Autor: Filmkürbis

Wife of a Spy (2020)

Regie: Kiyoshi Kurosawa
Original-Titel: Supai no tsuma
Erscheinungsjahr: 2020
Genre: Historienfilm, Drama, Krimi
IMDB-Link: Supai no tsuma


Ich habe ja so meine Probleme mit dem umtriebigen japanischen Kult-Regisseur Kiyoshi Kurosawa. Ob nun seine Horror-Thriller-Anfänge (Cure) oder sein Ausflug ins Science Fiction-Genre (Before We Vanish) – bislang konnte mich nichts restlos überzeugen. „Wife of a Spy“, ein ruhig erzähltes Agentendrama im historischen Setting, ist jedoch nun mal ein Film, bei dem ich voll mitgehe. Zum Einen liegt das an der wirklich großartigen aufspielenden Besetzung (Yū Aoi als titelgebende Ehefrau Satoko, Issey Takahashi als ihr Mann Yūsaku mit Geheimnissen), zum Anderen an der grundsoliden Inszenierung, die das Drama fast schon als Kammerspiel aufzieht, in der die große Geschichte im Kleinen, nämlich im eigenen Wohnzimmer, auf die Familie Fukuhara hereinbricht. Hier gibt’s keine Action a la James Bond zu bestaunen – manchmal sind es eben auch kleine Fabriksbesitzer, die zu Helden der Geschichte werden können und große Wagnisse eingehen. Die Story ist kurz vor Japans Eintritt in den Zweiten Weltkrieg angesiedelt, die Kernfrage beschäftigt sich mit Moral und Glaubensgrundsätzen, und wie diese die Ehe der Fukuharas gefährden. Wie weit geht man, wenn man großes Unrecht vermutet und dieses zu verhindern versucht, und damit die Menschen, die man liebt, in Gefahr bringen könnte? Und vor allem: Wie geht die andere Seite, eben die eigene Ehefrau, mit der Situation um, wenn sie nach und nach hinter das doppelte Spiel des eigenen Mannes kommt? „Wife of a Spy“ zieht seine Spannung aus genau diesen Fragen und ist somit mehr Ehedrama als Spionagethriller, verbindet aber beide Genres geschickt. Einzig für das etwas langatmige Ende gibt’s Abzüge in der B-Note, das hätte man deutlich straffen können, ohne dass dabei etwas verlorengegangen wäre. Dennoch: „Wife of a Spy“ ist vielleicht die Tür zu Kiyoshi Kurosawa, die mir bislang verschlossen blieb.


7,5 Kürbisse

(Foto: Slash Filmfestival)

The Demon (1963)

Regie: Brunello Rondi
Original-Titel: Il demonio
Erscheinungsjahr: 1963
Genre: Drama
IMDB-Link: Il demonio


Was Katholizismus mit armen Seelen anrichten kann, will man sich ja gar nicht ausmalen. Am eigenen Leib bekommt dies jedenfalls Purif (Daliah Lavi) zu spüren, die in einem kleinen süditalienischen Dorf aufwächst und die durch unerwiderte Liebe zu erratischem Verhalten neigt. Damit muss sie in den Augen der Dorfbewohner von einem Dämonen besessen sein, geht ja nicht anders. Was soll einer jungen Frau mit fleischlichen Gelüsten schon auch anderes widerfahren? „Il demonio“ von Brunello Rondi baut auf einem sehr klassischen Topos auf – die besessene Frau, die so nicht sein kann, nicht sein darf. Das ewig lockende Weib. Dabei macht Rondi aber nicht den Fehler, einen üblichen Horrorfilm daraus zu basteln, sondern kommentiert vielmehr in einem reduzierten Drama die absurden Verhältnisse am Land und die Irrationalität, die durch zu starken Glauben hervorgerufen wird. Die mystische Ebene existiert zwar, aber sie steht nicht im Vordergrund, und es ist am Ende dem Zuseher selbst überlassen, wie er das Werk interpretieren möchte. Das ist klug gemacht. Allerdings muss der Film schon mit recht einfachen Mitteln auskommen, und Spannung will sich nicht wirklich einstellen. Stellenweise ist „Il demonio“ damit eine zähe Angelegenheit. Dennoch eine interessante Erfahrung im Rahmen der Slash Festival-Retrospektive.


6,0 Kürbisse

(Foto: Slash Filmfestival)

First Date (2021)

Regie: Manuel Crosby und Darren Knapp
Original-Titel: First Date
Erscheinungsjahr: 2021
Genre: Krimi, Komödie
IMDB-Link: First Date


Amerikanische Teenager und ihr Auto-Fetisch. Unserereins hat das Mädel seiner Wahl stilecht mit den Öffis ausgeführt, und wenn du aus dem Waldviertel gekommen bist, hast du die Holde im Postbus zum McDonald’s nach Krems kutschiert und musstest vor 8 Uhr abends wieder zurück sein, da dann der letzte Bus ging. Aber nein, der amerikanische Teenager, auch wenn notorisch pleite, braucht natürlich sein eigenes Automobil – und da beginnen die Probleme auch schon. Zwar hat sich Mike das Date mit der resoluten Kelsey gesichert, doch genau an diesem Wochenende düsen die Eltern nach Vegas ab. Der Plan, das Date in der Familienkutsche abzuholen, ist somit schon mal glorios gescheitert. Dank des Ersparten und ein wenig „geborgtem“ Geld aus der Schublade der Eltern macht Mike aber doch noch kurzfristig ein Auto klar, das ihm der windige Dennis zwischen Tür und Angel verkauft. Blöd nur, dass dieses Auto eine Vorgeschichte hat – und schon bald kleben Mike die Polizei und eine Gang geschwätziger (und bewaffneter) Kleinstadtgangster auf den Fersen. „First Date“ ist eine rasante Komödie, die den Bogen einfach immer einen Tick weit überspannt, was in den besten Momenten zum Brüllen komisch, auf Dauer aber auch nicht unanstrengend ist. Wirklich jede Nebenfigur ist eine Karikatur und die Handlung wird immer absurder, allerdings ist das alles so hemmungslos entspannt und sympathisch dargebracht, dass man dem Film das alles nicht übelnehmen kann. Man könnte sagen: „First Date“ ist ein knuffiges Kaninchen, das versehentlich am Koks geschnüffelt hat und nun rabiat durch die Wohnung fetzt. Tyson Brown in der Rolle des überforderten Mike macht seine Sache gut – denn er transportiert die ungläubigen Blicke, mit denen seine Figur die aus dem Ruder laufenden Handlungsstränge quittiert, herrlich nachvollziehbar – uns im Publikum geht’s ja auch nicht anders. Shelby Duclos als Kelsey hat zu Beginn nicht viel zu tun, bringt aber dann in der zweiten Hälfte ein bisschen Bad-Ass-Attitüde mit ein, die ihrer Figur gut zu Gesicht steht. Der Rest des Casts ist hauptsächlich für die komödiantischen Momente zuständig. Dass dennoch eine permanente Atmosphäre der Bedrohung über Mike und seinen Schwarm schwebt, ist ihnen und den Regisseuren aber hoch anzurechnen. Fazit: Sicherlich nicht einer der besten Filme des Jahres, aber er macht Spaß.


6,0 Kürbisse

(Foto: Slash Filmfestival)

Alien on Stage (2020)

Regie: Lucy Harvey und Danielle Kummer
Original-Titel: Alien on Stage
Erscheinungsjahr: 2020
Genre: Dokumentation
IMDB-Link: Alien on Stage


Britischer wird’s nicht mehr: Eine Laientheatergruppe eines Busunternehmens in Dorset, England, wird durch einen glücklichen Zufall für eine Nacht im Leicester Square Theatre in London für ihre Darstellung von „Alien“ gebucht. Vom Dorseter Gemeindetheater ans West End – und das mit handgemachten Requisiten, die man eilig selbst zusammengebastelt hat, und null schauspielerischer Erfahrung, aber viel Herzblut und Enthusiasmus und britischem Humor. Was soll da schon schiefgehen? „Alien on Stage“ von Lucy Harvey und Danielle Kummer ist eine liebevoll inszenierte Dokumentation über einen Box Office-Hit in der Londoner Theaterszene, den man eigentlich nicht für möglich halten kann. Im Fokus stehen dabei die Vorbereitungen der sichtlich überforderten Truppe auf den großen Abend, wobei der Regisseur des Laientheaters Dave Mitchell besonders viel Raum einnimmt – sehr zum Gaudium des Publikums, denn dem Mann mit dem staubtrockenen Humor, der sichtlich keine Ahnung hat, wie er sich nur in diese Situation hineintheatern konnte, plötzlich für eine ausverkaufte West End-Produktion verantwortlich zu sein, sollte man ein Denkmal bauen. Was er und seine Leute mit viel Improvisationstalent, Fantasie und Leidenschaft auf die Bühne stellen, ist schlicht grandios. Den Weg dahin zu begleiten und das Endresultat dann in einem Zusammenschnitt der besten Szenen auch noch zu sehen, macht wahnsinnig viel Spaß. „Alien on Stage“ ist eine Feelgood-Dokumentation, der man gerne folgt. Vielleicht hätte man die Hintergründe, wie es überhaupt zu dieser Schnapsidee gekommen ist, noch mehr beleuchten können, aber geschenkt. Nun würde mich interessieren, was Ridley Scott dazu sagt. Ich bin mir sicher, er wäre begeistert, denn kreativer kann eine Hommage an einen der besten Science Fiction-Filme der Geschichte nicht ausfallen.


7,5 Kürbisse

(Foto: Slash Filmfestival)

Lapsis (2020)

Regie: Noah Hutton
Original-Titel: Lapsis
Erscheinungsjahr: 2020
Genre: Drama, Science Fiction, Satire
IMDB-Link: Lapsis


In einer alternativen Realität sind Quantencomputer der neue heiße Scheiß, den jeder haben muss. Für das Verlegen der Quantenkabeln braucht es jedoch die neue Berufsgruppe der Kabelverleger. Die rennen mit Kabelrollen auf fest vorgegebenen Routen durch den Wald und stöpseln die Kabeln an Hubs an. Je länger und aufwendiger die Route, desto mehr Kohle gibt es. Gleichzeitig marschieren quasi als Ansporn kleine Roboter die gleichen Routen entlang – und wer von einem solchen Roboter überholt wird, bekommt kein Geld ausgezahlt. Ray (Dean Imperial) nimmt, auch wenn er nicht sonderlich gut in Form ist, diesen Job an, um die teure Behandlung seines kranken Bruders zahlen zu können. Auf dem Weg lernt er andere Kabelverleger kennen, die aber seltsam reagieren, wenn er seinen Usernamen nennt. Während sich für gewöhnlich jeder selbst einen Namen aussuchen kann, wurde Ray der Name zugeteilt – und der Name scheint eine Vergangenheit zu haben. Erst die Gespräche mit der Kabelverlegerin Anna (Madeline Wise) bringen allmählich Teile dieser Vergangenheit ans Tageslicht. „Lapsis“ ist ein gemütlicher Film. Die meiste Zeit über hatschen Ray und seine Kompagnons durch die Landschaft, während sie Kabelrollen hinter sich herziehen, oder sie campieren pfadfindermäßig in Zeltlagern. Im Detail und zwischen den Zeilen offenbart sich aber eine subtile Gesellschaftskritik, die die alternative Realität nur so weit entfremdet, dass diese Kritik nicht mit dem Holzhammer, sondern mit der feinen Klinge geübt wird. Das ist vielleicht gleichzeitig auch der größte Schwachpunkt des Films: Gerade dieser subtile Zugang ist halt nicht wahnsinnig aufregend anzusehen. Allerdings steckt inhaltlich schon einiges drinnen (Ausbeutung der Arbeiter durch Großkonzerne, Verdrängung durch Automatisierung, das Sozial- und Medizinwesen der USA) – man muss nur ein Stück weit unter das Offensichtliche tauchen.


7,0 Kürbisse

(Foto: Slash Filmfestival)

Titane (2021)

Regie: Julia Ducournau
Original-Titel: Titane
Erscheinungsjahr: 2021
Genre: Drama, Horror
IMDB-Link: Titane


Für den diesjährigen Eröffnungsfilm des Slash Filmfestivals hat man niemand Geringeren als den diesjährigen Gewinner der Goldenen Palme in Cannes auserkoren. Auf den war ich schon sehr gespannt nach durchaus geteilten Meinungen unter den Kritikern – vor allem aber aufgrund von Julia Ducournaus fulminantem Vorgängerfilm Raw, den ich damals vielleicht sogar einen Tick schlechter bewertet habe, als er es in der Nachbetrachtung verdienen würde. Denn viele Bilder des Films haben einen starken Eindruck auf mich gemacht und sind heute noch präsent. Gleich vorweg: Bei „Titane“ wird das wohl ähnlich sein. Denn Julia Ducournau schont nichts und niemanden – die Bilder sind stark, fesselnd, brutal und konsequent. Ganz grob zusammengefasst geht es um Alexia, der als Kind – als Folge eines Autounfalls – eine Titanplatte im Kopf eingesetzt wurde, und die im jungen Erwachsenenalter einen ungesunden Fetisch für Autos und Gewalt entwickelt hat. Der eher realitätsnahe Teil der Handlung ist, dass sie sich so lange durch die Stadt mordet, bis ein Phantombild von ihr angefertigt werden kann und sie daraufhin die Identität eines vor 15 Jahren verschwundenen Jungen annimmt (und damit beim verzweifelten Vater des Jungen auch durchkommt). Wie gesagt, das ist der Teil, der noch am ehesten in der Realität verankert ist. Richtig spooky wird es aber durch die Tatsache, dass sie nach einem leidenschaftlichen Geschlechtsakt mit einem Auto schwanger wird und fortan Motoröl aus ihrem Körper rinnt, während in ihr etwas heranwächst, das vielleicht mal Mensch, vielleicht mal Auto sein wird. Das ist harter Stoff, vor allem, wenn er so schonungslos dargebracht wird. Wie auch in „Raw“ ertönt im Kinosaal aus dem Publikum heraus immer wieder fassungsloses Gelächter, das den Schock des gerade Gesehenen überdecken soll. „Titane“ ist ganz klar ein Body-Horror-Film, der sich aber ebenso klar allen anderen Zuschreibungen entzieht. Es ist ein fürchterliches Monster von Film, das sich fast schon nebenbei an Geschlechterklischees und Fragen nach Identität und Rolle abarbeitet, während der nächste Schock nur eine Szene weiter lauert. Grandios gespielt von Newcomerin Agathe Rousselle und Vincent Lindon in den Hauptrollen bohren sich die ambivalenten Figuren unaufhaltsam in die Hirnwindungen – ob es einem nun gefällt oder nicht. Stilistisch erinnert der Film am ehesten noch an Gaspar Noé, und auch der spaltet ja die Meinungen des Publikums. „Titane“ ist ein Film, über den man nur schwer reden kann, der aber – ob im Positiven oder Negativen – wohl eine starke Reaktion auslöst, wenn man ihn sieht.


7,5 Kürbisse

(Foto: Slash Filmfestival, (c) Carole Bethuel)

Wanted (2008)

Regie: Timur Bekmambetow
Original-Titel: Wanted
Erscheinungsjahr: 2008
Genre: Action, Thriller
IMDB-Link: Wanted


Timur Bekmambetow. Wir erinnern uns. Das ist der Typ, der die atemberaubende Karriere von Abraham Lincoln als Vampirjäger verfilmt hat. In „Wanted“ zeigt er uns ebenfalls etwas Neues, was wir bislang noch nicht wussten: Nämlich, dass Kugeln um die Ecke fliegen können. Physik ist, was man daraus macht. Und ganz eigene Physik ist für einen Actionfilm ja nicht unbedingt ein Knockout-Kriterium in Sachen Qualität – wenn der Film fetzt, dann verzeiht man ihm auch einen eher unwissenschaftlichen Zugang. Das ist ja okay. Aber, wie gesagt, dann muss der Film eben auch liefern – mit einer spannenden Story, guten Actionsequenzen und interessanten Figuren. Zumindest den Part mit den interessanten Figuren macht „Wanted“ zu Beginn auch erst mal richtig. Der ängstliche Buchhalter Wesley Gibson ist schon mal ein ambivalenter Charakter, den man gut nachvollziehen kann. So gehört die erste halbe Stunde von „Wanted“ auch einem groß aufspielenden, sympathischen James McAvoy, und auch wenn hier schon alles überzeichnet ist (der Film basiert schließlich auch auf einem Comic), so macht es Spaß, dabei zuzusehen, wie sich der junge Mann nach einer bleihaltigen Begegnung mit einer seltsamen Amazone (Angelina Jolie, die wieder mal sehr erfolgreich Angelina Jolie spielt) allmählich emanzipiert und die Zügel seines Lebens selbst in die Hand nimmt. Aber ab da geht’s rasant bergab. Denn die Story wird immer dünner und dümmer, und auch die Action ist einfach so dermaßen over the top, dass es auch nichts mehr nützt, bei der Physik alle Augen inklusive Hühneraugen zuzudrücken. Das wird mit der Zeit alles so fad und repetitiv, dass auch Morgan Freeman schließlich jegliche Ambition ablegt und mit einem dermaßen faden Auge durch den Film schleicht, dass man fast schon Mitleid mit ihm hat. Allein James McAvoy bleibt konzentriert bei der Sache und rettet, was zu retten ist. Wunder bewirken kann er aber trotzdem nicht, selbst wenn Kugeln um die Ecke fliegen.


4,5 Kürbisse

(Bildzitat: © 2008 – Universal Studios, Quelle http://www.imdb.com)

Das goldene Zeitalter (1930)

Regie: Luis Buñuel
Original-Titel: L’Âge d’Or
Erscheinungsjahr: 1930
Genre: Drama, Experimentalfilm
IMDB-Link: L’Âge d’Or


Einige abgekämpfte Soldaten im Gebirge marschieren los ins nächste Gefecht, auch wenn sie verwundet sind und sich kaum auf den Beinen halten können. Priester halten auf den Felsen eine Zeremonie ab. Schiffe landen, in einer Prozession gelangen die Ankömmlinge zum Felsen mit den Priestern, die mittlerweile nur noch Skelette sind. In Rom tummelt sich der Verkehr, eine Kuh liegt im Schlafzimmer, die verliebte Frau leckt die Zehen einer Statue ab, Menschen hängen von Decken, sind blutüberströmt, ein Herzog feiert eine Orgie und erscheint als Jesus – willkommen in der surrealen Welt von Luis Buñuel. Die Bilder erzählen weniger eine Geschichte als dass sie Assoziationen wecken. Was im Kurzfilm „Ein andalusischer Hund“ noch sehr gut funktioniert hat, führt im Langfilmdebüt des visionären Mexikaners allerdings zu einem langatmigen Durcheinander, das viel Geduld erfordert. Die Konzentration ging mir beim Ansehen zwischendurch mal flöten. So gelungen ich auch den Anfang und das Ende fand, aber der Mittelteil hat seine Durchhänger. Und insgesamt ist es halt auch etwas unbefriedigend, sechzig Minuten lang Assoziationen aufzubauen. Eine Handlung wird zwar angedeutet, aber die ist neblig wie eine Raucherkabine ohne Dunstabzug. Man kommt fast unweigerlich an den Punkt, an dem man sich fragt: Und was soll das alles jetzt? Insofern kann ich empfehlen, lieber beim andalusischen Hund zu bleiben, das ist der stringentere und durch die Kürze auch besser verdauliche Film. Auch wenn die Kuh im Bett schon ein sehr amüsanter Anblick ist.


5,0 Kürbisse

(Bildzitat: © Constantin Film/BerghausWoebke/Gordon Timpen, Quelle http://www.imdb.com)

Ein andalusischer Hund (1929)

Regie: Luis Buñuel
Original-Titel: Un chien andalou
Erscheinungsjahr: 1929
Genre: Kurzfilm, Experimentalfilm
IMDB-Link: Un chien andalou


Wenn sich die beiden jungen Verrückten Luis Buñuel und Salvador Dalí zusammentun und ein bisschen zu viel Absinth tanken, werden schon mal Augen aufgeschlitzt und Ameisen krabbeln aus Händen heraus. „Ein andalusischer Hund“ ist ein Fiebertraum von einem surrealistischen Film, der das damals immer noch junge Medium Film auf ein nächstes Level gehoben hat. In gewisser Weise markiert der berühmte Schnitt durch das Auge das Ende der Unschuld des Kinos. Der Schock fuhr dem Publikum in die Glieder, und von diesem Zeitpunkt an musste man sich im Kino auf alles gefasst machen. „Ein andalusischer Hund“ ist aber mehr als diese frühe Szene, die jeder mit dem Film verbindet. Auch der Rest der Szenen, die nur lose zusammenhängen, erzeugen ein Gefühl der Unsicherheit, sind unbequem und damit auch aus heutiger Perspektive noch interessant. Einen roten Faden gibt es nicht wirklich, aber wir sind hier schließlich auch im Surrealismus unterwegs – da wären Struktur und Ordnung ein Affront. Dennoch wird mit der Zeit assoziativ ein Bild erzeugt – eines von Liebe und Leidenschaft, von der Befreiung aus einer toxischen Beziehung und einem Rückfall in alte Muster. Soweit jedenfalls meine Gedanken zum Film, und dieser ist so offen und unbestimmt gestaltet, dass jede/r andere, eigene Assoziationen mitnimmt, die immer höchst persönlich und individuell bleiben müssen. Das ist nichts für jeden Moment im Leben, aber wenn man in der richtigen Stimmung ist, beim Filmschauen aktiv mitzuarbeiten, ist „Ein andalusischer Hund“ eine spannende Angelegenheit.


7,0 Kürbisse

(Bildzitat: © Kino International, Quelle http://www.imdb.com)

Dune (2021)

Regie: Denis Villeneuve
Original-Titel: Dune
Erscheinungsjahr: 2021
Genre: Science Fiction
IMDB-Link: Dune


Es zeigt sich, dass man Leute an Themen lassen sollte, die diese wirklich lieben und umsetzen wollen. David Lynch mag für die Verfilmung von Frank Herberts Sci-Fi-Epos nicht die richtige Wahl gewesen sein, er selbst hasst seinen Film sogar. Bei Denis Villeneuve ist der Stoff in besseren Händen, und schon kommt eine ganz andere Würze hinein. Dass der Mann ein Händchen für eindrucksvolle und atmosphärisch dichte Bilder hat, ist das Salz in der Suppe. Und weil er sich so akribisch in die Materie vertieft hat, ist sein „Dune“ der Auftakt zu einem geplanten Zweiteiler, wobei sich die Produktion der zweiten Hälfte des Films nach dem Box Office-Ergebnis von Teil 1 entscheidet. Also mache ich euch gleich mal ein bisschen Pfeffer unterm Hintern: Geht ins Kino und schaut euch den Film an! Das ist Event-Kino vom Feinsten, für solche Blockbuster sind überdimensionierte Leinwände erfunden worden. Wenn ihr mit dem Inhalt nicht so ganz vertraut seid, hier eine kurze Zusammenfassung in Muskatnuss-Dosis, um euch nicht den Spaß zu spoilern: Auf einem Wüstenplaneten wird das richtig gute Zeug abgebaut, das den Menschen nicht nur schöne Augen macht, sondern Reisen quer durchs All erst möglich macht. Klar: Wer sich das Spice unter den Nagel reißen kann, ist ein gemachter Mann (bzw. ein gemachtes Herrscherhaus). Aber das weckt natürlich auch Begehrlichkeiten, und so haben gleich mehrere Familien ein großes Interesse daran, den Wüstenplaneten unter ihre Herrschaft zu bringen. Währenddessen träumt ein Herrschersohn von einem Spice Girl, und wie so oft in Sci-Fi- und Fantasy-Filmen sind Visionen gefährlich (Christian Stangl kann nach seiner Vision einer K2-Besteigung im Übrigen auch ein Lied davon singen.) Und schon geht alles durcheinander, dem jungen Mann brennt es wie Pfeffer unterm Hintern, um sich zu beweisen. Das alles wird begleitet von den schon angesprochenen atemberaubenden Bildern, für die man sich bei Kameramann Greig Fraser bedanken darf, und einem späten akustischen Höhepunkt in der Karriere des ewigen Hans Zimmer. Die Besetzung steht dem in Sachen Qualität nichts nach. Timothée Chalamet trägt die Bürde der Hauptrolle, an die so große Erwartungen verknüpft sind, mit Leichtigkeit, dazu ergänzen Rebecca Ferguson, Zendaya, Josh Brolin, Oscar Isaac, ein bis zur Unkenntlichkeit aufgedunsener Stellan Skarsgård, Dave Bautista, Jason Momoa, Javier Bardem und Charlotte Rampling den Allstar-Cast, und was soll ich sagen? Die Mischung schmeckt! Einer der ganz großen Höhepunkte dieses bislang so bitteren Kinojahres.


8,5 Kürbisse

(Bildzitat: Photo by Courtesy of Warner Bros. Picture/Courtesy of Warner Bros. Picture – © 2019 Warner Bros. Entertainment Inc., Quelle http://www.imdb.com)