Drama

Porträt einer jungen Frau in Flammen (2019)

Regie: Céline Sciamma
Original-Titel: Portrait de la jeune fille en feu
Erscheinungsjahr: 2019
Genre: Drama, Liebesfilm
IMDB-Link: Portrait de la jeune fille en feu


An Adèle Haenel kommt man derzeit nicht vorbei. Und das mit gutem Grund. Denn die Französin ist eine der talentiertesten und interessantesten Schauspielerinnen Europas. In Céline Sciammas (und der Preis für den besten Filmtitel 2019 geht *trommelwirbel* an …) „Porträt einer jungen Frau in Flammen“ spielt sie die junge Gräfin Héloïse, die Ende des 18. Jahrhunderts von ihrer Mutter (Valeria Golino) nach dem Freitod ihrer Schwester aus dem Kloster zurückgeordert wird, um sich mit einem reichen Mailänder zu vermählen. Bevor der die junge Frau aber ehelicht, möchte er aber ein Bild von ihr sehen (es wäre ja nicht so blöd, zu wissen, wen man heiratet). Zu diesem Zweck schleust die listige Gräfinmutter die Malerin Marianne (Noémi Merlant) in das Landhaus ein – als Gesellschafterin für ihre Tochter. Nur dass Marianne heimlich Héloïses Porträt anfertigen soll. Langsam kommen sich die beiden jungen Frauen, die beide von den Konventionen ihrer Zeit unterdrückt werden, näher. Und aus neugieriger Zuneigung wird langsam mehr. Céline Sciammas Film ist ein Fest für die Sinne. Einer der schönsten Filme des Jahres – jede Kameraeinstellung ist ein Meisterwerk für sich, die Farben, das Spiel mit Licht und Schatten, das weiche Licht, die sorgsam ausgewählte Ausstattung, die sowohl Schönheit als auch Härte der Zeit, in der der Film spielt, zum Ausdruck bringt, alle Rädchen greifen auf wundersame Weise ineinander. Das alles hätte aber nichts gebracht, wenn die beiden Hauptdarstellerinnen nicht miteinander funktioniert hätten. Aber da sind wir wieder beim einleitenden Satz meiner Rezension. Auf Adèle Haenel ist eben Verlass. Und Noémi Merlant muss man sich wohl auch merken. Denn deren Schauspielkunst steht jener von Haenel in keinem Moment nach. Es ist wunderbar, den (mit Ausnahme von zwei Minirollen) ausschließlich weiblichem Cast (zu den beiden Hauptdarstellerinnen und Valeria Golino kommt noch Luàna Bajrami als Hausmädchen Sophie) dabei zuzusehen, wie die Figuren langsam Vertrauen zueinander aufbauen und dann das Begehren kommt. Unbedingt empfehlenswert!


8,0
von 10 Kürbissen

(Foto: Filmladen Filmverleih)

Somewhere (2010)

Regie: Sofia Coppola
Original-Titel: Somewhere
Erscheinungsjahr: 2010
Genre: Drama
IMDB-Link: Somewhere


Filmstars haben es schwer. Sie ersticken in Geld, müssen protzige Autos fahren, über mehrere Wochen in Luxushotels wohnen, sich mit willigen One-Night-Stands abgeben, Poledancern bei ihrer Arbeit zusehen und die Zeit mit Videospielen und Drogen totschlagen. Filmstars haben es schwer. Denn wenn man alles hat und jeder einem zu Füßen liegt und es keine Herausforderungen und kaum echte zwischenmenschliche Beziehungen gibt, geht die Seele kaputt. Stephen Dorff spielt in Sofia Coppolas „Somewhere“ den Hollywood-Star Johnny Marco, der nichts mit sich selbst und seiner Zeit anzufassen weiß. Bedeutung erhält sein Dasein erst, als er sich um seine zwölfjährige Tochter Cleo (Elle Fanning) kümmern muss. Und davon erzählt Coppola unsentimental, aber mit einem genauen Blick, der auch Subtilitäten einfängt und einfließen lässt. Es passiert nicht viel in „Somewhere“, und der hedonistische Schauspieler hat auch keine groß angelegte Epiphanie. Aber etwas ändert sich. Langsam. Beständig. Ein Mensch findet ins Leben zurück. Einfach, weil es da einen Menschen gibt, der ihn mag und der Zeit mit ihm verbringen möchte. Viel mehr braucht es oft nicht. Und viel mehr braucht es auch nicht für einen gelungenen Film. „Somewhere“ hat vielleicht nicht die Dringlichkeit und Prägnanz von Coppolas Meisterwerk „Lost in Translation“, ist aber thematisch nicht weit weg davon. Beide Filme loten die Annäherung zweier Menschen aus. Hier sind es Vater und Tochter. Und das ist überzeugend geschrieben und gespielt.


6,5
von 10 Kürbissen

Die zwei Päpste (2019)

Regie: Fernando Meirelles
Original-Titel: The Two Popes
Erscheinungsjahr: 2019
Genre: Drama, Biopic
IMDB-Link: The Two Popes


Auch wenn man mit der katholischen Kirche nicht viel oder gar nichts am Hut hat, so kann man sich kaum der Faszination der Papstwahl entziehen. Milliarden von Menschen starren auf einen Kamin, und wenn es weiß heraus raucht, dann fallen sich alle in die Arme. Habemus Papam! Oder: „Wir sind Papst!“, wie ein deutsches Schundblatt 2005 getitelt hat. Gerade jener (ungeliebte) Papa Ratzi, der als Papst Benedikt XVI. eine strikt konservative Linie fuhr und damit Millionen von weiteren Gläubigen vergraulte, sorgte 2013 für eine handfeste Überraschung, als er als erster Papst seit etwa 800 Jahren freiwillig seinen Sede räumte, um fortan in seinem Exil den Tomaten beim Wachsen zuzusehen. Kurz davor kam es aber noch zu einem geheimen Treffen mit dem argentinischen Kardinal Bergoglio, der in der darauf folgenden Konklave zu seinem Nachfolger gewählt wurde und seitdem als Papst Franziskus durch die Weltgeschichte hüpft. Von diesem Treffen handelt Fernando Meirelles‘ Film. Und überraschenderweise erweist es sich als ungemein spannend, belebend und inspirierend, zwei alten Katholiken beim christlichen Disput zuzusehen über den Glauben, über Reformen, über persönliche und spirituelle Erfahrungen. Selbst als vom Glauben abgefallenes Schaf (so bin ich bereits vor fast zwanzig Jahren aus der Kirche ausgetreten) wird man mit diesem Film bestens unterhalten. Was vor allem an den zwei Schauspielgiganten Jonathan Pryce als Kardinal Bergoglio und Anthony Hopkins als Papst Benedikt XVI. liegt. Die beiden sind der schiere Wahnsinn, wobei Pryce sogar noch mal eine Extraschippe drauflegen kann. Das muss Oscar-Nominierungen geben. Alles Andere wäre nur damit zu erklären, dass die Academy ausschließlich aus Satanisten besteht.


7,5
von 10 Kürbissen

Marriage Story (2019)

Regie: Noah Baumbach
Original-Titel: Marriage Story
Erscheinungsjahr: 2018
Genre: Drama, Komödie
IMDB-Link: Marriage Story


Adam Driver hat in der letzten Zeit ein bisschen Pech mit seinen Filmbeziehungen. Für Kylo Ren sieht es in Star Wars: Der Aufstieg Skywalkers nicht so gut aus, und jetzt muss er sich in „Marriage Story“ von Noah Baumbach sogar von Scarlett Johansson scheiden lassen. Armer Teufel. Was die Sache verkompliziert: Nicole und Charlie verbrachten die letzten gemeinsamen Jahre mit ihrem Sohn Henry in New York, wo sie eine Theatergruppe leiteten. Im Zuge der Scheidung zieht Nicole nun mit Henry wieder nach Los Angeles zu ihrer Familie, und aus einer ursprünglich möglichst amikal gehaltenen Scheidung wird – dank gerissener Anwälte (Laura Dern und Ray Liotta) – eine sündteure Schlammschlacht um das Sorgerecht. Und alle Bemühungen des sich trennenden Paares, möglichst würdevoll und im Interesse des gemeinsamen Sohnes auseinanderzugehen, werden durch komplizierte Verwicklungen des Gesetzes unterlaufen. Dabei gelingt es Noah Baumbach immer wieder, trotz der Tragik auch Herz erwärmende Szenen oder gar Schmunzler unterzubringen. „Marriage Story“ kann zwei ganz große Qualitäten abrufen: Ein überragend gut geschriebenes Drehbuch, das nuanciert und subtil zwischenmenschliche Beziehungen auslotet. Und zwei Darsteller in Hochform. Sowohl Scarlett Johansson als auch Adam Driver wurden für ihre Leistungen für viele Preise, darunter den Golden Globe und die SAG-Awards, nominiert, und eine Oscarnominierung scheint der unausweichliche nächste Schritt zu sein. Während sich Adam Driver da wohl übermächtiger Konkurrenz stellen muss, schätze ich Scarlett Johanssons Chancen, den goldigen Glatzkopf mit nach Hause zu nehmen, recht gut ein. Verdient hätten es beide – denn sowohl Johansson als auch Driver spielen ihre Figuren mit Leib und Seele und einem tollen Gespür für die Qualen der zerrissenen Seele, die bei einer solchen Trennung tief drinnen zu spüren sind. Die eine oder andere Nebenfigur gerät zu sehr zur Karikatur – das verhindert eine noch bessere Bewertung des Films – aber insgesamt ist „Marriage Story“ Baumbachs bisheriges Meisterstück und einer der interessantesten und ehrlichsten Filme des Jahres.


8,0
von 10 Kürbissen

The Irishman (2019)

Regie: Martin Scorsese
Original-Titel: The Irishman
Erscheinungsjahr: 2019
Genre: Krimi, Drama, Biopic
IMDB-Link: The Irishman


Unbestritten hat Martin Scorsese einige der besten Mafia-Filme aller Zeiten gedreht. Ob „Goodfellas“, „The Departed“ oder „Casino“ – jeder dieser Filme ist ein Meisterwerk. Umso neugieriger durfte man auf „The Irishman“ sein, ein 3,5-stündiges Epos mit Robert DeNiro, Al Pacino und Joe Pesci in den Hauptrollen, das auf wahren Begebenheiten beruht. Der Film folgt dem Mafia-Killer Frank Sheeran (DeNiro), der in Fachkreisen als „The Irishman“ bekannt ist. Scorsese zeigt den langsamen, aber stetigen Aufstieg Sheerans in der Mafia, protegiert von Mafia-Boss Russell Bufalino (Joe Pesci). Sheeran wird sogar zum engsten Vertrauten von Gewerkschaftsführer Jimmy Hoffa (Al Pacino), der ebenfalls in die Mafia verstrickt ist und für den er die groben Arbeiten erledigt. Allein den drei alten Könnern bei der Arbeit zuzusehen ist das Geld für das Netflix-Abo wert. Dass sie durch geschickten Einsatz von CGI auch noch in ihre jüngere Form gebracht wurden, erlaubt es Scorsese, die Geschichte von Anfang bis Ende über viele Jahrzehnte hinweg aufzudröseln. Für diese erstaunlichen Effekte darf man wohl eine Oscar-Nominierung erwarten – wie auch für das Darsteller-Trio (DeNiro für die Hauptrolle, Pacino und Pesci für die Nebenrollen, wobei vor allem Pesci ein würdiger Oscar-Gewinner wäre). Allerdings hat „The Irishman“ zwei Probleme. Erstens: Scorsese hat eben schon drei legendäre und verdammt gute Mafia-Filme gedreht, sodass vieles in „The Irishman“ zwangsweise vertraut wirken muss oder auch als Zitat auf frühere Mafia-Filme gesehen werden kann. Erfrischend ist vielleicht der verstärkte Fokus auf das Privatleben von Frank Sheeran und die zwischenmenschlichen Beziehungen, aber so richtig viel Neues kann man in „The Irishman“ nicht entdecken. Zweitens: Die Laufzeit von 3,5 Stunden bringt auch die eine oder andere Leerstelle mit sich. Zwar merkt man in jeder Szene und jeder Einstellung die handwerkliche Meisterschaft von Scorsese und seinem Team, aber bei einem dermaßen langen Biopic lassen sich eben redundante Szenen nicht gänzlich vermeiden. Man muss es Scorsese hoch anrechnen, dass sich der Film dennoch kürzer anfühlt, als er ist. Unterm Strich ist „The Irishman“ ein weiterer Beweis für Scorseses Meisterschaft, aber der Film fühlt sich ein bisschen wie ein Best-Of, eine Werkschau, seines Schaffens an und fügt Scorseses Œuvre wenig Neues hinzu.


7,5
von 10 Kürbissen

The Meyerowitz Stories (New and Selected) (2017)

Regie: Noah Baumbach
Original-Titel: The Meyerowitz Stories (New and Selected)
Erscheinungsjahr: 2017
Genre: Komödie, Drama
IMDB-Link: The Meyerowitz Stories (New and Selected)


Adam Sandler kann schauspielen. Was man seit „Punch Drunk Love“ von Paul Thomas Anderson vielleicht schon ahnte, wurde mit „The Meyerowitz Stories (New and Selected)“ von Noah Baumbach 2017 Gewissheit. Gebt dem Mann einfach eine Rolle, in der er seinen Dackelblick zielbringend einsetzen kann – und das Ding läuft. Wenn auch noch ein fatalistischer Ben Stiller, ein stoisch-komischer Dustin Hoffman, eine überspannte Emma Thompson und eine depressive Elizabeth Marvel zur Seite stehen, ist erstens das Patchwork komplett und zweitens das Ergebnis komischer als es klingt. Eigentlich handelt „The Meyerowitz Stories“ von nicht viel. In einer jüdischen Familie, die vom dominanten Vater (Hoffman), einem Künstler, dem nie die Anerkennung zuteil wurde, die er sich selbst gewünscht hätte, dominiert wird, versuchen die beiden Söhne (Sandler und Stiller) sowie die Tochter (Marvel), ihren eigenen Weg zu finden – was angesichts der langen Schatten, die der Vater wirft, nicht so einfach ist. Eigentlich plätschert der Film so vor sich hin, ohne wirklich zu zünden. Gleichzeitig ist das Geschehen aufgrund der klug geschriebenen und gut gespielten Figuren zu jedem Zeitpunkt interessant. Was irgendwie auch die Quintessenz von Noah Baumbach-Filmen beschreibt. Vielleicht hätte man sich eine stringentere Geschichte gewünscht, eine festere Hand in der Figurenführung – aber ganz ehrlich: Das Leben ist nun mal ein zuweilen zäh fließendes Ding, das hauptsächlich durch unsere Neurosen aufgepeppt wird. Und diese Stimmung fängt Noah Baumbach – mal wieder – sehr gut ein. Fazit: Es lohnt sich definitiv, da mal einen Blick hineinzuwerfen, vor allem, wenn man Sandler bislang nur aus den halblustigen bis gar nicht lustigen überdrehten Komödien kennt, mit denen er hauptsächlich seine Kohle gescheffelt hat.


7,0
von 10 Kürbissen

Ich war zuhause, aber … (2019)

Regie: Angela Schanelec
Original-Titel: Ich war zuhause, aber …
Erscheinungsjahr: 2019
Genre: Drama
IMDB-Link: Ich war zuhause, aber …


Der silberne Bär in Berlin für die beste Regie. Die Kritiker überschlagen sich mit Lob. Es ist nur Gutes über Angela Schanelecs „Ich war zuhause, aber …“ zu lesen. Dementsprechend gespannt war ich auf die Sichtung dieses Films, zumal ich ja schon einige Filme von Schanelec gesehen habe – mal mit mehr Interesse, mal mit weniger. Leider funktioniert aber ausgerechnet nun das hochgelobte neue Werk für mich überhaupt, nicht, auch wenn ich seine unbestrittenen Qualitäten erkennen kann. Schanelec perfektioniert hierin ihre sehr eigentümliche Weise, sich filmisch mit der Welt auseinanderzusetzen. Da treffen autobiographische Bezüge auf die Form des Essays, da vermischen sich die Theatralik der Sprache mit der Alltagswelt. All das ist hier stringent und durchdacht – und trotzdem oder vielleicht gerade deswegen war „Ich war zuhause, aber …“ ein Film, den ich am liebsten vorzeitig verlassen hätte. Und ja, es liegt an mir, nicht am Film. Aber ich gehöre zu jenen Film-Aficionados, die ein Mindestmaß an Geschichte brauchen und eine Entwicklung, wie subtil auch immer, spüren möchten, um sich in einen Film hineinfallen zu lassen. Das verwehrt mir Angela Schanelec in ihrem neuesten Film komplett. So haben mich andere Werke wie Orly oder Marseille noch interessiert, da gab es Figuren, mit denen ich mitfühlen konnte, da gab es Figuren, bei denen ich unter der abweisenden Oberfläche so etwas wie ein inneres Verlangen nach Leben gespürt habe – in „Ich war zuhause, aber …“ jedoch sind die Figuren fast ausschließlich reduziert auf ihre Funktion als Projektionsflächen für Ideen rund um Sprache, Theater, Verlust und Verlustangst. Das ist mir persönlich zu wenig. Und so kann ich mich (leider) nicht in den allgemeinen Lobgesang einfügen. Ich war zuhause, aber hätte der Postbote geläutet mit der DVD von Schanelecs Film, ich hätte ihm nicht aufgemacht.


3,0
von 10 Kürbissen

(Foto: Viennale)

Fire Will Come (2019)

Regie: Oliver Laxe
Original-Titel: O Que Arde
Erscheinungsjahr: 2019
Genre: Drama
IMDB-Link: O Que Arde


Ein verurteilter Pyromane tritt nach seinem Gefängnisaufenthalt die Heimreise in sein galizisches Dorf an. Dort wird er zwar nicht mit offenen Armen empfangen, aber es ist okay, dass er wieder da ist. Langsam nähert er sich seiner alten Mutter wieder an, und auch die Nachbarn sind bemüht, ihn nicht links liegen zu lassen. Normalität kehrt ein, und in Oliver Laxes „O Que Arde“ folgen wir dieser Normalität, die unspektakulär ist und damit auch ein wenig banal und langatmig. Aber gut, so ist die Wirklichkeit nun mal. Doch dann bricht ein Feuer aus. Oliver Laxe hat mich mit seiner letzten Regiearbeit Mimosas schon sehr überzeugen können, also war ich gespannt auf sein neuestes Werk, das diesmal in seiner spanischen Heimat angesiedelt ist. Kameramann Mauro Herce fängt die wilde Landschaft Galiziens auch in eindrucksvollen Bildern ein. Was schon für „Mimosas“ gegolten hat, gilt auch hier: Filme von Oliver Laxe sehen eindrucksvoll aus. Die Substanz hinter den Bildern ist freilich ausbaufähig, zumindest in „O Que Arde“. Wenn man nicht konzentriert dabei bleibt, führt die Subtilität des Films vielleicht auch mal zu einem ungewollten Nickerchen. „O Que Arde“ ist ein Film, der die Mitarbeit der Zuseher erfordert. Denn die Geschichte entwickelt sich nur dann, wenn man sie in den sparsamen Bewegungen erkennen kann und die Leerstellen für sich selbst ausfüllt. Das kann manchmal durchaus animierend sein. „O Que Arde“ ist aber vielleicht den Tick zu subtil, zu langsam, um mich für diese Art von Mitarbeit begeistern zu können. Gut gespielt ist das Drama aber jedenfalls. Amador Arìas Mon als stoischer Pyromane Amador und Benedicta Sánchez als dessen Mutter machen ihre Sache sehr gut. Oliver Laxe hat in der Besetzung auf Laiendarsteller gesetzt – und das macht sich bezahlt. Denn ihre kargen Gesichter verkörpern das raue Leben am galizischen Land so gut, wie es kein professioneller Schauspieler könnte. Dennoch ist „O Que Arde“ im Vergleich zu „Mimosas“ eher eine Enttäuschung, wenngleich beileibe kein schlechter Film.


6,0
von 10 Kürbissen

(Foto: Viennale)

Der Leuchtturm (2019)

Regie: Robert Eggers
Original-Titel: The Lighthouse
Erscheinungsjahr: 2019
Genre: Horror, Drama, Fantasy
IMDB-Link: The Lighthouse


Liebe Leserinnen und Leser, verneigt euch vor Robert Pattinson! Ja, ihr habt richtig gelesen. Der Glitzervampir aus der Twilight-Reihe mit dem – laut Filmpartnerin Kristen Stewart – schlechten Mundgeruch. Aber gut, diesen wird ja mit Pfefferminz und Kaugummi gut los. Das Stigma des Glitzervampirs bleibt hingegen länger haften. In Robert Eggers‘ „Der Leuchtturm“ sollte er sich aber an der Seite von Willem Dafoe, der ohnehin über jeden Zweifel erhaben ist, freigespielt haben von derartigen Sünden der Vergangenheit. Dieser Film ist eine Offenbarung. Man stecke zwei bärtige Typen aus dem 19. Jahrhundert in einen Leuchtturm und lasse Wind, Wellen, Seemannslieder und wuchtige Verse in körnigem Schwarz-Weiß auf sie einprasseln. Die meiste Zeit über empfand ich den Film als brutale Tour de Force in die Finsternis der menschlichen Seele und als einen Ritt in den Wahnsinn – wobei lange Zeit nicht klar ist, wer von den beiden diesen Höllenritt nun tatsächlich antritt. Diese Ambiguität ist – neben den außergewöhnlich archaischen Bildern in fast quadratischem Format und dem grandiosen Schauspiel zweier ebenbürtiger Widersacher, die sich nichts schenken – die größte Stärke des Films. Und schon war ich geneigt, das Ganze als Ritt in den Wahnsinn abzutun, als der Film am Ende eine letzte Kapriole schlug und ich mit offenem Mund und einer wortwörtlichen Erleuchtung in den Kinosessel gedrückt wurde. „Der Leuchtturm“ ist ein Film, der sowohl die Urinstinkte als auch den Verstand gleichermaßen anspricht – und damit ein seltener Glücksfall. Dass er überhaupt funktionieren kann, liegt an einer überragenden Inszenierung und der schon erwähnten Schauspielkunst. Hätte hier nur ein Rädchen nicht gegriffen, wäre der Film in sich zusammengefallen. So steht er aber als festes Monument in der cineastischen Landschaft wie ein Leuchtturm in rauer See. Ein Film, der bleibt. Und vielleicht Robert Pattinsons endgültige Emanzipation vom Vampirschmafu.


8,5
von 10 Kürbissen

(Foto: A24 Films)

Frauenarzt Dr. Schäfer (1928)

Regie: Jacob und Luise Fleck
Original-Titel: Frauenarzt Dr. Schäfer
Erscheinungsjahr: 1928
Genre: Drama
IMDB-Link: Frauenarzt Dr. Schäfer


Die Viennale 2019 zeigt in einer eigenen Kinematographie Filme der deutschen Film-Pionierin Luise Fleck. Vieler ihrer Werke (die meisten davon gemeinsam mit ihrem Ehemann Jacob Fleck gedreht) galten lange Zeit als verschollen – so auch „Frauenarzt Dr. Schäfer“ aus dem Jahr 1928. In Kopenhagen wurde schließlich eine Kopie des Films gefunden, die daraufhin restauriert wurde und – abgesehen einiger Szenen, die das leichte Leben im Berlin der Roaring Twenties zeigen – nun so gezeigt werden kann, wie das Regie-Paar dies im Sinne hatte. In „Frauenarzt Dr. Schäfer“ werden Themen behandelt, die auch heute noch überraschend aktuell und dringlich wirken. Der progressive Frauenarzt Dr. Schäfer (Iván Petrovich) versucht, ein neues Gesetz durchzubringen, das Frauen erlaubt, bei ungewollter Schwangerschaft abtreiben zu dürfen. Ausgerechnet der Vater seiner Verlobten Evelyne (Evelyn Holt), Professor Klausen (Leopold Kramer), ist streng konservativ und damit gegen jegliche Gesetzesänderung in diese Richtung. Als seine Tochter aber Opfer einer Vergewaltigung durch den schurkischen Scharlatan Dr. Greber (ein junger Hans Albers) wird, stehen seine Anschauungen auf dem Prüfstand. Natürlich werden diese schweren Themen zeitgerecht bearbeitet und ein Happy End ist garantiert – so happy, wie ein solches Ende halt sein kann. Aber es überrascht, mit welcher Klarheit und Eindrücklichkeit Jacob und Luise Fleck diese schwere Kost mit (für damalige Zeit) großer Sprengkraft bearbeiten. Bei aller Liebe zur Leichtigkeit, die immer wieder mal durchschlägt, ist dieser Film erstaunlich direkt in seinen Aussagen und Positionierungen. Und es ist beschämend, dass der Film auch heute noch aktuell ist in vielen Teilen unserer Erde und bezogen auf viele Schichten unserer eigenen heimischen Bevölkerung. Man möchte meinen, dass wir 90 Jahre später als Gesellschaft deutlich weiter sind. Pustekuchen. Ein Glücksfall dieses Screenings war im Übrigen auch noch das Engagement des Elektro-Duos „Wien Diesel“, das für eine außergewöhnliche akustische Begleitung des Stummfilms sorge. Chapeau an die beiden Damen an den Knöpfen und Reglern, die den Spagat zwischen Tradition und Moderne sehr erfrischend hinbekamen und somit die Zeitlosigkeit des Films unterstrichen.


7,5
von 10 Kürbissen

(Foto: Filmarchiv Austria)