2019

Pets 2 (2019)

Regie: Chris Renaud
Original-Titel: The Secret Life of Pets 2
Erscheinungsjahr: 2019
Genre: Animation
IMDB-Link: The Secret Life of Pets 2


Ich mochte den ersten „Pets“-Film sehr. Als Katzenbesitzer und Tierliebhaber kann ich die Dringlichkeit der Frage, was Haustiere so machen, wenn ihre Besitzer mal außer Haus sind, gut nachvollziehen. Sehr gut sogar. Was mich daran erinnert, dass ich unbedingt mal eine Nachtsichtkamera in meiner Wohnung installieren muss. Vielleicht bekomme ich dann mal eine Antwort auf meine Frage, wie es mein 4 Kilo zartes Kätzchen schafft, mich nächtens an den Rand des Betts zu drängen und mir meine Decke zu klauen. Aber zurück zum Film, genauer gesagt: zum Sequel. Denn wie es heutzutage so üblich ist: Wenn eine Kuh Milch gibt, wird sie gemolken bis zur Mumifizierung. Das kann ja durchaus sehr spaßige Erzeugnisse mit sich bringen. Aber es reicht halt nicht, wenn sich das more of the same ausschließlich darauf beschränkt, vom Publikum lieb gewonnene Charaktere noch mal in einer Parade aufmarschieren zu lassen. Für einen guten Film braucht es immer noch eine interessante und kohärente Handlung. Und genau daran scheitert „Pets 2“ so wie eine Katze, die versucht, den roten Punkt des Laserpointers zu fangen. Flauschige Tiere sind zwar süß anzusehen, aber für einen Film ist es nicht genug. Dass diese Ausrede von Handlung in drei Handlungsstränge zerfällt, die nichts miteinander zu tun haben und die jede für sich genommen auch völlig uninteressant sind, verschärft das Problem zusätzlich. So entdeckt der neurotische Hund Max das Leben auf dem Bauernhof, Hündin Gidget ihre innere Katze, um ein Spielzeug wiederzuerlangen, und Hündin Daisy und Kaninchen Snowball entdecken einen Kuscheltiger in einem Zirkus. Aber all das ist völlig (laser)pointless, und auch die Gags reichen aufgrund dieses Nichts von Handlung für nicht mehr als den einen oder anderen müden Schmunzler. Die Kleinsten unter den Kinobesuchern werden ihren Spaß an hysterischen Kaninchen, die sich als Superhelden verkleiden, haben, und das ist auch okay so. Aber die erwachsenen Begleitpersonen dürfen sich auf 1,5 eher mühsame, jedenfalls aber belanglose Stunden einstellen.


4,0
von 10 Kürbissen

Long Shot – Unwahrscheinlich, aber nicht unmöglich (2019)

Regie: Jonathan Levine
Original-Titel: Long Shot
Erscheinungsjahr: 2019
Genre: Rom-Com, Satire, Komödie
IMDB-Link: Long Shot


Seth Rogen und Charlize Theron sind per se schon mal ein sehr unwahrscheinliches Leinwandpaar. Er: der verpeilte Brachialkomiker; sie: die elegante Dame mit Stil. „Long Shot“ von Jonathan Levine bringt nun diese beiden sehr unterschiedlichen Charaktere zusammen und würzt die ohnehin schon schräge Prämisse mit entgegengesetzten Berufen und Idealen: Fred Flarsky ist ein wütender (und arbeitsloser) Investigativjournalist mit Tendenz zum Slacker, Charlotte Field die Secretary of State und künftige Präsidentschaftskandidatin. Wer aus dieser Konstellation nun derben Slapstick erwartet, hat die Rechnung ohne dem Drehbuchduo Liz Hannah und Dan Sterling, ohne Regisseur Levine und vor allem ohne Seth Rogen gemacht. Dem haftet ja noch immer der Ruf an, hauptsächlich Kindereien zu fabrizieren. Dabei geht es ihm wie den meisten der Riege rund um Judd Apatow. Man vergisst, dass beispielsweise Steve Carell und Jonah Hill (dieser sogar zweifach) oscarnominiert waren für ihre darstellerischen Leistungen. Und dass Seth Rogen schon großartige ernste Rollen wie in Take This Waltz oder „Steve Jobs“ gespielt hat. Der Mann kann spielen, und zwar richtig, richtig gut. Nur haben es Komödianten wie die gerade Genannten oft schwer, dieses Können unter Beweis zu stellen. In „Long Shot“ glänzt Rogen nun neben Charlize Theron, und über die Begabung der schönen Südafrikanerinnen muss man, denke ich, nicht groß diskutieren. Um es auf den Punkt zu bringen: Wer von Charlize Therons magischer Präsenz nicht an die Wand gespielt wird, hat höchsten Respekt verdient. Womit „Long Shot“ neben der tollen Chemie seiner beiden Hauptdarsteller noch aufwarten kann, ist ein satirisch überhöhtes, aber zeitgemäßes Drehbuch, das den Politbetrieb mit einigen gezielten Wirkungstreffern bearbeitet. In einer Zeit, in der eine Orange mit dem IQ einer ausgepressten Orange Bundespräsident sein kann, ist ein turbulentes Szenario, wie es in „Long Shot“ beschrieben wird, nicht undenkbar. Das sympathische Paar kämpft allein auf weiter Flur gegen Vollidioten um seine Ideale. Und so zynisch das zunächst auch anmuten mag, so weit weg von der Wahrheit ist der Film am Ende wohl gar nicht. Dass die eigentliche Rom-Com-Handlung arg vorhersehbar ist und gängigen Mustern vielleicht ein bisschen zu genau folgt, kann man dem Film angesichts seiner subtilen Stärken auch leicht verzeihen. Die 7 Kürbisse bilden derzeit das untere Limit ab, vielleicht steigt die Bewertung nach erneuter Sichtung auch noch weiter an.


7,0
von 10 Kürbissen

Aladdin (2019)

Regie: Guy Ritchie
Original-Titel: Aladdin
Erscheinungsjahr: 2019
Genre: Fantasy, Abenteuerfilm, Musical
IMDB-Link: Aladdin


Eigentlich ist Guy Ritchie ja für den Coolness-Faktor seiner Filme bekannt. In „Aladdin“, der Realverfilmung des Disney-Trickfilmklassikers von 1992, erleben wir mal eine andere Seite von ihm: Jene des Buben, der sich mit leuchtenden Augen an quietschbunter Magie erfreut. Zur Seite steht ihm dabei ein bestens aufgelegter Cast: Mena Massoud ist ein durch und durch sympathischer Aladdin, Naomi Scott eine starke und bezaubernde Prinzessin Jasmin und Will Smith, gegen dessen Besetzung im Vorfeld wohl die lautesten Bedenken zu hören waren, hat in der Rolle des Flaschengeists so viel Spaß wie wohl selten zuvor. Jedenfalls ist seine Performance großartig, und man merkt ihm zu jeder Sekunde die Freude am kindischen Toben an. Allerdings vertraut Guy Ritchie mit seinem Film nicht allein darauf, dass der Cast die Sache im Griff hat – er selbst legt sich auch ordentlich ins Zeug und schafft mit Production Design, den Kostümen und der Kamera eine märchenhafte Welt, wie man sie selten zuvor gesehen hat. Selbst die CGI-Tiere, allen voran Aladdins treuer äffischer Begleiter Abu, sind perfekt ausgearbeitet und ergeben so vollwertige Charaktere, die einem ans Herz wachsen. Natürlich ist „Aladdin“ ein Stück Eskapismus in Reinform, und in keinem Moment muss man sich Sorgen um die Hauptfiguren machen – dazu ist der von Marwan Kenzari gespielte Schurke Jafar auch zu blass und uninteressant. Auch die Musical-Nummern waren nicht so der Brüller und bleiben kaum hängen, zu schematisch sind sie eingesetzt. Aber ein buntes, vergnügliches Spektakel, das zwei Stunden lang gut unterhält, bietet der Film allemal. Durchaus eine positive Überraschung für mich.


7,0
von 10 Kürbissen

Godzilla II: King of the Monsters (2019)

Regie: Michael Dougherty
Original-Titel: Godzilla: King of the Monsters
Erscheinungsjahr: 2019
Genre: Fantasy, Action
IMDB-Link: Godzilla: King of the Monsters


Godzilla, die Eidechse mit Hormonproblemen, blickt auf eine lange Filmkarriere zurück. Begonnen hat alles 1954 mit einem Gummikostüm. In den 90ern passierte das, was mit so ziemlich allem in den 90ern passierte. Roland Emmerichs Version war bunt und zeugte von zu vielen schlechten Drogen. Wie bei „Der Berg ruft“ von K2 aus dem gleichen Jahrzehnt wünscht man sich, man hätte es vergessen, aber irgendwie war’s dann doch ein wesentlicher Teil unserer Adoleszenz, da kann man nichts machen. Gareth Edwards schließlich brachte das Monster mit seinem gelungenen Film in unsere Zeit. Fünf Jahre später darf nun Michael Dougherty dieses Erbe fortführen. Und es zeigt sich rasch: Godzillas Fußstapfen sind ihm viel zu groß. Denn „Godzilla II: King of the Monsters“ ist dermaßen verunglückt, dass ich gar nicht weiß, wo ich überhaupt anfangen soll. In aller Kürze die allergröbsten Probleme des Filmes aufgelistet: Wirklich jeder Charakter, und das ohne Ausnahme, verhält sich so dumm wie nur irgendwie möglich, um sich in unnötige Gefahren zu bringen, die dann eh gut ausgehen. Weil: Egal, wie aussichtslos die Lage ist und egal, wie weit Godzilla vom Geschehen entfernt ist, man kann sich darauf verlassen, dass Deus ex Machina genau in diesem Moment loslegt, wenn der strunzdumme Charakter schon die Augen zum seligen Ableben geschlossen und die letzte Ölung erhalten hat. Wirklich. Jedes. Mal. Dann: Die Action. Mehr soll es sein, spektakulärer, imposanter. Ja, lassen wir doch einfach ein paar Riesenmonster die Erde zerstören und sich dann gegenseitig bekämpfen. An sich eine gute Idee. Aber in dem ganzen CGI-Gewitter fehlt dann schnell der Überblick, es knallt und fetzt und explodiert um die strunzdummen Charaktere herum (die dann mit ihren Helikoptern auch noch immer strunzdumm zwischen den Riesenmonstern herumfliegen müssen anstatt sich in Sicherheit zu bringen), sodass selbst Michael Bay davon einen epileptischen Anfall bekommt. Das hat Gareth Edwards mit seinem Film um ganze Godzilla-Schrittlängen besser hingebracht. Es reicht für eine gelungene Actionszene halt nicht, mehr Schnitte in eine Sekunde zu packen als Blümchens „Herz an Herz“ Beats hat. Nein, man sollte schon noch wissen, was passiert. Und dann wäre als riesengroßes Grundproblem noch die komplett fehlende Logik. Ja, es ist ein Fantasy-Film mit Riesenmonstern. Da muss nicht alles Sinn machen. Aber zumindest sollte der Film in sich geschlossen eine gewisse Grundlogik aufweisen. Dazu gehört zum Beispiel, dass sich Riesenmonster nicht beamen können. Und all das sind wirklich nur die größten Probleme des Films kurz umrissen, da bin ich noch nicht einmal ansatzweise ins Detail gegangen. Was für ein dummer Film. Die 2,5 Punkte gibt’s nur als Bonus für das Mitleid mit dem armseligen G’schau der Echse, das besagt: „Hey, ich habe ja auch keinen Bock auf den Mist und würde stattdessen viel lieber am Meeresgrund chillen, aber ich wurde vertraglich verpflichtet.“ Allein Roland Emmerich freut sich. Sein Film ist nicht mehr die schlechteste Godzilla-Verfilmung.


2,5
von 10 Kürbissen

Der Fall Collini (2019)

Regie: Marco Kreuzpaintner
Original-Titel: Der Fall Collini
Erscheinungsjahr: 2019
Genre: Krimi
IMDB-Link: Der Fall Collini


Zugegeben, meine Erwartungshaltung für diesen Film war gedämpft. Ich bin nicht unbedingt ein großer Krimi-Fan, und auch wenn Ferdinand von Schirachs Bücher einen guten Ruf genießen, so war ich angesichts der Verfilmung seines Romans „Der Fall Collini“ im Vorfeld nicht unbedingt euphorisch. Wenn mich der Kollege vom Filmgenuss nicht mitgenommen hätte, wäre dieser Film wohl unbesehen an mir vorbeigegangen. Allerdings hätte ich dann durchaus einen Filmgenuss verpasst. (Hö hö hö, samma wieder witzig heute). „Der Fall Collini“ von Marco Kreuzpaintner ist natürlich vordergründig erst einmal ein klassischer Justiz-Krimi. Der junge Rechtsanwalt Caspar Leinen, gespielt von Elyas M’Barek, bekommt eine Pflichtverteidigung aufs Auge gedrückt, dessen Tragweite er erst nach und nach begreift. Der Italiener Fabrizio Collini (Franco Nero) hat in einem Hotelzimmer den Industriellen Jean-Baptiste Meyer erschossen. Was Leinen zu Beginn nicht mitbekommt: Er selbst kennt diesen Meyer sehr gut, war von Kindheit an freundschaftlich mit ihm verbunden, ja, sogar eine Art Vaterersatz war dieser Meyer für ihn. Allerdings kannte er ihn – wie alle in seinem Umfeld – unter dem Namen Hans Meyer. Dennoch nimmt er die Pflichtverteidigung an. Beggars can’t be choosers. Und außerdem wird er als Verteidiger ohnehin immer wieder Leute verteidigen müssen, die ihm nicht zu Gesicht stehen, wie der Rechtsprofessor Dr. Mattinger (Heiner Lauterbach mit Prinz Eisenherz-Gedächtnisfrisur) einwendet, also warum nicht gleich damit beginnen? In weiterer Folge entspinnt sich ein spannendes, in gedämpften Farben gefilmtes Gerichtsdrama, das sich qualitativ vor Hollywood-Produktionen nicht zu verstecken braucht. Schauspielerisch ist zwar noch Luft nach oben (so spielt Elyas M’Barek sympathisch, aber recht eindimensional, Alexandra Maria Lara als Enkelin des Ermordeten ist bemüht, kommt aber gegen eine unrund geschriebene Figur nicht wirklich an, und Heiner Lauterbach ist in der Rolle als zynischer, aalglatter Rechtsgelehrter eine ziemliche Vorgabe – einzig Franco Nero brilliert wirklich) und auch manche Wendungen sind dann doch recht vorhersehbar, aber der Spannungsbogen wird dennoch ständig hochgehalten und etliche übliche Klischeefallen wie etwa potentielle Love Interests vermeidet der Film gekonnt. Die Auflösung ist berührend und nachvollziehbar. Ich sag’s ja seit Jahren: In Deutschland werden wirklich gute Filme gedreht. Man muss nur wissen, welche.


6,5
von 10 Kürbissen

(Foto: Constantin)

Pokémon: Meisterdetektiv Pikachu (2019)

Regie: Rob Letterman
Original-Titel: Pokémon: Detective Pikachu
Erscheinungsjahr: 2019
Genre: Komödie, Fantasy
IMDB-Link: Pokémon: Detective Pikachu


Für Pokémon bin ich einfach ein paar Jahre zu alt. So sind mir zwar Pikachu und das Grundprinzip von Pokémon bekannt, aber eine richtige Bindung konnte ich dazu bislang nie aufbauen. In Sachen Werkstreue der Realverfilmung der beliebten Anime-Serie und Computerspiel-Reihe muss ich mich also auf die Expertise meiner Freundin verlassen. Und nachdem sie mit einem begeisterten Grinsen den Kinosaal verließ, gehe ich davon aus, dass Pokémon-Fans hier voll auf ihre Kosten kommen. Das spricht also schon mal sehr für Rob Lettermans Film. Aber haben auch jene Zuseher, die mit Pokémon bislang nicht oder nur wenig in Berührung gekommen sind, auch Spaß? Ein bisschen kindisch wirken sie ja schon, diese knuffigen Anime-Tierchen mit den großen Knopfaugen. Selbst ein Ryan Reynolds als Pikachus Stimme hält sich hier zurück mit Zoten und macht keinen auf Seth MacFarlanes Ted. „Pokémon: Meisterdetektiv Pikachu“ ist ein Vergnügen auch für Jüngere. Der Film weiß, wen er ansprechen möchte, und er findet auch die richtigen Mittel dazu bzw. den gemeinsamen Nenner zwischen 11jährigen und 31jährigen Pokémon-Fans. Wenig überraschend geht dieses Fan-Pleasing ein wenig zulasten der Story, die die fast schon üblichen Logiklöcher aufweist, die man von einer solchen Produktion erwarten kann – wenn beispielsweise 50 Stockwerke zu Fuß binnen drei Sekunden überwunden werden. Aufs Detail darf man eben nicht schauen. Wenn man solche Grobschnitzereien aber übersehen und Fünf mal gerade sein kann, wird man mit diesem Film überraschend gut unterhalten – auch als Pokémon-Neuling.


6,0
von 10 Kürbissen

Inland (2019)

Regie: Ulli Gladik
Original-Titel: Inland
Erscheinungsjahr: 2019
Genre: Dokumentation
IMDB-Link: Inland


Gitti, Alexander und Christian sind recht leiwande, kommode Leute. Gut möglich, dass man einfach mal zufällig in einem Wirtshaus zusammensitzt und bei einem Bierchen (oder in meinem Fall: einem Achterl Wein) über Gott und die Welt plaudert und sich dabei gut versteht. Vielleicht kommt dann irgendwann die Sprache auf Politik, und da werden sich dann Differenzen zeigen. Ah, ihr habt also die Blauen gewählt? Warum eigentlich? Ulli Gladik hat genau das getan: Sich mit drei FPÖ-Wählern an einen Tisch gesetzt und mit ihnen geredet bzw. sie reden lassen. Immerhin haben wir eine türkis-blaue Regierung, die von einer Mehrheit der österreichischen Wählerinnen und Wählern legitimiert ist. Zu erfahren, was diese Menschen denken – von der Partei, die sie gewählt haben und einige Monate später auch von ihren bisherigen Taten – ist durchaus spannend und gerät dank Gladiks behutsamer und respektvoller Inszenierung nie zur Nabelschau. Was sich dabei zeigt: zu erwartende Widersprüche, wenn beispielsweise Christian zu Beginn der Doku durch den zehnten Wiener Gemeindebezirk spaziert und kopfschüttelnd über einen türkischen Friseurladen meint: „Da wirst als Österreicher eh nie drangenommen“, ehe er am Ende des Films sehr zufrieden über das tolle Preis-Leistungs-Verhältnis seine Haare von einem türkischen Friseur (der noch dazu eh österreichischer Staatsbürger ist) schneiden lässt. Was sich auch zeigt: wie geschickt es die FPÖ versteht, durch das Schüren diffuser Ängste und Sorgen jene für sich zu gewinnen, die letzten Endes durch ihre Politik noch ärmer gemacht werden. Ein Schlüsselsatz fällt, als Ulli Gladik den arbeitslosen Alexander fragt, als sich jener in Widersprüche verwickelt, ob es ihm tatsächlich lieber sei, wenn er ihm selbst schlechter ginge, solange es den Ausländern und Migranten ebenfalls schlechter ginge, als wenn es allen besser ginge. Der überlegt kurz und bestätigt dann, dass er das tatsächlich bevorzugen würde. Hauptsache, den Ausländern gehe es schlechter. So sehr hat sich das Mantra, dass Zuwanderung an allem Übel schuld sei, durch die Propaganda der blauen Partei in die Köpfe dieser Menschen gebrannt. Die Gastwirtin Gitti wiegelt nur ab, als Ulli Gladik versucht, mit Fakten ihren Fehlinformationen entgegenzutreten: Das sei ihr alles zu hoch. Sie könne nur das bewerten, was sie im täglichem Umfeld wahrnehmen würde. Immobilienblasen, Steuererleichterungen für Konzerne, das alles verstehe sie nicht. Die Stärke des Films ist, dass man ihr diese Unwissenheit nicht vorwerfen möchte. Man versteht diese vom Leben desillusionierten Menschen, die am Rande des Existenzminimums leben, auch wenn man ihnen mit der eigenen Meinung diametral gegenübersteht. Und plötzlich wäre es interessant, mal selbst mit einem Christian, einem Alexander, einer Gitti zu reden. Wer weiß, was das auslösen würde? Immerhin heißt es ja: Durchs Reden kommen die Leute zusammen. Und ein bisschen Verständnis für die jeweils andere Position auf beiden Seiten könnte schon dazu führen, künftig konstruktiver miteinander umzugehen und sich nicht nur auf sozialen Medien zu beflegeln.


7,5
von 10 Kürbissen

(Foto: Polyfilm Verleih)

One Day (2018)

Regie: Zsófia Szylágyi
Original-Titel: Egy nap
Erscheinungsjahr: 2018
Genre: Drama
IMDB-Link: Egy nap


Familie ist doch etwas Wunderbares! Was gibt es Schöneres, als den aufmüpfigen Sohn auf den letzten Drücker in die Schule zu bringen, während die hyperaktive Tochter auf dem Rücksitz auszuckt und der Ehemann gerade überlegt, ob er die beste Freundin der Familie pudern soll oder nicht? Herzerfrischend ist das! Wenn dann auch noch der Abfluss kaputt ist, sich die Schwiegermutter mit ungewollten Ratschlägen und noch ungewollteren Taten ins Leben einmischt, die Tochter eine Freundin nach Hause bringt, die einem anderen Kind die Schuhe geklaut hat, da es diese schöner findet als die eigenen, der Sohn fast das Cello-Konzert verdaddelt, das er am nächsten Tag geben soll, und der Herr Gemahl immer noch abwesend ist, weil er vielleicht gerade die hübsche Freundin schnackselt, ist das Glück komplett. Zsófia Szylágyis Drama „One Day“ richtet sich an all jene Menschen, die gerade mit dem Gedanken spielen, eine Familie zu gründen. Ihre Botschaft ist laut und unmissverständlich. Sie lautet: „Tut! Es! NICHT!“ Rette sich, wer kann. Alles, was man euch über Familienglück und die Vervollständigung des eigenen Ichs durch die Weitergabe der eigenen Gen-Sequenz gesagt habt, ist eine glatte Lüge. Familie ist die Hölle. Außer, man ist der Ehegatte, der mit Gedanken einer außerehelichen Begattung schwanger geht, während zuhause das Familienleben sinkt wie die Titanic. Weil der kriegt von den ganzen Tragödien ja nichts mit. Erbaulich ist es nicht, Annas familiärer Katastrophe voyeuristisch beizuwohnen. Aber von Zsófia Szamosi famos gespielt und in der Wirkung wie ein Unfall: Man kann einfach nicht wegschauen.


6,0
von 10 Kürbissen

(Foto: CROSSING EUROPE Filmfestival)

Mein Bruder kann tanzen (2019)

Regie: Felicitas Sonvilla
Original-Titel: Mein Bruder kann tanzen
Erscheinungsjahr: 2019
Genre: Dokumentation
IMDB-Link: Mein Bruder kann tanzen


Felicitas Sonvilla hat einen Bruder, der angeblich ganz gut tanzen kann. Und der Musik macht. Der in einer anderen Stadt lebt als sie selbst, in Wien nämlich. Und mit dem sie sich nicht gut versteht. Und weil das irgendwie oasch ist (auf gut Wienerisch), wenn sich Geschwister voneinander entfremdet haben, bricht sie mit ihrem Bruder Silvius, dessen Freundin und einer Kamerafrau in einem winzigen Auto, das so kaputt ist, dass man nur durch die Fenster einsteigen kann, von Wien aus Richtung Helsinki auf. Denn dort sind die beiden Geschwister einige Jahre lang aufgewachsen, dort verbinden sie gemeinsame Erinnerungen. Diese Versuchsanordnung, einen Film über die eigene Geschwisterbeziehung und sich selbst zu drehen, kann natürlich sehr leicht zu einer narzisstischen Nabelschau verkommen. Dieses Problem ist Felicitas Sonvilla natürlich bekannt, und sie adressiert es auch direkt zu Beginn ihrer Dokumentation. Was in diesem Film dann passiert, ist Folgendes: Er gerät zeitweise zu einer narzisstischen Nabelschau. Felicitas Sonvilla erzählt von einem Konflikt, den man als solchen von außen nicht erkennen kann. Auch dessen ist sie sich bewusst. Am Ende steht ein selbstironisches Fazit: „Vielleicht haben wir auch gar kein Problem, sondern sind einfach nur zwei Idioten“. So weit würde ich in meiner Bewertung nicht gehen, denn allein schon das Bewusstsein dessen, dass man hier vielleicht im Trüben fischt und einen Film über ein Nicht-Problem dreht, das man zu einem Konflikt hochstilisiert, bringt Sympathiewerte ein. Auch kann man in diesem Film durchaus etwas über übliche Geschwisterbeziehungen und ihre Auf und Abs erfahren. Im anschließenden Q&A erzählte die Regisseurin davon, dass sich durch diese Reise und den Film darüber die Beziehung zu ihrem Bruder tatsächlich gebessert hat. Allerdings werde ich trotz allem den Verdacht nicht los, dass der Film selbst aus neutraler Sicht und abseits therapeutischer Effekte eigentlich überflüssig ist. Und dafür gibt es dann am Ende doch nur 4 Punkte. Und einen halben Punkt noch als Bonus dazu für den vielleicht originellsten Filmtitel unter den von mir 21 am Crossing Europe Filmfestival gesichteten Filmen.


4,5
von 10 Kürbissen

(Foto: CROSSING EUROPE Filmfestival)

Transnistra (2019)

Regie: Anna Eborn
Original-Titel: Transnistra
Erscheinungsjahr: 2019
Genre: Dokumentation
IMDB-Link: Transnistra


Transnistrien ist eine sehr stark russisch geprägte Region in Moldawien, die auf eine sehr wechselhafte und problembehaftete Geschichte zurückblickt Anfang der 90er Jahre kam es im Zuge des Unabhängigkeitsstrebens von Transnistrien zu einem kriegerischen Konflikt zwischen der Region und dem Staat Moldawien. Etwa 500 Menschen starben damals. Und so richtig leiwand haben es die Leute auch heute nicht. Das alles wäre zwar spannend für eine filmische Aufarbeitung, aber daran ist Regisseurin Anna Eborn nicht interessiert. Vielmehr geht es ihr um eine Gruppe von Jugendlichen und ihren Träumen von einem besseren Leben. Im Mittelpunkt stehen dabei Tanja und Tolya. Tanja weiß nicht so recht, was sie will – so hüpft sie von einem Typen zum nächsten – und doch ist es sie, die am Ende die konkreteste Veränderung durchmacht. Tolya wirkt einfältig und ebenso ziellos, aber mit dem Herz am rechten Fleck. Diese Ziellosigkeit, die man anfangs an ihm wahrnimmt, entpuppt sich aber im Laufe der Erzählung als Desillusionierung. Die wohl größte Stärke des Films ist es, dass er das alles nicht plakativ aufrollt, sondern sich diese Aspekte erst nach und nach in den Gesprächen der Jugendlichen untereinander entfalten. Anna Eborn zeigt hauptsächlich die Freundschaften, wie sie sich entwickeln und verändern, wie man die Zeit miteinander totschlägt, wie neue Allianzen geschmiedet werden und alte Freundschaften in die Brüche gehen – das normale Leben von Jugendlichen eben. Über diesen Zugang findet sie schließlich zum Blick auf die Zukunft dieser jungen Menschen und damit den Kern ihres FIlms – und der ist wahrlich nicht rosig. Trotzdem ist „Transnistra“ kein Feel-Bad-Movie, sondern hauptsächlich ein intimes Porträt von Freundschaften in prekären Verhältnissen. Allerdings tröpfelt die Erzählung manchmal etwas zu langatmig vor sich her. Und gerade die komplette Auslassung der wirtschaftlichen, sozialen, politischen und vor allem geschichtlichen Hintergründe zu der Region, in der der Film spielt, lassen den Zuseher nur schwer ins Geschehen finden und erschweren das Verständnis. Wer etwas über Transnistrien wissen möchte, um eine Vorstellung davon zu bekommen, warum diese Jugendlichen so desillusioniert auf ihre Zukunft blicken, muss anschließend Google und Wikipedia bemühen – so wie ich.


6,5
von 10 Kürbissen

(Foto: CROSSING EUROPE Filmfestival)