney Mara wird sicher noch einen gewinnen – die Frau ist einfach gut.

Insgesamt ist „Lion“ ein großartig erzählter, zu Tränen rührender, aber nicht sentimentalisierender, herausragend gespielter Film über Identität, über Heimat, über die Bedeutung der Familie, der Mutter. Hat mich sehr positiv überrascht.


8,0
von 10 Kürbissen

(Foto: Constantin)

Fences (2016)

Regie: Denzel Washington
Original-Titel: Fences
Erscheinungsjahr: 2016
Genre: Drama
IMDB-Link: Fences


„Fences“ ist ein Theaterstück. Das sollte man wissen, ehe man sich in den Kinosessel schwingt und das Popcorn auf den Nachbarssitzen verteilt, denn Denzel Washington, Produzent, Regisseur und Hauptdarsteller in Personalunion, nimmt die Vorlage von August Wilson so ernst, dass er eigentlich gänzlich auf eine Kulisse hätte verzichten können. „Fences“ spielt zu 90% im Haus von Troy Maxson und seiner Frau Rosie, und davon wiederum spielen gefühlte 80% im Vorgarten. Und wie es beim Theater halt so ist: Die Handlung konstruiert sich durch die Dialoge. Wem das also nicht genügt, sollte vielleicht einen Bogen um „Fences“ machen. Alle anderen Zuseher erleben ein unglaublich stark gespieltes Familiendrama im Pittsburgh der 50er Jahre, das auf eine sehr gemächliche, aber letztlich zwingende Weise Rollen- und Rollenklischees aufbricht – jene der hart arbeitenden schwarzen Bevölkerung, der Familienväter und -söhne, der treuen und devoten Ehefrau (unfassbar gut: Viola Davies), und wo sich allmählich zur zweiten Hälfte des Films hin Abgründe auftun, die dem klassischen Verständnis eben jener Rollen geschuldet sind. „Fences“ ist ein Film über scheinbare Zwänge, über die Nöte der einfachen Menschen, über Barrieren und Grenzen, die scheinbar nie übersprungen werden können, über Erziehung, über die Beispiele, die wir Anderen geben, über die Schuld, die wir dabei vielleicht auch auf uns laden. Der fast 140 Minuten lange Dialogfilm ohne großer Variation im Setting hat auch so seine Längen, und auch das Ende ist in meinen Augen nicht so ganz geglückt, weil manches, das vorher noch schön dekonstruiert wird, am Ende dann doch wieder ein wenig relativiert wird, aber in Summe ist „Fences“ ein exzellent gespieltes Drama mit leichten dramaturgischen Schwächen, das aber niemanden, der sich darauf einlässt, komplett kalt zurücklassen wird. Und: Smells like Oscar für Viola Davies. Wäre so etwas von verdient!


6,5
von 10 Kürbissen

(Foto: Constantin)

Blue Valentine (2010)

Regie: Derek Cianfrance
Original-Titel: Blue Valentine
Erscheinungsjahr: 2010
Genre: Drama
IMDB-Link: Blue Valentine


Derek Cianfrance macht interessante Filme. Das lässt sich nach „Blue Valentine“ und „The Place Beyond the Pines“ schon sagen, und auch wenn er bei „The Light Between Oceans“ zu sehr in den Schmalztopf gegriffen hat, so ist er dennoch ein visuell und erzählerisch sehr starker und eigener Filmemacher, den ich auch in den nächsten Jahren intensiv auf dem Radar haben werde. Mit „Blue Valentine“ hatte er jedenfalls seinen ersten großen Erfolg. Michelle Williams und Ryan Gosling spielen darin ein Ehepaar, dem die Liebe abhanden gekommen ist. So etwas passiert. Und auch wenn die Anbahnung noch so romantisch und leidenschaftlich ist und zu Ukulele-Klängen getanzt wird, irgendwann ist eben die Luft draußen, und wenn dann zwei Menschen zusammen sind, die außer Ukulele und Tanz nicht viel verbindet, kann es eben nicht nur mühsam, sondern auch ziemlich schmerzhaft werden. „Bad Valentine“ ist die Antithese zu Rom-Coms und Feelgood-Filmen. Ein Paar, das sich diesen Film gemeinsam ansieht, muss schon sehr gefestigt sein. Als Single atmet man beim Ansehen vielleicht kurz durch, dass man es nicht selbst ist, der solche Agonien durchleiden muss – nur um im nächsten Moment frustriert zu sein, weil man nicht einmal einen Partner braucht, um sich so scheiße zu fühlen wie die beiden Eheleute im Film. Alles sehr schwierig. Ein Film, der viel vom Zuseher abverlangt und nicht mit hochprozentigem Alkohol und Schlaftabletten in Griffweite konsumiert werden sollte. Wenn man aber in der richtigen Stimmung dafür ist (zB weil man eine Stunde vorher noch „La La Land“ gesehen hat und eine Packung Gummibärchen geöffnet hat, während man einen motivierenden Spruch aus dem letzten Glückskeks liest), ist „Blue Valentine“ sehr gut gemachtes Erzählkino mit großartigen darstellerischen Leistungen, einem tollen Drehbuch und sehr lebensnahen Dialogen und Szenen. Ansehen auf eigene Gefahr.


7,5
von 10 Kürbissen

Wilde Maus (2017)

Regie: Josef Hader
Original-Titel: Wilde Maus
Erscheinungsjahr: 2017
Genre: Drama, Komödie
IMDB-Link: Wilde Maus


Manchmal läuft es einfach g’schissen. Davon kann Georg (Josef Hader) ein Lied singen. Den Job als Musikkritiker bei einer renommierten Zeitung ist er aus Kosteneinspargründen los. Die junge Kollegin (Nora von Waldstätten), die von klassischer Musik keine Ahnung hat, kupfert still und heimlich ab, während sie die Betroffene spielt. Der eheliche Beischlaf verkommt aufgrund des Kinderwunsches seiner Ehefrau (Pia Hierzegger) zu einer Turnübung, die aber nicht die gewünschten Resultate zeigt. Die kleinen Rachefeldzüge gegen den ehemaligen Vorgesetzten (Jörg Hartmann) ufern irgendwie ein wenig aus. Und dass er seiner Frau nichts von seinem plötzlichen Freizeitüberfluss erzählt, macht die Geschichte auch nicht einfacher. Allein der ehemalige Schulkollege (Georg Friedrich), den er zufälligerweise im Wiener Prater wieder trifft und mit dem er eine Achterbahn, eben jene „Wilde Maus“ pachtet, bietet so etwas wie eine Rückzugsmöglichkeit für den gestressten Intellektuellen. Aber irgendwann bricht halt jedes Kartenhaus zusammen. Und nicht Georg fährt die Achterbahn, sondern das Leben fährt Achterbahn mit ihm.

„Wilde Maus“, das Regiedebüt von Josef Hader, der zudem auch das Drehbuch dafür verfasst hat, ist ein herrlich lakonischer Film über die kleinen und großen Schwierigkeiten des Lebens, über Rachegelüste, über den Versuch, Haltung zu bewahren und wie man zuweilen daran scheitert. Mit gewohnt stoischem Blick legt Josef Hader seinen Georg an, dem das Leben in den Händen zerbröselt. Großartig ist Georg Friedrich in seiner Paraderolle als Wiener Original – ich könnte ihm stundenlang zuschauen. Vielleicht mag der Film insgesamt ein wenig unentschlossen in seinen Nebenhandlungssträngen sein, die Lakonie liegt sicherlich auch nicht jedem, aber er ist ein sehr ehrlicher, unaufgeregter Film über die Probleme gewöhnlicher Menschen. Er dramatisiert nichts, spielt aber die Entscheidungen, die wie die Spiralen einer Achterbahn in den Abgrund führen, nicht hinunter. Nichts an diesem Film ist spektakulär, aber insgesamt ist er eine runde Angelegenheit und zeigt das Leben, wie es eben manchmal so ist. Eine Achterbahnfahrt mit offenem Ausgang, ob man während der Fahrt aus dem Wagen speibt oder trotz grünlicher Gesichtsfarbe bis zum Ende durchhält.


7,5
von 10 Kürbissen

(Foto: Filmladen)

Personal Shopper (2016)

Regie: Olivier Assayas
Original-Titel: Personal Shopper
Erscheinungsjahr: 2016
Genre: Drama, Horror, Thriller
IMDB-Link: Personal Shopper


Beim Ansehen von Olivier Assayas‘ Film „Clouds of Sils Maria“ habe ich begriffen, dass Kristen Stewart eine Schauspielerin ist, eine großartige noch dazu. Wenn man sie lässt, dann können sich auf ihrem Resting Bitch Face wirklich viele Emotionen abspielen, dann ist da plötzlich eine Verletzlichkeit zu sehen, die ich erstaunen lässt. Also musste ich nach „Clouds of Sils Maria“ Abbitte leisten und war schon gespannt wie ein Gummiringerl auf die neueste Zusammenarbeit mit Assayas. Diese ist leider nicht ganz so geglückt wie der Vorgänger, so viel sei gleich gesagt. „Personal Shopper“ weiß nicht so recht, ob er ein Gruselfilm sein soll, ein Film über die Verarbeitung von Trauer und Verlust, ein Thriller, ein Krimi vielleicht, eine Selbstfindungsgeschichte, irgendwie ist er von allem ein bisschen was und damit etwas unentschlossen. Die Geschichte erzählt von der jungen Maureen (Kristen Stewart), die in Frankreich als Personal Shopper, eine Art Einkaufsassistentin für ein Supermodel (Nora von Waldstätten), arbeitet und gleichzeitig ihrem toten Zwillingsbruder nachspürt, denn sie haben einst einen Pakt geschlossen: Wer zuerst stirbt, gibt dem überlebenden Geschwisterteil ein Zeichen aus dem Jenseits. Maureen, die am gleichen Herzfehler leidet wie ihr toter Bruder, wartet also auf dieses Zeichen. Währenddessen bekommt sie seltsame Nachrichten von einer unbekannten Nummer, die sie dazu einladen, ein seltsames Spiel zu spielen. Das alles ist sehr gut anzusehen, ist stimmungsvoll aufgebaut und gut gespielt, allerdings fehlt mir manchmal der Fokus auf den Aspekt der Geschichte, um den es Assayas tatsächlich geht. Auch wenn sich am Ende irgendwie alles zusammenfügt, so bleibt der Weg dahin dennoch Stückwerk. Das Ende lässt viele Interpretationsmöglichkeiten offen (was ich ja sehr mag), wird aber viele Zuseher unbefriedigt zurücklassen. So ist „Personal Shopper“ zwar ein interessanter Film, aber kein großer Wurf.


6,5
von 10 Kürbissen

(Foto: Filmladen)