Filmreisechallenge 2018

Saint Jacques … Pilgern auf Französisch (2005)

Regie: Coline Serreau
Original-Titel: Saint Jacques … La Mecque
Erscheinungsjahr: 2005
Genre: Komödie
IMDB-Link: Saint Jacques … La Mecque


Es gibt sie – die wirklich witzigen und herzerwärmenden französischen Komödien. Wie zum Beispiel „Saint Jacques … Pilgern auf Französisch“ definitiv nicht eine davon ist. Die Durchschnittsbewertung auf IMDB ist mit 6,4 gar nicht mal so übel. Ich aber unterstelle einfach mal ganz böse, dass 90% der Stimmen von Franzosen kommen, die den Schnitt so hochtreiben. Franzosen haben offensichtlich einen ganz anderen Humor als ich. Falls ich in diesem Leben echt mieses Karma angesammelt haben sollte, werde ich im nächsten Leben als französischer Komiker wiedergeboren – mit dem Humor aus dem Vorleben. Hungertod mit 22. Fix. Jedenfalls geht es in „Saint Jacques … Pilgern auf Französisch“ um drei sehr unterschiedliche und völlig zerstrittene Geschwister (der egomanische Firmenboss, die frustrierte Gymnasiallehrerin, der verpeilte Alkoholiker und Langzeitarbeitslose), die, damit das Erbe der Mutter nicht an karitative Zwecke geht, sondern an diese drei Arschlöcher, gemeinsam den Jakobsweg gehen müssen – selbstverständlich, ohne sich dabei umzubringen oder sonst irgendwelche Weltkriege auszulösen. Dann gehört die Million ihnen. Also schließen sie sich einer Pilgergruppe an, die quasi ein Best Of sämtlicher Klischees, die man in einem solchen Film erwarten kann, zusammenbringt: Die ehemalige Krebskranke mit dem Kopftuch, die zwei arabischen, fürchterlich dämlich dargestellten Jugendlichen, die glauben, nach Mekka zu pilgern (ha ha, wie lustig), die zwei reichen Schnepfen-Mädels und der Reiseführer mit Migrationshintergrund und goldenem Herzen. Und nun wird gewandert und gestritten, und das soll alles ganz lustig sein, aber irgendwie habe ich vergessen, zu lachen. Vielleicht lag es daran, dass schon die Einführung der drei Geschwister sie so unsympathisch macht, dass sie bei mir von Anfang an einfach unten durch waren. Oder vielleicht lag es daran, dass ich kein Fan davon bin, wenn wandelnde Klischees für Gags herhalten müssen. Vielleicht war es die völlig unglaubwürdige Entwicklung der Geschichte, die von völligem Desinteresse an den Motivationen der Figuren zeugt, die mir das Vergnügen verhagelt hat. Wahrscheinlich war es all das zusammen. Und so verbuche ich „Saint Jacques … Pilgern auf Französisch“ als weiteren missglückten Versuch, französische Komödien lustig zu finden. Filme wie „Ziemlich beste Freunde“ sind tatsächlich seltene Perlen.

Übrigens gehört der Film zu den wenigen, von denen es tatsächlich weder einen deutschsprachigen noch einen englischsprachigen Trailer auf Youtube gibt. Spanisch kann ich anbieten. Hasta la vista!

(Dieser Film ist als Reiseetappe # 39 Teil meiner Filmreisechallenge 2018. Mehr darüber hier.)


3,0
von 10 Kürbissen

Triumph des Willens (1935)

Regie: Leni Riefenstahl
Original-Titel: Triumph des Willens
Erscheinungsjahr: 1935
Genre: Dokumentation, Propagandafilm
IMDB-Link: Triumph des Willens


Aus der Reihe „Filme, die ich mir angesehen habe, damit ihr sie nicht ansehen müsst“: Leni Riefenstahls Propagandafilm „Triumph des Willens“, der den Reichsparteitag 1934 nutzt, um Hitler und die NSDAP ins rechte Licht zu rücken. Warum sieht man sich zwei Stunden lang Nazi-Propaganda an? Nun, zum einen deckt der Film tatsächlich eine Aufgabe der Filmreisechallenge ab, zum anderen gehört er zu den einflussreichsten Filmen des 20. Jahrhunderts, da viele technische und handwerkliche Aspekte wegweisend für weitere Filme waren. Selbst George Lucas hat sich für „Krieg der Sterne“ von der Ästhetik des Films inspirieren lassen. Filmhistorisch gesehen ist also Leni Riefenstahls „Triumph des Willens“ durchaus von Bedeutung. Gleichzeitig interessierte mich die Frage, wie ich selbst aus heutiger Sicht einen solchen Propagandafilm aufnehmen würde, mit welchen Methoden und Bildern damals gearbeitet wurde, um Menschen zu manipulieren, und was diese Bilder mit mir selbst machen würden. Und ja, es war interessant zu sehen, wie sich die NSDAP in diesem Film selbst inszenierte und verherrlichte – und man kann durchaus Parallelen zu Inszenierungen und Worthülsen heutiger Rechtspopulisten ziehen. Von daher gehört der Film eigentlich – von einem fachkundigen Lehrer mitkommentiert – in jeden Geschichtsunterricht aufgenommen. Auch wenn plumpe Propaganda wie in „Triumph des Willens“ so heute nicht mehr funktionieren würde, lassen sich gewisse Mechanismen in einer subtileren Weise auch heute noch entdecken, wenn man genau hinsieht. Mitunter ist „Triumph des Willens“ aber auch eine sehr ermüdende Angelegenheit, vor allem, wenn die Wehrmacht in einer Parade eine halbe Stunde lang am Führer vorbeitanzt (an dem Punkt habe ich mich gefragt, ob sich der Adi dabei genauso gelangweilt hat wie ich). Und über den Inhalt der Reden kann man getrost den Mantel des Schweigens breiten. Mit dem Wissen der heutigen Zeit lassen sich zwischen den Zeilen vielleicht noch interessante Andeutungen und Androhungen der Schrecken, die drei Jahre später Realität wurden, herauslesen, aber ansonsten ist das alles der übliche Nazi-Dreck á la „niemand kann uns aufhalten“. Insgesamt ist „Triumph des Willens“ eine ambivalente Geschichte: Technisch und handwerklich sicherlich herausragend, inhaltlich übelster Propagandamist, den man kaum zwei Stunden lang ohne gröbere Schmerzen durchhalten kann. So kommt dann auch meine Bewertung zustande (und die „Auszeichnung“, als einziger Film keine Bewertung zu erhalten, wollte ich diesem Mist nicht gönnen). Die 3 Kürbisse bekommt der Film ausschließlich für seine bahnbrechenden Kamerafahrten und innovativen Beleuchtungskonzepte. Auf den hier üblichen eingebetteten Trailer verzichte ich an dieser Stelle im Übrigen – aber ein Ausschnitt aus einer der bekanntesten Reden Hitlers aus dem Film darf es schon sein.

(Dieser Film ist als Reiseetappe # 13 Teil meiner Filmreisechallenge 2018. Mehr darüber hier.)


3,0
von 10 Kürbissen

Eddie the Eagle – Alles ist möglich (2016)

Regie: Dexter Fletcher
Original-Titel: Eddie the Eagle
Erscheinungsjahr: 2016
Genre: Komödie, Biopic, Sportfilm
IMDB-Link: Eddie the Eagle


Ich gebe zu: Ich habe ein Herz für Außenseiter-Geschichten über Menschen, die es vielleicht nicht ganz an die Spitze schaffen, aber mit Mut und Willensstärke der Welt beweisen, wie viel Größe in uns steckt, wenn wir an uns glauben. Ich liebe diese Momente des Triumphes und der Anerkennung. Und auch wenn ich kein leidenschaftlicher Skisprung-Fan bin, so verfolge ich diesen Sport doch schon seit meiner Kindheit mit Interesse und habe auch eine gewisse Ahnung davon. So gesehen war es klar, dass ich irgendwann „Eddie the Eagle“ sehen muss, die Biographie von Michael „Eddie“ Edwards, der 1988 Skisprung-Geschichte geschrieben hat als erster britischer Skispringer bei Olympia. Auch wenn ich mich selbst nicht mehr an Eddie the Eagle und seine legendären, viel umjubelten Sprünge erinnern kann, so ist mir seine Geschichte dennoch ein Begriff. Auf Youtube finden sich glücklicherweise einige Videos mit den besten Momenten in Eddies Karriere. Und was war das für eine faszinierende Persönlichkeit! Man muss sich das einmal vorstellen: Inmitten all der mageren, durchtrainierten Skisprung-Stars, die schon seit Kindesalter an diesen Sport leben, taucht ein leicht untersetzter Brite mit Brillengläsern so dick wie Aquarienbecken auf, der gerade einmal vor kurzem mit dem Sport begonnen hat, da er darin eine Chance gesehen hat, seinen Traum von den Olympischen Spielen zu verwirklichen – da es sonst innerhalb Großbritanniens keine Konkurrenz gab. Und dieser Mann nimmt sein Herz (und seine Cojones) in die Hand und schmeißt sich vom Bakken hinunter in dem Wissen, dass ihn der kleinste Fehler (und er ist weit davon entfernt, fehlerfrei springen zu können) ins Krankenhaus bringen wird. Herz, was willst du mehr? „Eddie the Eagle – Alles ist möglich“ zeichnet nun mit den klassischen (und überraschungsfreien) Mitteln eines Biopics diese unglaubliche Geschichte nach. Dass der Film trotz der guten Ausgangslage, den er bei mir hatte, bei mir dennoch nicht gezündet hat, ist einfach erklärt: Zum Einen ist die Geschichte zu frei interpretiert. Ja, man muss bei Verfilmungen biographischer Ereignisse immer zu dramaturgischen Kniffen greifen, um das Publikum nicht mit Redundanzen und Leerstellen, die ein Leben eben auch beinhaltet, zu langweilen und die Realität in das Spielfilmformat hineinzuschneiden. Aber wenn nur etwa 5% des Gezeigten mit der Realität übereinstimmen (dies eine Aussage von Eddie Edwards, nachdem er den Film gesehen hat), kann man nicht mehr von kleinen dramaturgischen Anpassungen sprechen, sondern schlicht einer Verfälschung der Ereignisse. Kann man ja machen, nur sollte man das dann nicht mehr als die wahre Geschichte von Eddie the Eagle vermarkten. Ein zweiter Faktor ist die Schauspielleistung. Taron Egerton bemüht sich sehr, diesen schrägen Typen Eddie the Eagle zu verkörpern, verzerrt ihn aber bis zur Karikatur. Und Hugh Jackman spielt routiniert und gelangweilt und fügt dem Film so keinen echten Mehrwert hinzu. (Davon abgesehen ist gerade seine rein fiktive Figur das für mich Problematischste an der Geschichtsverzerrung, denn plötzlich werden die Erfolge, die eine historische Person gefeiert hat, einem fiktiven Charakter mit zugeschrieben.) Natürlich kann man sich „Eddie the Eagle“ dennoch gut ansehen – es ist ein routiniert gemachtes Wohlfühlkino für einen entspannten Sonntagabend. Und das Ende sorgte bei mir für eine Gänsehaut – was eben auch daran liegt, dass ich ein Faible für diese Außenseiter wie Eddie the Eagle habe. Ein richtig guter Film ist das aber nicht geworden.

Übrigens scheint Calgary 1988 ein guter Nährboden gewesen zu sein für spektakuläre Außenseiter-Geschichten. „Das geht über eure Vorstellungskraft: Jamaica hat ’ne Bob-Mannschaft!“ Aber das ist eine andere Geschichte.

Dieser Film ist als Reiseetappe # 40 Teil meiner Filmreisechallenge 2018. Mehr darüber hier.)


5,0
von 10 Kürbissen

Ederlezi Rising (2018)

Regie: Lazar Bodroža
Original-Titel: Ederlezi Rising
Erscheinungsjahr: 2018
Genre: Science Fiction, Erotik, Liebesfilm
IMDB-Link: Ederlezi Rising


Science Fiction und ich. Das funktioniert. Blade Runner. Her. Ex Machina. 2001 – A Space Odyssee. Alles wunderbare Filme, die ich sehr liebe. Eigentlich sollte also ein serbisches Mashup dieser Filme, das trotz des geringen Budget große Ambitionen aufweist und sich kräftig in diese Richtungen verbeugt, ganz nach meinem Gusto sein. Es bleibt leider beim Konjunktiv. Denn Lazar Bodrožas Sci-Fi-Fiebertraum krankt nicht nur an der Umsetzung wie beispielsweise einem sehr hölzernen Schauspiel und dem Budget geschuldeten Weltraumpixeleien, sondern vor allem am Inhalt. Dabei wäre die Synopsis gar vielversprechend gewesen: Einsamer Astronaut auf einer Mission wird von einem weiblichen Cyborg begleitet, und allmählich entwickeln sich zwischen dem Mensch und dem künstlichen Wesen echte Gefühle. Dass der gut aussehende Cyborg (Pornodarstellerin Stoya in ihrem ersten Nicht-Porno, wobei: das ist Ansichtssache, dazu komme ich gleich noch mal) zunächst mal frei programmierbar ist – von unterwürfig bis aufmüpfig je nach Stimmungslage des grummelig-graumelierten Grenzgängers – ist wohl ein feuchter Bubentraum, mit dessen Verwirklichung sich der Regisseur selbst beschenkt hat. In weiterer Folge dreht der fadisierte Don Juan aber die Sicherheitsregler nach unten, weil irgendwie ist so eine überraschungsfreie Beziehung auf Knopfdruck doch nicht das Wahre. Und damit beginnen die Probleme erst. Lass der Frau ihren Willen, und du bist im Arsch. Das könnte eine Message des Regisseurs sein, so könnte man seinen Film auslegen. Und damit sind wir beim inhaltlichen Problem Nummer 1. Ein besonders ausgewogenes Geschlechterbild zeichnet der Film nicht – im Gegenteil. Problem Nummer 2: Der Regisseur dachte sich wohl: „Hurra, wir haben einen Pornostar am Set, das nutzen wir doch gleich mal aus!“ Ja, okay, Cyborgs ist auch im Weltall nicht kalt, das kann ich ja verstehen, aber muss die Dame trotzdem fast die ganze Zeit über nackig herumlaufen, auch wenn sie noch so gut aussieht? Für die Story ist es nämlich wurscht. So entsteht der Eindruck, als hätten die Macher einfach die Gunst der Stunde genutzt, dass ihre Hauptdarstellerin ohnehin textilfreies Werken gewöhnt ist. Natürlich kann man das Ganze auch völlig konträr sehen – vielleicht ist „Elderlezi Rising“ ein feministisches Meisterwerk und ein satirischer Kommentar auf männlichen Macho-Kult. Vielleicht. Ich weiß es halt nicht. Und damit hat der Film – bei mir jedenfalls – seine Intention verfehlt, wenn sie denn so gedacht war, und nur der unangenehme Nachgeschmack bleibt zurück. Schade drum.

(Dieser Film ist als Reiseetappe # 23 Teil meiner Filmreisechallenge 2018. Mehr darüber hier.)


3,5
von 10 Kürbissen

(Foto: LET’S CEE Film Festival)

November (2017)

Regie: Rainer Sarnet
Original-Titel: November
Erscheinungsjahr: 2017
Genre: Drama, Komödie, Liebesfilm, Fantasy
IMDB-Link: November


Der estnische Film „November“ eröffnete das LET’S CEE Film Festival 2018. Und so vielfältig wie die zentral- und osteuropäischen Filme eben so sind, die im Rahmen des Festivals gezeigt werden, so viele Ebenen und Schichten hat auch „November“ selbst, der sich einer klaren Genre-Zuordnung verweigert. Am ehesten könnte man den Film als groteskes Märchen bezeichnen. Hier geben sich fröhlich Hexen, Geister, Formwandler,  die personifizierte Pest, mythische estnische Wesen, die aus Haushaltsgegenständen gebaut werden (sogenannte Kratts) sowie Luzifer persönlich ein Stelldichein. Vorrangig geht es in dieser Geschichte um die junge Liina, die in Hans verliebt ist, der allerdings diese Liebe nicht erwidert, da er sich in die schöne Gräfin verschaut hat, die wiederum im Stand meilenweit über dem Rest der Dorfbewohner steht (und manchmal auch im wortwörtlichen Sinne über ihnen, da sie die Angewohnheit hat, auf dem Dach des Gutshofes schlafzuwandeln). Soweit, so klassisch. Allerdings folgt der Film nur selten konventionellen Märchenpfaden. Immer wieder driften die Situationen ins Absurde ab, selten macht etwas wirklich Sinn, und eine klassische Storyentwicklung sucht man die meiste Zeit über auch vergeblich. Das alles klingt jetzt erst einmal nicht so erbaulich. Jetzt kommt mein großes „Aber“. Aber: Der Film ist trotz aller Rätselhaftigkeit (oder vielleicht auch gerade deswegen) unglaublich interessant und spektakulär anzusehen. Die in Schwarz-Weiß gehaltenen Bilder – die Schattenspiele im Wald, der Nebel, der den verlassen wirkenden Gutshof umhüllt – sind atemberaubend schön. Und der Inhalt selbst, diese Verbindung von estnischer Folklore und Märchen, verschließt sich vielleicht gängigen Interpretationsmustern, wirkt aber nie inkohärent oder chaotisch. Im Gegenteil: Man folgt einer Geschichte, die nach einem ganz klar umrissenen Plan abläuft, den man nicht versteht. Dennoch fühlt man sich als Zuseher gut durch die Geschichte geleitet. Man möchte nicht allein sein im finsteren Wald, wenn Luzifer herbeigerufen wird, aber in den Händen des Regisseurs geht man auch dieses Abenteuer gerne mit. Heißt es nicht am Ende immer: „Und sie lebten glücklich bis ans Ende ihrer Tage …“? Wie so ziemlich alles in diesem Film kommt man mit gängiger Logik allerdings nicht allzu weit. Das muss man natürlich erst einmal mögen – aber falls man sich auf solche cineastischen Wagnisse einlassen und alle Erwartungshaltungen und Schablonen mal beiseite lassen kann und den Film stattdessen als sinnliches Erlebnis wahrnimmt, bietet „November“ eine Erfahrung, die man nicht missen möchte.

(Dieser Film ist als Reiseetappe # 10 Teil meiner Filmreisechallenge 2018. Mehr darüber hier.)


9,0
von 10 Kürbissen

(Foto: LET’S CEE Film Festival)

Leningrad Cowboys Go America (1989)

Regie: Aki Kaurismäki
Original-Titel: Leningrad Cowboys Go America
Erscheinungsjahr: 1989
Genre: Komödie, Roadmovie, Musikfilm, Satire
IMDB-Link: Leningrad Cowboys Go America


Diesen Film muss man erst einmal sacken lassen. Der braucht eine Weile, um kognitiv verarbeitet zu werden. Aber weil es eh irgendwie wurscht ist, kann man eine Filmkritik auch nach Art der Leningrad Cowboys schreiben, nach dem Motto „Scheiß drauf, wir machen das jetzt einfach“. Denn so funktioniert der Film, so funktionieren die Leningrad Cowboys. Gerade noch in der finnischen Tundra von einem Plattenchef abgelehnt worden mit dem Hinweis, „Geht nach Amerika, die kaufen dort jeden Scheiß“, sitzen sie  mit ihren imposanten Haartollen schon im Flugzeug, den beim Üben im Freien erfrorenen Bassisten im Gepäck, und machen das Land der unbegrenzten Möglichkeiten unsicher. Und weil das Land eben unbegrenzte Möglichkeiten bietet, spielt man von Rock’n’Roll über Country alles, was gerade verlangt wird. So richtig zündet die Mischung aus stoischer Coolness, Haargel und Posaunen nicht beim Publikum, aber man schlägt sich durch, bis man schließlich in Mexiko groß aufspielt. Und das, obwohl es manchmal vom diktatorischen Manager (Matti Pellonpää) nur rohe Zwiebeln zum Essen gibt, während er sich saftige Filetsteaks hineinzieht. Man kommt nie aus dem Takt. Ein bisschen ist „Leningrad Cowboys Go America“ die satirische und durch und durch finnische Antwort auf die Blues Brothers, die wiederum selbst ein satirischer Kommentar auf die Musikszene in den USA sind. Die Blues Brothers sind schon irre, aber gegen die Leningrad Cowboys erscheinen sie zahm wie die Wiener Sängerknaben. Nicht jeder Witz dieses episodenhaft angelegten Klamauk zündet, aber irgendwie ist das egal, denn allein schon die Frisuren sorgen dafür, dass man die ganze Zeit über Spaß hat. Und weil das mit den Frisuren so gut funktioniert hat, wurde aus der von Kaurismäki erdachten fiktiven Band tatsächlich eine echte mit breiter Fanbasis über den ganzen Planeten. Life imitates art.

(Dieser Film ist als Reiseetappe # 48 Teil meiner Filmreisechallenge 2018. Mehr darüber hier.)


7,0
von 10 Kürbissen

Das Piano (1993)

Regie: Jane Campion
Original-Titel: The Piano
Erscheinungsjahr: 1993
Genre: Drama, Liebesfilm
IMDB-Link: The Piano


Sam Neill im Dschungel. Warum muss ich da immer an Jurassic Park denken? Sei’s drum – in Jane Campions dreifachem Oscar-Gewinner „Das Piano“ wird er nicht von hungrigen Dinosauriern attackiert, sondern als Alistair Stewart von den Wirrnissen der Liebe. Soeben hat es seine neue Angetraute, die stumme Witwe Ada (Holly Hunter, Oscar), samt deren Tochter Flora (Anna Paquin, ebenfalls Oscar) an den neuseeländischen Strand gespült, doch die Gewöhnung aneinander läuft nicht ganz so reibungslos ab, wie man sich das im Vorfeld ausmalt. Ein bisschen spröde ist die Neue, und dass sie nichts redet, macht es auch nicht einfacher, sich anzunähern. Schwerer taktischer Fehler gleich zu Beginn: Das heiß geliebte Piano, für Ada mehr als nur ein Musikinstrument, sondern ihre Weise, sich der Welt gegenüber auszudrücken, bleibt aufgrund der Sperrigkeit und des Gewichts am Strand zurück. Klar hat sich da Alistair gleich mal selbst ein Ei gelegt, denn so gewinnt man keine Zuneigung, sondern nur Probleme. Man kann nicht wirklich sagen, dass sich Ada in die starken Arme von George Baines (Harvey Keitel) flüchtet, ein eher schweigsamer Geselle mit interessanten Tattoos, der sich mit den Maori gut gestellt hat. Es ist vielmehr so, dass er die Gunst der Stunde (und Alistairs Dummheit) nutzt, seinem Bekannten das am Strand verwaiste Piano abluchst und in Folge dessen Ada um, sagen wir mal, kleine Gefälligkeiten bittet, wenn sie es wiederhaben möchte. Auftakt zu einer mit viel melancholischer Musik unterlegter Ménage à trois. Und weil’s ständig schifft wie aus Eimern und die Pianomusik gar so traurig klingt, lässt sich schon bald erahnen: Das geht nicht lange gut. Allerdings bleibt der Film über seine gesamte Spieldauer interessant und sehenswert. Zum Einen liegt das an der poetischen, aber selten kitschigen Inszenierung von Jane Campion, zum Anderen an den tollen Leistungen aller Beteiligten – wobei Holly Hunter als stumme Ada, hin- und hergerissen zwischen Abscheu und Verlangen, noch einmal deutlich herausragt. Auch das neuseeländische Setting und die Einbettung der Maori in den Alltag ist durchaus gelungen. Das Ende ist schön und stimmig. Wer den Film noch nicht kennt, kann hier jedenfalls mal einen Blick riskieren, ungeachtet spezieller cineastischer Präferenzen.

(Dieser Film ist als Reiseetappe # 1 Teil meiner Filmreisechallenge 2018. Mehr darüber hier.)


7,0
von 10 Kürbissen

Die Abenteuer des Prinzen Achmed (1926)

Regie: Lotte Reiniger
Original-Titel: Die Abenteuer des Prinzen Achmed
Erscheinungsjahr: 1926
Genre: Animation, Fantasy
IMDB-Link: Die Abenteuer des Prinzen Achmed


Prinz Ahmed ist schon ein Strizzi. Kaum wird er von einem bösen Zauberer hereingelegt, der sich des Bruders seiner Angebeteten mit Hilfe eines fliegenden Pferds entledigt, das den Prinzen immer weiter von zuhause fort trägt, lässt sich der so ins Exil beförderte Prinz erst mal auf ein Techtelmechtel mit gleich fünf hübschen Damen ein, raubt dann eine schöne Nackte aus ihrer Heimat, die er beim Baden im See gestalkt hat, verscherzt es sich so mit bösen Dämonen, und herausreißen aus der ganzen Misere muss den abenteuerlustigen Schwerenöter ausgerechnet Aladin, dem zwischenzeitlich seine Zauberlampe flöten gegangen ist, und eine hässliche Hexe. So viel zum Heldentum. Verbuchen wir das Ganze als jugendlicher Leichtsinn. Dass das Abenteuer des Prinzen trotzdem auch fast 100 Jahre nach dem Entstehen faszinieren kann, liegt in der unglaublich fantasievollen Machart. Lotte Reiniger schuf einen der ersten abendfüllenden Trickfilme der Geschichte mithilfe liebevoll gestalteter Scherenschnitte, die mit einem Detailreichtum aufwarten, der schnell vergessen lässt, dass sich hier nur Schatten über farbigem Hintergrund bewegen. Drei Jahre lang arbeiteten Lotte Reiniger und ihr Team an diesem Film, dessen Alter nur aufgrund der manchmal arg naiven Erzählstruktur durchschimmert. Tricktechnisch jedoch können die Scherenschnitte, die auch in dramatischen Situationen sehr gut funktionieren, auch heute noch überzeugen. Das ist vor allem Lotte Reinigers unbändiger Fantasie zu verdanken, die jedes Tableau mit viel Witz und einem Hauch von Expressionismus bedacht hat. Dieser Film wird auch die nächsten 100 Jahre gut überstehen, da bin ich mir sicher.

(Dieser Film ist als Reiseetappe # 29 Teil meiner Filmreisechallenge 2018. Mehr darüber hier.)


8,0
von 10 Kürbissen

The Woman Who Left (2016)

Regie: Lav Diaz
Original-Titel: Ang Babaeng Humayo
Erscheinungsjahr: 2016
Genre: Drama
IMDB-Link: Ang Babaeng Humayo


Bei manchen Regisseuren empfiehlt es sich, zunächst einmal als Einstieg einen Kurzfilm anzusehen, um sich mit dem Stil vertraut zu machen und zu überprüfen, ob die Bildsprache und Komposition dem eigenen Geschmack entsprechen. So auch bei Lav Diaz. Bevor man sich also an seine Langfilme macht, kann man mal einen Blick wagen auf seinen nicht einmal 4 Stunden dauernden Kurzfilm „The Woman Who Left“, der erfreulicherweise gerade im Wiener Metro Kino läuft. Diese Gelegenheit musste ich nutzen. Und auch wenn der Film stellenweise aufgrund seiner Kürze arg gehetzt wirkt und man manche Handlungsstränge durchaus ordentlicher hätte auserzählen können, so ist dieser erste Appetithappen ein schmackhafter. Die Geschichte ist natürlich sehr ökonomisch angelegt (anders brächte man sie in der kurzen Spieldauer auch gar nicht unter): Eine Frau kommt nach dreißig Jahren aus dem Gefängnis, die sie unschuldig einsitzen musste. Ausgerechnet die Mitinsassin und gute Freundin war geständig, den Ehemann der Frau im Auftrag ihres Ex-Lovers aus dem Weg geräumt und ihr den Mord in die Schuhe geschoben zu haben. Nun ist die Frau auf Rache aus und fährt in die Stadt, in der sich ihr ehemaliger Liebhaber, ein mächtiger Gangsterboss, verschanzt hat. Dort lernt sie einige Außenseiter der Gesellschaft kennen: einen buckligen Straßenverkäufer, eine verrückte Obdachlose, einen viel geschundenen Transvestiten. Alle Kalauer mal beiseite – wie vielleicht schon zwischen den Zeilen angedeutet wurde, nimmt sich „The Woman Who Left“ wirklich viel Zeit für seine Geschichte und seine Figuren. Was vordergründig als Rachegeschichte a la „Kill Bill“ angelegt ist, entpuppt sich als sehr menschliches Drama rund um die Außenseiter dieser Geschichte, die immer mehr in den Vordergrund rücken. Horacia, die unschuldige Insassin, begegnet all diesen Menschen mit viel Respekt und Zuneigung, und allmählich treten die Rachegelüste zurück zugunsten einer Wertschätzung für das Leben im Generellen. Gedreht in formal strengem Schwarz-Weiß mit ruhigen, statischen Kameraeinstellungen (bis auf eine Ausnahme) konzentriert sich der Film dabei voll und ganz auf die Begegnungen seiner Figuren, auf die vielen zarten Momente des Kennenlernens und wachsenden Vertrauens. Viele dieser Momente wirken zunächst redundant, greifen aber nach und nach ineinander und tragen dazu bei, dass man als Zuseher den Figuren immer näher kommt. So überrascht es auch nicht, dass der Film in der ersten Hälfte tatsächlich einige Längen aufweist, in der zweiten aber mit jeder Einstellung interessanter wird, da einem die Figuren vertrauter sind, als wären sie nahe Verwandte, die einem ihre Geschichte erzählen. Am Ende findet der Film sogar wieder den Bogen zurück zu seinem Anfang, und die letzte Szene ist ambivalent und auf eine unbestimmte Weise erschütternd. Ein Meisterwerk, für das man viel Sitzfleisch benötigt und das sicherlich nicht jederzeit und in jeder Stimmungslage angesehen werden kann, das sich aber, am richtigen Tag gesehen, sehr lohnt und den Horizont des Zusehers erweitert.

(Dieser Film ist als Reiseetappe # 4 Teil meiner Filmreisechallenge 2018. Mehr darüber hier.)


8,5
von 10 Kürbissen

(Foto: Filmgarten)

Hemel (2012)

Regie: Sacha Polak
Original-Titel: Hemel
Erscheinungsjahr: 2012
Genre: Drama, Episodenfilm, Erotik
IMDB-Link: Hemel


Das wäre etwas fürs alljährliche Viennale-Bingo gewesen! Gleich in der ersten Szene hätte man frohgemut „Brüste“ und „Penis“ abhaken können. Denn da steigt Hemel (das niederländische Wort für Himmel) textilfrei in den Ring mit einem gewissen Joris und seinem Jorischen. Das soll allerdings nicht der einzige Bettentango sein, denn bereits im nächsten Kapitel („Hemel“, der Film, ist in kurzen Episoden erzählt, in Schlaglichtern auf das Leben der Protagonistin) turnt Hemel mit einem Algerier über die Matratzen. Schon wird ein Muster deutlich: Die junge Hemel (Hannah Hoekstra) ist selbstbewusst, promiskuitiv und eiskalt. Der gerade Verflossenen ihres Vaters (Hans Dagelet) bringt sie nicht mehr Mitgefühl entgegen als einem verschmutzten Pflasterstein. Doch nach und nach zeigen sich Risse in dieser glatten, kontrollierten Oberfläche. Als sich ihr Vater ernsthaft verliebt, kann sie damit nicht umgehen. Es wird klar, dass sie selbst im Grunde auch nur auf der Suche nach Liebe und Geborgenheit ist. Und so wird „Hemel“ nach dem freizügigen Beginn dann doch ein recht stiller, nachdenklicher Film über eine verletzliche junge Frau, die ihre zarte Seite hinter einem Schutzpanzer verbirgt. Hannah Hoekstra spielt diese vielen Nuancen ihrer Figur ausdrucksstark und glaubhaft. Auch Hans Dagelet als ihr Vater und Mark Rietman als einer von Hemels Liebhabern können überzeugen. Psychologisch steckt viel drin in diesem Film – der Vaterkomplex als das offensichtlichste Thema. Aber auch darüber hinaus gibt es einiges, worüber man später auch noch nachdenken kann. Dass mich „Hemel“ dennoch nicht auf der ganzen Linie überzeugt hat, liegt an einigen Details wie beispielsweise der episodenhaften Erzählweise, die sich manchmal auch in Banalitäten verstrickt, die den Film zwischenzeitlich langatmig machen. Zudem ist das Thema der jungen Frau, die Liebe mit Sex verwechselt, nicht unbedingt neu oder originell, und abgesehen davon, dass die Psychologie der Figuren ganz gut ausgearbeitet scheint, fügt der Film dem Topos der Selbstfindung junger Frauen keine zusätzliche Nuance hinzu.

(Dieser Film ist als Reiseetappe # 60 Teil meiner Filmreisechallenge 2018. Mehr darüber hier.)


6,0
von 10 Kürbissen