Drama

Der Fischer und seine Frau (2005)

Regie: Doris Dörrie
Original-Titel: Der Fischer und seine Frau
Erscheinungsjahr: 2005
Genre: Liebesfilm, Drama, Fantasy
IMDB-Link: Der Fischer und seine Frau


Bei Christian Ulmen muss ich immer daran denken: „In Ulm, um Ulm, und um Ulm herum“. Woran ich künftig wohl eher nicht denken werden bei der Erwähnung dieses Namens: „Der Fischer und seine Frau“, eine Adaption eines Märchens der Gebrüder Grimm, in Szene gesetzt von Doris Dörrie. Ehrlich, der deutsche Film befand sich in den letzten Jahren spürbar im Aufwind – doch 2005 war davon noch nichts zu merken, jedenfalls nicht bei diesem Film. „Der Fischer und seine Frau“ ist eine deutsche Produktion der alten (schlechten) Schule. Das Schauspiel wirkt hölzern (gut, der Ulmen kann es vielleicht nicht besser, aber Alexandra Maria Lara hat zumindest in späteren Rollen bewiesen, dass sie mehr drauf hat), die Dialoge sind unecht und aufgesetzt, die Story wird holprig erzählt, und ein bisschen absurde Fantasy muss auch noch rein in Form von zwei verzauberten Fischen. Ja eh, die Vorlage ist ein Märchen, aber man kann auch Märchen seriös verfilmen. Dabei würde die Geschichte einiges hergeben: Ambitionierte Sie trifft auf idealistischen Er – sie scheffelt die Kohle, er bleibt zuhause beim Kind, die Beziehung driftet immer mehr auseinander, weil sie einfach Unterschiedliches erwarten vom Leben. Daraus hätte man etwas Feines stricken können, aber leider nimmt der Film sein Thema nicht ernst. Von Logiklöchern so groß wie Koi-Teiche und Unmengen von Kontinuitätsfehlern ganz zu schweigen. So wirkt „Der Fischer und seine Frau“ wie eine lieblose Routine-Arbeit, die man zwischen zwei Projekten mal im Auftrag eines potenten Geldgebers, der im Fernsehen Werbeplätze verkaufen will, runterspult. Und ich fürchte, genau das ist der Film wohl auch.


3,0
von 10 Kürbissen

Alle Anderen (2009)

Regie: Maren Ade
Original-Titel: Alle Anderen
Erscheinungsjahr: 2009
Genre: Drama, Liebesfilm
IMDB-Link: Alle Anderen


Bevor Maren Ade mit „Toni Erdmann“ international so richtig abgeräumt hat (wobei ich persönlich den Hype um den Film nicht ganz nachvollziehen konnte), legte sie mit „Alle Anderen“ schon eine sehenswerte und sehr konzentrierte Arbeit über das moderne Beziehungsleben vor. Gitti und Chris (Birgit Minichmayr mit ihrer Durchbruchs-Rolle, und Lars Eidinger), ein nach außen hin glückliches Paar, macht Urlaub auf Sardinien. Doch so ein Urlaub kann sich ganz schön hinziehen, und wenn dann auch noch Bekanntschaft auftaucht, der man lieber aus dem Weg gehen möchte, der man aber nicht entkommt, dann kann die angespannte Situation recht schnell mal explodieren – vor allem, wenn man mit der eigenen vermeintlichen Erfolglosigkeit im Gegensatz zum Erfolg des Gegenübers konfrontiert wird. Da tauchen sie auf, die großen Sinnkrisen, und plötzlich merkt man, dass man in vielerlei Hinsicht lange aneinander vorbei geredet hat und den Partner gar nicht so kennt wie man glaubt. Maren Ade braucht für „Alle Anderen“ nicht viel. Nur die reduzierte, entschleunigte Kulisse Sardiniens, zwei gut aufeinander abgestimmte Hauptdarsteller und eben diesen Störfaktor des zweiten Paares, um ein packendes und über die volle Laufzeit intensives Drama zu schaffen. Viel wird in kleinen Gesten oder Blicken erzählt. Die Momente der Entfremdung wie auch jene, in denen man sich wieder vertraut ist. Und das alles setzt sich zu einem Puzzle einer Beziehung zusammen, in vielen Momenten schmerzhaft vertraut und authentisch. „Alle Anderen“ ist kein vergnüglicher Film und keiner, den man wirklich genießen kann, aber er ist interessant, ehrlich und exzellent gespielt.


7,0
von 10 Kürbissen

(Foto: Polyfilm Verleih)

Uzala der Kirgise (1975)

Regie: Akira Kurosawa
Original-Titel: Dersu Uzala
Erscheinungsjahr: 1975
Genre: Drama, Abenteuerfilm, Biopic, Historienfilm
IMDB-Link: Dersu Uzala


Das Medium Film ist international. So saß ich heute im Gartenbaukino in Österreich, um einen russischen Film eines japanischen Regisseurs mit schwedischen Untertiteln zu sehen, in dem es um einen Kirgisen geht, der eigentlich ein indigener Nanaier ist. Alles klar? „Dersu Uzala“ (wie der Film von Meisterregisseur Akira Kurosawa heißt, „der Kirgise“ im Deutschen ist schlicht ein Fehler) erzählt die Geschichte einer Freundschaft in der unwirtlichen Taiga. Der russische Entdecker Wladimir Arsenjew macht 1902 zufällig die Bekanntschaft mit eben jenem Dersu Uzala, einem älteren Nanai, der durch die Pocken Frau und Kinder verloren hat, und sich allein als Jäger durchschlägt. Arsenjew und Dersu Uzala sind sich sofort sympathisch, und so begleitet Dersu Uzala die russische Expedition als Führer. Auf dieser Expedition, bei der schon der kleinste Fehler den Tod durch die unbarmherzige Natur bedeuten kann, freunden sich die beiden sehr unterschiedlichen Männer an, doch mit dem Ende der Expedition trennen sich auch ihre Wege wieder. Als Arsenjew Jahre später wieder in die Gegend kommt, trifft er erneut auf Uzala, und wieder begleitet Dersu Uzala seinen alten Freund und die Männer, die er anführt, durch die Wildnis. Doch Uzala ist nicht mehr der Jüngste. Seine Augen werden schwächer, und Arsenjew erkennt, dass das Leben da draußen für ihn kaum mehr zu bewältigen ist, wenn er nicht gut sieht. „Dersu Uzala“ erzählt über 2,5 Stunden eine sehr reduzierte, fast schon unspektakuläre Geschichte. Es gibt keinen Feind zu bekämpfen außer der grausamen Natur selbst. Die meiste Zeit über sieht man Männer, die sich durch Schnee und Eis und dichte Wälder kämpfen. Und dennoch steckt sehr viel in diesem Film. Diese fast schon meditative Ruhe, die der Film in seinen grandiosen Naturaufnahmen ausstrahlt, bildet die Fläche, auf der sich die Freundschaft der beiden unterschiedlichen Charaktere aufbauen kann. Und dennoch spürt man, dass sich die beiden Männer trotz aller Nähe, trotz der Gefahren, die sie gemeinsam durchstehen, fremd bleiben – zu fremd nämlich sind sich die Welten, aus denen sie kommen. Dieser Clash of Culture wird von Akira Kurosawa ohne Wertung erzählt. Jeder behält seine Würde in diesem Aufeinandertreffen bei. Das Ende ist konsequent, lakonisch und hinterlässt dennoch (oder gerade deswegen) einen bleibenden Eindruck. Nur hier erlaubt sich Kurosawa so etwas wie einen zynischen Zwischenruf. Doch auch der ist im Grunde nicht sein eigener – denn die Geschichte von Dersu Uzala hat sich tatsächlich so abgespielt. Zynisch war hier das Schicksal selbst.


7,5
von 10 Kürbissen

Das Mädchen aus der Streichholzfabrik (1990)

Regie: Aki Kaurismäki
Original-Titel: Tulitikkutehtaan Tyttö
Erscheinungsjahr: 1990
Genre: Drama, Komödie, Krimi
IMDB-Link: Tulitikkutehtaan Tyttö


Einmal mehr steht in „Das Mädchen aus der Streichholzfabrik“ Aki Kaurismäkis Lieblingsdarstellerin Kati Outinen im Mittelpunkt. Sie spielt eine graue Maus, die am Fließband einer Streichholzfabrik arbeitet, zuhause bei den despotischen Eltern lebt und davon träumt, ein unbeschwertes Leben zu führen und einen Mann, der sie begehrt, kennenzulernen. Ihre Träume führen sie bis in ein Tanzlokal, in dem sie tatsächlich die Aufmerksamkeit eines jungen Mannes erregt, der sie auch prompt zu sich nach Hause einlädt. Doch was wie eine zarte Liebesgeschichte beginnt, entpuppt sich schon bald als Albtraum, denn der Herr ist keineswegs interessiert an einer langfristigen Liaison. Und so muss Iris, das Mädchen aus der Streichholzfabrik, schon bald wieder ihre Träume begraben. Doch dann wendet sich das Schicksal auf dramatische Weise. Viel passiert nicht in Kaurismäkis Film, mit dem er sich noch einmal der Arbeiterklasse zuwendet. Selbst für einen Kaurismäki-Film ist die Handlung sehr reduziert, und auch die Dialoge werden nur sehr spärlich eingesetzt. Viel passiert über Blicke, über Bewegungen, die Monotonie in Iris‘ Leben wird durch repetitive Aufnahmen (zB gleich zu Beginn, als der gesamte Prozess der Streichholzerzeugung gezeigt wird) unterstrichen. Und doch entwickelt man beim Ansehen ein tiefes Verständnis für die Figuren, für ihre Ängste und Sorgen und Hoffnungen. Das ist eine der ganz großen Stärken Kaurismäkis – diese Empathie für die Figuren, die sich auf die Zuseher überträgt. Allerdings ist „Das Mädchen aus der Streichholzfabrik“ sicherlich einer der trostloseren Arbeiten des finnischen Filmemachers. Der lakonische Humor blitzt zwar immer wieder durch, doch diesmal liegt der Fokus voll auf den großen Nöten der Hauptfigur. Von daher ist „Das Mädchen aus der Streichholzfabrik“ ein weiterer sehr gelungener Film, steht für mich mit seiner Tristesse ein wenig zurück hinter meinen persönlichen Lieblingsfilmen des Meisters der Lakonie und Reduktion.


7,0
von 10 Kürbissen

Duty (2017)

Regie: Annemarie Jacir
Original-Titel: Wajib
Erscheinungsjahr: 2017
Genre: Drama, Komödie
IMDB-Link: Wajib


Mein letzter Festival-Film des diesjährigen Crossing Europe Film Festivals in Linz spielt wieder in Israel, und wieder, wie auch in „Namrud (Troublemaker)“ geht es um die palästinensische Gemeinschaft. Shadi ist aus Italien zurückgekehrt in die alte Heimat, die er schon seit Jahren nicht mehr gesehen hat, um seinem Vater bei der Organisation der Hochzeit seiner Schwester zu helfen. Der Film konzentriert sich dabei auf einen Tag, an dem die beiden die offiziellen Einladungen zustellen. Das muss persönlich erfolgen, denn das ist „Wajib“, also die Pflicht des Vaters, der die Hochzeit ausrichtet. Vater und Sohn kommen gut miteinander aus, doch bald werden die Gräben sichtbar, die im Laufe der Jahre durch die unterschiedlichen Lebensweisen entstanden sind. Während der Vater sein ganzes Leben lang in Israel gelebt hat und gelernt hat, sich den Gepflogenheiten und Verpflichtungen, die man als Palästinenser im Land hat, anzupassen, findet sich der Sohn, vom westlichen Leben in Italien geprägt, nur schwer zurecht inmitten der Rituale, die notwendig sind. Diese sind zum Einen kulturell geprägt, zum Anderen zum Teil auch pragmatisch. So muss der Israeli Ronnie Avi zur Hochzeit eingeladen werden. Der Vater bezeichnet Ronnie Avi als alten Freund, der Sohn als Spitzel des israelischen Geheimdienstes, der hauptverantwortlich dafür war, dass er damals das Land verlassen musste. Doch die Einladung von Ronnie Avi ist nicht der einzige Streitpunkt zwischen Vater und Sohn. Der Sohn lebt in Italien in einer glücklichen Beziehung und denkt nicht an die dauerhafte Rückkehr in die Heimat, der Vater hätte gern, dass er hier wieder sesshaft wird und eine Einheimische heiratet. Auch über den Hochzeitssänger wird lauthals gestritten. Und über die Mutter, die in den USA lebt, nachdem sie die Familie verlassen hat. Und nun liegt ihr zweiter Ehemann im Sterben und es ist unklar, ob sie zur Hochzeit kommen kann – was der Vater persönlich nimmt. All diese Konflikte und Reibereien werden aber mit viel Humor vorgetragen, und es ist klar, dass die beiden, Vater und Sohn, trotz aller Unterschiede viel Liebe füreinander empfinden. Und das ist die große Stärke des Films: Er ist wunderbar menschlich und zeigt die Protagonisten mit Stärken und Schwächen, aber im ehrlichen Bemühen, miteinander gut auszukommen. Auf einer subtilen Ebene wird auch vom Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern erzählt. Aber das Herzstück des Films ist die Vater-Sohn-Geschichte und die Annäherung der beiden, wie sie versuchen, ihre beiden Welten in Einklang zu bringen und sich neu kennenzulernen. Und das zeigt Annemarie Jacir mit viel Einfühlungsvermögen, ehrlichen Charakteren, einer Prise Humor und einem guten Gefühl für Rhythmus, denn auch wenn der Film ruhig und unspektakulär erzählt wird, ist er nie auch nur einen Moment lang uninteressant oder gar langweilig. Ein weiteres Festival-Highlight zum Abschluss.


8,0
von 10 Kürbissen

(Foto: CROSSING EUROPE Filmfestival Linz)

Little Crusader (2017)

Regie: Václav Kadrnka
Original-Titel: Křižáček
Erscheinungsjahr: 2017
Genre: Drama, Historienfilm
IMDB-Link: Křižáček


„Little Crusader“ ist der erste tschechische Film, der mit dem Hauptpreis auf dem heimischen Filmfestival in Karlovy Vary ausgezeichnet wurde. Und wie so oft: Man kann über solche Preisverleihungen trefflich streiten. Der in blassen Farben und im ungewöhnlichen Academy-Format (1 : 1,37) gedrehte Film erzählt eine sehr simple Geschichte: Der junge Jenik reißt von der Heimatburg aus, um auf Kreuzzug zu gehen, sein Vater, der alte Ritter Borek, sucht ihn. Und ja, das ist dann auch schon die ganze Geschichte. Zwischendurch schließt sich ein junger Ritter dem Suchenden an, und mal spielen Kinder im Feld oder führen ein Theaterstück auf. Meistens aber wird schweigend durch die Gegend geritten. Es entsteht der Eindruck, dass man im Mittelalter nicht gesprochen, sondern nur das Gegenüber nach einer Frage minutenlang angestarrt hat. Passiv-aggressive Reaktionen auf blöde Fragen hatten die offenbar drauf. Eine Entwicklung der Charaktere ist nicht bemerkbar, dramaturgische Höhepunkte gibt es keine – der Film fließt mit minutenlangen Einstellungen einfach so dahin, ohne das Publikum mit Handlung zu schocken. Irgendwie hat das ja auch etwas. Und die Bilder sind schön anzusehen. Unterm Strich ist „Litte Crusader“ aber eine sehr dünne Suppe. Schöne Bilder allein reichen nicht. Handlungsarmut ist auch okay, aber wenn man das Gefühl hat, dass nicht die kleinste Veränderung in den Figuren passiert, dass man am Ende keine Botschaft mitnehmen kann, keinen Gedanken, den man selbst fortführen könnte, so ist das halt einfach zu wenig. Das haben offenbar auch einige andere Filmkritiker gesehen, die eine Diskussion darüber losgetreten haben, warum dieser Film den Hauptpreis in Karlovy Vary erhalten hat. Denn, wie gesagt: Über solche Preisverleihungen kann man trefflich streiten.


4,0
von 10 Kürbissen

(Foto: CROSSING EUROPE Filmfestival Linz)

Good Favour (2017)

Regie: Rebecca Daly
Original-Titel: Good Favour
Erscheinungsjahr: 2017
Genre: Drama
IMDB-Link: Good Favour


Mitten im Wald liegt ein Dorf, in dem die Zeit stillgestanden zu sein scheint. In diesem Dorf lebt eine christliche Gemeinschaft, die sich sektengleich völlig abschottet von der Außenwelt. Allerdings sind die Menschen nicht fanatisch, nur sehr gläubig. Dass sie freundliche Zeitgenossen sind, zeigt sich schon bald, als es den siebzehnjährigen Tom ins Dorf verschlägt. Er kommt aus dem Wald, ist verwundet, hungrig und durstig und hat keine Erinnerung an ein Vorher. Die Menschen nehmen den schweigsamen Außenseiter auf, und allmählich gliedert er sich in das Dorfleben ein. Doch er trägt ein Geheimnis mit sich, von dem er sogar selbst nichts wusste. Rebecca Dalys Film ist vor allen Dingen rätselhaft. Nur wenig wird erklärt. Was hat es mit der englischsprachigen, christlichen Gemeinschaft in einem deutschen Wald auf sich? (Dass sich das Dorf in Deutschland befindet, bekommt man nur recht spät in einer kleinen, unbedeutenden Szene mit.) Woher kommt Tom, und warum hat er keine Erinnerungen? Was hat es mit den Wunden auf sich, die er aus dem Wald mitgebracht hat? Nichts davon wird wirklich aufgeschlüsselt, und viele Szenen bleiben symbolhaft und verschließen sich allzu schneller Interpretationen. Am Ende wird das Bild klarer (da hätte ich mir an einer Stelle sogar ein wenig mehr Subtilität gewünscht), aber auch da lässt Rebecca Daly viele Möglichkeiten offen. „Good Favour“ ist ein Film, über den man noch lange nachdenkt, und der zu Diskussionen anregt. Definitiv sehenswert!


7,5
von 10 Kürbissen

(Foto: CROSSING EUROPE Filmfestival Linz)

Scary Mother (2017)

Regie: Ana Urushadze
Original-Titel: Sashishi Deda
Erscheinungsjahr: 2017
Genre: Thriller, Drama
IMDB-Link: Sashishi Deda


Im Nachhinein ist man immer schlauer: Wäre ich doch mal lieber im Q&A zu „Lucica und ihre Kinder“ sitzengeblieben, anstatt in den Nebensaal zu „Scary Mother“ zu hetzen. Selbst wenn Regisseurin Bettina Braun in diesem Q&A nur ihre besten Backrezepte verraten hätte, wäre das mit Sicherheit noch spannender gewesen als der Film der georgischen Regisseurin Ana Urushadze. Dabei hätte die Synopsis geradezu danach geschrieen, mich ins Kino zu locken. Es geht um die Schriftstellerin und liebevolle dreifache Mutter Manana, die kurz vor der Vollendung ihres neuen Romans steht. Der Ladenbesitzer gegenüber, ein Hobby-Literaturkritiker, den sie das ansonsten streng geheime Werk probelesen ließ, ist von dem Werk begeistert und hält es für ein Meisterwerk. Die Familie – bei der ersten gemeinsamen Lesung – ist weniger angetan davon, denn schon nach wenigen Zeilen wird klar, dass Manana hier ihre eigene Familiengeschichte erzählt, allerdings pervertiert und mit unglaublich viel Hass und Verachtung zwischen den Zeilen. Hier strampelt sich jemand ganz klar heraus aus einer vordefinierten Rolle der Hausfrau und Mutter. Klar, dass vor allem der Ehemann und Vater, der ja sowieso immer alles besser weiß, vor allem in Bezug auf die Frage, was Manana tun oder lassen soll, recht unfreundlich reagiert. Der Ladenbesitzer, der einen kleinen Crush auf Manana zu haben scheint, hat diese Situation vorausgesehen und in seinem Laden ein Zimmer für sie eingerichtet, in dem sie den Roman fertig schreiben kann, während er sich auf die Suche nach einem Verleger macht. So weit, so gut. Der Rest des Films besteht allerdings darin, dass Manana mit irrem Blick durch die Gegend schleicht, mal hinter dem Ladenbesitzer her, mal durch die Stadt, mal durch die Wohnung ihres Vaters. Falls noch jemand einen deutschen Verleihtitel für den Film suchen sollte: „Schleichende Mutter“. Bitte, gern geschehen. Das Ende ist dann wieder ganz okay, aber der (schleichend langsame) Weg dahin eine ziemlich mühsame Angelegenheit.


3,5
von 10 Kürbissen

(Foto: CROSSING EUROPE Filmfestival Linz)

The Heart (2018)

Regie: Fanni Metelius
Original-Titel: Hjärtat
Erscheinungsjahr: 2018
Genre: Liebesfilm, Drama
IMDB-Link: Hjärtat


Als mit Anfang Zwanzig die erste ernste Beziehung in die Brüche ging, setzte sich Fanni Metelius hin und schrieb ein Gedicht über diese Beziehung. Einige Jahre später entschloss sie sich, dieses Gedicht zu verfilmen. So erzählte es uns die sympathische Regisseurin beim Q&A zu „The Heart“, ihrem Debütfilm. Sie wollte einen ehrlichen Film machen über echte Probleme, die ihre eigenen Erfahrungen geprägt haben – wie zum Beispiel fehlendes sexuelles Interesse eines Partners. Genau mit diesem Problem (und anderen) schlagen sich Mika und Tesfay herum. Eigentlich sind sie sehr verliebt ineinander, und die bislang so sprunghafte Partymaus Mika (Fanni Metelius selbst, die offenbar mit Regie, Drehbuch und Schnitt noch nicht ausgelastet war, ihre Sache aber überragend macht) entschließt sich, mit Tesfay endlich sesshaft zu werden. Als Zuseher ist man ganz nah dran an diesem Paar, die Momente der Intimität, die gezeigt werden, sind völlig unprätentiös und glaubhaft. Die Küsse, die Blicke (in denen sich oft dieses wundervolle Erstaunen darüber zeigt, den anderen Menschen gefunden zu haben), auch das Zusammensitzen auf der Couch – all das wirkt absolut authentisch. Doch gerade die Couch wird zum Beziehungskiller, denn immer mehr Zeit verbringt der charismatische und eigentlich kreative und lebenslustige Tesfay auf dieser, um Computerspiele zu spielen. Und die Zeit, die dafür draufgeht, Knöpfe auf dem Controller zu drücken, fehlt dann für jene Zeit, die er eigentlich Mikas Knöpfe drücken sollte. Die wird verständlicherweise frustriert und unsicher. Wie lange zusammenbleiben und wie sehr sich bemühen, wenn man trotz aller Liebe unter der Beziehung leidet? Und was kann man noch tun? Leider nimmt sich der Film dafür etwas zu sehr Zeit und wird gegen Ende hin auch ein wenig ermüdend. Dazu kommt, dass zwar die beiden Hauptfiguren Mika und Tesfay sehr glaubhaft dargestellt werden als junge Erwachsene, die feststellen, dass das Leben neben Party und Halligalli auch ernsthafte Seiten hat, die Nebenfiguren aber allesamt sehr klischeehaft ausfallen. Auch ist der Fokus mit Blick auf die Zweierbeziehung einerseits und das ungezwungene Partyleben andererseits sehr eng gefasst. Weitere Aspekte des Lebens und des Alltags werden einfach ausgeklammert. Mir selbst war das ein wenig zu eindimensional. Dennoch ist „The Heart“ ein sehenswerter Liebesfilm, in dem sich viele der jüngeren Zuseher wohl auch selbst wiederfinden werden.


6,5
von 10 Kürbissen

(Foto: CROSSING EUROPE Filmfestival Linz)

Cobain (2018)

Regie: Nanouk Leopold
Original-Titel: Cobain
Erscheinungsjahr: 2018
Genre: Drama
IMDB-Link: Cobain


Der fünfzehnjährige Cobain heißt Cobain, weil seine Mutter Mia schon vor der Geburt nicht unbedingt sehr viel an ihr Kind, sondern hauptsächlich an sich selbst gedacht hat. „Warum nennt man sein Kind nach einem, der sich erschossen hat?“, fragt Cobain zu Recht. Immerhin hat er kein Drogenproblem – das erledigt schon seine Mutter für ihn. Die im Übrigen mal wieder schwanger ist, was sie allerdings nicht davon abhält, viel zu viel zu rauchen, zu trinken und sich noch deutlich ungesündere Substanzen zuzuführen. Noch dazu verschwindet Mia gerne mal. Cobain, wenn er nach ihr sucht, findet sie dann meistens auf der Couch irgendwelcher Junkies. So gesehen ist „Cobain“ so etwas wie ein Gegenstück zu „Die beste aller Welten„, in dem es ebenfalls um eine von Drogen kontaminierte Mutter-Sohn-Beziehung geht. Doch während sich in Adrian Goigingers Kindheitsaufarbeitung die Mutter nach Kräften bemüht, ihrem Sohn trotz aller Probleme eine glückliche Kindheit zu schenken, hat Mia in Nanouk Leopolds Film nicht das leiseste Interesse an Berührungspunkten. Gleich zu Beginn stellt sie klar: „Du bist okay, ich bin okay, wir kümmern uns um uns selbst.“ Niemand ist hier aber okay. Weder Mia noch Cobain, der gerne ein intaktes Familienleben hätte. Immer wieder sucht Cobain die Nähe seiner Mutter, versucht, ihr gegen alle Widerstände zu helfen, um vielleicht doch noch die kleine, wenn auch unwahrscheinliche Chance auf einen Funken Normalität zu wahren. Nanouk Leopold erzählt in ruhigem, unaufgeregtem Tempo die Geschichte eines Jungen, der sich nicht von seiner Mutter lösen kann. In wackeligen Bildern der Handkamera, die immer ganz nah dran ist an Cobain, zeigt sie die zerstörerische Kraft der Liebe. Das Ende ist heftig, aber auch konsequent. „Cobain“ ist nicht über die volle Laufzeit stets gleichermaßen interessant und auch nicht immer klischeefrei, hallt aber dennoch nach und gehört schon mal zu meinen ersten Highlights des Crossing Europe Festivals 2018.


7,5
von 10 Kürbissen

(Foto: CROSSING EUROPE Filmfestival Linz)