Drama

Roma (2018)

Regie: Alfonso Cuarón
Original-Titel: Roma
Erscheinungsjahr: 2018
Genre: Drama
IMDB-Link: Roma


Ein bisschen überraschend wirkt es auf den ersten Blick ja schon, dass neben The Favourite ein mexikanisches Schwarz-Weiß-Drama, das von Netflix produziert wurde, mit 10 Oscar-Nominierungen der große Favorit der diesjährigen Oscar-Verleihung ist. Donald Trump wird sich ärgern, dass er mit dem Shut-Down nicht nur die Pläne für seine schöne, große Mauer zurückstellen musste, sondern diese mexikanischen Gfraster auch noch den wichtigsten amerikanischen Filmpreis abstauben könnten. Überhaupt: Wenn das so weitergeht, hat bald jeder Mexikaner seinen eigenen Oscar. Iñárritu hat ihn schon. Del Toro hat ihn schon. Cuarón hat ihn auch schon – und jetzt vielleicht gleich noch mal. Und Donald Trump? Wird für die Goldene Himbeere nominiert. Das kann ja nicht mit rechten Dingen zugehen. Oder doch? Wenn man nämlich Cuaróns „Roma“ gesehen hat, wird man erneut darin bestätigt, dass Mexikaner einfach verflucht gute Filme machen. So unspektakulär und banal und gleichzeitig so mitreißend und zutiefst menschlich muss man eine Geschichte erst einmal erzählen können. Im Grunde passiert nicht viel: In atemberaubend komponierten Schwarz-Weiß-Tableaus folgt die Kamera der jungen mixtekischen Haushälterin Cleo (Yalitza Aparicio in ihrer ersten Filmrolle und dafür gleich für einen Oscar nominiert – was ich angesichts ihrer zurückhaltend nuancierten Leistung absolut verstehen kann), die in Zeiten des politischen Umbruchs Anfang der 70er Jahre in Mexiko-City für eine bürgerlichen Familie arbeitet, die es selbst gerade zerreißt, weil der Vater kaum noch zuhause anzutreffen ist und stattdessen lieber mit einer Anderen anbandelt. Die politischen Unruhen spiegeln sich im Privaten. Leidtragende ist die Ehefrau Sofia (Marina de Tavira, ebenfalls zu Recht für einen Oscar nominiert), die ihren drei Kindern eine heile Welt vorspielen muss. Cleo selbst hat bald ein weiteres Problem an der Backe: eine ungewollte Schwangerschaft durch den Kampfsportler Fermín, der nichts von ihr wissen will. Stoisch erträgt sie aber diesen und weitere Schicksalsschläge. „Roma“ ist ein sagenhaft gut ausbalancierter Film. Nichts wird explizit durchgekaut, nichts wird analysiert und interpretiert, weder im Privaten noch was die politische Tragödie betrifft. Cuarón folgt mit seiner Kamera einfach dem Geschehen und lässt die Handlungen der Protagonisten und ihre Gesichter für sich sprechen. Das Ergebnis wirkt organisch und wie aus einem Guss. Wie im wahren Leben kommen die großen Umwälzungen auf leisen Sohlen. Und auch wenn der Film am Ende zu seinem Ausgangspunkt zurückkehrt, so hat sich dennoch etwas verändert bei beiden Frauen, die im Zentrum der Geschichte stehen. Das ist große Kunst.

 


8,5
von 10 Kürbissen

Maria Stuart, Königin von Schottland (2018)

Regie: Josie Rourke
Original-Titel: Mary Queen of Scots
Erscheinungsjahr: 2018
Genre: Drama, Historienfilm, Biopic
IMDB-Link: Mary Queen of Scots


Schottland und England. Wenn die beiden aneinandergeraten, rollen in der Regel Köpfe. Davon kann William Wallace berichten. Oder Maria Stuart. Und auch im aktuellen Brexit-Theater, in dem Schottland und England ihren jüngsten Beef austragen, ist eine unwahrscheinliche, aber dennoch denkbare Möglichkeit gegeben, dass wieder mal ein Kopf vom Rumpf getrennt wird – wobei diesmal ausnahmsweise Schottland zum Beil greifen könnte, um sich selbst von diesem seltsam unentschlossenen Torso unter sich zu trennen. Wie gesagt, besonders wahrscheinlich erscheint dies nicht, aber ich verstehe den Grant der Schotten auf dieses England, das ein bisschen raus möchte aus der EU (analog zu „ein bisschen schwanger sein“). Aber zurück zu Maria Stuart, die von diesem Wickel rund um den EU-Austritt Großbritanniens nichts ahnen konnte – sonst wäre sie vermutlich gleich in Frankreich geblieben. Ist sie aber nicht, wie die Geschichte lehrt, und so kommt Saoirse Ronan, der Namen ich einfach nicht aussprechen kann, so sehr ich diese versierte und vielseitige Schauspielerin auch schätze, zu einer weiteren Glanzrolle. Sie verkörpert die katholische Königin Schottlands, die aufgrund ihres Machtanspruchs auf den Thron von England und ihrer im protestantischen England ungeliebten Religion ordentlich mit der Amtsinhaberin in London, Queen Elizabeth (Margot Robbie), aneinanderkracht. Aber eigentlich wollen beide der jeweils Anderen nichts Böses. Vor allem Elizabeth scheint kompromissbereit zu sein. Doch ihre Berater sehen die Sache nicht so entspannt und schmieden lieber ihre eigenen Komplotte. Was bleibt, sind zwei starke Frauen, die in einen Konflikt getrieben wären, der zu vermeiden gewesen wäre, wenn die depperten Mannsbilder rund um sie herum nicht solche intriganten und machtgeilen Günstlinge gewesen wären. Liebe Geschlechtsgenossen, da hilft kein Jammern, diesen Schuh müssen wir uns anziehen. Allerdings leidet Josie Rourkes Verfilmung dieses historischen Stoffs trotz authentisch wirkender Kostüme und Settings und zweier grandios aufspielender Hauptdarstellerinnen an einem eher unglücklichen Timing. Die Geschichte wird einfach etwas unrund erzählt, vor allem am Anfang. Auch fehlten mir einige Hintergründe sowie das Verständnis für Maria Stuart. Ja, Susie Ronan spielt sie hinreißend und hat die Sympathien auch auf ihrer Seite, aber es wird nicht so recht klar, warum sich Maria Stuart so sehr darauf verbeißt, den Thron Schottlands zu sichern. Einfach, weil’s geht? Am Ende ist es ja doch nicht gegangen. Hier fehlt mir einfach Kontext zur Königin und ihrer Motivation. Aber apropos Sissi Ronan: Es ist verblüffend, wie weit weg diese Rolle von ihrer oscar-nominierten Rolle in Lady Bird im letzten Jahr ist. Ein Oscar für Sushi Ronan scheint wohl nur noch eine Frage der Zeit zu sein. Und vielleicht kann ich bis dahin dann doch ihren Namen aussprechen. Ich werde jedenfalls brav üben.


5,5
von 10 Kürbissen

35 Rum (2008)

Regie: Claire Denis
Original-Titel: 35 Rhums
Erscheinungsjahr: 2008
Genre: Drama
IMDB-Link: 35 Rhums


Die ersten Minuten von Claire Denis‘ „35 Rum“ bescheren Fans der „Nachtschiene“ einen kollektiven Orgasmus. Denn wie auch in der Sendung des Wiener Fernsehsenders W24 blickt man einfach mal für eine Weile aus dem Führerstand eines Zugs hinaus, der durch das abendliche Paris rollt. Von da an läuft der Film wie auf Schienen. Und wie Schienen halt so sind: Es geht unspektakulär, gemütlich und ohne große Haken und Kapriolen voran. Allein deshalb schon ist diese erste Einstellung, die gleichzeitig den Hauptprotagonisten Lionel (Ales Descas mit unerschütterlichem Stoizismus) vorstellt, klug gewählt. Denn „35 Rum“ ist ein Film, der seine Geschichte im Kleinen erzählt. Viel passiert nicht, außer dass man eine Zeit lang eben jenem alternden Lokführer und Witwer dabei zusehen kann, wie er sich bemüht, zu akzeptieren, dass seine Tochter Joséphine (Mati Diop) erwachsen ist und anfängt, ihre eigenen Wege zu gehen. Eine filmische Reflexion über das Altern und über Familie, über die Vergangenheit, die manchmal schwer loszulassen ist, wie beispielsweise ein pensionierter Ex-Kollege Lionels am eigenen Leib spürt und auch Lionel selbst, der den Tod seiner Frau nicht wirklich überwunden hat, weshalb er auch die Avancen seiner Nachbarin zurückweist, über das zarte Knüpfen neuer Bande und eben auch das Weitermachen. Abschluss und Neubeginn und der Umgang damit sind die zentralen Themen des Films. Und was ich Claire Denis hoch anrechne ist, dass sie von diesen bedeutungsschweren Themen, die man sehr melodramatisch inszenieren könnte, fast beiläufig und nuanciert erzählt. Das führt zwar zu der einen oder anderen Länge beim Sichten, wirkt aber länger nach als eine tränenreiche, von Geigenmusik begleitete Klimax. Denn es ist schon so: Viele Veränderungen im Leben passieren schleichend, ohne großes Tamtam und auch unterhalb unserer Wahrnehmungsschwelle. Und irgendwann in einem ruhigen Moment blicken wir kurz zurück und stellen verwundert und mit dem Anflug eines Lächeln fest, dass sich etwas geändert hat.


7,0
von 10 Kürbissen

Girl (2018)

Regie: Lukas Dhont
Original-Titel: Girl
Erscheinungsjahr: 2018
Genre: Drama
IMDB-Link: Girl


Da wirst zum Schwammerl: Da haut si da Kirbis mitm Schluaf vom leiwandn Le Füm-Blog in den Kinosoi, und wos passiert: Da Schluaf mocht auf amoi an auf seriös und Hochdeitsch, und da Kirbis fongt o, so an deppatn Pseudo-Dialekt außezhaun. Ols ob a nur a anziga Wappla so noch da Goschn redn tatat. A vakeade Wöd. Wos fir a Schmarrn. Und warum mocht da Kirbis den Bledsinn? Weil a amoi des schene Wort Zumpfal im Blog untabringa woit. A gscheida Depp.

(Bist du gelähmt, das ist anstrengend – ich ziehe meinen Hut vorm Schluaf und Wauzi, die das all die Jahre durchgezogen haben.) Jedenfalls spielt das besagte Zumpfal in Lukas Dhonts Film „Girl“ eine wichtige Rolle. Das hängt nämlich an der hübschen 16-jährigen Lara. Und die hat früher einmal Victor geheißen. Transgender ist man/frau, wenn die eigene Geschlechtsidentität von dem abweicht, was man an Merkmalen von Mutter Natur mitbekommen hat. Und ich kann mir gar nicht vorstellen, was für ein unglaublicher Druck das für Betroffene sein muss. Glücklicherweise leben wir in einer modernen, aufgeklärten Zeit. Okay, nach einem kurzen Blick auf die derzeitige Regierung in Österreich muss ich das wieder zurücknehmen. Jedenfalls leben wir in einer Zeit, in der eine Anpassung der Geschlechtsmerkmale an die geschlechtliche Identität möglich ist – auch wenn die Behandlung mit Hormonen und einer anschließenden Operation zeitintensiv und riskant ist. Aber Lara beschreitet diesen Weg, unterstützt von ihrem allein erziehenden Vater, ihren Lehrern an der neuen Tanzschule, zum größten Teil auch ihren Mitschülerinnen und natürlich von den Ärzten und Psychologen. Dieser Schritt, den sie setzt, ist ein gewaltiger, der von Zweifeln begleitet wird. Nicht an der Frage, ob sie tatsächlich eine Frau ist und die Merkmale einer Frau haben möchte, sondern am Gelingen. Es kann ihr nicht schnell genug gehen. Überhaupt wirkt sie verbissen. Auch Ballerina möchte sie werden. Das Problem: Ohne eine entsprechende Ausbildung seit der Kindheit droht auch das große Talent, das sie mitbringt, nicht zu reichen. Das gibt dann blutige Füße, wie wir sie schon in „Black Swan“ gesehen haben. Ballett ist Selbstkasteiung für Fortgeschrittene. Die Tatsache, dass die Fortschritte, die sie erzielt – ob beim Ballett oder ihrer Geschlechtsanpassung – in ihren Augen nicht ausreichen, lässt die Jugendliche gefährlich nah am Abgrund balancieren.

Lukas Dhont macht mit seinem Film „Girl“ sehr viel richtig. Zum Einen ist die Besetzung ein echter Coup. Denn der Schauspieler Victor Polster (definitiv nicht verwandt mit Toni Polster) haut eine Leistung heraus, die eigentlich mit sämtlichen Preisen und Ehrungen überschüttet werden müsste. Er spielt in diesem Film nicht das Mädchen, er ist das Mädchen. Gestik, Mimik, Körperhaltung – hier stimmt einfach alles zusammen. Mit einer körperlichen Wucht nimmt er den Zuseher gefangen, und selbst das Tanzen bekommt er auf einem Niveau hin, dass man nur staunen kann. Auch stellt sich etwas, was mich anfangs irritiert hat, im Nachhinein als kluge Entscheidung Dhonts heraus: Der (weitgehende) Verzicht auf soziale Ausgrenzung Laras. Im Gegenteil: So ziemlich jeder geht mit ihr um, als wäre ihr Weg das Normalste der Welt. Nur in einer Szene bröckelt diese Fassade plötzlich – was Lara wie den Zuseher gleichermaßen unerwartet in die Magengrube trifft. Aber durch den Wegfall einer Mitleid erregenden Ausgrenzung fokussiert der Film voll und ganz auf die Probleme, die Lara mit sich selbst hat. Allerdings hätte der Film letztendlich etwas weniger Tanzszenen vertragen und noch etwas mehr Interaktion Laras mit ihrer Umwelt. Da bleibt dann doch ein bisschen Potential liegen.

 


7,5
von 10 Kürbissen

Radiance (2017)

Regie: Naomi Kawase
Original-Titel: Hikari
Erscheinungsjahr: 2017
Genre: Drama, Liebesfilm
IMDB-Link: Hikari


Misako (Ayame Misaki) hat einen interessanten Job. Sie erstellt die Texte für Tonspuren von Filmen für Sehbehinderte. Was genau sie dazu befähigt, wird allerdings nicht klar – denn ihre Versionen treffen kaum den Geschmack ihres Testpublikums. Vor allem Herr Nakamori (Masatoshi Nagase) hat ständig was zu meckern – aber zugegeben, wäre ich ein berühmter Fotograf, der kurz davor steht, vollständig zu erblinden, wäre ich auch schlecht drauf. Jedenfalls eckt Misako trotz oder vielleicht gerade wegen ihrer Beharrlichkeit, ständig neue Versionen vorzulegen, vor allem bei diesem mürrischen Herrn ordentlich an. So sehr sie sich auch bemüht, aber weder findet sie den richtigen Tonfall noch die richtigen Worte. Solche Misserfolge frustrieren natürlich. Dennoch bleibt sie zuversichtlich, das Werk irgendwann zur Zufriedenheit auch der kritischsten Stimme fertigstellen zu können. Mit einem Lächeln wischt sie alle Bedenken und Einwände fort. Überhaupt lächelt sie viel. Wenn sie nicht gerade traurig schaut. Und auch wenn ich mich während der Sichtung des Films ein bisschen in Ayame Misakis Lächeln wie in ihre traurigen Augen gleichermaßen verguckt habe, so eindimensional und wenig greifbar wirkt die Figur auch auf mich. Womit wir beim Kern des Problems wären, das ich mit dem Film hatte: Die Geschichte mit ihren Protagonisten, sei es die junge Misako, sei es der grantige Fotograf, war stets auf Distanz zu mir. Die Annäherungsversuche der beiden aneinander schienen mir somit nicht glaubhaft zu sein. Für ein Liebesdrama eine unglückliche Ausgangsposition. So erfreute ich mich zwar an den schönen Bildern und an Ayame Misakis Augen, aber beides wird, fürchte ich, irgendwann – wie Herrn Nakamoris Welt – in Dunkelheit verschwinden.


5,0
von 10 Kürbissen

Reise in Italien (1954)

Regie: Roberto Rossellini
Original-Titel: Viaggio in Italia
Erscheinungsjahr: 1954
Genre: Drama, Liebesfilm
IMDB-Link: Viaggio in Italia


Wenn einer eine Reise tut, kann er was erleben. So ergeht es dem seit acht Jahren verheirateten Paar Katherine und Alex Joyce (Ingrid Bergman und George Sanders) in Roberto Rossellinis Film „Reise in Italien“. (Der alternative deutsche Titel heißt „Liebe ist stärker“, aber nachdem mich dieser Titel eher an eine Rosamunde-Pilcher-Verfilmung denken lässt, bleibe ich lieber bei jenem Verleihtitel, der dem Originaltitel folgt.) Die beiden reisen nach Neapel, um das Haus des verstorbenen Onkels, ein Kunst-Mäzen und Lebemann, der im stolzen Alter von 90 die Schlapfen gestreckt hat, zu besichtigen, um es anschließend zu verscherbeln. Alex ist Anwalt und das, was man gemeinhin als Workaholic bezeichnet. Katherine hat mehr Sinn für Kunst und Lebensfreude, fühlt sich aber in der Ehe ein wenig unterjocht. Schnell wird klar, dass sich zwei sehr gegensätzliche Charaktere einander das Ja-Wort gegeben haben, und nun wissen sie nicht so recht, was aus diesem Ja geworden ist. Man lebt ja so nebenher. Und weil auf so einer Urlaubsreise, die wenig Ablenkung durch Alltag bietet, die Gefahr groß ist, sich gegenseitig auf die Nerven zu gehen, löst man das Problem auf pragmatische Weise: Man geht getrennte Wege. Alex nutzt gleich mal die Gelegenheit, um kräftig mit den schönen Damen der Gesellschaft zu flirten, denn so Neapolitanerinnen haben schon Feuer unter dem Hintern, selbst wenn sie sich das Bein gebrochen haben. Und Katherine versucht das Beste aus der Situation zu machen, in dem sie Museen und Ausstellungen besucht. Immerhin ist man sich einig: Wir passen nicht zueinander, wir kennen uns eigentlich gar nicht. Das knallt man sich in spitzzüngigen Dialogen auch gerne mal direkt an den Kopf. Das große Drama bleibt allerdings aus. Zu resigniert wirken beide Seiten, als dass sie kampfeslustig noch mal die Rüstungen anlegen würden. Lieber blockt man die verbalen Schläge des Gegenübers mit einem müden Schulterzucken ab. „Reise nach Italien“ ist ein sehr dialoglastiger Film, der vor allem Freunden des geschliffenen Wortes Freude bereiten wird. Allerdings war er mir phasenweise nicht zwingend genug, und auch das Ende konnte mich nicht überzeugen. Dennoch ist es ein guter Zeitvertreib, Bergman und Sanders dabei zuzusehen, wie sie sich Gemeinheiten in die Seelen rammen. Man lernt dabei einiges über die Bedeutung des Schiller-Zitats „Drum prüfe, wer sich ewig bindet, ob das Herz zum Herzen findet.“


6,5
von 10 Kürbissen

The Favourite – Intrigen und Irrsinn (2018)

Regie: Giorgos Lanthimos
Original-Titel: The Favourite
Erscheinungsjahr: 2018
Genre: Drama, Komödie, Historienfilm, Biopic
IMDB-Link: The Favourite


Giorgos Lanthimos hat es mit Tieren. In „Dogtooth“ redet ein Vater seinen Kindern ein, dass das gefährlichste Tier der Welt die Katze sei. In „The Lobster“ verwandelt er gleich paarungsunfähige Zeitgenossen in Tiere. Und in „The Favourite“ gibt es Entenrennen zu bestaunen und Kaninchen, die stellvertretend für die toten Kinder der Königin herhalten müssen. Im Gegensatz zu seinen früheren Werken gibt sich Lanthimos in seinem neuesten Werk allerdings erstaunlich zugänglich. Vordergründig ist „The Favourite“ ein Kostümfilm über die unfähige Queen Anne (zum Niederknien gespielt von Olivia Colman) und den Intrigen an ihrem Hof, befeuert durch ihre enge Vertraute und Ratgeberin Lady Marlborough (Rachel Weisz, smells like Oscar spirit) und der tief gefallenen Adeligen Abigail (Emma Stone, die ihren Kolleginnen um nichts nachsteht), die sich wieder nach oben arbeiten möchte in der Gesellschaft. Und die mit ihren Ambitionen naturgemäß die Stellung von Lady Marlborough bedroht, was diese nicht auf sich sitzen lassen möchte. Zwischen diesen beiden intriganten Damen und der Königin förmlich zermalmt werden die männlichen Figuren, die hier definitiv nichts zu melden haben. Frauenpower ist angesagt in Lanthimos‘ Werk, und das auf eine so schauerlich bitterböse Weise, dass einem schier die Luft wegbleibt und man eigentlich nur noch Mitleid mit den Figuren hat – mit allen nämlich. Genüsslich seziert Lanthimos Machtgefälle und Abhängigkeiten und kommt am Ende zu einem konsequenten Schluss: Intrigen gehen nie gut aus, am Ende sind alle verletzt. Der Weg zu dieser Erkenntnis ist dekadent ausgestattet, hinreißend gespielt, mit scharfzüngigen Dialogen und herrlich unkonventionellen Szenen gespickt – und immer wieder für eine Überraschung gut, in der Lanthimos zeigt, dass Authentizität nicht sein Ding ist, sondern vielmehr die innere Logik und Dramaturgie der Welt, die er filmisch vermisst. Und die ist immer stimmig, selbst wenn sie für die seltsamste und denkwürdigste Tanzeinlage seit „Pulp Fiction“ sorgt.


8,5
von 10 Kürbissen

The Girl in the Book (2015)

Regie: Marya Cohn
Original-Titel: The Girl in the Book
Erscheinungsjahr: 2015
Genre: Drama
IMDB-Link: The Girl in the Book


Ich mag ja Filme über Bücher oder über Schriftsteller. Selbst bin ich eigentlich immer mit einem Buch unterwegs, und da ich selbst schreibe (abseits dieses Blogs auch fiktionale Texte), finde ich bei diesen Themen in der Regel sehr schnell einen persönlichen Bezug und entwickle damit rasch Interesse für den Film. „The Girl in the Book“, das Regiedebüt von Marya Cohn, klang schon mal vielversprechend. Es geht um die junge Lektorin Alice (Emily VanCamp), die nach vielen Jahren auf ihren einstigen Mentor Milan (Michael Nyqvist) trifft. Der, damals ein aufstrebender Stern am Literaturhimmel, hat das junge, vierzehnjährige Talent gefördert. Doch heute schreibt Alice keine Zeile mehr. Und als sich der ehemals väterliche Freund erstmals im Verlag zeigt, duckt sie sich weg. Da gab es also offensichtlich auch unschöne Momente zwischen den beiden. Und nach und nach entfaltet sich in Rückblenden das ganze Drama: Dass nämlich Milan höchst interessiert daran war, für das hübsche und introvertierte Mädchen mehr zu sein als nur ein Mentor. Die wiederum war in einem Zwiespalt der Gefühle – einerseits erfreut darüber, dass sich ein solch stattlicher Mann für sie interessierte, andererseits auch völlig überfordert mit der Situation und der Art und Weise, wie Milan sie manipulierte. Lolita lässt grüßen. Das alles hätte einen wirklich lange nachwirkenden Film abgeben können. Für das dramatische Thema kommt der Film einfach viel zu leichtfüßig daher und ist kaum glaubhaft. Auch ist Alice eigentlich die einzig interessante Figur in dem ganzen Ensemble. Milan selbst wird stereotyp und eindimensional gezeichnet, und die Nebenfiguren gehen unter vor Klischees – sei es der neue Love Interest mit dem sozialen Gewissen, der alles bestimmende Vater, die unterbutterte Mutter, die beste Freundin mit dem Kind, die immer mit guten Ratschlägen bereitsteht. Und irgendwann ist das alles nur noch ärgerlich, vor allem, da dieses brisante Thema, die pädophile Beziehung und die seelischen Verwundungen, die daraus entstehen, so banal abgetan wird.


3,5
von 10 Kürbissen

Eine neue Chance (2007)

Regie: Susanne Bier
Original-Titel: Things We Lost in the Fire
Erscheinungsjahr: 2007
Genre: Drama
IMDB-Link: Things We Lost in the Fire


Bekannter ist der Film wohl auch bei uns unter seinem Originaltitel „Things We Lost in the Fire“. Darin hat Halle Berry als Audrey Burke gerade ihren Mann (David Duchovny) verloren, der Zivilcourage mit seinem Leben bezahlen musste. Erst kurz vor der Beerdigung erinnert sich Audrey daran, dass Brians alter Freund Jerry (Benicio del Toro) noch gar nichts von dem Unglück weiß. Denn sie mag Jerry nicht, einen ehemaligen Anwalt, dessen Leben auf die schiefe Bahn geraten ist und der nun heroinsüchtig ist. Da ihm aber Brian immer die Stange gehalten hat, kann sie ihn nicht ausschließen. Und um ihr Gewissen zu beruhigen und vielleicht auch, um Brians andenken zu ehren, möglicherweise einfach nur aus Einsamkeit und Überforderung mit ihren zwei Kindern, lädt sie Jerry ein, fortan in ihrer zur Wohnung ausgebauten Garage zu schlafen und ihr im Haushalt zu helfen. Das Verhältnis der beiden ist nicht spannungsfrei, wie man sich denken kann, doch allmählich entwickelt man so etwas wie Verständnis füreinander. „Things We Lost in the Fire“ ist vor allem getragen von der großen Schauspielkunst der beiden Hauptakteure. Sowohl Halle Berry als auch Benicio del Toro spielen wunderbar nuanciert und glaubhaft. Auch tut es der Geschichte gut, dass manche dramaturgische Klischeefallen, die die Beziehung der beiden zueinander betrifft, vermieden werden – wenngleich der Film dafür in alle übrigen Klischeefallen fröhlich hinein hopst, vor allem, was Jerrys Sucht betrifft. Genau diese Unausgewogenheit führt bei mir auch dazu, dass ich den Film zwar als solide wahrgenommen habe, aber mich nicht zu einer höheren Bewertung durchringen kann. Auch sei ausdrücklich gewarnt: Das hier ist ein DRAMA, also so ein richtig dramatisches Drama mit vielen vielsagenden Blicken, Momenten der Verzweiflung und wenig Licht. Also: Schokolade bereit halten!


6,5
von 10 Kürbissen

Stromboli (1950)

Regie: Roberto Rossellini
Original-Titel: Stromboli, terra di Dio
Erscheinungsjahr: 1950
Genre: Drama
IMDB-Link: Stromboli, terra di Dio


Ingrid Bergman, die unterkühlte Schöne. Da kann man sich schon mal hinreißen lassen. Wie etwa der sizilianische Kriegsflüchtling Antonio (Mario Vitale). Noch im Flüchtlingslager macht er der von Bergman gespielten Litauerin Karin einen Antrag, den sie mangels Alternativen annimmt. Das heißt aber auch, dass sie mit ihm zurückgehen muss in sein Fischerdorf auf der Vulkaninsel Stromboli. Viel ist dort ja nicht los. Das Dorf ist halb verlassen, da die Jungen ihr Glück woanders suchen, nur die Alten sind noch da oder aus den Staaten zurückgekehrt, und hin und wieder spuckt einem der Vulkan Steine auf den Schädel. Dass sich die wohlerzogene Dame da nicht gleich pudelwohl fühlt, ist nur verständlich. Ein bisschen mehr bemühen könnte sie sich aber schon. So ein Flirt mit dem Leuchtturmwärter, wenngleich auch harmlos, trägt aber nicht eben zum guten Bild bei, und schon bald hat sie das ganze Dorf gegen sich aufgebracht. Da nutzt es dann auch nichts mehr, dem Dorfpfarrer schöne Augen zu machen. Und Antonio? Nun, der hat ein kindliches Gemüt und checkt nicht so wirklich wie er seine Frau glücklich machen kann. (Was aber angesichts ihrer Ansprüche ohnehin ein zu hoch gesetztes Ziel wäre.) Dramatische Verdichtung nennt man das, was dann nach einer Weile geschieht: Karin erfährt von ihrer Schwangerschaft und der Vulkan Stromboli bricht aus. Und schon haben wir den Salat. „Stromboli“ ist vielleicht nicht Rossellinis bestes Werk, aber dank einer großartig spielenden Bergman, eindrucksvoller Landschaftsaufnahmen und einer authentischen Darstellung des sizilianischen Dorfs kann der Film auch heute noch überzeugen. Und das dramatische Ende entschädigt auch für die eine oder andere Länge, die sich zwischendurch einschleicht.


7,0
von 10 Kürbissen