Drama

Endstation Sehnsucht (1951)

Regie: Elia Kazan
Original-Titel: A Streetcar Named Desire
Erscheinungsjahr: 1951
Genre: Drama
IMDB-Link: A Streetcar Named Desire


Tennessee Williams war schon ein Guter. Nicht weniger als 22 Filme, die auf seinen literarischen Vorlagen beruhen, zählt Wikipedia auf. Einer der bekanntesten darunter ist „Endstation Sehnsucht“ mit Vivien Leigh und einem unglaublich jungen und muskulösen Marlon Brando. Die Geschichte ist rasch erzählt: Die leicht verwirrte und offenbar traumatisierte Lehrerin Blanche fährt nach New Orleans, um ihre Schwester Stella zu besuchen, die sie seit Jahren nicht gesehen hat. Stella hat mittlerweile geheiratet, den ungehobelten Rabauken Stanley Kowalski, und ist von ihm schwanger. Blanche und Stanley sind sich von Beginn an nicht grün, und als Stanley vermutet, dass Blanche durch den Verlust des alten Hauses der Schwestern ihn und Stella über den Tisch ziehen möchte, eskaliert die Geschichte, zumal sich Blanche nicht wirklich in die Karten schauen lässt. Irgendwas stimmt mit der nervösen, anhänglichen und verträumten Frau nicht. Im engen Raum der winzigen Wohnung der Kowalskis entspinnt sich ein Drama rund um unerfüllte Sehnsüchte und Träume und falsche Entscheidungen. Vivien Leigh ist zum Niederknien, doch auch der Rest des Casts muss sich nicht verstecken. „Endstation Sehnsucht“ ist brillant geschrieben und gespielt. Den Niedergang der Protagonisten, ihre Wut und ihre Sehnsüchte und ihre Ängste auf einem Silbertablett im gleißenden Licht präsentiert zu bekommen, ist oft kein einfaches Unterfangen und tut weh, aber gerade das, diese schonungslose Ehrlichkeit mit den Figuren, macht „Endstation Sehnsucht“ zu einem zeitlosen und auch heute noch aufwühlenden Stück Kino. Zurecht ein Klassiker.


8,0
von 10 Kürbissen

Araby (2017)

Regie: João Dumans und Affonso Uchoa
Original-Titel: Arábia
Erscheinungsjahr: 2017
Genre: Drama
IMDB-Link: Arábia


Der brasilianische Film „Arábia“ erzählt eine recht universelle Geschichte von Außenseitern, hart arbeitenden Menschen und Lebensentscheidungen. Nach einem Unfall in einer Metallfirma in der Nähe von Ouro Preto findet der jugendliche Andre das Notizbuch des verunglückten Arbeiters Cristiano, in dem dieser seine Lebensgeschichte aufgeschrieben hat – von der Kleinkriminalität zur geregelten Arbeit in der Fabrik mit den vielen kleinen Zwischenschritten, die er dafür gehen musste, mit den Begegnungen der Menschen auf diesem Weg, mit den Orten, an denen er war und die er wieder verlassen hat. Dabei bleibt der Blick seltsam distanziert. Es fällt schwer, eine Bindung zu diesem schweigsamen und undurchdringlichen Cristiano aufzubauen. (Ein Unterfangen, an dem nicht nur die Zuseher, sondern auch die Menschen in seinem Leben nach und nach scheitern.) Dadurch, dass der Film ein sehr gemächliches, man könnte fast sagen: schneckenlangsames Tempo an den Tag legt, wird die Sichtung mit der Zeit zur Herausforderung. Wenn einem das Schicksal des Helden eher wurscht ist und dieses Schicksal dann auch noch mit der Ruhe eines Zen-Meisters erzählt wird, kann es mühsam werden, die Augen offen zu halten. Kein Film, den man an einem späten Abend nach einem langen Arbeitstag zuhause gemütlich auf der Couch lungernd ansehen sollte.

Warum der Film „Arábia“ heißt, weiß übrigens niemand – die beiden Filmmacher, die gleichzeitig für Drehbuch und Regie verantwortlich zeichnen – saßen am Ende wohl ratlos über ihrem Manuskript zusammen, brüteten Ideen aus, warfen diese an eine Pinnwand, strichen sie wieder durch, und am Ende zuckte einfach einer mit den Achseln und meinte: „Na ja, wenn uns schon nichts Gescheites einfällt, dann geben wir dem Ding halt irgendeinen Fernweh-Namen, der gerade politisch gut reinpasst. Syria zum Beispiel oder Arábia“. Und der Andere: „Das ist Mist.“ Der Erste wieder: „Gut, fällt dir was Besseres ein?“ Der Zweite zuckt mit den Schultern. Der Erste wieder: „Okay, dann nehmen wir Arábia. Ist eh wurscht.“


5,5
von 10 Kürbissen

Wenn die Gondeln Trauer tragen (1973)

Regie: Nicolas Roeg
Original-Titel: Don’t Look Now
Erscheinungsjahr: 1973
Genre: Drama, Horror
IMDB-Link: Don’t Look Now


„The Shining“ in Venedig. Trotz einer Vorahnung gelingt es dem Familienvater John (Donald Sutherland) nicht, die kleine Tochter vor dem Ertrinken im Gartenteich zu retten. Wenig später sieht man ihn und seine Frau (Julie Christie) in Venedig, wo er einen Auftrag als Restaurator einer Kirche durchführt. Dort macht das Ehepaar Bekanntschaft mit zwei seltsamen Schwestern, von denen eine blind und mit der Gabe des zweiten Gesichts, also der Vorhersehung, gesegnet ist. Der Mutter tut es gut zu erfahren, dass die Tochter im Jenseits in Sicherheit ist und lächelt, der Vater tut dies als Spinnereien ab. Doch immer wieder sieht und hört er Seltsames zwischen den Kanälen des nächtlichen Venedigs, das mit seinem morbiden, zerfallenden Charme zu einem weiteren Protagonisten der Erzählung wird. Soweit also kurz umrissen der Inhalt des Filmes, der auf einer Erzählung von Daphne du Maurier beruht und auch heute noch gern zitiert wird. Interessant ist, dass er gerne auf die Sexszene zwischen Sutherland und Christie reduziert wird. Haben sie nun? Haben sie nicht? Nach Sichtung des Films: Sie könnten es getan haben. Ist aber wurscht. Denn „Wenn die Gondeln Trauer tragen“ (bzw. „Don’t Look Now“, wie er im Original passenderweise heißt, auch wenn der deutsche Verleihtitel poetischer klingt) ist kein Sexfilmchen der 70er-Jahre, sondern eine interessante Mischung aus Trauerbewältigung und subtilem Horror. Zwar wirkt er heute schon ein wenig angestaubt (v.a. das Overacting an einigen Stellen fällt negativ auf) und er hat auch trotz der ökonomischen Laufzeit von 105 Minuten einige Längen, aber interessant anzusehen ist er dennoch mit seinen vielen Symbolen und Andeutungen und Verschränkungen. Kann man sich mal geben an einem verregneten Nachmittag.


6,5
von 10 Kürbissen

Planet der Affen: Survival (2017)

Regie: Matt Reeves
Original-Titel: War for the Planet of the Apes
Erscheinungsjahr: 2017
Genre: Science Fiction, Action, Drama
IMDB-Link: War for the Planet of the Apes


Der Krieg zwischen den letzten überlebenden Menschen und den Affen tobt. Caesar, der Anführer der Affen, wollte diesen nicht, aber immer wieder attackieren die Truppen des Colonels (Woody Harrelson, in einer seiner üblichen Nicht-mehr-ganz-frisch-in-der-Marille-Rollen) das Rudel der Affen, und als auch die Frau und der Sohn von Caesar dran glauben müssen, wird es persönlich. Also macht sich Caesar mit ein paar haarigen Freunden auf die Suche nach dem Colonel und seinen Soldaten. Dass während seiner Abwesenheit dann gleich das ganze Rudel einkassiert wird und zu Zwangsarbeit, die an die Zustände eines KZs im Dritten Reich erinnert, verdonnert wird, passt irgendwie ins Bild. Längst sind die Grenzen zwischen Mensch und Tier verschwommen, Grausamkeiten sind der Alltag auf beiden Seiten, Angst und Wut sind die vorherrschenden Gefühle aller Beteiligten. Es gibt nichts Gutes mehr. Auch Caesar wird von Rachegefühlen und Wut geleitet. Die psychologische Entwicklung, die der Oberaffe in diesen insgesamt drei Teilen durchläuft, ist spannend und die ganz große Stärke der Trilogie. Gleichzeitig schafft es die Filmreihe, Werte der Menschlichkeit aus einer völlig anderen Perspektive neu zu verhandeln. „Planet der Affen: Survival“ bildet den mehr als gelungenen Abschluss einer sehr guten Trilogie, die zum Einen als Gesamtwerk mit dank eines gut erzählen Spannungsbogens zu überzeugen weiß, und gleichzeitig als Einzelfilm extrem unangenehme, aber in heutigen Zeiten dringliche Fragen zu stellen weiß. So kann man „Survival“ auch als Kommentar zum in den vergangenen Jahren immer stärker auftretenden Nationalismus verstehen, als eine allegorische Warnung an uns alle, uns nicht von Ängsten, Neid und Wut leiten zu lassen. Neben „Logan“ das zweite überraschend tiefgründige Science-Fiction-Epos in diesem Jahr, das Fragen nach Menschlichkeit und menschlichen Werten in knallharte, spannende Action verpackt und damit über den Schauwert hinaus wirkt.


8,0
von 10 Kürbissen

Planet der Affen: Revolution (2014)

Regie: Matt Reeves
Original-Titel: Dawn of the Planet of the Apes
Erscheinungsjahr: 2014
Genre: Science Fiction, Action, Drama
IMDB-Link: Dawn of the Planet of the Apes


Tja, da haben wir den Salat. Die Menschheit hat sich mittels eines Virus ordentlich dezimiert, die Natur erobert die Städte zurück, und in den Wäldern vor der Stadt herrschen die Affen, smarte Kerlchen, die nun lesen und schreiben lernen. Einige Menschen haben überlebt, aber deren Infrastruktur ist zusammengebrochen und es sieht nicht gut aus für sie. Blöd, sich wenn das Wasserkraftwerk, das dringend wieder in Betrieb genommen werden muss, genau im Affenterritorium befindet. Mit Caesar, dem hochintelligenten Anführer der Affenbande, gäbe es ja keinen Stress, aber manch Anderer trägt die Erinnerung an jahrelange Misshandlung und Wut auf die Menschheit tief in sich drinnen und will am liebsten jeden Menschen tot sehen. Das bedingt natürlich Konflikte. Und entspinnt sich ein Durcheinander aus Intrigen und Gegenintrigen und gegenseitigem Misstrauen, das nur eine einzige Konsequenz möglich scheinen lässt: Ein für alle Mal muss geklärt werden, wer denn nun die dominante Spezies auf diesem Planeten ist.

War „Planet der Affen: Prevolution“ noch die langsam erzählte Vorgeschichte, die erst nach und nach die Daumenschrauben angesetzt hat, geht es in „Revolution“ ordentlich zur Sache. Der Fokus liegt auf dem Konflikt Mensch-Affe, auf deren Unterschiede und der Angst voreinander, und auch auf Affe-Affe, denn die Affen wittern nun, dass die Zeit ihrer Dominanz gekommen ist, dass sie zum ersten Mal in der Geschichte auf dem längeren Hebel sitzen. Und Caesar, der sich zu einer psychologisch interessanten Figur entwickelt, sitzt zwischen den Stühlen. Denn er ist primär Primat, allerdings hat er auch viel Gutes durch die Menschen erfahren, und seine höhere Intelligenz sagt ihm, dass es keine gute Idee ist, eine ganze Spezies auszurotten. Er kennt Mitleid und Erbarmen. Was also tun, wenn man sich rundherum an die Gurgel geht?

„Revolution“ ist eine gelungene Fortsetzung der Trilogie, hat aber das Problem, das viele Mittelteile von Trilogien haben: Die Vorgeschichte ist erzählt, das Ende ist noch weit weg – jetzt muss es also erst einmal krachen. Und so ist „Revolution“ deutlich actiongeladener als sein Vorgänger und weniger subtil, ohne dass aber ein Ziel abzusehen ist. So gesehen etwas schwächer als Teil 1, aber eine gelungene Brücke zwischen „Prevolution“ und „Survival“, dem Abschluss der Trilogie.


6,5
von 10 Kürbissen

Planet der Affen: Prevolution (2011)

Regie: Rupert Wyatt
Original-Titel: Rise of the Planet of the Apes
Erscheinungsjahr: 2011
Genre: Science Fiction, Action, Drama
IMDB-Link: Rise of the Planet of the Apes


Der Schrecken über Tim Burtons affiges Remake des Sci-Fi-Klassikers „Planet der Affen“ steckte zehn Jahre später noch allen Zusehern in den Gliedern. Dennoch setzte Hollywood auf die Fähigkeit der Verdrängung des Blockbuster-erprobten Publikums und fügte der Filmreihe mit „Planet der Affen: Prevolution“ (im Original: „Rise of the Planet of the Apes“) einen Prolog hinzu, der als Beginn einer Trilogie erzählen soll, wie es denn dazu kommen konnte, dass Charlton Heston am Ende des Originalfilms von 1968 vor der halb im Sand versunkenen Freiheitsstatue in die Knie geht und fassungslos die denkwürdigen Worte brüllt: „Ihr Wahnsinnigen! Ich verfluche euch! Ich verfluche euch, euch alle!“ Irgendwo und irgendwann in der Geschichte scheint also etwas schiefgegangen zu sein. Und wie so oft sind es ambitionierte, glücklose Wissenschaftler, die uns in die Scheiße reiten. Dabei wollte Will (James Franco) ja nur ein Alzheimer-Medikament entwickeln, um seinen erkrankten Vater zu heilen. Das Mittelchen zeigt nun ungeahnte Nebenwirkungen, wie sich an Versuchen mit Primaten herausstellt. So kommt Caesar ins Spiel, das Neugeborene eines solchen Versuchsaffen, das als Special Feature ungeahnte Intelligenz mitbekommen hat. Da aber die Mutter einen Riesenradau verursacht und kurzerhand weggepustet wird, kommt das Affenbaby zu Will, der es fortan aufzieht und schon bald erkennt, was für ein intelligentes Kerlchen da in seinem Haus wohnt. Das bleibt natürlich nicht ohne Folgen, denn auch wenn Will und Caesar ein gutherziges Gespann sind, manche Wissenschaftler kommen halt nicht ohne Gott-Komplex aus, und damit beginnt die Kacke zu dampfen. Dass nämlich das Medikament, an dem in der Zwischenzeit weitergearbeitet wurde, etwas ungute Wirkungen zeigt für die Menschheit, hat sich eben diese selbst eingebrockt.

„Planet der Affen: Prevolution“ geht ein recht gemächliches Tempo, bleibt dabei aber spannend. Der Film kann sich dabei auf ein gutes, intelligentes Storytelling verlassen, auf sympathische Hauptdarsteller und eine unfassbar gute CGI, die wiederum getragen wird von Andy Serkis, der den Affen Caesar verkörpert. Nichts ist menschlicher in diesem Film als Caesar. Die eine oder andere kleinere Länge hat der Film, und manche Nebenfigur ist etwas schablonenhaft gezeichnet, aber insgesamt ist „Planet der Affen: Prevolution“ hochintelligentes Science-Fiction-Kino, das das Burton’sche Desaster (möge es in Frieden ruhen) dann doch sehr schnell vergessen lässt.


7,5
von 10 Kürbissen

Das erstaunliche Leben des Walter Mitty (2013)

Regie: Ben Stiller
Original-Titel: The Secret Life of Walter Mitty
Erscheinungsjahr: 2013
Genre: Komödie, Drama, Roadmovie
IMDB-Link: The Secret Life of Walter Mitty


Walter Mitty (Ben Stiller) ist der heldenhafte Retter von dreibeinigen Hunden, der abenteuerlustige Aussteiger, der das Herz der angebeteten Cheryl (Kristen Wiig) im Sturm erobert, der faszinierende Fremde, er ist eloquent und schlagfertig und mutig. Doch das ist er nur in seinem Kopf, wenn er Tagträumen nachhängt. Denn eigentlich ist Walter Mitty ein biederer Fotoarchivar für das LIFE-Magazin, der diese Abenteuer nur fantasiert. (In Österreich hat sich seit der  vermeintlichen K2-Besteigung des Extrembergsteigers Christian Stangl der Begriff des „Visualisierens“ durchgesetzt – ich nehme mal an, Stangl kennt den Film …) Auf seinem online-Dating-Profil bekommt Mitty keine Nachrichten, weil sein Profil zu langweilig ist. Die größte Aufregung in seinem Leben ist die geplante Umstrukturierung des Magazins. Da schickt ihm der mysteriöse, eigenbrötlerische Naturfotograf Sean O’Connell sein Meisterwerk als Negativ zu – dieses beste Foto, das er jemals gemacht hat, die Quintessenz des Lebens, soll auf das letzte Titelblatt des LIFE-Magazins, ehe die Printausgabe eingestellt wird und das Magazin nur noch online fortgeführt wird. Das Problem bei der ganzen Geschichte: Unter all den Negativen, die Sean O’Connell an Walter Mitty geschickt hat, ist genau dieses Foto nicht zu finden. So bleibt Walter Mitty nichts Anderes übrig, als selbst auf die Suche nach Sean O’Connell und diesem Foto zu gehen – eine Reise, die ihn via Grönland und Island bis nach Afghanistan führt. Walter Mitty wird gnadenlos aus sämtlichen Komfortzonen hinausgeworfen. „Das erstaunliche Leben des Walter Mitty“ ist ein sympathischer Film mit einer Hauptfigur, mit der ich mich selbst sehr gut identifizieren kann, neige ich doch selbst zu Tagträumen. Das einzige Problem, das der Film hat, ist die Überzeichnung der realen Ebene. Hier kann man schon mal mit einem Skateboard innerhalb von 10 Minuten in eine viele Kilometer entfernte Ortschaft sausen oder mit Fäusten gegen Haie kämpfen. So wird der Film phasenweise zu einer Karikatur seiner selbst. Dennoch: Wenn man über diesen Schwachpunkt wohlwollend hinweg sieht, ist der Film ein mitreißendes Plädoyer dafür, das Leben zu genießen und Risiken zu nehmen. Das Ende ist wundervoll und wieder sehr down to earth.


7,0
von 10 Kürbissen

Jahrhundertfrauen (2016)

Regie: Mike Mills
Original-Titel: 20th Century Women
Erscheinungsjahr: 2016
Genre: Drama, Komödie
IMDB-Link: 20th Century Women


Gleich vorweg: „Jahrhundertfrauen“ ist ein dämlicher Titel. Er impliziert einen Film über Emanzipationsheldinnen oder sonstige unerreichbare Idole. „20th Century Women“, der Originaltitel des Films von Mike Mills, passt um Längen besser. Denn es geht ganz einfach um das sich verändernde Bild von Frauen und Familie Ende der 70er. Dorothea (die wunderbare Annette Bening, längst überreif für einen Oscar) ist die alleinstehende Mutter des pubertierenden Teenagers Jamieund Mitte Fünfzig. Weil ihr Haus sehr groß ist und ihr Herz auch, wohnen bei ihr noch die gerade vom Krebs genesene, ziellose Mittzwanzigerin Abby (Greta Gerwig in einer Greta Gerwig-Rolle) und der handwerklich geschickte Einzelgänger William (Billy Crudup, der gefälligst niemals wieder Rollen ohne Schnauzbart spielen soll). Außerdem schleicht sich in der Nacht Julie (Elle Fanning), eine gute Freundin von Jamie, ins Haus, um mit ihm über Gott und die Welt zu philosophieren. Anhand dieses Patchwork-Gefüges zeigt Mike Mills die gesellschaftlichen Veränderungen Mitte der 70er, Anfang der 80er auf, als das klassische Familienbild in einer Spätfolge der Hippie-Bewegung und der neuen Freiheit ins Wanken gerät. Das wird allerdings herrlich unprätentiös und so beiläufig abgehandelt, dass man erst beim Abspann über das Gesehene nachzudenken beginnt und die Implikationen der Veränderungen anhand der eigenen Familie und der Erfahrungen darin nachzuzeichnen beginnt. Der Fokus liegt bei „20th Century Women“ im Grunde immer bei seinen fünf Figuren und deren Beziehungen untereinander. Es geht um Liebe, um Zugehörigkeit, um Sex, um Familie, um das Erwachsenwerden, um Generationsgräben, um Krankheit und die Angst vor dem Tod. Das allerdings wird nie dick aufgetragen, sondern mit dem augenzwinkernden Humor der liebevoll gezeichneten Figuren abgehandelt. Schräge Montagen und gelegentliche Verfremdungseffekte zeichnen das Bild der ausgehenden 70er Jahre bunt, ohne diese zu verklären. Ein großer Wurf, der durch das durch die Bank überragende Spiel seiner Darstellerinnen und Darsteller noch zusätzlich an Hirn und Herz hinzugewinnt.


8,5
von 10 Kürbissen

Oh Boy (2012)

Regie: Jan-Ole Gerster
Original-Titel: Oh Boy
Erscheinungsjahr: 2012
Genre: Drama, Komödie
IMDB-Link: Oh Boy


Berlin. Ich bin gern dort. Ich bin aber auch genauso gern wieder raus aus Berlin. Irgendwie ist die Stadt nie richtig fertig. Irgendwie ist man nie richtig angekommen. Irgendwie treibt alles so ziellos dahin. Und das führt mich zu Niko, toll gespielt von Tom Schilling. Der treibt auch so dahin. Er hat mal studiert, hat aber sein Studium abgebrochen. Beziehungen bricht er auch ab, bevor es ernst wird. Er muss dringend weg. Woanders hin. Er weiß nicht, wohin, aber erst einmal weg. Einen Kaffee trinken vielleicht. Doch das gestaltet sich komplizierter als man es erwarten würde. (Auch so ein Berlin-Ding: Die Stadt ist kompliziert.) Niko braucht Geld, also redet er mit seinem Vater. Niko braucht Ablenkung, also zieht er mit einem Kumpel durch die Gegend und lässt sich von der Bekannten aus der Jugendzeit, die er einst verspottet hat, beflirten. Niko ist passiv – ihm passiert alles, und gleichzeitig passiert ihm auch nichts. Das ist meistens recht komisch anzusehen, wobei das Lächeln auf den Lippen des Zusehers immer auch als verkniffene Bitternis verstanden werden kann, manchmal ist es auch einfach nur tragisch. Und damit ist „Oh Boy“ – trotz aller Überzeichnung – auch ein Porträt der heutigen Zeit, in der man vor lauter Möglichkeiten zu keinen Entscheidungen mehr findet. Ein schönes Sinnbild, gemalt in schwarz-weißen Bildern und auf dem Gesicht des stoischen Tom Schilling. Am Ende fehlt vielleicht ein bisschen die Substanz, die finale Botschaft, die noch zum Weiterdenken anregen könnte, und so wirkt der Film eben auch ein bisschen wie Berlin selbst nach: Nicht ganz fertig, mit Baustellen, so ein bisschen ziellos eben. Aber dennoch immer wieder einen Besuch bzw. eine Sichtung wert.


6,5
von 10 Kürbissen

(Foto: Filmladen)

Nächster Halt: Fruitvale Station (2013)

Regie: Ryan Coogler
Original-Titel: Fruitvale Station
Erscheinungsjahr: 2013
Genre: Drama
IMDB-Link: Fruitvale Station


Der Sundance-Gewinner des Jahres 2013 erzählt den letzten Tag im Leben von Oscar Grant. Der junge Schwarze wurde in der Silvesternacht von 2008 auf 2009 im Zuge eines relativ beliebigen Zugriffs durch einen Polizisten nach einer Schlägerei in der Bahn in der Station Fruitvale Station erschossen. Dass „Fruitvale Station“ kein Feelgood-Film ist, wird relativ rasch klar. Der Fokus des Films liegt aber nicht auf der ungeheuerlichen Tat selbst und deren Konsequenzen, sondern auf dem Porträt des jungen Mannes, der kürzlich aufgrund seines Zuspätkommens seinen Job in einem Supermarkt verloren hat und sich einstweilen mit dem Dealen von Marihuana über Wasser hält, wovon aber seine Langzeitfreundin und ihre gemeinsame Tochter nichts wissen sollen. Oscar Grant ist aber kein Kleinganove. Er ist ein junger Mann ohne große Perspektiven, der sein Leben auf die Reihe bekommen und ein guter Mensch sein möchte, und dessen sozialer Status genau dieses verhindert. Der Film zeigt Oscar Grant als Mann mit Fehlern und Schwächen, aber auch mit Stärken, als jemand, der Liebe in sich trägt und ein Gefühl für Rechtschaffenheit, Loyalität und Mitmenschlichkeit. Michael B. Jordan verkörpert diesen gutherzigen, aber hart mit sich und den Umständen kämpfenden und damit auch ambivalenten Mann äußerst eindrucksvoll. Was man dem Film aber ein wenig ankreiden kann, ist eben diese Konzentration auf das schlichte Leben des Oscar Grant, der unschuldig Opfer dieser fürchterlichen Gewalttat wird. Die Konsequenzen dieser Tat werden nur ganz am Ende kurz angerissen und abgehandelt. Die für mich spannendere Frage wäre gewesen, wie die Familie, wie die Freunde mit einem solchen Trauma umgehen. Wie die Öffentlichkeit darauf reagiert hat. Wie geht man mit dem Hass um, den man auf den Polizisten, der den tödlichen Schuss abgegeben hat, um? Wie geht der Polizist mit seiner Tat um? Angeblich hat er Pistole und Taser verwechselt, und wollte den aufgebrachten Grant nur ruhigstellen. Wie sieht es in ihm aus? Wie spielt das Thema Alltagsrassismus da hinein? Diese Frage beantwortet der Film nicht, er stellt sie nicht einmal. Und so bleibt „Fruitvale Station“ ein einfühlsames Porträt eines durchschnittlichen, amerikanischen Mittelschicht-Schwarzen mit all dessen Problemen sowie das Protokoll einer ungeheuerlichen Tat, aber den großen, den wichtigen Fragen zum Danach weicht er dann doch aus.


7,0
von 10 Kürbissen