Drama

Mr. Long (2017)

Regie: SABU
Original-Titel: Ryu San
Erscheinungsjahr: 2017
Genre: Drama, Komödie, Thriller
IMDB-Link: Ryu San


Manchmal geht auch beim besten Auftragskiller etwas schief – und das bedeutet halt gleich mal Gefahr für Leib und Leben. So kann sich der stoische taiwanesische Killer Mr. Long bei einem missglückten Auftrag in Tokio nur knapp vor der japanischen Yakuza in Sicherheit bringen und landet verletzt in einem verlassenen Haus in einer Kleinstadt. Japanisch sprechen kann er nicht, doch unverhofft kommt oft – und so greift ihm bald ein kleiner Junge, der Sohn einer drogensüchtigen Ex-Prostituierten, unter die Arme. Und dann die ganze Nachbarschaft, als sie entdeckt, dass in Mr. Long ein begnadeter Koch schlummert. So verschiebt sich der Fokus des schweigsamen Helden allmählich von der Aufgabe weg, möglichst schnell genügend Geld zusammenzubekommen, um zurück nach Taiwan zu gelangen, und hin zur Frage, ob man hier nicht ein bisschen Ruhe und Frieden finden kann. Doch der Teufel schläft bekanntlich nicht, und das tun auch nicht die japanische Yakuza oder unerfreuliche Bekanntschaften der Mutter des Jungen aus der Vergangenheit. Die – an sich recht klischeehafte – Geschichte erzählt „Mr. Long“ als Mix diverser Genres, die fließend ineinandergreifen. Da ist am Anfang der blutige Thriller mit schwarzhumorigem Einschlag, der durchaus aus der Feder von Tarantino stammen könnte. Dann ist da die Andeutung eines Buddy-Movies zwischen Mr. Long und dem kleinen Jungen. Die Nachbarn sorgen für Slapstick-Humor. Und schließlich wird noch eine zarte, gefühlvolle Liebesgeschichte reingepackt, bevor es am Ende wieder blutig wird. Und das funktioniert überraschenderweise richtig gut. Denn in allen Aspekten entwickelt „Mr. Long“ einen unglaublichen Sog und teils eine große, emotionale Wucht im Kleinen – in den Gesten, wenn sich der eiskalte Killer Mr. Long beispielsweise über einen gelungenen Home-Run seines jungen Freunds beim Baseballspiel freut, sich dies aber, weil er ja als dieser knallharte, schweigsame Typ wirken will, nicht anmerken möchte. Auch ist der Film konsequent – in dem, was er seinen Figuren antut und auch in dem, was er ihnen vorenthält. Phasenweise wirkt „Mr. Long“ dennoch nicht ganz ausbalanciert, und die Genreklischees, auf die der Film aufbaut, sind manchmal auch ein bisschen gar überstrapaziert. Aber sei’s drum, auch mein zweiter Viennale-Film 2017 kann jedenfalls weiterempfohlen werden.


7,5
von 10 Kürbissen

Lucky (2017)

Regie: John Carroll Lynch
Original-Titel: Lucky
Erscheinungsjahr: 2017
Genre: Drama, Komödie
IMDB-Link: Lucky


Der Auftakt der diesjährigen Viennale ist ein ganz besonders intimer Film und gleich zu Beginn ein absolutes Highlight. „Lucky“ von John Carroll Lynch ist gleichermaßen eine Hommage an den im September verstorbenen Harry Dean Stanton wie auch dessen letztes großes Werk, mit dem der legendäre Nebendarsteller am Ende noch seinen großen Auftritt hat. Harry Dean Stanton ist Lucky. Lucky ist Harry Dean Stanton. Schwierig, die beiden auseinanderzuhalten, aber das ist auch gar nicht nötig. Eine Geschichte gibt es nicht wirklich. Lucky macht in der Früh seine Yoga-Übungen, bevor er sich eine Zigarette anzündet und durch die Kleinstadt in der Wüste schlendert. Er hat seine Rituale. Am Abend kippt er noch eine Bloody Mary in der Dorfkneipe und lauscht seinen Freunden, wie sie Geschichten erzählen über die Liebe und über Verlust. Es sind kleine existentialistische Schlaglichter, die John Carroll Lynch auf seinen Helden und dessen Umfeld wirft. Doch Lucky, der trotz seiner 90 Jahre und den vielen Zigaretten erstaunlich fit ist und auch im Krieg, obwohl er auf einem Panzerlandungsschiff, einem LST („Landing Ship Tank“, oder wie er es bezeichnet „Large Slow Target“), stationiert war, wie durch ein Wunder nie beschossen wurde, ein echter Glückspilz also, kippt eines Tages einfach um und stellt dabei fest, dass er alt ist. Der stoische Außenseiter, der generell ein wenig der Welt entrückt wirkt, wird plötzlich mit seiner eigenen Sterblichkeit konfrontiert und entdeckt etwas an sich, das ihm bis dato unbekannt war: Angst. Aber Lucky wäre nicht Lucky, wenn er sich nicht dennoch gleichmütig die nächste Zigarette anzünden und versuchen würde, das Beste aus seiner Situation zu machen. „Lucky“ ist ein warmherziger Film voller liebenswerter Figuren, und dennoch behandelt der Film – ohne Sentimentalität – die dringlichsten Fragen, denen wir uns alle ausgesetzt fühlen: Einsamkeit, Altern, dem Verschwinden. Was bleibt von uns, wenn die Momente, in denen wir existieren, übergehen in das große Nichts? Wie gehen wir damit um, dass letztlich alles bedeutungslos ist? Lucky findet seine Antworten, und wenn am Ende Harry Dean Stanton direkt in die Kamera lächelt, ist das etwas, das überdauern wird. Er dreht sich um und geht, und unsere Herzen gehen mit ihm.


8,0
von 10 Kürbissen

(Foto: Polyfilm)

Happy End (2017)

Regie: Michael Haneke
Original-Titel: Happy End
Erscheinungsjahr: 2017
Genre: Drama, Satire
IMDB-Link: Happy End


Unbestritten ist Michael Haneke die Stimmungskanone unter den österreichischen Filmemachern. Allein schon seine Filmtitel lassen genügend Rückschlüsse zu, dass es bei Haneke immer etwas zu Lachen gibt und/oder man mit einem wohlig-sentimentalen Gefühl aus dem Kino geht: „Funny Games“. „Liebe“. Und nun das neueste Feelgood-Movie aus seiner Feder: „Happy End“. Darin geht es um eine bezaubernde Familie, die durch ein tragisches Ereignis noch enger zusammengeschweißt wird. Mit französischer Leichtigkeit wird hier eine Geschichte erzählt voller spannender Momente und Begegnungen, mit ein bisschen Prickeln und jeder Menge Charme. Was die Figuren betrifft, so wären da der lustige Großvater Georges (Jean-Louis Trintignant in einer seiner witzigsten Rollen), dessen Kinder Anne (Isabelle Huppert, herrlich überdreht) und Thomas (Mathieu Kassovitz als moralischer Anker in diesem Ensemble) und deren Kinder Pierre (ein gut gelaunter Franz Rogowski) und Eve (ganz entzückend und mit zum Schießen komischen Sprüchen: die junge Fantine Harduin). Leider – und das ist das tragische Ereignis zu Beginn – stirbt Eves Hamster, was der Kleinen ein wenig den Boden unter den Füßen wegzieht (was ganz verständlich ist). Ach ja, die Mutter stirbt auch – höchstwahrscheinlich vergiftet vom armen Kind. Eves Vater ist zum zweiten Mal verheiratet, hat ein kleines Baby und träumt davon, der geheimnisvollen Cellistin, mit der er, auf gut Wienerisch, ein fröhliches Gspusi unterhält, in den Mund zu pissen. Auf der Baustelle der Baufirma, die von Anne und ihrem Sohn Pierre geführt wird, kommt es zu einer kleinen Havarie, aber nichts, was man nicht mit Geld lösen kann. Und der Großvater will sich umbringen, nachdem er schon bei seiner Frau Sterbehilfe geleistet hat, schafft es aber irgendwie nicht, was für ein Tollpatsch! Hach, das ist alles so erbaulich und so lustig. „Happy End“ ist von Anfang bis Ende eine temporeiche und französisch-quirlige Komödie. Nur dass man da plötzlich auch noch so Flüchtlinge, ganz finstere Typen wortwörtlich, an der festlich gedeckten Tafel sitzen hat, hach, das hätte nun wirklich nicht sein müssen. Das ist ein Skandal. Was erlaubt sich der Haneke da? Aber weil der Rest so witzig war, verzeihen wir ihm auch diesen Ausrutscher und freuen uns schon auf seinen nächsten Film – der vielleicht mal eine Kindergeschichte behandeln könnte. Grinsender Smiley.


7,0
von 10 Kürbissen

(Foto: Filmladen)

The Bad Batch (2016)

Regie: Ana Lily Amirpour
Original-Titel: The Bad Batch
Erscheinungsjahr: 2016
Genre: Drama, Horror, Thriller, Science Fiction
IMDB-Link: The Bad Batch


Ana Lily Amirpours erster Langfilm, „A Girl Walks Home Alone At Night“, eine feministische Schwarz-Weiß-Coming-of-Age-Vampir-Romanze, war eine Sensation. So war ich auch schon extrem gespannt auf ihr nächstes Werk, „The Bad Batch“, zumal sie dafür einige sehr namhafte Schauspieler gewinnen konnte (für zum Teil wirklich winzige Rollen): Jason Momoa. Keanu Reeves. Jim Carrey. Giovanni Ribisi. Diego Luna. Der Fokus liegt aber auf der von Suki Waterhouse gespielten Arlen. Der Film erzählt die Geschichte einer dystopischen Wüstenwelt, in der Menschen in zwei Kategorien fallen: Du frisst oder du wirst gefressen. Arlen hat zu Beginn das Pech, die Bekanntschaft mit der ersten Gruppe zu machen. Ein Arm und ein Bein müssen dran glauben, doch dann gelingt ihr die Flucht, und sie wird aufgenommen von einer Gemeinschaft in einer Stadt namens „Comfort“. Doch die beiden Welten vermischen sich bald wieder, als Arlen ein junges Kannibalen-Mädchen aufnimmt, deren Mutter sie erschossen hat. Und Papa macht sich bald auf den Weg.

„The Bad Batch“ ist vor allem eines: Seltsam. Die Welt, in der sich Arlen und der Zuseher wiederfindet, wird nicht näher erklärt. Die Motivationen der Menschen, ihre Handlungen, sind oft eine Zuspitzung unserer bestehenden Welt ins Degenerierte. Moral und Ethik scheinen auf unseren Werten aufzubauen, aber in manchen Punkten drastisch verschoben worden zu sein. Es wirkt, als hätte Ana Lily Amirpour den ganzen Dreck unserer Gesellschaft eingesammelt und daraus eine neue Welt gebastelt. Vergleiche mit „Mad Max“ sind durchaus zulässig. Im Grunde wirkt „The Bad Batch“ so, als wäre sie der Welt von „Mad Max“ entsprungen, quasi ein Seitenstrang der gleichen Geschichte, nur viel langsamer und noch rätselhafter. Oder aber man sehe sich einfach das Musikvideo „Sometimes I Feel So Deserted“ von den Chemical Brothers an – auch das spielt atmosphärisch im gleichen Umfeld. Da sich der Film aber nicht um Erklärungen bemüht, sondern ständig nur Fragen an den Zuseher zurückwirft, wirkt „The Bad Batch“ nicht ganz so stringent wie Amirpours Erstling „A Girl Walks Home Alone At Night“. Die Geschichte hat Längen, sie ist manchmal nicht einzuordnen und verstörend, manche Handlungsstränge sind – im Gesamten betrachtet – einfach nicht zwingend. Aber eine interessante Erfahrung ist „The Bad Batch“ aber allemal. Ein Film, der im Gedächtnis hängenbleibt.


6,5
von 10 Kürbissen

Wir töten Stella (2017)

Regie: Julian Roman Pölsler
Original-Titel: Wir töten Stella
Erscheinungsjahr: 2017
Genre: Drama
IMDB-Link: Wir töten Stella


Ob ihr bekanntester Roman „Die Wand“, ihre zahlreichen Kurzgeschichten oder eben die Novelle „Wir töten Stella“ – Marlen Haushofers Prosa zeichnet sich stets durch eine präzise, klare Sprache aus, die das Offensichtliche als Fassade nimmt, um über subtile Zwischentöne den eigentlichen Inhalt zu vermitteln. In „Wir töten Stella“ sind es die Fragen der Passivität und dadurch entstehenden Mitschuld am Verbrechen, die über die Geschichte einer Beziehungskrise und eines Ehebruchs verhandelt werden. Julian Pölslers Verfilmung versucht, sich diesen Zwischentönen durch grellen Symbolismus und Durchbrechung der realistischen Ebene mit dem Mittel der Verfremdung zu nähern. Horrorelemente werden in die Geschichte eingebaut, um darüber die Zwischenebene der Schuldfrage sichtbar zu machen. Das Offensichtliche, die realistische Ebene also, wird hierbei in den Hintergrund gedrängt, was den Film sehr artifiziell wirken lässt. So eine Künstlichkeit und das Erzählen einer Geschichte über die Ebene der Symbole und Metaphern kann ja ganz wunderbar sein, wenn es denn gut gemacht ist. Wenn man mit einem Holzhammer auf sein Publikum einprügelt und dabei vergisst, die eigentliche Geschichte zu erzählen, hat man allerdings in der Regel ein Problem. Und genau das passiert hier. Der Ursprung des Problems dieser Verfilmung scheint zu sein, dass sich Pölsler vorgenommen hat, der literarischen Bedeutung Haushofers gerecht zu werden, indem er sich um einen möglichst kunstsinnigen, überhöhten Zugang bemüht. Dabei kann die Geschichte aber auch sehr einfach und klar erzählt werden – wie es Haushofer selbst tut – und die Interpretation der Zwischentöne bleibt dem Publikum überlassen. Jede Zeile Haushofers scheint aber ins Extremste ausgewalzt und mit bedeutungsschwangerer klassischer Musik und verfremdeten Geräuschen unterlegt zu sein, das (Mit)Denken des Zusehers wird durch dieses Feuerwerk an Symbolismus eher unterdrückt als gefördert. Dazu kommt, dass ich dem Regisseur nicht abkaufe, sich in dem gehobenen bürgerlichen Milieu wirklich wohlzufühlen. Ist es wirklich so, dass der Vater vom Sohn noch immer mit „Herr Papá“ angesprochen wird? Dass die scheinbar einzige Freizeitbeschäftigung solcher Familien im Trinken von Rotwein und dem Hören der Musik von Johann Sebastian Bach besteht? Dass das Familienoberhaupt auch privat nur Anzug trägt und nicht die kleinste Gefühlsregung zeigt? Hier fehlt es an Lebensnähe, und das liegt nicht an der Vorlage, die diesbezüglich weit mehr Spielraum zulässt. Auch das Schauspiel ist oft hölzern und schlicht und ergreifend schlecht – Martina Gedeck in der Hauptrolle ausgenommen, die zwar auch sehr zurückhaltend, aber nuanciert spielt. Das alles führt dazu, dass sich der Film unwirklich und damit irrelevant anfühlt. (Ohne zu spoilern, denn der Schluss wird gleich zu Beginn erzählt:) Am Ende ist Stella tot. Der Film aber auch.


4,0
von 10 Kürbissen

(Foto: Thimfilm)

Engel der Verlorenen (1948)

Regie: Akira Kurosawa
Original-Titel: Yoidore Tenshi
Erscheinungsjahr: 1948
Genre: Drama
IMDB-Link: Yoidore Tenshi


Martin Scorsese und Leonardo DiCaprio. Quentin Tarantino und Christoph Waltz. Ingmar Bergman und Liv Ullmann. Akira Kurosawa und Toshirō Mifune. Matches made in Heaven. Mit Kurosawa und Mifune ging es los mit dem Drama „Engel der Verlorenen“, wobei der Engel in diesem Fall selbst ein Verlorener ist, die wortgetreue Übersetzung „Der trunkene Engel“ also wohl besser gepasst hätte. Es geht um den Arzt Sanada (Takashi Shimura), der im Armenviertel seinen Dienst verrichtet an jenen, die sich sonst keine medizinische Versorgung leisten können. Vor allem die fast unaufhaltsame Tuberkulose macht den Menschen hier schwer zu schaffen. Sanada ist zum zynischen Trinker geworden – ein einsamer Wolf, der seine Patienten zwar anbellt, aber heilt, statt sie zu beißen. Sanada ist ein sehr ambivalenter Charakter, mürrisch, unsympathisch, aber durch sein Handeln zeigt sich seine eigentliche Natur, er hat ein gutes Herz. Und so gibt er auch nicht auf, als eines Tages der verletzte Gangster Matsunaga (Toshirō Mifune) in seiner Praxis steht, bei dem er Anzeichen der Tuberkulose zu erkennen glaubt, wovon sein Patient allerdings nichts wissen will. In der rauen Welt der kriminellen Clans darf man sich keine Schwäche erlauben. Doch Sanaga lässt nicht locker, stellt dem Gangster nach, versucht ihn zu überzeugen. Es entspinnt sich ein Zweikampf zwischen dem Retter wider Willen und dem Gegenpart, der seine Rettung verweigert. Diese ungewöhnliche Konstellation birgt allerhand psychologische Spannung in sich, die Kurosawa geschickt ausspielt. So benötigt der Film einige Zeit, um den Zuseher zu packen, da es eben zu Beginn an Identifikationsfiguren mangelt – jeder ist hier erst einmal unsympathisch und hysterisch auf den ersten Blick – doch nach und nach zieht Kurosawa seine Schrauben fester an, und gebannt verfolgt man diesem Krieg der Worte und Gesten, den Kampf um nicht eine, sondern gleich zwei gefallene Seelen. Natürlich sieht man dem Film sein Alter an, beispielsweise auch beim Overacting der Akteure. Doch Kurosawas erster Film, bei dem er volle Kontrolle über die Entstehung hatte, ist inhaltlich erstaunlich modern und weiß auch heute noch zu packen.


7,5
von 10 Kürbissen

Western (2017)

Regie: Valeska Grisebach
Original-Titel: Western
Erscheinungsjahr: 2017
Genre: Drama
IMDB-Link: Western


Die Einsamkeit und das Fremde – das sind zwei Leitmotive aller großer Western. Und diese Motive finden sich auch in Valeska Grisebachs Film „Western“ wieder, der das Westernsujet auf kluge Weise einsetzt, um in ruhigen Bildern die Geschichte eines Trupps deutscher Bauarbeiter zu erzählen, die in der Nähe eines bulgarischen Dorfes ein Wasserkraftwerk bauen soll. Mitten darunter der schweigsame Einzelgänger Meinhard (mit einer unfassbaren Präsenz verkörpert vom Laiendarsteller Meinhard Neumann), ein Mann mit eigenem Moralkodex, auch wenn er kaum zum Helden taugt. Aber er ist es, auf den sich der Film fokussiert, und es ist der stoische Meinhard, der den ersten Kontakt zu den Einheimischen im Dorf aufbaut, der Anschluss findet mit wenigen Worten und Gesten. Man beginnt allmählich, sich zu verstehen, und das auf einer tieferen Ebene, als es durch Worte, durch eine gemeinsame Sprache, möglich wäre. In einer sehr eindrucksvollen Szene sitzen Meinhard und Adrian, sein Vertrauter aus dem Dorf, an einem Abend zusammen und Meinhard beginnt, von seinem verstorbenen Bruder zu erzählen, und auch wenn Adrian kein einziges Wort versteht, spürt er dem Klang und dem Gesichtsausdruck Meinhards nach, begreift, worum es geht („Du erzählst gerade etwas sehr Trauriges“), und die beiden Männer finden auf diese Weise zu einem echten Gespräch, das mehr durch Blicke und Gesten geführt wird, aber in dem alles gesagt und alles verstanden wird. „Western“ erzählt also die Geschichte einer Annäherung, die nicht konfliktfrei ist, wo unterschiedliche Interessen und Lebensweisen und Ansichten aufeinandertreffen, wo aber auch am Ende ein Hoffnungsschimmer aufkeimt, dass das Gemeinsame über dem Trennenden steht, dass es so etwas wie Heimat auch in der Fremde geben kann, dass es etwas universell Menschliches gibt, das uns alle verbindet. Dabei umgeht „Western“ klug sämtliche Fallstricke klischeeinduzierter Erwartungshaltungen. Die Konflikte biegen oft in andere Richtungen ab als erwartet, niemand ist fehlerfrei, es gibt keine Helden und keine Antagonisten, nur Menschen mit unterschiedlichen Persönlichkeiten, und sie zeigen sich manchmal von ihrer guten und manchmal von ihrer schlechten Seite. Meinhard ist da keine Ausnahme. Auch wenn wenig passiert und Vieles nur angedeutet, aber nicht auserzählt wird, so ergibt sich am Ende dennoch ein stimmiges Gesamtbild, und wenn am Ende die Musik läuft und die Leinwand dunkel wird, hat man zumindest für einen kurzen Augenblick das Gefühl, etwas mehr über das Menschsein verstanden zu haben.


8,0
von 10 Kürbissen

(Foto: Stadtkino)

Richtung Zukunft durch die Nacht (2002)

Regie: Jörg Kalt
Original-Titel: Richtung Zukunft durch die Nacht
Erscheinungsjahr: 2002
Genre: Drama, Liebesfilm, Fantasy
IMDB-Link: Richtung Zukunft durch die Nacht


„People assume that time is a strict progression of cause to effect, but actually from a non-linear, non-subjective viewpoint – it’s more like a big ball of wibbly wobbly … time-y wimey … stuff.“ Soweit Doctor Who zu diesem Thema. Der 2007 viel zu früh verstorbene Filmemacher Jörg Kalt hatte dazu eine ähnliche Meinung. In „Richtung Zukunft durch die Nacht“ (mit einer österreichischen Best-Of-Besetzung: Simon Schwarz und Kathrin Resetarits in den Hauptrollen, dazu Georg Friedrich und Nicholas Ofczarek in kleinen Rollen) erzählt Kalt die recht simple Geschichte eines Kennenlernens in einer Bar und einer Reise durch die Nacht. Der arbeitslose Vorspeisenkoch Nick (Schwarz) trifft auf die asynchrone Filmstudentin Anna (Resetarits). Asynchron, weil manchmal ihre Worte erst zu hören sind, nachdem sie diese gesprochen hat. Nick kocht für sie, sie erleben absurde Abenteuer, sie verlieben sich ineinander. Doch dann, eine Beziehung ist aus dieser Nacht entstanden, wacht Nick eines Tages auf und während seine Zeit normal vorwärts läuft, läuft sie für alle anderen Menschen in seiner Umgebung rückwärts, auch für Anna. Die Beziehung, schon überschattet von Missverständnissen, entwickelt sich also zurück zu ihrem Ursprung. „Wibbly wobbly time-y wimey stuff“ eben. Und eine sehr erfrischende Idee, denn was sind Beziehungen denn tatsächlich? Wiederholungen bekannter Muster, an deren Anfang und an deren Ende die Einsamkeit, das Alleinsein steht. Das erzählt Jörg Kalt sehr unaufgeregt und in nur etwa einer Stunde Laufzeit. Warum mich „Richtung Zukunft durch die Nacht“ dennoch nicht wirklich mitreißen konnte, liegt neben der manchmal arg verkopften Herangehensweise auch an der sehr reduzierten, amateurhaft wirkenden Ausarbeitung in Bild und Ton. Auch das Schauspiel kommt meiner Meinung nach in seiner Vereinfachung und Reduzierung etwas zu kurz. Man kann es mit der Lakonie auch übertreiben. So ist „Richtung Zukunft durch die Nacht“ ein durchaus interessanter Werkbeitrag zum österreichischen Film mit einer spannenden Idee, aber leider einer schwachen Umsetzung, die dafür sorgt, dass ich hier einen Film der verpassten Möglichkeiten sehe – als wäre der Film eine reine Fingerübung eines Filmstudenten. Aber gut, vielleicht war er ja auch genau das.


5,0
von 10 Kürbissen

(Foto: Polyfilm)

Die beste aller Welten (2017)

Regie: Adrian Goiginger
Original-Titel: Die beste aller Welten
Erscheinungsjahr: 2017
Genre: Drama
IMDB-Link: Die beste aller Welten


Adrian Goiginger erzählt die Geschichte seiner Kindheit in Salzburg. Die drogensüchtige Mutter. Die Freunde, allesamt Junkies, die bis spät in die Nacht in der abgedunkelten Wohnung sitzen, der siebenjährige Adrian mitten unter ihnen, und Bier trinken, Zigaretten rauchen, Lines ziehen und sich hin und wieder was spritzen. Die Gewalt, die immer wieder einmal plötzlich ausbricht. Was nun klingt wie das unverdaulichste Sozialdrama aller Zeiten, entpuppt sich überraschend als zarter Liebesfilm. Es geht um die Liebe zwischen Mutter und Sohn. Um den Versuch, dem Sohn ein behütetes Zuhause zu geben trotz aller Schwierigkeiten, trotz des Dämons der Sucht in der Wohnung. Dieser Dämon wird kraftvoll symbolisiert durch eine zweite, surreale Traumebene des jungen Adrian, in der sich ein wagemutiger Abenteurer einem echten Dämon stellen muss, der in einer Höhle eingesperrt ist, doch die Ketten, die ihn festhalten, zu sprengen drohen. „Die beste aller Welten“ ist unsentimental und ehrlich. Adrian Goiginger wirft einen ungeschönten, nicht verklärten Blick auf seine Kindheit. Er betrachtet sich selbst als Siebenjährigen durch seine damaligen Kinderaugen. Auch die Kamera selbst bleibt oft in Bodennähe, betrachtet das Geschehen und die Abgründe, in die sich die Erwachsenen reißen, von unten, was zum Einen die Machtlosigkeit des Kindes verdeutlicht, aber andererseits eben auch eine andere Perspektive auf die Geschichte andeutet – eben jene, dass das, was „da oben“ geschieht, nicht zwangsweise 1:1 umzulegen ist auf das, was „unten“ beim Kind ankommt. „Die beste aller Welten“ ist eine Geschichte voller Hoffnung in einer fast hoffnungslosen Situation. Zudem ist der Film wirklich grandios gespielt, v.a. von Verena Altenberger, die die Mutter darstellt, und dem Kinderdarsteller Jeremy Miliker, der sehr unaufgeregt agiert – eine wirklich reife Leistung für den Burschen. „Die beste aller Welten“ ist definitiv ein Anwärter auf den besten österreichischen Film des Jahres – ein großartiges, ehrliches und mitreißendes Werk, das bleiben wird.


8,5
von 10 Kürbissen

(Foto: Polyfilm)

Tulpenfieber (2017)

Regie: Justin Chadwick
Original-Titel: Tulip Fever
Erscheinungsjahr: 2017
Genre: Drama, Historienfilm
IMDB-Link: Tulip Fever


Das Goldene Zeitalter. Goldene Nasen, wohin man schaut – jedenfalls, wenn man mit den richtigen Dingen handelt. Zum Beispiel mit Tulpen. Für einzelne Zwiebeln werden Preise gezahlt, für die man sich im beschaulichen (und sehr dreckigen) Amsterdam des 17. Jahrhunderts stattdessen auch ein hübsches Häuschen mit Grachtenblick leisten könnte. An Tulpen ist der reiche Kaufmann Cornelis Sandvoort (Christoph Waltz) allerdings nicht interessiert. Er hat ein anderes Blümchen zuhause, das er zum Erblühen bringen möchte: Seine junge, einst aus dem Waisenhaus herausgekaufte Frau Sophia (Alicia Vikander). So schön sie auch anzusehen ist, aber etwas fehlt – nämlich der heiß ersehnte männliche Nachkomme. Der Jüngste ist Cornelis ja nicht, und mit seiner ersten Frau ging es schon mal schief – Frau und Kind starben im Kindbett. Blöd nur, dass die holde Gattin Nummer 2 nicht schwanger werden will – trotz aller angestrengten Bemühungen. Na ja, lässt man sich in der Zwischenzeit halt auf einem schönen Doppelporträt verewigen. Nur blöd, dass der Künstler, der dieses anfertigen soll, ein junger, gut aussehender Heißsporn ist (Dane DeHaan). Es entspinnt sich eine kleine Intrige, in die auch die Hausmagd (Holliday Grainger) eine (wortwörtlich) tragende Rolle spielt.

„Tulpenfieber“ von Justin Chadwick nach einem Drehbuch von Tom Stoppard („Shakespeare in Love“) ist im Grunde ein klassisches Hollywood-Historien-Drama. Der Film scheut größere Risiken und erzählt stattdessen routiniert, aber durchaus fesselnd, seine Geschichte rund um Liebes- und Tulpenwahn. Die historische Anekdote des ersten massiven Börsencrashs der Neuzeit ist hierbei Hintergrundkulisse für eine recht klassische und weitgehend überraschungsfreie Dreiecks- bzw. Liebesgeschichte. Dass der Film dennoch gut unterhält, liegt am großartigen Schauspieler-Ensemble (wobei mir Alicia Vikander diesmal ein bisschen zu oft mit aufgerissenen Augen herumläuft – ihre Rolle könnte man auch subtiler spielen), das von einer sinnlichen Holliday Grainger, einem überraschend verletzlichen Christoph Waltz und einem charismatischen Dane DeHaan (diesmal – denn bei „Valerian“ hatte ich ja so meine Probleme mit ihm) getragen wird, unterstützt von hochkarätigen Nebendarstellern wie zB Judi Dench oder Zach Galifianakis. Auch die großartige, detailreiche Kulisse ist hervorzuheben. Man riecht förmlich den Gestank der Gassen und des schmutzigen Wassers – bzw. könnte es hierfür ein wenig nach Oscar-Nominierung riechen. In Summe kein Meisterwerk, dafür ist die Geschichte zu eindimensional aufgebaut und manche Dialogzeilen sind doch recht banal, aber, wie gesagt, für Unterhaltung ist dennoch gesorgt.


6,5
von 10 Kürbissen

(Foto: Thimfilm)