Autor: Filmkürbis

Contagion (2011)

Regie: Steven Soderbergh
Original-Titel: Contagion
Erscheinungsjahr: 2011
Genre: Drama, Thriller
IMDB-Link: Contagion


Es gibt fiktive Geschichten, die von der Realität überholt werden. Steven Soderberghs Thriller „Contagion“ aus dem Jahr 2011 ist so ein Fall. Nicht ganz zehn Jahre später müssen wir festhalten: Abgesehen davon, dass der im Film gezeigte Virus etwas gar zu drastisch wirkt, hat Soderbergh das derzeit weltweite Corona-Szenario erschreckend genau getroffen. Am Anfang wird alles noch ein wenig heruntergespielt bzw. ist man sich unsicher, womit man es zu tun hat, dann wird die Situation undurchsichtiger und gefährlicher, es kommt zu Isolationsmaßnahmen, Maskenpflicht bis hin zur totalen Abschottung von Städten mit den dann zu erwartenden Problemen: panischen Hamsterkäufen, Nahrungsknappheit, Plünderungen, dem totalen Zusammenbruch der gesellschaftlichen Ordnung. Ganz so weit sind wir bei der aktuellen Corona-Pandemie ja glücklicherweise nicht, aber wenn das Virus so tödlich verlaufen würde wie im Film gezeigt, dann frage nicht. Es ist Soderberghs große Stärke, dass er selbst so ein dramatisches Szenario nicht episch ausschlachtet, sondern bewusst nüchtern und distanziert erzählt. Er kann sich dabei auf einen grandiosen Best Of-Cast Hollywoods verlassen: Laurence Fishburne, Kate Winslet, Gwyneth Paltrow, Matt Damon, Jude Law, Marion Cotillard, Bryan Cranston, Jennifer Ehle, John Hawkes, Elliott Gould und viele mehr, die allesamt auch zurückstecken können und akzeptieren, dass sie nur ein jeweils kleines Rädchen in der großen Maschine sind – ganz so, wie wir alle in der realen Welt auch, wenn wir von einer Pandemie überrollt werden. Doch wie es auch in der aktuellen Pandemie so ist: Scheren die Rädchen nach und nach aus, weil sie sich für etwas Besseres halten, ist das große Ganze gefährdet, die Maschine gerät ins Stocken, und das Virus jagt unbehelligt erneut um den Globus.


7,5
von 10 Kürbissen

(Bildzitat: Photo by Courtesy Warner Bros. – © 2011 Warner Bros. Entertainment Inc., Quelle imdb.com)

Super Size Me (2004)

Regie: Morgan Spurlock
Original-Titel: Super Size Me
Erscheinungsjahr: 2004
Genre: Dokumentation
IMDB-Link: Super Size Me


Die Geschichte ist voller mutiger Forscher, die Leib und Leben für ihre Forschung riskiert haben. Morgan Spurlock ist ein vielleicht eher überraschender Name auf dieser Liste. Aber wenn man sieht, welchen Effekt eine Ernährung, die einen Monat lang nur aus dem Angebot von McDonald’s besteht, auf seinen Körper hat, wird man gleich ein bisschen blass um die Nase und denkt mit großer Scham an den letzten Maci-Besuch zurück, als man noch partout die Käse-Ecken zu seinem Menü haben musste. Die gute Nachricht ist: So gut wie niemand isst alle Mahlzeiten bei McDonald’s. Die schlechte Nachricht ist: Auch wenn man es nicht ganz so exzessiv betreibt, fährt das Zeug so richtig rein. Dass Fast Food nicht unbedingt den Anspruch erhebt, gesund zu sein, ist ja keine neue Erkenntnis, aber das Ausmaß der Katastrophe, die man durch regelmäßigen Burgerkonsum seinem Leib zumutet, wurde 2004 durch Spurlocks Film erstmals so richtig sichtbar. Man muss Spurlock hoch anrechnen, dass er (zumindest zu Beginn) mit großem Enthusiasmus in seine Big Macs beißt und McDonald’s bzw. die Fast Food-Industrie nicht verteufelt – das Zeug schmeckt ja. Gleichzeitig aber legt er gnadenlos offen, welch gefährliche Auswirkungen diese Art der Ernährung tatsächlich mit sich bringt. Schuldbewusst blickt man danach runter auf seinen Ranzen, der zumindest zum Teil von Fast Food und Tiefkühlkost geformt wurde, und gelobt Besserung in Form vom gedünsteten Gemüse und Low Carb-Ernährung – bis halt die nächste Schokoladetafel lockt. Was sind wir doch für armselige Kreaturen! „Super Size Me“ konfrontiert uns somit mit unseren eigenen Schwächen und den möglichen Auswirkungen davon. Der Film hat zwar mittlerweile einige Jahre auf dem Buckel, aber die Qualität der Nährstoffe von McDonald’s & Co. wird seither nicht signifikant angestiegen sein, also hat der Film immer noch seine Relevanz.


6,5
von 10 Kürbissen

(Bildzitat: Quelle imdb.com)

Auf der Couch in Tunis (2019)

Regie: Manele Labidi
Original-Titel: Un divan à Tunis
Erscheinungsjahr: 2019
Genre: Komödie
IMDB-Link: Un divan à Tunis


Endlich wieder Kino! Was liegt da näher, als sich auf die Couch zu legen und die vergangenen Monate cineastischer Tristesse bei einer Therapeutin zu reflektieren und aufzuarbeiten? Gleich mal vorweg: Von Selma (Golshifteh Farahani) hätte ich mich wahrscheinlich dann doch eher nicht behandeln lassen, denn die junge Frau, die gerade aus Frankreich nach Tunis zurückgekommen ist, ein Scheitern per se in den Augen ihres Umfelds, wirkt reichlich überspannt und sehr ungeduldig mit ihren Patienten. Auch dass man sich im Vorfeld nicht um rechtliche Belange kümmern muss, sondern erst mal davon ausgeht, dass man nach einigen Jahren im zivilisierten Frankreich über den Wilden vor Ort steht, macht sie nicht unbedingt sympathisch. Dennoch ist ihre Praxis, die sie kurzerhand in einer kleinen Dachwohnung eröffnet, bald rappelvoll. Tunesier haben offenbar einen erhöhten Redebedarf. Der Rest ist ein klischeehaftes Abarbeiten an den Problemen und Spleens der Patienten, eine etwas verhatschte Love-Story mit einem gut aussehenden Polizisten und Dialogzeilen, die eher an Daily Soaps erinnern als an großes Kino. Dennoch wäre „Auf der Couch in Tunis“ trotz dieser Schwächen eine recht kurzweilige Komödie, die über ihre Spielzeit hinweg ganz gut unterhalten kann, die ein gutes Tempo fährt und auch mit einigen gelungenen Nebenfiguren aufwarten kann, die zumindest interessant genug sind, sodass der Zuseher dabei bleibt. Aber der Film hat ein großes Grundproblem, und das ist die (mir) reichlich unsympathische Hauptfigur, der ich kein Happy End vergönnen mag. Schade drum, denn da hätte mehr gehen können.


5,0
von 10 Kürbissen

(Bildzitat: Photo by Carole Bethuel – © Kazak Productions, Quelle imdb.com)

Terminator 3 – Rebellion der Maschinen (2003)

Regie: Jonathan Mostow
Original-Titel: Terminator 3: Rise of the Machines
Erscheinungsjahr: 2003
Genre: Action, Science Fiction, Thriller
IMDB-Link: Terminator 3: Rise of the Machines


Alles hat ein Ende? Na ja, darüber kann man streiten. Für die Terminator-Filmreihe scheint dies nicht zu gelten, auch wenn man meinen möchte, dass in Terminator 2 – Tag der Abrechnung die Geschichte sauber zu Ende erzählt worden wäre. James Cameron hatte jedenfalls keine Lust (oder keine Zeit), sich für die nächste Fortsetzung in den Regiestuhl zu setzen, also musste Jonathan Mostow ran. Worüber man erst mal groß die Nase rümpfte. Und tatsächlich, kaum ist James Cameron für das Ergebnis nicht mehr verantwortlich, geht ein gutes Stück der Genialität der ersten Filme verloren. „Terminator 3 – Rebellion der Maschinen“ erscheint zunächst doch etwas uninspiriert. Böse Maschine (in diesem Fall Kristanna Loken als Terminatrix) wird in die Vergangenheit geschickt, um John Connor (ein sichtlich überforderter Nick Stahl) zu terminieren, gute Maschine (Arnold Schwarzenegger, schon nicht mehr ganz so taufrisch und mit einer herrlichen Anspielung auf eine kurz vor dem Film überlebte Herz-OP) muss eben dies wieder verhindern, ist dabei technisch klar unterlegen. Das hatten wir alles schon mal – und das hatten wir alles auch schon besser. Mit Claire Danes als ehemalige Bekannte von John Connor und Tochter eines wichtigen Generals kommt wieder ein bisschen Frauenpower dazu, auch wenn niemand Linda Hamilton als Sarah Connor ersetzen kann. Warum ich den Film aber dennoch mag, liegt an seiner bitteren Konsequenz am Ende. Hier hätte man mit einigen falschen Entscheidungen den Film komplett an die Wand fahren können. Stattdessen spielt der Film dort seine größten Stärken aus. Der Weg dahin ist halt sehr actionlastig und bietet nicht viel Neues. Zugegeben, nach dem grandiosen zweiten Teil ist Teil 3 eine Enttäuschung. Wenn man sich allerdings auf den Film einlässt, erhält man zumindest einen guten, spannend inszenierten Actionkracher, der für sich selbst schon ganz gut bestehen kann. Dass der Film mit dem neuen (und trotz Linda Hamilton schlechteren) Terminator – Dark Fate aus der Timeline gestrichen wurde, hat er nicht verdient.


6,5
von 10 Kürbissen

(Bildzitat: © 2003 IMF Internationale Medien und Film GmbH & Co. 3 Produktions KG, Quelle imdb.com)

Terminator 2 – Tag der Abrechnung (1991)

Regie: James Cameron
Original-Titel: Terminator 2: Judgment Day
Erscheinungsjahr: 1991
Genre: Action, Science Fiction, Thriller
IMDB-Link: Terminator 2: Judgment Day


Terminator aus dem Jahr 1984 war ein Überraschungserfolg und machte Arnold Schwarzenegger quasi über Nacht zum Superstar. Kein Wunder, dass eine Fortsetzung her musste. Und weil das Konzept bewährt ist, erzählt man die gleiche Geschichte noch mal, nur ein paar Jahre später und mit umgedrehten Rollen: Der Böse aus Teil 1 darf nun gut sein. Gähn. Kennt man ja alles schon, da ist den Drehbuchautoren und Produzenten mal wieder nichts Neues eingefallen, und man melkt die Kuh, bis sie tot ist. Aber hoppla – warum ist dieser Film dann plötzlich so sagenhaft gut? Wie kann es sein, dass die Effekte, die mittlerweile ja auch schon wieder fast 30 Jahre auf dem Buckel haben, immer noch so unglaublich realistisch wirken? Und ist da auf einmal so etwas wie eine Charakterentwicklung zu sehen? Und die Spannung! Die Daumenschrauben werden von der ersten bis zur letzten Minute fest angezogen, und man erwischt sich Nägel beißend in die Couch gedrückt. Herrschaftszeiten – der Film ist fast drei Jahrzehnte alt und eine verdammte Fortsetzung! Wie kann das funktionieren? Man muss einfach festhalten, dass James Cameron damit ein Meisterwerk der Filmgeschichte gedreht hat. Ein stilbildendes Werk, das neue Maßstäbe gesetzt hat, an denen sich ein guter Actionkracher auch heute noch messen lassen muss. Der Film nimmt sich da Zeit, wo er Zeit braucht, um den Zusehern die Figuren näher zu bringen. Aber ansonsten drückt er gnadenlos aufs Gaspedal – und das ohne CGI-Gewitter, sondern mit klug dosierten und exzellent umgesetzten praktischen Effekten. Fast beiläufig gelingt es Cameron auch noch, ethische Fragen über Moral und den Wert des Lebens einzubauen, und das, ohne dass der Diskurs aufgesetzt wirkt oder mit erhobenem Zeigefinger daherkommt. Neben „Star Wars Episode V – Das Imperium schlägt zurück“ vielleicht die beste Fortsetzung der Filmgeschichte. Ein Film, den man gesehen haben muss.


9,0
von 10 Kürbissen

(Bildzitat: Quelle imdb.com)

Sour Grapes (2016)

Regie: Reuben Atlas und Jerry Rothwell
Original-Titel: Sour Grapes
Erscheinungsjahr: 2016
Genre: Dokumentation
IMDB-Link: Sour Grapes


In vino veritas. Was für die alten Römer gegolten hat, muss aber nicht unbedingt auch heute noch Bestand haben. Wir sind ja gefinkelt und ausgefuchst, wenn wir irgendwo einen schnellen Dollar oder Euro auf der Straße liegen sehen. Und mit nichts lässt sich leichter Geld verdienen als mit der Leichtgläubigkeit der Menschen – vor allem, wenn es sich um Weinsnobs handelt, die fünfstellige Beträge für eine einzige Flasche Wein zahlen, nur um damit angeben zu können, dass man es sich leisten kann. Auftritt Rudy Kurniawan, ein undurchsichtiger, nerdiger Typ aus Asien, der die Wein-Auktionen in den USA stürmt und alles zusammenkauft, was nicht festgenagelt ist. In Kürze wird er zum Star der Weinsammler-Szene, und er schart einen Tross illustrer Sammler, darunter Hollywood-Produzenten, um sich. Rudy ist einfach lässig, Rudy hat Geld, Rudy kennt sich aus mit Wein. Aber Rudy hat noch andere Pläne, von denen seine Freunde nichts wissen. Und so entfaltet sich ein dokumentarischer Krimi rund um den größten Weinfälscher der jüngeren Geschichte, dem gleich zweierlei gelingt: Das Nachforschen der irren Aktivitäten des Fälschers und gleichermaßen das Aufblatteln der gesamten Wein-Connaisseur-Szene rund um Reich & Schön. Bezeichnend, als ein Weinliebhaber voller Stolz seine alte Wein-Rarität öffnet und einer Runde von Weinhändlern und Sommeliers einschenkt, die allesamt ganz ergriffen sind von dem guten Stoff, bis ein Sommelier, der den Wein tatsächlich gut kennt, nach kurzem Schnüffeln verächtlich meint: „Garbage!“ Und tatsächlich: Die Liebhaber sind einer Fälschung auf den Leim gegangen. Aber zugeben möchte man das nicht. Hier werden die betuchten Sammler dort gepackt, wo es ihnen richtig weh tut: bei ihrem Stolz. Das zu sehen, ist spannend wie lehrreich und unterhaltsam.


7,0
von 10 Kürbissen

(Bildzitat: Quelle imdb.com)

Terminator (1984)

Regie: James Cameron
Original-Titel: The Terminator
Erscheinungsjahr: 1984
Genre: Action, Science Fiction, Thriller
IMDB-Link: The Terminator


17 Sätze bzw. etwa 70 Wörter für die Ewigkeit. Darunter Platz 37 der berühmtesten Filmzitate aller Zeiten laut American Film Institute: „I’ll be back!“ Mehr braucht es nicht für künftigen Ruhm und eine Karriere, die bis zum Posten des Gouverneurs von Kalifornien reicht. Arnold Schwarzenegger hat ja einige denkwürdige (und etliche vergessenswerte) Filme gedreht und auch sonst große Fußstapfen in vielen anderen Bereichen hinterlassen, aber wenn man alles, was er jemals getan hat, auf eine Sache herunterdampfen möchte, dann ist es der Film „Terminator“ von James Cameron. Eine Rolle – so ikonisch, dass Hermann Maier zum „Herminator“ wurde, Dominic Thiem zum „Dominator“, und ja, liebe deutschsprachigen Mitleserinnen außerhalb Österreichs, wir haben definitiv hierzulande ein Problem mit Personenkult. (Ich bin ja froh, dass noch niemand auf die Idee gekommen ist, unseren Bundeskanzler als „Shortinator“ zu bezeichnen.) Wenn man nun den verklärten Blick auf einen sicherlich prägenden Film der Filmgeschichte beiseite lässt und das mit mäßigem Budget gedrehte B-Movie mal nüchtern betrachtet, dann lässt sich sagen: Aus heutiger Sicht führen die Effekte, so kreativ sie auch umgesetzt sind, sicherlich zu einem leichten Schmunzeln. Und warum Arnie nie in die Nähe eines Schauspiel-Oscars gekommen ist, lässt sich anhand dieses Films auch leicht beantworten. Aber: Diese unheimliche Präsenz, die er als eiskalte Killermaschine auf der Leinwand zeigt, muss man auch erst einmal zusammenbringen. Und die Effekte mögen vielleicht auch im Vergleich mit anderen Produktionen der 80er nicht 100%ig überzeugend sein, aber sie tragen die Geschichte dennoch und passen in ihrer dreckigen Hemdsärmeligkeit auch verdammt gut zum Rest des Films, der rau und böse und gnadenlos spannend ist. Mit „Terminator“ wurde nicht nur ein Film für die Ewigkeit gedreht, sondern auch ein ganzes Universum erschaffen, das in einem endlosen Kreislauf in sich selbst gefangen ist und durch faszinierende Hoffnungslosigkeit besticht. Und niemand Anderer als Arnie hätte das so brutal stoisch verkörpern können, davon bin ich überzeugt. Steirerblut ist schließlich kein Himbeersaft.


8,0
von 10 Kürbissen

(Bildzitat: Quelle imdb.com)

Sibyl – Therapie zwecklos (2019)

Regie: Justine Triet
Original-Titel: Sibyl
Erscheinungsjahr: 2019
Genre: Drama, Komödie
IMDB-Link: Sibyl


Es gibt Filme, bei denen man nach 10 Minuten eigentlich fast schon wieder abschalten möchte, aber dann kriegen sie doch noch die Kurve und entpuppen sich als letztendlich doch sehr gute und interessante Unterhaltung. „Sibyl – Therapie zwecklos“ von Justine Triet ist so ein seltener Fall. Zu Beginn herrscht beim Zuseher noch hauptsächlich Verwirrung vor. Da ist die Therapeutin Sibyl (Virginie Efira), die eigentlich lieber einen Roman schreiben möchte, weshalb ihr die neue Patientin, die angehende Schauspielerin Margot (Adèle Exarchopoulos), mit ihren privaten Verwicklungen und Neurosen als Studienobjekt gerade recht kommt. Da ist aber auch eine Sibyl, die flammende Affären vor Kaminfeuern hat. Und die einer alten Liebe nachtrauert. Das alles wird kommentarlos nebeneinandergestellt und macht erst einmal keinen Sinn. Aber sind die Handlungsebenen erst einmal entwirrt, nimmt die Geschichte Fahrt auf und entpuppt sich als klug geschriebene und mit viel Herzblut gespielte Dramödie, die bei aller Situationskomik, die immer wieder mal durchblitzt (vor allem, wenn die von Sandra Hüller gespielte Regisseurin Mika versucht, die ihr entgleitenden Fäden in der Hand zu halten), dann ihre Figuren doch ernst nimmt und lieber mal auf einen Gag verzichtet, denn das Leben ist eben nicht immer nur lustig, und trockene Alkoholikerinnen sind es schon gar nicht, wenn sie dann auch noch versuchen müssen, die Katastrophen ihres Lebens zu ordnen. Da schwingt viel Ernsthaftigkeit in einem ansonsten leichten Sommerfilm mit. Am Ende geht vielleicht nicht alles so rund auf, wie sich Justine Triet das erhofft hätte, aber auch das gehört ja irgendwie zum Leben dazu – dass manche Geschichten einfach ein bisschen ausfransen und sich dann verlaufen.


6,0
von 10 Kürbissen

(Foto: Filmladen Filmverleih)

Sweet Desire – Süßes Verlangen (2010)

Regie: Mischa Kamp
Original-Titel: LelleBelle
Erscheinungsjahr: 2010
Genre: Erotik
IMDB-Link: LelleBelle


Der Reserva 2012 von Bodegas Lan aus dem Weinbaugebiet Rioja, den ich an diesem Abend aufgemacht habe, überzeugt durch eine dunkelrote, fast ins Purpur gehende Farbe, eine vielschichtige Nase und einen Geschmack von Vanille, Lakritze, Johannisbeeren, ein wenig Waldboden und Sauerkirschen. Der Abgang hallt lange nach. Die 13,5 % Alkohol sind gut eingebunden, die Tannine halten das Gerüst straff zusammen, dennoch wirkt der Wein seidig und ausbalanciert. Könnte man Ähnliches nur über den Film sagen, den der Traubensaft begleitet hat. Aber „Sweet Desire – Süßes Verlangen“ gehört zu jenen Filmen, die eindrucksvoll – und ungewollt – zeigen, warum es so verdammt schwer ist, einen guten Erotikfilm zu machen. Ja, Sex gehört zum Leben dazu, Erotik ist was Tolles und Vielfältiges, aber irgendwie endet die Fantasie der in diesem Genre Produzierenden entweder bei feuchten Bubenträumen oder erhobenen Zeigefingern. Besonders ärgerlich, wenn beides zusammentrifft, und noch ärgerlicher, wenn das Ganze auch noch eine Frau inszeniert. Die Prämisse des Films: Junge, verklemmte Geigerin vom Land versucht, die Aufnahmeprüfung am Konservatorium in der Stadt zu bestehen, und stellt fest, dass sie nur ausdrucksvoll spielen kann, wenn sie davor sexuell erregt wird. Klischee Olé! Der Rest des Films sind gut aussehende Männer, die um sie buhlen, und Close-Ups ihrer Brüste. Natürlich sehen alle Menschen unglaublich gut aus, und sexuelle Belästigung wird hier nicht als solche wahrgenommen, sondern als Kompliment verstanden. Zwar versucht Mischa Kamp, die Regisseurin, das ganze Desaster einigermaßen geschmackvoll in Szene zu setzen und mit dem Einbau von The XX und Sigur Rós im Soundtrack den Anschein von Progressivität zu erwecken, aber gute Musik rettet keinen schlechten Film, vor allem, wenn diese so willkürlich hineingestückelt wird wie hier. An manchen Stellen wirkt der Film, als hätte eine Schulklasse versucht, einen Porno zu drehen, während die strenge Lehrerin im Hintergrund versucht, das Schlimmste zu verhindern. Darauf jetzt erst mal ein weiteres Glas vom Rioja.


3,0
von 10 Kürbissen

(Bildzitat: Quelle: imdb.com)

Grow Up!? – Erwachsen werd‘ ich später (2014)

Regie: Lynn Shelton
Original-Titel: Laggies
Erscheinungsjahr: 2014
Genre: Komödie, Drama
IMDB-Link: Laggies


Die deutsche Betitelung englischsprachiger Filme kennt zwei Unsitten: 1. Die Betitelung eines englischen Titels mit einem anderen englischen Titel. 2. Unsinnige Ergänzungen wie zB beim unlängst gesehenen Bird Box – Schließe deine Augen. Als ob dieser Zusatz „Schließe deine Augen“ auch nur einen Zuseher mehr bringen würde. Bei Lynn Sheltons Film „Laggies“ hat man gleich beide dieser Sünden vereint. Und so lautet die deutsche Betitelung „Grow Up!? – Erwachsen werd‘ ich später“. (Man beachte die infantile Verwendung von !? sowie den Apostroph, den keiner braucht, als zusätzliche Schmankerl.) Aber gut, don’t judge a book by its cover. Wenn der Inhalt gelungen ist, werden sich nur fanatische Kürbisse über misslungene Titel beschweren, und die muss man ohnehin nicht ernst nehmen. Und dieser ist durchaus charmant erzählt. Keira Knightley spielt die Endzwanzigerin Megan, die den Sprung ins Erwachsenenleben irgendwie noch nicht so richtig geschafft hat. Als sie auch noch einen Antrag von ihrem Langzeitfreund bekommt, zuckt sie aus, haut ab und freundet sich mit dem altklugen Teenie-Mädel Annika (Chloë Grace Moretz) an. Diese lässt Megan auf ihrem Weg zur Selbstfindung auch gerne bei sich im Zimmer schlafen – bis Papa Craig (Sam Rockwell) draufkommt. An sich ist das alles sehr vorhersehbar erzählt, und überrascht vom Plot sind vielleicht nur Leute, die in ihrem Leben weniger als zehn Filme gesehen haben, aber Keira Knightley spielt ihre überforderte Megan mit viel Herz und Charme, und trotz aller Klischees, die sich im Plot finden, hat man stets das Gefühl, dass der Film seine Figuren ernst nimmt. Lynn Shelton behält das Ruder stets fest im Griff, und so steuert dieses Film auf das erwartbare, aber dennoch hocherfreuliche Happy End hin. Einfach ein netter Wohlfühlfilm, der nicht mehr sein möchte, als er ist, aber gut so ist, wie er ist.


6,0
von 10 Kürbissen

(Bildzitat: © 2014 – A24, Quelle: imdb.com)