Drama

Geheimnis eines Lebens (2018)

Regie: Trevor Nunn
Original-Titel: Red Joan
Erscheinungsjahr: 2018
Genre: Biopic, Drama, Historienfilm
IMDB-Link: Red Joan


Dame Judi Dench in einem britischen Spionagefilm, der auf wahren Begebenheiten beruht. Das klingt doch schon mal nach einem verlockenden Angebot. Tja, hier hat der deutsche Verleih ausnahmsweise mal ein gutes Näschen bewiesen, indem er den Originaltitel „Red Joan“ in das rosamundepilchereske „Geheimnis eines Lebens“ übersetzt hat. Deutlicher kann eine Warnung ja nicht ausfallen. Denn Trevor Nunns Film einer KGB-Spionin, die im zarten Alter von ca. 80 Jahren verhaftet und verhört wird und dabei ihr Leben und ihre Spionagetätigkeit während des Zweiten Weltkriegs aufbröselt, ist ungefähr so spannend wie einer Rosenzucht beim Wachsen zuzusehen. Da kann sich Judi Dench noch so abmühen, etwas Klasse in die Geschichte zu bringen, aber zum Einen hat sie bedauerlich wenig Screentime, zum Anderen kommt gegen dieses Drehbuch nicht mal eine Schauspielerin ihres Formats an. Gegen diese Dialoge sind die Werke Rosamunde Pilchers nobelpreisverdächtig. Dabei wäre die Geschichte selbst gar nicht so unspannend: Physikabsolventin heuert bei britischem Atombombenprogramm an und verschachert das Wissen um den Fortschritt der Bombe an die Russen. So weit so interessant. Wenn die junge Dame aber nur naiv und der Liebe willen in die Chose hineinstolpert und, obwohl sie eine treue Patriotin ist, wie sie beteuert, den Sowjets die Pläne am Silbertablett präsentiert, weil sie ein zweites Hiroshima verhindern will (Oh, Logik, in welchem Loch hast du dich versteckt?), dann stimmt einfach nichts mehr zusammen, und aus dem Spionagethriller wird doch wieder ein (schlechter) Pilcher-Film. Auch ist Sophie Cookson, die die Spionin in jungen Jahren spielt, so wie der Rest des Casts mit Ausnahme von Judi Dench der Aufgabe nicht gewachsen. Irgendwann an einem Sonntagnachmittag wird der Film auf Kabel 1 laufen, und dann werden die alte Damen, die den Fernseher aufgedreht haben, vom filmischen Geschehen unbehelligt in ihr nachmittägliches Nickerchen abdriften.


2,5
von 10 Kürbissen

Der letzte Mohikaner (1992)

Regie: Michael Mann
Original-Titel: The Last of the Mohicans
Erscheinungsjahr: 1992
Genre: Drama, Western, Abenteuerfilm
IMDB-Link: The Last of the Mohicans


„Der letzte Mohikaner“ von Michael Mann ist mein großes Guilty Pleasure. Aber ich liebe wirklich alles an diesem Film. Ich liebe Daniel Day-Lewis‘ epische Darstellung des von Mohikanern aufgezogenen Falkenauges. Ich liebe Russell Means als Chingachgook, edelster Indianer ever. Ich liebe Wes Studi als Magua, für mich einer der großartigsten Schurken der Filmgeschichte. (Dafür hätte es eigentlich einen Oscar geben müssen. Nichts gegen Gene Hackman, der war großartig in „Erbarmungslos“, aber an die Intensität von Wes Studi kam er trotzdem nicht heran.) Ich liebe Madeleine Stowe als Cora Munro, und ich hatte nach der ersten Sichtung jahrelang einen Crush auf Stowe. Ich liebe die Leistungen aller Darstellerinnen und Darsteller und ihre furchtbar traurigen Blicke, wenn man wieder eine Geliebte oder ein Geliebter vor ihren Augen gemetzelt wurden. Ich liebe die satten Bilder von Kameramann Dante Spinotti, der die grünen Wälder Neuenglands so eingefangen hat, dass man das Moos förmlich riechen kann. Ich liebe die Filmmusik – und wie oft habe ich dilettantisch versucht, sie am Akkordeon nachzuspielen. Und ich liebe vor allem die letzte Viertelstunde, die für mich das atmosphärisch dichteste Stück Kino ist, das ich jemals gesehen habe. Dieser Showdown, dieser Endkampf, der wie ein Understatement daherkommt, aber dennoch spannend und stimmig ist! Auch nach der x.ten Wiederholung zieht es mir da eine Gänsehaut auf. Und wenn dann Chingachgook am Ende am Rand der Schlucht steht und zu Falkenauge sagt, dass er nun der letzte Mohikaner sei, müssen auch Kürbisse weinen. Objektiv betrachtet mag es eine Menge besserer Filme geben. Objektiv betrachtet mag es sogar bessere Filme von Michael Mann geben. Aber trotzdem hat „Der letzte Mohikaner“ seinen Platz in meinem Herzen und auf dem Olymp der Lieblingsfilme sicher.


10
von 10 Kürbissen

Rocketman (2019)

Regie: Dexter Fletcher
Original-Titel: Rocketman
Erscheinungsjahr: 2019
Genre: Musical, Drama, Biopic
IMDB-Link: Rocketman


Obacht, der Kürbis ist heute auf Krawall gebürstet! Denn er ist im Begriff, dem allseits beliebten Musiker-Biopic „Rocketman“ von Dexter Fletcher ans Bein zu pinkeln. Auf IMDB erfreut sich dieser Film einer guten Bewertung von 7,7, auf Moviepilot schlägt der Durchschnitt der User-Bewertungen immerhin noch mit 7,3 durch – nur der Kürbis ist grantig und gesteht dem Film nicht mehr als 4,5 Punkte zu. Was ist passiert? Schlägt der Schlüsselbeinbruch vielleicht doch aufs Gemüt, ist der Kürbis generell in eine misogyne Phase gerutscht, mag er vielleicht Elton John so gar nicht? Zumindest Letzteres kann ausgeschlossen werden. Dank „Tiny Dancer“ und dessen Einsatz in Almost Famous hat der als Reginald Kenneth Dwight geborene Sänger einen Stein im Kürbisbrett. Da werden dann auch lahmarschige Nummern wie „Candle in the Wind“ verziehen. (Prinzessin Diana war trotzdem eine coole Socke.) Aber warum der Film in meinen Augen dann doch nicht funktioniert, liegt an mehreren Faktoren, die man tatsächlich hätte besser machen können und einem, der wohl unvermeidbar war. Unvermeidbar: Dass der Aufbau dieses Musiker-Biopics halt so ausfällt, wie der Aufbau eines Musiker-Biopics ausfallen muss: Kindheit, das Talent wird erkannt, Tingeln durch diverse Spelunken, der raketenhafte Aufstieg, Ruhm, Drogen, Absturz, Comeback. Die Blaupause für so gut wie alle Filme dieses Genres. Und wenn man mich fragt, welches Musikerleben ich als nächstes verfilmt sehen möchte, dann antworte ich: Keines. Da ich nicht ständig den gleichen Film sehen möchte. Soweit aber zum Unvermeidbaren. Vermeidbar hingegen wäre gewesen, die tollen Nummern, die Elton John geschrieben hat, als qualitativ mäßig dargebotene Karaoke-Nummern einzubauen, die dann auch oft nur kurz angeschnitten werden, ehe man zur nächsten Nummer übergeht. Das hat Bohemian Rhapsody ganz anders und viel überzeugender gelöst. Ich erinnere an den kompletten, sich organisch einordnenden Einbau des Live Aid-Konzerts in den Film. Vermeidbar wäre auch gewesen, Taron Egerton selbst singen zu lassen. Er macht das gar nicht übel – aber von der Stimme Elton Johns ist er dann doch meilenweit entfernt. Und vermeidbar wäre gewesen, Egerton überhaupt zu besetzen. Denn bei allem Respekt – und ich mag den Kerl wirklich gern – aber sein Elton John passt einfach nicht, gerät trotz allen Bemühens zur schlechten Imitation. Und so kommen dann eben nicht mehr als diese 4,5 Kürbisse heraus. Nächster Film, bitte. (Solange es kein Musiker-Biopic ist.)


4,5
von 10 Kürbissen

Chucks (2015)

Regie: Sabine Hiebler und Gerhard Ertl
Original-Titel: Chucks
Erscheinungsjahr: 2015
Genre: Drama, Liebesfilm
IMDB-Link: Chucks


Die 18-jährige Mae (Anna Posch) ist das, was man bei uns in Wien gemeinhin als Kretzn bezeichnet. Für Konformität hat sie nicht viel übrig, sie zeigt ihrem Leben und allen Menschen darin lieber den Mittelfinger. Eines Tages überspannt sie den Bogen allerdings ein wenig und wird zu Sozialarbeit verdonnert. Und zwar in einer Beratungsstelle für AIDS-Erkrankte. Dort lernt sie den 21-jährigen Paul (Markus Subramaniam) kennen, der mit einer Kombination aus AIDS und Hepatitis C den Jackpot gezogen hat, wie er selbst süffisant bemerkt. Für die Lebenserwartung sieht das nicht gut aus. Dennoch entwickelt sich zwischen Mae und Paul allmählich eine zarte Liebesgeschichte, und wir erleben die Wandlung der Widerspenstigen zum sanften Lamm, die beim Stricken sogar häusliche Anwandlungen zeigt. Soweit klingt das alles mal recht nett und erbaulich. Allerdings hängt das Gelingen solcher Liebesgeschichten meiner Meinung nach sehr von der Chemie zwischen den Hauptfiguren bzw. den Darstellern ab. Und gerade in Bezug auf diesen wichtigen Punkt fährt „Chucks“ leider ziemlich an die Wand. Denn Anna Posch ist zwar bemüht und in der Rolle als Mae auch gut besetzt, aber unterm Strich (vor allem, wenn man sich die Vergleiche mit Cornelia Travniceks Buch-Vorlage ansieht, was dann dem Drehbuch anzukreiden ist) wohl zu brav, um den Zuseher emotional herauszufordern. Und Markus Subramaniams Spiel muss man leider als hölzern bezeichnen. So wird die Liebesgeschichte recht emotionslos abgespult, und darunter leidet wiederum die Glaubwürdigkeit der Figuren. Und was will man mit einer Love Story, die nicht berührt? Das ist, als würde man sich im gestandenen Wiener Wirtshaus ein Seitan-Schnitzel bestellen. Es sieht so aus wie ein Schnitzel, aber so richtig an das Geschmackserlebnis eines tatsächlichen Schnitzels kommt es nicht heran. Nun aber: Mahlzeit!


4,5
von 10 Kürbissen

Zwischen den Zeilen (2018)

Regie: Olivier Assayas
Original-Titel: Doubles vies
Erscheinungsjahr: 2018
Genre: Drama
IMDB-Link: Double vies


Mit Olivier Assayas‘ Filmen kann ich in der Regel recht viel anfangen. Der Trailer zu seinem neuesten Film „Zwischen den Zeilen“ hat mich jedoch überhaupt nicht angesprochen, und wäre es kein Film von Assayas, hätte ich diesen ausgelassen. Was im Trailer angedeutet wird, ist eine charmant-leichte französische Beziehungskomödie mit sehr verkrachten Existenzen, die unheimlich viel reden. Und genau mit dieser Art von französischen Komödien tue ich mir eher schwer. Was der Trailer allerdings nicht verrät ist, dass es sich bei dem Film nicht um eine charmant-leichte Beziehungskomödie handelt, sondern eher eine Tragikomödie über die Wirrnisse des Verlagswesens in heutiger Zeit. Verkrachte Existenzen, die unheimlich viel reden, bietet der Film dennoch. Allen voran Alain, der Verleger (sympathisch gespielt von Guillaume Canet), der eine Affäre zu seiner blutjungen Digitalisierungsmanagerin (Christa Théret) unterhält, während seine Frau (Juliette Binoche) mit dem Autor Léonard (Vincent Macaigne) ins Bett steigt, wovon wiederum dessen Freundin Válerie (Nora Hamzawi) nichts wissen sollte. Okay, das klingt jetzt tatsächlich sehr nach einer charmant-leichten Beziehungskomödie. Aber die Beziehungen der Protagonisten untereinander dienen mehr dazu, unterschiedliche Weltbilder aufeinandertreffen zu lassen, die dann in klugen, hintersinnigen Dialogen ausdiskutiert werden. Die Vor- und Nachteile der Digitalisierung werden hier genauso verhandelt wie die Rastlosigkeit der Generation Y (oder Z oder wo immer sich die aktuellen Mittzwanziger gerade befinden) sowie die alte Frage Kapitalismus versus Idealismus. Ja, vielleicht ist der Film einen Tick zu geschwätzig, und so klug und durchdacht wie die Protagonisten formt kein Mensch in einem realen Gespräch seine Sätze und Meinungen, aber durch die Leichtigkeit, mit der diese schweren Themen vorgetragen werden, bleibt man dennoch gerne bei der Stange. Vielleicht kein Meisterwerk von Assayas, aber ein gefühlt persönlicher und intimer Film, in dem der Regisseur wohl die in ihm schwelenden Konflikte und sich widersprechenden Meinungen zu sortieren versucht. Ihm und seinem gut aufgelegten Ensemble dabei zuzusehen, lohnt sich durchaus. Nur sollte man sich nicht vom Trailer in die Irre führen lassen.


6,5
von 10 Kürbissen

(Foto: Filmladen)

Fortunata (2017)

Regie: Sergio Castellitto
Original-Titel: Fortunata
Erscheinungsjahr: 2017
Genre: Drama
IMDB-Link: Fortunata


Fortunata (Jasmine Trinca) ist etwa so tiefenentspannt wie ein Eichhörnchen auf Speed. Gegen ihre stakkatoartig herausgeschossenen Dialogzeilen wirken die Gilmore Girls, als würde Alexander Van der Bellen seine alljährliche Neujahrsansprache halten. Die junge Frau steckt gerade in einer ziemlich hässlichen Scheidung von ihrem Mann Franco (Edoardo Pesce, dessen Rolle arg eindimensional angelegt ist), die 8-jährige Tochter Barbara (Nicole Centanni) leidet darunter, während Fortunata versucht, gemeinsam mit ihrem Jugendfreund und Nachbarn Chicano (Alessandro Borghi) einen Friseursalon zu eröffnen (für den aber das Geld fehlt) – mit einem Wort: die Lage ist fatal. Da hilft nur eins: Ein Banküberfall! (Ähm … falscher Film, sorry. Das Abschiedskonzert der EAV am Freitag hat so seine Spuren hinterlassen.) Also nein, kein Banküberfall. Aber ein Silberstreif am Horizont zeigt sich in Form des attraktiven Kinderpsychiaters Patrizio (Stefano Accorsi), der sich um die seelischen Wunden ihrer Tochter kümmert. Vielleicht hat Fortunata, die Glückliche, nun doch einmal Glück in ihrem Leben?

An sich hätte „Fortunata“ von Sergio Castellitto gute Anlagen für einen berührenden und mitreißenden Film. Jasmine Trinca spielt die Hauptfigur mit unglaublich viel Verve, auch Alessandro Borghi, Stefano Accorsi und die junge Nicole Centanni können überzeugen, die Kameraarbeit ist stellenweise ausgezeichnet und die Geschichte von universeller Relevanz, geht es hier doch um die Träume nach einem besseren Leben, um Familie und die Suche nach einem Platz in der Welt, nach Liebe und Geborgenheit, nach dem Gefühl, endlich angekommen zu sein. Leider hat Castellitto aber versucht, so ziemlich jede denkbare Emotion in seinem Film festzuhalten und der Darstellung dieser Emotion möglichst breiten Raum zu geben. Und so wird der Film zu einem Stückwerk von Szenen, die einfach nicht zueinander passen. In einem Moment befindet man sich in einer Screwball-Komödie, nur zum zehn Sekunden später ein herzergreifendes Melodram mitzuerleben. Auf stille, eindringliche Momente folgen hysterische Szenen, in denen man jede einzelne Figur nur an die Wand klatschen möchte ob des Gefuchtels und Geschreis. Wenn das 8-jährige Scheidungskind mit emotionalen Problemen die ruhigste und nachvollziehbarste Figur ist, dann spricht das für sich. So bleiben am Ende zwar einzelne starke Szenen im Gedächtnis, der Film als Ganzes ist jedoch als verunglückt zu bezeichnen.


4,0
von 10 Kürbissen

Burning (2018)

Regie: Lee Chang-dong
Original-Titel: Beoning
Erscheinungsjahr: 2018
Genre: Thriller, Drama
IMDB-Link: Beoning


In Cannes wurde „Burning“ von Lee Chang-dong, der auf einer Kurzgeschichte von Haruki Murakami basiert, von den Kritikern hymnisch aufgenommen. Dementsprechend groß war die Vorfreude bei mir auf diesen Film, zumal Murakami zu jenen Schriftstellern gehört, die ich besonders schätze. Aber wie es oft so geht, darf ich an dieser Stelle mal wieder eine Szene aus „Hot Shots“ zitieren: „Was liest du da?“ – „Große Erwartungen.“ – „Und wie findest du es?“ – „Hätte mir mehr erwartet.“ Dabei kann ich schon nachvollziehen, was an „Burning“ fasziniert. Die poetisch komponierten Bilder von Kameramann Hong Kyung-pyo, die Darstellerleistungen von Yoo Ah-in in der Hauptrolle des jungen Schriftsteller Jongsu, Steven Yeun als Ben und Jeon Jong-seo als Love Interest Haemi, der stete Zustand der Unsicherheit und Unwissenheit, der über allem schwebt – das alles spricht für den Film, der zunächst als Liebesgeschichte beginnt, dann eine Dreiecksgeschichte andeutet, ehe er in einen (sehr langsamen) Thriller umschlägt. Auch tut es mal gut, als Zuseher nicht alles erklärt zu bekommen, sondern genauso ratlos durch den Film zu tappen wie die Hauptfigur selbst. Allerdings (und jetzt mache ich mich unbeliebt bei sämtlichen Kritikern Cannes‘) hat mich die Handlung nur in den seltensten Augenblicken interessiert oder gar gepackt. Die Geschichte wird dermaßen träge erzählt, dass man hellwach sein muss, um den Geschehnissen 2,5 Stunden lang folgen zu können. Immer wieder schleicht sich gähnende Langeweile ein, die die Gedanken vom Film wegdriften lassen. Nein, es muss nicht immer alles mit schnellen Schnitten erzählt werden, und es muss auch beileibe nicht jede Story auserzählt werden, bis selbst der Dümmste sie begriffen hat, aber dennoch: Es wird mühsam, wenn Ratlosigkeit und Langsamkeit zusammenfinden. Vielleicht werde ich mir den Film noch einmal zu Gemüte ziehen nach intensiver Vorbereitung. Idealerweise braucht es vorher zehn Stunden Schlaf, dann zwei Tassen Kaffee, ein leichtes Omelett mit Gemüse, zwanzig Sit-Ups und eine lockere Radltour zum Wachwerden, ehe ich zur energetisch besten Zeit des Tages den zweiten Versuch starte. Vielleicht fällt dann die Bewertung besser aus. Vielleicht aber auch nicht, und der Film bleibt so langweilig, wie er stellenweise bei der ersten Sichtung nun mal war.


5,5
von 10 Kürbissen

(Foto: Polyfilm)

Scarred Hearts – Vernarbte Herzen (2016)

Regie: Radu Jude
Original-Titel: Inimi cicatrizate
Erscheinungsjahr: 2016
Genre: Drama, Biopic
IMDB-Link: Inimi cicatrizate


Lose basierend auf dem Leben des jüdisch-rumänischen Schriftstellers Max Blecher erzählt Radu Jude in „Inimi Cicatrizate“ („Scarred Hearts – Vernarbte Herzen“) die Geschichte des Anfang zwanzigjährigen Dichters Emanuel, der 1937 in ein Sanatorium am Meer eingewiesen wird. Sein Krankheitsverlauf ist ein Auf und Ab, auch eine fragliche, undefinierbare Liebesgeschichte bahnt sich an, draußen in der Welt macht sich gerade ein gewisser Hitler daran, die Welt in Brand zu stecken, was aber innerhalb der geschützten Welt des Sanatoriums fast gleichgültig wegdiskutiert wird zwischen Juden und Antisemiten, die aufgrund ihrer eigenen persönlichen Krankheitsschicksale der Weltpolitik nicht übermäßig Beachtung schenken, man sitzt ja hier im gleichen Boot. Parallelen zu Thomas Manns „Zauberberg“ drängen sich auf. Die Dialoge sind toll und voller hintergründigem Witz (auch hier kann man durchaus den Quervergleich zu Thomas Mann ziehen), die Ausstattung spiegelt die Zeit, in der die Geschichte spielt, eindrucksvoll wider, und doch macht es der Film dem geneigten Zuseher schwer, Zugang zu finden. Zu viel will Radu Jude in seinem teils grotesk überzeichneten Biopic-Drama erzählen, zu langsam tut er es, zu wenig steckt dann letzten Endes dahinter. Nicht schlecht, aber wenn man nicht völlig fit in diese filmische Tour de Force über die Macht der Vergänglichkeit geht, droht Gefahr, im Verlauf der fast 2,5 Stunden Spielzeit selig wegzuschlummern.

 


6,0
von 10 Kürbissen

Coco Chanel – Der Beginn einer Leidenschaft (2009)

Regie: Anne Fontaine
Original-Titel: Coco avant Chanel
Erscheinungsjahr: 2009
Genre: Biopic, Drama
IMDB-Link: Coco avant Chanel


Coco Chanel ist eine französische Ikone. Amélie aus „Die fabelhafte Welt der Amélie“, verkörpert von Audrey Tautou, ist ebenfalls eine. Was liegt also näher als diese beiden Ikonen zusammenzubringen und mit Audrey Tautou in der Hauptrolle die Lebensgeschichte von Coco Chanel zu verfilmen? Regie führte Anne Fontaine, deren Gemma Bovery – Ein Sommer mit Flaubert ich entzückend fand, während ich mit Marvin weniger anfangen konnte. Leider schlägt sich „Coco Chanel – Der Beginn einer Leidenschaft“ auf die Seite von „Marvin“. Denn auch wenn die forsche Coco Chanel, die die adelige Männerwelt aufmischt, Stoff für eine gute Erzählung hergeben würde und sich Audrey Tautou auch nach Kräften bemüht, diese toughe Frau zu verkörpern, so zündet das Werk zu keiner Minute richtig. Das liegt zum Einen daran, dass Audrey Tautou ihre Coco zu hart anlegt, als dass man als Zuseher mit ihr mitfiebern und mitleiden könnte. Frauenpower und Emanzipation gut und schön – aber es fehlt dem Film durch diese Darstellung ein emotionaler Anker. Zum Anderen ist das Biopic sehr klassisch erzählt – und damit schlicht und ergreifend fad. Die Lebensstationen bis zum Ruhm werden abgehandelt, im Zentrum steht dabei die On-Off-Beziehung mit dem Adeligen und Lebemann Étienne Balsan (Benoit Poelvoorde) und die Liebe zu dem englischen Lord Capel (Alessandro Nivola), aber alles wird hübsch vorhersehbar und nach den üblichen schematischen Abläufen routinierter Biopics erzählt. Hier bleibt kein Platz für Überraschungen. Selbst Alexandre Desplats Musik geht zwar gut ins Ohr, klingt aber alles in allem genau so, wie man sich einen Alexandre Desplat-Soundtrack zu einem Coco Chanel-Film vorstellt. Jo eh. Überraschend ist nur, dass Coco Chanels eigentliche Bestimmung, das Modedesign, kaum zur Sprache kommt und fast beiläufig abgehandelt wird. So ist „Coco Chanel – Der Beginn einer Leidenschaft“ zwar kein völliger Rohrkrepierer, aber ansehen muss man sich den Film definitiv nicht.


4,5
von 10 Kürbissen

High Life (2018)

Regie: Claire Denis
Original-Titel: High Life
Erscheinungsjahr: 2018
Genre: Science Fiction, Drama
IMDB-Link: High Life


Ein Mann (Robert Pattinson, der ausnahmsweise mal auf keinem Baum sitzt und auch nicht glitzert) und ein Kleinkind. Die Location: Ein ansonsten verlassenes Raumschiff im Nirgendwo nahe eines Schwarzen Lochs. Gentlemen, you had my curiosity, but now you have my attention. Claire Denis schickt in „High Life“ unseren Glitzervampir, der dann doch deutlich mehr kann als leidend schauen, in den Weltraum und lässt ihn dort eine Beinahe-One Man-Show abziehen. Von Pattinson lebt der Film, und wenn er in der Rolle des Ex-Sträflings, der sich für eine besondere Mission verpflichtet hat, nicht glaubwürdig gewesen wäre, wäre der ganze Film in sich zusammengefallen. Ist aber nicht passiert. Im Gegenteil. Das philosophisch-existentialistisch angehauchte Drama mit Requisiten, das an Space Operas aus den 80ern erinnert, überzeugt trotz Logiklöcher auf fast allen Ebenen. Pattinson spielt charismatisch und gut, Juliette Binoche als spermageile Medizinerin ist ohnehin eine Bank, die interessant gewählte Ausstattung habe ich schon erwähnt, und die Story lässt den Zuseher noch länger nach dem Abspann über die Essenz des Lebens nachdenken. Sind wir tatsächlich nur Tiere, die auf den Trieb der Reproduktion zurückgeworfen werden, wenn unsere Gesellschaft in die Binsen geht? Was ist ein Leben wert? Wer bestimmt darüber? Diese Fragen lassen sich nach dem Film herrlich diskutieren, sofern man denn will. Das Tempo des Films ist gemächlich, wer also einen Sci Fi-Actionkracher erwartet, wird wohl ziemlich enttäuscht werden. Für Fans von leisen Tönen ist der Film jedoch genau das Richtige. Er erinnert durch seine Atmosphäre und das Setting ein wenig an  „Moon“. Vielleicht ist „High Life“ nicht ganz so stringent erzählt und am Ende des Tages ist Sam Rockwell dann doch ein etwas besserer Schauspieler als Robert Pattinson, aber wer Duncan Jones‘ Film mochte, sollte auch hier einen Blick riskieren.


7,5
von 10 Kürbissen

(Foto: Polyfilm)