Drama

Systemsprenger (2019)

Regie: Nora Fingscheidt
Original-Titel: Systemsprenger
Erscheinungsjahr: 2019
Genre: Drama
IMDB-Link: Systemsprenger


Kino ist Eskapismus. Einfach mal für zwei Stunden die böse Welt vergessen. Oder eintauchen in tragische Geschichten und große Gefühle und sich mal mitnehmen lassen in dem Wissen, dass man Ende eh heil wieder herauskommt. Selten sind Filme so mutig, den Zuseher mit einem Trauma, das sich gewaschen hat, aus dem Saal zu werfen. „Systemsprenger“ von Nora Fingscheidt gehört zu diesen wenigen mutigen Filmen. Dabei fühlt sich der Film die meiste Zeit über leicht und luftig an. Was an der Hauptfigur Benni (Jungschauspielerin Helena Zengel mit einer überragenden Leistung) liegt, dem renitenten, traumatisierten Kind mit dem Gewaltproblem, das im nächsten Moment auch wieder zuckersüß sein kann und für herzerwärmende und lustige Momente sorgt. Hier sehen wir einen jungen Menschen, gefangen in den eigenen Emotionen. Und nichts scheint zu helfen, weder die vielfältigen Maßnahmen der Erzieher noch die gelegentlich aufblitzende Hoffnung, doch wieder zurückzukommen ins eigene Heim zur Mama (Lisa Hagmeister, die man die meiste Zeit über ohrfeigen möchte, was als Kompliment für ihre Darstellung als überforderte, unzuverlässige Mutter gemeint ist). Schulbegleiter Micha (Albrecht Schuch), der normalerweise mit gewalttätigen Jugendlichen arbeitet, schlägt eine unorthodoxe Maßnahme vor: Zwei Wochen allein mit Benni im Wald, damit sie zur Ruhe kommt. Doch hilft das wirklich? Als Zuseher möchte man es glauben, wartet auf die bekannten Muster der Dramaturgie, die langsame Annäherung Bennis an Micha, dessen Akzeptanz als Vaterfigur – doch Nora Fingscheidt belässt es nicht bei Banalitäten. Sie denkt realistisch. Und gerade das macht den Film am Ende hin so schmerzhaft.


7,5
von 10 Kürbissen

(Foto: Filmladen Filmverleih)

Tagebuch einer Kammerzofe (1964)

Regie: Luis Buñuel
Original-Titel: Le Journal d’une femme de chambre
Erscheinungsjahr: 1964
Genre: Drama, Krimi, Satire
IMDB-Link: Le Journal d’une femme de chambre


„Tagebuch einer Kammerzofe“ nach Octave Mirbeaus gleichnamigen Roman wurde inszeniert von Luis Buñuel, einem Regisseur, der zu meinen absoluten Lieblingen gehört. Der Film datiert aus dem Jahr 1964 und ist einer der wenigen Filme Buñuels, die ohne surrealistische Elemente auskommen. Man kann aber dennoch nicht sagen, dass alles so ist, wie es scheint. Jeanne Moreau (herrlich unterkühlt) spielt eine Kammerzofe aus Paris, die eine neue Anstellung am Land findet. Sehr rasch wird klar, dass wirklich alle im Haushalt und in der unmittelbaren Nachbarschaft einen an der Waffel haben. Die Hausherrin ist eine pedantische Furie, ihr Ehemann ein Schwerenöter, der Vater pervers, der Kutscher ein sadistischer Faschist und der Nachbar ein streitbarer Spießbürger. Genüsslich zerlegt Buñuel einmal mehr die Bourgeoisie, wie er es auch in seinen Meisterwerken „Der diskrete Charme der Bourgeoisie“ oder „Das Gespenst der Freiheit“ in seinen letzten Filmen einige Jahre später auf die Spitze getrieben hat. Im Gegensatz zu der satirischen Leichtigkeit, die seine Spätwerke auszeichnet, schichtet Buñuel in diesem Film allerdings auch Facetten der Dunkelheit auf. Als nämlich noch ein kleines Mädchen im Wald vergewaltigt und ermordet wird, werden die letzten Abgründe freigelegt. Und auch die Kammerzofe, die anfangs noch die unbeteiligte Außenstehende ist, der man als Zuseher durch den Haushalt folgt, trifft einige seltsame Entscheidungen. Die Tatsache, dass einem am Ende wirklich gar niemand mehr von der bunten Riege der Charaktere sympathisch ist, machte es mir neben dem kühlen, distanzierten Blick auf die Geschehnisse schwer, mich wirklich in den Film hineinkippen zu lassen. Aber sehenswert ist er allemal.

 


7,0
von 10 Kürbissen

(Bildzitat: Quelle imdb.com)

Jojo Rabbit (2019)

Regie: Taika Waititi
Original-Titel: Jojo Rabbit
Erscheinungsjahr: 2019
Genre: Satire, Komödie, Drama
IMDB-Link: Jojo Rabbit


Der Preis für den größten Scheiß-drauf-Film des Jahrzehnts ist hiermit offiziell bereits vergeben. An Taika Waititis Satire „Jojo Rabbit“ kommt nichts Anderes ran. Allein die Eröffnungssequenz zeigt schon, wohin die Reise geht, wenn Aufnahmen von Naziaufmärschen und Hitler zujubelnden Menschenmengen unterlegt werden mit einer deutschsprachigen Version von „I Want to Hold Your Hand“ der Beatles. Bäm! Ein bisschen zieht’s da schon in der Magengegend, aber der subversive Witz, der da so schamlos vorgetragen wird, setzt sich dann doch über die eigenen Grenzen des guten Geschmacks hinweg, und man beginnt, hemmungslos zu kichern. Und das zieht sich dann die meiste Zeit des Films auch so durch. Warum nicht über Hitler lachen und damit das Gespenst vertreiben, das über dem vergangenen Jahrzehnt hängt und in Zeiten des Rechtspopulismus immer wieder hinter gutbürgerlichen Fassaden hervorschaut? Vielleicht mag der Film seine Geschichte der Annäherung eines fanatischen Nazi-Jungen (Roman Griffin Davis mit einer makellosen Vorstellung) an eine in seiner Wohnung versteckte Jüdin (Thomasin McKenzie, die ich seit ihrer furiosen Darstellung in Leave No Trace auf dem Zettel habe) ein bisschen gar plump erzählen und die Mittel der Satire ein wenig missbrauchen, um es sich an der einen oder anderen Stelle einfach zu machen. Vielleicht wirkt Taika Waititi als imaginärer Freund Adolf an einigen Stellen deplatziert und ist für die Story selbst im Grunde belanglos. Vielleicht ist es gewöhnungsbedürftig, Stars wie Scarlett Johansson, Sam Rockwell oder Rebel Wilson (die allesamt herausragend sind in ihren Rollen, vor allem die völlig zu Recht oscarnominierte Johansson) mit einem übertriebenen deutschen Akzent sprechen zu hören. Und vielleicht werden manche Schrecken ein bisschen zu sehr verniedlicht, während andere einen aus den Schuhen kippen lassen (eine Szene im Speziellen, die so unvermutet daherkommt, dass für eine Weile kein Witz mehr zünden kann). Aber was soll’s. „Jojo Rabbit“ ist kein perfekter Film, aber er ist mit seiner Fuck-it-Attitüde eine grandiose und saukomische und gleichzeitig stellenweise tieftraurige Erfahrung, die man nicht missen sollte.


8,5
von 10 Kürbissen

(Bildzitat: © 2018 – Fox Searchlight, Quelle imdb.com)

Judy (2019)

Regie: Rupert Goold
Original-Titel: Judy
Erscheinungsjahr: 2019
Genre: Biopic, Drama
IMDB-Link: Judy


Judy Garland war Everbody’s Darling. Zu Weltruhm bekommen in ihrer Rolle als Dorothy in Der Zauberer von Oz drehte sie in weiterer Folge etliche Filme für das Filmstudio MGM, zumeist an der Seite von Mickey Rooney. Sie war das Mädchen, das die Träume von Millionen amerikanischer Mädchen verkörperte. Dass solch eine frühe Vergötterung der geistigen Gesundheit eher abträglich ist, erscheint da nicht weiter verwunderlich. 30 Jahre später jedenfalls ist sie so gut wie mittellos, medikamentensüchtig und vierfach geschieden. Während sie ihre Tochter Liza Minelli so gut wie gar nicht sieht, hat sie zumindest noch das Sorgerecht für ihre zwei Kinder mit Sidney Luft. Doch gutes Geld kann sie nur in London bei einer Reihe von Bühnenshows verdienen, während die Kinder in den USA bleiben müssen. Der Kampf gegen die Abhängigkeit, um die Wiederbelebung des Ruhms und um den schnöden Mammon steht im Zentrum von Rupert Goolds Biopic. Die Geschichte folgt dabei ausgetretenen Pfaden und marschiert pflichtbewusst von einem logischen Plot Point zum nächsten. Der Blick in die Vergangenheit ist undifferenziert und allzu sehr um große Dramatik bemüht – zulasten von Authentizität und Glaubwürdigkeit. Es gibt dennoch einen guten Grund, sich den Film anzusehen. Dieser lautet Renée Zellweger, die wohl die beste Leistung ihrer Karriere abliefert. Sie verschwindet völlig in ihrer Rolle – ähnlich wie es Gary Oldman in Die dunkelste Stunde oder Daniel Day-Lewis in „Lincoln“ gelungen ist. Natürlich kann man nun darüber philosophieren, ob reale Persönlichkeiten, von denen so viel Bewegtbildmaterial vorliegt, nicht dankbare Aufgaben für Schauspieler/innen sind, oder ob es nicht die eindrucksvollere Leistung ist, einer fiktiven Figur so viel Leben einzuhauchen, wie es zum Beispiel Scarlett Johansson in Marriage Story gelungen ist, aber angesichts der Qualität von Zellwegers Spiel erübrigt sich diese Frage eigentlich. Sorry, Scarlett, aber auf deinen (verdienten) Oscar musst du wohl noch ein weiteres Jahr warten. Vielleicht gründest du in der Zwischenzeit ja einen Selbsthilfeclub mit Amy Adams und Glenn Close. Oder nimmst einmal eine Rolle an, in der du mit Bären kämpfen und rohes Fleisch essen musst.


5,5
von 10 Kürbissen

(Bildzitat: Quelle imdb.com)

We Need to Talk About Kevin (2011)

Regie: Lynne Ramsay
Original-Titel: We Need to Talk About Kevin
Erscheinungsjahr: 2011
Genre: Thriller, Drama
IMDB-Link: We Need to Talk About Kevin


Kann es sein, dass Hollywood den Namen Kevin gerne mit sadistischen Satansbraten assoziiert? Macaulay Culkin durfte als Träger dieses Namens dämliche Einbrecher quälen, und auch Lynne Ramsays Kevin in „We Need to Talk About Kevin“ hat echt ungute Veranlagungen. Schon als Kind ist er entrückt und unzugänglich. Da kann sich die Mutter (Tilda Swinton) noch so sehr um den Aufbau einer echten Beziehung bemühen, doch fröhlich scheint das Kind nur in den Armen des Vaters (John C. Reilly) zu sein. Aber was soll man machen, wenn man als Mutter keine Bindung zum eigenen Kind findet? Man spielt Gefühle vor, und erntet Missgunst und Niederträchtigkeit. Dass das mal ein böses Ende nehmen wird, ist nicht nur vorgezeichnet, sondern gleich mit dem allerersten Bild des Filmes angedeutet und kurze Zeit später auch ausformuliert (allerdings auf die für Ramsay typisch indirekte Weise, die sie dann später in You Were Never Really Here perfektioniert hat). Denn eben jener Kevin massakriert als Teenager (gespielt von Ezra Miller) seine Mitschüler. Und Eva, die Mutter, muss damit leben – mit den Schuldgefühlen und dem Hass, der ihr von Seiten der Kleinstadtbewohner entgegenschlägt. Und der auch nachvollziehbar ist, befinden sich unter den Opfern von Kevins Wahnsinnstat ja die Töchter und Söhne dieser Kleinstadtfamilien. „We Need to Talk About Kevin“ ist ein unangenehmer, intensiver Film, der sich artifiziell anfühlt (so scheint der junge Kevin mit seinen dunklen Blicken fast das Kind des Leibhaftigen zu sein), aber mit diesen Mitteln der Verfremdung eine nachvollziehbare Seelenqual, nämlich jene der Mutter, beschreibt. Tilda Swinton ist (wieder einmal) überragend. Es gibt nichts, was diese Frau nicht spielen kann. Die eigentliche Offenbarung des Films ist aber die Leistung von Nachwuchsdarsteller Jasper Newell als junger Kevin. So ein Arschlochkind muss man erst mal spielen können.


7,5
von 10 Kürbissen

(Bildzitat: Quelle imdb.com)

1917 (2019)

Regie: Sam Mendes
Original-Titel: 1917
Erscheinungsjahr: 2019
Genre: Kriegsfilm, Drama
IMDB-Link: 1917


Einer der ganz großen Oscar-Favoriten dieses Jahr ist Sam Mendes‘ Kriegs-Drama „1917“. Bei den Golden Globes zweifach ausgezeichnet als bestes Drama und für die beste Regie darf sich der Film bei den Oscars Chancen in gleich 10 Kategorien ausrechnen. Und es müsste schon mit dem Teufel zugehen, wenn nicht zumindest die Kameraarbeit von Roger Deakins und die Ausstattung ausgezeichnet werden würden. Denn handwerklich ist dieser Film nicht nur der beste des Jahres, sondern gar als visionär zu bezeichnen. Roger Deakins, davor bereits 14 Mal für den Oscar nominiert (bei einer Auszeichnung für Blade Runner 2049) ist auf dem Höhepunkt seines Schaffens. In gefühlter Echtzeit und als One-Shot fürs Auge konzipiert (beides nur eine Illusion, aber eine verdammt gut gemachte) folgt die Kamera zwei Soldaten, die eine prekäre Botschaft zu übermitteln haben. Gelingt es ihnen nicht, durch Feindesland diese Botschaft rechtzeitig zu überbringen, werden 1.600 britische Soldaten in einem Hinterhalt gemetzelt. Sehenswert an dem Film (neben seiner überragenden technischen Umsetzung) ist vor allem seine Konsequenz. Die begleitende Kamera kommentiert nichts, sondern hält einfach nur fest: das Grauen, die Momente der Angst und Anspannung, aber auch die ruhigen Momente, wenn es einfach nur darum geht, von A nach B zu gelangen, und vor allem aber das Glück, das man manchmal auch braucht. Viele Situationen, die ich zunächst als Deus ex Machina im Verdacht hatte, entpuppen sich bei gründlicher Reflexion darüber einfach nur als Masel, das man braucht, um so einen Irrsinn wie einen Krieg überleben zu können. Dabei sind in „1917“ kaum Gefechte zu sehen. Der Tod kann hinter jeder Ecke lauern, dafür braucht es keinen Sturmlauf durch feindliches Kreuzfeuer. Einige Ungereimtheiten in der Handlung bleiben. Warum wird zum Beispiel nur ein einziges Team von zwei jungen Soldaten geschickt, um diese enorm wichtige Botschaft zu übermitteln? Warum sendet man nicht mehrere Teams zu unterschiedlichen Zeiten und auf verschiedenen Routen los? Aber von diesen kleineren Schwächen im Drehbuch abgesehen ist „1917“ eine Erfahrung, die man gemacht haben sollte, aber aufgrund ihrer Eindringlichkeit und Intensität nicht unbedingt wiederholen möchte. Und das ist vielleicht das Beste, was man über einen Kriegsfilm generell sagen kann.


8,0
von 10 Kürbissen

(Bildzitat: Quelle imdb.com)

Wet Woman in the Wind (2016)

Regie: Akihiko Shiota
Original-Titel: Kaze ni nureta onna
Erscheinungsjahr: 2016
Genre: Erotik, Drama, Liebesfilm, Komödie
IMDB-Link: Kaze ni nureta onna


Ganz ehrlich: Wegen solchen Filmen geht man doch auf Film-Festivals. Ich muss zugeben, bei der Ankündigung im Programmheft einer wilden Vögelei bin ich anno dazumal auf der Viennale 2016 mit der Erwartungshaltung in den Film gegangen, beim Viennale-Bingo meine wohlverdienten Kreuzchen bei den Feldern „Mehr als zwei Sexszenen“, „Brüste“ und „Penis“ setzen zu können. Bekommen habe ich „Mehr als zwei Sexszenen“, „Brüste“ und ein fettes Kreuz bei „WTF?“. Murakami im Wald meets Softporno-Parodie (inkl. der obligatorischen Jazzmusik). Ein Schriftsteller und Womanizer hat sich wegen einer nicht näher bezeichneten Frauengeschichte in eine Hütte im Wald zurückgezogen. Dort trifft er auf eine sehr ansehnliche und … ähm … seltsame, okay, nennen wir das Kind beim Namen: völlig durchgeknallte junge Frau, die ihn verführen will. Er weist sie ab, dann will er sie doch, sie weist ihn ab, dann kommt seine Exfreundin dazu samt Entourage (vier Milchbubis und eine verhuschte Sekretärin), und es endet, wie es enden muss: Alle stürzen sich aufeinander und die Ankündigung im Programmheft bewahrheitet sich (ist ja auch nicht immer so). Hunde heulen, ein größeres Tier röhrt im Wald, der Protagonist röhrt auch, das alles ist sehr witzig, aber irgendwie auch pointless. Ich habe das Gefühl, dass man statt der ganzen Vögelei auch einen sinnvolleren Film hätte drehen können. Ist halt nicht passiert. Aber Spaß macht es irgendwie trotzdem.


5,5
von 10 Kürbissen

(Bildzitat: (c) Nikkatsu, Quelle imdb.com)

Queen & Slim (2019)

Regie: Melina Matsoukas
Original-Titel: Queen & Slim
Erscheinungsjahr: 2019
Genre: Thriller, Drama, Roadmovie, Liebesfilm
IMDB-Link: Queen & Slim


Als Mensch mit dunkler Hautfarbe, der in einem Staat, in dem noch die Todesstrafe vollzogen wird, gerade einen Polizisten erschossen hat, kann man sich gleich drei Sekunden nach der Verübung der Tat ausrechnen, welche Chancen man noch hat. Da ist es dann auch egal, dass man den Herrn in Uniform versehentlich und aus Notwehr ins Jenseits befördert hat. Und da ist es dann auch egal, dass das von der Kamera des Polizisten im Auto mitgefilmt wurde. Ab diesem Moment bist du einfach eine arme Sau auf der Flucht. So geht es Ernest (Daniel Kaluuya). Und mit ihm auf der Flucht befindet sich sein Tinder-Date und nunmehrige Komplizin Angela (Jodie Turner-Smith). Ganz grob zusammengefasst ist „Queen & Slim“ von Melina Matsoukas eine Art Mash-Up aus „Thelma & Louise“ und Nächster Halt: Fruitvale Station. Die himmelsschreiende Ungerechtigkeit gegen die schwarze Bevölkerung in den USA wird verpackt in eine Flucht-Roadmovie quer durch die Staaten auf den Weg nach Florida, von wo aus sich das Paar wider Willen Richtung Kuba absetzen möchte. In den besten Momenten ist „Queen & Slim“ tatsächlich aufwühlend und bringt die Hoffnungslosigkeit seiner Figuren glaubhaft rüber. In den weniger guten Momenten – und davon gibt es leider so einige – trägt der Film zu dick auf und hämmert seine Botschaft auf den Zuseher ein, der ein bisschen mehr Subtilität durchaus vertragen würde. In den schlechtesten Momenten rutscht das Geschehen ins moralisch Fragwürdige ab. Definitiv gehört „Queen & Slim“ zu jenen Filmen, die einen Problematiken, die man am eigenen Leib nicht erleben kann (zum Glück), besser nachvollziehen lassen. Aber es wäre schön gewesen, wenn man diese Erfahrung in einen besseren Film verpackt hätte.


5,5
von 10 Kürbissen

(Bildzitat: (c) 2019 Universal Pictures, Quelle imdb.com)

Die Farbe des Geldes (1986)

Regie: Martin Scorsese
Original-Titel: The Color of Money
Erscheinungsjahr: 1986
Genre: Drama, Sportfilm
IMDB-Link: The Color of Money


Den Auftakt in meine Viennale 2016 (was auch schon wieder ein paar Donnerstage her ist, Mannomann, wie die Zeit vergeht – das muss sich im Übrigen auch Tom Cruise beim Rewatch dieses Films denken …) machte „The Color of Money“ von Martin Scorsese im Rahmen der Retrospektive im Filmmuseum. Bevor es losging, verkündete der Vorführer: „Sie sehen eine analoge Vorführung in 35 mm“ und sah dabei so traurig aus, dass ich kurz versucht war, nach vorne zu laufen und ihn in die Arme zu nehmen. Glücklicherweise war der Film dann besser, als es die Ankündigung erwarten ließ. Paul Newman (Oscar für diese Leistung) ist großartig als alternder Billard-Fuzzi, der eine zweite Chance wittert, Mary Elizabeth Mastrantonio ist eine Augenweide (und mittlerweile auch schon über 60 Lenze alt – Herrschaftszeiten!) und Tom Cruise gefühlt 14 Jahre alt und spielt sich mit hinreißendem Overacting die Seele aus dem Leib. Man sieht dem Film seine 30 Jahre schon an (es fehlte eigentlich nur noch die Jukebox, aus der ein alter Joe Cocker-Hadern dudelt), aber die Story ist immer noch interessant genug, um den geneigten Zuseher bei der Stange zu halten, wenngleich sie auch ihre Längen hat, die Charaktere sind vielschichtig, die Dialoge geschliffen, und irgendwann hüpft auch noch ein junger Forest Whitaker durchs Bild und stiehlt allen die Show. Gemessen am weiteren Output von Scorsese vielleicht nicht der ganz große Wurf, aber man kann ihn sich auch heute noch gut ansehen. In die Filmgeschichtsbücher hat sich der Altmeister eh schon längst mit anderen Werken geschrieben, da kann man diesen von vielen vergessenen Klassiker dann auch mal wieder ausbuddeln.

 


6,5
von 10 Kürbissen

(Bildzitat: Quelle imdb.com)

Frühstück bei Tiffany (1961)

Regie: Blake Edwards
Original-Titel: Breakfast at Tiffany’s
Erscheinungsjahr: 1961
Genre: Drama, Komödie, Liebesfilm
IMDB-Link: Breakfast at Tiffany’s


„Breakfast at Tiffany’s“ von Blake Edwards nach einem Roman von Truman Capote ist die herzzerreißende Geschichte eines hübschen Katers (Orangey), der nach wilden Party-Exzessen von seinem Lebensmenschen bei strömendem Regen in der Gosse ausgesetzt wird. Kein Wunder, dass dieser Film auch heute noch als Klassiker gilt. Für Katzenfreunde ist diese tragische Geschichte schwer zu packen, aber – Spoiler! – anders als in Truman Capotes Buch gibt es im Film dann doch ein Happy End. Der Kater wird doch noch gefunden, erhält viel Liebe und schaut grimmig, aber doch mit Hoffnung in den Augen in die Zukunft. Das ist aber auch gleichzeitig der größte Kritikpunkt am Film. Auch Capote selbst war nicht einverstanden mit der Art und Weise, wie sein Stoff massentauglich bearbeitet wurde. Für den Kinozuseher der 60er-Jahre war aber eine größere Tragik, wie sie im Roman vorgesehen war, scheinbar nicht zumutbar. Trotzdem funktioniert der Film auch heute noch, was nicht zuletzt an der Besetzung liegt. Orangey spielt grandios und erhielt völlig zurecht für seine Rolle seinen insgesamt zweiten PATSY Award. Auch in den noch so kleinsten Nebenrollen findet sich Prominenz: George Peppard als mittelloser Schriftsteller Paul Varjak. Die damals gar nicht so unbekannte Audrey Hepburn als Partygirl Holly Golightly. Patricia Neal als Geliebte von Paul Varjak. Sie alle spielen dem Kater mit Leib und Seele zu, der so unterstützt sein ganzes Talent zur Entfaltung bringen kann. Allein über Mickey Rooney als Mr. Yunioshi müssen wir reden. Seine Darstellung ist grauenhaft und versaut fast den ganzen Film. Lieber also auf den Kater konzentrieren. Dann passt alles.


7,0
von 10 Kürbissen

(Bildzitat: (c) Paramount 1961, Quelle imdb.com)