Autor: Filmkürbis

Skandal! Der Sturz von Wirecard (2022)

Regie: James Erskine
Original-Titel: Skandal! Bringing Down Wirecard
Erscheinungsjahr: 2022
Genre: Dokumentation
IMDB-Link: Skandal! Bringing Down Wirecard


Man muss sich das mal auf der Zunge zergehen lassen: Da verdrängt ein junges, aufstrebendes FinTech-Unternehmen namens Wirecard die Deutsche Bank aus dem DAX, dem Deutschen Aktienindex der 40 größten Unternehmen des deutschen Aktienmarktes, und dann kommt so ein neugieriger Journalist aus England und zeigt mit den Fingern auf das Unternehmen: „Aber es hat ja gar keine Kleider an!“ Klar, dass die deutsche Politik da schon mal grantig reagieren kann, wie auch die Führungsebene des bloßgestellten Unternehmens selbst. Aber was ist dran an den Vorwürfen? Ist Wirecard tatsächlich eine windige Organisation, die mit illegalen Mitteln den großen Reibach macht vor den Augen der ganzen Weltbevölkerung? So eine Chuzpe wäre ja kaum jemanden zuzutrauen. Und doch – es verdichten sich die Hinweise, dass hier jemand Luftschlösser gebaut hat, die jederzeit in sich zusammenfallen können. Der Rest ist Geschichte, wie man so schön sagt. James Erskine geht dem Aufstieg und Fall des berüchtigten deutschen Unternehmens nach, lässt Journalisten und Broker zu Wort kommen, denen das alles von Anfang an ziemlich „fishy“ vorkam und zeichnet so eine recht interessante Dokumentation über eines der größten Wirtschaftsverbrechen der jüngeren Vergangenheit. Allerdings hat die Doku ein fundamentales Problem: Zu viele Fragen sind aktuell noch ungeklärt, sodass das Ende unbefriedigend und offen bleibt. Man kann davon ausgehen, dass das finale Kapitel in dieser Geschichte noch nicht geschrieben wurde. Gerade das würde mich aber noch interessieren.


6,0 Kürbisse

(Bildzitat:Quelle http://www.imdb.com)

Avatar – Aufbruch nach Pandora (2009)

Regie: James Cameron
Original-Titel: Avatar
Erscheinungsjahr: 2009
Genre: Science Fiction, Abenteuerfilm, Fantasy
IMDB-Link: Avatar


James Cameron ist ein Besessener. Er macht keine halben Sachen. So entwickelte er für sein Sci-Fi-Abenteuer „Avatar“ komplett neue 3D-Kameratechniken, um seine bunte Vision möglichst eindrucksvoll auf die Leinwand zu bringen. Dass er sich für die Fortsetzung des Erfolgsfilms ein Jahrzehnt Zeit gelassen hat, ist nur konsequent. Aber zurück zu „Avatar – Aufbruch nach Pandora“ bzw. „Pocahontas im Weltraum“, so der inoffizielle Titel. Wir erleben hier eine klassische Kolonialisierungsgeschichte, in der der weiße Mann zu den Natives überläuft, um sie gegen Ausbeutung und Tod durch die finsteren Kolonialmächte zu beschützen. Dass sich dabei auch noch eine Romanze entwickelt, gehört zum Topos wie der Kartoffelsalat zum Wiener Schnitzel. Die Suppe mag zwar ziemlich dünn sein, und bei allen Auszeichnungen für Cameron und Avatar – ein Oscar für das beste Drehbuch wäre vermessen gewesen – aber auch heute noch, 13 Jahre später und selbst auf einem kleinen Fernseher statt auf der großen Kinoleinwand, strahlen die Bildwelten, die Cameron geschaffen hat, eine beeindruckende Magie aus. In Sachen Creature Design, Set Design und generell Weltenbau ist „Avatar“ auch jetzt noch vorbildhaft für alles, was da sonst noch im Science Fiction-Genre existiert. Das ist Überwältigungskino, dem man Schwächen in der Story gerne verzeiht. Ob Cameron diese Qualität nicht nur beim Ende 2022 erscheinenden zweiten Teil, sondern auch bei den weiteren drei Filmen, die dann bis 2028 noch folgen sollen, halten kann, wird sich weisen. Ich verweise allerdings auf meinen Eingangssatz. James Cameron macht keine halben Sachen, und daher darf man gespannt sein.


7,5 Kürbisse

(Bildzitat:Foto von Courtesy of WETA – © 2007 Twentieth Century Fox – All Rights Reserved. Quelle http://www.imdb.com)

Top Gun – Sie fürchten weder Tod noch Teufel (1986)

Regie: Tony Scott
Original-Titel: Top Gun
Erscheinungsjahr: 1986
Genre: Action
IMDB-Link: Top Gun


Von den beiden Scott-Brüdern war Ridley immer für das Filigranere zuständig und Tony für die Haudrauf-Filme. Beides hat seine Berechtigung. Und so findet sich „Top Gun“ von Tony Scott unter den 1001 Filmen, die man gesehen haben muss, bevor das Leben vorbei ist. Auf Deutsch hat der Film im Übrigen den netten Zusatz „Sie fürchten weder Tod noch Teufel“ erhalten. Wenn man sich nun an den Titel des legendären EAV-Albums „Liebe, Tod und Teufel“ erinnert, könnte man zu dem Schluss kommen, dass die kernigen Kampfpiloten zwar von Tod und Teufel nichts zu befürchten haben, aber die Liebe meiden sie wie Satan das Weihwasser. Die 109 Minuten Laufzeit von „Top Gun“ teilen sich auf in 79 Minuten Machogehabe, 25 Minuten Hurra-Patriotismus und 5 Minuten Daddy Issues, die Tom Cruise als Ltd. Pete „Maverick“ Mitchell mit sich herumträgt. Die kann auch Kelly McGillis nicht heilen, so sehr sie den jungen, bubenhaften Cruise auch anschmachtet. Also lieber in den Flieger steigen und alles vergessen, was man auf Erden so mit sich herumträgt. „Über den Wolken muss die Freiheit wohl grenzenlos sein …“ So lange halt, bis ein paar feindliche MiG diese Freiheit einschränken wollen. Dann gibt’s Saures! Subtilität ist nicht die Stärke des Films. Dafür können sich die Luftkämpfe auch heute noch sehen lassen, die Action ist stimmig und spannend inszeniert, und alles an dem Film schreit nach den 80er-Jahren, was ja nicht per se schlecht sein muss. Gut, „Danger Zone“ von Kenny Loggins hat man mittlerweile ein paar Mal zu oft im Radio gehört, aber als Hintergrundmusik für die testosterongetränkte Action passt das schon. Unterm Strich gebe ich Ridley Scott fast immer den Vorzug, aber „Top Gun“ hat zurecht seinen Platz in der Filmgeschichte.


6,5 Kürbisse

(Bildzitat:© 1986 – Paramount Pictures, Quelle http://www.imdb.com)

No Country for Old Men (2007)

Regie: Ethan und Joel Coen
Original-Titel: No Country for Old Men
Erscheinungsjahr: 2007
Genre: Drama, Krimi, Thriller
IMDB-Link: No Country for Old Men


2007 waren die Coen-Brüder längst überfällig für einen Regie-Oscar, und der Filmgott hatte ein Einsehen mit ihnen. In einem epischen Kopf-an-Kopf-Rennen stachen sie Paul Thomas Anderson aus, der mit „There Will Be Blood“ ebenfalls einen modernen Klassiker hingelegt hatte. Doch nichts ging in diesem Filmjahr über die fatalistische Abrechnung der Coens mit dem Schicksal und hollywood’schen Dei ex machina. In „No Country for Old Men“ stößt ein Jäger (Josh Brolin) im Texas der 80er Jahre (Josh Brolin) zufällig auf einen schief gelaufenen Drogendeal. Dealer und Käufer liegen nach einer Schießerei tot im Sand, das Geld muss nur eingesammelt werden. In einem Versuch, sein schlechtes Gewissen zu beruhigen, macht sich Llewelyn Moss in der Nacht noch einmal auf zum Schauplatz des Geschehens, um einem angeschossenen Mexikaner, dem einzigen Überlebenden, eine Flasche Wasser zu bringen. Doch genau damit setzt er eine Katz-und-Maus-Jagd in Gang, die nicht gut enden kann. Schon bald ist ihm der eiskalte Killer Anton Chigurh (Javier Bardem als einer der eindrucksvollsten Filmbösewichter aller Zeiten mit legendärer Prinz Eisenherz-Frisur) auf den Fersen. Der alte und altersmüde Sheriff Ed Tom Bell (Tommy Lee Jones) hat zwar schon bald eine Ahnung, was hier abgeht, ist aber immer mindestens einen Schritt zu langsam. Was nach einem gewöhnlichen Thriller-Plot klingt, wird durch die inszenatorische Meisterschaft der Coen-Brüder auf ein völlig neues Niveau gehoben. Das Besondere an diesem Film ist die Verweigerung klassischer Erzählmuster. Chigurh kommt wie das Schicksal selbst über die Hauptfiguren. Dazu passt es, dass er gelegentlich die Münze entscheiden lässt über Leben und Tod, und die Fairness des Zufalls als einzige Gerechtigkeit betrachtet. So ist „No Country for Old Men“ nicht nur ein spannungsgeladener, atmosphärisch dichter Thriller, sondern auch ein filmischer Resonanzkörper für die Unberechenbarkeit des Lebens selbst.


9,5 Kürbisse

(Bildzitat:© 2007 Paramount Vantage – Miramax, Quelle http://www.imdb.com)

The Hand of God (2021)

Regie: Paolo Sorrentino
Original-Titel: È stata la mano di Dio
Erscheinungsjahr: 2021
Genre: Komödie, Drama
IMDB-Link: È stata la mano di Dio


Paolo Sorrentino gehört für mich zu den interessantesten Regisseuren unserer Zeit. Er hat eine ganz eigene, sinnliche Bildsprache, die er in „La Grande Bellezza“ zur Meisterschaft brachte. „The Hand of God“ ist sein persönlichster Film und stark autobiographisch geprägt. Die Geschichte spielt in Neapel, wo der junge Fabietto davon träumt, dass sich sein großes Idol Diego Maradona dem hiesigen Fußballclub anschließt (daher auch der Titel, der Bezug nimmt auf das berühmt-berüchtigte Tor von Maradona gegen England im WM-Halbfinale 1986, das er mit der Hand erzielte). In Fabiettos Familie geht es italienisch chaotisch zu – die Tante, an die juvenile erotische Fantasien geknüpft sind, kann kein Kind bekommen und tickt zunehmend aus, Vater und Mutter haben trotz offensichtlicher Zärtlichkeit in ihrer Beziehung doch auch Probleme, die Fabietto bislang vorenthalten wurden, der Bruder ist ein Taugenichts, die restliche Verwandtschaft ein Skurrilitätenkabinett. Der Sommer vergeht, man geht schwimmen und spielt sich gegenseitig Streiche. In dieser ersten Hälfte ist der Film eine grandiose Liebeserklärung an die Familie und die Adoleszenz, wenn sich Fabietto allmählich zu einer eigenständigen Persönlichkeit entwickelt. Doch die unerträgliche Leichtigkeit des Seins ist nicht von langer Dauer, und bald bricht das Schicksal über Fabietto hinein. Ab diesem Zeitpunkt wird der Film schwer und schwermütig, auch ein wenig ziellos (was allerdings die Entwicklung der Figur widerspiegelt). Es ist ein harter Bruch, auf den man sich einstellen muss. Ich wäre gerne länger beim unbeschwerten Fabietto geblieben und hätte ihm und seiner Familie zugesehen, wie sie in den Tag hineinleben. Daher fällt die Bewertung auch etwas schaumgebremster aus als für „La Grande Bellezza“ oder auch „Youth“, die ich insgesamt für die konzentrierteren Filme halte. Nichtsdestotrotz ist „The Hand of God“ ein weiterer sehenswerter Film aus der Feder Sorrentinos, den man nicht verpassen sollte.


7,0 Kürbisse

(Bildzitat: Foto von JoJo Whilden/JoJo Whilden / Netflix – © 2022 © Netflix, Quelle http://www.imdb.com)

The Good Nurse (2022)

Regie: Tobias Lindholm
Original-Titel: The Good Nurse
Erscheinungsjahr: 2022
Genre: Krimi, Drama
IMDB-Link: The Good Nurse


Treffen sich zwei Oscarpreisträger in einem Netflix-Krimi. Vorhang auf für Jessica Chastain und Eddie Redmayne, erstere von mir aufgrund ihrer Vielseitigkeit sehr geschätzt, zweiterer hatte seine Sternstunde als Stephen Hawking in „Die Entdeckung der Unendlichkeit“ und trägt die Fantastic Beasts-Reihe mit sympathischer Schüchternheit. Dazu noch Darren Aronofsky als Produzent für ein True Crime-Drama, die Vorzeichen stehen also mal nicht schlecht für „The Good Nurse“. Es geht hierbei um eine mysteriöse Todesserie in der Intensivstation des Krankenhauses, für das die aufopfernde Krankenschwester Amy arbeitet. Immer wieder versterben hier überraschend Patientinnen, sodass das Krankenhaus schließlich auch die Polizei einschaltet. Dies aber sehr widerwillig, und rasch wird klar, dass etwas unter den Teppich gekehrt werden soll. Währenddessen schließt Amy Freundschaft mit dem neuen Kollegen Charlie, der schon in diversen Krankenhäusern tätig war, aber nie Fuß fassen konnte. Es entwickelt sich ein Krimi-Plot, der leider so vorhersagbar ist wie die Wetterlage in fünf Minuten. Spannungsarm wird der Plot heruntergekurbelt, und das, was man dem Film eigentlich positiv zugestehen müsste, nämlich, dass er die wahren Begebenheiten nicht überhöht und Dramatisierungen einbringt, die nicht nötig sind, wird ihm tatsächlich zum Verhängnis: Der Film tröpfelt ohne große Höhepunkte vor sich hin. Dass er nicht zum Rohrkrepierer verkommt, liegt am engagierten Spiel von Jessica Chastain, auch wenn der Rest des Casts blass bleibt (inklusive Eddie Redmayne). Der (für mich) fast interessantere Part des Films, nämlich das seltsame Gebaren des Krankenhaus-Managements bei den polizeilichen Ermittlungen, wird nur am Rande gestreift und funktioniert hier bloß als Hindernis, an dem sich die ermittelnden Polizisten (Noah Emmerich und Nnamdi Asomugha) vorbeiwinden müssen. Gerade darin läge aber die vielleicht ergiebigere Geschichte. Doch die ließe sich wohl nicht erzählen, ohne zu sehr ins Fabulieren zu geraten und wurde wohl deshalb auch ausgeklammert. So bleibt „The Good Nurse“ ein routinierter, aber spannungsarmer Krimi.


5,5 Kürbisse

(Bildzitat: Foto von JoJo Whilden/JoJo Whilden / Netflix – © 2022 © Netflix, Quelle http://www.imdb.com)

Pets (2016)

Regie: Chris Renaud und Yarrow Cheney
Original-Titel: The Secret Life of Pets
Erscheinungsjahr: 2016
Genre: Animation
IMDB-Link: The Secret Life of Pets


Was machen unsere Haustiere in der Zeit, in der wir nicht in der Wohnung sind? Meine These dazu war ja schon immer, dass unsere beiden Katzen die scharfen Miezen der Nachbarschaft einladen und eine heftige Party schmeißen. Anders ist nicht zu erklären, dass das Haus oft so derangiert aussieht, wenn wir nach Hause kommen, und die Katzen intensiv nach Kaffee und Speck riechen. Chris Renaud und Yarrow Cheney bestätigen in ihrem Animationsfilm „The Secret Life of Pets“ (der deutsche Titel hierzulande wurde eingedampft auf „Pets“) meine Theorie. Kaum sind die Besitzer außer Haus, gehen die Tiere ihren eigenen Interessen nach. Der majestätische Zuchtpudel entpuppt sich dabei schon mal als Metalhead, der Kanarienvogel sucht sich schöne Actionfilme a la „Top Gun“ raus und düst mit den Jets um die Wette, und die Katze gibt sich der Völlerei hin. Max, ein Jack Russell-Terrier mit Ödipus-Komplex, hat hingegen nichts Besseres zu tun, als sehnsüchtig auf die Heimkehr seiner Besitzerin zu warten. Und die kommt eines Tages mit einer bösen Überraschung nach Hause: Dem Neufundländer Duke, den sie aus dem Tierheim aufgegabelt hat und der es sich im trauten Heim so richtig gemütlich machen will, sehr zum Missfallen des eifersüchtigen Max. Der Versuch, sich des Problems zu entledigen, geht so richtig nach hinten los und plötzlich müssen sich Max und Duke durch die feindselige Stadt schlagen, mit debilen Häschern des Tierheims und einem wahnsinnigen Karnickel samt Entourage auf den Fersen. Zwergspitz Gidget, unsterblich in den faden Max verknallt (verstehe einer die Liebe!) trommelt ihrerseits einen bunten Rettungstrupp zusammen, um Max und Duke zu finden. „Pets“ ist ein harmloser Spaß, der Kinder gut unterhält und Erwachsene nicht komplett unterfordert, wenngleich er auch nie die Tiefe der zweiten Ebene eines Pixar-Films erreicht. Für eine Fortsetzung (die dann leider weniger geglückt ist, um es mal vorsichtig auszudrücken) hat es gereicht.


6,0 Kürbisse

(Bildzitat: © 2016 – Universal Pictures, Quelle http://www.imdb.com)

Viennale 2022 – ein Fazit

In der Kürze liegt die Würze. 11 Filme gingen sich dieses Jahr für mich aus. Es hätten mehr sein können, wäre ich nicht zwischenzeitlich mit einer Verkühlung gelegen, aber so ist nun mal das Leben, so ist der Oktober. Immerhin bewies ich dieses Jahr bei der Filmauswahl ein glückliches Händchen. Lediglich ein Rohrkrepierer war zu vermelden, und das war der Ersatzfilm des Ersatzfilmes aus meinem Programm – für die mich mehr interessierenden Filme, die zu dieser Zeit liefen, bekam ich einfach keine Karte mehr.

Was gibt es zu sagen über Wiens größtes Filmfestival? Es zeigt sich einmal mehr, dass Eva Sangiorgi, die Festivaldirektorin, ihren Stil gefunden hat. Sie mag gediegenes, gutbürgerliches Arthouse-Kino. Eh fein, aber wie letztes Jahr schon geschrieben: Es fehlt ein wenig der Spaß, es fehlt die Anarchie, die unter der Programmleitung von Hans Hurch gelegentlich durchgeblitzt ist. Da wiederhole ich mich. Eine (rückläufige) Auslastung von 71% zeigt auf, dass es wohl nicht nur mir so geht. Das ist ausbaufähig, und ich hoffe wirklich, dass in den nächsten Jahren die Ankündigungen von Sangiorgi, auch wieder vermehrt junges Publikum anzusprechen, in die Tat umgesetzt werden. Sonst stirbt ihr das Publikum über die Jahre hinweg aus.

Aber genug des Jammerns, es gibt ja auch viel Positives zu berichten. Eben über die gesichteten Filme, und da musste ich aus Zeit- und Krankheitsgründen einige Kaliber auslassen, die den positiven Eindruck noch hätten verstärken können. Hier nun meine Reihung der 11 gesichteten Filme:

8,5 Kürbisse
The Banshees of Inisherin
von Martin McDonagh
Ishtar von Elaine May

8,0 Kürbisse
The Whale
von Darren Aronofsky
Close von Lukas Dhont

7,5 Kürbisse
Broker
von Hirokazu Koreeda
Tori and Lokita von Jean-Pierre und Luc Dardenne

7,0 Kürbisse
Other People’s Children von Rebecca Zlotowski
Stars at Noon von Claire Denis

6,5 Kürbisse
Aftersun von Charlotte Wells

6,0 Kürbisse
Father’s Day von Kivu Ruhorahoza

2,5 Kürbisse
Kafka for Kids von Roee Rosen

Tori and Lokita (2022)

Regie: Jean-Pierre und Luc Dardenne
Original-Titel: Tori et Lokita
Erscheinungsjahr: 2022
Genre: Drama, Krimi
IMDB-Link: Tori et Lokita


Zum Abschluss meiner persönlichen Viennale gab es noch mal richtiges Wohlfühlkino, wie man es von den Brüdern Dardenne gewohnt ist. Die Jungs sorgen immer für Spaß. „Tori et Lokita“ ist da keine Ausnahme und reiht sich in ihr Gesamtwerk stimmig ein. Erzählt wird von einer sehr engen Beziehung zweier minderjähriger Flüchtlinge, die nach langer und beschwerlicher Reise in Belgien gelandet sind und nun – für die Aufenthaltsgenehmigung – beweisen müssen, dass sie Geschwister sind. Was nicht so einfach ist, da sie sich tatsächlich erst auf dem Boot nach Europa kennengelernt haben. In der Zwischenzeit verticken sie Drogen für einen Pizzabäcker, der sich dadurch ein Nebenbrot verdient. Außerdem müssen sie sich mit der Schlepperbande herumplagen, der sie immer noch Geld schulden. Alles wird von Minute zu Minute prekärer, und so bleibt Lokita bald kein Ausweg mehr, als das Angebot des Pizzabäckers anzunehmen, für ihn zwei Wochen lang als „Gärtnerin“ zu arbeiten, sprich: auf der geheimen Hanfplantage. „Tori et Lokita“ zeigt einmal mehr die schier ausweglose Situation von Menschen am Rande der Gesellschaft auf. Die Dardenne-Brüder haben einen sehr nüchternen, gleichzeitig aber intimen Blick auf diese Figuren, der die tragischen Schicksale nicht dramaturgisch überhöht, doch gerade deshalb eine Kraft entfaltet, die sich in der Magengrube entlädt. Viennale-Festivalkino par excellence. Wer dann noch fröhlich ist, hat sich echt gute Drogen reingepfiffen.


7,5 Kürbisse

(Bildzitat: Quelle http://www.imdb.com)

Ishtar (1987)

Regie: Elaine May
Original-Titel: Ishtar
Erscheinungsjahr: 1987
Genre: Komödie, Abenteuerfilm
IMDB-Link: Ishtar


5,5 Kürbisse – so die Vorhersage für „Ishtar“ auf Moviepilot. Diese Internetdatenbank ist der festen Überzeugung, dass die Abenteuerkomödie von Elaine May kaum meinen Geschmack trifft. Ich muss sagen: Es ist ein beruhigendes Gefühl, dass Algorithmen manchmal so dermaßen danebenhauen können. So wird es noch eine Weile dauern bis zur kompletten Übernahme der Weltherrschaft durch die Maschinen. „Ishtar“ ist schlicht grandios, auch wenn das viele Kritiker anders sehen. Dustin Hoffman und Warren Beatty tingeln als talentbefreites Musiker-Duo, das sich für genialer als Simon & Garfunkel hält, durch die marokkanische Wüste, um in versifften Clubs ihre Künste darzubieten. Dabei werden sie in einen kuriosen Plot zwischen CIA (Charles Grodin) und Rebellen (Isabelle Adjani), die den diktatorischen Emir stürzen wollen, hineingezogen – auf verschiedenen Seiten. „Ishtar“ ist pure Comedy. Allein die Songs, die die beiden Dilettanten in ihrem Anflug kreativen Wahnsinns komponieren, reichen aus, um ihn zu einem der lustigsten Filme, die ich jemals gesehen habe, zu machen. Der aberwitzige Plot, der immer absurder und konfuser wird, trägt das Seinige dazu bei, dass der Film das Tempo hoch hält und ein Lachanfall den nächsten jagt. Die Darsteller haben sichtlich Freude an diesem Wahnsinn. Vor allem Warren Beatty ist komplett gegen den Strich besetzt – der Beau gibt hier einen Simpel ohne Selbstbewusstsein, der an den einfachsten Dingen im Leben glorios scheitert. Apropos „glorios scheitern“: An den Kinokassen war der Film ein Flop, und Elaine May bekam die Goldene Himbeere für die schlechteste Regie zugesprochen. Was sagt das nun über meinen Geschmack aus, wenn ich diesen Film so feiere? Ich schieb’s mal darauf, dass May ihrer Zeit voraus war und das richtige Publikum für dieses kleine Meisterwerk einfach noch nicht existierte. Mein erster Film von ihr, aber mit Sicherheit nicht mein letzter.


8,5 Kürbisse

(Foto: (c) Viennale)