Drama

Stop the Pounding Heart (2013)

Regie: Roberto Minervini
Original-Titel: Stop the Pounding Heart
Erscheinungsjahr: 2013
Genre: Drama
IMDB-Link: Stop the Pounding Heart


„Stop the Pounding Heart“ von Roberto Minervini ist: Ziegen melken, Bullen reiten, beten, im Schlamm spielen, im Wald sitzen, essen, lesen, Gespräche darüber, wie viele Kinder man einmal haben möchte, Ziegen aus dem Haus jagen, Zaunpfähle aufstellen, am Zaun lehnen, Ziegen durch die Gegend tragen, auf Bullenattrappen reiten üben, Ziegen in den Stall scheuchen, noch mehr Ziegen. Das liest sich wahnsinnig unspektakulär, und das ist es auch. Denn Minervini hält einfach nur die Kamera drauf und folgt seiner Figur Sara, einer etwa fünfzehnjährigen Texanerin, die in der Einöde in einer streng katholischen Familie aufwächst. So streng katholisch, dass die Eltern offenbar beschlossen haben, gleich alle zwölf Apostel selbst zu zeugen und die Kinder von jeglicher Schulbildung fernzuhalten, denn lesen und schreiben lernen kann man zuhause auch – und das Wichtigste ist ohnehin das Wort Gottes, das über allem steht. Und so wird auch kritiklos hingenommen, dass die Frau dem Mann zu dienen hat. Als Zuseher greift man sich das eine oder andere Mal an den Kopf. Gleichzeitig aber verurteilt Minervini nicht, er beobachtet nur, lässt die Figuren für sich selbst sprechen und nimmt sie so hin, wie sie sind. Das ist der dokumentarische Anspruch, den seine Filme erfüllen. Trotzdem will er auf etwas hinaus und führt seine Figuren (sanft, aber bestimmt) zu diesem Ziel. Fast unmerklich nämlich regt sich so etwas wie Skepsis in Sara, nachdem sie den jungen Bullenreiter Colby kennengelernt hat – eine Skepsis, die noch nicht ausreicht, um zu Widerstand zu führen, aber man sieht das Samenkorn und wie es gepflanzt wird. Alles Weitere wird die Zukunft zeigen. Ob sich Sara irgendwann einmal von ihrer Familie abwendet und einen eigenen Weg geht oder ob der katholische Konservatismus, der ihr aufgezwungen wird, stärker ist – das bleibt offen. Aber wir sehen einer jungen Frau zu, die einen ersten Schritt getan hat zu einer eigenständigen Persönlichkeit. Und das ist banal und faszinierend, es ist zäh und spannend, es ist subtil und doch offensichtlich. Minervinis Filme mögen nicht jeden Geschmack treffen, aber wer sich auf diese extrem langsame und hintergründige Erzählweise einlassen kann, bekommt in Minervinis Filmen das echte Leben präsentiert – so authentisch, wie sonst eben nur Dokumentationen sein können.


7,0
von 10 Kürbissen

(Foto: Viennale)

The Wild Pear Tree (2018)

Regie: Nuri Bilge Ceylan
Original-Titel: Ahlat Ağacı
Erscheinungsjahr: 2018
Genre: Drama
IMDB-Link: Ahlat Ağacı


Zugegeben, wenn man insgesamt schon 6 Stunden Kino an einem Tag in den Beinen hat und dann noch um 9 Uhr abends in ein 3-Stunden-Epos hineinwankt, hat es dieser Film vielleicht etwas schwerer, als würde man ihn als einzigen Film des Tages genießen. Wenn sich ein solcher Film aber dennoch in der Form behaupten kann, dass der Rezipient beim Sichten nicht sanft einschlummert, ist das schon mal ein Qualitätsmerkmal. So gibt’s schon mal ein erstes Thumbs Up für Nuri Bilge Ceylans Vater-Sohn-Drama „The Wild Pear Tree“. Wort- und bildreich wird darin die Geschichte des jungen College-Absolventen Sinan erzählt, der zurück ins Dorf seiner Eltern kommt, bevor er sein Examen als Lehrer ablegen kann – oder zum Militär muss, falls er diese Prüfung nicht schaffen sollte. Sinan hasst sein provinzielles Dorf, und er hat die größten Probleme mit seinem Vater, ebenfalls Lehrer, der das gesamte Geld der Familie bei Pferderennen verwettet hat und auf einem trockenen Hügel einen Brunnen zu graben versucht. Als Spinner wird er abgetan, nicht nur von den sonstigen Dorfbewohnern, sondern auch von der eigenen Familie. Und ja, dieser Vater hat so seine Marotten. Er nimmt das Leben mit einem Augenzwinkern, wenig bis gar nichts ernst, vor allem sich selbst nicht. Als Vorbild taugt so ein Narr, wenn man ihn so bezeichnen will, wohl kaum. Sinan selbst wäre auf Geld angewiesen, denn gerade eben hat er seinen ersten Roman „The Wild Pear Tree“ fertig geschrieben, in dem er die sozialen Verhältnisse seines Heimatdorfes seziert, doch will ein solches Buch auch erst einmal veröffentlicht werden, und da Sinan keinen Verlag hat, braucht er dafür Geld – eben jenes Geld, das sein Vater augenscheinlich verzockt. Und schon brodelt er unterschwellig, der Konflikt zwischen Vater und Sohn, und es braucht drei lange Stunden, bis schließlich so etwas wie eine Annäherung aufgebaut wird. Die meiste Zeit über ist Sinan eigentlich nur ein selbstgerechter und egoistischer Arsch, der sich mit Gott und der Welt anlegt, und so gesehen ist „The Wild Pear Tree“ vor allem ein Entwicklungsfilm (angelehnt an den Entwicklungsroman), denn wenn jemand erst einmal Verständnis und Mitgefühl aufbauen muss, dann Sinan. Die Reise zu sich selbst ist psychologisch stimmig erzählt, wenngleich manchmal auch etwas langatmig – kein Wunder bei 188 Minuten Spielzeit. Und trotz gewisser Redundanzen und Episoden, die es in dieser Ausführlichkeit nicht gebraucht hätte, weiß der Film über die ganze Länge hinweg zu interessieren und findet zu einem zutiefst menschlichen und nachvollziehbaren Ende.


7,0
von 10 Kürbissen

(Foto: Viennale)

Immersed Family (2018)

Regie: María Alche
Original-Titel: Familia Sumergida
Erscheinungsjahr: 2018
Genre: Drama
IMDB-Link: Familia Sumergida


„Familia Sumergida“ der jungen argentinischen Regisseurin María Alche ist ein Festival-Film par excellence. Sehr viel Drama, sehr viele bedeutungsschwangere Blicke, eine Schlussszene mit Tanz, die irgendwie keinen Sinn macht, und am Ende geht man etwas ratlos aus dem Kino, zuckt mit den Schultern und entschuldigt sich für die Auswahl bei jenen, die zum ersten Mal in einen Festival-Film mitgekommen sind (und danach wohl nie wieder in einen Festival-Film gehen werden). Marcela (Mercedes Morán, die dieser Figur immerhin viel Leben und Glaubwürdigkeit einhaucht) ist verheiratet, hat drei Kinder im Teenager-Alter, jede Menge Alltagsstress und muss den Hausstand ihrer plötzlich verstorbenen Schwester auflösen. Dabei lernt sie Nacho (Esteban Bigliardi) kennen, einen jungen Mann, dessen Pläne, ins Ausland zu gehen, sich gerade zerschlagen hat. Er hilft Marcela in der Wohnung, dafür darf er sich ein paar Bücher der Schwester mitnehmen, da er gerne liest. Allmählich kommen sich die beiden näher. Wer allerdings nun ein Feuerwerk an Leidenschaft erwartet, wird enttäuscht. Viel mehr geht es um die Trauerbewältigung, und die Ablenkung, die Nacho bietet, ist eine Form davon. Das scheint auch Marcela selbst zu wissen. Und das ist zwar phasenweise recht nett anzusehen, im Grunde aber auch belanglos und am Ende nicht wirklich zielführend. Auch die fantastischen Elemente, wenn plötzlich die längst verstorbene Verwandtschaft im Wohnzimmer sitzt und alles fleißig kommentiert, wirken zwar organisch eingearbeitet, bringen aber keinen echten Mehrwert. So bleibt es bei der Synopsis: Eine viel beschäftigte Frau und Mutter mittleren Alters löst eine Wohnung auf, und am Ende wird getanzt.


5,0
von 10 Kürbissen

(Foto: Viennale)

Our Time (2018)

Regie: Carlos Reygadas
Original-Titel: Nuestro Tiempo
Erscheinungsjahr: 2018
Genre: Drama, Liebesfilm
IMDB-Link: Nuestro Tiempo


Wenn Intellektuelle Gefühle auf einer rationalen Ebene sachlich diskutieren wollen „wie vernünftige Menschen“, kommt meist ein ordentlicher Quargel raus. So geht es auch dem Ehepaar Juan und Ester, gespielt von Regisseur und Drehbuchautor Carlos Reygadas himself und seiner Angetrauten Natalia López. Juan und Ester leben auf einer Farm außerhalb von Mexico City und betreiben dort eine Bullenzucht. Sie haben zwei Kinder, sind glücklich miteinander, Juan ist zudem ein gefeierter Dichter, und Ester vielleicht ein bisschen gelangweilt, weshalb sie sich auf ein Techtelmechtel mit dem US-Amerikaner Phil einlässt. Das findet Juan bald heraus. Und an sich steht er ja über so etwas drüber als Intellektueller. Wenn sich seine Frau austoben will, warum nicht? Offene Beziehungen sind ja en vogue. Aber dass sie ihm diese außerehelichen Aktivitäten verschweigen wollte, das nagt schon sehr an ihm. Und fördert eine Selbstgerechtigkeit zutage, die für die Harmonie einer Beziehung nicht unbedingt förderlich ist. Während das Paar langsam auseinander driftet, greift er zu drastischeren Mitteln, um seine Ehe zu retten – bis hin zur völligen Selbsterniedrigung. „Nuestro Tiempo“ ist ein Film, der auf gespaltene Kritiken stößt und wohl auch nicht nach jedermanns Geschmack ist. Denn das intime Beziehungsdrama nimmt sich drei Stunden lang Zeit. Zudem machen die arrogant geführten Dialoge aus dem anfangs so sympathisch wirkenden Juan mit der Zeit einen echten Unsympathler, dessen Handlungen und Worte man einfach nicht mehr nachvollziehen kann. Doch genau darin zieht meiner Meinung nach der Film seinen Sog. Eingebettet in archaische Landschaftsaufnahmen (was bitte ist männlicher als auf Pferden wild jauchzend Bullen nachzugaloppieren?) werden verletzter Stolz, Ängste und Verzweiflung sichtbar gemacht, die allesamt unter einer Maske intellektueller Überheblichkeit versteckt sind. Bezeichnend die Schlüsselszene, als Juan am Sterbebett eines guten Freundes hemmungslos zu weinen beginnt – und zwar nicht wegen des Freundes, sondern aufgrund der eigenen, als verzweifelt empfundenen Lage. Auch die Symbolik des Films ist interessant: Die Stiere, die ihre Revierkämpfe nur mit allergrößter Brutalität austragen können, stehen stellvertretend für Juan, der ebenfalls am Kämpfen ist, aber mit unbrauchbaren Mitteln. Wenn in der letzten Szene ein Stier von einem anderen einen Abgrund hinunter gestoßen wird und im Staub liegt, ist das ein drastisches, aber bezeichnendes Abschlussbild für einen bild- und wortgewaltigen Film, den man wohl so schnell nicht vergisst – ob im Positiven oder im Negativen. Ich selbst fand ihn anstrengend, aber großartig.


8,0
von 10 Kürbissen

(Foto: Viennale)

River’s Edge (2018)

Regie: Isao Yukisada
Original-Titel: Ribazu Ejji
Erscheinungsjahr: 2018
Genre: Drama
IMDB-Link: Ribazu Ejji


In Japan schreit man sich an. Selbst wenn man gerade flüsternd ein Geheimnis miteinander teilen möchte. Man brüllt. Und fuchtelt dabei mit den Armen. Und brüllt noch lauter. Daran muss man sich gewöhnen, wenn man einen japanischen Film ansieht. Aber wenn das erst einmal geschafft ist und man diese Hürde übersprungen hat, gibt’s oft sehr Erbauliches zu sehen. Wie beispielsweise Isao Yukisadas „River’s Edge“, das auf einem Manga der 90er Jahre basiert. Im Manga wie im Film wird das Leben einiger Teenager beleuchtet, allesamt irgendwie Außenseiter und/oder mit Problemen beladen. Yamada ist schwul und wird von Kannonzaki gemobbt. Trost findet er bei einer Leiche, die er vor einem Jahr im hohen Schilf am Flussufer gefunden hat. Kannonzaki wiederum ist der Freund von Haruna, die im Zentrum der Erzählung steht. Haruna ist eine Suchende, doch wonach sie genau sucht, weiß sie wohl selbst nicht. Mit Yamada findet sie aber zumindest mal einen Freund und eine Vertrauensperson. Rumi ist eine gute Freundin von Haruna. Doch was Haruna nicht weiß ist, dass Rumi mit Kannonzaki ins Bett steigt. Mit Kozue findet Haruna aber bald eine neue Freundin. Kozue ist eine Vertraute von Yamada, ein Model, das nebenbei in die Schule geht (statt umgekehrt), und das ebenfalls vom Geheimnis der Leiche weiß. Und dann wäre da noch Tajima, die Freundin von Yamada. Sie liebt ihn fanatisch und weiß nichts von seiner Homosexualität. Er wiederum lässt die Beziehung zu, da sie eine gute Tarnung bietet. Und schon ist alles beisammen für eine Reise in die finstersten Abgründe des Aufwachsens. Am Ende haben irgendwie alle einen Klescher in diesem Film, aber Yukisada belässt es bei der versöhnlichen Erkenntnisse, dass diese Verwundungen wohl zum Erwachsenwerden dazugehören, und dass diese auch heilen können, selbst wenn Narben zurückbleiben. Insgesamt ist der Film vielleicht einen Tick zu lang, und europäische Zuseher werden sich mit dem japanischen Hang zur Überdramatisierung gelegentlich etwas schwer tun. Dennoch ist „River’s Edge“ ein durchaus gelungener Film, der über die gesamte Laufzeit hinweg interessant und unterhaltsam bleibt.


6,5
von 10 Kürbissen

(Foto: Viennale)

Murder Me, Monster (2018)

Regie: Alejandro Fadel
Original-Titel: Muere, Monstruo, Muere
Erscheinungsjahr: 2018
Genre: Horror, Drama
IMDB-Link: Muere, Monstruo, Muere


Bei manchen Filmen hat man das Gefühl, dass der Regisseur selbst nicht wusste, was er eigentlich erzählen und ausdrücken wollte. „Muere, Monstruo, Muere“ von Alejandro Fadel ist so ein Film. Denn auch wenn wir uns im Topos des Horrorfilms befinden, der bekanntlich ja seinen eigenen Gesetzen der Logik (oder Unlogik) folgt, so schaffen es dennoch die meisten Filme, zumindest in sich selbst geschlossen zu bleiben. „Muere, Monstruo, Muere“ ist hingegen vollgepackt mit Szenen und Bildern, die nicht mal innerhalb des Films selbst Sinn machen. Erzählt wird die Geschichte einer grässlichen Mordserie in einem abgelegenen Dorf in den Anden. Die weiblichen Opfer werden enthauptet vorgefunden mit seltsamen Bissspuren im Kopf und Hals und zähflüssigem, grünem Schleim in den Wunden. Verdächtigt wird schon bald der verrückte David, der von Stimmen in seinem Kopf berichtet, die ihm sagen: „Muere, Monstrue, Muere!“ Der eigenbrötlerische Polizist Cruz, eben noch im Bett mit Davids Frau Francisca, ermittelt in dieser Sache und beginnt bald, David Glauben zu schenken. Und so entfaltet sich ein sehr langsames, stimmungsvolles Horrordrama. Das Problem daran ist eben, dass der Film mit allerlei pseudophilosophischem Quatsch durchzogen ist und damit eine Bedeutungsschwere suggerieren möchte, die man inhaltlich einfach nicht wiederfindet. Immerhin ist der Film wunderschön gefilmt und optisch gut anzusehen. Handwerklich kann man den Machern kaum etwas vorwerfen. Auch ist die Monsterjagd durchaus interessant und atmosphärisch dicht ausgestaltet. Aber in der Summe seiner Teile funktioniert der Film nicht so recht, weil er eben mehr sein möchte, als er tatsächlich ist. Es geht mir hier so ein bisschen wie dem Kind in „Des Kaisers neue Kleider“, das fassungslos auf den stolz schreitenden Kaiser (Film) starrt und ausruft: „Aber er ist doch nackt!“


5,0
von 10 Kürbissen

(Foto: Viennale)

Low Tide (2012)

Regie: Roberto Minervini
Original-Titel: Low Tide
Erscheinungsjahr: 2012
Genre: Drama
IMDB-Link: Low Tide


Roberto Minervini hat einen sehr eigenen Zugang zum Filmen, wie er im Q&A nach dem Screenings seines zweiten Langfilms „Low Tide“ im Rahmen der Viennale erzählt. Er arbeitet mit Laiendarstellern, hat nur wenig bis gar kein Script, filmt, ohne das Gefilmte zu überprüfen und anzusehen (das kommt erst im Schnitt), lässt die Filmrolle einfach laufen, bis sie zu Ende ist – und am Ende hat er einen Film oder nicht. Dadurch erhalten seine Filme einen dokumentarischen Anstrich, sie fangen tatsächlich das wahre Leben ein. Und dieses ist oft banal und repetitiv, wie man in „Low Tide“ sehen kann. Die Kamera folgt einem etwa zwölfjährigen Jungen, der mit seiner Mutter in ärmlichen Verhältnissen in einer Kleinstadt außerhalb von Houston, Texas, lebt. Oder sagen wir so: Er lebt dort, und seine Mutter stürzt gelegentlich betrunken mitten in der Nacht durch die Tür. Die meiste Zeit ist er völlig auf sich allein gestellt. Er macht den Haushalt, er macht sich selbst seine Ravioli warm, er fährt mit dem Fahrrad durch die Gegend, er sammelt Dosen auf, um das Dosenpfand einzukassieren, er wirft Steine ins Wasser – und gelegentlich hilft er seiner Mutter, die eine schlecht bezahlte Hilfsstelle in einem Pflegeheim hat, beim Einsortieren der Handtücher. Einzig zu Tieren hat er eine echte Beziehung. Gleich zu Beginn sieht man ihn, wie er mit einer zufällig auf dem Weg gefundenen Schlange spielt, neugierig und voller Respekt vor dem Tier. Dialog gibt es kaum einen, denn mit wem könnte er auch reden? Und während man sich als Zuseher noch fragt, wohin diese ganzen Alltagsbanalitäten in langen Einstellungen noch führen mögen, werden in den Wiederholungen, in der Langeweile allmählich die seelischen Verwundungen sichtbar. Man ahnt, dass das nicht gut ausgehen kann, man spürt förmlich die Verzweiflung des Jungen, der so völlig isoliert vor sich hin lebt, und so entwickelt der Film mit der Zeit einen Sog, dem man sich nur schwer entziehen kann. Geduldig muss man dennoch sein, und Vieles ist tatsächlich einfach nur langweilig und redundant. Aber so ist das Leben schließlich auch. Die Schlusssequenz geht dann echt unter die Haut.


6,5
von 10 Kürbissen

(Foto: Viennale)

Aufstieg (1977)

Regie: Larisa Shepitko
Original-Titel: Voskhozhdeniye
Erscheinungsjahr: 1977
Genre: Drama, Kriegsfilm
IMDB-Link: Voskhozhdeniye


„Aufstieg“, der letzte Film von Larisa Shepitko aus dem Jahr 1977, ist ein Film wie ein unliebsame Bekanntschaft mit einem Vorschlaghammer. Der mit voller Wucht von „The Mountain“ aus Game of Thrones durchgezogen wird. Und der direkt auf die Magengrube zielt. Man taumelt aus dem Kinosaal und ist erst einmal durch mit der Welt. Danach braucht man Gummibärchen. Und Schokolade. Und eine warme Decke. Und viele Umarmungen. Wirklich viele. (Und ja, das ist ein Hilfeschrei. Kommt und umarmt mich. Bitte!) Kaum ein anderer Film hatte jemals eine solche Wirkung auf mich. Kaum sonst ging eine Regisseurin oder ein Regisseur so unbarmherzig mit seinem Publikum um. Ja, es gibt sie, die genialen Filme, die, wie schon erwähnt, genau die Magengrube treffen, und die man, so großartig man sie auch findet, wohl kein zweites Mal sehen möchte – oder erst dann, wenn man zumindest die Wirkung der ersten Sichtung vergessen hat. „Aufstieg“ gehört zu diesen seltenen Filmen. Er erzählt die Geschichte zweier Partisanen in Weißrussland, die mit dem Sonderauftrag, Proviant zu beschaffen, durch die eisige und verschneite Landschaft geschickt werden. Diese ist unwirtlich genug, und noch dazu wimmelt es hier von Deutschen. Was wie ein (eisiger) Kriegsfilm beginnt, entwickelt sich aber in weiterer Folge zu einem Gewissensdrama, als die beiden gefangen genommen werden. Kollaborieren oder Widerstand leisten, um die eigenen Truppen nicht zu verraten? Was nach einer simplen Frage klingt, die jeder für sich selbst beantworten muss, wird in Larisa Shepitkos Händen aber viel mehr. Sie macht daraus einen spirituell anmutenden Film über die Conditio Humana, sie verarbeitet die christliche Erlösungsgeschichte darin, sie öffnet die Pforten zur schlimmsten inneren Hölle, die man sich vorstellen kann – und setzt damit dem Publikum gnadenlos zu. Musik, Bilder, die Nahaufnahmen der Gesichter der Menschen, der Augen (erschrocken, verängstigt, verletzlich), all das brennt sich unlöschbar ein. Ein wahres Monster von einem Film. Für mich gehört „Aufstieg“ zu den beeindruckendsten Werken, die ich jemals gesehen habe. Empfehlen kann ich den Film aber nicht. Ob man sich das antut, muss jeder für sich selbst entscheiden. Wer sich aber diesem Wagnis aussetzt, wird eine Erfahrung machen, die noch lange im Gedächtnis bleiben wird. So viel kann ich versprechen.


9,5
von 10 Kürbissen

(Foto: Viennale)

Angelo (2018)

Regie: Markus Schleinzer
Original-Titel: Angelo
Erscheinungsjahr: 2018
Genre: Drama, Historienfilm, Biopic
IMDB-Link: Angelo


Dass Markus Schleinzer keine Sissi-Romantik auf die Leinwand bringen würde, wenn er sich der historischen Figur des Angelo Soliman annähert, dem „Hofmohren“ des Kaisers, war zu erwarten. Und auch, dass der Film eher unbequem fürs Publikum werden würde. Dass diese Unbequemlichkeit allerdings mehr der wirren Struktur und einer Zähigkeit im Mittelteil, der viel Geduld und Sitzfleisch erfordert, geschuldet ist, kommt dann aber doch eher überraschend. Dies liegt auch daran, dass der Film zu Beginn Möglichkeiten andeutet, die er später nicht oder nur inkonsequent weiterverfolgt. Denn in der zweiten Szene des Films finden wir uns plötzlich in einer kahlen Fabrikhalle wieder, wo die gerade aus Afrika eingeschifften Jungs medizinisch untersucht werden, sodass eine edle Comtesse eines dieser eingeschüchterten Kinder quasi als „Sozialprojekt“ bei sich aufnehmen kann. Da steckt viel Zunder drinnen, wenn die Figuren in historischer Gewandung vom Neonlicht grell ausgeleuchtet werden. Doch genau das, was vielleicht anfangs irritiert, aber doch auch interessiert, wird danach kaum mehr weiterverfolgt. Statt eine konsequente Verbindung von Vergangenheit und Gegenwart herzustellen und dem Film eine klare Botschaft dahingehend mitzugeben, wie wir das uns Fremde immer noch als Kuriosum wahrnehmen, verliert sich Schleinzer im Laufe des Films dann doch wieder in bedrückenden historischen Sets. Auch kommt die Struktur und Dramaturgie des Films dem Zuseher nicht unbedingt entgegen. Aufgebaut in drei Akten (Kindheit, das junge Erwachsenenalter, die späten Jahre mit dem bitteren Ende nach dem Tod) wirft der Film nur vereinzelte Schlaglichter auf Angelos Leben. Mit Ausnahme des von Lukas Miko großartig gespielten Kaisers Joseph II. gelingt es kaum, eine Beziehung zu einer Figur aufzubauen. Apropos Lukas Miko: Der legt gerade einen rasanten Aufstieg hin, und damit meine ich nicht nur den vom Junkie in Die Beste aller Welten über einen Adelsmann in Licht bis zum Kaiser des Heiligen Römischen Reiches. Durch seine Präsenz als an sich selbst zweifelnder Kaiser gelingen dann doch einige intensive Szenen im ansonsten leider ziemlich wirren Mittelteil. Der Schluss hingegen ist gelungen und bietet ein starkes Bild, das noch länger durch die Gedanken kreist. Als Fazit bleibt am Ende jedoch eine gewisse Ernüchterung übrig. Ein starkes Thema mit vielen spannenden Möglichkeiten wurde leider unnötig sperrig umgesetzt und braucht dafür schon ein hart gesottenes Publikum, das auch längere dramaturgische Durststrecken durchzustehen vermag.

(Dieser Film ist als Reiseetappe # 56 Teil meiner Filmreisechallenge 2018. Mehr darüber hier.)


5,5
von 10 Kürbissen

(Foto: Filmladen)

Glücklich wie Lazzaro (2018)

Regie: Alice Rohrwacher
Original-Titel: Lazzaro Felice
Erscheinungsjahr: 2018
Genre: Drama, Fantasy
IMDB-Link: Lazzaro Felice


Viennale-Auftakt. 25. Oktober. 23 Uhr. Im Foyer des Gartenbaukinos steigt die Temperatur auf eine Höhe, bei der man zu bedauern beginnt, keine Marshmallows dabei zu haben – man hätte sie einfach in die Luft halten können, um sie zu rösten. Die obligatorischen Dragee-Keksi haben sich ohnehin bereits zu Schokofondue verflüssigt. Aber spätestens nach den ersten Szenen von Alice Rohrwachers „Lazzaro Felice“ im dann wieder wohltemperierten Kinosaal hat man auch schon wieder vergessen, kurz zuvor noch mit 700 Gleichgesinnten in einem Backofen zusammengepfercht gewesen zu sein. Denn Rohrwacher ist mit diesem Film ein kleines Wunder gelungen: Eine magische Verbindung von Herz, Verstand und Seele und dabei gleichzeitig ein beißender Kommentar auf den Kapitalismus – dieser allerdings hübsch eingebettet und subtil im Hintergrund. Lazzaro (wunderbar verkörpert und beseelt von Adriano Tardiolo) wirkt einfältig, aber mit sich völlig im Reinen. Im abgeschiedenen Dorf in den Bergen muss er für alle anstrengenden Arbeiten herhalten der Dorfbewohner, die wiederum, ohne es zu ahnen, von der despotischen Marquise ausgebeutet werden – eine Tabak-Industrielle, die das Dorf im Glauben lässt, es gäbe noch Leibeigenschaft. Lazzaro freundet sich währenddessen mit Tancredi, dem Sohn der Marquise an, einem kränklichen Rebellen, der lieber für sich allein ist. Eines Tages fliegt der ganze Schwindel auf. Und als Lazzaro zurück ins Dorf kommt, findet er dieses leer vor. Mehr möchte ich an dieser Stelle nicht verraten, denn jedes Wort mehr könnte dem Film etwas von seiner Magie nehmen. „Lazzaro Felice“ ist jedenfalls ein wundersames, gefühlvoll und sensibel inszeniertes Märchen, das die menschlichen Abgründe nicht ausblendet, sondern im Gegenteil klar ausleuchtet – das allerdings in einem warmem Licht, das Hoffnung gibt. Ein starker Auftakt in das diesjährige Filmfestival und ab November auch regulär in den heimischen Kinos zu bewundern.


8,5
von 10 Kürbissen

(Foto: Viennale)