2019

The Souvenir (2019)

Regie: Joanna Hogg
Original-Titel: The Souvenir
Erscheinungsjahr: 2019
Genre: Drama, Liebesfilm
IMDB-Link: The Souvenir


Eine Swinton fällt nicht weit vom Stamm. Es ist keine Überraschung, dass Tilda Swintons Tochter Honor Swinton Byrne ebenfalls mit dem Talent zum Schauspiel gesegnet ist. Das kommt Joanna Hogg für ihren Film „The Souvenir“ sehr entgegen, denn sie weiß, dass sie sich darauf verlassen kann, dass Swinton Byrne zusammen mit Tom Burke trägt. Die beiden spielen ein eher ungleiches Paar: Sie, Anfang zwanzig, studiert an der Filmhochschule und wirkt zunächst mal schüchtern und naiv (ein Alter Ego der Regisseurin selbst, die mit diesem Film ihre künstlerischen Anfänge auf die Leinwand bringt). Er, deutlich älter, arbeitet für ein Ministerium und hat neben polierten Manieren, einen erlesenen Musikgeschmack und viel zu viel Geld auch ein Drogenproblem. Da findet zusammen, was nicht zusammen gehört – und doch scheint es irgendwie zu funktionieren. Genauso wie Hoggs Film: Man weiß gar nicht so recht, woran es liegt, dass der Film funktioniert, aber er tut es. Und das, obwohl die Story selbst recht dünn ist, obwohl die Dialoge manchmal etwas artifiziell wirken, obwohl der Film da wegschneidet, wo es für den Zuseher interessant zu werden beginnt. Andererseits ist gerade diese Beiläufigkeit die wohl größte Stärke von Joanna Hogg. Wenn sie von einer Venedig-Reise erzählen will, dann reicht es ihr aus, einmal kurz das Panorama der Lagunenstadt zu zeigen und dann eine kurze Sequenz in einem mondänen Hotel in einem Palazzo, und man weiß eigentlich alles über die Reise, was man wissen muss. Venedig halt, eine Reise mit Höhen und Tiefen, nicht die versprochene Verheißung, aber eh okay. Und so geht Hogg mit fast allen Situationen um. Selbst das Drogenproblem des Geliebten wird mit Ausnahme von einer einzigen (dafür sehr bedrückenden) Szene nur indirekt erzählt. Zugegeben, ich bin nur noch unschlüssig, ob ich diese Art und Weise zu erzählen mag. Über die Laufzeit von zwei Stunden hat sich auch die eine oder andere Phase der Fadesse eingestellt, die dann wieder durchbrochen wurde von einer plötzlich auftauchenden genialen Szene. Eines ist aber klar: Joanna Hogg hat für sich eine sehr außergewöhnliche filmische Sprache mit hohem Wiedererkennungswert gefunden. Und wenn die geplante Fortsetzung des Films in die Kinos kommt, werde ich mir diesen Film mit Sicherheit ansehen, um mein Bild von dieser Regisseurin zu schärfen.


6,5
von 10 Kürbissen

(Foto: CROSSING EUROPE Filmfestival)

Normal (2019)

Regie: Adele Tulli
Original-Titel: Normal
Erscheinungsjahr: 2019
Genre: Dokumentation
IMDB-Link: Normal


Was ist normal? Eine einfache Frage mit einer schwierigen Antwort. Fragt hundert Menschen auf der Straße, was für sie Normalität bedeutet, und ihr werdet hundert verschiedene Antworten und Sichtweisen bekommen. Normal ist für den Einen, dass zwei Menschen, die sich lieben, den Bund der Ehe eingehen können. Normal ist für den Anderen, dass die Ehe nur zwischen Mann und Frau möglich ist. Und für einen Dritten ist ein Zusammenleben ohne ehelichem Bund normal. Um nur ein Beispiel zu nennen. Adele Tulli findet in ihrem dokumentarischen Essay-Film einige sehr einprägsame Beispiele für in unserer Gesellschaft auf breiter Basis wahrgenommene Normalität, die sich bei genauerem Blick aber als Absurdität entlarvt. Wenn beispielsweise in einer Fabrik am Fließband rosa gefärbte Spielzeug-Bügelbretter für Mädchen gefertigt werden während daneben die blau gefärbten Spielzeuge für Burschen verpackt stehen, dann wird jedem, der das sieht, die Absurdität dieser gesellschaftlichen Norm bewusst. Oder wenn Tulli bei einem Junggesellinnenabschied kreischende Mädchen und eine peinliche berührte Braut in spe zeigt, wie sie Kuchen in der Form eines Penisses anschneiden und lasziv verspeisen. Oder bei der Gruppe von Müttern im Park, die mit ihren Kinderwägen Gymnastikübungen aufführen. Oder bei dem Sohn, der von seinem Vater noch martialische Anfeuerungen vor einem Motorrad-Rennen für Kinder mitbekommt. Das alles wirkt lächerlich und absurd und zeigt allzu deutlich die Geschlechterrollen auf, in die sich unsere Gesellschaft hineinmanövriert hat. All das ist sichtbar im Alltag – nur wird es dort nicht wahrgenommen. Im Gegenteil: Allzu selbstverständlich unterwerfen wir uns diesem Diktus der Normalität, denn wir kennen es nicht anders. Und ich frage mich, wie lange es wohl dauern wird, bis das glückliche schwule Paar bei der Hochzeit zur Normalität wird. Wohl erst dann, wenn wir uns nicht mehr bewusst sind, dass es ein schwules Paar ist, dass da heiratet, sondern einfach nur zwei Liebende. Adele Tulli ist mit „Normal“ ein unaufgeregter und unspektakulärer Film geglückt, der uns vor einfache und gut bekannte Situationen stellt und uns damit vor Augen führt, wie absurd diese eigentlich sind, wenn man genau hinschaut. Sie schärft damit den Blick, und das tut uns allen gut.


7,0
von 10 Kürbissen

(Foto: CROSSING EUROPE Filmfestival)

Oray (2019)

Regie: Mehmet Akif Büyükatalay
Original-Titel: Oray
Erscheinungsjahr: 2019
Genre: Drama
IMDB-Link: Oray


Shit happens. Da kann es schon mal passieren, dass man im Streit mit der geliebten Ehefrau ein falsches Wort sagt. Man kennt das ja. Aber doppelt blöd, wenn man Muslim ist, streng nach den Gesetzen des Islam lebt und dann das Wort „talaq“ ausspricht. Das ist so etwas wie der Joker beim Schluss machen. Denn das heißt: Drei Monate Beziehungspause, du musst von deiner Frau getrennt leben und danach wird entschieden, ob man sich final scheiden lässt. Burcu, Orays Frau, ist modern und weltoffen, hat mit dem Islam jetzt nicht so viel am Hut wie Oray und findet das naturgemäß nicht so witzig, dass ihr Ehemann, so reuig wie er auch ist, nach einem Streit die Koffer packt und von der Kleinstadt Hagen nach Köln zieht. Aber wenn Allah das so will, was soll man da auch groß machen? Oray hat früher öfter schon mal Mist gebaut. Dabei war in der Regel das Eigentum anderer Leute involviert. Im Gefängnis hatte er dann seine Epiphanie. Seitdem ist er streng gläubig und versucht, seine inneren Dämonen mit Hilfe des Islams im Zaum zu halten. Für ihn geht es (scheinbar) um mehr als um seine Ehe: Es geht ihm um den Frieden seiner Seele. Also ab nach Köln. Dort wird erst mal in einer türkisch-deutschen Studenten-WG gepennt, dann findet er mit Hilfe der türkischen Community eine eigene Wohnung. Was diese Gemeinschaft vereint, ist die Hingabe zum Islam. Man trifft sich zum gemeinsamen Beten, Kaffeetrinken und FIFA Soccer-Spielen. Es sind allesamt junge Männer im Alter von 20 bis 30, die sich in dieser Gemeinschaft versammeln. Alle sind ein bisschen orientierungslos, und der Islam hilft ihnen dabei, Halt zu finden und an ihrer eigenen Identität zu basteln. Radikal sind sie nicht, aber als westlicher Zuseher wundert man sich manchmal schon ein wenig über diese Kritiklosigkeit, mit der Regeln wie jene des „talaq“ angenommen und gelebt werden. Und dann denkt man plötzlich an das Läuten von Kirchenglocken am Sonntag um 9 Uhr in der Früh, an die Beichte, nach der alles wieder gut ist, an das Kruzifix, das man noch aus der eigenen Schulklasse kannte – und ja, irgendwie ist das unterm Strich alles immer dasselbe, nur die äußere Form unterscheidet sich. So ist „Oray“ des Deutschtürken Mehmet Akif Büyükatalay ein Film, über den man sehr viel über Religiosität, Spiritualität und die konkreten Auswirkungen dieser Konzepte auf das Leben auf einer sehr allgemeinen Ebene nachsinnen kann. Und nebenbei erfährt man viel über die türkische Gemeinschaft in Deutschland (was sich sicherlich auf Österreich und andere Länder übertragen lässt). Allerdings braucht man für den Film etwas Geduld, denn gelegentlich plätschert die Handlung ein wenig vor sich hin. Und er spart die Sicht der Frau fast komplett aus. Was wirklich schade ist und Abzüge in der B-Note bringt.


6,0
von 10 Kürbissen

(Foto: CROSSING EUROPE Filmfestival)

The Days to Come (2019)

Regie: Carlos Marques-Marcet
Original-Titel: Els dies que vindran
Erscheinungsjahr: 2019
Genre: Liebesfilm
IMDB-Link: Els dies que vindran


Dass ein Film davon erzählt, wie sich eine Schwangerschaft auf die Beziehung auswirkt und die werdenden Eltern dazu zwingt, sich damit auseinanderzusetzen, wer sie sind und was sie im Leben wollen, ist nicht unbedingt ein neues Thema. In dieser Konsequenz umgesetzt wie in Carlos Marques-Marcets „The Days to Come“ hat man es aber vielleicht noch nie. Als Kinopublikum ist man bei der Schwangerschaft und gleich bei zwei Geburten wirklich dabei. Hierin besitzt der Film dokumentarische Qualitäten. Carlos Marques-Marcet heuerte für „The Days to Come“ kurzerhand ein befreundetes Pärchen an, das tatsächlich ein Kind erwartete. Wie viel von den realen Konflikten in das Drehbuch schließlich einfloss, bleibt wohl ein Geheimnis, aber eines ist klar: Authentischer kann an einen Spielfilm eigentlich gar nicht drehen. Dass der Film aber dennoch einem klaren roten Faden folgt und dramaturgisch interessant aufgebaut ist, verdankt er wiederum der Strukturierung durch Carlos Marques-Marcet, der dann am Ende doch die Zügel fest in der Hand hielt. Das Resultat ist eine banale Geschichte, wie man sie dutzendfach im eigenen Umfeld erleben kann im Laufe des Lebens, die aber dank der gut aufspielenden Hauptdarsteller und eben des ungeschönten Blicks, den Carlos Marques-Marcet auf die Beziehung wirft, von Anfang bis Ende spannend bleibt. Die Frage ist weniger, ob das Paar die Probleme, die sich auftun, lösen kann, sondern wie, und wie viel davon einfach geschieht, weil sich die Perspektiven im Leben ändern und man durch die Elternschaft gewissermaßen neu adjustiert wird, was den persönlichen Fokus betrifft. In dieser Hinsicht ist „The Days to Come“ absolut gelungen. Dass vielleicht der eine oder andere dramaturgische Höhepunkt fehlt, ist für den Anspruch der Authentizität bewusst in Kauf genommen worden. Aber auch so ist „The Days to Come“ ein sehr sehenswerter Film geworden.


7,0
von 10 Kürbissen

(Foto: CROSSING EUROPE Filmfestival)

Das melancholische Mädchen (2019)

Regie: Susanne Heinrich
Original-Titel: Das melancholische Mädchen
Erscheinungsjahr: 2019
Genre: Experimentalfilm, Komödie, Episodenfilm
IMDB-Link: Das melancholische Mädchen


Es gibt Dinge, die einfach nicht zusammenpassen. Vegetarier und Schlachthäuser zum Beispiel. Oder Marillenlikör und Schweinsbraten. FPÖ-Politiker und die Menschenrechtskonvention. Mario Barth und Humor. Wiener und Tiroler. Und: Der Filmkürbis und nach Brecht’schen Stilmitteln verfremdete Essayfilme. Das musste ich bereits mit den Filmen von Helma Sanders-Brahms feststellen, die im Übrigen in Susanne Heinrichs Spielfilmdebüt „Das melancholische Mädchen“ auch erwähnt wird. Darin stolpert ein junges, melancholisches Mädchen (Marie Rathscheck mit wirklich wunderbar traurigen Augen) durch verschiedene Episoden, die allesamt vereint, dass das Mädchen auf der Suche nach einem Bett für eine Nacht ist und dabei mit ihren männlichen Gesprächs- (und teilweise) Bett-Gefährten kritische Gedanken über Feminismus und Neoliberalismus austauscht. Bekannte Sätze wie „Der Körper einer Frau ist ein Kriegsgebiet“ fallen. Vorgetragen wird alles stark verfremdet, ausdruckslos und abgehakt. Susanne Heinrich war es wichtig, wie sie im anschließenden (sehr interessanten) Q&A beschrieb, dass die Schauspielerinnen und Schauspieler auf alles vergessen sollten, was man üblicherweise an Schauspielschulen so lernt. Sie sollten jede Verbindung zu ihren Figuren kappen und stattdessen die Sätze nach Brecht’schem Vorbild rezitieren. So weit, so gut. Ich mag es ja prinzipiell, wenn man beim Film die klare Sprache und Intention der Regisseurin erkennt. Nur mag ich abstrakte Brecht’sche Deklamation von intellektuellen Problemstellungen, die damit „in your face“ geschmissen werden und sich auf diese Weise dem Publikum gegenüber erhöhen, noch weniger als ich eine klare, identifizierbare Filmsprache mag. Das ist nun blöd für den Film und die Bewertung. Aber ehrlich. Für alle Helma Sanders-Brahms-Fans wird dieser Film ein Genuss sein, da kann ich auf jeden Fall eine Empfehlung aussprechen. Wer aber Wert auf konventionelles Storytelling legt (was Susanne Heinrich für sich und ihre Filme ablehnt – was ja auch wiederum voll okay ist) und wer gelegentlich bei einer Komödie auch mal lachen möchte, sitzt hier im falschen Film.


2,5
von 10 Kürbissen

(Foto: CROSSING EUROPE Filmfestival)

Bait (2019)

Regie: Mark Jenkin
Original-Titel: Bait
Erscheinungsjahr: 2019
Genre: Drama
IMDB-Link: Bait


Man merkt Mark Jenkin an, dass er aus einem Fischerdorf kommt. So rau wie die See ist auch sein Film „Bait“, der auf 16mm in körnigem Schwarz-Weiß gedreht und von Jenkin per Hand entwickelt wurde. Der Ton wurde zur Gänze synchronisiert, was Jenkin erlaubte, ein interessantes Sounddesign zu entwickeln, in dem Stille eine ebenso große Rolle spielt wie der Sound selbst. Auch (repetitive) Close-Ups sind ein Stilmittel, zu dem Jenkin gerne greift. Zugegeben, es dauert eine Weile, bis man sich zurechtfindet in diesem Film. Denn zunächst ist man erst mal von der Machart fasziniert und damit ein wenig abgelenkt vom Inhalt. Die Geschichte selbst nimmt sich auch Zeit. Erzählt wird von Fischer Martin (Edward Rowe) und dessen Bruder Steven (Giles King), die in einem kleinen Dorf an der Küste Cornwalls kommen. Nach dem Tod des Vaters hat Steven den Kutter übernommen und fährt damit nun reiche Touristen die Küste entlang. Martin versucht, sein Leben noch wie früher als Fischer zu leben, nur was ist schon ein Fischer ohne Boot? Dazu kommen Konflikte mit den Dauergästen, die den Sommer in Cornwall verbringen und sich selbst als die eigentliche Community des Dorfes fühlen. Man spürt: Dieser Martin ist eine Figur, die viele Emotionen mit sich herumträgt, diese aber nicht zeigen kann oder will. Wie auch im Meer spielt sich das Relevante unter der Oberfläche ab. Mark Jenkins archaische Art, Filme zu drehen, passt hervorragend zu diesem griesgrämigen Fischer, der irgendwie den Kontakt zu allem verloren hat: zu seiner Familie, seiner Vergangenheit, seinem Lebenssinn, und dennoch stur weitermacht, einfach, weil es keine Alternative dazu gibt. „Bait“ ist damit ein fast schon existentialistisches Drama, das mit Mitteln der Entfremdung den Blick auf das Wesen des Menschen lenkt.


8,0
von 10 Kürbissen

(Foto: CROSSING EUROPE Filmfestival)

Sons of Denmark (2019)

Regie: Ulaa Salim
Original-Titel: Danmarks sønner
Erscheinungsjahr: 2019
Genre: Drama, Krimi, Thriller
IMDB-Link: Danmarks sønner


Der Auftakt zu meinem diesjährigen Crossing Europe Filmfestival-Besuch in Linz beginnt mit einem Knall. Eine Bombe geht hoch. 23 Menschen sterben. Die Täter? Islamisten. Die Lösung: Die Gründung einer neuen rechten Partei, die damit wirbt, alle Ausländer aus dem Land zu werfen. Auch wenn Ulaa Salims Polit-Thriller „Sons of Denmark“ sechs Jahre in der Zukunft angesiedelt ist, ist der Schrecken, der sich auf der Leinwand entfaltet, nur allzu gegenwärtig. Man merkt: Da hat sich einer Gedanken darüber gemacht, wie wenig per Stand heute noch fehlt, um eine Gesellschaft zu radikalisieren. Denn der Terror spielt sich erst einmal im Kleinen ab. Vor den Häusern muslimischer Mitbürger werden blutige Schweinsköpfe abgelegt, und die Wände werden mit ausländerfeindlichen Parolen beschmiert. Im Fernsehen ist es plötzlich in Ordnung, wenn der Spitzenkandidat der rechten Partei davon spricht, bei gewalttätigen Handlungen, die von Ausländern begangen werden, ohne groß zu fackeln Gegengewalt anzuwenden. Und die Polizei, die zuvor noch die Reihen der rechtsradikalen Gruppierung „Söhne Dänemarks“ infiltriert hat, mit der der Spitzenkandidat natürlich nichts zu tun haben möchte (Kommt euch das bekannt vor?), stellt plötzlich die Ermittlungen ein, um sich wieder dem islamischen Terror zuzuwenden. Der laut Insider Malik (Zaki Youssef) nicht mehr existent ist. Denn die Bedrohung kommt vielmehr von militanten, radikalen blonden Dänen, die das neue Klima nutzen, um Jagd auf Immigranten zu machen. Ulaa Salim, der selbst einen irakischen Hintergrund aufweist, erzählt das alles sehr subtil. Zu Beginn vielleicht sogar etwas zu subtil, denn der Fokus der Geschichte bleibt ganz klar auf dem Persönlichen – zunächst auf dem 19jährigen Zakaria (Mohammed Ismael Mohammed), der zu Beginn der Geschichte radikalisiert wird, dann auf Malik. Die Kamera hängt dabei stets über der Schulter, der Blick ist dementsprechend beengt. Die großen gesellschaftlichen Veränderungen werden damit erst nach und nach sichtbar, und auch sie werden nur punktuell im persönlichen Lebensumfeld der Protagonisten gezeigt. Vielleicht hätte man noch etwas mehr aus dem Thema herausholen können, wenn der Fokus etwas weiter gefasst worden wäre. Die Botschaft ist dennoch klar. Das Jahr 2025 ist näher als man denkt.


6,5
von 10 Kürbissen

(Foto: CROSSING EUROPE Filmfestival)

Avengers: Endgame (2019)

Regie: Anthony und Joe Russo
Original-Titel: Avengers: Endgame
Erscheinungsjahr: 2019
Genre: Action, Fantasy, Science Fiction
IMDB-Link: Avengers: Endgame


Thanos hat es nicht leicht. Da arbeitet er sein Leben lang hin auf die Erfüllung seines Lebenssinns, dann kann er sich endlich in die wohlverdiente Pension begeben und  sich an hübschen Pflanzen erfreuen – doch was geschieht? Kaum hat er sich zur Ruhe gesetzt, stehen diese Avengers-Grätzen von der Erde wieder auf der Matte. So wird aus dem Ruhestand ein Unruhestand, und drei Stunden lang dürfen wir nun zusehen, wie sich Gut und Böse oder das, was wir dafür halten, in einem Endspiel um die Goldene Ananas verhauen. Denn dass man mit einem Fingerschnippen einfach die Hälfte aller Lebewesen ausradiert und danach Radieschen züchtet, das kann nicht sein, das darf nicht sein. „Avengers: Endgame“ ist das große, epische Finale von nicht weniger als 22 Filmen des Marvel Cinematic Universe. Dass man einem solch hohen Anspruch, den das sich hysterisch um Kinokarten prügelnde Publikum stellt, gerecht wird, ist schon eine schwierige Aufgabe. Für viele, darunter auch mich, hat diese Reise vor über 10 Jahren begonnen. Und nun geht man den letzten Weg mit den Heldinnen und Helden, die einem im Laufe der Jahre unweigerlich ans Herz gewachsen ist. Es ist so wie damals auf den letzten Metern, ehe ein verdammter Goldring in einen Feuerschlund im Schicksalsberg geworfen wurde. Nur dass man dieses Mal nicht nach drei Filmen an diesen Punkt gekommen ist, sondern nach fast zwei Dutzend. Das Involvement ist also bei dem Einen oder Anderen noch höher. Und wie viel hätte man hier falsch machen können. Wenn sich Filmemacher hinsetzen und am Reißbrett etwas entwerfen, das noch epischer, noch großartiger, noch actionreicher, noch erhabener werden soll als alles bisher Gedrehte, dann kommt dabei oft ein grandioser Murks heraus. Denn größer ist nicht immer besser. Doch genau das muss man nun den Machern der letzten beiden Avengers-Filme anrechnen: Natürlich wussten sie um die übergroße Erwartungshaltung. Und natürlich bedienen sie in ihrem Film die Gelüste des nach einer letzten großen Schlacht gierenden Publikums. Aber sie verlieren dabei nie die Charaktere und die Entwicklung, die diese über die besagten 22 Filme hinweg nehmen, aus den Augen. Und sie entfernen sich manches Mal ein gutes Stück von dem Erwartbaren. Man kann sich nie sicher sein, was in „Avengers: Endgame“ passiert. Und das tut dem Film sehr gut. Diese drei Stunden sind gewinnbringend investiert. Diese große Fantasy-Saga unserer Zeit findet mit diesem Film einen würdigen, kurzweiligen und spannenden Abschluss. Am Ende darf Zeit für Wehmut und die eine oder andere Träne sein. Denn eine lange Reise geht hier wirklich zu Ende.


8,5
von 10 Kürbissen

Shazam! (2019)

Regie: David F. Sandberg
Original-Titel: Shazam!
Erscheinungsjahr: 2019
Genre: Action, Abenteuerfilm, Fantasy, Komödie
IMDB-Link: Shazam!


Wenn man David Sandberg heißt, dreht man offenkundig gerne amüsante Actionfilme. Um Verwechslungen mit dem schwedischen Kollegen, der für den viralen Kickstarter-Hit Kung Fury verantwortlich zeichnete, zu vermeiden, packte sich der Regisseur der DC-Comicverfilmung „Shazam!“ noch die Initiale F. in seinen Namen. Trotzdem ein wenig verwirrend, diese ganze Sandbergerei. Allerdings hat DC gut getan, den bislang hauptsächlich durch Kurzfilme aufgefallenen David F. Sandberg in den Regiestuhl zu hieven. Im ewigen Beef DC gegen Marvel hat ja in den letzten Jahren DC deutlich den Kürzeren gezogen. Vor allem die martialistisch durchstilisierten Filme von Zack Snyder konnten sich gegen das verspielt Lockere von Marvel nicht durchsetzen. Comics leben eben auch vom Humor. (Außer man heißt Christopher Nolan, dann kann man auch die humorlosesten Filme aller Zeiten drehen – und trotzdem Großartiges und Stilbildendes leisten.) Jedenfalls wirft DC nun mit „Shazam!“ einen Kollegen ins Rennen, der ausschließlich mit Humor punktet. Der 14jährige Billy Batson wird zum Superhelden Shazam, wenn er diesen magischen Namen ausspricht. Er ist damit kugelsicher, kann Energieblitze abfeuern, und das mit dem Fliegen kriegt er auch noch hin. Und damit ist alles über den Film gesagt. „Shazam!“ ist quasi „Big“ (man beachte die kleine Verneigung vor dem Tom Hanks-Klassiker in der Szene mit dem Fußpiano) mit Superheldenkräften. Ein Junge im Körper eines Erwachsenen, nur mit ein paar Extra-Features ausgestattet. Und das führt zu saukomischen und herrlich überdrehten Szenen. Auch sind die Sidekicks (in diesem Fall: einige sehr nerdige Kinder, die von Pflegeeltern aufgenommen wurden) wunderbar sympathisch. Die Chemie zwischen den Darstellern stimmt. Einzig Mark Strong als Superbösewicht wirkt im Vergleich zu den anderen Comic-Schurken der letzten Jahre eher blass. Aber das ist fast egal, denn „Shazam!“ braucht keine breit angelegte Story-Line oder das Gefühl einer allumfassenden Weltenbedrohung. „Shazam!“ ist ein einfach konstruierter, aber effektiver Crowdpleaser. Vielleicht bleibt der Film nicht ewig im Gedächtnis haften, und vielleicht ist er auch ein wenig zu sympathisch-jugendlich angelegt (auch bei den Gags), aber für zwei kurzweilige Kinostunden taugt er allemal.


6,5
von 10 Kürbissen

Wir (2019)

Regie: Jordan Peele
Original-Titel: Us
Erscheinungsjahr: 2019
Genre: Thriller, Horror
IMDB-Link: Us


Mit seinem Debütfilm Get Out wurde Jordan Peele schon als neuer Wunderwuzzi gefeiert. Endlich mal jemand, der Horror nicht als eine Aneinanderreihung von Jump-Scares versteht. Sogar einen Oscar für das beste Originaldrehbuch gab es. Darauf lässt sich dann schon mal eine Karriere aufbauen. Sein zweiter Film „Us“ wurde daher mit Spannung erwartet. Eines gleich vorweg: „Us“ ist deutlich geradliniger und ambitionsloser als „Get Out“. Und das muss ja nichts Schlechtes sein. „Us“ ist ein Horrorthriller, der nicht mehr sein möchte, als er ist. Er baut dabei auf eine interessante Prämisse und überzeugende Darsteller/innen. Vor allem Oscar-Preisträgerin Lupita Nyong’o in der Hauptrolle bringt eine sehr gute Leistung. Es gelingt ihr binnen weniger Minuten, ihre Adelaide Wilson als Sympathieträgerin mit dunklen Geheimnissen zu verankern. Über den Inhalt sei an dieser Stelle nicht allzu viel verraten. Nur so viel: Eine Familie auf Urlaub wird eines Tages mit eher ungebetenen Gästen konfrontiert. Der Rest ist gut gemachter Thrill, der weniger aufs Erschrecken setzt, sondern mit anderen dramaturgischen Mitteln Spannung aufbaut. Damit kommt mir der Film durchaus entgegen, denn wenn ich eines an Horrorfilmen nicht mag (weshalb ich auch die meisten Horrorfilme nicht mag), dann sind das Jump-Scares. Ich habe es andernorts schon mal geschrieben: Ich bin halt ein Schisser. Die Sichtung von „Us“ war hingegen ein Vergnügen. Auch der locker eingestreute Humor trägt zur Unterhaltung bei. Die Mischung passt hier einfach. Allerdings hat der Film eine große Schwäche: Irgendwann muss die ganze Chose aufgelöst werden bzw. meint Jordan Peele, die Chose auflösen zu müssen. Und bei dieser Auflösung tun sich dann doch größere Logiklöcher auf. Auch ist die Prämisse zwar nicht uninteressant, aber auch nicht das Feuerwerk an Originalität, das man sich angesichts der spannenden Ausgangslage erhofft hätte. Wie Stephen King, der Meister des Horrors, einst sinngemäß geschrieben hat: Horror ist am Besten, solange das Monster hinter der Tür hockt und man nicht weiß, wie es aussieht. Aber irgendwann muss man die Tür eben öffnen, und sobald man es sieht, verliert das Monster seinen Schrecken.


7,0
von 10 Kürbissen