Drama

Midsommar (2019)

Regie: Ari Aster
Original-Titel: Midsommar
Erscheinungsjahr: 2019
Genre: Horror, Thriller, Drama
IMDB-Link: Midsommar


Der legendäre Hans Huber wusste es schon lange, nachzusehen auf Youtube: „Die Schweeeeeeden sind ein ganz harter Brocken.“ Und so ist trotz schönstem Wetter und langer Tage während des Midsommar-Fests in einer entlegenen schwedischen Kommune bei weitem nicht alles eitel Sonnenschein, wie Dani (Florence Pugh), die sich kurzerhand ihren Freunden bei diesem ethnologisch interessanten Trip angeschlossen hat, im Verlauf von Ari Asters Horrordrama feststellen muss. Dabei hätte Dani ein bisschen Ruhe und Abstand gebraucht, nachdem sich ihre depressive Schwester umgebracht hat und dabei auch noch gleich ihre Eltern mitgerissen hat. Freund Christian (Jack Reynor, das Ergebnis einer wilden Party der Gene von Chris Pratt und Chris Hemsworth) ist keine große Unterstützung. Immerhin bietet sich hier in der Kommune seines schwedischen Kumpels Pelle (Vilhelm Blomgren) die Möglichkeit einer interessanten Abschlussarbeit in Anthropologie. Doch Vorsicht, hätten sie bloß Herbert Prohaska dabei gehabt: Seine Warnung „Da san a poa Hurnkinda dabei“ wäre wohl nicht ungehört verhallt. Aber gut, der Mensch lernt durch Erfahrungen. Das einzige Problem: Diese Erfahrungen müssen erst mal überlebt werden, damit man von ihnen lernen kann. Ari Aster hat ein richtig stimmungsvolles und gleichzeitig abgründiges Horrordrama vorgelegt, das eingefleischte Horroraficionados ob des Mangels an Schreckmomenten wohl eher enttäuschen wird. Vielmehr schleicht sich das Grauen auf leisen Füßen ein. Es ist genau dieser Kontrast zwischen den in der Mittagssonne grell ausgeleuchteten Szenen und der rätselhaften Handlung, die die Stimmung immer bedrückender macht. „Midsommar“ ist kein Horrorfilm im klassischen Sinne, eher ein langsamer, aber unentrinnbarer Strudel ins Herz des Mystischen und der Folklore. In Schweden wird der Film angeblich als schwarze Komödie gefeiert. So kann man es auch sehen. Jedenfalls ist „Midsommar“ ein starker Film, der sich alle Zeit nimmt, die er für seine Geschichte braucht, doch die Zeit ist gut investiert, denn viele Bilder und Szenen lassen einen lange nicht mehr los.


8,0 Kürbisse

(Bildzitat: Photo by Gabor Kotschy – © A24, Quelle http://www.imdb.com)

Opfer der Unterwelt (1949)

Regie: Rudolph Maté
Original-Titel: D.O.A.
Erscheinungsjahr: 1949
Genre: Thriller, Drama, Krimi
IMDB-Link: D.O.A.


Die Abkürzung D.O.A., so auch der englische Titel des Film Noirs von Rudolph Maté mit Edmond O’Brien in der Hauptrolle, steht unter anderem für „Dead on Arrival“. Und das passt, denn als der Buchhalter und Notar Frank Bigelow in einer denkwürdigen Auftaktszene ins Polizeiquartier stolpert, um einen Mord anzuzeigen, überrascht er alle, als er sich als den Ermordeten nennt. In seinem Körper ist ein hochgradig wirksames Gift, gegen das es kein Gegenmittel gibt. Eingefangen hat er sich dieses ungute Zeug während eines Kurzurlaubs in San Francisco. Da soll einer noch mal sagen: Wenn einer eine Reise tut, kann er was erleben. Dass er tödlich vergiftet wurde, ist ihm rasch klar, doch aus welchen Gründen, das nicht. Und so macht er sich in der geringen Zeit, die ihm noch verbleibt, auf die Suche nach seinen Mördern. In seiner Grundprämisse ähnelt „Opfer der Unterwelt“ dem 2021 erschienenen Netflix-Actionblockbuster Kate. Doch damit enden die Ähnlichkeiten auch schon. Denn auch wenn „Opfer der Unterwelt“ mit einigen guten Actionszenen aufwarten kann, so ist der Held der Geschichte ein ganz normaler, ja sogar ziemlich unscheinbarer Typ, der nicht auf Rache aus ist, sondern schlicht und ergreifend verstehen will, warum ihm so etwas Schreckliches widerfährt. Der Film bezieht seine Spannung aus dem Wettlauf gegen die Zeit. Nach und nach wird ein dichtes Netz an halbseidenen Figuren und kriminellen Machenschaften sichtbar, in das sich Bigelow eher zufällig verfangen hat. „Opfer der Unterwelt“ ist ein gelungener Genrebeitrag zum Film Noir, der auch heute noch spannend anzusehen ist.


7,0 Kürbisse

(Bildzitat: Quelle http://www.imdb.com)

Macbeth (2021)

Regie: Joel Coen
Original-Titel: The Tragedy of Macbeth
Erscheinungsjahr: 2021
Genre: Drama
IMDB-Link: The Tragedy of Macbeth


Joel Coen fühlt sich ohne seinen kongenialen Bruder Ethan wohl einsam. Anders ist kaum zu erklären, wie der Regisseur, dessen Filme für gewöhnlich von lakonischem Humor durchzogen sind, plötzlich einen auf depressiven Emo macht. Wobei – vielleicht gibt es ja doch einen alternativen Erklärungsansatz. Nämlich jenen, dass William Shakespeares „Macbeth“ einfach per se ein verdammt tragisches und depressives Stück ist und Joel Coen einfach nur ein Meisterregisseur, der es versteht, diese Stimmung aufzugreifen und auf die Leinwand zu bringen. Ihm zur Seite steht dabei ein hervorragender Cast, angeführt von Denzel Washington, dessen Oscarnominierung schon als fix gilt, und der in einem Coen-Film obligatorischen Frances McDormand, die, ebenfalls obligatorisch, großartig aufspielt, sich aber mit weniger Screentime begnügen muss als Washington in der Titelrolle. Shakespeare auf der großen Leinwand zu rezitieren – das muss der feuchte Traum eines jeden ambitionierten Darstellers bzw. einer jeden ambitionierten Darstellerin sein. Die Originaltexte auf Film zu bannen, ist allerdings ein riskantes Unterfangen, denn was fürs Theater passt, passt nicht unbedingt auch fürs Kino. Dessen ist sich Joel Coen bewusst – also verschmelzt er einfach die beiden Formen. Die Kulissen sind spärlich und wirken wie ein Zwischending aus Theaterbühne und realer Welt, die Geschichte ist in weißen Nebel gehüllt, der den Hintergrund verschluckt und die Protagonist:innen und ihre aus schwerer Brust deklamierten Worte in den Mittelpunkt rückt, und die Musik simpel und bedrohlich gehalten und spärlich eingesetzt. Auch das Format von 1,19:1 bildet einen die Szenerie verfremdenden Rahmen, in dem sich das Auge stark auf die handelnden Personen fokussiert. Natürlich fordert das Artifizielle des Theaters seine Opfer. Man muss schon sehr konzentriert bei der Sache bleiben, sonst verliert man den Faden. Auch schlägt sich die düstere Stimmung aufs Gemüt. Aber diese Reise in den Wahnsinn ist perfekt umgesetzt und exzellent gespielt. Da gibt’s nicht viel zu meckern.


7,5 Kürbisse

(Bildzitat: © Photo by Alison Cohen Rosa, Quelle http://www.imdb.com)

Liebe in der Stadt (1953)

Regie: Michelangelo Antonioni, Federico Fellini, Alberto Lattuada, Carlo Lizzani, Francesco Maselli, Dino Risi und Cesare Zavattini
Original-Titel: L’amore in città
Erscheinungsjahr: 1953
Genre: Episodenfilm, Drama
IMDB-Link: L’amore in città


Anfang der 50er taten sich einige renommierte italienische Regisseure, darunter Michelangelo Antonioni und Federico Fellini, zusammen, um in einem dokumentarisch angehauchten Episodenfilm mit Laiendarsteller:innen jene Aspekte der Liebe zu zeigen, die im klassischen Kino zu kurz kommen. Da gibt es die käufliche Liebe wie im ersten Teil des Films, der einige Prostituierte interviewt zu ihren Lebensumständen. Da gibt es die dramatisch gescheiterte Liebe, die bis zum Suizid führen kann, was Antonioni im zweiten Film dokumentarisch aufarbeitet. Dann die flüchtige, spaßige Liebe, die junge Menschen fühlen, wenn sie tanzen. Die arrangierte Liebe, die im besten Kurzfilm der Reihe, gedreht von Federico Fellini, dargestellt wird durch einen Journalisten, der eine Reportage über eine Heiratsvermittlungsagentur schreiben möchte und sich für die Recherche in eben diese begibt und schließlich auch ein Mädchen kennenlernt, das keinen anderen Ausweg für sich findet, als zu heiraten und sich vom Mann aushalten zu lassen. Weiters gibt es die Liebe einer mittellosen Mutter geht, die für das Wohl ihres Sohnes bis zum Äußersten geht. Und schließlich wird die verführerische Liebe gezeigt, wenn auf der Straße Herren (zumeist ältere) den gut gekleideten und frisierten Damen hinterherschauen und -pfeifen. Nicht jede Episode zündet, doch im Gesamten ergeben sie ein interessantes Panoptikum ihrer Zeit und Moralvorstellung. Für die damalige Zeit war es schon eine Hausnummer, Sexarbeiterinnen mit Empathie und Verständnis zu begegnen, oder die Nöte der einfachen und oft mittellosen Frauen in den Fokus zu rücken. Überhaupt ist der Film stark auf Frauen am Rande der Gesellschaft fokussiert und allein daher schon sehenswert. Den einen oder anderen Leerlauf kann man dafür in Kauf nehmen.


6,5 Kürbisse

Glen or Glenda (1953)

Regie: Ed Wood
Original-Titel: Glen or Glenda
Erscheinungsjahr: 1953
Genre: Drama
IMDB-Link: Glen or Glenda


Ed Wood, der sich mit Tommy Wiseau um den Titel „Schlechtester Regisseur aller Zeiten“ streitet, hat immerhin cojones bewiesen (pun intended), als er 1953 das halb-dokumentarische Drama „Glen or Glenda“ über einen Transvestiten und seinen Beziehungsproblemen vorgelegt hat. Das Projekt war eine Herzensangelegenheit von Wood, der sich selbst gern in Schale, sprich: in Frauenkleider geschmissen hat. Und für einen Film aus den 50ern ist das Werk durchaus als mutig zu bezeichnen. Leider (oder zum Glück: je nach cineastischen Präferenzen) ist Ed Wood aber Ed Wood, und so wurde aus „Glen or Glenda“ ein stellenweise zum Schreien komisches Durcheinander mit einem komplett unnötigen Bela Lugosi, der in wüsten Schnittmontagen auf fahrende Autos hinunterblickt und bedeutungsschwere Texte rezitiert, die wirklich überhaupt nichts mit der Handlung zu tun haben. Als wäre das Ganze nicht schon schlimm genug, entschloss sich der Produzent des Streifens aufgrund der kurzen Laufzeit, die Ed Wood vorgelegt hatte, einfach mal willkürlich Softporno-Szenen hineinzuschneiden und die Reaktionen von Lugosi und Wood auf diese Szenen zu zeigen. Das alles kann man nicht anders als surreal bezeichnen – kein Wunder, dass sich David Lynch vom Film begeistert zeigte. Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: „Glen or Glenda“ ist ein wirklich schlechter Film. Aber durch diese surrealen Elemente weist er dennoch einen gewissen Unterhaltungswert auf, wenn man sich darauf einlassen möchte. Und damit ist der Film fast sehenswerter als andere cineastische Unfälle des Regisseurs wie Plan 9 From Outer Space oder Bride of the Monster.


3,5 Kürbisse

(Bildzitat: Quelle http://www.imdb.com)

Die Königin des Nordens (2021)

Regie: Charlotte Sieling
Original-Titel: Margrete den første
Erscheinungsjahr: 2021
Genre: Historienfilm, Drama, Biopic
IMDB-Link: Margrete den første


„Die Königin des Nordens“ klingt nicht nur wie ein Episodentitel aus „Game of Thrones“, die Intrigen im eisigkalten Skandinavien fühlen sich auch so an, als wären sie aus dem Hirn von George R. R. Martin entsprungen – während einer sehr depressiven Phase seines Lebens. Denn die politischen Scharmützel in der HBO-Erfolgsserie fühlen sich im Vergleich zum historischen Durcheinander rund um Königin Margrethe von Dänemark wie ein Kindergeburtstag an. Huch, da geht es finster zu! Gerade noch hat Königin Margarethe, die an ihres Adoptivsohns statt lieber das Regieren übernimmt, die nordischen Länder in der Kalmarer Union vereint und illustre Hochzeitspläne für ihren Sohn Erik geschmiedet, taucht unverhofft ein Typ auf, der sich als längst für tot geglaubter leibeigener Sohn ausgibt und den Thron für sich beansprucht. A blede Gschicht, wie man so schön sagt. Vor allem, weil dadurch der ganze Hofstaat in Aufruhr ist. Die Norweger sagen, ja, das ist ihr König, die Dänen und Schweden sagen, nein, das ist ein Hochstapler, und Margarethe, mit Grandezza gespielt von Trine Dyrholm, lässt sich nicht in die Karten blicken. Proklamiert sie den jungen Mann zu ihrem leiblichen Sohn, gibt’s Chaos, die Kalmarer Union zerbricht, und aus der Ehe ihres Adoptivsohns mit der Tochter des britischen Königspaars wird es auch nichts. Verleugnet sie ihn, geht’s dem jungen Herrn an den Kragen – dann hätte sie womöglich ihren eigenen Sohn (sofern er es ist) ans Schafott geliefert. Eine Cersei aus Game of Thrones hätte mit dieser moralischen Frage wohl kein Problem gehabt – der Mann wäre am Galgen gebaumelt, bevor sie noch ihr erstes Glas Wein ausgetrunken hätte. Margarethe hingegen plagt sichtlich das Gewissen, und so zittert man als Zuseher auch zwei Stunden gebannt mit, wie im Intrigantenstadel die Karten ständig neu gemischt werden und die Zukunft der Herrscherin, ihres Adoptivsohns und der ganzen Union am seidenen Faden hängen. „Die Königin des Nordens“ ist ein Historiendrama, wie ein Historiendrama sein soll. Vor exzellenten Kulissen und Schauplätzen spielen exzellente Darsteller:innen nach einem exzellenten Drehbuch, in dem jede Szene, sei sie auch noch so klein, von inneren Konflikten und Spannungen getragen wird, sodass keine Sekunde langweilig wird. Ein frühes Highlight in diesem Kinojahr.


8,0 Kürbisse

(Bildzitat: Photo by Dušan Martinček – © SF Studios, Quelle http://www.imdb.com)

Ministerium der Angst (1944)

Regie: Fritz Lang
Original-Titel: Ministry of Fear
Erscheinungsjahr: 1944
Genre: Thriller, Drama, Krimi
IMDB-Link: Ministry of Fear


Oft hast ein Pech. Da bist du großer Fan von Graham Greene und bekommst die Möglichkeit, einen seiner Romane zu verfilmen, und dann stellst du bei der Lektüre des Drehbuchs fest, dass du eigentlich gar keinen Bock darauf hast, musst das Ding aber jetzt trotzdem durchziehen. So ging’s Regiegigant Fritz Lang mit „Ministerium der Angst“, einem Spionagethriller, der leider an einer reichlich konfusen Story krankt. Aber Fritz Lang wäre nicht Fritz Lang, wenn es ihm nicht gelänge, auch aus dem halbseidenen Stoff einen packenden Thriller mit denkwürdigen Szenen zu schaffen. Die Story: Der eben aus einer Nervenheilanstalt entlassene Stephen Neale (Ray Milland) gewinnt durch Zufall bei einer Wohltätigkeitsveranstaltung eine Torte. Diese wird ihm im Zug von einem angeblich Blinden abgenommen, der wiederum bei einem Bombenangriff der Deutschen auf Großbritannien getötet wird. Fortan sind Neale allerlei suspekte Gestalten auf den Fersen, und ihm wird auch noch ein Mord angedichtet. Um sich zu retten, muss er also selbst die Ermittlungen aufnehmen und das Komplott, in das er hineingezogen wurde, aufdecken – klassischer Film Noir-Stoff eben. Zugegeben, es ist nicht leicht, den Kapriolen der Geschichte zu folgen. Heute würde man einen solchen Stoff wohl in eine Miniserie verpacken und sich ausreichend Zeit nehmen, alle Verwicklungen sauber aufzubereiten und zu verarbeiten. Der Pluspunkt des Films ist eindeutig die spannungsgeladene Inszenierung, die von gelungenen Bildern begleitet wird. Insgesamt kein Höhepunkt in Fritz Langs Schaffen, aber auch nichts, weswegen er sich schämen müsste.


6,0 Kürbisse

(Bildzitat: Quelle http://www.imdb.com)

House of Gucci (2021)

Regie: Ridley Scott
Original-Titel: House of Gucci
Erscheinungsjahr: 2021
Genre: Drama, Krimi, Biopic
IMDB-Link: House of Gucci


Der erste Kinobesuch des Jahres – ein Film, auf den ich mich schon sehr gefreut habe. Ridley Scott gehört zu meinen Lieblingsregisseuren, die Besetzung liest sich großartig, die Story klingt interessant (und ich muss zugeben, dass ich die realen Hintergründe gar nicht auf dem Schirm hatte – diese abgedrehte und abgefuckte Geschichte ist damals komplett an mir vorübergegangen) – alles ist angerichtet für ein Fest. Dass der Film dann doch nicht so geliefert hat, wie ich mir das im Vorfeld erhofft hätte, liegt vor allem an seinen Längen im Mittelteil und einem sehr inhomogen agierenden Cast. Auf der Habenseite sind da Lady Gaga und Adam Driver als Ehepaar Gucci, das sich vom mittellosen und aus dem Clan ausgestoßenem Teil der Familie an die Macht schwingt, vor allem dank Patrizia Guccis skrupellosem Machthunger, auf der anderen Seite agieren ein unkenntlicher Jared Leto, Al Pacino und auch Salma Hayek so, als wären sie eigentlich für eine komödiantische Parodie verpflichtet worden. Vor allem Leto übertreibt maßlos. Der großartige Jeremy Irons pendelt sich da irgendwo in der Mitte ein – seine Rolle ist aber definitiv zu klein, um einen großen Fußabdruck zu hinterlassen. Über den Inhalt möchte ich nicht zu viel verraten. Gut ist aber, dass sich Ridley Scott vor allem auf das Ehepaar Patrizia und Maurizio Gucci konzentriert, ihre sich im Verlauf der Zeit wandelnde Beziehung und die Dynamik dahinter. Sowohl Lady Gaga als auch Adam Driver spielen oscarreif und tragen den Film auch über manche Länge hinweg. Man hätte das alles straffen können, an manchen Stellen wirkt der Film unfokussiert, als hätte Altmeister Ridley Scott Stress beim Arbeiten gehabt. Da wirkt sein im gleichen Jahr erschienenes Historiendrama The Last Duel, auch wenn der Film ebenfalls seine Längen hat, doch noch mal konzentrierter. Dennoch ist „House of Gucci“ sehenswert, allein schon wegen der irren Story gegen Ende hin und dem grandiosen Schauspiel von Lady Gaga. Es ist schon ein bisschen unfair vom Schicksal, die junge Dame sowohl zur Ikone der Musik zu machen als ihr auch noch dieses schauspielerische Talent in die Wiege gelegt zu haben. Wenn die jetzt auch noch malen kann, bin ich endgültig angepisst.


6,5 Kürbisse

(Bildzitat: Quelle http://www.imdb.com)

Titanic (1997)

Regie: James Cameron
Original-Titel: Titanic
Erscheinungsjahr: 1997
Genre: Drama, Historienfilm, Liebesfilm
IMDB-Link: Titanic


Ehre, wem Ehre gebührt. James Cameron hat 1997 mit Titanic einen monumentalen Zwitter aus Katastrophenfilm und Liebesfilm vorgelegt, der seine jeweiligen Genres definiert bzw. auf ein komplett neues Level gehoben hat. Vergesst Romeo und Julia – hier sind Jack und Rose! Gibt es irgendwen, der den Film nicht kennt? „Titanic“ war ein Ereignis – selbst meine Großeltern, die wirklich nie ins Kino gegangen sind, haben sich aufgerafft und die drei Stunden im Kinosessel durchgedrückt. „So schee!“, das einhellige Urteil damals. Doch auch jetzt, fast ein Vierteljahrhundert später, kann man nur den Hut ziehen vor diesem ambitionierten Mammutprojekt, das neue Maßstäbe gesetzt hat. Seien es die eindrucksvollen Aufnahmen des Riesenschiffs, wenn die Kamera über die Decks gleitet, seien es die Ausstattung und Kostüme, die diese historische Epoche kurz nach der Jahrhundertwende wieder zum Leben erwecken oder die grandiosen und bahnbrechenden Spezialeffekte, wenn das Schiff den schicksalshaften Eisberg gerammt hat und langsam zu sinken beginnt. Was aber fast am meisten Eindruck auf mich macht, sind die ungeschönten Darstellungen von Chaos und Panik, als auch die letzten begreifen, dass es kein Entrinnen gibt und sie wohl sterben werden. Ständig fallen Menschen von der Reling ins eiskalte Wasser, zerkleschen an den gewaltigen Antriebsrädern oder ertrinken qualvoll in ihren Kajüten. James Cameron gelingt es tatsächlich, die Schauwerte hochzuhalten und gleichzeitig Entsetzen und Mitgefühl beim Zuseher auszulösen. Da braucht es nicht einmal die tragische Liebesgeschichte der reichen, unglücklichen Aristokratentochter mit dem bettelarmen Zeichner – die emotionale Wucht, die der Film vor allem in der zweiten Hälfte entfaltet, sucht heute noch ihresgleichen. Dabei ist die erste Hälfte, die sich auf die Anbahnung der Beziehung von Jack und Rose konzentriert, ebenfalls auf herausragendem Niveau. Vielleicht ein bisschen schnulzig, das kann man dem Film vorwerfen, aber eine solche Liebesgeschichte muss nun mal episch inszeniert werden. Das wusste schon Shakespeare, und wer wagt es, sich mit dem Meister anzulegen? Geschmäcker sind subjektiv, keine Frage, aber ganz nüchtern betrachtet handelt es sich bei „Titanic“ um einen der besten Filme aller Zeiten.


9,5 Kürbisse

(Bildzitat: © 1997 – Paramount Pictures, Quelle http://www.imdb.com)

tick, tick … BOOM! (2021)

Regie: Lin-Manuel Miranda
Original-Titel: tick, tick … BOOM!
Erscheinungsjahr: 2021
Genre: Musical, Drama, Biopic
IMDB-Link: tick, tick … BOOM!


Dass ich kein großer Fan von Musicals und Musicalfilmen bin, ist, glaube ich, kein großes Geheimnis. Was für eine große Sache „Rent“ war, habe ich tatsächlich erst der im November auf Netflix angelaufenen Musical-Biografie „tick, tick … BOOM!“ von Lin-Manuel Miranda entnommen. Diese zeichnet den steinigen Weg eines jungen, talentierten Künstlers in New York nach. Denn nur selten fällt der Erfolg vom Himmel. Meistens liegen viele Jahre der Frustration und der Niederlagen vor dem Durchbruch. Im Fall von Jonathan Larson, der später mit „Rent“ Broadway-Geschichte schreiben soll, sind es über acht Jahre, die er sich mit seinem ersten Musical abquält. Andrew Garfield wirft sich mit einer couragierten und auch gesanglich überzeugenden Darstellung mitten hinein in die Award Season und hat gute Chancen, auch den einen oder anderen Preis mitzunehmen. Er spielt den begabten Pleitegeier, der sich nur so halb mit einem Kellnerjob über Wasser hält, während er nachts an seinen Songs tüftelt, mit Leib und Seele. Generell hat der Film unglaublich viel Energie und kann dadurch selbst Musical-Muffel wie mich mit etlichen seiner Up-Tempo-Songs mitreißen. Die Balladen hingegen … darf ich was Ketzerisches sagen? Musical-Balladen klingen alle gleich. Und anstatt sich auf den Song zu konzentrieren, grübele ich dabei immer ständig darüber nach, wo ich den Song schon mal gehört habe. Aber egal, die Balladen dominieren in „tick, tick … BOOM!“ ohnehin nicht. Vielmehr ist der Film ein Plädoyer dafür, an seine Träume zu glauben und nicht aufzugeben, auch wenn’s schwierig erscheint. Und dieses Plädoyer wird mit viel Schwung und Enthusiasmus vorgetragen. Dabei ist der Film beileibe kein simpel gestricktes Feelgood-Movie – auch ernste Themen wie Aids, das Anfang der 90er wie eine Seuche unter den jungen Menschen wütete, oder auch die Schwierigkeit, sich der Beziehung mit der gleichen Hingabe wie der Kunst zuzuwenden, werden thematisiert. „tick, tick … BOOM!“ ist ein Musical, das auch dem breiten Publikum genug bietet, um zwei Stunden lang interessant zu sein. Den einen oder anderen Leerlauf oder Song, mit dem man gar nichts anfangen kann, nimmt man dafür dann auch gerne in Kauf.


6,5 Kürbisse

(Bildzitat: Photo by MACALL POLAY/NETFLIX © 2021/MACALL POLAY/NETFLIX © 2021 – © 2021 Netflix, Inc., Quelle http://www.imdb.com)