Drama

Jackie – Die First Lady (2016)

Regie: Pablo Larraín
Original-Titel: Jackie
Erscheinungsjahr: 2016
Genre: Drama, Biopic, Historienfilm, Politfilm
IMDB-Link: Jackie


Alle Zutaten für einen Filmkürbis-Lieblingsfilm sind angerichtet: Natalie Portman, Jugend-Crush und immer noch hochgeschätzte Schauspielerin, spielt Jackie, die Ehefrau bzw. Witwe von JFK in einem Film von Pablo Larraín, der mich vor kurzem erst mit „Neruda“ begeistert hat. Der Trailer verspricht menschliche Abgründe, tolle Dialoge und große Schauspielkunst. Aber hält er diese Versprechen auch? Leider nur zum Teil. „Jackie“ ist großartig gespielt, keine Frage. Ob nun Natalie Portman mit einer Leistung, für die sie ihren zweiten Oscar bekommen müsste (wäre da nicht Emma Stone im Weg), oder Peter Sarsgaard als Bobby Kennedy, der selige John Hurt als zweifelnder, gedankenvoller Priester oder Billy Crudup als charismatischer Journalist – jede Rolle ist toll besetzt und gespielt. Und ja, die Dialoge sind (zumeist) intelligent und abgründig. Aber etwas Entscheidendes fehlt dem Film, um so richtig zu zünden: Und das ist bedauerlicherweise die Tiefe der Figuren. Man sieht eine verzweifelte Jackie, eine tapfere Jackie, eine ratlose Jackie, der Film kreist um sie und ihre Gefühlsausbrüche und auch die Versuche, eben jene zu kontrollieren, aber trotzdem bleibt Larraín mit seinem Film an der Oberfläche. Die Geschichte, die „Jackie“ erzählt, handelt von Verlust (vom privaten Verlust eines geliebten Menschen wie auch von einem Verlust von Anerkennung, von Bedeutung, von Lebenssinn), behandelt aber dieses Thema dermaßen zentral und ausführlich, dass kein Raum bleibt für die Figuren, andere Facetten von sich zu zeigen. Der Film wird somit bedrückend und wirkt teilweise langatmig. Absolut kein schlechter Film, aber nach dem Ansehen hatte ich das Gefühl, dass der Film mehr eine theoretische Abhandlung über Trauer ist als ein Stück Leben, das im Gleichklang mit seinen Protagonisten atmet. „Jackie“ ist gut gemachtes, aber trotz der Intimität seines Porträts ein wenig distanziertes Kino.


6,0
von 10 Kürbissen

Ich, Daniel Blake (2016)

Regie: Ken Loach
Original-Titel: I, Daniel Blake
Erscheinungsjahr: 2016
Genre: Drama
IMDB-Link: I, Daniel Blake


Der Gewinner der Goldenen Palme 2016 in Cannes. Jener Film, der u.a. den hochgelobten „Toni Erdmann“ hinter sich gelassen hat. Ein britisches Sozialdrama, das den Spuren eines einfachen Mannes in Newcastle auf dem Weg durch den Behördendschungel folgt, soll besser sein als die pompöse Neuerfindung des deutschen Films? Ja, sind die denn alle wahnsinnig dort unten in Cannes? Zu lange auf den Yachten unter der Sonne gebrutzelt? Zu viel Kokain geschnupft?

Nein.

„I, Daniel Blake“ von Altmeister Ken Loach ist der menschlichste, ehrlichste, wahrhaftigste Film, den ich seit langem gesehen habe. Er ist komisch und abgrundtief traurig, er ist zynisch und mitfühlend, er schnappt sich einfach das Leben, stopft es in die Kamera, wirft es auf die Zuseher hin und sagt: „Da. Hier habt ihr es. So ist es.“ Und man muss lachen und weinen, manchmal gleichzeitig. Daniel Blake, auf so wunderbar warmherzige Weise verkörpert von Dave Johns, ist der größte Held der jüngeren Filmgeschichte. Da können keine Superhelden mithalten mit so viel Herzenswärme und Courage. Ein Mann kämpft um seine Würde, um sein Recht in einem unerbittlichen, zynisch-kalten System, in dem jene am Rand einfach runterfallen und sich nicht dagegen wehren können. Das Wunderbare an dem Film ist, dass Daniel Blake auch für Andere kämpft, dass ihm Freundschaft wichtiger ist als das eigene Befinden, dass er treu und gut ist. Daniel Blake ist ein Mensch. Darum geht es in diesem Film. Um uns Menschen und um das, was uns definiert, und wie wir unsere Menschlichkeit bewahren in einem System, in dem diese unterdrückt zu werden droht. Schon jetzt ein absolutes Highlight des neuen Kinojahres, und es wird schwer werden, diesen Film noch zu toppen.


9,0
von 10 Kürbissen

(Foto: Luna)

Einfach das Ende der Welt (2016)

Regie: Xavier Dolan
Original-Titel: Juste la fin du monde
Erscheinungsjahr: 2016
Genre: Drama
IMDB-Link: Juste la fin du monde


Mein erster Dolan. Das Regiewunderkind wird ja landauf, landab hymnisch gefeiert. Und ich muss schon sagen nach der Sichtung von „Einfach das Ende der Welt“, dass Dolan tatsächlich einen sehr individuellen und wohl leicht wiederzuerkennenden Stil pflegt, sehr laut, sehr direkt, Subtilitäten sind wohl nicht so die Sache des Kanadiers. Dass „Einfach das Ende der Welt“ massive Problem hat, geht in diesem Fall aber auf genau diesen Stil zurück. Wenn man nach alternativen Titeln für den Film suchen müsste, würden „Das große Heulen“ oder „Geschrei am Mittagstisch“ in Frage kommen. Die Besetzung mit Vincent Cassel, Marion Cotillard und Léa Seydoux, dazu der charismatische Gaspard Ulliel in der Hauptrolle, verspricht ja einiges. Auch die Story klingt interessant: Ein todkranker Schriftsteller besucht nach zwölf Jahren zum ersten Mal seine Familie (älterer Bruder samt Frau, die er selbst noch nicht kennt, Schwester, völlig überdrehte Mutter), um sie von seinem baldigen Ableben zu unterrichten. Natürlich, da ist Zunder drin. Aber Dolan entgleitet der Stoff leider, indem er die Story, ursprünglich ein Bühnenstück, als ganz großes Theater vor naturalistischer Filmkulisse anlegt. Menschen, die sich 1,5 Stunden lang anschreien, gehören auf eine minimalistisch gehaltene Bühne, die das Künstliche der Situation und der Konflikte unterstreicht, aber nicht in einen Vorstadtgarten. Eigentlich legen alle Darsteller wunderbare Theaterperformances hin, vor allem Marion Cotillard ist wunderbar fragil, aber in Summe gehen sie dem Kinobesucher spätestens nach zehn Minuten tierisch auf den Nerv. Allesamt. Ohne Ausnahme. Und zehn weitere Minuten später möchte man den kranken Schriftsteller packen und ihm mitfühlend ins Gesicht schreien (also der Lautstärke der Dialoge entsprechend), dass man vollstes Verständnis dafür hat, dass er diesen Haufen Wahnsinniger zwölf Jahre lang links liegengelassen hat. Aber man tut’s dann doch nicht, weil einem im Grunde der Schriftsteller genauso auf die Nüsse geht und es einem dann ziemlich egal ist, dass er bald abnippeln wird. Schade um das gute Thema.


4,5
von 10 Kürbissen

(Foto: Filmladen)

Pusher 3 (2005)

Regie: Nicolas Winding Refn
Original-Titel: Pusher 3
Erscheinungsjahr: 2005
Genre: Drama, Thriller, Krimi
IMDB-Link: Pusher 3


Mit „Pusher 3“, das passenderweise den Untertitel „I’m the Angel of Death“ trägt, beschließt Nicolas Winding Refn seine Pusher-Trilogie rund um das Drogenmilieu Kopenhagens, diesmal ohne Mads Mikkelsen. Der dritte und letzte Teil konzentriert sich auf die Figur des Milo, jener Drogenboss, dem in Teil 1 der Dealer Frank verpflichtet war. Milo, ein albanischer Serbe, der ein wenig aus Zeit und Raum gefallen scheint, wirkt zu Beginn des Films ein wenig geläutert, müde vielleicht. Er nimmt an den Sitzungen anonymer Drogenabhängiger teil und bereitet das Fest zum 25. Geburtstag seiner geliebten Tochter Milena vor. Doch weil Milo immer noch Milo ist, hat er nebenbei ein paar Geschäfte am Laufen, dummerweise mit Ecstasy anstatt mit Heroin, denn mit Letzterem kennt er sich aus, mit Ersterem jedoch nicht. Kein Problem, sein Kumpel Muhammad, ein Türke, verkauft das Zeug für ihn. Angeblich. Denn plötzlich ist Muhammad verschwunden, das Ecstacy auch, und die eigentlichen Besitzer der Drogen rücken Milo auf den Leib. Als Gegenleistung muss er einen Polen aufnehmen, der ein 17jähriges Mädchen als Prostituierte verkaufen will (eine Szene, in der es einen Schlag in die Magengrube nach dem anderen setzt). Milo, treuer Familienvater, der zwischen Fest und kriminellen Geschäften hin und her hetzt, hat aber irgendwann genug davon und greift ein – was die Sache nicht unbedingt angenehmer macht. Also muss Radovan, sein alter Mann fürs Grobe, noch ein letztes Mal ausrücken, obwohl er sich eigentlich als Pizzabäcker zur Ruhe gesetzt hat. Blöderweise hat nämlich Milo, ein leidenschaftlicher, aber mieser Hobby-Koch, versehentlich seine ganze Mannschaft mit seinem Essen vergiftet. Konfrontiert mit den dreckigen Problemen, für die er eigentlich schon zu alt ist, gänzlich auf sich gestellt und immer mit einem Auge auf seine Tochter, setzt sich bei Milo allmählich ein Prozess in Bewegung. Am Ende geht sein Blick ins Leere, und man weiß: Da steht ein Mann, der bereut. „Pusher 3“ fängt harmlos und fast belanglos an, steigert sich aber von Minute zu Minute und zieht schließlich die Daumenschrauben fest an. Wenn dann Radovan seine Arbeit erledigt, weiß man, warum auf dem Cover leuchtend rot ein FSK18-Hinweis prangt. Aber die Gewalt ist hier nicht unterhaltsam -im Gegenteil. Sie deprimiert. Hier sind Menschen am Werke, die eigentlich niemandem weh tun möchten, auch wenn sie auf der falschen Seite des Gesetzes stehen. Aber irgendwann entgleiten einem die Dinge halt. Ein harter Film und eine großartige Charakterstudie – und damit ein würdiger Abschluss der Trilogie.


7,5
von 10 Kürbissen

Pusher II: Respect (2004)

Regie: Nicolas Winding Refn
Original-Titel: Pusher II
Erscheinungsjahr: 2004
Genre: Drama, Thriller, Krimi
IMDB-Link: Pusher II


Tonny (Mads Mikkelsen), der etwas dämliche Kleinganove aus Pusher, kommt aus dem Gefängnis raus. Immer noch trägt er den Schädel luftig, sodass man sein großflächiges Tattoo sieht, das den Hinterkopf ziert. RESPECT ist dort zu lesen, und darum geht es ihm auch. Er möchte den Respekt seines Vaters zurückgewinnen, der eine Autowerkstatt betreibt und nebenbei krumme Dinger dreht. Also klaut Tonny (wie gesagt, nicht der Hellste) bei einer sich bietenden Gelegenheit einen Ferrari. Damit muss der Vater ja zu beeindrucken sein, oder? Aber erstens kommt es anders, und zweitens als man denkt. Der Vater is not amused, denn so ein protziger Sportwagen ist schwer zu verticken. Und Tonny hat bald richtig Ärger. Dass die drogenabhängige Charlotte felsenfest behauptet, ihr Kind, ein kleines Baby, sei von ihm, verkompliziert alles nur noch mehr. Plötzlich steht Tonny vor Entscheidungen, die er bislang nie treffen musste, und der Herausforderung, erwachsen zu werden. „Pusher II“ ist, was die Charakterentwicklung betrifft, noch interessanter als der Vorgänger „Pusher“ aus dem Jahr 1996. Allerdings mäandert der Film manchmal auch ein wenig umher. Die Geschichte rund um Tonny und seinen Versuch, einen Platz in der Welt zu finden, ist zwar interessant, aber vielleicht zu sehr dem tatsächlichen Leben nachempfunden. So muss der Zuseher auch die eine oder andere Redundanz durchstehen. Das echte Leben ist nun mal auch streckenweise langweilig. Was allerdings – neben der unheimlich gut gezeichneten Charakterentwicklung Tonnys und den, wie schon bei „Pusher“, schonungslosen und ehrlichen Bildern verwüsteter Leben – „Pusher II“ richtig gut macht, ist das Schauspiel Mads Mikkelsens. Ich könnte ihm stundenlang zusehen. Ein ganz Großer seiner Zunft.


6,5
von 10 Kürbissen

Nocturnal Animals (2016)

Regie: Tom Ford
Original-Titel: Nocturnal Animals
Erscheinungsjahr: 2016
Genre: Drama, Thriller
IMDB-Link: Nocturnal Animals


Es ist nicht leicht, über „Nocturnal Animals“ von Tom Ford zu schreiben. Für gewöhnlich habe ich kein Problem damit, nach der Sichtung eines Films einen kernigen Satz oder ein Leitthema zu formulieren als Ausgangsbasis für meine Filmbetrachtung. Das ist hier aber nicht möglich. Zu viele Eindrücke müssen erst einmal sortiert werden, erneut durchdacht, noch mal im Stillen genossen – aber bis ich damit fertig bin, ist der Film schon längst auf DVD oder Blu-ray draußen, und es kräht kein Hahn mehr nach meiner Meinung. (Passiert ohnehin nicht, Hähne sind unzuverlässig und verstockt, aber trotzdem.) Also frisch aus dem Kino und ran an die Tasten, hilft ja alles nix. Wir haben: Einen seinen Film stylisch durchkomponierenden Tom Ford, der es aber schafft – anders als zB ein Nicolas Winding Refn in seinen schwächeren Momenten – nicht nur bloße Oberfläche zu produzieren, sondern die Ästhetik in den Hintergrund rücken zu lassen, sodass sie sich dem Zuseher nicht aufdrängt. Wir haben auch: Grandiose Darsteller, durch die Bank, bis in die kleinste Nebenrolle. Die Speerspitze sind Amy Adams (seufz, wenn mich Scarlett und Felicity verschmähen, Amy, wie wäre es mit uns beiden?) und Jake Gyllenhaal, die heimlichen Stars in den Nebenrollen sind aber Michael Shannon (überschüttet den Mann doch endlich mal mit Oscars, ihr Banausen!) und Aaron Taylor-Johnson in der Rolle seines bisherigen Schauspielerlebens. Ehrlich, ich habe den Burschen erst im Abspann erkannt. Er zaubert einen derart fiesen Bösewicht auf die Leinwand, dass einem bei jeder seiner Bewegungen das Blut in den Adern gefriert. Ein denkwürdiger Schurke, der für mich in die Annalen der Filmbösen eingehen wird. Verdiente Globe-Nominierung. Und wir haben: Eine faszinierende Story in einer Story, einen knallharten und auch mit seinem Publikum schonungslos umgehenden Thriller, der in eine Art Selbstfindungs-/Reflexions-Drama gegossen wird. Eine Ein-Satz-Inhaltsangabe des Films könnte wohl lauten: Amy Adams liest ein Buch. Aber es ist so viel mehr. Fiktion und Wirklichkeit greifen ineinander, und am Ende lese ich selbst eine Art Befreiungsgeschichte eines beinahe gescheiterten Autors heraus. Aber das ist meine persönliche Interpretation. Das Schöne an dem Film: Jeder, der ihn sieht, wird eine eigene Interpretation finden. Und das ist doch das Beste an den richtig guten Filmen, dass sie ein intimer Teil ihres Publikums werden, dass sie erst durch die persönlichen Erfahrungen, mit denen sie von jedem Einzelnen angereichert werden, tatsächlich komplett sind (aber sich dennoch weiterhin wandeln können, je nachdem, an welchem Moment des Lebens man den Film wieder sieht). „Nocturnal Animals“ ist so ein Film, jedenfalls für mich.


9,0
von 10 Kürbissen

Pusher (1996)

Regie: Nicolas Winding Refn
Original-Titel: Pusher
Erscheinungsjahr: 1996
Genre: Drama, Thriller, Krimi
IMDB-Link: Pusher


Der dänische Thriller „Pusher“ ist aus mehreren Gründen bemerkenswert: Es ist das Debüt von Nicolas Winding Refn, der später mit „Valhalla Rising“ und „Drive“ für Furore sorgen sollte, und es ist die erste große Rolle für Mads Mikkelsen, dem Superstar des dänischen Kinos. Die Hauptrolle, den kleinen Drogendealer Frank, spielt allerdings Kim Bodnia. Frank ist so eine wunderbare Verliererfigur. Er dealt für den Drogenboss Milo, zieht mit seinem Kumpel Tonny (Mads Mikkelsen als herrlich grenz-debiler und gewalttätiger Kleinkrimineller) um die Häuser und hat so eine On-Off-Geschichte mit der Prostituierten Vic am Laufen. Doch eines Tages geht ein Deal fürchterlich schief, und Frank hat jede Menge Schulden und noch mehr Probleme. „Pusher“ ist ein knallharter, roher und dreckiger Film, der nichts beschönigt und immer hart draufhält. Gefilmt mit Handkamera in körnigen Bildern wirkt er gleichermaßen improvisiert wie dokumentarisch. Nicolas Winding Refn, dessen spätere Filme durchgestylt bis ins Letzte wirken, findet hier zu einer Ästhetik des Hässlichen, die wie die Faust aufs Auge zum Thema des Films passt. Man braucht vielleicht eine Weile, um in diesen Stil hineinzufinden, und der Film bleibt auch nach dieser Eingewöhnungszeit unbequem und sperrig, aber das Ansehen lohnt sich definitiv. Allerdings gehört „Pusher“, dem zwei lose aneinandergekoppelte Fortsetzungen folgten, zu jenen Filmen, die man nicht unbedingt ein zweites Mal ansehen möchte. Dazu ist man einfach zu deprimiert, wenn der Abspann läuft. Yo, das Leben ist eine verfickte Scheiße, Mann.


7,0
von 10 Kürbissen

Egon Schiele: Tod und Mädchen (2016)

Regie: Dieter Berner
Original-Titel: Egon Schiele: Tod und Mädchen
Erscheinungsjahr: 2016
Genre: Biopic, Drama, Historienfilm
IMDB-Link: Egon Schiele: Tod und Mädchen


Mit Biopics ist es ja so eine Sache. Wie strukturiert man diese, damit nicht einfach nur chronologisch (und arschlangweilig) ein Leben nacherzählt wird? Viele Filmemacher greifen dann zu einem ganz wundervollen Trick: Sie beginnen mit dem Ende oder kurz vor dem Ende und erzählen dann die Geschichte in Rückblenden. Krass innovativ, ey! Dass darunter der Spannungsbogen leidet, geschenkt! Denn hey, dass der Typ, dessen Leben da gezeigt wird, längst tot ist, ist ja allgemein bekannt, da kann man also gar nicht spoilern. Stimmt. Nur kann man so eben auch kaum eine wirklich packende Geschichte erzählen. „Egon Schiele: Tod und Mädchen“ von Dieter Berner tappt in genau diese Falle. Eigentlich ist das Biopic rund um die Besessenheit des österreichischen Jugendstil-Meisters ja recht erbaulich. Noah Saavedra spielt sympathisch und bemüht sich nach Kräften, diesem Übergott der Kunst ein menschliches Antlitz zu verleihen (das oftmals zu profan ausfällt, sodass man als Zuseher langsam ins Grübeln kommt, worin denn nun das Genie des Künstlers liegen soll – aber das ist ein anderer Kritikpunkt), die Ausstattung ist durchaus gelungen, viele Rollen sind gut besetzt. Aber es wird eben keine runde Geschichte daraus. So mäandert der Film, ausgehend vom Endpunkt, einem schwer lungenkranken Egon Schiele in seinem Totenbett, zwischen den Brüsten der g’schmackigen Darstellerinnen, den Konflikten mit der Obrigkeit und den Familiendramen mit der Schwester hin und her, aber man weiß ja, was kommt (hustender Schiele), und irgendwie ergeben die Teile, so gut gemeint und so interessant sie für sich vielleicht auch sein mögen, kein Ganzes. Nicht schlecht, aber unterm Strich halt sehr konventionelles Futter.


5,5
von 10 Kürbissen

Arrival (2016)

Regie: Denis Villeneuve
Original-Titel: Arrival
Erscheinungsjahr: 2016
Genre: Drama, Science Fiction
IMDB-Link: Arrival


Intelligente Science Fiction ist ja etwas, das mich in der Regel schnell begeistert. Und nun packe man mit Denis Villeneuve einen der interessantesten Thriller-Regisseure der letzten Jahre, Amy Adams, Jeremy Renner, Forest Whitaker und Michael Stuhlbarg (alles von mir sehr geschätzte Leute, vor allem Amy Adams, auf die ich ein bisserl einen Crush habe, ich geb’s zu, und Jeremy Renner, den ich mir als Nachbarn wünschen würde) und einen klugen Plot zusammen – „you had me at hello“. Kann „Arrival“ das große Versprechen einlösen, das er mir im Vorfeld gegeben hat? Kurzfassung: Ja, kann er. „Arrival“ ist das bessere „Contact“, und ich fand „Contact“ schon gut. Die Story ist rasch erzählt: 12 seltsame außerirdische Schiffe (fühlte sich bei deren Anblick sonst noch jemand an „2001 – A Space Odyssey“ erinnert?) tauchen plötzlich auf, und eine von Erinnerungen an ihre verstorbene Tochter geplagte Linguistin wird gemeinsam mit einem Mathematiker hinzugezogen, um Kontakt aufzunehmen und rauszufinden, was die Herrschaften from outer space denn so wollen. Kann ja sein, dass sie einfach die falsche transgalaktische Abfahrt genommen haben und nun ihr Navi streikt. Oder sie wollen die Menschheit unterjochen und gegeneinander aufhetzen, wer weiß? Die Chinesen sind jedenfalls schon ganz nervös, und auch die Amis sind ausnahmsweise mal mit ihrem Latein am Ende. Und hier zeigt sich nun eine große Stärke des Films: In Anbetracht der generellen Verwirrung, die anlässlich der Landung der fremden Besucher herrscht, besinnt sich Menschheit zwar darauf, dass man halt doch im gleichen Boot sitzt und schafft es aber nicht, das Misstrauen, das unter Staaten und Geheimdiensten und Militärs herrscht, auszuräumen – man bespitzelt sich fröhlich weiter, kooperiert, aber nur solange man sich einen strategischen Vorteil erhofft, und irgendwie kennt sich keiner aus, wie man mit den Dingern im Vorgarten nun umgehen soll. Diese durch militärisches Zackzack überspielte Verwirrung fängt der Film gut ein. Am Ende ist „Arrival“ ziemlich intensives Futter für die Synapsen und plötzlich auch ein Plädoyer für das Leben – und wirkt sicherlich lange nach. Ein guter und intelligenter Film.


8,0
von 10 Kürbissen

Das blaue Zimmer (2014)

Regie: Mathieu Amalric
Original-Titel: Le Chambre Bleue
Erscheinungsjahr: 2014
Genre: Drama, Erotik, Krimi
IMDB-Link: Le Chambre Bleue


Ah, ein französischer Film: Es wird zu Violinen gevögelt, es gibt Close-Ups von nackten Schenkeln in schummrigem Licht, und man wirft sich bedeutungsvolle Blicke zu, ehe man eben jene in die Ferne schweifen lässt und seufzt: „Abe isch abe sie geliebt“. Mathieu Amalric, Bond-Bösewicht und Locked-In-Patient in „Schmetterling und Taucherglocke“, übernimmt hier nicht nur die Hauptrolle, sondern auch die Regie und sich selbst. „Le Chambre Bleue“ will dramatisches, prickelndes, aufregendes Kino sein. Es geht um eine ungesunde Affäre (nicht nur, weil die Herzensdame dem untreuen Seitenspringer gerne mal die Lippen blutig beißt), in die ein Krimi gestrickt wird, der von Motiven der Leidenschaft (man darf sich das Wort mit französischem Akzent ausgesprochen denken) erzählt und mit viel nackter Haut gewürzt ist. Das Problematische bei solchen Erotik-Thrillern und -Krimis und -Dramen und dergleichen ist, dass es heutzutage echt niemanden mehr schockiert, wenn mal Nippel zu sehen sind – aber die Filme tun gerne so, als würde es tatsächlich noch einen Unterschied machen, und Sex wäre nichts allzu Menschliches, sondern etwas Ungeheuerliches. Gut, die Resi-Tant‘ wird vielleicht beim Anblick des Koitus damenhaft erröten, den Kopf schütteln, irgendwas murmeln von wegen „früher hätt’s des net geben“ – und dann trotzdem gebannt das Popcorn in sich hineinschieben – aber hey, ich habe „Love 3D“ von Gaspar Noé auf der riesigen Gartenbaukino-Leinwand gesehen, was wollt ihr noch? Amalric verdreht in der Ekstase der Lust die Augen? Ja, eh. Ein bisserl weniger Bettlakenwühlerei, ein bisschen raffinierte Psychologie, und es hätte ein guter Film werden können. So bleibt im Zeugnis stehen: „Er hat sich stets bemüht.“


5,5
von 10 Kürbissen

(Foto: Filmladen)