2017

Aus dem Nichts (2017)

Regie: Fatih Akin
Original-Titel: Aus dem Nichts
Erscheinungsjahr: 2017
Genre: Drama, Krimi
IMDB-Link: Aus dem Nichts


„Aus dem Nichts“ von Fatih Akin erzählt drei Geschichten, die in sich geschlossen eine einzige ergeben: Teil 1, „Die Familie“, ist eine Geschichte von Verlust und Trauer. Katja (Diane Kruger, wohl in der Rolle ihres Lebens) muss erfahren, dass bei einem Bombenattentat ihr türkischstämmiger Mann und ihr Sohn getötet wurden. Die Polizei ermittelt. Und nicht nur, dass sie diesen tragischen Verlust erst einmal verkraften muss, sie sieht sich zusätzlich Ressentiments gegenüber, wenn der sture Hauptkommissar partout einen Drogenfall daraus schnitzen möchte. Selbst die eigene Familie ist in dieser Situation keine Hilfe, im Gegenteil. Alte Gräben tun sich von Neuem auf. Teil 2, „Die Gerechtigkeit“, erzählt von der Gerichtsverhandlung gegen die Täter, die nun tatsächlich aufgegriffen wurden, ein Neonazi-Paar. Doch wie sieht es aus mit der Gerechtigkeit? Alle Fakten liegen auf dem Tisch – doch reicht das für eine Verurteilung, zumal sich der Strafverteidiger (Johannes Krisch als unglaublich unsympathischer Kotzbrocken) als gewieft und mit allen Wassern gewaschen herausstellt? In Teil 3, „Das Meer“, schließlich geht es um den Abschluss des Ganzen, um die Frage nach Selbstjustiz, Moral, Gewalt und Gegengewalt. Die Spirale hat sich zu drehen begonnen, doch kann sie auch aufgehalten werden? Fatih Akin erzählt diese drei Geschichten, die eine ergeben, sehr unaufgeregt und stilistisch zurückhaltend. Der Film lebt im Grunde allein von Diane Kruger, die die gewaltige Last, die glückliche Mutter genauso wie die emotional gebrochene Hinterbliebene und die wütende Witwe in einem Film meistern zu müssen, mit einer Bravour trägt, die ich ihr, ehrlich gestanden, nicht zugetraut hätte. Aber völlig verdient hat sie für diese Rolle in Cannes dafür den Preis als beste Schauspielerin bekommen. Und ich sehe sie durchaus als Dark Horse für die kommenden Oscar-Nominierungen. Dass sich meine Moviepilot-Prognose von 8,5 dann doch nicht ganz bewahrheitet hat, liegt vor allem daran, dass der Film in manchen Momenten einen etwas unentschlossenen Eindruck macht und die letzte Konsequenz scheut. So bleibt er lieber auf genrevertrauten Pfaden. Auch nehmen die Nebenfiguren, inklusive der beiden Attentäter, mit Ausnahme des Freunds und Rechtsanwalts Danilo (Denis Moschitto) keinen Raum ein – sie bleiben als Stichwortgeber blass und eindimensional. So bleibt erst einmal „Gegen die Wand“ Fatih Akins Meisterwerk. An die Qualität dieses Films kommt „Aus dem Nichts“ dann doch nicht ganz heran.


7,0
von 10 Kürbissen

Helle Nächte (2017)

Regie: Thomas Arslan
Original-Titel: Helle Nächte
Erscheinungsjahr: 2017
Genre: Drama, Roadmovie
IMDB-Link: Helle Nächte


Wenn einer eine Reise tut, dann kann er was erleben. Muss er aber nicht, wie Thomas Arslan in „Helle Nächte“ zeigt. Der Film, für den Georg Friedrich den Silbernen Bären für den besten Darsteller in Berlin abgreifen konnte, erzählt von einer Vater-Sohn-Annäherung. Der Großvater ist gestorben und wird in Norwegen, wo er lange gelebt hat, beerdigt. Der Vater nutzt die Gelegenheit, seinen Sohn aus einer früheren Beziehung auf eine Reise durch Norwegen mitzunehmen, wenn man schon mal da oben sitzt, um da vielleicht doch mal wieder so etwas wie eine Beziehung aufzubauen. Blöd ist nur, dass zum Einen die Nächte so weit nördlich nie ganz dunkel werden, was sich allmählich negativ auf den Energiehaushalt des sonst so stoischen Vaters auswirkt, was dessen Zündschnur in weiterer Folge verkürzt. Und blöd ist auch, dass der Sohn nach dem Vater kommt, auch wenn er etwas besser schlafen kann – aber auch er schwankt zwischen Stoizismus und gelegentlichen Ausbrüchen. Und wirklich blöd für die Zuseher ist, dass mit Ausnahme von Georg Friedrich (den ich allerdings auch nicht so überragend gesehen hätte wie die Berliner Jury) keine Socke in dem Film schauspielern kann. Und noch blöder ist, dass nichts, wirklich gar nichts passiert. Das Drama spielt sich im Verborgenen ab. Die Annäherung erfolgt in mikroskopisch kleinen Schritten. Ja, das kann ja ganz nett gemeint sein, und ich bin auch bei solchen Filmen sehr für Subtilität, aber es fehlt trotzdem der Bogen, der mich an der Stange hält. Ich sehe, in welche Richtung der Regisseur arbeiten wollte, nur erreicht er sein Ziel bei diesem Tempo geschätzt in Stunde 39 des Films, aber da die Studios halt nur 1,5 Stunden finanziert haben, muss er seine zwei schweigsamen Wandersleut‘ halt doch wieder in den Flieger zurück setzen, und man kann sich im Publikum nun beim Weiterspinnen der Geschichte vorstellen, wie die beiden irgendwann im Jahre 2047 zu Papas 70. Geburtstag die lang ersehnte Aussprache haben, deren Samenkorn 2017 in Norwegen gesät wurde. Nur ist es da für mich schon zu spät. Bis dahin habe ich 5.000 andere Filme gesehen und kann mich an „Helle Nächte“ nicht mehr erinnern. So bleiben vom Film nur einige sehr schöne Aufnahmen von Norwegen, der kurz aufblitzende Gedanke, mal wandern gehen zu wollen (und schon wieder verworfen) sowie ein solider Georg Friedrich, für den es mich freut, dass er in Berlin so geehrt wurde – aber ich sehe ihn hier auch nicht besser als in anderen seiner Filme.


4,5
von 10 Kürbissen

(Foto: Stadtkino Filmverleih)

Star Wars: Die letzten Jedi (2017)

Regie: Rian Johnson
Original-Titel: Star Wars: The Last Jedi
Erscheinungsjahr: 2017
Genre: Abenteuer, Action, Science Fiction
IMDB-Link: Star Wars: The Last Jedi


Dass der achte Film der Star Wars-Saga (wenn man von dem Intermezzo „Rogue One“ absieht) neue Wege zu gehen versucht, zeigt sich bereits am Titel. Offiziell wird nämlich auf die übliche Nummerierung verzichtet, auch wenn der Film unter Fans natürlich als „Episode VIII“ bekannt ist. Man ist sich allgemein nicht ganz einig, was man von Rian Johnsons Einstieg in die Welt von Star Wars halten soll. Und es überwiegen tatsächlich die eher kritischen Stimmen, denen das typische „Star Wars-Feeling“ abgeht und in dem neuen Film einen beliebigen Weltraum-Kracher mit aufgesetzten, unpassenden Humoreinlagen sehen. Allerdings wird hier meiner Meinung nach eines gern übersehen: Die ersten Star Wars-Filme, beginnend mit Episode IV im Jahr 1978, sind der Inbegriff und Ursprung aller Weltraum-Kracher. „Krieg der Sterne“ hat damals das Science Fiction-Genre neu gedacht und den Standard gesetzt, der jetzt an „Star Wars: Die letzten Jedi“ angelegt wird. Und wenn man sich damit abfindet, dass die Kostüme fast 40 Jahre später eben nicht mehr wie Pyjamas aussehen, also der ganze „Retro-Charme“ durch eine zeitgemäße Optik ersetzt wurde, kann man sich – finde ich – auch mit dem neuen Beitrag zu Star Wars-Universum sehr gut anfreunden. Denn Rian Johnson macht sehr viel richtig. Die Figur des Kylo Ren, der im Vorgängerfilm noch wie ein verunsichertes Kind gewirkt hat, macht eine extrem spannende Entwicklung durch. Kylo Ren wirkt immer noch unsicher (und natürlich, er ist noch immer blutjung), aber ist getragen von einer finsteren Ambivalenz und Unberechenbarkeit. Für diese Figur ist alles offen – er kann zum Superschurken a la Darth Vader reifen, er kann aber auch einen gänzlich eigenen Weg einschlagen. Adam Driver, ohnehin einer meiner Lieblingsdarsteller, legt diese Figur so vielschichtig und interessant an wie kaum eine zweite Figur im ganzen Star Wars-Universum. Aber auch der große Held in „Die letzten Jedi“, Luke Skywalker, ist interessant wie noch nie und bis zum Ende kaum einzuschätzen. In diesen Belangen hebt Rian Johnson den neuen Star Wars-Film über die meisten seiner Vorgänger hinaus. Denn eines muss man schon sagen: So genial und unterhaltsam und wunderbar die alten Star Wars-Filme waren: die Einteilung in Gut und Böse war – vielleicht mit Ausnahme von Lando Calrissian – immer sehr schnell getroffen und klar durchgezogen. Hier die Helden, dort die Schurken. Dem fügt „Die letzten Jedi“ eine neue Dimension hinzu. Und auch die Action ist ausgezeichnet gemacht, der Film ist zudem sehr spannend erzählt. Carrie Fisher, unsere Prinzessin, hat noch einmal richtig viel Screentime. Klar, manche Kritikpunkte wie zum Beispiel, dass sie in einer Szene durchs All fliegen kann, als wäre sie Supermans Kusine, oder dass die Hintergründe vieler Figuren im Unklaren bleiben (Snoke, ein dadurch etwas unmotivierter Bösewicht) oder auch die Kritik am teilweise etwas unvermittelt platzierten Humor kann ich durchaus nachvollziehen und auch teilen, aber für mich sind das kleine Nebensächlichkeiten, die mir nicht gleich den ganzen Film vermiesen. So ist für mich „Die letzten Jedi“ ein gelungener Beitrag zum Star Wars-Universum – kein perfekter Film, das nicht, aber unterhaltsam, spannend und vielschichtig.


8,0
von 10 Kürbissen

Coco – Lebendiger als das Leben! (2017)

Regie: Lee Unkrich
Original-Titel: Coco
Erscheinungsjahr: 2017
Genre: Animation
IMDB-Link: Coco


Wie es nicht geht, zeigt der Vorfilm „Olaf taut auf“ – ein sentimentales, überzuckertes Weihnachts-Rührstück nach Schema F. Man möchte gar nicht glauben, dass der Film aus dem gleichen Studio stammt wie der Hauptfilm „Coco“. Denn „Coco“ ist mal wieder ein Meisterwerk. „Inside Out“, „Ratatouille“, „Wall-E“ – die Liste der herausragenden Pixar-Filme, die Hirn und Herz gleichermaßen verbinden, ist lang, und „Coco“ hat kein Problem, sich in diese illustre Riege hineinzuschieben. Dabei ist die Ausgangsbasis für die Geschichte durchaus riskant: Ein Film, der im mexikanischen Reich der Toten spielt. Dass der Film keinerlei Spuren von Morbidität aufweist, sondern herzerwärmend menschlich ist, ist schon mal eine große Leistung für sich. Aber es geht noch tiefer: Denn die Geschichte des jungen Miguel, der einer Schuhmacherfamilie entspringt und doch viel lieber Musiker werden möchte wie sein Urgroßvater, über den man allerdings nicht mehr spricht, hat doch dieser Taugenichts die Familie verlassen, um Karriere zu machen, ist ein modernes Märchen über die Familie und eine bunte Hommage an Mexiko. Miguel wird am Tag der Toten in das Reich eben jener hineingezogen und muss, um wieder zurück in die Welt der Lebenden zu gelangen, den Segen eines Familienmitglieds erlangen. Dabei erweisen sich seine Tanten und Onkel als wenig hilfreich, machen sie es doch zur Bedingung, dass Miguel fortan auf Musik verzichtet. So bleibt nur die Flucht nach vorne und die Suche nach seinem musikalischen Idol, den Superstar Ernesto de la Cruz, von dem er sich den Segen für die sichere Heimkehr erhofft. Als Kritikpunkt habe ich gelesen, dass der Film sehr konservativ sei – und ja, er stellt die Familie über alles. Allerdings muss man hierbei auch die Kultur und Tradition Mexikos mitberücksichtigen, wo tatsächlich die Familie eine größere Rolle spielt als andernorts. Und wenn man sich von diesem traditionellen Familienbild nicht stören lässt, dann erwartet einen mit „Coco“ ein unglaublich menschlicher, sehr emotionaler Film. Als kleinen persönlichen Kritikpunkt würde ich die relativ überraschungsfrei erzählte Story und die manchmal fehlende Figurentiefe nennen. Das haben wir vor allem von Pixar schon vielschichtiger gesehen. Aber geschenkt. „Coco“ trifft bei mir mitten ins Herz. Am Ende hatte ich feuchte Augen. Für mich ein sicherer Oscar-Gewinner 2018 und ein wunderbares Abenteuer für die ganze Familie.


8,5
von 10 Kürbissen

Zwischen zwei Leben (2017)

Regie: Hany Abu-Assad
Original-Titel: The Mountain Between Us
Erscheinungsjahr: 2017
Genre: Abenteuerfilm, Liebesfilm
IMDB-Link: The Mountain Between Us


Kate Winslet und Idris Elba gehen spazieren. Es ist halt ein bisschen kalt und man weiß nicht genau, wo man gerade herumhirscht, aber immerhin hat man den Hund dabei, und ein paar Tage an der frischen Luft tun ja auch gut, vor allem, wenn es sich dabei um so klare Bergluft handelt, die nicht die geringste Ahnung der industrieverseuchten Welt in sich trägt. In der Nacht campiert man aneinandergekuschelt bei einem Lagerfeuer in kuscheligen Höhlen – das erhöht den Herzschlagfaktor. Da kann man durchaus mal vergessen, dass man eigentlich vor ein paar Tagen geheiratet hätte (Winslet) oder einem 10jährigen Kind in einer OP das Leben gerettet hätte (Elba) oder auch, dass man eine außerplanmäßige Landung auf einem Berggipfel hingelegt hat, den Piloten im Schnee verscharren musste, von einem Puma angefallen wurde und mit einem gebrochenen Bein durchs Nirgendwo humpelt. Kleinigkeiten halt, die angesichts der bezaubernd verschneiten Gegend und der prickelnden neuen Gesellschaft, in der man diese erkundet, entfallen können. „The Mountain Between Us“ (ddT – dämlicher deutscher Titel: „Zwischen zwei Leben“) kann sich nicht so recht entscheiden, ob es ein abenteuerliches Survival-Drama oder ein romantischer Liebesfilm sein möchte. Es sind von beidem gute Ansätze erkennbar, aber konsequent umgesetzt ist nichts davon. Für das Survival-Drama ist der Überlebenskampf zu leichtgängig und einfach gestrickt. Die beiden hocken ein paar Tage in ihrem Wrack, dann stapfen sie trotz gebrochenem Bein fröhlich viele Kilometer durch hüfthohen Schnee (wer auch immer schon mal das Vergnügen hatte, sich durch kniehohen Schnee zu kämpfen, weiß, dass man nach ein paar hundert Meter eigentlich nur noch auf die letzte Ölung wartet), immer wieder hüpft fröhlich der Hund herum (was hat der eigentlich zu fressen bekommen, um stets so gut gelaunt zu sein, und was zum Geier haben die beiden Überlebenden gegessen außer mal ein paar Bissen Puma-Steak?), Kälte ist eh ziemlich egal, und auch tagelanges Marschieren ohne Nahrung scheint weder ihre Laune noch ihre Libido zu verderben. Was den romantischen Aspekt der Geschichte betrifft, so ist zwar prinzipiell ganz gut und plausibel nachgezeichnet, wie in Extremsituationen Gefühle entstehen können, und auch in der Nachbetrachtung ist der Film nicht übel, aber trotzdem wird auch dieser Teil etwas zu … nun ja … kühl erzählt. Kate Winslet und Idris Elba bemühen sich, ihren Figuren Tiefe zu verleihen, doch manchmal macht es sich das Drehbuch zu einfach, postuliert Emotionen, die vage und unbegründet bleiben, nur damit zwischen den beiden etwas vorangeht. Stattdessen wird dann erzählerisch zu einfachen Tricks gegriffen. „The Mountain Between Us“ gehört zu jener Art von Filmen, in denen Geigen anheben, wenn die verliebten Protagonisten zum ersten Mal leidenschaftlich übereinander herfallen, und wo der Mann die Angebetete durchaus mal in Slow-Motion verlässt, um die Dramatik der Trennung zu unterstreichen. Für einen romantischen Kerzenschein-Abend zu zweit ist die Landschaft aber zu frostig. Kate Winslet und Idris Elba, die beiden schauspielerischen Naturgewalten, retten, was zu retten ist, und der Hund hat immerhin einen Charakterkopf.


5,0
von 10 Kürbissen

Detroit (2017)

Regie: Kathryn Bigelow
Original-Titel: Detroit
Erscheinungsjahr: 2017
Genre: Drama, Thriller, Politfilm
IMDB-Link: Detroit


Detroit 1967. Motor City leidet unter Arbeitslosigkeit und der Abwanderung der Menschen in die Suburbs. Die schwarze Bevölkerung ist in engen Vierteln zusammengepfercht. Wut über die soziale Ungerechtigkeit und Hoffnungslosigkeit führen dazu, dass es in diesem Kochtopf gewaltig zu brodeln beginnt. Die Polizei begegnet der Bevölkerung mit zunehmender Härte. Als schließlich eine Razzia eskaliert, kommt es zu gewalttätigen Aufständen der Schwarzen, die kurzerhand ein ganzes Viertel zerlegen und abfackeln. Es herrschen bürgerkriegsartige Zustände. Mitten in die Klimax hinein erlaubt sich ein junger Schwarzer im Algier-Motel, eine Mischung aus Partyzone und Refugium, einen folgenschweren Scherz. Die Polizei vermutet einen Heckenschützen im Motel und stürmt dieses ohne Rücksicht auf Verluste.

Die letzten beiden Filme von Kathryn Bigelow, „The Hurt Locker“ und „Zero Dark Thirty“, kann man als politische Kriegsfilme bezeichnen. „Detroit“, obwohl es um die Bürgerrechtsbewegung geht und der Film ausschließlich in der US-amerikanischen Stadt spielt, reiht sich da nahtlos ein. Bigelow ist eine Regisseurin, die wie keine zweite das Chaos des Krieges und die Traumata, die daraus entstehen, festhalten kann. Umso erschreckender, dass die Handlungen, die sie in „Detroit“ zeigt, nicht aus einem fernen Kriegsgebiet stammen, sondern sich tatsächlich in den 60ern in der fünftgrößten Stadt der USA zugetragen haben. Kathryn Bigelow bleibt, auch dank der nervös zuckenden Handkamera von Barry Ackroyd (oscarnominiert für „The Hurt Locker“), stets nah am Geschehen. Die ersten zwei Stunden des Films sind ein permanenter Schlag in die Magengrube. Selten habe ich das Ungleichgewicht von Macht und Ohnmacht so überzeugend und physisch spürbar auf Film gebannt gesehen. Leider fällt das Ende dann ein bisschen ab. Die Aufarbeitung der Geschehnisse bräuchte nämlich im Grunde einen eigenen Film und wird hier etwas lieblos und fast zu schnell abgespult, sodass der Film am Ende trotz 2,5 Stunden Laufzeit etwas gehetzt wirkt. Trotzdem: Die ersten 1,5 bis 2 Stunden gehören zum Besten, was ich in diesem Filmjahr gesehen habe. Unglaublich eindringlich und mitreißend.

Eine Anmerkung am Rande noch: Nach „Licht“ ist das der zweite Film in jüngerer Zeit, in dem mir die Abmischung des Tons extrem positiv aufgefallen ist. Auch das trägt zu der beklemmenden Stimmung von „Detroit“ bei.


8,5
von 10 Kürbissen

(Foto: Constantin Filmverleih)

Mord im Orient-Express (2017)

Regie: Kenneth Branagh
Original-Titel: Murder on the Orient Express
Erscheinungsjahr: 2017
Genre: Krimi
IMDB-Link: Murder on the Orient Express


Oft fragt man sich: War nun dieses Remake, das man gerade gesehen hat, denn wirklich nötig? Diese Frage stellt man sich vor allem dann, wenn die Neuverfilmung der Geschichte keinen eigenen originellen Gedanken beifügt, sondern die Geschichte einfach noch einmal nacherzählt, nur gemäß des Mottos „höher, weiter, schneller“. Mehr Explosionen, mehr Brimborium usw.  Dieses Problem, nämlich die fehlende Daseinsberechtigung, hat Kenneth Branaghs Neuverfilmung von „Mord im Orient-Express“ definitiv nicht. Denn Branagh hält sich zwar, was die Handlung betrifft, recht nah an die Vorlage, fügt dieser aber dadurch, dass er die Figur des Hercule Poirot anders betrachtet, eine neue Facette hinzu. Branaghs Poirot ist melancholisch und pedantisch und steht kurz vor einem Burn-Out (nur dass man damals diesen Begriff noch nicht kannte, sondern einfach nur urlaubsreif war). Der Fall, in den er unvermittelt hineingezogen wird, scheint phasenweise seine Kräfte zu übersteigen, und verlangt auch von ihm ab, sich selbst und seine eigenen Motive und Weltanschauungen zu hinterfragen. Schon allein deshalb hat es sich definitiv gelohnt, sich des Stoffes im Jahr 2017 erneut anzunehmen, zumal Branagh einen sehr überzeugenden Poirot gibt. Allerdings war ich selbst (anders als meine drei Mitstreiter im Kino) nicht uneingeschränkt zufrieden mit dem Film. Die Kulissen haben für mich stellenweise sehr künstlich gewirkt, manche Figuren (zB der impulsive Graf Andrenyi) auch überzeichnet und der Schluss war für mich persönlich zu plakativ. Wie gesagt, ich bin damit im Freundeskreis in der Minderheit – gerade der Schluss hat die restlichen 3/4 unserer Truppe sehr überzeugt und emotional abgeholt. Insofern: Selbst anschauen und sich ein Bild machen! Vergeudete Lebenszeit ist es in keinem Fall.


6,0
von 10 Kürbissen

Licht (2017)

Regie: Barbara Albert
Original-Titel: Licht
Erscheinungsjahr: 2017
Genre: Drama, Historienfilm
IMDB-Link: Licht


Daran, dass es um die österreichische Filmlandschaft derzeit so gut bestellt ist, hat Barbara Albert einen wesentlichen Anteil, wird doch ihr Film „Nordrand“ aus dem Jahr 1999 gerne als Initialzündung für die neue Ära des österreichischen Films gesehen. Was sich seither als Konsens etabliert hat: Wir sind als Filmnation irrsinnig gut darin, bittere Sozialdramen und schwarzhumorige bis zynische Komödien zu drehen, die der Gesellschaft einen Spiegel vorhalten. Was erstaunlich selten vorkommt (angesichts der üppigen Historie, aus der man sich bedienen könnte), sind Kostümfilme. „Amour Fou“ von Jessica Hausner fällt mir da spontan ein, aber dann ist auch schon so ziemlich aufgeräumt. „Licht“ von Barbara Albert stößt nun in diese Lücke – und wie! Denn zum Einen ist die Geschichte der blinden Pianistin Maria Theresia von Paradis und ihrer Begegnung mit dem „Wunderheiler“ Franz Anton Mesmer ein exzellent recherchiertes und in Tonfall und Ausstattung sehr authentisch wirkendes Historiendrama par excellence, zum Anderen aber hat der Film einen sehr eigenen, individuellen Rhythmus, der ihn von vergleichbaren Filmen deutlich abhebt. Auch bietet der Film selbst keine Antworten auf die Fragen, die er aufwirft – nach Selbstbestimmung, Bestimmung, Talent vs. Lebensglück – das heißt, dass der Zuseher gefordert ist, sich seine eigenen Antworten zu basteln. Vor allem lebt „Licht“ aber von seiner herausragenden Hauptdarstellerin. Maria Dragus als blindes Musik-Genie, die hin- und hergerissen ist zwischen ihren dominanten Eltern, die große Pläne für sie haben, und der freundschaftlichen Zuneigung Mesmers, der ihr ein besseres Leben verspricht, ist grandios. Wenn sie ihre Augen aufreißt und diese wie große Murmeln in den Augäpfeln kullern auf der Suche nach der Lichtquelle, die sie vage wahrnehmen, dann ist das eine physische Art des Schauspiels, wie ich sie bisher kaum, vielleicht noch nie, gesehen habe. Auch der Rest des Casts weiß zu überzeugen, v.a. Maresi Riegner als Kammerzofe Agnes, aber es ist Maria Dragus, die diesen Film bestimmt, die Herz und Seele und Körper von „Licht“ in sich vereint, und die die steife aristokratische Etikette immer wieder mit Wärme und Emotionen durchbricht. Was mir ebenfalls aufgefallen ist: In kaum einem anderen Film wird der Gehörsinn so sehr bedient wie in „Licht“. Die Geräuschkulisse ist sehr spärlich, aber extrem gut akzentuiert eingesetzt, und das Publikum nimmt, gleich der sehbehinderten Hauptfigur, die Geräusche fast überdeutlich wahr. Das als Beispiel für die vielen kleinen Details, die der Film auf besondere Weise berücksichtigt, und die diesen herausheben aus der Menge. Fazit: Ab ins Kino, solange der noch läuft!


8,0
von 10 Kürbissen

Suburbicon (2017)

Regie: George Clooney
Original-Titel: Suburbicon
Erscheinungsjahr: 2017
Genre: Komödie, Krimi
IMDB-Link: Suburbicon


George Clooney verfilmt ein Drehbuch der Coen-Brüder mit Matt Damon, Julianne Moore und Oscar Isaac in den Hauptrollen – die Zeitspanne, die ich brauchte, bis ich mich dazu entschlossen haben, diesen Film sehen zu wollen, betrug ungefähr 0,00035 Nanosekunden. Doch wie es oft so ist bei Filmen, an die man eine große Erwartungshaltung heranträgt: Ganz befriedigt verlässt man den Kinosaal dann doch nicht. So auch bei „Suburbicon“. Denn der Film leidet tatsächlich ein wenig an einer ziemlichen Unentschlossenheit, was er denn genau sein möchte: Eine politische Parabel zum Thema Rassismus? Eine rabenschwarze Komödie auf die Schattenseiten des kleinstädtischen Spießbürgertums? Ein Krimi? Eine Satire oder gar eine Groteske? Irgendwie ist von allem etwas dabei. Und auch die Idee, zwei Geschichten gleichzeitig zu verfolgen, nämlich die private rund um den kleinen Nicky, der nach einem Einbruch seine Mutter verliert und in weiterer Folge einige Seltsamkeiten entdeckt, die ihm an seinem Vater und seiner Tante auffallen, und eine öffentliche rund um die erste schwarze Familie, die in das Vorstadtidyll Suburbicon zieht und sich dort Anfeindungen seitens der Nachbarschaft gegenübersieht. Beide Handlungsstränge sind interessant und tragen in sich auch genug Sprengstoff. Doch existieren sie nebeneinander, und da sich die Hauptgeschichte um den privaten Vorfall dreht, geht die Rassismus-Geschichte daneben ein wenig unter, was schade ist, da sie geeigneter wäre, in der Magengrube des Zusehers zu landen. Denn der Einbruch und der Tod der Mutter mit den ungeahnten Folgen und der Eskalation daraus, wenn der Familienvater (Matt Damon) und die Tante (Julianne Moore), beide wunderbar spießig, versuchen, die Fäden, die ihnen entgleiten, doch noch irgendwie zusammenzuhalten, bietet zwar eine unterhaltsame Handlung, allerdings bleibt diese weitgehend überraschungsfrei, wenn man die dahinter liegenden Verflechtungen mal aufgedeckt hat. Anders als die Geschichte rund um die schwarzen Nachbarn. Immerhin findet der Film ein schönes und irgendwie auch verstörendes Abschlussbild, das die Geschichten zusammenführt. Und man geht aus dem Kinosaal mit einer Mischung aus Befriedigung, recht gut unterhalten worden zu sein, und Bedauern darüber, dass der Film sein Potential bei weitem nicht ausgeschöpft hat.


6,0
von 10 Kürbissen

Eine fantastische Frau (2017)

Regie: Sebastián Lelio
Original-Titel: Una Mujer Fantástica
Erscheinungsjahr: 2017
Genre: Drama, Liebesfilm
IMDB-Link: Una Mujer Fantástica


Ein älterer Mann führt eine junge Frau in ein Lokal aus und schenkt ihr einen Gutschein für eine Wochenendfahrt. Später tanzen sie. Sie küssen sich. Allmählich wird klar, dass die Frau Transgender ist. Sie fahren nach Hause zu ihm, gehen ins Schlafzimmer. Schnitt. Das nächste Bild: Er sitzt in der Nacht völlig geschockt mit aufgerissenen Augen am Bettrand und keucht. Was ist geschehen? Es sollte sich herausstellen, dass dieser Moment in „Eine fantastische Frau“ meine eigenen Vorurteile schonungslos aufzeigen würde. Denn mein erster Gedanke war: Jetzt hat der Mann erfahren, dass die Frau, mit der er intim geworden ist, männliche Geschlechtsorgane besitzt, und er ist davon schwer geschockt. Bei der Auflösung kurz später war ich schwer ertappt und erfuhr damit einen dieser seltenen und wunderbaren Momente, in denen man in Kino nicht nur etwas über fremde Welten, sondern auch über sich selbst erfährt. Denn Orlando, der ältere Mann, hat in diesem Moment einen Herzinfarkt, und Marina ist seine feste Freundin, seine Geliebte, und das schon seit längerer Zeit. Sie führen eine Beziehung, die auf Liebe und gegenseitigem Respekt und Akzeptanz beruht. Alles, was nun auf diesen Schreckensmoment, als Orlando keuchend im Bett sitzt, folgt, muss also von mir mit neuen, vorurteilsfreien Augen betrachtet werden. Und das ist eine der ganz großen Stärken von „Eine fantastische Frau“: Der Film ermöglicht ein Überdenken des eigenen Wertekatalogs und der Klischeefallen, in die man unter Umständen tappt. Er ermöglicht einen vorurteilsfreien Blick auf eine nicht ganz alltägliche, aber liebevolle und ehrliche Beziehung. Gleichzeitig geht es in diesem Film um Trauer, um Abschied, und ganz besonders um die persönliche Würde, um die Marina in vielen Momenten kämpfen muss – sei es gegen die Exfrau von Orlando, die seine letzte Liebe als sexuelle Perversion abtut (und damit auch Marina persönlich herabwürdigt), sei es gegen die Polizistin, die nach dem Tod von Orlando die Umstände seines Ablebens untersucht und die Marina der häuslichen Gewalt bezichtigt, sei es gegen die restliche Verwandtschaft, die Marina so sehr verachtet, dass sie ihr nicht einmal einen angemessenen Abschied im Rahmen der Trauerfeier für Orlando ermöglichen will. Immer stößt Marina auf diese Barrieren von Vorurteilen, doch weder zerbricht sie daran, noch entwickelt sie daraufhin Wut oder gar Hass. Sie ist nur um zwei Dinge bedacht: Das Bewahren ihrer Gefühle und Erinnerungen an Orlando, und ihre eigene Menschenwürde. Dafür setzt sie sich ein, ohne sich selbst auf das Niveau ihrer Peiniger hinunterzusetzen. Und das macht Marina wohl zu einer der größten Heldinnen dieses Kinojahrs. (Da kann selbst Wonder Woman einpacken.) Ein sehr schöner, stiller und zutiefst menschlicher Film.


8,0
von 10 Kürbissen

(Foto: Polyfilm)