Drama

The World to Come (2020)

Regie: Mona Fastvold
Original-Titel: The World to Come
Erscheinungsjahr: 2020
Genre: Drama, Liebesfilm, Historienfilm
IMDB-Link: The World to Come


Vereinfacht zusammengefasst ist „The World to Come“ eine Neuauflage von „Brokeback Mountain“, nur im Amerika der 1850er Jahre und unter Frauen. Damit würde man Mona Fastvolds Film aber nicht ganz gerecht werden, auch wenn er die Brillanz von Ang Lees Meisterwerk nicht ganz erreicht. Denn die zarte, sehr indirekt erzählte Liebesgeschichte zwischen Abigail (Katherine Waterston, die einmal mehr eine großartige Leistung bietet) und ihrer etwas weiter entfernt wohnenden Nachbarin Tallie (Vanessa Kirby) berichtet gleichermaßen wie von einer gesellschaftlich unmöglichen Liebe vom langen Weg, den die Emanzipation zu diesem Zeitpunkt noch vor sich hatte, und der auch heute bei weitem nicht abgeschlossen ist. Dabei ist „The World to Come“ kein emanzipatorischer Film, kein Plädoyer, keine flammende Anklage. Es ist ein ruhiger Film, bei dem die Gefühle – ob nun zwischen den Frauen oder auch jenen zwischen ihnen und ihren Männern (Casey Affleck und Christopher Abbott) – unter der Oberfläche gesellschaftlicher Konventionen abgeschirmt sind. Wahrhaftig wird man nur im Privaten, doch da ist der Karren meist schon verfahren. Casey Affleck als Abigails Ehemann zeigt dieses Dilemma sehr deutlich auf. Er möchte ein guter Ehemann sein und er ist auch bereit, sich selbst zurückzunehmen, aber dass er offen über sich, seine Gefühle, seine Beziehung reden kann, dazu ist auch er nicht in der Lage als Kind seiner Zeit. Und so steuert der Film schließlich auf sein konsequentes Ende hin. Positiv hervorzuheben sind neben dem durch die Bank guten Schauspiel auch die hervorragende Ausstattung, die diese bittere, harte Zeit mit all ihren Widrigkeiten zum Leben erweckt, ohne dabei zu dick aufzutragen, sowie die sensible, aber einprägsame Musik von Daniel Blumberg. Ein sehr schöner und erinnerungswürdiger Festival-Beitrag.


7,5
von 10 Kürbissen

(Foto: (c) Viennale)

The Intruder (2020)

Regie: Natalia Meta
Original-Titel: El prófugo
Erscheinungsjahr: 2020
Genre: Drama, Thriller, Horror
IMDB-Link: El prófugo


Argentinier machen schon interessante Filme, wie ich auf diversen Festivals mittlerweile feststellen durfte. Filme, die sich einer klaren Genre-Definition entziehen und gerne schwarzen Humor mit Psychothriller- oder Horror-Sujets vereinen. „El prófugo“ von Natalia Meta reiht sich hier wunderbar ein. Die Synchronsprecherin und Chorsängerin Inés (Érica Rivas) macht eine dramatische Erfahrung und scheint in sich seltsame Geräusche zu tragen, die sich recht störend auswirken auf ihre Arbeit. Die überspannte Mutter, die kurzerhand bei ihr in der Wohnung einzieht, trägt nicht wirklich viel Positives zur Situation bei. Einzig ihre neue Bekanntschaft Alberto, der die Orgel im Konzertsaal stimmt, scheint ihr etwas Halt zu geben. Doch schon bald verschwimmen die Grenzen zwischen Realität und Fiktion. Und was ist die wahre Bedrohung für Inés? Natalia Meta vermeidet es fast schon zwanghaft, Antworten zu geben oder zumindest anzudeuten. Bis zur letzten Einstellung bleibt die Haupthandlung im Unklaren. Das reduziert aber nicht das Vergnügen der Sichtung. Geschickt hält die Regisseurin in ihrem zweiten Langfilm die Zuseher bei Laune, indem sie humorvolle Einlagen mit Momenten diffuser Bedrohung abwechselt. Am Ende ist man vielleicht keinen Deut schlauer, aber wurde zumindest eineinhalb Stunden lang gut unterhalten. Und das ist doch schon mal was. Ein durchaus sehenswerter erster Viennale-Film, der noch Luft nach oben lässt, mich aber schon mal gut in Festival-Stimmung gebracht hat. So kann’s weitergehen.


6,0
von 10 Kürbissen

(Foto: (c) Viennale)

Vergiftete Wahrheit (2019)

Regie: Todd Haynes
Original-Titel: Dark Waters
Erscheinungsjahr: 2019
Genre: Drama, Politfilm, Biopic
IMDB-Link: Dark Waters


Einsamer Anwalt kämpft für das Gute gegen böse, gesichtslose Multikonzerne, die alles tun, um eine unbequeme Wahrheit zu verschleiern. Man kann nicht sagen, dass Todd Haynes‘ Justizfilm neue Pfade betritt oder das Genre gar neu erfindet. Aber wozu auch? Der Inhalt ist brisant genug und basiert noch dazu auf wahren Ereignissen. Ein einzelner Anwalt, der vormals für die größten Chemiekonzerne arbeitete, bekämpft nach Bekanntwerden eines massiven Umwelt- und Gesundheitsskandals zwei Jahrzehnte lang den Chemieriesen DuPont und zwingt durch Beharrlichkeit und leidenschaftlicher Arbeit diesen schließlich in die Knie. Diesen Robert Bilott, von Mark Ruffalo ausgezeichnet gespielt, gibt es wirklich, und ihm ist es zu verdanken, dass zigtausende Geschädigte mittlerweile eine Gesamtentschädigung in Höhe von über 600 Millionen US-Dollar von DuPont ausbezahlt bekommen haben. Ausgangspunkt ist ein Farmer in West Virginia, der vermutet, dass die Erkrankung seiner Kühe etwas mit der Abfallentsorgung der Chemiefabrik in der Nachbarschaft zu tun haben könnte. Todd Haynes zeichnet den langen Weg bis zu den ersten Erfolgen im Kampf gegen das Unrecht sehr unaufgeregt und präzise nach. Er kann sich dabei auf einen großartigen Cast verlassen, der von Mark Ruffalo angeführt wird, aber nicht bei diesem endet. Vor allem Tim Robbins als Chef der Anwaltskanzlei von Robert Bilott zeigt eine seiner besten Leistungen überhaupt. Und auch der Rest der Besetzung kann glänzen, wenngleich diese insgesamt etwas zu kurz kommt – vor allem Anne Hathaway als Bilotts Ehefrau, die dafür sorgen muss, dass der Haushalt funktioniert, wenn sich ihr Mann wieder zu sehr in den Fall verbeißt. Unterm Strich ist „Dark Waters“ ein gerader, ehrlicher Film ohne Schnörkel, der eine komplizierte Geschichte einfach verständlich erzählt, ohne Effekthascherei zu betreiben. Und gerade dadurch bekommt das Thema des Films die Dringlichkeit, die es braucht.


7,0
von 10 Kürbissen

(Bildzitat: Quelle imdb.com)

The Devil All the Time (2020)

Regie: António Campos
Original-Titel: The Devil All the Time
Erscheinungsjahr: 2020
Genre: Thriller, Drama, Krimi
IMDB-Link: The Devil All the Time


Grimmig geht’s in Donald Ray Pollocks Roman „Das Handwerk des Teufels“ zu. Menschen fügen sich gegenseitig Leid zu, religiöser Fanatismus trifft auf arme Seelen, die sich nur mit Gewalt zu helfen wissen – das alles ist im Buch eindrücklich geschildert. Glaube ich. Gelesen habe ich es, nur erinnern konnte ich mich nicht mehr daran. Meine Amnesie in litteris, wie Patrick Süskind diesen Zustand beschrieben hat, geht so weit, dass ich nicht mal mehr wusste, ob ich das Buch gelesen habe oder nicht, bis ich es im Regal der gelesenen und nicht in jenem der ungelesenen Bücher entdeckt habe. In gewisser Weise ging also frisch an den Film. Der protzt gleich mal mit einer saustarken Besetzung (Tom Holland, der Rolle des nerdigen Teenagers entwachsen, Jason Clarke, Mia Wasikowska, Bill Skarsgard, Robert Pattinson, Riley Keough uvm.) und authentischen Kleinstadt-Kulissen der 50er-Jahre, vor denen sich das Ingrimm seinen Weg bahnt. Der Teufel schläft nicht, er ist hellwach und treibt seine Sünder vor sich her. Wenn ein Film den Satz homo homini lupus est („Der Mensch ist des Menschen Wolf“) je konsequent dargestellt hat, dann „The Devil All the Time“. Es ist eine finstere Reise, auf die sich der Zuseher begibt. António Campos, der mit der Netflix-Serie „The Sinner“ große Erfolge feierte, nimmt sich Zeit für die episodenhaft ineinander greifenden Geschichten. Das Schlimme daran ist: Man begreift recht früh, dass es keine Erlösung geben kann, aber anders als bei einem Pflaster, das man schnell herunterreißen kann, wird hier der Weg in den Abgrund zelebriert. „The Devil All the Time“ ist kein angenehmer Film, aber er ist auf seine Weise gründlich und konsequent. Und vielleicht sollte ich das Buch doch noch einmal lesen. Es scheint gut gewesen zu sein.


7,0
von 10 Kürbissen

(Bildzitat: Quelle imdb.com)

Pelikanblut (2019)

Regie: Katrin Gebbe
Original-Titel: Pelikanblut
Erscheinungsjahr: 2019
Genre: Drama, Thriller, Horror
IMDB-Link: Pelikanblut


Kinder als Satansbraten haben eine lange Tradition in der Filmgeschichte. Die kleine Raya (Katerina Lipovska mit einer beängstigend authentischen Darstellung) passt gut in diesen Kreis. Sie wurde von Reitstallbesitzerin und Pferdeflüsterin Wiebke (Nina Hoss) adaptiert. Die hat schon eine Adoptivtochter, warum also nicht zwei? Aber bald muss Wiebke feststellen, dass sie sich mit Raya eine Menge Probleme ins Haus geholt hat. So eine traumatisierte Fünfjährige ist eben nicht ständig auf Kuschelkurs. Und allmählich wächst in Wiebke der Verdacht, dass die Wutausbrüche von Raya sich auch einmal gegen sie selbst richten könnten. „Pelikanblut“ von Katrin Gebbe ist handwerklich ausgezeichnet gemachtes Erzählkino mit dem gewissen Unwohlsein-Faktor. Ohne dass Gebbe die Daumenschrauben ständig nachdrehen muss, entwickelt der Zuseher eine tief liegende Grundskepsis gegenüber allem und jedem – die Basis für subtilen Horror. Das ist verflucht gut gemacht, vor allem, wenn diese Geschichte von interessanten, ambivalenten Figuren getragen wird, die von Profis wie Nina Hoss exzellent gespielt werden. Ähnliches hat man zuletzt gesehen in Nora Fingscheidts Systemsprenger, der insgesamt auch noch leicht die Nase vorne behält. Denn gelegentlich weist „Pelikanblut“ Längen auf, die nach einem geduldigen Zuseher verlangen. Die Laufzeit ist mit knapp über zwei Stunden für die Story dann auch recht üppig geraten. Andererseits tragen auch die kleinen, nicht sonderlich relevant wirkenden Szenen zur Entwicklung der Charaktere bei, haben also ihre Berechtigung. Das Ende lädt dann zum gemeinsamen Diskutieren ein. Schön, dass man nicht alles am Silbertablett serviert bekommt, sondern den Film weiterdenken kann. „Pelikanblut“ ist eine Mischung Thriller und Horrordrama, das den Zuseher ernst nimmt, und damit trotz kleinerer Schwächen eine runde, lohnenswerte Sache.


7,0
von 10 Kürbissen

(Bildzitat: © Miramar Film, Quelle imdb.com)

Contagion (2011)

Regie: Steven Soderbergh
Original-Titel: Contagion
Erscheinungsjahr: 2011
Genre: Drama, Thriller
IMDB-Link: Contagion


Es gibt fiktive Geschichten, die von der Realität überholt werden. Steven Soderberghs Thriller „Contagion“ aus dem Jahr 2011 ist so ein Fall. Nicht ganz zehn Jahre später müssen wir festhalten: Abgesehen davon, dass der im Film gezeigte Virus etwas gar zu drastisch wirkt, hat Soderbergh das derzeit weltweite Corona-Szenario erschreckend genau getroffen. Am Anfang wird alles noch ein wenig heruntergespielt bzw. ist man sich unsicher, womit man es zu tun hat, dann wird die Situation undurchsichtiger und gefährlicher, es kommt zu Isolationsmaßnahmen, Maskenpflicht bis hin zur totalen Abschottung von Städten mit den dann zu erwartenden Problemen: panischen Hamsterkäufen, Nahrungsknappheit, Plünderungen, dem totalen Zusammenbruch der gesellschaftlichen Ordnung. Ganz so weit sind wir bei der aktuellen Corona-Pandemie ja glücklicherweise nicht, aber wenn das Virus so tödlich verlaufen würde wie im Film gezeigt, dann frage nicht. Es ist Soderberghs große Stärke, dass er selbst so ein dramatisches Szenario nicht episch ausschlachtet, sondern bewusst nüchtern und distanziert erzählt. Er kann sich dabei auf einen grandiosen Best Of-Cast Hollywoods verlassen: Laurence Fishburne, Kate Winslet, Gwyneth Paltrow, Matt Damon, Jude Law, Marion Cotillard, Bryan Cranston, Jennifer Ehle, John Hawkes, Elliott Gould und viele mehr, die allesamt auch zurückstecken können und akzeptieren, dass sie nur ein jeweils kleines Rädchen in der großen Maschine sind – ganz so, wie wir alle in der realen Welt auch, wenn wir von einer Pandemie überrollt werden. Doch wie es auch in der aktuellen Pandemie so ist: Scheren die Rädchen nach und nach aus, weil sie sich für etwas Besseres halten, ist das große Ganze gefährdet, die Maschine gerät ins Stocken, und das Virus jagt unbehelligt erneut um den Globus.


7,5
von 10 Kürbissen

(Bildzitat: Photo by Courtesy Warner Bros. – © 2011 Warner Bros. Entertainment Inc., Quelle imdb.com)

Sibyl – Therapie zwecklos (2019)

Regie: Justine Triet
Original-Titel: Sibyl
Erscheinungsjahr: 2019
Genre: Drama, Komödie
IMDB-Link: Sibyl


Es gibt Filme, bei denen man nach 10 Minuten eigentlich fast schon wieder abschalten möchte, aber dann kriegen sie doch noch die Kurve und entpuppen sich als letztendlich doch sehr gute und interessante Unterhaltung. „Sibyl – Therapie zwecklos“ von Justine Triet ist so ein seltener Fall. Zu Beginn herrscht beim Zuseher noch hauptsächlich Verwirrung vor. Da ist die Therapeutin Sibyl (Virginie Efira), die eigentlich lieber einen Roman schreiben möchte, weshalb ihr die neue Patientin, die angehende Schauspielerin Margot (Adèle Exarchopoulos), mit ihren privaten Verwicklungen und Neurosen als Studienobjekt gerade recht kommt. Da ist aber auch eine Sibyl, die flammende Affären vor Kaminfeuern hat. Und die einer alten Liebe nachtrauert. Das alles wird kommentarlos nebeneinandergestellt und macht erst einmal keinen Sinn. Aber sind die Handlungsebenen erst einmal entwirrt, nimmt die Geschichte Fahrt auf und entpuppt sich als klug geschriebene und mit viel Herzblut gespielte Dramödie, die bei aller Situationskomik, die immer wieder mal durchblitzt (vor allem, wenn die von Sandra Hüller gespielte Regisseurin Mika versucht, die ihr entgleitenden Fäden in der Hand zu halten), dann ihre Figuren doch ernst nimmt und lieber mal auf einen Gag verzichtet, denn das Leben ist eben nicht immer nur lustig, und trockene Alkoholikerinnen sind es schon gar nicht, wenn sie dann auch noch versuchen müssen, die Katastrophen ihres Lebens zu ordnen. Da schwingt viel Ernsthaftigkeit in einem ansonsten leichten Sommerfilm mit. Am Ende geht vielleicht nicht alles so rund auf, wie sich Justine Triet das erhofft hätte, aber auch das gehört ja irgendwie zum Leben dazu – dass manche Geschichten einfach ein bisschen ausfransen und sich dann verlaufen.


6,0
von 10 Kürbissen

(Foto: Filmladen Filmverleih)

Grow Up!? – Erwachsen werd‘ ich später (2014)

Regie: Lynn Shelton
Original-Titel: Laggies
Erscheinungsjahr: 2014
Genre: Komödie, Drama
IMDB-Link: Laggies


Die deutsche Betitelung englischsprachiger Filme kennt zwei Unsitten: 1. Die Betitelung eines englischen Titels mit einem anderen englischen Titel. 2. Unsinnige Ergänzungen wie zB beim unlängst gesehenen Bird Box – Schließe deine Augen. Als ob dieser Zusatz „Schließe deine Augen“ auch nur einen Zuseher mehr bringen würde. Bei Lynn Sheltons Film „Laggies“ hat man gleich beide dieser Sünden vereint. Und so lautet die deutsche Betitelung „Grow Up!? – Erwachsen werd‘ ich später“. (Man beachte die infantile Verwendung von !? sowie den Apostroph, den keiner braucht, als zusätzliche Schmankerl.) Aber gut, don’t judge a book by its cover. Wenn der Inhalt gelungen ist, werden sich nur fanatische Kürbisse über misslungene Titel beschweren, und die muss man ohnehin nicht ernst nehmen. Und dieser ist durchaus charmant erzählt. Keira Knightley spielt die Endzwanzigerin Megan, die den Sprung ins Erwachsenenleben irgendwie noch nicht so richtig geschafft hat. Als sie auch noch einen Antrag von ihrem Langzeitfreund bekommt, zuckt sie aus, haut ab und freundet sich mit dem altklugen Teenie-Mädel Annika (Chloë Grace Moretz) an. Diese lässt Megan auf ihrem Weg zur Selbstfindung auch gerne bei sich im Zimmer schlafen – bis Papa Craig (Sam Rockwell) draufkommt. An sich ist das alles sehr vorhersehbar erzählt, und überrascht vom Plot sind vielleicht nur Leute, die in ihrem Leben weniger als zehn Filme gesehen haben, aber Keira Knightley spielt ihre überforderte Megan mit viel Herz und Charme, und trotz aller Klischees, die sich im Plot finden, hat man stets das Gefühl, dass der Film seine Figuren ernst nimmt. Lynn Shelton behält das Ruder stets fest im Griff, und so steuert dieses Film auf das erwartbare, aber dennoch hocherfreuliche Happy End hin. Einfach ein netter Wohlfühlfilm, der nicht mehr sein möchte, als er ist, aber gut so ist, wie er ist.


6,0
von 10 Kürbissen

(Bildzitat: © 2014 – A24, Quelle: imdb.com)

Waves (2019)

Regie: Trey Edward Shults
Original-Titel: Waves
Erscheinungsjahr: 2019
Genre: Drama
IMDB-Link: Waves


Es lebe das amerikanische Independent-Kino. Filmemacher/innen wie Andrea Arnold, Sean Baker oder, wie mit „Waves“, Trey Edward Shults darf man fast schon als Seismographen für die soziokulturellen Wellen über dem Teich bezeichnen. Und auch wenn in „Waves“ nicht unbedingt die gesellschaftlich am meisten benachteiligte Schicht im Mittelpunkt steht, denn die Familie Williams ist recht gut situiert, so schwingen dennoch die Probleme, mit denen die schwarze Bevölkerung tagtäglich umgehen muss, dezent im Hintergrund mit. Aber darum geht es eigentlich nicht. „Waves“ ist ein Film über Kontrollverlust, der zur Katastrophe führt, und dem anschließenden Umgang mit eben jener Katastrophe bis schließlich zur Aussöhnung mit der Welt. Genau in dem Moment, als am Ende die von Taylor Russell gespielte Emily die Kontrolle abgibt, erlangt sie auf einer anderen, viel wichtigeren Ebene die Kontrolle über ihr Leben wieder zurück. Aber um zu diesem Punkt zu kommen, benötigt der Film über zwei Stunden. Und diese Zeit braucht es auch. Denn „Waves“ ist so vielschichtig konstruiert, wie nur das Leben selbst sein kann. Er gibt sich nicht mit einfachen Erklärungen für schlechte Entscheidungen zufrieden, auch wenn er Auslöser zeigt, die schließlich in ihrer Summe zu diesen schlechten Entscheidungen führen. Aber nie geht Trey Edward Shults den einfachen Weg und begnügt sich mit dem Naheliegenden. Das hebt „Waves“ weit über durchschnittliche Befindlichkeitsfilme, die sich mit ähnlichen Themen auseinandersetzen, hinaus. Auch ist der Film stilistisch fordernd. Hier flirren die Lichter, die Musik kann laut und pulsierend werden, die Kamera kreist um ihre Figuren, das alles ist modern und kreativ, ohne aufgesetzt zu wirken, erfordert vom Zuseher aber eine Akzeptanz für solche Stilmittel. „Waves“ ist kein naturalistisches Kino. Naturalistisch hingegen kann man die Leistungen der Darsteller nennen, die allesamt überragend spielen – Kelvin Harrison Jr. in der Hauptrolle des jungen Tyler, die schon genannte Taylor Russell als seine Schwester Emily, Sterling K. Brown als strenger Vater, Lucas Hedges als Emilys Freund. Selten habe ich wirklich alle Darstellerleistungen in einem Film so auf den Punkt gesehen wie in „Waves“. Das Fazit kann nur so ausfallen: Der Film ist ein Meisterwerk.


9,0
von 10 Kürbissen

(Bildzitat: Quelle: imdb.com)

Bird Box – Schließe deine Augen (2018)

Regie: Susanne Bier
Original-Titel: Bird Box
Erscheinungsjahr: 2018
Genre: Drama, Horror
IMDB-Link: Bird Box


Zwei Jahre ist es mittlerweile her, dass „Bird Box“ zum ultimativen Darwin Award-Bewerbungsverfahren wurde. Mit verbundenen Augen stürzte sich die Crème de la Crème der menschlichen Rasse in Schluchten, von Häusern und in Flüsse, nur weil gerade ein Hashtag #BirdBoxChallenge im Trend lag. Selbst Netflix warnte davor. Und das alles nur, weil Sandra Bullock mit zwei jungen Gfrastern mit verbundenen Augen einen Fluss hinunterfährt. Womit die Haupthandlung dann auch schon grob umrissen wäre. Der Rest ist Vorgeschichte, wie es zu diesem idyllischen Paddeltrip kam. Auslöser war fünf Jahre davor ein Massensuizid-Phänomen, das man schon bald mit seltsamen, vielleicht außerirdischen Wesen assoziierte. Wer auch immer diese Dinger ansah, schlug sich Sekunden später an der nächsten Tischplatte den Schädel ein. Die einzige Möglichkeit, dem zu entkommen: Nicht hinschauen. Also versammeln sich einige Überlebende (darunter John Malkovich und Jacki Weaver, die auch schon mal motivierter gespielt haben) in einem Haus und verdunkeln die Fenster. Passt soweit, immerhin hat man es kuschelig und ist nicht einsam. Auch die Fahrt zum nächstgelegenen Supermarkt gelingt dank GPS-Signal im Auto ganz leidlich, aber man sollte halt aufpassen, wen man sich ins Haus holt und wen besser nicht. Und so wird die Truppe erwartungsgemäß dezimiert, bis schließlich Sandra Bullock und die zwei Kids im Boot sitzen. Und das ist schon mal ein Problem, das der Film hat: Man weiß von Beginn an, worauf alles hinausläuft und wie die Geschichte ausgehen wird – der Mitleidfaktor mit den Protagonisten hält sich also in Grenzen. Dass das Ganze dann über eine Laufzeit von mehr als zwei Stunden ausgerollt wird, wirkt sich ebenfalls negativ aus. Hier wäre eine kürzere, prägnantere Erzählweise stimmiger gewesen. Und schließlich weist der Film genretypisch Logiklöcher auf, die ich von einer Könnerin wie Susanne Bier, immerhin Oscar-prämiert für „In einer besseren Welt“, nicht unbedingt erwartet hätte. Allerdings ist der Film als Horrorfilm gut verdaulich und kommt ohne böse Jump-Scares aus, was ich ihm hoch anrechne. So kann auch ein Schisser wie ich mal einen Horrorfilm genießen.

 


5,0
von 10 Kürbissen

(Bildzitat: © 2018 – Netflix, Quelle: imdb.com)