2018

Schwein (2018)

Regie: Mani Haghighi
Original-Titel: Khook
Erscheinungsjahr: 2018
Genre: Komödie, Satire
IMDB-Link: Khook


Hasan Kasmai ist der größte Filmemacher Irans. Nur blöd, dass er aktuell Berufsverbot hat, da dem iranischen Staat seine Arbeit nicht zusagt. Noch blöder, dass deshalb die von ihm angebetete Schauspielerin Shiva Mohajer mit Hasans größtem Konkurrenten zu arbeiten beginnt. Doch am allerblödesten ist, dass ein Serienkiller sein Unwesen treibt und nach und nach die Filmschaffenden Irans enthauptet (mit dem Wort „Schwein“ in die Stirn geritzt). Nicht nur, dass Hasan so einige Freunde und Kollegen verliert, nein, wie kann sich der Killer erdreisten, ausgerechnet ihn, den größten von allen, zu verschonen? So etwas kratzt am Ego. Da muss dann auch mal die Mama tröstend einspringen, den armen Jungen in die Arme nehmen und ihm versichern, dass der Mörder auch noch zu ihm kommen werde, denn er würde sich nur den Besten für den Schluss aufheben. Damit ist die Grundtonalität von Mani Haghighis grotesker Satire „Schwein“ schon mal festgelegt. Hier geht es um verletzte (männliche) Eitelkeiten, die bis zum Wahnwitz ausgelotet werden. Und das ist saukomisch anzusehen. „Schwein“ verfügt über eine ganze Fülle an denkwürdigen Szenen, die bis zum Gehtnichtmehr gesteigert werden, bis sie sich über die Lachmuskeln fest einbrennen beim Publikum. Gleichzeitig ist der Witz in „Schwein“ höchst subversiv. Man merkt dem Film an, dass es Haghighi nicht einfach um ein paar laute Lacher ging, sondern um ein Statement zu Zensur, Moral, Eitelkeiten und eben dem Männlichkeitsbewusstsein im Iran. Am Ende müssen die Frauen den Tag retten – aber bitteschön öffentlichkeitswirksam auf Instagram! Eine bitterböse, manchmal etwas überdrehte Satire, die zwar durch und durch iranisch ist, aber auch bei uns sehr gut funktioniert.

(Dieser Film ist als Reiseetappe # 5 Teil meiner Filmreisechallenge 2018. Mehr darüber hier.)


7,5
von 10 Kürbissen

Draußen (2018)

Regie: Johanna Sunder-Plassmann und Tama Tobias-Macht
Original-Titel: Draußen
Erscheinungsjahr: 2018
Genre: Dokumentation
IMDB-Link: Draußen


„Denn die einen sind im Dunkeln / Und die andern sind im Licht.  / Und man sieht nur die im Lichte / Die im Dunkeln sieht man nicht.“ Diese Zeilen aus der Dreigroschenoper von Bertolt Brecht könnten als Motto vor dem Dokumentarfilm „Draußen“ von Johanna Sunder-Plassmann und Tama Tobias-Macht stehen. Es geht um vier Obdachlose in Köln: Elvis ist darum bemüht, Ordnung unter der Brücke zu halten. Sergio, der Film-Fan aus Kasachstan, war mehr im Gefängnis als auf freiem Fuß und ist drogenabhängig, hat aber seinen Humor nicht verloren. Matze, ein alter Punk, schämt sich vor seinen Kindern. Und Peter, genannt Filzlaus, war schon überall. Er schläft in Parks und neben den Straßen im Gestrüpp. Eines der stärksten Statements im Film kommt von ihm, als er gefragt wird, ob er denn Angst davor hätte, im Wald zu schlafen. Nein, antwortet er. Er habe keine Angst im Wald. Es sei eher so, dass er derjenige sei, vor dem man Angst haben würde, wenn man ihm im Wald begegnete, dabei tue er niemanden was. „Draußen“ zeigt vier Menschen, die abseits der Gesellschaft leben und dabei versuchen, sich ein wenig Menschenwürde zu bewahren. Der Film geht dabei weniger auf das Warum ein (warum sie auf der Straße leben, wird bestenfalls nur kurz gestreift), sondern auf das Wie. Was ist diesen Menschen wichtig? Was motiviert sie, jeden Tag aufzustehen und weiterzumachen? Was sind die Gegenstände, die sie für ihr Leben da draußen brauchen, bzw. welche Gegenstände sind für sie Luxus? Darauf wird ein besonderer Fokus gelegt. Johanna Sunder-Plassmann und Tama Tobias-Macht sind dabei ganz nah dran an den Menschen. Sie lassen sie ihre Geschichten erzählen und ihre Meinungen sagen. Es sind oft überraschend zarte Geschichten und klare Einsichten. Wenn Matze erzählt, dass er froh ist, noch das Gefühl der Scham zu kennen, sagt das viel aus. Und plötzlich werden sie sichtbar: jene, die für uns im Dunkeln sind. Die beiden Regisseurinnen zeigen diese Menschen ohne falsche Sentimentalität, sondern einfach so, wie sie sind. Vom Leben gezeichnet, aber aufrecht.

(Dieser Film ist als Reiseetappe # 54 Teil meiner Filmreisechallenge 2018. Mehr darüber hier.)


7,5
von 10 Kürbissen

(Foto: (c) unafilm / Thekla Ehling)

The Pillar of Salt (2018)

Regie: Burak Çevik
Original-Titel: Tuzdan Kaide
Erscheinungsjahr: 2018
Genre: Drama, Fantasy
IMDB-Link: Tuzdan Kaide


Eine schwangere Frau, die in einer Art Höhle lebt, sucht nach ihrer verschwundenen Schwester und macht dabei allerlei Bekanntschaften. Ich denke, dass es zwei Arten von Publikum für Burak Çeviks Film „Tuzdan Kaide“ gibt: Jene, die in dem Film ein surreales Meisterwerk sehen, und jene, die das für den größten, langweiligsten Blödsinn auf Gottes grüner Erde halten. Gemäß der Frage: „Ist das Kunst, oder kann das weg?“ Nun, ich gehöre bedauerlicherweise zur zweiten Gruppe. Ich kann durchaus etwas mit surrealen, rätselhaften Filmen anfangen. Luis Buñuel gehört zu meinen Lieblingen. Auch die Filme von Alain Robbe-Grillet, auch wenn sie ihre unübersehbaren Schwächen haben, unterhalten mich meistens sehr gut. Aber „Tuzdan Kaide“ ist zu wenig absurd, um interessant zu sein, sondern nur eine Anhäufung langweiliger, symbolhaft aufgeladener Szenen, die – zumindest für mich – auf nichts verweisen. Laut Beschreibung im Festivalprogramm der Berlinale soll es angeblich um „Reiz, Reichtum und Radikalität“ gehen. Okay. Stattdessen könnte da auch stehen, dass es um „Kanarienvögel, Vampirismus und die Unendlichkeit“ geht. Das wäre genauso zutreffend wie alles andere. Die einzige Erkenntnis, die ich aus dem Film gezogen habe, ist die, dass auch 70 Minuten verdammt lang werden können. Mein persönliches Fazit: Zeitverschwendung. Das mögen Andere anders sehen – wie gesagt, ich denke, dass man, wenn man es schafft, einen Zugang zu diesem Film zu finden, durchaus seinen Spaß daran haben kann. Aber meine Antennen haben nicht angeschlagen. Die sind nur müde eingeknickt und wollten zu Salzsäulen erstarren.


2,0
von 10 Kürbissen

Don’t worry, weglaufen geht nicht (2018)

Regie: Gus Van Sant
Original-Titel: Don’t Worry, He Won’t Get Far On Foot
Erscheinungsjahr: 2018
Genre: Drama, Komödie, Biopic
IMDB-Link: Don’t Worry, He Won’t Get Far On Foot


An Gus Van Sants neuesten Film vergebe ich gleich mal einen Preis: Jenen für den dämlichsten deutschen Verleihtitel seit „Vergiss mein nicht!“ für „Eternal Sunshine of the Spotless Mind“. Ehrlich: Wer zum Geier ist auf die Idee gekommen, aus dem herrlich-zynischen „Don’t Worry, He Won’t Get Far On Foot“ ein englisch-deutsch-verhatschtes „Don’t worry, weglaufen geht nicht“ zu machen? Wer auch immer dafür verantwortlich zeichnet, sollte lebenslang mit einem Berufsverbot belegt werden. Der wirklich dumme Titel wird dem Film in keiner Weise gerecht. Gus Van Sant hat ja schon öfter gezeigt, dass er ein Herz für Außenseitern mit Problemen hat. „Good Will Hunting“ ist ein Paradebeispiel dafür. In „Don’t Worry, He Won’t Get Far On Foot“ erzählt Van Sant nun die (wahre) Geschichte von John Callahan (der grandiose Joaquin Phoenix), der ein schweres Alkoholproblem hat, das nicht unbedingt besser wird, als er in einen folgenschweren Autounfall verwickelt wird und seitdem querschnittgelähmt ist. Nach einigen Tiefpunkten und Selbstmitleidstouren landet er schließlich bei den Anonymen Alkoholikern unter der Leitung von Donnie (Jonah Hill). Er stellt sich seinen Dämonen, vor allem jenem seiner abwesenden Mutter, die ihn als Kind weggegeben hat. Was John dabei hilft: Sein humoristisches Talent, das ihn Cartoons zeichnen lässt, die – nun ja – aufgrund ihres derben, offensiven Humors nicht von allen Mitmenschen gleichermaßen wohlwollend aufgenommen werden. Doch im Zeichnen findet John allmählich zu sich und zu einer Möglichkeit, mit seinem Schicksal umzugehen. Auch die Schwedin Annu (bitte verratet mir: Wie ist es möglich, sich nicht in Rooney Maras strahlende Augen zu verlieben?) ist ihm dabei eine Stütze. „Don’t Worry, He Won’t Get Far On Foot“ ist klassisches Feelgood-Kino über einen Mann, der seine Schwierigkeiten bekämpft und trotz aller Rückschläge schließlich zu sich selbst findet. Das kann schnell mal zu erbaulichem No-na-net-Kino werden – fad und vorhersehbar. Dass „Don’t Worry, He Won’t Get Far On Foot“ nicht in diese Falle tappt, ist auf zwei Gründe zurückzuführen: Zum Einen auf die nicht-lineare Erzählung, die mehr um die Figur des John Callahan kreist als darum bemüht ist, chronologisch die Fakten aufzutischen. Zum Anderen auf den durch die Bank überragenden Cast, angeführt von Joaquin Phoenix, der einmal mehr eine oscarreife Leistung abliefert – so wie auch Jonah Hill, dessen Vielseitigkeit immer wieder positiv überrascht. So geht man tatsächlich mit einem richtig guten Gefühl aus dem Kino heraus.

(Dieser Film ist als Reiseetappe # 55 Teil meiner Filmreisechallenge 2018. Mehr darüber hier.)


8,0
von 10 Kürbissen

(Foto: (c) 2018 AMAZON CONTENT SERVICES LLC / Scott Patrick Green)

 

3 Tage in Quiberon (2018)

Regie: Emily Atef
Original-Titel: 3 Tage in Quiberon
Erscheinungsjahr: 2018
Genre: Drama, Biopic
IMDB-Link: 3 Tage in Quiberon


Romy Schneider (Marie Bäumer), 42 Jahre alt, alkoholkrank und depressiv, macht eine Kur in einem französischen Hotel. Ihre Freundin Hilde Fritsch (Birgit Minichmayr, wie immer großartig) besucht sie. Und zwei Journalisten vom Stern, der Fotograf Robert Lebeck (Charly Hübner), mit dem sie eine langjährige Freundschaft verbindet, und der schmierige Reporter Michael Jürgs (Robert Gwisdek). Romy Schneider hat eingewilligt, während der drei Tage ihres Aufenthalts ein exklusives Interview zu geben. In dieser Viererkonstellation bauen sich in weiterer Folge allerlei Spannungen auf, denn Hilde durchschaut den manipulativen Jürgs recht schnell, während sich Lebeck darum bemüht, Romy, für die er offensichtlich mehr als nur Freundschaft verspürt, ein wenig Halt zu geben. Denn die ist mit der Situation des Interviews völlig überfordert. Alte Wunden werden wieder aufgerissen, und verletzlich und unbedacht stülpt sie vor laufendem Aufnahmegerät ihr Innerstes nach außen – sehr zur Freude von Jürgs, der die Gelegenheit seines Lebens wittert und Romy weiter zusetzt. „3 Tage in Quiberon“ ist bemüht, eine private Romy Schneider zu zeigen, eine Frau mit Verletzungen und Ängsten und schweren Depressionen. Romy Schneider macht sich hier vor allem Gedanken um ihre Mutterrolle, die sie nie so richtig ausfüllen konnte. Gleichzeitig ist sie diese öffentliche Person und sich ihrer Rolle auch sehr bewusst, sie spielt auch damit. Gefilmt in eleganten Schwarz-Weiß-Bildern, die die Exklusivität des Kurhotels noch einmal unterstreichen, während sie gleichzeitig kollektive Bilder von Romy Schneider heraufbeschwören, ist „3 Tage in Quiberon“ durchaus sehenswert. Die Dialoge sind gut und scharfsinnig, und auch die Schauspieler/innen machen durch die Bank einen guten Job. Jetzt kommt das Aber. Aber man hat dennoch nicht das Gefühl, der Person Romy Schneider, trotz aller Bemühungen von Marie Bäumer, sie lebensecht darzustellen, nach dem Film ein wenig nähergekommen zu sein. Es werden Romy Schneider-Klischees bestätigt, die Theatralik in den Dialogen, in den Szenen, ist zwar dramaturgisch interessant, aber unterstreicht nur das Bild, das man in der Regel von Romy Schneider schon hat. Und das ist schade. Ich hatte das Gefühl, dass hier eine große Chance liegengelassen wurde, nämlich die Erdung der Filmgöttin, die auch mal Mensch sein darf. „3 Tage in Quiberon“ versucht zwar genau das, scheitert aber (auf hohem Niveau) daran. Romy Schneider bleibt mystisch verklärt.

(Dieser Film ist als Reiseetappe # 57 Teil meiner Filmreisechallenge 2018. Mehr darüber hier.)


6,0
von 10 Kürbissen

(Foto: (c) 2018 PROKINO Filmverleih GmbH)

 

The Bed (2018)

Regie: Mónica Lairana
Original-Titel: La Cama
Erscheinungsjahr: 2018
Genre: Drama
IMDB-Link: La Cama


Ein älterer Mann, eine ältere Frau. Nackt im Bett. Er bemüht sich verzweifelt um eine Erektion, doch es geht nicht. Sie versucht ebenso verzweifelt, ihm einen zu blasen, er wehrt ab, woraufhin sie hysterisch zusammenbricht. In „La Cama“ von Mónica Lairana ist nicht nur die Haut nackt, sondern auch die Seele. Bald wird klar, dass der letzte gemeinsame Tag anbricht, ehe der Umzugswagen kommt und das Leben als Paar endet. In all den Jahren hat man vergessen, wie man miteinander kommuniziert. So liegt ein bedeutsames Schweigen über dem Film. Gelegentlich flüchtet man sich in hilflose Floskeln, um zumindest Worten nachlauschen zu können, auch wenn diese bedeutungslos sind. Die gemeinsame Vergangenheit wird nur dann heraufbeschworen, wenn man über die Frage, wem nun die Socken gehören, zu diskutieren beginnt. Da zeigen sich die letzten Spuren des gemeinsamen Lebens, das Verschmelzen zweier Existenzen zu einem Paar. Umso klarer und schmerzvoller ist es, wenn man sich nun eingestehen muss, dass man zuletzt wieder auseinandergedriftet und sich fremd geworden ist. „La Cama“ ist sehr langsam erzählt. Oft gehen Einstellungen über mehrere Minuten, ohne dass ein Wort gesprochen wird. Die Kamera hält schonungslos drauf, wenn sich in die Gesichter die Fassungslosigkeit der Trennung legt, aber sie bleibt auch mit einem liebevollen Blick drauf, wenn überraschend – meistens nonverbal – ein Zeichen der Zuneigung und Vertrautheit gefunden wird. Zu spät, aber immerhin: man geht nicht im Zorn auseinander. „La Cama“ zeigt die Geschichte einer Entfremdung, und ist damit (und aufgrund seiner extrem langsamen Erzählweise) ein Film, der sicherlich keinen Spaß macht. Manchmal ist er auch schlicht langweilig, aber gut, auch Beziehungen sind manchmal langweilig. So gesehen spiegelt das Kino das Leben. Insgesamt ein anstrengender Film, der aber, wenn man in der richtigen Stimmung dafür ist, durchaus seine guten Momente hat.

(Dieser Film ist als Reiseetappe # 2 Teil meiner Filmreisechallenge 2018. Mehr darüber hier.)


5,0
von 10 Kürbissen

Infinite Football (2018)

Regie: Corneliu Porumboiu
Original-Titel: Fotbal Infinit
Erscheinungsjahr: 2018
Genre: Dokumentation
IMDB-Link: Fotbal Infinit


Der Provinz-Beamte Laurentiu gibt dem Filmemacher Corneliu Porumboiu ein Interview über seine revolutionären Pläne, den Fußball zu modernisieren. „Der Ball muss frei sein“, so seine Devise. Gleich zu Beginn des Interviews wird klar, dass die Pläne persönlichen Lebenskränkungen entsprungen sind. Die Verletzung als Jugendlicher beim Fußballspiel, die nicht eingetreten wäre, wenn Fußball nach anderen Regeln gespielt worden wäre. Die kurzfristige Absage eines Job-Angebots in den USA. Der langweilige Bürojob, den der Beamte nun schon seit zwanzig Jahren tagein, tagaus erledigt. Hinter all seinen Überlegungen, die er noch während des Gesprächs mit Porumboiu wieder verwirft, da er die Fehler und Unstimmigkeiten seines Regelwerks erkennt, steckt der Wunsch, etwas Bedeutsames zu leisten, anerkannt zu werden, eine Rolle im Weltgeschehen einzunehmen. Das macht „Infinite Football“ trotz des engen Themas zu einem sehr universellen Film. Gleichzeitig wirft Porumboiu eher beiläufig auch einen Blick auf die rumänische Bürokratie, an der schon so einige Träume zerschellt sind. Laurentiu steht hier stellvertretend für viele Menschen, die sich ihre Träume nicht verwirklichen konnten. Sein Umgang damit ist allerdings ein sehr eigener, sehr persönlicher, und teilweise auch rasend komischer, ohne dass Porumboiu Laurentiu zur Schau stellt oder gar auflaufen lässt. Das macht „Infinite Football“ auch zu einem mitfühlenden Film. Allerdings ist das Thema selbst trotz seiner universellen Gültigkeit keines, das geeignet wäre, den Zuseher durchzuschütteln. So gesehen verpasst man auch nicht viel, wenn man den Film nicht gesehen hat. Ihn zu sehen ist aber dennoch keine Zeitverschwendung.

(Dieser Film ist als Reiseetappe # 53 Teil meiner Filmreisechallenge 2018. Mehr darüber hier.)


6,0
von 10 Kürbissen

Die defekte Katze (2018)

Regie: Susan Gordanshekan
Original-Titel: Die defekte Katze
Erscheinungsjahr: 2018
Genre: Drama, Liebesfilm
IMDB-Link: Die defekte Katze


Der Assistenzarzt Kian (Hadi Khanjanpour), iranischstämmiger Deutscher, hat nicht viel Glück mit den Dates. Irgendwie ist nie die Richtige dabei. Und Mina (Pegah Ferydoni), noch im Iran, ist mit Anfang 30 fast schon ein bisschen zu alt, um zu heiraten. So beschließen die beiden, den traditionellen Weg zu gehen und sich verheiraten zu lassen. Die Eltern regeln das, und so zieht Mina vom Iran nach Deutschland zu Kian. Sie sind sich fremd, und der Gedanke, dass sie nun ein Eheleben zu führen haben, ist noch mehr als gewöhnungsbedürftig. Auch der Grad der Freiheit, den Mina in Deutschland genießt, ist zu Beginn erst einmal einschüchternd. Im Bikini ins gemischte Schwimmbad zu gehen ist eine völlig neue Erfahrung für sie. Ein wenig Halt und Zuspruch findet sie bei der „defekten Katze“, die sie eines Tages sehr zum Missfallen Kians kauft. Denn das Tier hat nicht nur einen Gendefekt, sondern einige unangenehme Macken. Die Katze wird zum Symbol für die (defekte) Beziehung, die sich Kian und Mina erst nach und nach erarbeiten müssen. Die Fehler, die sie dabei machen, führen sie jedoch nur weiter voneinander fort anstatt aufeinander zu. Nach Figlia Mia war „Die defekte Katze“ der zweite Film in Folge, den ich auf der Berlinale zum Thema Familie gesehen habe. Während aber in Laura Bispuris die Karten der Familienzugehörigkeit neu gemischt werden, müssen sie in „Die defekte Katze“ erst einmal ausgeteilt werden, und die ersten Regeln müssen definiert werden. Auch hier ist Beziehung harte Arbeit, die von folgenschweren Patzern durchzogen ist. Was ist die Basis für Anziehung? Für einen liebevollen Umgang miteinander? Wie erarbeitet man sich Verständnis füreinander? Und baut Nähe und Vertrautheit auf? Susan Gordanshekan ist ein sehr intimer Film gelungen, der von den beiden Hauptdarstellern gut getragen wird. Vielleicht ist die eine oder andere Entwicklung etwas zu schnell abgearbeitet, und an manchen Stellen bleibt der Film an der Oberfläche, anstatt tiefer im Gefühlschaos zu schürfen, aber dennoch ist „Die defekte Katze“ ein schöner Beitrag zu der Frage: Was ist Liebe? Und wie entsteht sie?

 


7,5
von 10 Kürbissen

(Foto: (c) Glory Film / Julian Krubasik)

Meine Tochter (2018)

Regie: Laura Bispuri
Original-Titel: Figlia Mia
Erscheinungsjahr: 2018
Genre: Drama
IMDB-Link: Figlia Mia


Die zehnjährige rothaarige Vittoria sieht ihrer dunkelhaarigen Mutter Tina (Valeria Golino, die man wohl noch aus „Hot Shots“ in guter Erinnerung hat, die aber so viel mehr kann) so gar nicht ähnlich. Dennoch sind die beiden ein unzertrennliches, liebevolles Gespann. Die fürsorgliche Tina ist auch so anders als die leichtsinnige, alkoholkranke Angelica (Alba Rohrwacher), die kurz vor der Delogierung steht, da sie hochverschuldet ist. Nur ist Angelica Vittorias leibliche Mutter, was diese selbst nicht weiß. Und bevor sie geht, möchte sie einmal Vittoria kennenlernen. Tina lässt sich darauf ein, doch sie unterschätzt einerseits die Beharrlichkeit, mit der Angelica diese Bekanntschaft zu vertiefen versucht, und andererseits die Sturheit ihrer Tochter, die wiederum von der energiegeladenen Angelica fasziniert ist. Und während sich die leibliche Mutter und ihre Tochter allmählich näherkommen, fürchtet Tina um ihr Familienglück. Laura Bispuri verhandelt in „Figlia Mia“ die Themenkomplexe Familie, Zugehörigkeit und Verantwortung. Gedreht mit einer sehr wackeligen und körnigen Handkamera transportiert der Film die Unmittelbarkeit der Figuren – die Kamera ist immer nah dran, umkreist die Figuren, die wiederum um sich selbst kreisen und neu ausverhandeln, was eine Familie ausmacht. Das macht „Figlia Mia“ zu einer recht schwer verdaulichen Kost, vor allem, wenn Angelica wieder einen ihrer Abstürze hat und dem Zuseher klar wird, dass diese Frau nie dazu geeignet sein wird, eine Mutterrolle anzunehmen, da sie ihre Tochter immer enttäuschen wird. Gleichzeitig ist so viel Wärme und Herzlichkeit in vielen Situationen zu spüren, dass man fast wieder versöhnt wird mit dieser im Leben gescheiterten Frau. Und dann ist da Tina, die Frau, die alles zurückstellt für ihr Familienglück, die sich selbst vor einen Bus werfen würde, wenn sie damit Vittoria retten könnte. Aber reicht diese Liebe aus, um weiterhin von Vittoria als Mutter angenommen zu werden? Der Film verweigert sich klarer Aussagen und einer Moral. Alle Figuren sind in ihren Handlungen nachvollziehbar, keine ist mehr im Recht als eine andere, und daraus bezieht „Figlia Mia“ schließlich seine Stärke. Was man dem Film allerdings ein wenig ankreiden kann, ist, dass er recht lange braucht, um in die Gänge zu kommen, und dass er gelegentlich ruhigere Bilder hätte finden können, um seine Geschichte zu erzählen. Es muss nicht immer die wackelige Handkamera sein, wenn man das Gefühl von Realismus vermitteln möchte.

(Dieser Film ist als Reiseetappe # 9 Teil meiner Filmreisechallenge 2018. Mehr darüber hier.)


7,0
von 10 Kürbissen

(Foto: (c) Vivo film / Colorado Film / Match Factory Productions / Bord Cadre Films)

Isle of Dogs – Ataris Reise (2018)

Regie: Wes Anderson
Original-Titel: Isle of Dogs
Erscheinungsjahr: 2018
Genre: Animation, Drama, Komödie
IMDB-Link: Isle of Dogs


Mit Wes Anderson ist es so eine Sache. Entweder man liebt seine Filme, oder man kann mit seiner Überstilisierung und seiner Lakonie gar nichts anfangen. Ich gehöre definitiv zur ersten Gruppe. Und so gibt es kaum einen Film, auf den ich mich in der letzten Zeit mehr gefreut habe als auf „Isle of Dogs“, den neuen Stop Motion-Animationsfilm von Wes Anderson, der in diesem Genre schon mit „Der fantastische Mr. Fox“ zu begeistern wusste. „Isle of Dogs“ erzählt die sehr japanische Geschichte der Verbannung aller Hunde auf eine Müllinsel, da der diktatorisch agierende Bürgermeister Kobayashi Hunde hasst. Auch der Hund seines Mündels Atari wird deportiert. Das lässt nun eben jener 12jähriger Atari nicht auf sich sitzen, also kapert er kurzerhand ein Flugzeug, um auf die Müllinsel zu fliegen und nach seinem Hund zu suchen. Dort macht er schnell die Bekanntschaft eines Rudels, vom Streuner Chief angeführt, das ihm fortan bei der Suche zur Seite steht. „Isle of Dogs“ ist ein warmherziges Plädoyer für Außenseiter und Ausgestoßene. Es geht um Treue, um Loyalität, um Freundschaft. Es ist einfach, Parallelen zu heutigen Problemen und politischen Entwicklungen zu ziehen, und doch funktioniert der Film gleichermaßen für sich selbst, auch wenn man die politische Agenda ausblendet. Auch das Handwerkliche ist wieder mal auf eine für Wes Anderson typische Weise brillant – diese unglaubliche Liebe zum Detail, die Figurenzeichnung, die Musik von Alexandre Desplat, das alles trägt dazu bei, dass „Isle of Dogs“ fantastisch aussieht. Selten hat Andersons geometrisch durchkomponierter Stil so gut gepasst wie bei diesem Film. Ein weiteres Meisterwerk von Wes Anderson, das bei mir sofortige Liebesgefühle erweckt hat, und die Erstbewertung von 9,5 könnte nach mehrmaliger Sichtung auch noch zur 10 werden und „Isle of Dogs“ damit in die Riege der absoluten Lieblingsfilme aufsteigen.


9,5
von 10 Kürbissen

(Foto: (c) 2017 Twentieth Century Fox)