2018

Murder Me, Monster (2018)

Regie: Alejandro Fadel
Original-Titel: Muere, Monstruo, Muere
Erscheinungsjahr: 2018
Genre: Horror, Drama
IMDB-Link: Muere, Monstruo, Muere


Bei manchen Filmen hat man das Gefühl, dass der Regisseur selbst nicht wusste, was er eigentlich erzählen und ausdrücken wollte. „Muere, Monstruo, Muere“ von Alejandro Fadel ist so ein Film. Denn auch wenn wir uns im Topos des Horrorfilms befinden, der bekanntlich ja seinen eigenen Gesetzen der Logik (oder Unlogik) folgt, so schaffen es dennoch die meisten Filme, zumindest in sich selbst geschlossen zu bleiben. „Muere, Monstruo, Muere“ ist hingegen vollgepackt mit Szenen und Bildern, die nicht mal innerhalb des Films selbst Sinn machen. Erzählt wird die Geschichte einer grässlichen Mordserie in einem abgelegenen Dorf in den Anden. Die weiblichen Opfer werden enthauptet vorgefunden mit seltsamen Bissspuren im Kopf und Hals und zähflüssigem, grünem Schleim in den Wunden. Verdächtigt wird schon bald der verrückte David, der von Stimmen in seinem Kopf berichtet, die ihm sagen: „Muere, Monstrue, Muere!“ Der eigenbrötlerische Polizist Cruz, eben noch im Bett mit Davids Frau Francisca, ermittelt in dieser Sache und beginnt bald, David Glauben zu schenken. Und so entfaltet sich ein sehr langsames, stimmungsvolles Horrordrama. Das Problem daran ist eben, dass der Film mit allerlei pseudophilosophischem Quatsch durchzogen ist und damit eine Bedeutungsschwere suggerieren möchte, die man inhaltlich einfach nicht wiederfindet. Immerhin ist der Film wunderschön gefilmt und optisch gut anzusehen. Handwerklich kann man den Machern kaum etwas vorwerfen. Auch ist die Monsterjagd durchaus interessant und atmosphärisch dicht ausgestaltet. Aber in der Summe seiner Teile funktioniert der Film nicht so recht, weil er eben mehr sein möchte, als er tatsächlich ist. Es geht mir hier so ein bisschen wie dem Kind in „Des Kaisers neue Kleider“, das fassungslos auf den stolz schreitenden Kaiser (Film) starrt und ausruft: „Aber er ist doch nackt!“


5,0
von 10 Kürbissen

(Foto: Viennale)

Cassandro the Exotico! (2018)

Regie: Marie Losier
Original-Titel: Cassandro the Exotico!
Erscheinungsjahr: 2018
Genre: Dokumentation
IMDB-Link: Cassandro the Exotico!


Lucha Libre ist die mexikanische Form des Wrestlings, und Cassandro ist einer der großen Stars dieses Show-Ringens. Das Besondere an ihm: Er ist bekennend schwul, wirft sich für seine Kämpfe in Glitter und Make-Up und mischt als Exotico die maskierten Muskelprotze auf. Cassandro ist auch ein großer Entertainer, der sich zu inszenieren weiß. Das merkt man auch jeder Minute von Marie Losiers Porträt an. Gleichzeitig werden auch die Verletzungen sichtbar, und zwar nicht nur die äußerlichen, die in Narben kumulieren. Sondern auch der Kampf gegen die inneren Dämonen und jener um Akzeptanz. Wenn Cassandro beispielsweise begeistert erzählt, welch großartiges Verhältnis er jetzt zu seinem Vater hat, nachdem sie jahrelang nicht miteinander gesprochen haben, schwingt im Hintergrund durchaus diese lange Zeit der Ablehnung und familiären Einsamkeit mit. Cassandro gehört zu jenen Menschen, die solche Niederschläge mit einem Lachen und einem Scherz wegzuwischen versuchen. Er ist ein unglaublich charismatischer Typ, der auch viel zu erzählen hat, und dessen positive Art das Negative in seinem Leben überstrahlt. Man könnte ihm stundenlang zuhören. Und allein das macht aus „Cassandro the Exotico!“ einen wirklich sehenswerten Film. Allerdings hat der Film auch drei Probleme, die nicht von der Hand zu weisen sind. Das erste Problem ist die Kamera bzw. das Bild. Gefilmt wurde auf körnigen 16mm. Das Bild ist manchmal zerkratzt, hat einen argen Rotstich, mal werden die Bilder beschleunigt – all das führt zu fiebrigen Aufnahmen, die Cassandros innere Rastlosigkeit sichtbar machen. Das ist durchaus gut gemacht. Allerdings wirkt das Bild oft so, als hätte man die Kamera auf dem Kopf eines Wackeldackels montiert. Da dürfte der eine oder andere Zuseher seekrank werden. Das zweite Problem ist, dass der interessante Werdegang von Cassandro, wie er als schwuler Luchador zu Ruhm und Anerkennung kam, nicht näher beleuchtet wird. Weder Cassandro noch Marie Losier interessieren sich sonderlich dafür. So ist das Porträt nur eine Momentaufnahme, viele Fragen zu Cassandro bleiben offen. Das dritte Problem ist schließlich Cassandro selbst. Wie gesagt, er ist ein Entertainer, und er weiß auch, dass er performen muss vor der Kamera. Und so lässt sich im Grunde nichts dazu sagen, ob der Film die reale Person hinter der Figur porträtieren kann. Denn Cassandro selbst kontrolliert das Geschehen. Und er zeigt sich natürlich so, wie er gern gesehen werden möchte. Aber das macht immerhin Spaß, ist unterhaltsam, und er selbst ist eben ein leiwander Typ.


6,0
von 10 Kürbissen

(Foto: Viennale)

Die feurigen Schwestern (2018)

Regie: Albertina Carri
Original-Titel: Las Hijas del Fuego
Erscheinungsjahr: 2018
Genre: Erotik
IMDB-Link: Las Hijas del Fuego


23 Uhr, Stadtkino im Künstlerhaus. Ein voller Saal. Distinguierte Herren und Damen, Studentinnen und Studenten, ein Filmkürbis – sie alle haben sich hier versammelt, um der Vorstellung des, wenn man dem Vorschautext Glauben schenken darf, gewagten argentinischen Films „Las Hijas del Fuego“ beizuwohnen. 1 Uhr, Stadtkino im Künstlerhaus. Der Saal leert sich. Distinguierte Herren und Damen, Studentinnen und Studenten, ein Filmkürbis – alle bemühen sich um möglichst souveräne und nachdenkliche Gesichtszüge, aus denen man nach Möglichkeit ablesen kann, dass man gerade einem irrsinnig tiefsinnigen kulturellen Event beigewohnt hat und nicht einem feministischem Lesbenporno mit allen Spielarten, die man sich nur vorstellen kann. Was wir allerdings allesamt gesehen haben: Einen feministischen Lesbenporno mit allen Spielarten, die man sich nur vorstellen kann. Gruppensex, Strap-Ons, Squirting, Masturbation, ausgiebige orale und händische Verwöhnungen, Masken, Gerten, Fesseln, Ketten, Roleplays, und das Ganze zu zweit, zu dritt, zu sechst, übereinander, untereinander, nebeneinander – irgendwann hat man echt alles gesehen. Und genau darin liegt das Problem. Es wird mit Fortdauer des Films einfach fad. Originalitätspunkte gibt’s immerhin für eine heiße Gruppensexszene auf einem Kirchenaltar, aber ansonsten ertappt man sich immer öfter beim Gähnen, wenn die nächste Sexszene eingeläutet wird. Ja, ich erkenne das Gegenstück zum gängigen Erotikfilm, der ja traditionell von einem durchwegs männlichen Blick dominiert ist. Männer sind hier in diesem Film fehl am Platz – sie kriegen höchstens was auf die Schnauze. Und das ist eh fein, wenn sich die Frauen mal selbst um die Erfüllung ihres Glücks kümmern können. Da bin ich der Letzte, der irgendwas dagegen sagen würde. Aber ein kohärenter Film mit Handlung, der nicht so offensichtlich nur auf den Tabubruch aus ist (der eben durch die permanente Wiederholung öde wird) und auf nichts sonst, wäre irgendwie, sagen wir: befriedigender gewesen. Filmisch war das einfach gar nichts. Demnächst im Erotikfachhandel Ihres Vertrauens: „Die feurigen Schwestern 2 – Jetzt wird’s richtig heiß“.


2,0
von 10 Kürbissen

(Foto: Viennale)

Diamantino (2018)

Regie: Gabriel Abrantes und Daniel Schmidt
Original-Titel: Diamantino
Erscheinungsjahr: 2018
Genre: Komödie, Satire
IMDB-Link: Diamantino


Der Diamantino ist ein hochprozentiger Cocktail auf Basis eines nicht unbekannten Fußballspielers. Dieser Drink stammt aus Portugal und vereint nur die besten Ingredienzen. Man benötigt für die Zubereitung eines guten Diamantino folgende Zutaten: Vier Tonnen Haargel. Eine Yacht. Wütende Zwillingsschwestern. Ein lesbisches Liebespaar. Eine gewissenlose Ministerin im Rollstuhl. Drohnen. Brüste. Bedruckte Bettwäsche. Ein süßes Katzenbaby. Internet-Memes. Schokowaffeln mit Schlag. Absurde Werbespots. Illegale Konten in Panama. Einen perfiden Plan portugiesischer Nationalisten. Einen Säbel. Einen Motorroller. Ein Boot voller Flüchtlinge. Ein Labyrinth mit Schwein. Keinerlei Respekt vor irgendwas. Völlig absurden Humor. Und viele flauschige Pekinesen. Das mixe man wild durcheinander. Und füge sicherheitshalber noch eine zusätzliche Tonne flauschiger Pekinesen hinzu. Einmal gut geschüttelt – und der Diamantino aus Portugal ist genussfertig. Nicht alle Ideen dieser wunderbar bösen und völlig überdrehten Satire gehen auf, aber dafür bietet der Film so viel abstruse Momente, dass der nächste WTF-Moment nur eine Szene entfernt liegt. Wer etwas mehr über die Story wissen möchte: Diamantino, ein Fußball-Superstar aus Portugal, ist ein bisschen gar einfältig, aber dafür mit dem Talent in seinen Füßen gesegnet. Doch als er den entscheidenden Elfmeter im WM-Finale vergibt, nachdem er dank seines Vaters am Tag davor, als er auf seiner Yacht Kraft für das Endspiel gesammelt hat, noch Flüchtlinge aus einem Schlauchboot gerettet hat, hängt er seine Karriere an den Nagel, um stattdessen Vater eines Flüchtlingskindes zu werden. Er hat zwar keinen Plan, aber ein großes Herz. Blöd nur, dass er erstens im Visier zweier Geheimdienst-Ermittlerinnen steht, die Steuerhinterziehung im großen Stile vermuten, und zweitens von Ultranationalen für deren EU-Austritts-Propaganda missbraucht wird. Und auf welche Weise sich dieser Irrsinn entfaltet und immer noch irrsinniger wird, das muss man selbst gesehen haben. Ein Film, der zugleich grenzgenial wie grenzdebil ist. Sämtliche Ähnlichkeiten mit real lebenden Persönlichkeiten sind natürlich rein zufällig.


7,0
von 10 Kürbissen

(Foto: Viennale)

Angelo (2018)

Regie: Markus Schleinzer
Original-Titel: Angelo
Erscheinungsjahr: 2018
Genre: Drama, Historienfilm, Biopic
IMDB-Link: Angelo


Dass Markus Schleinzer keine Sissi-Romantik auf die Leinwand bringen würde, wenn er sich der historischen Figur des Angelo Soliman annähert, dem „Hofmohren“ des Kaisers, war zu erwarten. Und auch, dass der Film eher unbequem fürs Publikum werden würde. Dass diese Unbequemlichkeit allerdings mehr der wirren Struktur und einer Zähigkeit im Mittelteil, der viel Geduld und Sitzfleisch erfordert, geschuldet ist, kommt dann aber doch eher überraschend. Dies liegt auch daran, dass der Film zu Beginn Möglichkeiten andeutet, die er später nicht oder nur inkonsequent weiterverfolgt. Denn in der zweiten Szene des Films finden wir uns plötzlich in einer kahlen Fabrikhalle wieder, wo die gerade aus Afrika eingeschifften Jungs medizinisch untersucht werden, sodass eine edle Comtesse eines dieser eingeschüchterten Kinder quasi als „Sozialprojekt“ bei sich aufnehmen kann. Da steckt viel Zunder drinnen, wenn die Figuren in historischer Gewandung vom Neonlicht grell ausgeleuchtet werden. Doch genau das, was vielleicht anfangs irritiert, aber doch auch interessiert, wird danach kaum mehr weiterverfolgt. Statt eine konsequente Verbindung von Vergangenheit und Gegenwart herzustellen und dem Film eine klare Botschaft dahingehend mitzugeben, wie wir das uns Fremde immer noch als Kuriosum wahrnehmen, verliert sich Schleinzer im Laufe des Films dann doch wieder in bedrückenden historischen Sets. Auch kommt die Struktur und Dramaturgie des Films dem Zuseher nicht unbedingt entgegen. Aufgebaut in drei Akten (Kindheit, das junge Erwachsenenalter, die späten Jahre mit dem bitteren Ende nach dem Tod) wirft der Film nur vereinzelte Schlaglichter auf Angelos Leben. Mit Ausnahme des von Lukas Miko großartig gespielten Kaisers Joseph II. gelingt es kaum, eine Beziehung zu einer Figur aufzubauen. Apropos Lukas Miko: Der legt gerade einen rasanten Aufstieg hin, und damit meine ich nicht nur den vom Junkie in Die Beste aller Welten über einen Adelsmann in Licht bis zum Kaiser des Heiligen Römischen Reiches. Durch seine Präsenz als an sich selbst zweifelnder Kaiser gelingen dann doch einige intensive Szenen im ansonsten leider ziemlich wirren Mittelteil. Der Schluss hingegen ist gelungen und bietet ein starkes Bild, das noch länger durch die Gedanken kreist. Als Fazit bleibt am Ende jedoch eine gewisse Ernüchterung übrig. Ein starkes Thema mit vielen spannenden Möglichkeiten wurde leider unnötig sperrig umgesetzt und braucht dafür schon ein hart gesottenes Publikum, das auch längere dramaturgische Durststrecken durchzustehen vermag.

(Dieser Film ist als Reiseetappe # 56 Teil meiner Filmreisechallenge 2018. Mehr darüber hier.)


5,5
von 10 Kürbissen

(Foto: Filmladen)

Galileo’s Thermometer (2018)

Regie: Teresa Villaverde
Original-Titel: O Termómetro de Galileu
Erscheinungsjahr: 2018
Genre: Dokumentation
IMDB-Link: O Termómetro de Galileu


Sie leiden an Schlafstörungen? Das Gefühl kommt Ihnen bekannt vor: Sie liegen spätabends im Bett, möchten rasch einschlafen, denn am nächsten Morgen müssen Sie früh aufstehen, doch Sie kriegen kein Auge zu? Für dieses Problem gibt es nun die Lösung: Villaverde Forte! Von prämierten Filmschaffenden entwickelt, von Cineasten getestet – eine geringe Dosis reicht bereits aus, um Sie in Morpheus‘ Arme sinken zu lassen! Testen Sie jetzt – mit Geld-Zurück-Garantie! Wir versprechen Ihnen: Wenn Sie nicht binnen fünfzehn Minuten nach Einnahme von Villaverde Forte sanft einschlummern, zahlen wir Ihnen die Kosten für das Kinoticket zurück! Kein Risiko! Endlich mal wieder durchschlafen. Villaverde Forte! Jetzt in Ihren Kinos oder Apotheken.

Um dem Ganzen vielleicht doch noch einen etwas seriöseren Anstrich zu geben: Teresa Villaverdes Dokumentarfilm „Galileo’s Thermometer“ behandelt einen Besuch der Filmschaffenden bei ihrem Freund, dem Regisseur Tonino De Bernardi, und dessen Frau. Die Kamera lässt sie dabei immer laufen, auch wenn sie gerade mal nur auf den Pullover von De Benardi gerichtet ist. In grobkörnigen und größtenteils verwackelten Bildern werden hier Alltagssituationen eingefangen, Gespräche, Bewegungen, mal wird auch nur der Bildschirm abgefilmt, auf dem ein Film läuft, den sich De Bernardi und seine Frau ansehen. Grundsätzlich kann so etwas ja auch interessant sein, wenn nämlich das Ungewöhnliche und Tiefsinnige im Alltäglichen sichtbar gemacht werden kann. Und in vereinzelten Momenten, wenn sich beispielsweise De Bernardi (der im Übrigen tatsächlich eine interessante und tiefsinnige Persönlichkeit zu sein scheint) in einem intensiven Monolog an den Selbstmord seines Großvaters erinnert, gelingt dies auch. Doch das ist leider viel zu selten der Fall. Und so ist der Film eine unglaublich zähe und größtenteils banale Anhäufung von Alltagsmomenten, die noch dazu durch die verwackelte Kamera noch mühsamer anzusehen sind als sie dies ohnehin wären. Es geht um Erinnerungen, um das, was von uns bleibt, was wir vielleicht auch künftigen Generationen weitergeben können – doch leider ist das filmisch gar allzu schwach umgesetzt. Wenn man bei der ersten Vorstellung des Tages zu Mittag mehrmals Gefahr läuft, einzunicken, dann spricht dies nicht unbedingt für den Film. Und so hat nach dem grandiosen Viennale-Auftakt „Lazzaro Felice“ der zweite Film leider das Feld in die andere Richtung hin abgesteckt.


3,0
von 10 Kürbissen

(Foto: Viennale)

Glücklich wie Lazzaro (2018)

Regie: Alice Rohrwacher
Original-Titel: Lazzaro Felice
Erscheinungsjahr: 2018
Genre: Drama, Fantasy
IMDB-Link: Lazzaro Felice


Viennale-Auftakt. 25. Oktober. 23 Uhr. Im Foyer des Gartenbaukinos steigt die Temperatur auf eine Höhe, bei der man zu bedauern beginnt, keine Marshmallows dabei zu haben – man hätte sie einfach in die Luft halten können, um sie zu rösten. Die obligatorischen Dragee-Keksi haben sich ohnehin bereits zu Schokofondue verflüssigt. Aber spätestens nach den ersten Szenen von Alice Rohrwachers „Lazzaro Felice“ im dann wieder wohltemperierten Kinosaal hat man auch schon wieder vergessen, kurz zuvor noch mit 700 Gleichgesinnten in einem Backofen zusammengepfercht gewesen zu sein. Denn Rohrwacher ist mit diesem Film ein kleines Wunder gelungen: Eine magische Verbindung von Herz, Verstand und Seele und dabei gleichzeitig ein beißender Kommentar auf den Kapitalismus – dieser allerdings hübsch eingebettet und subtil im Hintergrund. Lazzaro (wunderbar verkörpert und beseelt von Adriano Tardiolo) wirkt einfältig, aber mit sich völlig im Reinen. Im abgeschiedenen Dorf in den Bergen muss er für alle anstrengenden Arbeiten herhalten der Dorfbewohner, die wiederum, ohne es zu ahnen, von der despotischen Marquise ausgebeutet werden – eine Tabak-Industrielle, die das Dorf im Glauben lässt, es gäbe noch Leibeigenschaft. Lazzaro freundet sich währenddessen mit Tancredi, dem Sohn der Marquise an, einem kränklichen Rebellen, der lieber für sich allein ist. Eines Tages fliegt der ganze Schwindel auf. Und als Lazzaro zurück ins Dorf kommt, findet er dieses leer vor. Mehr möchte ich an dieser Stelle nicht verraten, denn jedes Wort mehr könnte dem Film etwas von seiner Magie nehmen. „Lazzaro Felice“ ist jedenfalls ein wundersames, gefühlvoll und sensibel inszeniertes Märchen, das die menschlichen Abgründe nicht ausblendet, sondern im Gegenteil klar ausleuchtet – das allerdings in einem warmem Licht, das Hoffnung gibt. Ein starker Auftakt in das diesjährige Filmfestival und ab November auch regulär in den heimischen Kinos zu bewundern.


8,5
von 10 Kürbissen

(Foto: Viennale)

Werk ohne Autor (2018)

Regie: Florian Henckel von Donnersmarck
Original-Titel: Werk ohne Autor
Erscheinungsjahr: 2018
Genre: Drama, Historienfilm
IMDB-Link: Werk ohne Autor


Florian Henckel von Donnersmarck. Wer mit so einem Namen allein schon eine Viertelstunde für seine Unterschrift braucht, von dem kann man auch nicht erwarten, dass er kurze Filme dreht. So nimmt sich sein „Werk ohne Autor“, das sehr lose auf der Biographie des deutschen Malers Gerhard Richter basiert, auch über drei Stunden Zeit. Das ist also mal wieder einer jener Filme, bei denen sich langjähriges Beckenbodentraining bezahlt macht. Oder aber man verzichtet auf die Flüssigkeitszufuhr davor. Wie auch immer man diese drei Stunden durchstehen will: Gute Vorbereitung ist alles! Was man dann in dieser Zeitspanne serviert bekommt, ist eine Kost, die in Kritikerkreisen bislang nicht jeden Geschmack getroffen hat. Henckel von Donnersmarck verstünde nicht, was er da erzählen wolle, er kenne sich nicht aus in der Kunstszene – so beispielsweise ein Vorwurf. Auch die Montage, als in den letzten Tagen des Zweiten Weltkrieges zeitgleich die Tode zweier Soldaten auf dem Schlachtfeld, die Vergasung der als wahnsinnig eingestuften Tante von Kurt (das filmische Alter Ego von Richter) und die Bombardierung von Dresden gezeigt wird, stieß auf Unverständnis. Durch die Gleichsetzung der Tode in Dresden und der Ermordung der Tante würde Henckel von Donnersmarck einen deutschen Opfermythos beschwören. Na ja. Dazu müsste man konsequenterweise aber auch annehmen, dass das durchschnittliche Kinopublikum dumm wie Brot ist und diese Szenen nicht differenzieren kann. Ich erlaube mir jedoch, für mich selbst einen IQ anzunehmen, der zumindest auf dem Niveau von Gemüse angesiedelt ist und damit deutlich über dem von Brot. Der Name dieses Blogs kommt ja nicht von Ungefähr. Jedenfalls kann man sich das Leben selbst allzu schwer machen. Ich jedoch habe es mir leichter gemacht und den Film als interessante und trotz der langen Länge unterhaltsame Künstlerbiographie und Suche nach sich selbst wahrgenommen, die trotz der klaren Einordnung in ihr politisches Umfeld (und der mit der Zeit einhergehenden schicksalshaften Verstrickungen) einen sehr intimen privaten Fokus auf den Maler beibehält, der von Tom Schilling mit großer Sensibilität verkörpert wird. Schade ist nur, dass gerade in der zweiten Hälfte des Films die von Paula Beer gespielte Freundin, dann Ehefrau Elli immer mehr zur Hintergrundfigur verkümmert, und das, obwohl sie eine tolle Einführung in die Geschichte erfahren hat und dank Beers leidenschaftlichem Spiel großes Potential gehabt hätte.


7,0
von 10 Kürbissen

Bad Times at the El Royale (2018)

Regie: Drew Goddard
Original-Titel: Bad Times at the El Royale
Erscheinungsjahr: 2018
Genre: Thriller
IMDB-Link: Bad Times at the El Royale


Ein fast leeres Hotel an der Grenze zwischen Kalifornien und Nevada, das schon bessere Zeiten gesehen hat. Sieben Fremde in diesem Hotel, die allesamt ein doppeltes Spiel zu treiben scheinen. Ein paar Waffen. Ein paar Geheimnisse. Ein groß aufspielender Cast (Jeff Bridges, Cynthia Erivo, Dakota Johnson, Jon Hamm, Lewis Pullman, Cailee Spaeny, Chris Hemsworth). Einige Drinks. Regen. Eine Story, die zehn Jahre in die Vergangenheit zurückreicht. Und schwarzer Humor. Und schon brechen schlechte Zeiten im altehrwürdigen El Royale Hotel an. „Bad Times at the El Royale“ von Drew Goddard ist ein raffiniertes und wahnsinnig unterhaltsames Kammerspiel. Die Faszination leer stehender Hotels haben ja schon Stephen King respektive Stanley Kubrick begriffen und diese Kulisse genial genutzt. Hier bieten sich Räume, innerhalb derer sich die Geschichte entfalten kann – im doppelten Sinne. Zum Einen nimmt sich der Film tatsächlich Zeit für seine Charaktere, die er geschickt ineinander verschränkt. Zum Anderen öffnen sich im weitläufigen Hotel tatsächlich Türen zu Räumen, die man so nicht erwartet hätte. In der Dramaturgie weicht Goddard, der auch für das Script verantwortlich zeichnet, von den üblichen Pfaden ab. Die Geschichte wird in Kapiteln erzählt, die jeweils eine Figur ins Zentrum der Erzählung rücken. Dabei werden dann Vorgänge gerne auch mal doppelt geschildert – eben aus unterschiedlicher Perspektive. So eine Verschränkung kann auch mal ermüdend wirken. Nicht aber hier, denn Goddard behält die Fäden fest in der Hand. Und kann auf seine Darstellerinnen und Darsteller vertrauen, die in ihren Rollen Glanzleistungen abliefern, allen voran Jeff Bridges, der viele Facetten zeigen darf. Ein paar Abzüge kann man dem Film geben für seine letztendlich dann doch recht simple Geschichte, deren raffinierte Erzählweise ein wenig darüber hinwegtäuscht, dass der Plot selbst nicht sonderlich originell ist. Insgesamt aber ein sehr sehenswertes und höchst vergnügliches Werk für all jene, die es schätzen, wenn sich eine Geschichte Zeit nimmt, um sich zu entfalten.


7,5
von 10 Kürbissen

The Sisters Brothers (2018)

Regie: Jacques Audiard
Original-Titel: The Sisters Brothers
Erscheinungsjahr: 2018
Genre: Western
IMDB-Link: The Sisters Brothers


Es gibt kaum ein anderes Genre, das in der Dramaturgie und der Figurengestaltung so klar abgesteckt ist wie der Western. Wilde, freie, schießwütige  Männer mit Hüten, die die weite Wildnis durchstreifen – und am Ende liegen die meisten von ihnen blutend im Staub. Der Western ist so ein bisschen das McDonald’s-Essen unter den Filmgenres. Ganz gleich, wo man gerade is(s)t – man weiß, was man bekommt. Umso spannender sind dann jene Western, die diese Erwartungshaltung kennen – und sie dann unterlaufen. „The Sisters Brothers“, die erste englischsprachige Arbeit von Jacques Audiard, gehört zu diesen. Denn vordergründig ist erst einmal alles wie gewohnt: Die Brüder und Outlaws Charlie und Eli Sisters (grandios gespielt von Joaquin Phoenix und John C. Reilly, dem emotionalen Herzstück des Films) jagen im Auftrag des mysteriösen „Commodore“ einen Mann mit dem schönen Namen Hermann Kermit Warm (Riz Ahmed). Dieser reist in Gesellschaft des eloquenten Reiseschriftstellers John Morris (Jake Gyllenhaal mit einer weiteren sehr gelungenen Leistung), nichts ahnend, dass jener Morris mit den Sisters Brothers zusammenarbeitet und Warm an sie ausliefern soll. Warm selbst ist auf dem Weg in den Westen. Es ist die Zeit des kalifornischen Goldrausches. Und er selbst gibt an, eine Formel entwickelt zu haben, die das Goldschürfen deutlich vereinfachen soll. So weit, so klassisch. Der Film folgt auch lange konventionellen Genremustern, die er überzeugend und originell inszeniert – seien es die Schießerei in der Nacht, das Campieren mit Bären, die langen Ritte durch die endlose Landschaft. Das alles ist zum Einen mit sehr schönen Bildern eingefangen, gleichzeitig aber auch auf eine interessante Weise bagatellisiert – wenn nämlich von der Schießerei beispielsweise nur gelegentlich aufblitzendes Mündungsfeuer zu sehen ist oder der Bär am Morgen tot im Camp liegt und man nicht gesehen hat, wie es dazu kam. Hier unterläuft Audiard schon einmal die Erwartungshaltungen des Zusehers, ohne aber wirklich aus dem Genre auszubrechen. Auch die grandiose Musik von Alexandre Desplat schlägt in diese Kerbe – sie deutet das Westerngenre an, interpretiert es aber deutlich moderner, als man das üblicherweise von diesen Genrefilmen kennt. Trotzdem: Bis zur letzten Viertelstunde ist „The Sisters Brothers“ ein gut gemachter, origineller, aber genre-typischer Western. Dann kommt das Ende. Und plötzlich begreift man, wohin der Film mit all seinen kleinen, fast unmerklichen Abweichungen vom Üblichen hin wollte. Und das überrascht und berührt – und ist gleichzeitig wahnsinnig konsequent. Nur dass Western bislang kaum so gedacht wurde.


8,0
von 10 Kürbissen

(Foto: Polyfilm)