2017

Arthur & Claire (2017)

Regie: Miguel Alexandre
Original-Titel: Arthur & Claire
Erscheinungsjahr: 2017
Genre: Drama, Komödie
IMDB-Link: Arthur & Claire


Man kennt das ja: Beim Sterben kommt immer etwas dazwischen. So geht’s Arthur Schlesinger (Josef Hader), der nach Amsterdam gekommen ist, um sich am folgenden Tag in einer Klinik ein Spritzerl setzen zu lassen. Da freut man sich am letzten Abend des Lebens auf das g’schmackige Filetsteak im Nobelhotel, aber nicht mal kurz vor der ewigen Ruhe hat man seine Ruhe, denn aus dem Nachbarzimmer ertönt recht laut etwas, das Arthur nur mit Mühe als Musik erkennen kann. Also wird mal ordentlich an die Tür gehämmert, und es öffnet die adrette Niederländerin Claire (Hannah Hoekstra), die einen recht abwesenden Eindruck macht. Der Grund dafür wird recht schnell klar, als Arthur das Glas mit den Schlaftabletten erspäht. Und weil’s ja nicht sein kann, dass ihm da jemand das Sterben vorwegnimmt, schüttet er nach einigem Hin und Her eben jene in die Toilette: Der Auftakt zu einer Tragikomödie, in der sich die beiden Hauptfiguren eher unwillig, aber doch mit gewisser Neugier aufeinander beim gemeinsamen Fallenlassen ins Amsterdamer Nachtleben kennenlernen. Das ist zwar sehr charmant, allerdings krankt es bei „Arthur & Claire“ von Miguel Alexandre nicht nur beim hustenden Hauptprotagonisten, sondern auch zeitweise an der Motivation der Figuren. Manchmal tun sie Dinge, weil das Drehbuch (Mitwirkender daran: His Holyness Hader Himself) es verlangt, aber nicht, weil es in den Figuren selbst tatsächlich so angelegt wäre. Dadurch kommt ein recht vorhersehbarer, dank einiger guter Momente und einer spürbaren Chemie zwischen Hader und Hoekstra aber dennoch sehenswerter Film. Ein Feelgoodmovie übers Sterben. Bekommt man auch nicht alle Tage zu Gesicht.


6,0
von 10 Kürbissen

(Foto: Filmladen  Filmverleih)

Manifesto (2017)

Regie: Julian Rosefeldt
Original-Titel: Manifesto
Erscheinungsjahr: 2015/2017
Genre: Episodenfilm, Experimentalfilm
IMDB-Link: Manifesto


Gleich vorweg: „Manifesto“ ist ein sperriges Ding. Hochgradig interessant – allein schon durch die Beteiligung der faszinierend wandelbaren Cate Blanchett – aber eben nichts, was man mal eben im Vorbeigehen konsumiert. Denn „Manifesto“ vom deutschen Filmkünstler Julian Rosefeldt basiert auf seiner gleichnamigen Videoinstallation aus dem Jahr 2015 und macht nichts Anderes, als Cate Blanchett in gleich zwölf unterschiedlichen Rollen (ob als Punkerin, als trauernde Witwe, Obdachloser, konservative Mutter, Nachrichtensprecherin etc.) Manifeste zu diversen Kunstströmungen rezitieren zu lassen. Mit dabei: Auszüge aus dem Kommunistischen Manifest von Karl Marx und Friedrich Engels, aus Dogma 95 von Thomas Vinterberg und Lars von Trier, Texte zu Futurismus, Dadaismus, Performance-Kunst usw. Das ist natürlich alles sehr anstrengend zu beobachten, vor allem, wenn die Bild-Text-Schere ein Stück weit aufgeht und hochkomplexe Gedanken in einem dafür unpassenden Setting wiedergegeben werden, zum Beispiel eben als Traueransprache oder über einen Lautsprecher in einer Fabrikhalle. Gerade diese Brechung zwischen Text und Bild ist allerdings jener Faktor, der den Film einerseits faszinierend und anders macht, andererseits aber auch bei mir die größten Probleme aufgeworfen hat – denn nie wird ganz klar, ob Rosefeldt seine Manifeste ernst nimmt oder ironisch bricht. Die Intention hinter dem Ganzen wird – mir zumindest – nicht ganz klar. Rosefeldt selbst hat sein Projekt als „Hommage an die Schönheit von Künstlermanifesten“ genannt, doch auch diese Aussage könnte wieder mit ironischem Unterton gelesen werden in Anbetracht der verschwurbelten, teilweise auch absurden Gedanken, die in diesen Manifesten niedergeschrieben sind. Worüber allerdings kein Zweifel besteht, ist die Schönheit der Bilder. Dank sensationeller Kamerafahrten und hochinteressanter, teils futuristisch anmutender Settings prägen sich die Bilder von „Manifesto“ ein. Oft kreist die Kamera von oben wie das Auge Gottes über den Schauplätzen, überall entdeckt die Kamera Symmetrie und Ordnung, die dann wiederum gebrochen wird – durch verfallene Gebäude oder auch mal einen überraschenden Blick ins Nebenzimmer, der Unerwartetes preisgibt. Allein dafür lohnt es sich bereits, „Manifesto“ anzusehen. Allerdings sei noch einmal gewarnt: Es ist kein Film im herkömmlichen Sinne. „Manifesto“ hat keine Handlung, keine Figuren (nur Rollen), und lässt die meisten Zuseher wohl erst einmal ratlos zurück.

Dieser Film ist als Reiseetappe # 70 Teil meiner Filmreisechallenge 2018. Mehr darüber hier.)


7,0
von 10 Kürbissen

(Foto: Filmladen Filmverleih)

I, Tonya (2017)

Regie: Craig Gillespie
Original-Titel: I, Tonya
Erscheinungsjahr: 2017
Genre: Biopic, Komödie
IMDB-Link: I, Tonya


Im Vorfeld hatte ich relativ geringe Erwartungen an „I, Tonya“. Klar, die wahre Geschichte der Eiskunstläuferin Tonya Harding und ihrer Rivalin Nancy Kerrigan, der vor den Olympischen Spielen das Knie zertrümmert wird, ist ziemlich irre. Aber irgendwie war meine Erwartungshaltung heruntergedampft auf die typische Sportler-Bio, in dem Fall mit kriminalistischen Einschlägen. Dann kam der erste Trailer. Ich Ignorant! Nun, nach der Sichtung von „I, Tonya“ muss ich sagen, dass der Film – trotz geringfügiger Schwächen wie zB einer etwas zu langen Laufzeit mit einigen Redundanzen – zu denen gehört, die wohl bleiben werden. Margot Robbie als Tonya Harding ist eine Wucht. Völlig zurecht wurde sie für diese Leistung für einen Oscar nominiert, auch wenn ich Sally Hawkins und die letztlich verdiente Siegerin Frances McDormand da noch ein Stück darübergestellt hätte. Trotzdem: Großartig gespielt, vor allem die Unsicherheiten des Teenagerlebens wurden von ihr überzeugend dargestellt. Dass ihr Allison Janney als Mutter dennoch in jeder Szene ein wenig die Show stiehlt, soll diese Leistung nicht schmälern – sondern noch mal unterstreichen, wie irre gut Janney in diesem Film ist. Dafür gab es dann tatsächlich auch den Goldmann für die beste Nebendarstellerin. Der männliche Cast (Sebastian Stan als Freund/Mann/Exmann Jeff Gillooly und Paul Walter Hauser als völlig vertrottelter bester Freund von Jeff) ist auch gut besetzt, vor allem, wenn man am Ende des Films Aufnahmen der realen Personen sieht. Was „I, Tonya“ neben den schauspielerischen Leistungen aber von vergleichbaren Biopics und/oder Sportfilmen abhebt, ist der rotzfreche Zugang zum Stoff. Denn erzählt wird die Geschichte von den Protagonisten selbst, die für Interviews ihre Sicht der Dinge darstellen. In den Szenen selbst durchbricht Regisseur Craig Gillespie zudem oft die vierte Wand, zeigt eine Szene, um sie im gleichen Augenblick durch die handelnden Personen zu negieren. Und dadurch wird „I, Tonya“ zu einem amüsanten bis teilweise aberwitzigen Vexierspiel mit den Möglichkeiten, deutet Vieles an, ohne sich aber festzulegen und dadurch einer moralischen Botschaft (wie auch immer diese aussehen mag) zu unterwerfen, sondern haut dem Zuseher einfach den Stoff hin als würde er sagen: „Das ist doch eine verrückte Sache, nicht wahr? Ich habe ja auch keine Ahnung, was damals passiert ist, vielleicht dieses, vielleicht jenes, aber hey – das alles ist einfach verdammt interessant!“

(Dieser Film ist als Reiseetappe # 58 Teil meiner Filmreisechallenge 2018. Mehr darüber hier.)


7,5
von 10 Kürbissen

Call Me By Your Name (2017)

Regie: Luca Guadagnino
Original-Titel: Call Me By Your Name
Erscheinungsjahr: 2017
Genre: Liebesfilm
IMDB-Link: Call Me By Your Name


Erste Liebe. Gibt es etwas Schöneres? Gibt es etwas Schrecklicheres? Mit einem wohligen Schaudern erinnern wir uns an den ersten Schwarm und an das erste Mal, wenn die Zuneigung erwidert wird. Und an die tränenreiche Zeit danach, wenn man feststellt, dass die Ewigkeit oft nur einen Sommer lang dauert. Genau das ist die Geschichte von Luca Guadagninos „Call Me By Your Name“, die Adaption des gleichnamigen Romans von André Aciman. Der 17jährige Elio (Timothée Chalamet, oscarnominiert für seine nuancierte Darstellung) verbringt den Sommer mit seinen Eltern in Norditalien, das in wirklich sehr schönen, warmen Bildern eingefangen wird. Die Familie ist ein Paradebeispiel für wohlsituierte Akademiker: Der Vater (der wunderbare Michael Stuhlbarg) ist Archäologieprofessor, die Mutter (Amira Casar mit einer Aura, die Geborgenheit ausstrahlt) liebt Literatur, der Sohn ebenfalls – man unterhält sich in einer Mischung aus Englisch, Französisch und Italienisch. Auftritt des Love Interests. Und hier geht „Call Me By Your Name“ einen etwas anderen Weg als konventionellere Liebesfilme, denn eben jener ist 24 Jahre alt, extrem attraktiv und männlich. Der Student Oliver (Armie Hammer mit der wohl besten Leistung seiner bisherigen Karriere) wurde vom Vater eingeladen, den Sommer in dessen Haus zu verbringen. „Call Me By Your Name“ hält seinen wachsamen, wertungsfreien Blick auf die Chemie zwischen den beiden Protagonisten, ihre Annäherungen, die Missverständnisse, die Verwirrungen bis schließlich zum Eingestehen der eigenen Gefühle. Und bei all dem spielt die Tatsache, dass es sich hierbei um eine gleichgeschlechtliche Liebe handelt, keine größere Rolle als jene, dass sie ein kleines, zusätzliches Erschwernis bedeutet, da diese Liebe nicht öffentlich ausgelebt werden kann. Alles Andere – der Weg dahin – ist von einer erfrischenden Natürlichkeit und Zwanglosigkeit, was dem Zuseher eine wichtige Botschaft mitgibt: Liebe ist Liebe. Ganz einfach. Dass der Weg zu dieser Botschaft um mindestens eine halbe Stunde zu lang ausfällt (da sich der Film gerade in der Anbahnung reichlich Zeit lässt und auch gegen Ende hin noch ein paar kleinere Schleifen dreht, ehe er auf den konsequenten Schluss zusteuert), erfordert dann aber dennoch etwas Geduld und Sitzfleisch.


7,0
von 10 Kürbissen

Alles Geld der Welt (2017)

Regie: Ridley Scott
Original-Titel: All the Money in the World
Erscheinungsjahr: 2017
Genre: Biopic, Krimi, Historienfilm, Thriller
IMDB-Link: All the Money in the World


Ridley Scott ist einer meiner persönlichen Säulenheiligen des Filmschaffens. Mit „Blade Runner“ hat er meinen absoluten Lieblingsfilm gedreht. Mit „Thelma & Louise“, „Gladiator“ und „Alien“ drei weitere absolute Meisterwerke, die ganze Genres begründet oder neu definiert haben. Dazu kommen Filme wie „Königreich der Himmel“, „White Squall“, „Ein gutes Jahr“ oder „Der Marsianer“ – Filme, die ich ebenfalls sehr mag und unheimlich gerne sehe, auch wenn sie vielleicht geringfügige Schwächen aufweisen. Um es kurz zu machen: Der Mann kann wirklich etwas und zählt wohl zu den einflussreichsten Regisseuren der letzten fünfzig Jahre. Sein neuestes Werk „All the Money in the World“ beschäftigt sich nun mit der Entführung von Paul Getty III (Charlie Plummer), dem Enkelsohn des damals reichsten Mannes der Welt (bzw. sogar der Geschichte, da er der erste Milliardär überhaupt war), J. P. Getty (Christopher Plummer). 1973 wird Paul Getty in Rom entführt. Die Lösegeldforderung: 17 Millionen Dollar. Peanuts für einen Getty. Dieser allerdings hockt so sehr auf seinem Geld, dass Dagobert Duck daneben wie der freigiebigste Philanthrop aller Zeiten wirkt. „Ich habe vierzehn Enkelkinder. Würde ich nur einen Penny bezahlen, hätte ich bald vierzehn entführte Enkelkinder.“ So sein Statement vor der Presse, obwohl Paul zu seinen Lieblingen zählt. Pauls Mutter Gail (Michelle Williams), geschieden von ihrem im Drogensumpf versunkenen Getty, hat selbst kein Geld. Und das Verhältnis zum Alten ist – gelinde gesagt – kühl. Dieser engagiert zumindest den ehemaligen Geheimagenten Fletcher Chase (Mark Wahlberg), einem Meister der Verhandlungen. Dieser soll Gail zur Seite stehen und den Jungen raushauen. Eine fatale Fehleinschätzung führt aber dazu, dass sich die Lage dramatisch zuspitzt. Der Stoff von „All the Money in the World“ verspricht Spannung und große Emotionen. Was der Film allerdings nicht bietet, sind Spannung und große Emotionen. Es ist fast schon erschütternd in Anbetracht von Scotts Œuvre, wie belanglos der Film vor sich hin plätschert und dabei auch noch massive Schwierigkeiten offenbart, einen eigenen Rhythmus zu entwickeln. Die kalte, aalglatte Welt der Superreichen wirkt sich negativ auf den Film aus, an dem die an sich dramatische Geschichte abperlt wie von Teflon. Christopher Plummer mit einigen wenigen guten Szenen kann auch nicht mehr viel retten. Vor allem nicht, wenn er neben einem Mark Wahlberg spielen muss, der sich mit einem einzigen Gesichtsausdruck, nämlich gelangweilt, durch die über zwei Stunden schummelt. Wahlberg war großartig in „The Departed“, aber die dortige Rolle darf wohl als einmalige Sternstunde zu den Akten gelegt werden. Michelle Williams bemüht sich nach Kräften, aber auch ihr wird nicht viel Raum gelassen für Emotionen. Und so ist „All the Money in the World“ leider als ein Tiefpunkt in Ridley Scotts Schaffen zu bezeichnen: Unrhythmisch, dramaturgisch schwach und schlicht langweilig. Ein paar gute Szenen, in denen Scott zeigt, dass er es eigentlich doch könnte (Stichwort: Ohr), retten dem Film noch magere vier Pünktchen in der Bewertung.


4,0
von 10 Kürbissen

Shape of Water – Das Flüstern des Wassers (2017)

Regie: Guillermo del Toro
Original-Titel: The Shape of Water
Erscheinungsjahr: 2017
Genre: Fantasy, Liebesfilm
IMDB-Link: The Shape of Water


„I come from the water / That weren’t no easy thing / It’s more like nature / It’s like my destiny“. Das sangen die Toadies 1994. Das Reptilienwesen aus Guillermo del Toros Oscar-Favoriten „The Shape of Water“ hätte den Song vielleicht auch gemocht. Vielleicht aber auch nicht. Schwer einzuschätzen, wie überhaupt alles, was dieses Wesen betrifft: dessen Herkunft (irgendwo aus dem Amazonas), dessen Fähigkeiten (auch wenn manche davon im Laufe des Films offenbart werden und sich als recht nützlich erweisen), dessen Ziele. Vorerst scheint es glücklich damit zu sein, nicht vom sadistischen Regierungsbeamten Strickland (Michael Shannon) malträtiert zu werden. Die stumme Reinigungskraft Elisa (Sally Hawkins) rennt da mit ihrer zärtlichen Fürsorge offene Türen ein. Sie erkennt eine verwandte Seele in diesem Wesen, und als sie hört, dass Ungemach droht, beschließt sie, mit Hilfe ihres Nachbars Giles (Richard Jenkins), ihrer Kollegin Zelda (Octavia Spencer, beide mit Oscarnominierungen bedacht) und des spionierenden russischen Wissenschaftlers Dr. Hoffstetler (Michael Stuhlbarg) das Schicksal in die Hand bzw. Flosse zu nehmen. „The Shape of Water“ ist ein Film, der offenbar entweder restlos begeistert oder völlig ratlos zurücklässt, wenn man die bisherigen Kritiken dazu liest – wobei die begeisterten Stimmen allerdings ganz klar in der Überzahl sind. Das moderne Märchen, denn das wäre tatsächlich die passendste Genrebeschreibung, ist vor allem handwerklich überaus gelungen. Die Ausstattung, die Musik (die ein wenig an „Die fabelhafte Welt der Amélie“ erinnert), die Kamera und natürlich das herausragende Spiel von Sally Hawkins (völlig zurecht für den Oscar nominiert und wäre da nicht die ebenfalls grandiose Frances McDormand, es wäre wohl ein sicherer Gewinn) sind die ganz großen Pluspunkte des Films in meinen Augen. „The Shape of Water“ ist ein wirklich schöner Film, dem man die Liebe zum Detail anmerkt, die Guillermo del Toro in allen Belangen aufgebracht hat. (Der Oscar-Gewinn für die beste Regie ist wohl nur noch Formsache.) Allerdings hat mich die Geschichte selbst leider nicht berührt. Die Gründe für die Handlungen der Figuren haben sich mir kaum erschlossen, auch die große Liebesromanze ist zwar schön anzusehen, wird aber im Grunde nur behauptet. Was mich allerdings richtig gestört hat: Dass das Böse (in Person von Strickland) völlig eindimensional ist – selbst die eine oder andere Andeutung einer häuslichen Szene bestärkt die Widerlichkeit von Strickland eher noch, als dass sie der Figur neue Facetten hinzufügen könnte. Das führt dazu, dass ich „The Shape of Water“ zwar gern gesehen habe, aber dem großen Lobgesang kann ich mich nur bedingt anschließen. Auf der handwerklichen Ebene: Ja, unbedingt. Die Story allerdings hat mich nicht zur Gänze überzeugt.


7,0
von 10 Kürbissen

Die Verlegerin (2017)

Regie: Steven Spielberg
Original-Titel: The Post
Erscheinungsjahr: 2017
Genre: Biopic, Drama, Historienfilm
IMDB-Link: The Post


Katharine Graham (Meryl Streep), genannt „Kay“, war eine coole Socke. 35 Jahre lang war sie Geschäftsführerin der Washington Post und als solche die erste Frau in dieser Position in ihrer Branche, und sie machte aus der Post durch die Aufdeckung der Pentagon-Papers 1971 und der darauf folgenden Watergate-Affäre ein international renommiertes Blatt. Man sollte an dieser Stelle nun den Hut ziehen, sofern man einen trägt. Steven Spielberg hat dieser einflussreichen Frau nun mit „The Post“ ein Denkmal gesetzt. Daran ist gleich einmal positiv zu vermerken, dass der Film keine überzeichnete Heldenverehrung betreibt, sondern Kay Graham als verletzliche, unsichere und durch die Konventionen ihrer Zeit (Stichwort: „Mansplaining“) in ihren Möglichkeiten eingeschränkte Frau zeigt. Gleichzeitig ist sie unglaublich tough, da sie sich einem fast ausschließlich männlichen und ihr durchaus feindlich gesinnten Umfeld behaupten muss und folgenschwere Entscheidungen zu treffen hat. Die Veröffentlichung der streng geheimen Pentagon-Papers, und das ist das zentrale Thema des Films, könnte nämlich bereits der viel größeren und wichtigeren New York Times Kopf und Kragen kosten, denn US-Präsident Nixon hat naturgemäß keine Freude mit der Veröffentlichung der Dokumente, die belegen, dass der Vietnam-Krieg von Anfang an als verloren galt, was der Bevölkerung aber natürlich von der Regierung verschwiegen wurde. Einen Großteil seiner Zeit widmet der Film der Jagd nach den Quellen der Pentagon-Papers und dem Konflikt, in dem sich Chefredakteur Ben Bradlee (Tom Hanks mal wieder in einer Tom Hanks-Rolle) und damit auch Kay Graham befinden. Denn wenn die Quelle und damit die Papers aufgefunden werden, ist die Frage zu beantworten: Veröffentlichen – ja oder nein? Im schlimmsten Fall wird Bradlee seinen Job los, und Kay wandert hinter schwedische Gardinen. Wie gesagt, die Regierung reagiert auf die öffentliche Zurschaustellung ihrer Inkompetenz in der Regel eh leicht säuerlich, und Nixon ist da noch mal ein weitaus gefährlicherer Gegner als die Administrationen vor ihm. Hier geht es schließlich um Regierungsgeheimnisse, die dem Volk unter die Nase gerieben werden. Was also tun? Der Film fokussiert dabei hauptsächlich auf die unterschiedlichen Herangehensweisen von Bradlee und Graham. Beide haben hier eigene Standpunkte und natürlich auch auseinandergehende Interessen. Für Graham geht es auch um den Fortbestand des Lebenswerkes ihrer Familie, für Bradlee um die Pressefreiheit per se, was natürlich für Graham auch ein gewichtiges Argument ist, aber sie hat eben auch noch andere Konsequenzen zu berücksichtigen. Den Konflikt, in dem sich die Verlegerin befindet, stellt Meryl Streep wie immer überragend dar. Sie ist einfach die Beste ihrer Zunft. Und auch der ganz große Pluspunkt des Films. Denn dieser ist zwar durchaus als gelungen zu betrachten, allerdings in seiner Inszenierung durch Spielberg fast schon zu routiniert für meinen Geschmack. Das zeigt sich zum Beispiel daran, dass eine Szene aus dem Vietnamkrieg selbstverständlich musikalisch mit Creedence Clearwater Revival unterlegt sein muss. Ich liebe CCR, aber seit „Forrest Gump“ scheint Hollywood der Meinung zu sein, dass das die einzige Musik ist, die man zu Vietnamkriegsszenen einspielen kann. Und auch dramaturgisch ist in „The Post“ nicht viel Überraschendes dabei. Wie gesagt: Alles sehr gut gelungen, aber auch alles sehr routiniert abgearbeitet. Mit Ausnahme von Meryl Streep, die einmal mehr eine denkwürdige und facettenreiche Figur auf die Leinwand zaubert.


6,5
von 10 Kürbissen

Mudbound (2017)

Regie: Dee Rees
Original-Titel: Mudbound
Erscheinungsjahr: 2017
Genre: Drama
IMDB-Link: Mudbound


Mit diesem Film wurde Geschichte geschrieben: Zum ersten Mal überhaupt wurde mit Rachel Morrison eine Frau für den Oscar für die beste Kamera nominiert. Und das ist mehr als gerechtfertigt, wenn man sich die einprägsamen Bilder von „Mudbound“ ansieht. In diesem Südstaatendrama geht es um Rassismus, eine Dreiecksbeziehung und das harte Leben auf der Farm. Es geht um Ungerechtigkeit, um Verachtung, aber auch um prägende Momente im Leben, die einen als Mensch verändern. Wie die beiden nach Hause zurückgekehrten Kriegsveteranen Jamie (Garrett Hedlund) und Ronsel (Jason Mitchell). Beide haben gekämpft, Jamie in der Luft, Ronsel am Boden im Panzer, beide sind Kriegshelden, die das Meiste von dem, was sie gesehen und erlebt haben, am liebsten vergessen würden. Die beiden Männer finden in ihren Traumata zueinander. Das Problem: Jamie ist weiß, Ronsel schwarz, und es sind die Vierzigerjahre im tiefsten Süden der USA, wo Rassismus nicht nur Alltag ist, sondern regelrecht zelebriert wird. Es wird rasch klar, dass sich hier Konflikte ergeben, die sich in weiterer Folge massiv zuspitzen, und dass „Mudbound“ kein Feelgood-Buddy-Movie werden wird. In diese ohnehin schon wichtige Geschichte eingebettet ist noch die Story von Jamie, seinem Bruder Henry (Jason Clarke) und dessen Frau Laura (Carey Mulligan), die sich das Leben mit Henry so ganz anders vorgestellt hätte, als es letztlich auf der schlammigen, schmutzigen Farm eingetreten ist. Und daran schließt mein größter Kritikpunkt an einem ansonsten sehr guten und stimmigen und sehenswerten Film an: Diese Beziehungsgeschichte verlangsamt den Film und lenkt ein wenig von den eigentlich wichtigen und tragenden Themen ab. So benötigt „Mudbound“ auch eine Spieldauer von über zwei Stunden, um all seine Geschichten rund um das Figurengeflecht unterzukriegen, wobei letztlich eigentlich nur die Beziehung von Jamie und Ronsel von tatsächlicher Relevanz ist. So wirkt der Film phasenweise ein wenig unfokussiert. Dennoch ist „Mudbound“ richtig gut, und man sollte ihn gesehen haben – sofern man über einen Netflix-Account verfügt, da es sich hierbei um eine Netflix-Eigenproduktion handelt. Wäre es das nicht, hätte ich diesen Film eigentlich auch unter den Oscarnominierungen für den besten Film erwartet. Aber Streaming-Dienste wie Netflix oder Amazon werden von der Academy noch etwas stiefmütterlich behandelt trotz der großartigen Qualität, die sie oft liefern. Aber Filme wie „Mudbound“ bereiten definitiv den Weg für die nächsten Jahre.


7,0
von 10 Kürbissen

The Weak Ones (2017)

Regie: Raúl Rico und Eduardo Giralt Brun
Original-Titel: Los Débiles
Erscheinungsjahr: 2017
Genre: Drama, Komödie
IMDB-Link: Los Débiles


Mexiko, Sinaloa, jener Bundesstaat im Westen, der vom gefürchteten Sinaloa-Kartell kontrolliert wird, und in dem Gewalt und Kidnapping an der Tagesordnung stehen. Teil des Problems ist, dass sich bereits Jugendliche in Banden zusammenrotten und entweder für sich selbst oder das Kartell arbeiten. Sie wachsen mit dieser Gewalt auf und kennen nur diese Gewalt. Der stoische Victor hat eine eher unerfreuliche Begegnung mit so einem 13jährigen Bandenmitglied, das sich selbst „Selfie“ nennt, was in weiterer Folge dazu führt, dass seine beiden geliebten Hunde ermordet werden. Er macht sich auf den Weg, um nach Selfie und seiner Gang zu suchen. Er ist bewaffnet, ein schweigsamer, einsamer Rächer auf dem Kriegspfad. Unterwegs zu Selfie hat er allerlei skurrile Begegnungen mit einem hilfsbereiten Death Metal-Rocker, einem zurückgezogen lebenden Tattoo-Künstler, einem offensichtlich etwas seltsamen Motorradfahrer, bei dem die eine oder andere Schraube locker ist – all diese Begegnungen bringen eine humoristische Note in das Geschehen. Der eigentliche Gag des Films ist aber der Schluss, der so komplett an den Erwartungen der Zuseher vorbei läuft und eine andere Lösung präsentiert als die offensichtliche. Diese wiederum kann als Zeichen für Mexiko und sein Problem mit der Gewalt verstanden werden. So gesehen ist die Intention des Films eine durchaus positive und begrüßenswerte. Nur leider ist der Film selbst schlecht. Die meisten Szenen sind langweilig und führen zu nichts. Wie gesagt, diese Begegnungen sind per se manchmal ganz witzig, aber sie sind für den Film selbst bedeutungslos. Dazu kommen gröbere handwerkliche Schnitzer wie Victors T-Shirt, das vom Blut seiner Hunde besudelt ist. Und in der nächsten Einstellung wieder nicht. Und dann schon. Und dann ein bisschen. Und dann völlig. Und so weiter. Ein wahrlich magisches T-Shirt, auf dem Blutflecken kommen und gehen und dabei auch noch Form und Platzierung ändern. Und das ist ärgerlich. Denn aus dem Film hätte man wirklich etwas Interessantes, Starkes machen können, aber die beiden Regisseure konnten diese Gelegenheit bei weitem nicht nutzen. Einer der wenigen Berlinale-Filme, bei denen am Ende nicht geklatscht wurde, sondern das Publikum eher schnell und ratlos aus dem Kino gehuscht ist.


3,5
von 10 Kürbissen

(Foto: (c) Diego Rodríguez)

Gordon und Buffy (2017)

Regie: Linda Hambäck
Original-Titel: Gordon och Paddy
Erscheinungsjahr: 2017
Genre: Animation
IMDB-Link: Gordon och Paddy


Gordon ist der Polizeiinspektor des Waldes und hat im Laufe seiner Dienstjahre schon viel gesehen. Seine Ermittlungsarbeit ist legendär, die Bewohner des Waldes vertrauen ihm. Nur ist Gordon allmählich im pensionsreifen Alter. So kommt es ihm gelegen, als er die aufgeweckte Buffy (im Original: Paddy, und es weiß mal wieder kein Mensch, warum man so eingängige Eigennamen ändern muss) kennenlernt und diese zur Assistentin und später Nachfolgerin aufbaut. Der erste gemeinsame Fall betrifft den Diebstahl von Eichhörnchen Valdemars Nussvorrat. Der Hauptverdächtige ist für Gordon rasch gefunden: Der Fuchs, der Listige, der Gefährliche. Und damit bekommt Gordon das große Zittern, nicht nur aufgrund der Winterkälte. Gordon ist nämlich nur ein kleiner Frosch und seine Assistentin Buffy eine Maus. Was soll man da gegen den großen, starken, schnellen und gefräßigen Fuchs anfangen? Nichtsdestotrotz nehmen Gordon und Buffy die Ermittlungen auf und versuchen, den Fuchs auf frischer Tat zu ertappen. „Gordon und Buffy“ ist ein liebevoll gezeichnetes Abenteuer für die Kleinen. Sowohl die Story als auch die Zeichnungen selbst sind sehr einfach gehalten und überfordern auch die Kleinsten nicht, beinhalten aber eine wertvolle Botschaft, nämlich jene, dass man sich vor Vorurteilen hüten sollte und dass selbst die Besten nicht davor gefeit sind. Die Einfachheit der Erzählung geht natürlich zu Lasten des Genusses für die Erwachsenen, denen das kindliche Abenteuer wohl zu simpel gestrickt sein dürfte, um wirklich gut zu unterhalten. Allerdings kann auch der ausgewachsene Kinobesucher sich an den im besten Sinne naiv gehaltenen Animationen erfreuen, und auch die musikalische Untermalung ist in „Gordon und Buffy“ sehr hörenswert. Und die Moral von der Geschicht‘: Der Fuchs ist böse, oder er ist es nicht.

(Dieser Film ist als Reiseetappe # 8 Teil meiner Filmreisechallenge 2018. Mehr darüber hier.)


5,5
von 10 Kürbissen

(Foto: (c) LEE Film)